Achim von Arnim
Isabella von Ägypten

Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe

 

Braka, die alte Zigeunerin im zerlumpten roten Mantel, hatte

kaum ihr drittes Vaterunser vor dem Fenster abgeschnurrt, wie

sie es zum Zeichen verabredet hatte, als Bella schon den lieben,

vollen dunkelgelockten Kopf mit den glänzenden, schwarzen

Augen zum Schieber hinaus in den Schein des vollen Mondes

streckte, der glühend wie ein halbgelöschtes Eisen aus dem Duft

und den Fluten der ScheIde eben hervorkam, um in der Luft

immer heller wieder aus seinem Innern heraus zu glühen. "Ach,

sieh den Engel", sagte Bella, "wie er mich anlacht!" - "Kind",

sprach die Alte und ihr schauderte, "was siehst du?" "Den

Mond", antwortete Bella, "er ist schon wieder da, aber der Vater

ist wieder nicht nach Hause gekommen. Alte, diesmal bleibt der

Vater gar zu lange aus, doch ich hatte schöne Träume von ihm

in der letzten Nacht, ich sah ihn auf einem hohen Throne in

Agypten, und die Vögel flogen unter ihm, das hat mich getröstet."

"Du armes Kind", sagte Braka, "wenns nur wahr wäre, hast

du denn was zu essen und zu trinken bekommen?" "0 ja", ant-

wortete Bella, "der Nachbar hat seine Apfelbäume geschüttelt,

da sind viele Apfel in den Bach gefallen, die habe ich aufgefischt,

wo sie in den Wurzeln am krummen Ufer steckengeblieben;

auch hatte der Vater, ehe er ausging, mir ein großes Brot heraus-

gelassen." "Daran tat er recht", weinte die Alte, "er hat kein

Brot mehr nötig, sie haben ihn vom Brot geholfen." - "Liebe

Alte, sprich", bat Bella, "mein Vater hat sich doch nicht Schaden

getan bei den starken Mannskünsten? führ mich hin zu ihm, ich

will ihn pflegen. Wo ist mein Vater? Wo ist mein Herzog?" -

So fragte Bella zitternd, und die Tränen fielen ihr aus den Augen

durch den Mondschein auf harte Steine nieder - wär ich ein

ziehender Vogel gewesen, ich hätte mich niedergelassen und mei-

nen Schnabel eingetunkt und sie zum Himmel getragen, so trau-

rig und so ergeben in seinen Willen waren diese Tränen. - "Sieh

dort", schluchzte die Alte, "auf dem Berge steht ein Dreifuß,

dreibeinig, aber nicht dreiarig. Gott weiß nichts von ihm, und

doch heißt er das hohe Gericht; wer vor dem Dreifuß vorbei-

kommt, der kann noch lange leben; das Fleisch, was da die Sonne

kocht, das wird in keinen Topf gesteckt, es hängt daran, bis wir

es abnehmen. Sei ruhig, du armes Kind, und schrei nur nicht,

dein Vater hängt da oben, aber sei nur ruhig, wir holen ihn diese

Nacht und werden ihn in den Bach werfen mit allen Ehren, wie

ihm zukommt, daß er hinschwimme zu den Seinen nach Ägypten,

denn er ist auf frommer Wallfahrt gestorben. Nimm diesen Wein

und dieses Töpfchen mit Schmorfleisch, halte ihm ein Totenmahl

in deiner Einsamkeit, wie es sich geziemt." - Bella konnte vor

Schrecken kaum fassen, was sie ihr reichte. Die Alte fuhr fort:

"Halt doch fest, daß es nicht fällt, wein dir nicht die Augen aus,

denk daran, daß du jetzt unsre einzige Hoffnung bist, daß du

die Unsern, wenn unser Gelübde vollbracht, zurückführen sollst;

denk auch, daß dir jetzt alles gehört, was dein Vater besessen,

sieh nur in seiner Kammer zu, da hast du den Schlüssel, da wirst

du viel finden. Ja, bald hätte ich es vergessen, als er mir den

Schlüssel gab, sagte er, du möchtest dich vor seinem schwarzen

Simson nicht fürchten, der Hund würde es schon wissen, daß er

dir gehorchen müsse und dich nicht mehr beißen dürfe; dann

sagte er noch, du solltest nicht traurig sein, er sei lange am Heim-

weh krank gewesen und nun werde er gesund, da er heimkomme.

Das sagte er - und da hast du einen Hutkopf voll Milch, die

habe ich einer Kuh auf der Weide ausgemolken, die gehört zum

Totenmahle. Gute Nacht, Kind!" - Die Alte ging, und Bella

sah ihr nach wie einem bösen Briefe, der ihr vor Schrecken aus

der Hand gefallen, und den sie doch gern ganz wissen möchte;

sie wäre lieber mitgegangen, aber sie zauderte in ihrer Traurig-

keit und scheute das rauhe Volk, was sie da antreffen würde, so

sehr sie es liebte.

Die Zigeuner waren damals in der Verfolgung, welche die

vertriebenen Juden ihnen zuzogen, die sich für Zigeuner aus-

gaben, um geduldet zu werden, schon sündlich verwildert; oft

hatte Herzog Michael darüber geklagt und all seine Klugheit an-

gewendet, sie aus dieser Zerstreuung nach ihrem Vaterlande zu-

zückzuführen. Ihr Gelübde, so weit zu ziehen, als sie noch Chri-

sten fänden, war gelöst, denn sie waren schon aus Spanien vom

Weltrneere zurückgekehrt; nur der Wunsch nach der neuen Welt

hielt sie in der alten, die nur Krieger, keine Pilger hinüberset-

zen wollte. Das Zurückführen nach Ägypten war aber bei der

zunehmenden Türkenmacht, bei der Verfolgung überall, bei dem

Mangel an Gelde unendlich schwer. Schon hatte der Herzog, was

sonst ihre Nationalbelustigung war, Proben von Stärke und Ge-

schicklichkeit (wie sie schwere Tische auf ihren Zähnen im Gleich-

gewichte trugen, wie sie sich springend in der Luft überschlugen

oder auf den Händen gingen), alles das, was sie mit dem Namen

der starken Mannskünste bezeichneten, zu ihrer Erhaltung zu

benutzen gesucht, aber von einem Gebiete ins andre zurückge-

drängt, erschöpften sich diese Erwerbsquellen, und auch die Bes-

seren, wenn selbst das Wahrsagen nicht mehr galt, sahen sich ge-

zwungen, ihre ärmliche Nahrung zu stehlen oder mit jagdfreien

Tieren, wie Maulwürfe und Stachelschweine, fürlieb zu nehmen.

Da fühlten sie erst recht innerlich die Strafe, daß sie die heilige

Mutter Gottes mit dem Jesuskinde und dem alten Joseph ver-

stoßen, als sie zu ihnen nach Ägypten flüchteten, weil sie nicht

die Augen des Herrn ansahen, sondern mit roher Gleichgültig-

keit die Heiligen für Juden hielten, die in Ägypten auf ewige

Zeit nicht beherbergt werden, weil sie die geliehenen goldnen

und silbernen Gefäße auf ihrer Auswanderung nach dem Ge-

lobten Lande mitgenommen hatten. Als sie nun später den Hei-

land aus seinem Tode erkannten, den sie in seinem Leben ver-

schmäht hatten, da wollte die Hälfte des Volks durch eine Wall-

fahrt, soweit sie Christen finden würden, diese Hartherzigkeit

büßen. Sie zogen durch Kleinasien nach Europa und nahmen

ihre Schätze mit sich, und solange diese dauerten, waren sie über-

all willkommen; wehe aber allen Armen in der Fremde.

Das mußte voraus berichtet werden, jetzt zu unsrer Geschichte

zurück. Ein neuer Haufe, unter denen Happy und Emler, waren

vor acht Tagen aus Frankreich ohne alles Geld angekommen, der

Herzog entschloß sich, zu ihrem Unterhalt selbst seine Künste

wieder einmal zu zeigen, er ging mit ihnen in ein Wirtshaus,

und als er eben zu aller Bewunderung acht Männer auf Arm und

Schultern trug, kam das Geschrei, der Happy sei gefangen, er

habe zwei Hähne im Hofe gestohlen, und im Fortgehen habe ihn

ihr Krähen verraten, und Michael, der Herzog, sei bloß darum

im Zimmer geblieben, um die Leute heranzulocken. Die Genter

Bürger verziehen wegen ihres Reichtums keinen Diebstahl; ver-

gebens stellte sich Herzog Michael, als ob er den Happy im

Augenblicke erschießen wollte, er selbst und Emler wurden mit

dem Happy verhaftet und als Diebe zum Strange verurteilt:

damals gab es ein strenges Recht gegen die Zigeuner, sie totzu-

schlagen, wo sie sich finden ließen. Michael beteuerte umsonst

seine und Emlers Unschuld vor dem Gerichte und sprach: "Uns

geht es wie den Mäusen, hat eine Maus den Käse angenagt, so

sagt man, die Mäuse sinds gewesen, da gehts an ein Vergiften

und Fangen aller; so sind wir Zigeuner jetzt nirgends mehr si-

cher als am Galgen!" - Dieser sichre Ort wurde ihm durch das

Gesetz, und er weinte schmerzliche Tränen aus der Höhe zur

Erde, daß er, der letzte männliche Erbe seines hohen Hauses, so

ehrlos und unschuldig umgebracht werde; da schloß sich seine

Kehle bis zum Jüngsten Tage, wo er seine Klage gegen die Un-

barmherzigkeit der Reichen vortragen wird, die ein Menschen-

leben gegen die Sicherung ihrer toten Schätze gering achten, da

wird das Strick so wenig durch ein Nadelöhr gehen wie ein Ka-

mel, und so werden die Reichen nicht eingehen ins Himmelreich,

wo Bella ihren Vater wiederfindet.

Als Bella wieder zu sich gekommen, rief sie mehr als einmal:

"Also das hat mir der Traum bedeuten sollen, daß mein Vater

erhöht wurde, ja wohl ist er jetzt erhöhet in den Himmel und

weiß von uns nichts mehr oder alles!" - Der schwarze Hund

kam jetzt gegen seine Gewohnheit von der Kammertür, legte

sich ihr zu Füßen und heulte. "Also du weißt es auch schon, Sim-

son?" fragte sie ihn, und der Hund nickte. "Willst du mir künf-

tig dienen?" Der Hund nickte wieder, lief ans Fenster und

kratzte. Bella sah hinaus, der Schieber war offen geblieben: sie

sah die Gestalt ihres Vaters fernglänzend schweben, und plötz-

lich sank er hinunter. "Jetzt haben sie ihn heruntergenommen,

jetzt halten sie ihm ein Ehrenmahl, ich muß auch unter freien

Himmel zum Totenmahl." - Mit dem Weinkruge und dem

Brote, den schwarzen Hund zur Seite, trat sie in den verwüste-

ten Garten; das Haus war schon seit zehn Jahren der Gespen-

ster wegen unbewohnt geblieben; denn so lange hatten die Zigeu-

ner sich darin eingenistet und den Besitzer, einen reichen Kauf-

mann der Stadt, der es sich als Sommersitz eingerichtet hatte,

darauf zurückgeschreckt, bis er selbst wegen eines Bankerotts ein-

gesteckt und sein Vermögen für die Gläubiger in bekannter Nach-

lässigkeit verwaltet wurde. Jetzt hatten sie unter dem Schwert

der Gerechtigkeit vollkommene Ruhe, dort zu hausen, nur durf-

ten sie sich am Tage nicht zeigen, während ihnen nachts alle Leute

aus dem Wege gingen. So trat das bleiche, schöne Kind wie ein

Gespenst zur Haustüre hinaus, und der Wächter in den nahen

Gärten flüchtete sich bei ihrem Anblick in eine entfernte Kapelle,

um betend den heiligen Schutz des Glaubens zu fühlen. Bella

wußte nicht, daß sie erschreckte, die Trauer um den Verlust ihres

einzigen Gedankens, ihres Vaters, über den sie sich ganz verges-

sen hatte, machte sie stumpfsinnig; sie wußte nichts als die Re-

geln der alten Braka genau zu erfüllen; es war ihr das Liebste,

daß sie noch etwas zu ihres Vaters Ehre tun konnte. Sie breitete

also, wie es bei Totenmahlen ihres Volkes gewöhnlich, ihren

Schleier über einen Feldstein aus, setzte zwei Becher und zwei

Teller darauf, brach ihr Brot für beide, goß Wein in beide Be-

cher, stieß mit den Bechern an, leerte den ihren und schüttete den

Becher des Toten in den schwimmenden Bach, der sich in gerin-

ger Entfernung von dem Hause in die Schelde verlor. Und wie

sie dies erste Opfer in den Fluß schütten wollte, da rauschte es

in der Flut und tauchte empor, als ob ein großer Fisch, der in

dem Strome keinen Raum hatte, auftauchte und emporschwäm-

me; der Mond trat hinter dem Hause hervor, und sie sah ihres

Vaters bleiches Angesicht, auf seinem Haupt die Krone, welche

ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten, ehe sie ihn in das fließende

Wasser warfen. Und wie die Welle mit dem teuren Haupte krei-

ste, so ging dem armen Kinde der Kopf um; sie glaubte, er lebe

noch, er suche sich aus dem Wasser zu retten, sie sprang hinein

und hielt ihn fest, der schwarze Hund hielt aber sie am Rocke

fest und stemmte sich gegen das Ufer; so wurde sie in sinnloser

Trauer festgehalten und konnte weder den Leichnam ans Ufer

bringen, noch mit ihm fortschwimmen ins Meer. Endlich kam

Braka zurück, und da ihr an der Türe nicht aufgemacht worden,

schlich sie in den Garten, wo sie das wunderbare Bild wie ver-

steinert sah, den kräftigen Michael im Totenhemde mit der glän-

zenden silbernen Krone, über ihm das bleiche Mädchen, die

schwarzen Locken über ihm hinwallend, an ihrem Kleide gehal-

ten von dem schwarzen Hunde mit feurigen Augen. Die Alte

mußte nach ihrer Art lachen, weil es etwas so Seltsames war, un-

geachtet es ihr sehr zu Herzen ging und sie nicht von Herzen,

sondern nur mit dem dürren Munde wie ein Hungernder lachen

mußte; dann sprang sie hinzu, hob das Mädchen mit Gewalt ans

Ufer und sprach: "Laß ihn ziehen, er weiß seinen Weg besser als

du!" - Bei diesen Worten zog die Leiche still hinunter, und der

Mond ging unter Wolken, und Bella sank in die Arme der Alten.

Vier Wochen des Schmerzes waren vergangen, die Alte konnte

ihrer eigenen Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen, und

Bella langeweilte sich mit dem Hunde, dessen Künste sie nicht

mehr sehen mochte, der ewig schlief, oder, wenn gegessen wurde,

wedelte, sich leckte, kratzte; sie kam endlich darauf, womit an-

dere Erben anfangen, den Nachlaß des Verstorbenen zu durch-

suchen. Sie schloß die geheime Kammer auf, nicht ohne Schrecken

und Ehrfurcht, aber ihre Erwartung war getäuscht; da waren

keine seltenen Kleider und Kostbarkeiten, meist nur Bündel von

Kräutern, Säcke mit Wurzeln, einige Steine, lauter Dinge, von

denen sie nichts verstand, weil der Vater ihrem kindischen We-

sen keine Achtsamkeit für das Geheime zugetraut hatte. Endlich

fand sie doch in einer Kiste alte Schriften, die sie durchblättern

konnte, manche mit köstlichen Siegeln geziert, auf wunderlichem

Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt hatte,

andre aber niederländisch-deutsch, das sie wohl schreiben und

lesen konnte, da ihre Mutter, aus einem alten Hause der Grafen

von Hogstraaten mit Michael entflohen, diese Liebe zur alten

Sprache ihrem Manne und ihrem Kinde zugebracht hatte. Sie

nahm diese Bücher und las eben nachts, denn bei Tage schlief sie,

um alles Geräusch zu vermeiden, als Braka ihr durch eine zahme

Ohreule, mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb, ein dreima-

liges Zeichen gab, daß sie eingelassen sein wollte. Bella sprang

unwillig von ihrem Buche auf, das merkwürdige Zauberhistorien

enthielt, und wie Braka eingetreten, setzte sie sich wieder still-

schweigend dabei nieder, daß die Alte ganz böse ihre Hände in

die beiden Seiten stemmte: "Nun, kriegt die alte Braka heut

keinen Gruß, keinen Kuß? Ja, wenn die Kinder klein sind, so

wissen sie kaum, was sie einem alles für Liebes und Gutes antun

sollen, aber kaum fangen sie an, was vollständig zu werden, da

haben sie keine Ohren mehr für alles Gute, was man ihnen tun

möchte; nun, den Kuchen sollst du heute nicht bekommen, wenn

du mich nicht recht darum bittest; habe darum eine halbe Stunde

beim Bäcker warten müssen, der sollte heute auf des Prinzen

Tisch, die Magd wird sich schöne wundern, wenn sie beim Bäk-

ker zum Abholen kommt und er schon fort ist." "Wenn ich dich

auch nicht bitte", sagte Bella, "du hast doch keine Ruhe, bis ich

ein Stück davon gegessen; gib nur her und sei nicht böse. Ich bin

heute bei meines Vaters Büchern gewesen und habe da so schöne

Geschichten gefunden, daß ich gern ein Gespenst werden möchte."

Die Alte sah in das Buch hinein und sagte: "Es ist doch sonderbar,

daß ich so alt bin und kann nicht lesen, und du bist nur so ein

Kuckindiewelt und kannst es schon; nun hör einmal, wenn du

Lust hast, ein Gespenst zu werden, du kannst dazu kommen, das

fällt mir soeben ein, und wir können es brauchen." "Was ist denn,

du siehst ja so bedenklich aus?" "Sieh nur, Bella", fuhr die Alte

fort, "es ist auch keine Kleinigkeit, was dir bevorsteht: denk nur,

Prinz Karl ist gestern vor diesem Gartenhause mit seinem Lehrer

Cenrio vorbeigeritten und hat gefragt, wie es käme, daß es so

verschlossen und verfallen aussähe. Cenrio hat ihm erzählt, wie

die Gespenster alle Käufer und Mieter abgeschreckt hätten, alles,

wie du es weißt; wie dein Vater einen, der sich durchaus hier

niederlassen wollte, mit Ruten gehauen; die vielen Eulen, die er

in einer Kammer eingesperrt hatte und sie einem andern um den

Kopf fliegen ließ, nun, du weißt alles; der Prinz aber, statt daß

er dadurch geschreckt worden, schwur, daß er ganz allein eine

Nacht in diesem Hause schlafen und die Geister bald vertreiben

wolle. Was fangen wir nun an? es kann jede Nacht geschehen,

daß er in dies Haus kommt, und seine Leute werden die Aus-

gänge sicher so besetzen, daß keiner von den Unsern heraus oder

herein kann." - "Hör, Braka", sprach Bella, "den Prinzen

möcht ich doch gern sehen, ich habe so viel von ihm gehört, wie

schön er ist und wie edel, wie er fechten und reiten kann." "Du

denkst nun schon wieder an den Prinzen und nicht an unsre

Not", fuhr Braka fort; "hast du wohl Geschick, das Gespenst zu

spielen? Das könnte dich retten!" "Warum nicht", meinte Bella,

"aber wie soll ichs anfangen?" und las weiter in ihrem Buche. -

"Sieh, Kind", sprach die Alte, "er kann in keinem andern Zim-

mer schlafen als in dem schwarzen mit den goldenen Leisten, ne-

ben welchem das geheime Kämmerlein deines Vaters versteckt

ist, denn die andern Zimmer haben alle mehr Eingänge, da ist es

ihm nicht so sicher, auch steht nur in diesem eine Bettstelle. Nun

sieh, wenn du merkst, daß er stille, daß er eingeschlafen, so

schleich aus der Kammer heraus, leg dich zu ihm ins Bette, und

ich schwör dir, daß er vor Angst davonläuft und nie wieder-

kommt; sollte er aber Mut behalten und dich festhalten, sieh,

so kostet es dir ja nur eine Lüge, daß du aus Liebe zu ihm ein-

gedrungen, und dein Glück ist vielleicht gemacht." "Ja, Alte",

sagte Bella und las weiter, "wie du meinst, du mußt das verste-

hen, ich weiß nichts davon." "Aber sag mir nur, wo du das ver-

fluchte Buch herbekommen hast", fragte die Alte weiter, "wenn

ich mit dir ernsthafte Sachen rede, denkst du an nichts als an

das Buch." "Ich hab es aus des Vaters Kammer geholt", sagte

Bella, "es liegen da noch mehrere, nimm dir auch eins." "Wenn

du es erlaubst", sagte die Alte, "so gehe ich gern einmal herein;

ich habe mich immer gefürchtet, es dir zu sagen, ich wußte nicht,

ob dein Vater es nicht verboten." "Geh nur", sagte Bella, "du

wirst sonst nicht viel finden."

Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde; an der Türe bat

sie Bella, den schwarzen Hund wegzurufen, der immer vor der

Kammertür lag und niemand als Bella einzulassen Befehl hatte.

Bella rief ihn zu sich, und die Alte ging ohne Aufenthalt in die

Kammer. Als sie drin war, lachte Bella, wies den Hund wieder

zur Kammertür und versteckte sich, um den Schreck der Alten

zu sehen; es war ein Prinzessinnenspaß, aber sie war auch lie-

benswürdig wie eine Prinzeß und war von je wie eine Prinzeß

verehrt worden. Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem

großen Kräuterbündel und mit einem Sacke zur Türe hinaus-

treten, aber der schwarze Hund machte ihr ein Paar feurige

Augen und zeigte die Zähne; sie trat erschrocken zurück und

rief nach Bella in großer Angst. Zu gleicher Zeit hörten sie ein

ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Türe, Menschen,

welche über den Hof kamen, und Bella flüchtete sich erschreckt

mit dem Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten

in die Kammer, die sie verschlossen, um dort in aller Stille ab-

zuwarten, ob dies der Prinz gewesen sei, der seinen Kampf gegen

die Gespenster ausfechten wollte. Sie hatten sich nicht geirrt, es

war Karl, der künftige Beherrscher einer Welt, in der die Sonne

nie untergeht, in der ersten Frische des vollendenden Wuchses,

der in das verlassene Zimmer kam. Bella konnte ihn durch ein

verstecktes Türloch recht deutlich sehen, ihr war nie so etwas

vorgekommen; sie hatte nur braune Zigeuner gesehen, lustig und

heftig; dieser aber trat so großmütig einher, so sanft in geübter

Kraft, sie wußte, daß er es war, der künftige Herrscher, noch

ehe ihn seine Begleiter als Prinz gegrüßt. Sein Hochmut ent-

zückte sie, mit dem er Cenrio zurückwies, der die Wette zurück-

nehmen wollte, weil er behauptete, der Prinz habe durch seine

Anwesenheit bewährt, daß er sie wirklich ausführen wolle. Der

Prinz warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den

Tisch, breitete seinen Regenmantel über die Bettstelle und befahl

Cenrio, auf die Umgebung des Hauses zu wachen und ihm ein

paar brennende Kerzen im Zimmer zurückzulassen, er sei müde.

Cenrio empfahl ihm, das Zeichen mit der Pistole nicht zu ver-

gessen, wenn er jemand bedürfte; oder im Fall diese versagte,

dabei besah er das Schloß, so würde sein Rufen schon genügen,

da er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in

der Nähe wachen würde. Der Prinz meinte, er möchte sich das

Wachen und Bewachen ersparen, in seinem Panzerhemde, mit gu-

tem Degen bewaffnet, sollte ihm so leicht niemand gefährlich

werden; die Ammenmärchen von Geistern schreckten ihn aber

nicht mehr. Cenrio verließ das Zimmer. Der Prinz stützte sich

auf die Hand und lallte ein Lied, um wach zu bleiben; dann

streckte er sich aufs Bette und sang wieder, indem er einschlum-

merte; da das Bette der Kammer gegenüberstand, konnte Bella

ihn deutlich sehen und die Worte vernehmen:

Komm, lieblich schwarze Nacht,

Und drücke schießende Sterne,

Wie Siegel deiner Macht,

Als Zeichen meiner Ferne,

In meine mutige Brust,

Daß aller Funken Lust,

Aus künftigen Kronen geschmiedet,

Mich wecke, den Dienen ermüdet.

Sie sitzt auf dunklem Thron,

Ihr ruhet auf wolkigem Kissen

Die ewig schimmernde Kron. -

0 möcht ich die Liebliche küssen!

Und macht der Venus Stern

Die einzige Nacht mich zum Herrn,

Dann könnt ich die Erde umwallen,

Mit allen Kronen - mit allen.

"Der ist einmal ungeduldig, daß er zur Regierung komme",

sagte die Alte mit leiser Stimme zu Bella. Seine Augen sanken

nieder und sein Haupt. Er war eingeschlafen, und Bella starrte

noch immer zu ihm hin und konnte sich nicht satt sehen; die Alte

aber hatte schon ihren Anschlag gefaßt. Die Waffen, Degen und

Pistole, lagen vor dem Bette des Prinzen, die sollte Bella erst

leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen;

aber nur mit Mühe beredete sie das Mädchen dazu, Schuh und

Strümpfe auszuziehen, damit sie leise gehen könne, und ihr Kleid

auszuziehen, damit sie nirgends anstoßen möge, und mußte sie

fast zur Kammertür hinausstoßen, die sie vorsichtig nur anlegte,

um ihr den Rückzug zu sichern. Das alte Weib hatte sicher eine

böse Absicht bei diesem Vorschlage: das Kuppeln war lange ihr

Hauptgeschäft, und diesmal konnte sie auf einmal das Glück aus

dem niedern Stande emporreißen. Bella ahndete von dem allen

nichts, es war ihr lieb, den Prinzen in der Nähe zu sehen, darum

untersuchte sie nicht lange, ob der Vorschlag der Alten wirklich

vernünftig angelegt sei. Sie trat also mit großer Sorgfalt an das

Bette des Prinzen, der so fest schlief, daß sie mit Sicherheit seine

Waffen hätte forttragen können; die Alte sah beide mit Freuden

an. Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue Leinewand statt

des Hemdes gewickelt, die von einem goldnen Gürtel festgehal-

ten wurde, hatte die runden, blendenden Arme etwas scheu nach

dem Prinzen ausgestreckt, die zierlichen, leisen Tritte der schim-

mernden Füße hinziehend zu ihm, aus ihren unzähligen Locken

tausend Glückslose auf ihn taumelnd in tausend süßen Blicken,

bis der Mund sich nicht mehr halten konnte und auf den Mund

des Prinzen niedersank. Bis jetzt war ihr alles gelungen, der

Prinz aber, von dem Kusse erweckt, vor den erschreckten Augen

von tausend Phantomen seines Traumes wie mit glühenden Ku-

geln umstürmt, sprang mit höchstem Ungestüme auf und stürzte

atemlos schreiend in das Nebenzimmer; seine Pistole, seinen De-

gen, alles hatte er vergessen, solch ein Grauen wohnt in der Tiefe

des hochmütigsten Menschen vor der unnennbaren Welt, die sich

nicht unsern Versuchen fügt, sondern uns zu ihren Versuchen und

Belustigungen braucht. Bella war so entsetzt von seinem Abscheu,

daß sie sich stumm und willenlos der Alten überließ, die sie rasch

durch die versteckte Tapetentüre in die Kammer trug. Bald dar-

auf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurück, die

in Wahrheit alle größere Lust hatten, draußen zu bleiben, als

einzudringen. Wer so etwas nicht empfunden hat, wird es nicht

glauben, aber ein Gespenst schlägt eine ganze Armee in die Flucht,

denn was einem braven Manne übermächtig furchtbar ist, das ist

es im Durchschnitte für alle. Der Prinz zeigte noch den meisten

Mut; er schwur laut: "So schrecklich die schwarzen Schlangen an

dem Haupte waren, ein schöneres Antlitz habe ich nie gesehen,

ungeachtet der ungeheuren Größe in dem besten Verhältnisse,

einen glühenden Knopf trug es an der Brust; aber jetzt ist nichts

hier, bei der heiligen Mutter Gottes, leuchtet nur unter das Bette;

will keiner dran, so muß ichs selbst tun: hier auch nichts; so

wars denn doch ein Gespenst, Cenrio, und ich habe meinen Tür-

kensäbel an Euch verloren, Cenrio; wüßte ich nur, was das liebe

Gespenst verlangt hätte, bei Gott, ich bleibe hier, seht, es fällt

mir erst jetzt alles wieder ein. Sind meine Lippen nicht ver-

brannt? ich schwöre Euch, es hat mich geküßt, daß mir vor Se-

ligkeit das Herz stieg. Cenrio, ich will hier bleiben, will es fragen,

was es von mir begehrt!" Cenrio schwur, daß er es nach diesem

Schrecke des Prinzen seiner Gesundheit wegen nicht zugeben

dürfe, der Prinz selbst ließ sich nicht lange bitten, diese harte

Probe seiner Herzhaftigkeit aufzugeben. Er war nicht beschämt,

da alle bleich und erschreckt umhersahen und beim leisesten Ge-

räusch zusammenfuhren, auch konnte er jetzt noch, ohne daß

Adrian, der bei seinen Büchern saß, etwas davon gemerkt hätte,

nach Hause kommen. Die Alte war nicht ganz zufrieden mit dem

Entschluß, indessen wußte sie das Gute davon doch noch voll-

ständig zu nutzen, um sich und den ihrigen das Haus zu sichern,

denn kaum war die Haustüre von den rasch auswandernden Gä-

sten verlassen, so sprang sie zum Schrecken der guten Bella wie

eine Rasende aus der Kammer, schlug mit allen Türen heftig auf

und zu, warf alle Tische um, daß die Abziehenden in stiller

Angst ihre Pferde bestiegen und, ohne sich umzublicken, nach

der Stadt ritten, wo sie auf ewige Zeiten durch vergrößernde

Erzählungen den Geisterruf des Gartenhauses bestärkten. Der

Prinz mußte noch in derselben Nacht mit einem Fieber für sein

Wagestück büßen. Der liebliche Kopf der Bella schwebte ihm

darin vor, das Fieber verriet ihn, indem es ihm eine falsche Wahr-

heit zeigte, und er beichtete es mit großer Betrübnis am anderen

Morgen dem Adrian, wie er in ein Gespenst verliebt sei. Das

war eine köstliche Gelegenheit für diesen, dem Kaiser Maximi-

lian die Sorge für das Lateinlernen seines Enkels besonders über-

tragen hatte, ihm zur Buße eine große Menge Vokabeln aufzu-

geben, die auch der Prinz mit einigem Erfolge gegen den nächt-

lichen Eindruck brauchte.

Die arme Bella in ihrer Einsamkeit mußte ihre erste Zunei-

gung härter büßen. Nachdem es ihr ein paar Tage genügt hatte,

statt zu schlafen, an ihn zu denken und nachts von allen Seiten

umzuschauen, ob er nicht wieder zum Besuche in ihr Geisterhaus

kommen würde, nachdem Braka sie ernstlich ausgescholten hatte,

daß sie so törichten Gedanken, die sie vor der Zeit bleichten, ihre

frischen Tage hingebe, nachdem sie sich diesen und andern Rat

gar oft wiederholt hatte und doch immer wieder vergaß und in

den beliebten fremden Gedanken abgleitete, fragte sie einmal

Braka, ob es denn kein Mittel gebe, wie man unsichtbar werden

könne, um in der Stadt herumwandern zu dürfen. Braka lachte

und sprach: "Ich weiß kein anderes, als viel Geld zu haben, da

kann man eingehen, wo man will, das ist der wahre Haupt-

schlüssel, die wahre Springewurzel, bei deren Berührung die Tü-

ren aufspringen. Dein Vater mochte noch wohl andre Künste

gewußt haben, aber wenn sie nicht in seinen Büchern stehen, so

sind sie verloren!" - Bella behielt diese Nachricht still für sich,

sie fiel ihr ins Gemüt, als ob sie sie nie vergessen könnte; kaum

war die Alte wider auf den Erwerb ausgegangen, so suchte sie

die Bücher wieder hervor, die seit dem Besuche des Prinzen in

einem Winkel gerastet hatten; sie sah bei dieser Gelegenheit, daß

die Alte ihr den ganzen Vorrat seltener heilender Kräuter und

Wurzeln fortgetragen hatte, und diese Untreue brachte sie zu

dem Entschlusse, ihr nichts mehr von allem zu entdecken, wozu

sie die geheimen Kräfte ansprechen wollte. Aber welcher neue

Ekel war ihr in diesen Büchern vorbereitet, viel geheime Regeln,

Zeichnungen, von denen sie nichts verstand, den Stein der Wei-

sen zu finden, Geister zu zitieren, Krankheiten zu beschwören,

das Vieh zu verzaubern, endlich auch ein Mittel, Gold zu ma-

chen, aber dies Mittel so weitläuftig, als müßte man zwei Mon-

den anspannen, um zur Sonne zu fahren. So verging ihr eine

Woche nach der andern, bis sie in einer Nacht ganz ermüdet auf

eine ausführliche Nachricht traf, wie Alraunen zu bekommen,

und wie diese dienstbar Geld und was ein weltliches Herz sonst

begehre, mit stehlender, untrüglicher Listigkeit zuführten. Aber

welche Schwierigkeit, sie zu gewinnen, und doch war es die leich-

teste von allen Zaubereien. Die Zauberei braucht die härteste

Schule; wer sie aushalten kann, möchte auch wohl in den gewöhn-

lichsten Geschäften ohne alles Geheimnis zu zaubern scheinen.

Wer kennt jetzt nicht die Bedingungen, einen Alraun zu gewin-

nen, und wer möchte sich ihnen noch unterziehen, wer könnte sie

erfüllen? Es wird ein Mädchen gefordert, das mit ganzer Seele

liebt, ohne Begierde zur Lust ihres Geschlechtes, der die Nähe des

Geliebten ganz genügt: eine erste, unerläßliche Bedingung, die

vielleicht in Bella zum erstenmal wahrgeworden war, weil sie

von den Zigeunern, die sie bisher kennengelernt, immer als ein

Wesen höherer Art behandelt worden und sich dafür anerkannt

hatte; die Erscheinung des Prinzen war ihr aber so heiligrein,

wie der Körper des Allerheiligsten in der Messe, vorübergegan-

gen, zu schnell, um ihre Betrachtung zu wecken. In solchem Mäd-

chen, das so mächtig von der Phantasie in allen Segeln ange-

haucht wird, soll gleichzeitig der übermännliche Mut wohnen,

nachts in der eilften Stunde mit einem schwarzen Hunde unter

den Galgen zu gehen, wo ein unschuldig Gehenkter seine Tränen

aufs Gras hat fallen lassen; da soll sie ihre Ohren mit Baum-

wolle wohl verstopfen und mit den Händen suchen, bis sie die

Wurzel erreicht, und trotz allem Geschrei dieser Wurzel, die kei-

neswegs natürlicher Art, sondern ein Kind der unschuldigen Trä-

nen des Erhenkten ist, ihr das Haupt entblößen, einen Strick

aus ihren eignen Haaren umlegen, den schwarzen Hund daran

spannen, dann fortlaufen, so daß der Hund, im Wunsche, ihr zu

folgen, die Wurzel aus der Erde zieht, wobei er von einer er-

blitzenden Erschütterung des Bodens unfehlbar erschlagen wird.

Wer in diesem Augenblicke, dem entscheidendsten, seine Ohren

nicht wohl verstopft hat, kann von dem Geschrei auf der Stelle

unsinnig werden. Bella war wiederum die einzige seit Jahrtau-

senden, bei der sich alle diese Erfordernisse vereinigten; wer war

unschuldiger als das teure Haupt ihres Vaters Michael, der in

rastloser Tat für sein armes Volk, in steter Mühe und Not für

die Seinen, um das Unbedeutendste einem Reichen zu entfrem-

den, allzu ehrlich und stolz gewesen war. Welches Mädchen

hätte Mut gehabt, in der Mitternacht einen solchen Weg mit

Überlegung zu machen als Bella, die nun schon seit vier Jahren,

wo ihre Mutter gestorben, ein verstecktes, nächtliches Leben ge-

führt hatte und mit dem Laufe des Mondes, mit den Sternen zu

vertraulich bekannt war, um in der Nacht noch eine besondre

Einsamkeit und Traurigkeit wahrzunehmen. Welches Mädchen

hatte wie sie einen schwarzen Hund, aus dessen Augen mehr

blickte, als sein Mund ausheilen konnte, und wiederum: wel-

chem Mädchen war dieser einzige Gesellschafter so verhaßt wie

ihr, die ihn seit früher Zeit, wo er sie gebissen, nicht leiden

konnte und ihn jetzt noch mehr verachtete, nun er ihr mit einer

widrigen Demut diente und sie doch auf allen Wegen belauerte

und, wenn sie recht zärtlich mit einer Puppe aus alten Kleidern

wie mit dem Prinzen sprach, sie auslachte; auch hatte der Vater

immer behauptet, es stecke der böse Feind in dem Hunde. Wel-

ches Mädchen hatte endlich so langes Haar wie Bella, um es zu

Stricken flechten zu können, und welche mochte es, wie sie, ruhig

zu dem Versuche hingeben; sie aber wußte nichts von ihren Schön-

heiten, es war ihr lieb, daß sie künftig nicht so lange an ihren

Haaren zu kämmen hätte, und so sank ihr Haar, in dessen glat-

ten Locken sich oft die Sterne wie im Haupthaar der Berenize

gespiegelt hatten, im raschen Schnitt einer Schere wie ein schwar-

zer Schleier auf den Boden rings um sie her, ihrem Hund Sim-

son eine Kette daraus zu flechten, die ihm den Tod brächte. Sie

merkte bald, daß er alles, was sie gesprochen, vernommen habe,

denn statt daß er sich sonst kleine Vorräte an Knochen und Brot

im Garten vergrub, so öffnete er jetzt nach und nach alle diese

vergrabenen Schätze und fraß unersättlich. Hätte jenes sie rüh-

ren können, so empörte sie dies noch mehr; übrigens schien er

nicht traurig, aber er sah sie spöttisch an, und als der erste Frei-

tag kam, denn ein Freitag wird zur Ausführung gefordert,

durchkroch er das ganze Haus noch einmal, beroch alle Winkel

und führte sich in seinem Lager gegen seine Art unreinlich auf,

welches sie ihm aber diesmal lieber verzieh als ihrer Alten die

Langweiligkeit, mit der sie in unendlichen Erzählungen von "hat

er gesagt", "hab ich gesagt", ihre ganze verfluchte erste Liebschaft

erzählte, die Bella leicht um eine der Hauptbedingungen bei der

Aufsuchung der Alraunenwurzel hätte bringen können, wenn

diese nicht aus Ungeduld über ihre lange Anwesenheit im Zäh-

len der Minuten sie und die Stunden überzählt hätte, bis es

zwölfe geschlagen: da sprang endlich Bella aus Ungeduld auf

und fing mit der Alten aus Ärger, daß sie alles noch eine Woche

aufschieben müsse, den Kranichtanz der Zigeuner an, daß diese

endlich ohne Atem in einen Sessel fiel und hustete und schwur,

so lustig habe sie auf ihrem Hochzeittage nicht einmal getanzt;

dabei nahm sie ein Stück Lakritzensaft in den Mund, um den

Husten zu dämpfen, und trabte endlich mit großem Bedauern

fort, daß sie schon weggehen müsse. Etwas Angst hatte Bella

doch gespürt; nun die Woche versäumt war, schien es ihr doch

besser, daß sie sich noch vorbereiten könne, und der schwarze

Hund schien nicht minder diese Frist zu wünschen, um noch recht

essen zu können; sie gewährte ihm gerne die leckersten Bissen,

weil sie wußte, was er für sie tun müsse, ja zuweilen, ungeach-

tet ihres Widerwillens gegen das Tier, kamen ihr bei seinem

Anblicke Tränen in die Augen, doch tröstete sie sich immer mit

dem Zusatze im Zauberbuche, daß treue Hundeseelen, die in sol-

chem Geschäfte blieben, zur Seele ihrer Herren gelangen, und sie

war gewiß, daß sich der Hund beim Vater Michael besser als bei

ihr gefallen müsse.

Endlich kam der zweite Freitag, es war schon kalt geworden,

die ruhigen Gewässer waren dünn befroren, und die Alte hatte

sich bei ihr entschuldigt, daß sie in den nächsten Tagen nicht her-

auskommen könne: ihr Husten sei aber so stark, sie müsse sich

heimhalten. Alles schien erwünscht, die Nachbarn waren alle nach

der Stadt gezogen, die Nacht war dunkel, und der Wind führte

die ersten Schneeflocken über die trockene Erde. Bella durchlief

noch einmal das Zauberbuch, ihr Herz schlug heftig, als es lang-

sam eilf schlug, der schwarze Hund schleppte ihre Puppe, in der

sie ihren Prinzen sah und verehrte, herbei, zerrte und biß darin:

das brachte sie zum Entschluß; diesen Schimpf, den er ihrem

Liebling angetan, mußte er büßen; schnell nahm sie die Stricke,

die sie aus ihren Haaren geflochten und die sie bisher, um der

Alten keinen Argwohn zu geben, auf ihrem Kopf getragen, und

schlug auf ihn. Er wollte zur Türe hinaus, sie öffnete die Türe,

und beide waren in die zauberhafte Winterwelt hinausversetzt

und gingen dem Winde nach ihren Weg, ohne ihn zu kennen,

bloß nach der Richtung, um den Berg zu erreichen, auf welchem

das Hochgericht gehalten wurde. Diese Straße war leer von

Menschen, aber mehrere Hunde kamen mit großem Lärmen un-

ter den Gartentüren hervorgesprungen, liefen auf den schwar-

zen Simson los, aber im Augenblicke, wo sich diese Philister ihm

naheten, sah er sie an, zeigte seine Zähne, und die größten wie

die kleinsten Hunde flüchteten mit einer Angst, den Schwanz

zwischen den Beinen, in die Gärten zurück, daß sie sich selbst

unter den Türen einklemmten und erbärmlich schrien. Gleiche

Angst zeigten ein paar Stachelschweine, die ihre Stacheln voll

Apfel und Birnen, die sie sich in den Gärten angewälzt und an-

gestachelt hatten, quer über den Weg zogen, sich aber bei dem

Anblicke des Hundes zusammenkugelten, daß dieser ihnen ihre

Beute sehr behaglich abnahm und verzehrte. Bella hatte sich da-

bei ausgeruht, nun war es ihr aber sonderbar, daß, wie sie jetzt

aufstand und sich dem Berge näherte, ein anderer immer in ihre

Fußtapfen zu schreiten schien, und zwar mit solcher Sorgfalt,

daß er mit der Spitze seines Fußes jedesmal die Ferse des ihren

anrührte, sie wagte nicht umzusehen und lief immer hastiger zu,

bis ein Schlag vor den Kopf sie niederstreckte. Der Schlag war

indessen nur wenig betäubend, sie faßte Mut, als alles umher

still war; sie faßte um sich, als niemand sie anfaßte, und fühlte,

daß sie gegen einen herabgelassenen Schlagbaum angerannt war;

was aber in ihre Schritte so eilfertig getreten, war ein Dorn-

strauch, der sich an ihr Kleid gehängt hatte. Sie mußte sich über

ihre Furcht verwundern und nahm sich vor, jetzt aufmerksamer

und besonnener zu sein, und vergaß es doch bald wieder, als eine

Zahl von Pferden, die in einer Koppel lagen, bei ihrer Annähe-

rung aufsprangen und über Busch und Hecken fortjagten. Jetzt

war sie oben, und sie sah über die reiche Stadt hin, wo noch

manches Licht brannte, ein Haus war aber hell erleuchtet, und

da, meinte sie, müsse der Prinz wohnen: so hatte ihr die Alte

sein Haus beschrieben, und sie wußte, daß sein Geburtstag gefei-

ert wurde. Sie hätte alles bei dem Anblicke vergessen, selbst die

trocknen Gehenkten über sich, die einander fragend anzustoßen

schienen, hätte nicht der schwarze Hund aus eigener Lust unter

dem Dreifuße gegraben. Sie fühlte, was er gefunden, und hatte

eine kleine, menschliche Gestalt in Händen, die aber mit beiden

Beinen noch in der Erde wurzelte; sie wars, sie wars, die geheim-

nisvolle Mandragora, das Galgenmännlein, sie hatte es gefunden

ohne Mühe, und in einem Halsumdrehen war der Strick ihrer

Haare umgelegt und um den Hals des schwarzen Hundes ange-

schirrt; dann lief sie in Angst wegen des Geschreis der Wurzel

fort. Sie hatte vergessen, ihre Ohren zu verstopfen, lief nun, so

schnell sie vermochte, und der Hund ihr nach; er riß die Wurzel

aus dem Boden, und ein erschrecklicher Donnerschlag stürzte ihn

und Bella nieder; doch hatte ihr sichrer, schnellfüßiger Lauf sie

schon funfzig Schritte entfernt.

Das hatte Bellas Leben gerettet; doch blieb sie lange ohnmäch-

tig und erwachte erst, als schon die beglückten Liebhaber von

ihrem Glücke lässig heimkehrten, einer von diesen sang ein jauch-

zendes Lied von seinem feinen Liebchen und von den falschen

Zungen, die heimliche Liebe ausschwätzen; halb hatte er dabei

Schlummer in den Augen, und so kam es, daß er sie übersah. Als

sie davon erwachte, wußte sie nicht, wie sie an diesen Ort gekom-

men, den sie nicht mehr erkannte; schwach richtete sie sich auf

und sah im ersten Morgenschimmer ihren toten Simson. Sie er-

kannte ihn, erinnerte sich auch allmählich, warum sie hergekom-

men, und fand an den Haarflechten, die sie jetzt dem Hunde

abnahm, ein menschenähnliches Wesen, gleichsam einen bewegli-

chen Umriß, aus welchem die edlen Sinne noch nicht hervorge-

treten sind, ähnlich einer Schmetterlingslarve. so war der AI-

raun, und wunderbar ist es zu nennen, wie sie auf der einen

Seite des Prinzen gar nicht mehr denken konnte, der eigentlichen

Ursache, warum sie den Alraun aufgesucht, ganz vergessen hatte,

so liebte sie diesen auf der andern Seite mit jener ersten Zärtlich-

keit, welche zart durchdringend seit jener Nacht, wo sie den

Prinzen gesehen, in ihr zur Erscheinung gelangt war. Zärtlicher

kann eine Mutter ihr Kind, das sie bei einem Erdbeben verschüt-

tet glaubt, nicht wieder begrüßen, nicht vertrauter, nicht bekann-

ter, als Bella den kleinen Alraun aus dem letzten Erdenstaube

an ihre Brust hob und ihn von allem Anflug reinigte. Er schien

von dem allen nichts zu wissen; sein Atem strömte aus kaum

bemerkbaren Öffnungen des Kopfes, nur als sie ihn eine Zeitlang

auf ihren Armen gewiegt hatte, bemerkte sie an einem ungedul-

digen Stoße seines Armes gegen ihre Brust, daß er diese Bewe-

gung liebe; auch beruhigte er Arme und Beine nicht eher, bis

sie ihn wieder mit schaukelnder Bewegung erfreulich einschlä-

ferte. So eilte sie mit ihm in ihre Wohnung zurück; sie achtete

nicht des Hundegebells, nicht einzelner Marktleute, die sich früh

vor den Toren der Stadt sammelten, um die ersten bei der Er-

öffnung der Tore zu sein; sie sah nur auf den Kleinen, den sie

sorgsam in ihren Überrock eingeschlagen hatte. Endlich war sie

in ihrem Zimmer, hatte ihr Licht angezündet und besah das

kleine Ungeheuer. Es tat ihr leid, daß er nicht einen Mund zum

Küssen, nicht eine Nase habe, die ein göttlicher Atem herrschend

und sanft geformt, daß keine Augen sein Inneres kundmachten

und daß keine Haare den zarten Sitz seiner Gedanken umsicher-

ten; aber ihre Liebe minderte das nicht. Sie ging sorgsam zu

ihrem Zauberbuche, um sich wieder zu erinnern, was mit dieser

gegliederten und beweglichen Rübe anzufangen sei, um ihre

Kräfte, ihre Bildung zu entfalten, und sie fand es bald. Zuerst

sollte sie den Alraun waschen, das vollbrachte sie, dann sollte

sie ihm Hirse auf den rauhen Kopf säen, und wie diese aufginge

in Haaren, so würden sich seine übrigen Gliedmaßen von selbst

entwickeln, nur müsse sie an jede Stelle, wo ein Auge entstehen

sollte, ein Wacholderkorn eindrücken, wo aber der Mund wer-

den sollte, eine Hagebutte. Zum Glück konnte sie diese Säme-

reien alle herbeischaffen, die Alte hatte ihr neulich einige ge-

stohlne Hirse gebracht, Wacholderbeeeren brauchte ihr Vater

häufig zum Räuchern in seinem Zimmer; sie hatte den Geruch

nie leiden können, jetzt war er ihr lieb, denn es war noch eine

Handvoll übriggeblieben; ein Hagebuttenstrauch hing im Garten

noch voll roter Früchte als die letzte Pracht des Jahres. Alles

wurde herbeigeschafft, zuerst die Hagebutte an den rechten Ort

eingedrückt, sie merkte aber nicht, daß sie ihm diese bald aus

Liebe schief küßte; dann drückte sie ihm zwei Wacholderbeer-

kerne ein, es schien ihr, als sähe der Kleine sie an, das gefiel ihr

so wohl, daß sie ihm gerne ein Dutzend eingesetzt hätte, wenn

sie nur einen schicklichen Platz dazu hätte ausfinden können;

aber wo sie ihm am liebsten Augen eingesetzt hätte, hinten, da

fürchtete sie, möchte er sich oft wehe daran tun; zuletzt brachte

sie noch ein Paar Augen in seinem Nacken an, und wir müssen

ihr eingestehen, daß diese Erfindung nicht ganz zu verachten ge-

wesen sei. So fröhlich und ernstlich zugleich begann sie dies Werk,

ein Wesen zu schaffen, das, wie der Mensch seinen Schöpfer, bis

an sein Ende sie betrüben sollte; selbstzufrieden wie ein junger

Künstler, dem alles über Erwartung glückt, besah sie ihr kleines,

unförmliches Ungeheuer und verbarg es in einer zierlichen Wiege,

die sie im Hause vorgefunden, wohlbedeckt mit Betten, entschlos-

sen, selbst gegen die alte Braka dies als das erste Geheimnis ihres

Lebens zu bewahren.

Braka, die sich am andern Abend durch ihr verabredetes Kat-

zengeschrei kundmachte, merkte doch an ihr eine Veränderung

und fragte listig nach allen Seiten, insbesondre als sie den schwar-

zen Hund nicht mehr bemerkte: "Gott sei gelobt, ist der Hund

fort! Wie ists gekommen? Ich hätte den infamen Köter längst

tot gemacht, wenn ich gedurft hätte; aber da er vom Vater hin-

terlassen war, so durft ich nicht, einmal hatte ich ihn doch schon

im Sack und wollte ihn ersäufen, da biß er mich aber beim Auf-

heben des Sacks so scharf in die Hände, daß ich ihn mit dem

Sack laufen ließ: nun sag, Kind, wie hast du es angefangen, ihn

über die Seite zu schaffen?" Bella sah seitwärts auf ihre Arbeit

nieder, sie schälte Apfel und erzählte recht umständlich, wie sie

nachts im Garten gewesen, wie ein schäumender Hund dort ge-

gen sie angerannt sei, wie sich ihr schwarzer Simson auf ihn ge-

stürzt und beide einander so grausam zerzaust und herumgeris-

sen, bis der fremde Hund sich geflüchtet hätte, worauf der Sim-

son lahm und blutend ihm nachgelaufen und seit der Zeit von

ihr nicht wieder gesehen worden sei, vielleicht weil er gefühlt,

daß er toll werde und sie nicht habe verletzen wollen. Eine recht

rührende Erfindung! Bella hatte sie so wahrscheinlich vorgetra-

gen, ungeachtet es ihre erste Lüge war, daß Braka beruhigt war

und sich in Verwunderung über das treue Tier und über das

große Unglück, dem sie entgangen, ausließ. Nun hatte Bella Mut,

ihr alles einzubilden, was sie künftig von ihrem Wurzelmännchen

zu sagen nötig finden würde; doch wartete sie ungeduldig, daß

die Alte ginge, denn sie fühlte eine rechte Unruhe, ob noch nichts

Lebendiges an ihm wahrzunehmen sei.

Nachdem die Alte ihr Zwiebelgericht, das sie sich bereitet,

ausgetunkt hatte ging sie endlich von dannen. Bella schloß die

Türe und eilte zu ihrer heimlichen Wiege; zagend deckte sie auf

und freudig sah sie schon die keimende Hirse auf dem Scheitel

des Wurzelmännleins, auch die Wacholderkerne hatten sich schon

angesogen; es war überhaupt ein Bewegen innerlich in dem klei-

nen Wesen, wie frühlings im Acker beim ersten heißen Sonnen-

scheine nach dem Regen; es wächst noch nichts, aber die Erde

trennt sich und lockert sich, und wie die Sonnenblicke alles för-

dernd umgehen, so regte sie küssend alle Kräfte der geheimnis-

vollen Natur auf. Erst nach später Ermüdung entschloß sie sich,

neben ihrem Kleinod schlafen zu gehen, ihre Hand aber ließ sie

auf der Wiege ruhen, daß es ihr nicht entführt werden könnte.

Was wundern wir uns über ihre sonderbare Neigung zu der

halbmenschlichen Gestalt, nachdem sie zu dem schönen Fürsten-

sohne so ausschließliche Neigung gezeigt hatte; es ist das Heilig-

ste, diese Anhänglichkeit an alles, was wir schaffen, und ruft

uns, während wir vor den Häßlichkeiten der Welt und unsren

eignen erschrecken, die Worte der Bibel in die Seele: Also hat

Gott die von ihm geschaffne Welt geliebet, daß er ihr seinen

eingeborenen Sohn gesendet hat. 0 Welt, bilde dich schöner aus,

daß du dieser Gnade würdig werdest! Vergessen war in ihr aller

Eigennutz, wie sie sich durch den kleinen Wundermann zu ihrem

geliebten Prinzen wollte hintragen lassen; dieses Wunderkind,

in Gefahr errungen, füllte jetzt alle ihre Gedanken, von ihm

träumte sie, aber ihre Träume waren nicht glücklich; sie sah den

vergessenen Fürstensohn vor sich, wie er im Wettstreite mit an-

dern das zierliche Pfeilspiel der Spanier übte, worin sie durch

die Stärke und Schnelligkeit des Wurfs sowohl wie durch die ge-

schickte Wendung der Pferde einander zu necken und zu über-

vorteilen suchen, aber der Prinz siegte über alle, seine Pfeile ris-

sen Sterne vom Himmel und warfen sie wie zierlichen Schmuck

ihr auf die Brust. Die meisten dieser Sterne verloschen, einer

aber bebte in tiefem Lichte auf der Mitte ihrer Brust; und sie

sah immer tiefer hinein, unendlich tiefer und konnte sich nicht

satt sehen, und darüber erwachte sie. Kaum war sie erwacht, so

wußte sie nicht mehr, nach wem sie sich so eifrig gesehnt hatte;

ihr war es, als sei es der kleine Wurzelmann gewesen, den sie mit

lautem Jubel begrüßte, als er ihr ganz vernehmlich wie ein klei-

nes Kind entgegenwimmerte, mit runden schwarzen Augen sie

ansah, als wollten sie ihm aus dem Kopf herausfallen; sein gelb-

faltiges Gesicht schien entgegengesetzte Menschenalter zu verei-

nigen, und die Hirse auf seinem Kopfe hatte sich schon zu borsti-

gen Locken vereinigt, so auch, was auf seinen Körper von den

Hirsekörnern heruntergefallen war. Bella meinte, er schreie nach

Essen, und war in großer Verlegenheit, was sie ihm geben sollte;

wo sollte sie Milch hernehmen? Sie bedachte sich lange; endlich

gedachte sie der Katze, die auf dem Boden gejungt hatte; ein Ju-

bel war ihr diese Erfindung; die Jungen wurden herunterge-

holt und zu dem Wurzelmännlein, das sie schon spöttisch ansah,

in die Wiege gelegt; die Katze ernährte jetzt willig ihn mit den

übrigen Jungen, und die kleinen Blindgebornen duldeten es, daß

der nach allen Seiten sehende Fremdling ihnen voraus, ohne daß

es die Alte merkte, die mütterliche Vorsehung aussog. Bald

kniend, bald auf den Knien hockend, konnte Bella stundenlang

diesen Listen ihres Männleins zusehen; wo er die andern über-

listete, schien er ihr hohe Überlegenheit, wo er sich feig vor ihren

Tatzen zurückzog, Schonung und Klugheit; nichts machte aber

dem Mädchen so viel Freude an ihm, wie die Augen im Nacken.

Schon verstand er sie damit, wenn sie ihm winkte, wo eine der

Kätzchen von dem Zitzen heruntergefallen war, und legte sich

vor, bis er auch daran kommen konnte. Ihre Zuneigung wuchs

so schnell, daß sie sich über jeden Tropfen Milch kränkte, der von

den eingebornen Jungen dem Fremdlinge entzogen wurde, daß

sie lange mit sich kämpfte, aber endlich nicht widerstehen konnte,

eines dieser Jungen heimlich fortzutragen und nahe am Bach ins

Gras zu legen. Dann floh sie schnell, damit es ihr nicht folgte, sie

war aber kaum einige Schritte gelaufen, so hörte sie etwas ins

Wasser einplumpsen; sie mußte ihre Augen hinwenden und sah,

wie der Strom die kleine, blinde Katze forttrug. Das jammerte

ihr, sie gedachte ihres unschuldigen Vaters, der denselben Weg

gezogen, sie hätte nachspringen mögen, doch blieb sie am Ufer

stehen und fühlte, daß sie gesündigt; der Himmel ward dunkel

über ihr, die Erde frostig unter ihr und die Luft unstet um sie

her; sie schlich ins Haus und weinte. Und als der kleine Wurzel-

mann mit den Augen im Nacken dies ersah, fing er an der Brust

der Katze laut zu lachen an, daß die Katze aufsprang und eins

der Jungen mit sich fortzog, das sich ihr in Angst angebissen

hatte. Jetzt war das Wurzelmännchen auch so mutwillig gewor-

den, daß es sich nicht viel um die milde Nahrung der Milch küm-

merte; zwar sah es schon aus wie ein altes Männlein, das zum

Kinde zusammengeschrumpft war, aber es hatte noch alle Unar-

ten der kleinsten Kinder dabei. Gerade weil es sah, daß Bella

über den kleinen Mord mit ihm zürnte, drängte es sich immer

mehr zu ihr, und schlagen konnte sie es nicht, und was sollte sie

da tun, als es küssen und ihm den Willen lassen, der sich durch

Hingreifen nach allerlei Wurzeln zeigte, die nicht von ihrem Va-

ter her im Zimmer so umherlagen, sondern von der alten Braka

bei ihrer Mauserei aus Unkenntnis weggeworfen waren. Kaum

hatte das Männlein eine Springwurzel genossen, so fing es an so

lächerlich über Tisch und Stuhl, kopfüber, kopfunter zu springen,

daß Bella in Angst die Augen wegwenden mußte und ihm ängst-

lich, wie ein Huhn dem ausgebrüteten Entchen, nachlief und nach-

sah, wie sie ihn nirgend fassen und erreichen konnte. Listig wußte

er bald an allen Ecken aufzusuchen, was ihm diente; so fand er

bald auch die Sprechwurzel, welche die grünen Papageien vom

höchsten Gipfel des Chimborasso in die Ebenen bringen, wo sie

die Baumschlangen von ihnen gegen Apfel eintauschen, die am

verbotnen Baum gewachsen; wer sie aber den Schlangen abjagt,

das kann allein der Teufel, und sie von dem zu bekommen, ist

schwer und hat schon manchen ehrlichen Erzieher in Verlegen-

heit gesetzt. Als er diese ekelhafte Wurzel gierig genossen, sprang

er auf einen Ofen, und wie ein Vogel, dem die beschnittnen

Flügel wiedergewachsen, zur Verwunderung seines Herrn plötz-

lich empor auf den Baum vor dem Fenster fliegt und erst spot-

tend sein Lied pfeift, das er von ihm gelernt, eh er sich von ihm

fort im wilden Natursang durch die Luft schwingt, so waren

die ersten Worte des Männleins ein spottendes Wiederholen

ihrer Lehren: "Sei artig, sei gut, sei stille" - Er konnte nicht

aufhören, ihr das vorzusagen; sie hätte ihn gern gezüchtigt, aber

er saß ihr zu hoch. Zuletzt, um ihre Geduld ganz zu erschöpfen,

setzte er sich eine alte, verrostete Brille auf und fabelte in lee-

ren, spottenden Einfällen von allerlei Neckerei, die er der Welt

antun möchte, um sich zu unterhalten. Da mußte sie laut weinen

und konnte nicht mehr hinaufsehen, denn das Vertraulichste am

Menschen sind die Augen, und es ist wohl zum Verzweifeln,

wenn die Schwäche der Natur solchen harten, fühllosen Glas-

glanz zwischen dem geliebten Menschen und uns notwendig

macht, und das kann den Scharfsehenden schwindlig machen,

wenn er sehen muß, wie der Sinn, der sonst seine Freude nur in

Luft und Licht sucht, jetzt die harte Gewalt der Erde zu seiner

Hilfe brauchen muß, die ihn notwendig mit sich herabzieht und

vernichtet. Eine Brille ist das schrecklichste Gefängnis, aus wel-

chem die ganze Welt verändert erscheint, und nur die Gewohn-

heit kann den Schreck vor dieser Welt, wie sie dadurch erscheint,

aufheben. Wirklich erschrak jetzt Bella bis im tiefsten Herzen

vor dem Liebling, der im Luftraume ihrer Schöpfung vergöttert

gewesen; sie sah ein, daß sie auf ein Mittel denken müsse, den

Alraun zu bezwingen, und nahm sich vor, darüber mit Braka

zu reden. Als sie das still in sich beschlossen hatte, rief ihr das

Männlein vom Gesimse des Zimmers zu: "Hör, Bella, ich habe

dich eben mit den Augen in meinem Nacken angesehen, da ahn-

det mir, du hast mich nicht mehr so lieb wie im Anfange, und

wenn ich das gewiß weiß, so ists um dich geschehen!" - Bella

erschrak wie eine überwiesene Sünderin, diese Allwissenheit oder

vielmehr dieses ahndende Augenpaar in dem Kleinen setzte sie

in Verzweiflung, die Angst befestigte in ihr den Entschluß, sich

des kleinen, furchtbaren Teufels zu entledigen. Er rief dabei vom

Gesimse:

"Mir ahndet, du hast etwas Böses mit mir vor, aber ich will

dich schon wieder gutmachen." Zugleich stieg er herunter, sprang

zu ihr auf den Schoß und küßte sie so herzhaft, daß er ihr fast

die Haut aufriß mit seiner harten Barthirse, dennoch fühlte sie

eine sonderbare Bewegung ihres Blutes, die sie nicht verstand,

über die sie auch nicht nachdachte; doch war ihr der Kleine im

Augenblick so lieb, und sie erwartete und wußte nicht was von

ihm.

Eine Woche später, und der Alraun war in seiner Art völlig

ausgewachsen, etwa dreieinenhalben Fuß hoch; Braka hatte

schon etwas von ihm gemerkt, auch hatte er nicht Lust, sich län-

ger einsperren zu lassen, wenn sie kam, vielmehr wollte er sich

der Alten recht glänzend zeigen, zog ein silbergesticktes, altes

Faltenkleid von Bellas Mutter an, das ihm Bella nach allen Sei-

ten aufnähen mußte: so saß er eines Abends ganz ruhig in der

Ecke und schien zu lesen, als Braka eingelassen wurde. Bella

sagte, es sei ihre Base, ein sehr reiches Mädchen, die sie zu sich

nehme, die auch Braka beschenken wolle. Braka, die ihr Kompli-

ment auch zu machen verstand, wo sie es nötig glaubte, griff der

vermeinten Base nach der Hand, um sie zu küssen, war aber

doch etwas verwundert über die harte, trockene, haarige Wur-

zelhand und zögerte mit dem Kusse. Darüber wurde der Wur-

zelmann böse und gab ihr eine derbe Maulschelle. Braka konnte

sich in solchem Falle nicht mäßigen, sie stemmte beide Hände in

die Seite und fing so heftig an zu schimpfen, daß die lachende

Bella sie kaum mit der Vorstellung beruhigen konnte, die Nach-

barn möchten sie hören, und dann wäre ihr Zufluchtsort auf ein-

mal verraten. Der Alraun hatte sich aber durch die Schimpf-

reden nicht weniger in der guten Meinung gestört gefunden, er

sprang sehr geschickt auf und rings um Braka her und verfolgte

sie mit unzähligen Fußtritten; dabei fiel ihm der Schleier herun-

ter, sie erkannte ihn gleich für das, was er war, und demütigte

sich erschrocken vor ihm. Als er sie in Ruhe ließ, setzte sie sich

ganz zerschlagen auf einen Sessel und rief einmal über das an-

dere:

"Ach, Bella, was hast du für ein Glück, solch ein Männlein

zu haben, das alle Schätze finden und heben kann; ja, da hatte

mein Schwager einen, den nannte er Cornelius Nepos." "So

will ich auch heißen", rief der Kleine, "wo ist der geblieben?"

"Ach", sagte Braka, "mein Schwager wurde erstochen, das Männ-

lein wurde in seiner Tasche gefunden und den Kindern zum

Spielen gegeben, die brachten es einem Schweine, das hats auf-

gefressen und ist davon krepiert." - Der kleine Herr Corne-

lius wurde darüber sehr aufgebracht, er verbot es sehr strenge,

ihn nicht den Schweinen vorzuwerfen, und ließ sich erklären,

was dies für ein Tier sei. Braka wollte ihm erst beweisen, daß er

sich um die Welt und was darin fresse, gefressen werde und sonst

vorgehe, gar nicht zu bekümmern habe, er müsse Schätze graben

und sich um weiter gar nichts bekümmern; als aberder kleine

Cornelius wieder sehr grimmig wurde, suchte sie ihn zu besänfti-

gen, indem sie ihm allerlei hohe Ämter vorschlug, die er verwal-

ten könnte. Es war, als wenn er schon einmal gelebt hätte, so

schnell wurde er durch eine kurze Erinnerung mit allen mensch-

lichen Verhältnissen bekannt. Bei verwachsenen Kindern findet

sich häufig ein Ansatz zu dieser fatalen Gescheitheit. Nichts unter

allem, was Braka ihm von dem schönen Leben eines Kuchenbäk-

kers oder Kellermeisters vorschwatzte, reizte ihn so mächtig als

ein Kommandostab, wenn er in glänzender Rüstung, wie in dem

Schlosse ein Feldmarschall abgebildet war, vor tausend Rittern

an dem Hause vorüberreiten würde und ihren Gruß annehmen,

ja er befahl, ihn im Hause nicht anders als Marschall Cornelius

zu nennen und ihm dazu eine Rüstung zu schaffen. "Dazu ge-

hört Geld", sprach die listige Braka, "umsonst ist der Tod, Geld,

Geld schreit die ganze Welt." "Dafür laßt mich sorgen", sagte

der Kleine, "ich sitze hier so unruhig, es muß hier in der Ecke

der Mauer ein Schatz versteckt sein." Mit ihren Nägeln hätte

Braka die Steine ausgerissen, wenn sie kein ander Werkzeug

hätte finden können, jetzt aber lag die eiserne Ofengabel ihr

recht angenehm zur Hand vor der Türe, sie war im Augenblick

damit bei der Arbeit; ein Glück, daß der Schatz nur mit einem

Stein vermauert war, alle Fußtritte des Marschalls hätten sie

nicht abgehalten, das Haus zu durchbohren; auch ließ sie sich

durch das Kratzen und Beißen des Männleins nicht abhalten,

den Kasten voll guter Gold- und Silbermünzen in Beschlag zu

nehmen. Sie setzte sich darauf und hielt dann ihren feierlichen

Vortrag: "Liebe Kinder, Jugend hat keine Tugend, Kinder-

und Kälbermaß wissen alte Leute, ihr wißt beide noch nicht mit

Gelde umzugehen, ihr wäret verloren und kämet gleich in die

Hände der argwöhnischen Gerichte, wenn ich euch nicht mit Rat

zur Hand ginge; darum hört meine Meinung, was ihr tun müßt,

damit wir in aller Sicherheit des Schatzes froh werden. Hör, Bel-

la, du hast mich oft Mutter genannt, das will ich nun in der Welt

vorstellen, in die ich dich einführe; du aber, Cornelius, mußt dich

als mein Neffe, als Vetter meiner lieben Bella, artig aufführen,

so kannst du mit uns vertraulich zusammenwohnen, wir können

dich einem vornehmen Kaiser irgendwo empfehlen, daß er dich

zu seinem Marschall macht; eine Rüstung können wir dir gleich

kaufen, auch einen Degen und Helm und einen Streithengst,

da wirst du eine rechte Freude an dir haben, da werden die

Leute auf der Straße mit Fingern auf dich weisen und sprechen:

Das ist der herrliche junge Ritter, der Feldmarschall, der kühne

Haudegen. Die Mädchen werden niedersehen, und du wirst dir

den Schnauzbart in die Höhe streichen und mit einem gewognen

Nickkopfe vorbeireiten." - Hätte Cornelius sich umgewendet,

so hätte er ihre Falschheit wohl sehen können, aber ihm war, seit

er lebte, noch nicht so wohl geworden als in diesen Worten der

Alten; er sprang ihr auf den Schoß und herzte und küßte sie, daß

Bella aus Eifersucht ihn packte und, statt zu küssen, ihn biß. Er

verstand keinen Spaß in so etwas; es hätte viel Streit geben kön-

nen, wenn nicht die Alte mit Beratschlagung, was nun anzufan-

gen, hervorgetreten wäre: "Schlagt euch ein andermal, wenn

mehr Zeit dazu ist, heute muß ein Entschluß gefaßt werden, wo-

hin wir gehen, um mit Ansehen in Gent einzufahren! Da habe

ich eine alte Diebshehlerin in Buik gekannt, die schafft am ersten

Rat und was wir brauchen, eine Staatskutsche, worin wir den

Herrn Cornelius fahren, als ob er in einem Zweikampfe ver-

wundet worden sei und nur allmählich genese." "Nein", sagte

das Männlein, "das will ich nicht spielen, es könnte mir wirklich

so gehen, und warum soll ich mich nicht sehen lassen?" "Ach",

seufzte Braka heimlich, "der ist auch einer von den Bucklichten,

die nicht begreifen können, womit sie ihre Hemden zerreiben";

laut aber sprach sie: "Seht nur, Herr, so auf einem Dorfe sind

nicht gleich ritterliche Kleider zu bekommen, die Eurer würdig

sind, auch müßt Ihr Haar und Bart sorgsam beschneiden lassen,

die Leute meinen sonst, Ihr wärt der Bärnhäuter." "Vielleicht

bin ich auch von den Seinen", sagte Cornelius, "wer ist es, wo

lebt er?" "Erzähl uns von ihm", bat Bella, "diese Nacht ist fast

vergangen, heut können wir noch nicht scheiden, und morgen will

ich noch Abschied nehmen von allem, was mir im Hause lieb."

"Erzähl", sagte der Kleine, "oder ich schlage dich." Braka hub

also an, indem sie die Öllampe zur Seite stellte und ihr Schnupf-

tuch immer aus einer ihrer Hände in die andre strich:

Geschichte des ersten Bärnhäuters

Als Sigismund, der Ungersche König, von dem Türken ge-

schlagen worden, ist ein deutscher Landsknecht aus der Schlacht

in einen Wald entronnen; da er nun keinen Weg fand, keinen

Herren, kein Geld hatte, an keinen Gott glaubte, so erschien ihm

ein Geist und sagte ihm, wenn er ihm dienen wollte, so wollte

er ihm Gelds genug geben und ihn selbst zu einem Herren ma-

chen. Der Landsknecht sagte, 0 ja, er sei es zufrieden. Nun wollte

aber der Geist wissen, ob er wohl einen rechten Heldenmut habe,

damit er sein Geld nicht umsonst ausgebe, und führte ihn an das

Lager einer Bärin, die Junge hatte, und als diese gegen sie an-

sprang, befahl er dem Landsknecht, ihr auf die Nase zu schie-

ßen. Der Landsknecht vollführte das treulich, schoß ihr in die

Naselöcher zwei Posten hinein, daß sie stürzte. Da solches ge-

schehen war, fing der Geist an mit ihm zu unterhandeln: "Zieh

die Haut der Bärin dir ab, du wirst sie brauchen; gut für dich,

daß du kein Loch hineingeschossen, denn soll ich dich reich ma-

chen, so mußt du mir sieben Jahre darin, als in meiner Livrei,

dienen, mußt in den sieben Jahren alle Nacht eine Stunde um

Mitternacht bei meinem Schlosse Schildwacht stehen, mußt in

den sieben Jahren dir niemals Haar und Bart und Nägel weder

abschneiden noch reinigen, dich auch nie waschen, abreiben, ab-

stäuben und einsalben; in den sieben Jahren sollst du bei Tage

frei Licht, bei Nacht mit Abwechseln Mondschein, Sternenschein

und nichts haben als guten Wein zum Trinken, Kommißbrot

zum Essen; auch sollst du in der Zeit kein Vaterunser beten."

Der Landsknecht ging alles ein und sagte zum Geist: "Alles, was

du mir zu unterlassen befiehlst, habe ich mein Lebtag nicht gern

getan, weder Kämmen, Waschen noch Beten; was du mir zu tun

befiehlst, soll mir bei einem guten Glase Wein nicht schwer wer-

den." Darauf zog er seine Bärenhaut über, und der Geist führte

ihn durch die Luft auf sein wüstes Schloß, das mitten im Meere

liegt, woselbst er gleich seinen Dienst antrat. Sechsundeinhalbes

Jahr versah der Landsknecht in seiner Bämhaut, wovon er den

Namen des Bärnhäuters bekommen, seinen Wachtdienst; Haar

und Bart waren ihm dermaßen gewachsen und verfilzt, daß er

von Gottes Ebenbildlichkeit wenig mehr übrigbehielt; Petersilie

war ihm auf seiner Haut gewachsen, das sah gar erschrecklich aus.

Mit einem Schauder sah Bella bei diesen Worten die Hirse auf

dem Kopf des Alrauns, der sehr wohlzufrieden sie durch die

Finger gehen ließ, seiner Schönheit gegen den unsaubern Lands-

knecht gewiß.

"Als nun sechseinhalb Jahr um waren", fuhr Braka fort, "trat

der Geist zu ihm, freute sich über sein Ansehen, sagte ihm, er

brauche ihn nicht mehr, er wolle ihn wieder unter Menschen

bringen, doch mit der Bedingung, daß er sich noch ein halbes

Jahre in dieser seiner Verwilderung unter ihnen sehen lasse, zu-

gleich wolle er aber mit ihm abrechnen und ihm den verdienten

Geldschatz überantworten, er möchte sich damit lustig machen, so

gut er könnte. Dem Landsknecht war es doch lieb, wieder unter

Menschen zu kommen, weil er das Sprechen fast verlernt hatte,

er ließ sich vom Geist recht vergnügt übers Meer nach Deutsch-

land führen, nach Graubünden, weil es dort in damaliger Zeit

am schmutzigsten auf dem ganzen Erdboden war. Dennoch

wollte ihn da kein Wirt aufnehmen, bis er eine Handvoll Du-

blonen und eine Handvoll Piaster einem ins Gesichte warf; der

räumte ihm seine besten Zimmer ein, daß er die gewöhnlichen

Gäste von dem Hause nicht zurückschrecken möchte. Als aber

der Papst, der mit gemalten Bildern die ganze Christenheit re-

giert, durch Graubünden kam, von dem Konzilio nach Rom zu-

rückzureisen, da trat der Geist zu dem Bämhäuter und malte

sein Zimmer mit allen merkwürdigen Menschen der Welt, so-

wohl denen, die gelebt, als die künftig noch leben werden, wie

den Antichristen und das Jüngste Gericht, worüber der Wirt sich

nicht wenig verwunderte, aber dennoch den Bärnhäuter zwang,

die Nacht, wo der Papst bei ihm einkehrte, seine Zimmer ein-

zuräumen und im Schweinestall zu schlafen; den Papst aber legte

er in das vom Bärnhäuter schön gemalte Zimmer. Als der Papst

am andern Morgen aufwachte, war das erste, daß er sich nach

dem wunderbaren Maler erkundigte, der das Zimmer so künst-

lich verziert habe. Der Wirt erzählte ihm, was er von ihm wußte,

und mußte ihn dann aus dem Schweinestall heraufkommen las-

sen. Der Papst aber grüßte ihn freundlich, fragte ihn, wer er

wäre, und der Landsknecht nannte sich Bärnhäuter; darauf

fragte ihn der Papst, ob er diese herrlichen Bilder gemalt? "Wer

sonst?" sprach der Bärnhäuter. Da rühmte ihn der Papst als den

ersten Maler der Welt und sagte ihm, er habe drei natürliche

Töchter, die er sehr liebe, die älteste heiße Vergangenheit, die

andre Gegenwart, die dritte Zukunft, wenn er ihm die so malen

könnte, daß er wüßte, wie jede nach einer Reihe von Jahren aus-

sähe, so wolle er ihm die zur Frau geben, welche ihm am besten

gefalle. Der Bärnhäuter versprach alles in Hoffnung auf seinen

Geist. Der Papst redete darauf weiter: "Du könntest mir aber

leicht einbilden, daß sie sich also verwandeln möchten, und wenn

es nicht zuträfe, hättest du doch inzwischen meiner Tochter Liebe

genossen, darum stelle ich dich auf eine Probe. Ich zeige dir nur

meine jüngste Tochter Zukunft, und du mußt aus ihrem Anblicke

die beiden älteren, Gegenwart und Vergangenheit, malen; be-

stehst du diese, so ist das Mädchen dein, bestehst du sie nicht, so

verfällt mir dein großes Vermögen, wovon mir der Wirt erzählt

hat." Bärnhäuter ging alles ein, lief neben dem Wagen des

Papstes her und hielt ihn, wenn er umfallen wollte, und so ka-

men beide ohne Schaden nach Rom. Gleich am Abend stellte ihm

der Papst seine Tochter Zukunft vor, die sehr schön war, aber

zweierlei Farbe von Haaren auf ihrem Kopfe trug; Bärnhäuter

verliebte sich gleich, sie aber entsetzte sich über seinen Anblick. Als

sie fort war, rief er seinen Geist, der mit einem Farbentopfe und

einem Pinsel geflogen kam und die Bilder der beiden ältern

Schwestern sogleich anfertigte. Als Bärnhäuter das Bild der Ge-

genwart gemalt sah, vergaß er darüber der geliebten Zukunft und

weinte, daß er diese nicht bekommen könnte. Der Geist tröstete

ihn und sprach, in einem halben Jahre würde seine Braut dieser

ähnlich und gleich sein, und so hätte er in diesem Bilde auch das

vom Papste verlangte Bild, wie die Tochter in einer gewissen

Zeit aussehen werde; in dem Bilde der Vergangenheit werde er

aber gleich sehen, wie die Gegenwart künftig aussehen müsse. -

Der Geist malte dieses Bild der Vergangenheit, und es gefiel dem

Bärnhäuter nicht. Als dieser nun aber vom Geiste verlangte, er

solle ihm das Bild der Vergangenheit malen, wie sie künftig aus-

sehe, da wischte der Geist seinen Pinsel auf der Wand aus und

sagte: "Entweder so wie die Wolken, daß nichts zu erkennen,

oder wie das Bild der Zukunft, das du im Herzen trägst, und das

ich dir niemals gut genug malen würde!" Hier verschwand der

Geist. Am Morgen zeigte der Bärnhäuter die Bilder dem Papst,

der sehr nachdenklich dabei wurde, ihn umarmte und seiner

jüngsten Tochter als Bräutigam vorstellte. Bärnhäuter war so

voll Freude, daß er nicht sah, wie seine Braut weinte, als er sei-

nen Ring, der auseinandergeschoben werden konnte, mit ihr

teilte und ihr die Hälfte an den Finger steckte. Darauf nahm er

Abschied, denn so hatte ihm der Geist in der Nacht befohlen -

ich hatte es zu erzählen vergessen - und ritt nach Deutschland

zurück, um dort in Graubünden sein siebentes Jahr noch aus-

zuwarten; dann ging er nach Baden ins Bad, wo er zu seiner Rei-

nigung über ein halbes Jahr beständig im Wasser lag und mit

groben Besen abgebürstet wurde; ein Dutzend Messer wurden

stumpf, eh ihm der Bart und das Haar abgeschoren waren. Als

das beendigt, schaffte er sich die kostbarsten Kleider an und eilte

zu seiner Geliebten zurück. - Diese war unterdessen in das Aus-

sehen gerückt, was die Gegenwart damals hatte, sie war sehr

schön, aber immer traurig, weil sie sich vor ihrem Bräutigam

fürchtete und weil sie von den Schwestern, die keinen Mann be-

kommen, beständig seinetwegen geneckt wurde. Eines Tages rief

ein heller Trompetenschall alle drei Schwestern ans Fenster, es

zog ein schöner, fremder Ritter mit vielen Knechten in die Stadt,

den sich die beiden ältesten sogleich zum Mann wünschten, und

o Wunder, der Ritter hielt vor dem Hause still, ließ auch um

Erlaubnis bitten, ihnen aufzuwarten. Sie bewilligten es gern, und

er gab sich für einen entfernten Verwandten von ihnen aus, der

eine von ihnen zu heiraten begehre und sich deswegen durch

einige Gaben empfehlen wolle. Die beiden ältesten griffen be-

gierig nach den Geschenken, die jüngste aber blieb einsam wie

ein Turteltäubchen; die beiden ältesten bemühten sich um seine

Gunst, sie gefielen ihm aber gar nicht mehr; die Gegenwart sah

aus wie damals die Vergangenheit, und die Vergangenheit hatte

ein verwischtes Gesicht wie eine Alabasterstatue, die lange unter

der Traufe gestanden; die liebe Zukunft aber blühte in höchster

Schönheit, ihre Haare glänzten in gleicher heller Farbe. Dennoch

stellte er sich erst den beiden älteren geneigt, um die Sinnesart

der jüngeren zu prüfen; als diese aber still und sittig blieb, wäh-

rend jene stolzierten, erklärte er sie für seine Braut, indem er ihr

die andre Hälfte des Ringes am Finger anschraubte. Da war

große Freude in der Verlassenen angezündet; der Papst erschien

und segnete beide ein. Als aber die Brautleute zu Bette gebracht

worden, ergriff die beiden älteren Schwestern eine Verzweife-

lung, daß sich die eine erhenkte und die andre in den Brunnen

stürzte. In der Nacht trat der Geist, die beiden toten Mädchen

im Arm, zum letztenmal zum Bärnhäuter und sagte: ,Du hast

alles erfüllt, was du mir gesollt, ich bin im Vorteil, ich habe mir

zwei, du dir eine Tochter geholt. Lebe wohl und bewahre deinen

Schatz."

"Aber", unterbrach sie der Alraun, "warum haben sich denn

die Schwestern so geärgert, daß sie zu Bette gegangen sind?"

Weil sich die beiden geheiratet", antwortete die Braka. "Was ist

denn heiraten?" fragte der Alraun. "Das kannst du nicht be-

greifen", sagte die Alte. - Der Alraun wollte sich umdrehen, um

mit seinen ahnenden Augen sie zu erforschen, aber im Augen-

blicke schrie er entsetzlich auf und sprang unter den Tisch, der

Alten unter den vielgeflickten Rock. "Was ist dir, Scheusal?" rief

die Alte, sah auch hin, wohin er gesehen, und warf sich schreiend

über den Geldkasten, und Bella legte den Kopf ängstlich in den

Schoß und wagte nicht aufzublicken. - "Lebende Menschen",

sagte eine rauhe Stimme, "sind doch rechte Toren, da hören sie

mit großer Freude meine schreckliche Geschichte an, und mich

selbst mögen sie nicht sehen. Wacht auf aus eurem Schrecken,

oder ich schreie, daß die Balken unter und über euch biegen und

brechen." - "Nun", sagte der Alraun unter dem Rocke der Alten,

was will er, Bärnhäuter? ich will ihm zuhören." "In welchem

Mauseloche steckst du, kleiner Knirps?" fragte der Bärnhäuter.

"Wo du großer Tölpel nicht stecken kannst", sagte der Alraun;

mach schnell, es wird mir sonst zu heiß hier, auch beißen mich

die Schmetterlinge, was willst du von uns, unsaubrer Gast?"

"Ach", sagte der Bämhäuter, "ich habe mich bei Lebzeiten so

sehr in mein Geld verliebt, daß ich den Rest hier vermauerte und

dabei nach meinem Tode Wache stehen muß, gebt mir mein ein-

ziges Vergnügen wieder heraus." - "Gib ihm hin", flüsterte die

Alte, "so dreht er uns nicht das Genick um." "Nein", rief der

Kleine, "du kriegst keinen Heller heraus, du mußt ihn abverdie-

nen; du bist aber ein starker Kerl, der uns nützlich sein kann,

insofern du deinen Körper noch gehörig instand setzen, aus-

putzen und beschlagen kannst, um damit auf Erden als unser

Knecht zu erscheinen." "Ach", sagte der Bärnhäuter, "was den

Körper anbetrifft, es sind bloß ein paar Verknöcherungen in den

Adern gewesen, woran ich gestorben, die putz ich mit einem

scharfen Messer leicht weg, es ist mir nur eine verfluchte Arbeit,

so einem kleinen Stehauf, wie du bist, auf der Welt zu dienen:

das ist auch noch eine harte Strafe für meinen Geiz." "Ei was",

sagte der Alraun und kam unter dem Rocke der Alten hervor,

"ich bin nicht eben zu klein, aber du bist zu groß, und ich weiß

nicht, was mir lieber wäre; ein Kleiner kann sich einschmiegen

und einkriechen, wo ein Großer nicht einmal hinriechen darf;

kurz und gut, willst du mir treu dienen, so zahl ich dir reichlich

alle Woche einen Dukaten, bis dein Schatz wieder beisammen."

"Ich geh den Vertrag ein", sagte der Bärnhäuter, "morgen Nacht

komm ich mit meinem wirklichen Körper, wenn ich ihn in der Zeit

fertigkriege, zurück; neben mir an ist der Diener eines vornehmen

Herren begraben, mit dem will ich Kleider tauschen; so macht

mein seidner Wams kein Aufsehen, und dem armen Teufel gönn

ich die kleine Freude wohl, sich so stattlich begraben zu finden,

wenn er am Jüngsten Tage aufsteht; er hat sich immer still und

ordentlich bis auf ein bißchen Schnarchen neben mir aufgeführt."

"Es ist gut", sagte der Alraun, "das Weibsvolk hier hört dich noch

gar nicht sonderlich gerne, drück dich, Mensch!" "Nun adies", sagte

der Bärnhäuter, "es bleibt dabei, aber einen Dukaten Mietsgeld

würde ich mir wohl ausbitten, ich habe den Totenwürmern aller-

lei Kleinigkeiten versetzt, die ich wieder einlösen möchte." -

"Da hast du", sagte der Alraun und zog mit Gewalt einen Du-

katen aus dem Haufen, worauf die Alte lag (die ihm heimlich

zuflüsterte: "Gib ihm die Hälfte, es ist auch genug"), "da hast

du den Dukaten, führ dich ordentlich bei mir auf, es soll dein

Schaden nicht sein." - Der Bärnhäuter verschwand, es dauerte

aber noch eine Weile, ehe Braka und Bella aufzusehen wagten.

Der kleine Cornelius lachte sie aus, und sie konnten sich einer

gewissen Hochachtung gegen ihn nicht erwehren. "Wenn uns der

große Kerl nur nicht einmal mit all unserm Hop-hei davon-

läuft", sagte Braka. - "Wie kann er denn", sagte der Alraun,

es ist ja eben seine große Not, daß er als ein Geist sein Wort

halten muß; ihr Menschen braucht das nicht, wenn ihr euch nicht

eurer Seele wegen nach dem Tode fürchtet." - "Bist du denn ein

Geist oder ein Mensch, lieber Cornelius?" fragte Bella. "Ich",

stammelte der Alraun, "das ist eine dumme Frage,ich bin ich

und ihr seid nicht ich, und ich werde Feldmarschall und ihr

bleibt, was ihr waret; mit solchen verfluchten, spitzfindigen Fra-

gen bleibt mir vom Halse; wenn man darüber nachdenkt, so zieht

es einem Blasen im Gehirn, wie der Meerrettich auf der Haut."

"Woher weißt du denn das vom Meerrettich?" fragte Braka.

"Als ich da oben stand unter Galgen, da stand eine Meerret-

tichpflanze neben mir, die tat sich immer viel darauf zugute, daß

sie Blasen ziehen könnte und daß die Augen bei ihr übergingen,

das nannte sie ihre tragische Wirkung. - Gute Nacht", rief er

zuletzt, "Braka, auf Wiedersehn! mach dich fort und besorg mir

nur recht bald den Kommandostab." - Als er fortgegangen, be-

redete Braka alles, was noch zu ihrer Wanderung nötig, die auf

die nächste Nacht unabänderlich festgesetzt wurde. Am andern

Abende ging Bella noch einmal in den kleinen Garten; was sie

erlebt, drängte sich ihr zusammen, jeder Zweig schien ihr be-

deutend. Der Nacht, wo sie den Erzherzog gesehen, erinnerte

sie sich, er selbst war ihr aber ganz entfallen; sie konnte sich

nicht denken, wie er ausgesehn habe, auch schien ihr das wenig

wert; sie freute sich, in die Welt einzutreten, aber sie fürchtete

die sie umgaben, und das Gefühl, daß sie ihr zu schlecht wären,

überraschte sie sehr schmerzlich; sie schämte sich ihrer, weil sie

ihren Vater gekannt hatte, und alle Dankbarkeit gegen Braka,

alle Freude, die sie über das Gedeihen des kühn und glücklich

erschaffenen Wurzelmännchens hegte, konnte diese Scham nicht

unterdrücken. Es lag ihr die Hoheit ihres ägyptischen Stammes

im Blute, und sie sah zu den Sternen zutraulich als zu ihren

Ahnen und fühlte den Sommer ihres Landes jetzt in dem kalten

Oktober, wo der Nil sinkt und alles sich zur Arbeit regt, aber

sie wußte auch das alte Verbrechen ihres Volks, daß sie der

heiligen Mutter Maria auf ihrer Flucht nach Ägypten kein

Obdach geben wollten, als sie mit ihrem seligmachenden Kinde

im starken Regen einritt; da erhob aber dieses seine Hand im

Kreise, und über ihnen stand ein Regenbogen, der keinen Trop-

fen auf sie niederfallen ließ. "Ist unsre Schuld noch nicht ge-

büßt!" seufzte Bella, und rings um den Mond erblickte sie einen

wunderbaren farbigen Kreis, daß ihr Herz aufjauchzte und ohne

Worte betete. "Mit welcher Sehnsucht hat mein geliebter Vater

Michael", dachte Bella,"nach jenen Hügeln geblickt, den ersten

Gruß der Morgensonne zu erwarten, und ich soll sie hier in der

Stille nie wiedersehen. Was haben sie mit mir vor, die mich um-

geben, soll ich fliehen in die Weite, soweit meine Füße mich tra-

gen, die Welt ist ja nirgend verschlossen!" Die Sehnsucht nach

der Freiheit bewegte sie, da flüsterte ihr Braka leise zu, die sich

ihr genähert: "Der Bärnhäuter hat schon alles aufgesackt, der

Cornelius reitet auf seinem Nacken, hast du noch was mitzu-

nehmen? "Ei freilich", sagte Bella, "da sind noch meine Pup-

pen und das Zauberbuch." "Ach, liebes Kind", sagte die Alte,

"das hat der grobe Bärnhäuter aus Unvernunft alles in den Ofen

geworfen; sei nur nicht böse, tröste dich." Bella sah nieder: "So

muß ich auch das alles verlassen, womit ich gespielt habe." "Ja,

liebes Mädchen", sprach Braka und umarmte sie, "ich habe es

dir schon seit ein paar Wochen sagen wollen, du bist nun erwach-

sen, kannst auch alle Tage einen Mann nehmen; freust du dich

nicht, Blitzmädchen? Wie ist dein Busen hervorgetreten, wie eine

Frucht unter Blättern, und du hast es nicht bemerkt, sieh, der

Mond hat Platz, seine Strahlen hinüberzurollen." "Alte, bist

du unsinnig?" fragte Bella. "Ach laß mich", sagte Braka, "!es ist

Nacht, und ich mag auch einmal vergessen, wie ich mich in aller

Welt gleich einem Rauchbesen herumgetrieben, alle Spinnweben,

allen Schmutz ausgekehrt habe, daß ich schmutzig bin und

bleibe. War auch einmal jung und artig, sang mit unsern schö-

nen Jünglingen und reimte Lieder, und nun ich dich so sehe und

du von allem nichts weißt, was mit dir geschehen, da denke ich

für dich und freue mich für dich. Sieh, du bist nun ein großes

Mädchen, und alle Lust geht dir auf, und wo du hinblickst, jeder

fühlt und will was bei dir, und wenn du nur eine Hand aus-

streckst, wird es ihnen heiß in allen Adern, sie stammern und

scheuen sich und rasen und herzen, und blickest du einen an und

dann den andern, so schlagen sie sich und rechnen ihr Blut für

nichts gegen dein Blut und vergießen es für dich." "Ach Gott",

rief Bella, "welch ein Unglück steht mir bevor, lieber lauf ich

davon und verberg mich aller Welt!" Braka hielt sie und sagte:

"Fliehen willst du, unartiges Kind? Wenn du dir das je unter-

stehst, ich will dich schon wiederkriegen, da peitsche ich dich mit

Brennesseln. Du bist doch noch dumm wie ein Klotz; wenn man

der dummen Gans alles Liebe sagt und tut, sie versteht kein

Wort; komm jetzt herein, wir haben keine Zeit übrig, ein ander-

mal sag ich dir mehr!" - Sie schob Bella ins Haus, die wunder-

lich bewegt von dem, was sie gehört, noch mehr von dem, was

sie erwarten sollte, sich über den Verlust ihrer Bücher und Pup-

pen tröstete und den Bärnhäuter kaum anstaunte, der in seiner

braunen Livree einem Bären glich, auf welchem der Alraun wie

ein menschlich angezogener Affe ritt, um sich auf einer Kirmes

sehen zu lassen. Braka ging voran, Bella folgte ihr, der Bärn-

häuter schlug die Tür zu; alle waren still, nur Braka brummelte

vor sich, wenn sie den verschneiten Weg nicht recht erkennen

konnte. Auf dem Galgenberge sahen sie großen Tanz, sie kehr-

ten sich nicht daran; ein paarmal wurden sie durch Feldhühner

erschreckt, die aus dem Schnee aufflogen. Endlich sahen sie das

Dorf Buik in einer Vertiefung liegen, und Braka erkannte die

Lampe ihrer alten Diebsschwester, der Nietken.

Sie näherten sich leise einer Gartentür, und Braka machte ihre

Gegenwart durch Wachtelgeschrei kund. Es kam ein kleines Mäd-

chen, die sah sie an, machte die Türe auf und führte sie in einen

Keller und durch den Keller die Treppen hinauf in ein Boden-

zimmer, das durch die Türe eines Nebenzimmers erleuchtet wur-

de. Braka ging unverzagt in dieses zweite erhellte Zimmer, wo

eine dicke, alte Frau, die in einem schönen, grünen, seidnen Kleide

einer Platznelke glich, weil sie dasselbe hin und wieder teils mit

ihrem roten Gesicht und Händen, teils mit ihrem rotwollenen

Unterrocke durchschimmern ließ, vor einem kleinen Hausaltare

kniete, der mit einem schönen Bilde der Mutter Maria und vie-

len bunten Wachskerzen geheiligt war. - "Nun, du alter Sau-

sack", sprach Braka, "betest du wieder, weil du viel getrunken

hast und der Schluckauf dir nicht vergehen will?" Frau Nietken,

denn das war die Betende, sah sich um, winkte mit der Hand

und betete ihren Rosenkranz emsig fort. Der Bärnhäuter fand

sich auch zur Andacht gestimmt, er kniete nieder, auch Bella, die

recht schöne Gebete wußte; aber Braka, die alle Schlüssel und

Gelegenheiten des Hauses kannte, nahm eine große Kanne schwer

Bier aus einem Wandschranke und trank für alle.

Unterdessen war der Alraun über allen lächerlichen Kram im

Zimmer, wo alte Tressen, Lappen, Küchengeschirre, Leinenzeug

in abgesonderten Haufen lag, so verwundert, daß er sich nicht

satt daran sehen konnte; alles war ihm neu, aber er wußte sich

bald alles zu deuten. Frau Nietken, die eine Trödlerin von sehr

ausgebreitetem Handelsverkehr war, versammelte die seltensten

Vorräte von Altertümern aller Art; da war im Hause auch das

kleinste Hausgerät nicht in der Art zusammenhängend und dem

Hause gemäß, wie man es sonst allerorten findet; sondern aus

einer sehr natürlichen Auswahl der Leute, die sich immer das

Brauchbare aus ihren Ankäufen herausgesucht hatten, war ihr

zum Gebrauche nur das Abenteuerlichste geblieben, was die

Laune irgendeiner Zeit oder eines Reichen für einen besondern

Fall geschaffen hatte. Die Stühle zum Beispiel in der Dachkam-

mer waren von hölzernen Mohren getragen, über jedem ein

bunter Sonnenschirm, sie stammten aus dem Garten eines reichen

Genter Kaufmanns, der viel Geschäfte in Afrika gemacht hatte.

In der Mitte des Zimmers hing eine wunderliche gedrehte Mes-

singkrone, sie hatte sonst die aufgehobene jüdische Synagoge zu

Gent beleuchtet, jetzt steckte ein gewundenes buntes Wachslicht

zu Ehren der Mutter Gottes darauf. Der Altar war eigenlich ein

abgedankter Spieltisch, an welchem die ledernen Geldsäcke aus-

gerissen und eine gewesene Salzmäste, mit Weihwasser gefüllt,

eingesetzt war. An den Wänden hingen gewirkte Tapeten,

welche alte Turniere darstellten, die Ritter und die eisernen

Harnische hingen in Plundern herunter.

Die gute Frau Nietken, die zu ihrem Geschäft, das sich auch

gelegentlich über gestohlne Sachen ausbreitete, die sich in dem

Hause gar leicht verstecken ließen, alles Gaunervolk der Gegend

brauchte, war eine Herzensfreundin von Braka, die ihr sehr gut

nach dem Maule schwatzen konnte. Kaum hatte sie ihr letztes

Ave gebetet, so erhob sie sich im Verhältnis zu ihrem dicken

Leibe mit großer Rüstigkeit, stellte sich mit eingestemmten Ar-

men vor Braka hin und sprach: "Nun, du alte Vettel, kannst

wohl gar nicht mehr beten, hat es dir dein Herrgöttchen, der

Teufel verboten? Wann wird er dich holen? Du altes Weib

wirst ja alle Tage runzlichter. Pfui Teufel, wenn ich so aussähe

wie du, ich ginge nicht über Feld!" "Du bist schön jung",

kreischte Braka, "siehst aus wie mein alter, dicker Spitz, wenn

ich ihn frisch geschoren; die weißen Haare wachsen strichweis

aus dem roten Gesichte heraus; hast sicher heut zu viel Pfeffer-

wasser getrunken. Kannst du noch russisch tanzen, du tolles altes

Trompetergesichte?" "Heida, das geht noch!" trompetete Frau

Nietken und tanzte zu aller Erstaunen, als wollte sie die Beine

sich ausschlenkern, rutschte dann auf den Knien, klatschte an

ihr Fleisch, bis alle in ein entsetzliches Gelächter ausbrachen,

und sie schwur, daß ihr alle Knochen im Leibe zerbrochen wären,

und daß sie ein Glas spanischen Wein trinken müsse.

Nun sah sie erst beim Wein die übrigen an. Als sie Bella er-

blickte, sagte sie zu Braka: "Laß mir die, die soll mir zur Hand

gehen; was hast du für Schlechtigkeit mit der im Sinn, soll dir

die Geld verdienen?" Braka versicherte ihr mit recht ehrerbieti-

ger Stimme, dies sei ihre Herrschaft. "Wer ist denn die Kröte

da?" fragte Frau Nietken weiter und wies auf Cornelius. "Ich

bin der Feldmarschall Cornelius", antwortete der Alraun, "hab

Sie mehr Achtung gegen mich, alter Hahnenkamm!" "Nun",

fuhr sie fort, "der muß wohl Feldmarschall bei den Unter-

irdischen sein; wer aber bist denn du, alter Zeiselbär, hast ja

eine Livrei, die ich kennen sollte? Ei ja, ich hab sie dem Herren

von Floris für eine neue gebracht, die er seinem alten Bedienten

im Grabe nicht gönnte. Am Ende ist die zum Stehlen auch nicht

zu schlecht gewesen; hast du sie aus dem Grabe geholt, du siehst

darnach aus!" - Der Bärnhäuter, den sie also anredete, ohne ihr

zu antworten, reichte ihr eine derbe Maulschelle, worauf das alte

Weib sogleich ganz nüchtern wurde und fragte, was sie beföhlen.

Braka konnte ihr jetzt alles deutlich machen, was sie an guten

Kleidern und Schmuck brauchten, und da sie in aller Frühe in

ihrem besten Staatswagen nach Gent gefahren sein wollten, um

dort irgendein mietfreies Ritterhaus zu bewohnen.

Die treffliche Frau Nietken hatte es gleich weg, daß viel bei

diesem Handel zu verdienen sei; also weckte sie im Augenblicke

ihre Leute und lief treppauf treppab, um das Schönste ihnen

auszusuchen. Arme voll Kleider warf sie ins Zimmer, da wurde

ausgesucht und zwei Koffer damit gefüllt; mit Wäsche konnten

sie nur sparsamer versorgt werden, denn die Niederländer ver-

kaufen lieber ihr Kleid als ihr Hemde. Nachdem für den Anzug

gesorgt war, sprang Frau Nietken herbei mit Kohlen und einem

Brenneisen, um die Haare nach damaliger Sitte zu locken. Da

half es nicht, daß Bella ihr die natürlichen Locken ihrer Haare

zeigte, die waren ihrem feinen Geschmacke nicht gut genug; es

war dem armen Kinde wie eine Teufelsklaue, die sie gepackt,

als sie die Haare, um das heiße Eisen gewickelt, ihr heiß an die

Stirn drückte. Bellas Hinterhaare waren trotz des Abschneidens

noch lang genug zur damaligen Lockentracht. Bellas fürstliches

Ansehen hielt Frau Nietken in gewissen Schranken; auch Braka,

als sie gewaschen und frisiert war, hatte sich veredelt, sie er-

schien wie eine sehr ehrwürdige alte Hofmeisterin, denn als Mut-

ter der schönen Bella hätte man sie wohl nicht durch den An-

blick anerkennen mögen. Die Eitelkeit erwachte in Braka wie in

Bella nicht schlecht, und als sie erst ihre seidnen Kleider angezo-

gen, stolzierten beide stillschweigend vor den Spiegeln herum.

Aus dem Feldmarschall konnte Frau Nietken am wenigsten

machen. Umsonst hatte sie ihm sein grobes Haar gestutzt, er war

und blieb nach der ganzen zusammengedrückten Gesichtsform,

den hohen Schultern und der beengten Sprache ein Zwerg. "Hör,

Kleiner", sagte sie, "wenn du kein Zwerg bist, so bin ich keine

ehrliche Frau!" - "Was", sagte Cornelius, "ich bin ein Mensch,

und du nennst mich einen Zwerg? Was ist denn ein Zwerg?"

"Ich weiß es wahrhaftig nicht", sagte Frau Nietken, "aber du

kamst mir vor wie ein Zwerg; ich glaub, du könntest dich für

Geld sehen lassen!" "Das wäre mir lieb", sagte Cornelius, "viel-

leicht!" und meinte in seiner geldbringenden Natur, alles, was

mit Gelde bezahlt würde, sei auch ehrenvoll, und das sei eine

Artigkeit der guten Frau.

Am Morgen waren alle ausstaffiert, Cornelius wurde im

Schlafrock in die schöne, vergoldete Kutsche getragen, seinen

Kopf hielt die Frau von Braka, Fräulein Braka seine Beine, der

Bärnhäuter saß auf dem Bocke; so fuhren sie mit ziemlichem

Herzklopfen aus, teils von der Furcht, teils von den Kleidern

eingeklemmt, denn der neue Staat wollte keinem recht passen;

aber freilich war er auch ziemlich zusammengetrödelt und doch

so teuer, daß der Bärnhäuter über die Anwendung seines Schat-

zes heimlich geseufzt hatte. Als sie eine halbe Stunde gefahren

waren, fing Cornelius heftig an zu lachen und sagte: "Die alte

Katze meinte, daß sie uns recht geprellt hätte, ich hab sie aber

angeführt: in den alten Stiefeln, die sie mir angezogen hat, ist

ein schöner Schmuck von kostbaren Steinen eingenäht, wer weiß

es, wie sie dazu gekommen; sie hats aber nicht gewußt; trennt

einmal die Naht ganz zierlich mit diesem Messerchen auf." -

Braka machte sich darüber, schnitt die Stulpen auf und fand die

kostbarsten Diamantketten zum Halsschmuck; sie griff sich aus

Vergnügen nach alter Gewohnheit in die Haare und verdarb

sich damit ihren halben Kopfputz: "Ach, wie prächtig wird mir

der kleiden!" sagte sie und machte Anstalten, ihn um ihren

gelben Hals zu legen. Cornelius aber verlangte, daß Bella ihn

tragen sollte, und es wäre darüber vielleicht zum Streit gekom-

men, wenn die Nähe der Stadt die Aufmerksamkeit der Alten

nicht gefesselt hätte. Cornelius hing der schönen Bella die Hals-

kette ungestört um, die ihr künftig so wichtig wurde. "Seht

euch doch um, ihr Kinder", rief jetzt Braka, "euch ist es was

Neues und ihr achtet nicht darauf: seht den lieben Reichtum

rings an der Stadt, die Frachtwagen ziehen so breit, daß wir

ihnen kaum ausweichen können." Aber Cornelius und Bella

sahen nur nach den zierlichen Reitern, die ihre Pferde tummel-

ten; nach den Schafen, die von den Metzgern zur Schlachtbank

getrieben wurden; ein Wagen voll Kälber, die jämmerlich auf-

einanderliegend blökten, erschreckte Bella, so auch das Lärmen

in den Wirtshäusern der Vorstädte, wo der tägliche Erwerb

schon so früh Zank und Schlägerei erweckt hatte.

"Endlich kamen sie an die Torwache; ein Bürger trat mit der

Hellebarde heran und fragte, woher sie kämen. "Aus dem Lande

Hadeln!" antwortete Braka in der Verlegenheit, "ich bin Frau

von Braka, dies ist meine Tochter und dies mein Neffe, der Herr

von Cornelius." - "Fahr zu", rief die Schildwache, und der Kut-

scher brachte sie, während sie zitternd triumphierten, daß ihnen

von der Wache kein Einwurf gemacht worden, nach dem Hause

am Markte, das Frau Nietken zu vermieten den Auftrag hatte,

wo sie ohne alle besorgliche Ereignisse abstiegen und sich ein-

richteten.

Die ersten beiden Monate wurden darauf verwendet, ein vor-

nehmes Wesen zu erlernen; es wurden Lehrer und Lehrerinnen

angenommen, und was sich im Betragen der alten gnädigen Frau

nicht schickte, wurde immer dem Lande Hadeln zur Last gelegt,

wo das Adeln noch nicht recht tief eingedrungen sei. Bella er-

schien bald in allen ihren Sitten der feinsten Gesellschaft gleich;

sie sprach Spanisch mit Fertigkeit. So verborgen sie sich hielt,

war sie doch schon das Gespräch der jungen Leute, die alle Tage

vor dem Hause vorüberritten, um sie zu sehen und ihre Auf-

merksamkeit auf sich zu ziehen. Der Herr Cornelius befand sich

am schlechtesten bei seinem neuen Stande, die enge Kleidung

wollte ihm gar nicht behagen, und das Fechtenlernen machte ihn

zum Umsinken müde. Auf der Reitbahn konnte er es mit allem

grimmigen Gesichterschneiden durchaus nicht vermeiden, daß

nicht über ihn als über ein Wundertier gelacht wurde, die zahm-

sten Pferde wurden bei seiner ewigen Unruhe wild und warfen

ihn herunter. Er aber war nicht abzuschrecken, er stieg gleich

wieder auf, und das wiederholte sich oft zehnmal in einer

Stunde; kein andrer Mensch hätte diese Stöße aushalten können.

Glücklicher war er in seiner übrigen Ausbildung; seinen Lehrer

der Rhetorik beschämte er oft mit seiner Beredsamkeit und

ärgerte ihn mit seinen Späßen. Er konnte den meisten Leuten in

ihrer Sprache geschickt nachreden, hatte aber keine eigne Sprache;

dennoch machte ihm sein boshafter Wille, der manches Versteckte

mit ahndendem Auge auffassen konnte, eine Menge Bekannte,

die ihn in Schutz nahmen und alle Leute auf den Fuß mit ihm

setzten, daß dem Kleinen nichts übel zu nehmen sei; ihm wurde

jede Stadtgeschichte vorgetragen, und er mußte sie vermehren

und mit Einfällen spicken, so wurde sie weiter in Umlauf ge-

setzt, daß eine Art von Reibung in der Stadt entstand, die end-

lich auch den Erzherzog berührte. Der Erzherzog hatte die Nach-

richt bekommen, daß er wegen eines im Briefe an seinen Groß-

vater Ferdinand ausgelassenen Titels von ihm enterbt worden sei,

als er eben ärgerlich nach Hause kam, weil er ein tragendes Reh,

das er für einen Rehbock angesehen, geschossen hatte. Beide Er-

eignisse hatte der kleine Cornelius gleich in Verbindung gesetzt

und bat einen Pagen, er möchte dem Erzherzog raten, statt beim

Großvater lieber im Walde einen Bock zu schießen.

Der Erzherzog erfuhr die Worte, und da er leichten Blutes

war, so mußte der Edelknabe den Spötter zum Essen laden. Der

kleine Cornelius trat innerlich mit einem Beben, aber um so

frecher und unverschämter ins Zimmer; Karl war in der Blüte

seines Lebens, und sein Mitleid beschwichtigte den lächerlichen

Eindruck, den ihm der kleine stramme Kerl machte. Karl fragte

ihn über sein Land aus, der Kleine war unerschöpflich in lächer-

lichen Beschreibungen von den Bauern im Lande Hadeln, und

jedermann hätte geschworen, es sei wahr. Über das ihm reichlich

wie Zuckerwerk zugeworfene Lob stieg ihm der Mut immer

mehr in der Eitelkeit, wie ein Tauchermännlein, wenn der Druck

der großen Hand über ihm nachläßt; er fing an von seinem

Zweikampfe zu prahlen, den er zur Ehre seiner Damen gegen

zwei fremde Ritter bestanden, die er tödlich verwundet hätte,

wobei er aber selbst an der Brust durchstoßen, so daß er halbtot

nach Gent gefahren sei. Als einige nach dem Wundarzte fragten,

der ihn behandelt, und seiner Zuversicht mit zweifelndem Blick

begegneten, riß er sich die Weste auf und zeigte seine eingekerbte

Wurzelhaut, die jedermann für vernarbt ansah. Nach diesem

Hauptschlag rühmte er seine Reichtümer und seine Familie; die

Tante Braka wurde eine so altadelige herrliche Hofdame, voll

Erfahrung und Charakter, Herzensgüte, Zartgefühl und feiner

Lebensart, wie Gent noch keine aufzuweisen hätte. Bellas Schön-

heit übertraf nach seiner Beschreibung die Helena; dabei erzählte

er von ihrer Unschuld eine Menge Anekdoten, die allerdings

wahr waren, die ihm aber niemand glauben wollte, weil sie

ihre wunderliche Erziehung und Natur hatten kennen müssen.

Zuletzt gab er zu verstehen, daß er sie heiraten werde. Der Erz-

herzog bekam einen eignen Anfall von Sehnsucht nach ihr, wie

er aber schon früh sich zu verbergen wußte, so suchte er nur

durch Spott den Kleinen dahin zu bringen, daß er einmal

öffentlich mit seiner Braut erschiene, und dazu schlug er ihm die

nächste Kirmes in Buik vor, die von allen vornehmen und gerin-

gen Gentern gleich zahlreich besucht werde. Der Kleine ließ sich

fangen und gab das Haus der Frau Nietken an, wo er mit den

Seinen erscheinen wollte. Nach dieser Verabredung gingen sie

auseinander, aber der Erzherzog, der noch kein Mädchen näher

kennengelernt hatte und die meisten nicht der Mühe wert gehal-

ten, empfand ein solches unwiderstehliches Vorgefühl, daß er

auch ohne Bellas täglich herrlicher sich entfaltende Schönheit

sich wahrscheinlich in ihr unschuldiges und heimliches Wesen

verliebt hätte. Er sprach mit Cenrio, der sein Vertrauen durch

Aufopferung seiner Pflicht oft schon bei unbedeutenderem Anlaß

erkauft hatte, wie sie der strengen Aufsicht des Adrian von

Utrecht, des Oberhofmeisters, entgehen könnten. Cenrio ver-

sprach, ein altes Buch mit einem falschen Titel einzurichten, daß

Adrian glauben könne, es sei ein ihm unbekannter Anhang zu

den Sentenzen des Petrus Lombardus, über die er einen Kom-

mentar schrieb; das solle bei Frau Nietken zum Verkauf lie-

gen, und so werde er sich gleich darüber machen, es zu durch-

laufen, und ließe sie laufen, wohin ihr Lusten sie treibe. Der

Erzherzog war des Vorschlags sehr froh. Nichts schmeichelte

einem jungen Fürsten mehr, als in der Befriedigung seiner Lei-

denschaft die Klugheit lächerlich zu machen, und nichts verdirbt

schneller.

Als die Begeisterung des Wurzelmännchens über alle Ehre, die

er beim Erzherzog genossen, etwas nachgelassen mit dem Wein-

dunste, der seinen kleinen Kopf eingenommen hatte, so gingen

ihm alle einzelnen Reden hindurch, die er mit ihm geführt, daß

er sich als Bräutigam ausgegeben, daß er Bella auf der Kirmes

ihm zeigen wollte. In eitlem Vergnügen rieb er sich die Hände

und konnte sich nicht enthalten, alles dem alten Bärnhäuter zu

sagen, der wie alle Bedienten klug genug war, so dumm er in

seinem Dienste sein mochte, seinem Herren den Kutzen zu strei-

chen, aus welchem ihm schon manches Trinkgeld gefallen. Dies

vollendete, wozu der Kleine aus Nachahmerei seiner Bekannten

schon vorgereift, eine feste Überzeugung in ihm, er sei in Bella

verliebt, und bei der vielen Zärtlichkeit, die sie aus einer Art

mütterlichen Gefühls ihm bezeugte, glaubte er in ihr ein gleiches

Gefühl voraussetzen zu dürfen und hielt seinen Vorteil für so

gewiß, daß er nicht einmal die ahndenden Augen auf sie zu wer-

fen nötig fand, um zu unterscheiden, wie sich alles in ihr ver-

wandelt hatte, wie sie nicht bloß mit ihren Augen die Frühlings-

sonne, sondern auch mit ihrem Herzen die Liebe gesucht habe.

Er kannte nicht die Macht des Frühlings, der aus dem Himmel

in alle Fenster ruft: "Ihr Mädchen, schaut euch um nach einem,

der mir gleicht!"

Auch Bella hatte die Frühlingsstimme gehört und lief unzäh-

ligemal von ihrer Arbeit ans Fenster, und so kam es, daß seit ein

paar Tagen mit ihr eine so gerechte und natürliche Veränderung

vorgegangen war. Sie hatte in der Abwesenheit des Kleinen, der

die Zimmer nach der Straße bewohnte, einmal gerade zu der

Stunde durch die Teppiche der dichtverhängten Fenster nur mit

einem Auge gesehen, als der Erzherzog mit seinem Gefolge vor-

beiritt; aber ein Schlag, mächtig wie jener, der sie auf dem Gal-

genberge betäubte, doch ohne jenes Schrecken, hatte ihre Er-

innerung aufgeklärt, und wie das goldne Vlies an einer starken,

unauflöslichen Kette um seinen Hals hing, so war sie an seinen

Blicken hängengeblieben, das sanfte, liebe Lamm, mit ganzer See-

le; und alles, was sie vor dem Zauberschlage am Galgenberge in

ihrer Seele für ihn gefühlt hatte, das war in der Einwirkung seiner

hellen Augen ihr wieder ganz gegenwärtig geworden. Ja, als er

vorbei war, schlug sie die Hände über den Kopf zusammen und

weinte so heftig, weil ihr alles verhaßt war, was sie erlebt, was

sie umgab, daß Braka herbeieilte und lange kein Wort ihr ent-

locken konnte und endlich selbst mit ihrem Troste in ein geselli-

ges Heulen ausartete. Bella mußte sich einem in der Welt ver-

trauen, sie bekannte ihr endlich, wer ihr wieder erschienen, wie

verhaßt ihr nun dieses Lernen im Stadtleben sei, wie froh sie

jetzt im kleinen Hause vor der Stadt an den Bodenfenstern Früh-

ling und Sommer in Nähe und Ferne überschauen könne, der jetzt

kaum in einzelnen Baumspitzen und abgebrochenen Blumen-

sträußen zu ihnen dringe. "Mutter", seufzte sie, "wie möchte ich

still ungestört in einsamen Nächten durch die Fluren schauen und

beten." Als Braka das gehört, schlug sie lustig in beide Hände

und sprach: "Sieh, verstehst du nun, was ich dir im Garten sagte,

ehe wir nach Buik gingen? Nun, wenns weiter nichts ist, da will

ich dir schon Mittel schaffen, die dir besser helfen als Seufzen

und Beten. Du sollst ihn haben, du mußt ihn haben, denn sieh,

liebes Kind, das ist schon lange mein versteckter Plan mit dir, den

auch die Oberhäupter unsres Volks billigen. Du mußt von die-

sem künftigen Erben der halben Welt ein Kind bekommen, das

durch die Liebe seines mächtigen Vaters den zerstreuten Über-

bleib deines Volkes in Europa sammelt und in die heiligen Wohn-

plätze unseres Ägypterlandes zurückführt. Also weine nicht, das

macht dir die Augen trübe, ich will ja nichts andres, als was dir

lieb ist." "Aber wie soll ich von ihm ein Kind kriegen?" fragte

Bella. "Wird er es mir gleich ohne Umstände aus dem Brunnen

holen, von dem mir der Vater erzählte, wo eines immer muß die

Leiter halten, während das andre heruntersteigt?" "Liebes Kind",

sagte Braka mit verschmitzter Bosheit, "wenn du mit ihm allein

bist, mußt du ihn recht dringend darum bitten; wenn er gerade

in recht gnädiger Stimmung, so gewährt er es dir vielleicht im

Augenblicke, und du wirst immer stark genug sein, ihm dabei die

Leiter zu halten!" "Ach, mein Karl ist gewiß gut, das sagte mir

sein Auge, seine Stirn, als er im Vorbeireiten das Barett vor

einem alten einbeinigen Kriegsknecht abnahm, er tuts mir gewiß

zu Gefallen", rief Bella; "wir wollen es ihm durch den Kleinen

sagen lassen." - "Um unsrer lieben Jungfrau harte Haut am

Fuße bitte ich dich", sprach Braka und hielt ihr den Mund, "sage

dem kein Wort, denn sieh, der würde es dir in seiner Bosheit

nicht vergeben, daß du dich bisher stelltest, als sei er dein Schatz."

"Mein Schatz, nein, das war er nie" , sagte Bella, "aber er war

mir bis zu dieser Stunde lieb; jetzt wollte ich, wir hätten ihn oben

stehen lassen beim Meerrettich, er scheint mir jetzt recht un-

menschlich, ich weiß nicht, warum?" "Nun, Kind", fuhr Braka

fort, "darin kann ich dir nicht unrecht geben; ich hab mich lange

gewundert, wie du so schmeichelnd zuweilen den garstigen Knie-

hoch auf deinen Knien reiten ließest, während er dir alles ge-

brannte Herzeleid antat, deine Zeichenbücher zu Papierknallen

zerriß, Suppe auf deine Kleider schüttete. Aber sei klug, folge

mir, laß dir nichts merken, wenn ich ihm die verfluchten Augen

hinten einmal packen kann, reiß ich sie ihm aus, daß er das nicht

entdeckt. Er muß uns Geld und Gelegenheit schaffen, daß wir

den Erzherzog sehen; schmeichle ihm recht, daß du ihn liebst."

"Aber ist das nicht unrecht?" fragte Bella. "Wie dumm", rief

Braka, "wenn es ein Mensch wäre, ei nun, aber eine alte Wurzel,

was kann man da für Unrecht tun, eine andre wird mir nichts,

dir nichts klein geschnitten und gekocht; Ehre genug für diese,

daß wir mit ihr wie mit einer Puppe zuweilen umgehen. Nun

weiß ich wohl, es wird uns nicht leicht werden, seiner loszuwer-

den, aber da hab ich mein Plänchen mit dem Bärnhäuter, der ist

des Dienens zum Verzweifeln satt und müde und möchte sich

gern wieder zu Grabe legen, der mag ihn mit dem Schatze neh-

men. Hat dich der Erzherzog lieb, so brauchen wir keine solche

Schätze, der wird uns nicht Hungers sterben lassen." -

Bella, in ihrer Ungeduld nach dem Erzherzoge, ging alles ein,

sie wollte sich gegen den Kleinen zärtlich stellen, und sie hatte

in den nächsten Tagen schon Gelegenheit dazu, als er von dem

Erzherzoge heimgekehrt war und ihr zum erstenmal von der

Zukunft redete, wie sie sich in Gent vermählen und niederlassen

wollten. Braka war gegenwärtig und fragte ihn listig, wie es

denn mit seinem Kriegshandwerk jetzt stehe, ob er bald General

oder Korporal sein würde? Er lächelte selbstzufrieden und gab

zu verstehen: seine Anstellung sei ziemlich unfehlbar, er ver-

möchte alles über den Erzherzog; dann erzählte er ihnen, wie

er mit diesem eine Zusammenkunft in Buik zur Kirmes verab-

redet hätte, sie möchten sich doch bei Frau Nietken einige artige

Zimmer bestellen. Braka war heimlich erfreut, wandte aber

scheinbar ein, daß die Frau sie kenne und sie verraten möchte,

doch freilich sei dies in Gent ebenso möglich, und mit Geld ließe

sie sich leicht in ihr Interesse ziehen. Die Lustfahrt wurde also

beschlossen und gleich die Schneiderinnen zu einem rechten Fest-

staate in Bewegung gesetzt; es entstand ein Geschicke nach allen

Seiten, daß selbst der arme Bärnhäuter, trotz seiner kalten Lei-

chennatur, schwitzen mußte. Dieser gute Kerl tat wirklich alles,

was man nur von einem lebenden Menschen erwarten konnte,

dabei aß er aber so gewaltig, daß seine irdische Natur ein frisches

Leben gewann und er sich immer mehr überzeugte, er werde sie

nicht mehr so geruhig zu Grabe bringen, wie sie sonst darin ge-

legen, auch erhob sich zuweilen ein solcher Streit zwischen dem

lebenden und verstorbenen Körper in ihm, daß es ihm über der

ganzen Haut zuckte und juckte. Ebensolcher Zwiespalt war in

seiner Meinung von der Herrschaft: sein verstorbener Leib rech-

nete sich zu Herren Cornelius, sein neulebender war ganz der

Frau Braka und der schönen Bella ergeben und achtete den

Herren nicht mehr als einen Glückspilz. Wie nun die eine oder

die andre dieser Seiten hervortritt, werden wir ihn bald für den

einen, bald für den andern tätig sehen; doch verriet er keinen

dem andern.

Alles war endlich zur Fahrt bereit. Der Wagen hatte dreifach

bezahlt werden müssen, solch eine Menge Leute, die sonst im

stillen Gewerbe lebten, hatten diesen Tag zum Auslüften sich

erwählt. Da traten so viele verlegne Kleider ans Licht, da lärm-

ten die Kinder so früh im Hause; aber nur die wenigsten konn-

ten sich der Bequemlichkeit eines Wagens erfreuen, die meisten

mußten sich in langen Reihen einen Weg durch das Korn drän-

gen, um nicht im Staube des Fuhrweges zu ersticken; doch zogen

andre diesen vor, weil viele die reichen, geputzten Kaufleute

und den Adel nicht früh genug zu sehen meinten, wenn sie dort

alle versammelt wären, sondern sie einzeln auf dem Wege dahin

zu mustern wünschten. Insbesondere war aber die Schaulust

durch die allgemein verbreitete Nachricht gespannt worden, daß

selbst der Erzherzog im großen Staate des Vliesordens mit allen

seinen Edelknaben und allen Rittern die Lustbarkeit der Buike

Kirmes mit seiner Gegenwart beehren werde, eine Herablassung

die ohne Beispiel war und die Vorsteher des Orts zu der gewal-

tigsten Anstrengung an Reden und Ordnungsgesetzen, Ehren-

pforten und Blumenopfern begeistert hatte. Von einem sicht-

baren Punkte zum andern waren Bauern mit Fahnen ausgestellt,

durch deren Wink der Ausritt des Erzherzogs kundgetan wer-

den konnte; bei jeder Fahne hatte sich ein Haufe Wanderer ge-

sammelt. Dieser Prinz, der weniger mit dem Feste als mit seiner

Liebe beschäftigt sein wollte, täuschte aber die allgemeine Neu-

gierde, indem er sich ganz einsam mit Cenrio und Adrian in

einer bedeckten Gondel einschiffte, um unmittelbar am Hause

der Frau Nietken, wo Cenrio ihnen Zimmer bestellt hatte, ab-

zutreten. Unterwegs nahm er zum erstenmal einigen willigen

Unterricht in der Dialektik bei Adrian, dem es eine Freude war,

als der Prinz den Schluß erfunden hatte: "Alle junge Männer

sind verliebt, Cajus ist ein junger Mann, also ist Cajus verliebt."

Der genannte Cajus war aber unser Erzherzog selbst, der dabei

heimlich mit Cenrio lachte. Der Erzherzog war in den bloßen

Gedanken an die schöne Unbekannte, die er an dem Tage sehen

sollte, so verliebt, daß es ihm wie eine Überfahrt auf dem lang-

samen Styx zu einem neuen Leben schien, wo alles freier, wun-

derbarer, lieblicher und schrecklicher ihm erscheinen sollte. Adri-

an dachte heimlich an das Buch des Petrus Lombardus, wovon

ihm Cenrio erzählt, daß er es bei einer Trödlerin gesehen, Cen-

rio an die künftige Gunst, die seiner warte, wenn der Erzherzog

zur Regierung gekommen.

In solchen Gedanken landeten sie im Hofe von Frau Nietken,

die, ungeachtet sie von Cenrio wohl unterrichtet war, doch sich

stellte, als kennte sie ihre hohen Gäste nicht, und es bedauerte,

daß ein paar Familien aus Gent ihr Haus in Beschlag genom-

men hätten. Adrian fragte, ob sie nicht in der Bibliothek unter-

kommen könnten, aber Frau Nietken lachte, daß ihr der Kader

schwoll, sie hätte nur ein paar alte, wurmstichige Schwarten, die

lägen in einer Bodenkammer, wo sich knapp ein Mensch um-

drehen könnte. Adrian ließ nicht nach, bis sie dahin geführt

wurden; erst dort sagte er ihr, daß ihrem Hause die Gnade ge-

worden sei, den Erzherzog zu beherbergen, die Familien aus

Gent würden wohl aus Achtung gegen ihn ein paar Zimmer nach

der Straße frei machen. Das dicke Weib schien beinahe in die

Knie zu fallen aus Verwunderung und Demut, küßte die Zipfel

der erzherzoglichen Feldbinde und eilte in das Zimmer der Frau

von Braka, um ihr anzuzeigen, daß der Erzherzog gekommen,

daß sie ihm die benachbarten Zimmer einräumen und die Türen

offen lassen wolle.

Der Kleine war in der Zwischenzeit mit dem Bärnhäuter schon

auf den Jubelplatz in der Mitte des Orts gegangen, um den Erz-

herzog zu erwarten, von dem er sich recht viel Ehre versprach.

Zu seinem Leid mußte er dessen Abwesenheit von Edelknaben

des Prinzen erfahren, die vor dem Rathause, dessen prachtvoller

alter Bau mit großen Fenstern und Türmen der einzige Rest

von der ehemaligen Größe des Ortes war, alle Reden der Ge-

meindevorsteher, die auf den Prinzen berechnet waren, abhör-

ten. Er wollte gleich nach Hause, um die fehlgeschlagene Erwar-

tung mit dem Prinzen seinen Frauen anzukündigen; aber ein

paar Vertraute Cenrios, die ihn auch kannten, nahmen ihn bei-

seite und sprachen ihm vor, warum er sich jetzt keine ansehnliche

Stelle unter dem neuerrichteten Fähnlein vom Prinzen erbitte,

den er so gut kenne und der ihm so gewogen. Der Kleine wurde

ganz heiß vor eitler Lust bei diesem erwünschten Vortrage, der

seinen Lieblingsgedanken zutage förderte, er ließ sich wohlge-

fällig mit den beiden in ein Gespräch ein, und als sie ihn auf ein

Glas Wein in ein nahgelegenes Haus nötigten, schickte er den

treuen Bärnhäuter an seine Frauen mit der Nachricht zurück,

daß sie den Erzherzog nicht unnütz erwarten möchten, er sei

ausgeblieben, einige wichtige Geschäfte hielten ihn mit Edelleu-

ten des Hofes zurück, nachher wollte er ihnen die Zeit vertrei-

ben. Die Zeit verging dem Kleinen sehr schnell, denn außer den

schmeichelnden Freunden und dem guten Weine wirkte auf ihn

der Rausch einer unendlichen Volksmenge, die sich mit Leib und

Seele diesen drei lustigen Tagen aufopfern wollte und deswegen

auch nicht die kleinste Zeit in dem angefangenen Werke zu ver-

lieren strebte. Welche Vorräte an Fleisch, Kuchen und Brot wur-

den da teils von den Ankommenden ausgepackt, teils aus den

Wirtshäusern geholt; es war ein Frühstück, wie sonst ein erstes

Mittagsbrot nach den Fasten, und sicher wäre den Heißhungri-

gen mancher der ungeheuren Bissen im Halse steckengeblieben,

wenn sie nicht eine künstliche Schleuseneinrichtung mit Wein

und Bier gemacht hätten, wodurch alles glücklich an seinen Ort

hinuntergeschwemmt wurde. Die Niederländer verstehen so

etwas vortrefflich, und die Städter waren in dieser Zeit so über-

mächtig reich durch Handel und Wandel mit aller Welt, daß

ihnen alles inländische, unmittelbare Landeserzeugnis fast un-

bedeutend wenig kostete. Einem Reichen war es eine Kleinigkeit,

Tausende durch Wohltaten zu sättigen, darum gab es eigentlich

keine Notleidende in den Städten und nur Bettler, die in dem

müßigen Leben ihre Freude fanden. Aber auch diese entzogen

sich zu solchen öffentlichen Festen ihren Lumpen und trieben als

Schauspieler in Königstracht ihren Mutwillen vor der Welt,

deren Mitleid sie sonst anflehten. Einige Fässer, die mit Brettern

überlegt waren, dienten ihnen zum Theater; ein Platzknecht, ein

langes, ausgestopftes Kissen an der Peitsche, hieb auf die Kinder,

die in ihrer Neugierde an das Theater heranklettern wollten;

zugleich hatte er eine Schellenkappe mit Eselsohren auf dem

Kopfe, sprach als Narr im Stücke und mit den Zuschauern. Un-

ser Kleiner war ganz entzückt von dem Schauspiele. Die Ge-

schichte des Menschen, der, von seiner Frau in einen Hund ver-

wandelt, soviel vergebliche Versuche macht, sich den Leuten als

ein vernünftiger Mensch zu beweisen, zog ihn so an, daß er so

nahe kletterte, bis ihm der Platzknecht einen derben Schlag über

den Rücken zog. Unser Kleiner glaubte sich vor den Augen aller

Welt grimmig beschimpft, er zog seinen Degen und ging gegen

den Schalksnarren an, der sich sehr lächerlich mit seiner ausge-

stopften Wurst gegen ihn verteidigte; alles schrie vor Vergnü-

gen. Viele, weil sie den Spaß zwischen dem kleinen und dem

großen Manne für eine verabredete Posse hielten, munterten

beide auf; die Kinder kletterten auf die Schultern der Erwach-

senen, andre stiegen auf Tische und auf die eisernen Stangen

zwischen den Bogen des Rathauses, auf die Bäume, woran sie

wie seltsame Früchte hingen. Die beiden Edelleute sahen diesem

Ritterzug ihres Schutzempfohlenen eine Zeitlang mit ungemei-

ner Freude zu, als er aber dem Narren ein kleines Loch in die

Wade mit seinem Degen gestochen, da fürchteten sie für ihn,

denn die Zuhörer waren mit dieser Störung gar nicht mehr zu-

frieden, und ein Bauer sprach schon davon, ihm Nase und Ohren

abschneiden zu wollen. Sie griffen ihn deswegen, steckten ihn

unter ihre Mäntel und trugen ihn, so heftig er sich sträuben

mochte, in das erste beste Haus, was sich ihnen öffnete. Der

Zufall wollte, daß es das Haus der guten Frau Nietken war, die

wegen einer Zahl feiler Stadtjungfern, die ein paar Zimmer ge-

mietet hatten, diese Türe stets offen lassen mußte, damit die

Menschen so unbemerkt wie möglich einschlüpfen konnten. Welch

eine Freude dieser Jungfern über die beiden schönen Edelleute

und über den kleinen Zwerg, denn so nannten sie ihn, bis er grim-

mig auf sie einging und sich als einen jungen Offizier ihnen kund-

gab. Es gab tausend Spaß mit ihm, wir wollen ihn nicht wieder-

holen; aber der Mutwille der Edelleute, die Frechheit der Weiber

und der Hochmut des Kleinen trieben sich wie Kreisel und Peit-

sche, und wurde der Kleine ungeduldig und wollte ausreißen, da

schrien ein paar, als stände der Narr mit den Bauern noch vor

der Türe und wollte ihm die Ohren abschneiden. -

Wie benutzten diese Zeit die Verliebten? Der Erzherzog hatte

kaum sein Zimmer betreten, so horchte er an der Türe und

merkte, daß die beiden Frauen im Nebenzimmer wären; er bat

Cenrio, ihm einen Bohrer zu verschaffen. Dieser holte in aller

Eile den Anbrechbohrer eines Weinküfers, der im Hofe ein Ohm-

faß abgezogen hatte: das ging vortrefflich; ganz leise konnte er

durch die Türe dringen, bis der erste feine Punkt der Spitze hin-

durch sah, während sein Auge sich in die breite Höhlung einle-

gen konnte. Schade wars, daß die Mühe unnütz, denn die Türe

war seinetwegen offen gelassen. Wie pochte sein Herz, und er

wußte doch nichts davon, als er nun zum erstenmal hindurch-

blickte, und wie fuhr er zurück und fühlte sich an den Kopf, als

ihm das verschönerte Bild desselben Geistes, der ihn damals im

Landhause geneckt hatte, vorüberschwebte. "Cenrio", sagte er,

"wir sind in den Händen von wunderbaren Geistern, wir glaub-

ten mit ihnen zu spielen und sie spielen mit uns; ich möchte flie-

hen, aber ich kann nicht, sie ist zu schön!" Cenrio war verwirrt.

"Es ist derselbe Geist, der mich schon damals im Anfange des

Winters im Landhause verjagte, aber er ist menschlich gewach-

sen, und ich widerstehe ihm nicht mehr; schaff Rat, wie ich sie

sprechen kann, ich könnte ihr jetzt alles sagen." "Ich hab es wohl

gedacht", sprach Cenrio, "zum Glück können wir frei schalten

mit der Zeit; Adrian sitzt eben in der hitzigsten Arbeit, um zu

beweisen, daß der von mir geschmiedete Anhang zum Lombar-

dus nicht echt sei; zum Überfluß habe ich noch die Türe seines

Vorzimmers zugeschlossen, so daß er uns nicht überraschen kann.

Nun will ich Euch, mein Prinz, meinen Vorschlag sagen: das jun-

ge Mädchen leidet an Kopfweh, Ihr müßt den Arzt vorstellen,

so seid Ihr allein bei ihr, und die Worte werden sich im Pulsfüh-

len schon finden."

Wirklich war Bella durch die Vorbereitungen zur Fahrt, durch

die schlaflose Nacht und die Hitze unwohl geworden, und Frau

Nietken hatte eigentlich diese Erfindung gemacht, die beiden

Sehnsüchtigen zusammenzubringen. Der Erzherzog hatte sehr

bald einen großen, schwarzen Doktormantel und darüber Ader-

laßkram, Pflasterzeug und Klistierspritze gehängt, so trat er

zagend in das Zimmer, von Frau Nietken geführt, die ihn für

einen spanischen Doktor ausgab. Bella erkannte ihn beim ersten

Blicke, und Neigung und Beschämung drückten sie ebenso nieder,

wie Braka die Einwirkung der fürstlichen Gegenwart; jene ver-

barg ihr Angesicht im Schleier, diese schlüpfte mit einer tiefen

Verbeugung in ein Nebenzimmer. Die beiden Liebenden waren

nun allein, und alles konnte sich schnell und glücklich erklären

und entscheiden; der Erzherzog, welcher aber mit keinem Mäd-

chen vertraulich geworden, brachte kein andres Wort als "Puls-

fühlen" heraus, "Pulsfühlen" wiederholte er, "Pulsfühlen" sagte

er zum drittenmal. Bella reichte ihm den weißen, runden Arm,

er fühlte an einer Fingerspitze, dann spielte er mit dieser, wollte

wieder etwas sagen, wahrscheinlich von der Erscheinung in dem

Landhause, brachte aber nichts heraus, als: "Geist, Geist gese-

hen"; dabei schob er ihr einen Ring an den Finger, welches wir

als den Triumph seiner Überlegung ansehen müssen. Hier endete

sein ruhiges Glück, denn mit großem Gepolter brach der ver-

fluchte kleine Wurzelmann, der sich bei den Mädchen bespitzt

hatte und der Aufsicht der Offiziere entflohen war, ins Zimmer,

sprach verwirrt von seinem künftigen Regiment und erkannte

nicht Bella, die auf dem Sofa lag. Der Erzherzog bekam aber im

Augenblicke seine ganze Fassung wieder, er bat ihn, daß er eine

Kranke nicht stören möchte, insbesondre da sein Aussehen ver-

riete, er werde nicht lange mehr zu den Lebendigen gehören.

Der Kleine stutzte, die Edelleute traten herein und bestätigten

ihm, er sei sehr verändert und müsse wohl von der Pest ange-

steckt sein, weil er sich heute unter so mancherlei Leuten umher-

getrieben habe. Bei dieser Vermutung wurde er ganz hinfällig,

die Kraft des Weines und seine Beine wollten ihn nicht mehr hal-

ten; der Erzherzog warf ihm geschickt ein großes Pflaster, das

er in seinem Doktorapparate fand, über das Gesicht; der Kleine

behauptete, ihm werde ganz dunkel vor den Augen. Die Edel-

leute versprachen ihm in geheucheltem Mitleiden, ihn nach Hause

zu tragen, denn bis jetzt hatte er weder das Zimmer noch seine

Geliebte erkannt, und schleppten ihn wirklich aus dem Zimmer.

Braka war in der Zeit auf die Folter gespannt gewesen. Die

Liebe des Erzherzogs hatte sich noch nicht erklärt und seine

Freigebigkeit war nicht so weltkundig; im Gegenteil hatte sie

von Frau Nietken erfahren, daß er etwas im Rufe der Knause-

rei stehe; der Alraun dagegen konnte so viel Schätze entdecken,

als irgend in der Welt verborgen wären, er kümmerte sich durch-

aus nicht, wie das Geld verwendet würde, solange es ihm selbst

nicht fehlte.Störten die beiden Liebhaber einander gegenseitig, so

entgingen ihr vielleicht alle Hoffnungen für die Bequemlichkeit

künftigen Lebens, und die großen Absichten für ihr Volk wurden

auch nicht erfüllt.

Der Erzherzog war jetzt wieder allein mit Bella, er hatte mehr Mut

gewonnen, sie aber war besorgt und erzürnt, wie es ihrem kleinen

gehen möchte; sie äußerte das, und er nahm es nicht ohne eine

kleine Eifersucht auf. Er fragte mit einem gewissen Stolze, ob es ihr

Bräutigam wirklich sei, und verlor in Erwartung ihrer zögerlichen

Antwort so gänzlich alle Haltung, daß er seine vorgebliche Doktor-

rolle aufgab und sich ihr als Erzherzog darstellte. Sie konnte sich

zu wenig verstellen, um sich darüber zu verwundern,und so waren

sie miteinander in einem solchen Vertrauen, ehe sie einander etwas

vertraut hatten. Endlich sagte Bella, daß die Vermählung mit ihrem

Vetter nur ihrer Mutter, nicht ihr Wille sei. Der Erzherzog be-

schwor sie jetzt, dem Willen ihrer Mutter nicht so gänzlich nach-

zugehen, daß sie Lebensglück und Schönheit der Trauer einer

unglücklichen Verbindung hingebe; von seiner Liebe schwieg er.

Bella stotterte, wie es ihr vorgeschrieben war, daß ihr Vermögen

ganz in der Gewalt dieses reichen Vetters sei, daß sie dem Wun-

sche ihrer Verwandten sich ergeben müsse, insbesondre da sie nie-

mand in der Welt kenne, der sie gegen den Zwang schützen möch-

te. Der Erzherzog versicherte ihr jetzt, daß jede Kränkung, die sie

erfahren würde, unerbittlich von ihm bestraft und gerächt wer-

den sollte. Diese Worte führten eine Liebeserklärung herbei, die

nicht nur die beiden Verklärten, sondern auch die horchende Bra-

ka von einer schweren Last befreite. Wie schwer fiel es aber

plötzlich auf das Herz der Alten, als Bella, die von der Liebe zum

Erzherzog durchdrungen jede Falschheit verfluchte, ihm zu Fü-

ßen fiel und ihn bei seiner Liebe beschwor, sie nicht zu verachten,

wenn sie ihn betrogen, sie sei nicht, wofür sie sich ausgegeben,

die Tochter ihrer Begleiterin, sie sei die Tochter - hier erstickte

die Stimme in einem Tränenstrom. Einer der Edelleute, die den

Kleinen begleitet hatten, trat herein und meldete dem Erzher-

zog, er möchte sich in sein Zimmer zurückziehen, der Kleine lasse

sich nicht mehr halten; sie führten ihn durch Umwege in dasselbe

Haus zurück, woraus sie ihn fortgeführt; er halte sich für tod-

krank. Der Erzherzog sprang fort, entrüstet, in seiner ersten

Neigung betrogen zu sein. Bella ging in das Nebenzimmer, weil

es in ihrem Gemüte noch von den Blättern nachregnete, nachdem

der erste Gewitterschauer verzogen.

Der Kleine ließ sich die Treppe vom Bärnhäuter hinauftragen,

der ängstlich nach der gnädigen Frau rief, weil er das Ende sei-

nes guten Dienstes fürchtete. Als Braka kam, rief der Kleine ihr

mit schwacher Stimme entgegen, er sei von der Pest so schwach,

daß er auf seinen Füßen nicht mehr zu stehen vermöge, alles

gehe mit ihm herum, er sehe gar nichts mehr und seinen Gedan-

ken hinke er mit der Zunge so weit nach, daß er es fast aus den

Augen verloren, was er eben sagen wolle. Braka stellte sich sehr

mitleidig und erschrocken; Bella hatte bei seiner sichtbaren

Blässe einiges Bedauern. - "Ach", seufzte der Kleine, "wenn ich

nur den Doktor festgehalten hätte, der mir die Pest gleich ange-

sehen, vielleicht weiß er auch ein Mittel dagegen." "0", sprach

Braka, "die Pest habe ich oft schon kuriert, ich lege ein Kraut in

lauwarmes Wasser und davon trinkst du alle fünf Minuten eine

Tasse, so wird alles glücklich vorübergehen." "Schnell, schnell",

sprach er und versank in einen dumpfen Rausch, währenddessen

ihn der Bärnhäuter auszog und auf den Sofa legte, mit Decken

wohl verhüllt. Braka flößte ihm von Zeit zu Zeit eine Tasse

heißes Fenchelwasser ein, wie die kleinen Kinder zu bekommen

pflegen. Entsetzliche Übelkeiten erweckten ihn, endlich erleich-

terte sich die Natur von dem Überflusse des Weines, womit die

Ehre des Zutrinkens sie überfüllt hatte; schluchzend und stöh-

nend sprach er: "Wo mag der Doktor jetzt sein, den ich im

anderen Hause sah, wäre der Mann nur zu finden, er könnte

mir wohl noch helfen, ich habe so ein Zutrauen zu ihm, da er

mir die Krankheit gleich angesehen; macht doch die Türe auf",

fuhr er fort, "es wird hier so heiß." "Die Türe ist verschlossen",

sagte Bella, "der Erzherzog ist dort eingezogen." - "Der Erzher-

zog!" bei diesen Worten sprang der Kleine, wie er war, aus dem

Bette, konnte sich aber taumelnd nicht halten, sondern sank in

das Waschbecken - "der Erzherzog ist hier, und ich kann ihn

nicht um meine Hauptmannsstelle ansprechen, ich versäume

mein ganzes Glück, wenn ich sterbe." - Der Bärnhäuter rollte

ihn wieder ins Bette, aber der Kleine weinte bitterlich und jam-

merte nach dem Arzte, den er unterweges gesehen. Braka ent-

schloß sich endlich, indem sie ihm versprach, alle Sorgfalt anzu-

wenden, den Mann zu entdecken, zu Frau Nietken zu gehen und

durch diese den Prinzen noch einmal als Arzt kommen zu lassen.

Der Erzherzog zog aber sein Messer gegen diese Frau und befahl

ihr mit drohender Stimme ihm zu sagen, was sie von den Frem-

den wüßte, die vielleicht von einem Feinde seines Hauses zu

seinem Verderben gesendet wären. Frau Nietken ließ ohne

Rückhalt alle Geheimnisse von sich gehen; sie sagte, daß Braka

eine alte Zigeunerin sei, die sie lange gekannt, daß diese in einer

Nacht mit der schönen Bella und dem Kleinen zu ihr gekommen

und sich nach Gent habe fahren lassen, wo sie bekanntlich viel

Geld ausgegeben. Ihr Kind sei Bella gewiß nicht, dafür wolle sie

stehen, ob aber das Mädchen aus einem hohen Hause, dafür

wolle sie nicht einstehen; doch sei es so ihre Philosophie. Geraubt

sei das Mädchen aber nicht, denn sie habe mit der Alten zu-

gleich befehlend und doch mit Liebe gesprochen, unter sich in

einer fremden Sprache, die sie für Französisch gehalten. - Dies

verwandelte die ganze Ansicht des Prinzen, erst glaubte er sich

in der Falle einer Buhlerin, jetzt meinte er ernstlich, daß es die

französische Prinzeß sein könnte, deren Heirat mit ihm von dem

französischen Hofe gegen den Willen seines Großvaters betrie-

ben wurde. Es ist bekannt, daß sein späteres politisches Talent

in seinen früheren Jahren, die sich ganz zur körperlichen Aus-

bildung hinneigten, wenig durchschien, er hielt so manches für

möglich, was ein andrer bezweifelt hätte, und Cenrio war eben

mit Adrian zu beschäftigt, um ihm zu raten; er nahm also die

Bitte, als Arzt wieder zu erscheinen, mit einer gewissen Ehr-

furcht an, welche die zitternde Frau Nietken sehr überraschte.

Er machte sich jetzt durch einige Züge mit Kohle in den Augen-

brauen und vor der Stirn unkenntlicher und ließ sich in das

Krankenzimmer führen. Der Kleine war entzückt, ihn zu hören;

der Erzherzog befragte ihn sehr ernstlich nach allen Kenn-

zeichen. Der Kleine erzählte von dem wüsten Kopfschmerz, von

der Üblichkeit, vom Aufstoßen, von der gänzlichen Dunkelheit

seiner Augen, und wie er über sein ganzes Gesicht einen Aus-

schlag spüre (seine Augen im Nacken hervorzubringen, schämte

er sich vor den Leuten, auch hatte er sich ihrer in der guten Ge-

sellschaft längst entwöhnt); endlich sagte er, daß er sein ganzes

Glück versäume, wenn er nicht bald hergestellt wäre, weil der

Erzherzog im Nebenzimmer seinetwegen angekommen sei und

die Stellen im neuen Fähnlein wahrscheinlich in diesen Tagen

vergebe: - "Ach, lieber Herr Doktor", rief er in seiner militä-

rischen Begeisterung, "wenn ich so wegstürbe, hätte mich die

Welt nie in dem Glanze und der Herrlichkeit gekannt, wozu

meine Abstammung und mein Mut mich berechtigen; oft kommt

es mir vor, als wenn böse Zauberer der wahren Verwandlung

meines Lebens entgegenstreben." - Der Erzherzog hörte ihn ge-

duldig an und konnte sich das alles wiederum nicht mit der

fremden Prinzessin reimen, es sei denn, daß er ein von der

alten Fee verzauberter Prinz sei, wie damals die Geschichten in

spanischen Romanen häufig umliefen. Dieser Gedanke, zusam-

mengehalten mit der Erscheinung im Landhause, setzte ihn in

ein gewisses Staunen, was ihn leicht hätte verraten können, wenn

der Kleine nicht allzu berauscht gewesen wäre und seine ahnden-

den Augen hätte brauchen dürfen. Endlich faßte doch der Erz-

herzog einen Entschluß, sagte ihm, das Mittel der gnädigen

Frau sei wohlerdacht, er müsse sich jetzt ganz mit Decken über-

spannen und einwickeln lassen, um in einer recht gewaltsamen

Dünstung den Kern des Übels auszutreiben. Vergebens seufzte

der Kleine, er erschreckte vor sich selbst, als wenn er einen glühen-

den Ofen anfasse; Braka warf ihm mit beredter Zunge eine

Decke nach der andern über, band sie zusammen und entfernte

sich mit dem treuen Bärnhäuter unter dem Vorwande, als ob sie

dem Kleinen etwas zu seiner Erfrischung schaffen wolle. Der

Erzherzog war jetzt wieder mit Bella allein, doch mußten sie

aus Rücksicht gegen den eingepackten Kranken jedes laute Wort

vermeiden; auch war Bella noch sehr beschämt, als der Erz-

herzog sich auf ein Knie niederließ und zu ihr sprach: "In wel-

chem schönen Bekenntnisse sind Sie gestört worden, Angebetete,

ich ahnde, Sie sind eines edlen Fürsten Tochter, ich ahnde alles,

was Sie mir zu sagen haben, aber ich wünschte die Gewißheit aus

Ihrem Munde, die Gewißheit Ihrer Liebe, die allen Glanz Ihres

Standes aufgegeben hat, um dem verhaßten Zwange der Politik

zu entgehen. Nichts soll uns scheiden, ich kenne meine Nieder-

länder, sie kennen ihre Freiheiten und werden auch meine Frei-

heit schützen, und selbst wenn die Gewalt über uns siegte, trägt

uns das Meer zu einer neuentdeckten reicheren Welt!" - Wer

könnte es Bella verdenken, die von aller Politik Europas nichts

wußte, als daß der Fürst ihr Vater darin nicht geachtet, sondern

verfolgt worden, daß sie bestimmt glaubte, der Erzherzog habe

ihre Abstammung erfahren und erwähle sie zu seiner Gattin.

Sie stand mit gerührtem Blicke vor ihm, blickte auf und nieder

und sprach dann gebrochen: sie habe sich nur einmal verstellen

können und nimmermehr wieder, sie leugne nicht ihre Abkunft,

sie leugne nicht ihre Zärtlichkeit, die er schon früher in ihrem

heimlichen Aufenthalte in ihr erweckt, die sein Anblick ihr be-

stätigt habe. - Sie senkte ihr holdes Angesicht, der Erzherzog

wollte eben den Rand ihrer Lippen berühren, als der Kleine

unter den Decken Bewegungen machte, entsetzlich über den Ma-

gen klagte und zuschwor, er müßte ersticken, ehe er kuriert sei.

Der glücklich Liebende duldet keinen Leidenden, der Erzherzog

sprang hinzu und öffnete das Gebinde, es dampfte, als wenn

man die Serviette öffnet, worin ein Pudding gekocht worden;

der Erzherzog sah ihn an, schob das Pflaster leicht von dem trie-

fenden Gesichte und versicherte, er sei schon kuriert; er eile jetzt,

um ihm noch ein paar stärkende Mittel zu senden, er möchte sich

inzwischen ruhig halten.

So eilte er fort, und der Kleine, dem allmählich der Rausch

verflogen, der wieder um sich sehen konnte, lag auf dem Bette

mit dem seligen Gefühle eines vom Tode Erretteten, der sein

Leben sehr lieb hat; er nahm Bellas Hand, drückte sie und sprach,

daß ihm der Gedanke des Todes darum lästig gewesen sei, weil

er sie hätte verlassen müssen. Er schien so sanft und zärtlich, daß

Bellas alte, gleichsam mütterliche Zuneigung zu ihm nicht er-

laubte, ihn zum Vertrauten ihrer neuen Liebe und ihres neuen

Glücks zu machen. Er küßte sie, wie er gewohnt war, und der

Erzherzog, der wieder an seiner Türwarte, an dem künstlich ge-

bohrten Loche, lauerte, ergrimmte, weil er sich von neuem ver-

raten glaubte, doppelt verraten, weil er in seiner Leichtgläubig keit gegen Bella unverzeihlich kindisch und gutmütig sich er-

schien. Der Kleine versuchte sich jetzt auf seinen Beinen und er

konnte wieder gehen und stehen, ordnete seine Kleider und sagte

Bella, sie möchte jetzt recht artig sein, er werde den Erzherzog

zu ihr führen, und wenn dieser in recht heitrer Stimmung schiene,

sollte sie um die Hauptmannsstelle für ihn anhalten, sie möchte

aber recht schmeicheln, das Glück seines Lebens hänge daran;

auch wolle er sie dann sicher heiraten. Sie schwieg verlegen. Er

vergaß über seine kriegerischen Aussichten so ganz alle Krank-

heitsfurcht und alles Übelbefinden vom Trunk, daß er wie vor

tausend Mann in dem Zimmer auf- und niederstolzierte und

Braka zur Tür hinaustrieb, als diese mit ihrem heißen Wasser

ihm in die Quer kam. So sind die meisten kleinen Leute, das

Herz ist ihnen so nahe am Kopf, daß es in den Kopf überkocht

oder überdampft.

Unser Wurzelmännlein konnte sich nicht mehr halten, er

bürstete sich bald rechts, bald links; gleich wollte er dem Erz-

herzoge seine Aufwartung machen und fiel diesem, der in einem

Anfalle der heftigsten Eifersucht Tag und Stunde verfluchte, ins

Zimmer. Kaum hatte er sein Anliegen vorgebracht, so über-

häufte ihn der Erzherzog mit Schimpfreden, nannte ihn einen

lächerlichen, kleinen Wurzelburzius, einen Dukatenmacher, ein

Alraunchen, daß der Kleine in die größte Verwunderung geriet,

wie er diese seine Entstehung erfahren habe, und sich eilig davon-

machte, indem er verlegen ausrief: "Gnädiger Herr, woher wis-

sen Sie das?"

Als er zurückgekommen, sagte er nichts von diesem Empfange,

nur sah es ihm Braka an seinem ganzen Wesen an, daß er ge-

demütigt worden. Er sprach nur, daß er den Erzherzog nicht

getroffen, daß er sich bald fort von dem Orte wünsche, wo ihm

in jetziger Pestzeit jeden Augenblick eine neue Gefahr drohe;

zugleich erkundigte er sich, ob der Arzt nichts gesendet. Braka,

um ihren Aufenthalt zu sichern, ging selbst über die Straße in

den Laden eines reisenden jüdischen Doktors, kaufte die stärk-

sten Tropfen, welche manchen Sterbenden schon belebt hatten,

und brachte sie dem Kleinen als etwas, das der belobte Arzt im

Hause abgegeben. Kaum hatte der Kleine diese Höllentropfen

eingenommen, so kam ihm der alte Mut wieder zurück. Er hätte

rasend werden mögen, daß er dem Erzherzoge nicht derb geant-

wortet hatte; ihm fiel so viel Beißendes ein, daß er, bloß um es

ihm oder einem seines Gefolges aufzuhängen, sich leicht bereden

ließ, den Tag noch im Orte zuzubringen.

Es war jetzt die Zeit des höchsten Tumultes herangerückt. Die

Rennen auf ungesattelten Pferden, wo der Reiter einer Gans,

um sie zu gewinnen, den Faden, der sie an einem Seile aufgehängt

hält, mit der Schere abschneiden muß, hatten angefangen; das

Wiehern der Pferde, das Lachen der Menge über die getäuschte

Zuversicht, die sich im Sande erniedrigt fand, rief alles herbei;

auch unser Wurzelmännlein führte seine Damen zu diesem Schau-

spiele. Kaum war er dort, so verlor er aus Eifer die beiden

Frauen fast ganz aus dem Gesicht, so daß Braka ihre Pflege-

tochter etwas überhören konnte. Bella erzählte ihr, daß der Erz-

herzog sie heiraten wolle; Braka sagte, das hätte seine schlimme

Seite, sie könnte darüber ins Zuchthaus kommen, aber sie möchte

ihm nur dreist und ohne Umschweife zu verstehen geben, daß sie

ein Kind von ihm haben möchte, daß dies ihres Volkes Glück

sei, so würde sich alles von selbst ohne weitere Einsegnung finden.

Bella versprach nach ihrer Vorschrift ihm alles zu sagen, wenn

die Gelegenheit käme. Diese wurde aber durch den Zorn des

Erzherzogs auf eine wunderliche Art herbeigeführt. Er hatte

seine rasende Eifersucht ohne alle Zögerung seinem Freunde

Cenrio verraten, dem sogleich ein trefflicher Einfall gekommen

war. Er hatte bei einem Guckkasten einen gelehrten Juden aus

Polen wiedergefunden, der ihm schon früher durch seine Kunst,

Golems zu machen, manche Ergötzlichkeit verschafft hatte. Diese

Golems sind Figuren aus Ton nach dem Ebenbilde eines Men-

schen abgedruckt, über welche das geheimnisreiche und wunder-

kräftige Schemhamphoras gesprochen worden, auf dessen Stirn

das Wort Aemaeth, Wahrheit, geschrieben, wodurch sie lebendig

werden und zu allen Geschäften zu gebrauchen wären, wenn sie

nicht so schnell wüchsen, daß sie bald stärker als ihre Schöpfer

sind. Solange man aber ihre Stirn erreichen kann, ist es leicht,

sie zu töten, es braucht nur das Ae vor der Stirne ausgestrichen

zu werden, so bleibt bloß das letztere Maeth stehen, welches Tod

bezeichnet, und im Augenblicke fallen sie wie eine trockene Ton-

erde zusammen. - Der alte Jude wurde herbeigeholt, der Erz-

herzog verlangte ein solches Bild der schönen Bella, und er wolle

ihn fürstlich lohnen. Der Jude warnte ihn, er möchte sich mit

solchem Bilde nicht abgeben, in seinem Vaterlande sei manches

Unglück damit geschehen: einem Vetter sei der Golem, den er

zu häuslichen Diensten gebraucht, so hoch gewachsen, daß er ihm

nicht mehr an die Stirn habe langen können, um das Ae aus-

zulöschen; da habe er befohlen, er sollte ihm die Stiefeln aus-

ziehen, und während sich der Golem danach gebückt, habe er

ihm listig das Ae von der Stirne gewischt, aber die ganze Last

der Erde sei auf den armen Vetter gefallen, und er sei davon

erdrückt worden. Der Erzherzog schwor, daß ein solcher Unfall

dem nicht schade, dem er ihn bereiten solle, doch eine neue

Schwierigkeit sei zu überwinden, wie das Bild der schönen Bella

ähnlich zu machen sei. Der Jude verlangte, sie nur einmal in

seinen Kunstspiegel einsehen zu lassen, so bleibe ihr Bild darin

festgemalt. Der Kunstspiegel steckte in einem Guckkasten, und

die ganze Kunst war, Bella zu ihm hinzulocken. Cenrio, der den

Wurzelmann kannte, übernahm diese Besorgung, ihn und seine

Schöne zu dem Guckkasten zu führen, während der Erzherzog

verkleidet hinter dem Guckkasten versteckt war; alle eilten an

ihren Posten. Cenrio traf den Kleinen noch bei dem Pferde-

rennen; er sagte ihm heimlich ins Ohr, er solle sich den Zorn

des Prinzen nicht zu Herzen nehmen, ein geheimer Feind von

ihm habe dem Prinzen eine verhaßte Erzählung von seinem Be-

tragen gegen die Schauspieler gemacht; doch sei dieser Eindruck

noch zu überwinden, wenn er behaupte, daß er einmal von einem

tollen Hunde gebissen sei. Der Kleine wurde froh und nötigte

ihn, bei der Gesellschaft zu bleiben, indem er ihm seine Braut

vorstellte. Cenrio sagte ihr manches Artige und bat sie, doch ja

einem Guckkasten nicht vorbeizugehen, der eine Welt im Klei-

nen, alle Städte, Völker in bunten Bildern zeigte. Sie gingen

dahin, Bella sah zuerst hinein, ungeachtet der neugierige Kleine

nur mit Mißgunst diese Artigkeit erlaubt hatte; sie war über-

rascht von aller Herrlichkeit und hätte gern die ganze Vorstel-

lungsreihe noch einmal übersehen, wenn nicht des Kleinen Un-

geduld sie von dem Glase zurückgerissen hätte. Er war ganz

außer sich über alles, was er erblickte: in jeder Stadt dachte er

sich als Fürst; sah er fremde Soldaten, so prüfte er sich, wie er als

Heerführer in der Tracht sich ausnehmen würde.

In dieser Zeit hatte sich der Erzherzog leise in ein Gespräch

mit Bella eingelassen. Er warf ihr die schändliche Falschheit vor,

mit der sie ihm Liebe geheuchelt, um dem kleinen Bräutigam

eine Hauptmannsstelle zu verschaffen. Bella brach in Tränen aus

und schwor ihm, es sei alles anders, ihre Liebe zu ihm sei un-

geheuchelt, ja es sei ihr edelster Wunsch, von ihm ein Kind zu

haben, das ihrem Volke Glanz und Freiheit gebe. Diese Frei-

mütigkeit setzte den Erzherzog in einige Verlegenheit (sie war

tiefinnerlich unschuldig, er aber war nur unschuldig aus Stolz);

er schwor stammelnd, daß er alles Mögliche tun wollte, ihren

Wunsch zu erfüllen, der auch seinem politischen Verhältnisse an-

gemessen sei. - Unter solchen Versicherungen führte er sie, ohne

daß es der Kleine merkte, während Braka ihnen Zeichen zum

Abzuge gab, ungestört von dannen.

Der Kleine hatte diese Welt im kleinen schon zweimal an-

gesehen, und sie gefiel ihm viel besser als die wirkliche, während

der Jude unter allerlei Gesprächen mit Cenrio das Ebenbild der

feldflüchtigen Bella bearbeitete. Cenrio bat den Juden, ihm doch

nur eine Möglichkeit anzugeben, wie solch ein Bild belebt werden

könne. Der Jude sprach: "Herr, warum hat Gott die Menschen

erschaffen, als alles übrige fertig war? Offenbar, weil das in ihrer

Natur lag, als diese von Gott sich losgedacht hatte. Liegt das in

ihrer Natur, so bleibts auch in ihrer Natur, und der Mensch, der

ein Ebenbild Gottes ist, kann etwas Ähnliches hervorbringen,

wenn er nur die rechten Worte weiß, die Gott dabei gebraucht

hat. Wenn es noch ein Paradies gäbe, so könnten wir so viel

Menschen machen, als Erdenklöße darin lägen; da wir aber aus-

getrieben aus dem Paradies, so werden unsre Menschen um 50

viel schlechter, als dieses Landes Erde sich zur Erde des Paradie-

ses verhält!" - Als er das gesprochen, hatte der alte Jude sein

Werk beendigt, er hauchte die Bildsäule an, schrieb das Wort auf

ihre Stirn, das sich unter Haarlocken versteckte, und eine zweite

Bella stand vor beiden, die alles durch jenen Spiegel wußte, was

Bella bis dahin erfahren, die aber nichts Eignes wollte, als was

in des jüdischen Schöpfers Gedanken gelegen, nämlich Hochmut,

Wollust und Geiz, drei plumpe Verkörperungen geistiger, herr-

licher Richtungen, wie alle Laster; daß diese hier ohne die geisti-

ge Richtung in ihr sich zeigten, das unterschied sie selbst vom

Juden, überhaupt aber von allen Menschen, die sie übrigens so

wunderbar täuschen konnte, wie jenes alte Bild von Früchten

alle Vögel, daß sie an die Leinewand flogen und davon zu

naschen suchten. So naschten auch Cenrio und der alte Jude an

dem Bilde, jeder gab ihr einen Kuß, ehe sie diese an den Arm

des Kleinen hingen, der endlich sich satt gesehen hatte und mit

seiner Bella durch die übrige Lust des Abendgewühls, wo jetzt

schon manches Messer unter den trunkenen Bauern gezogen

wurde, sich nach Hause zurückzog. Braka war des Austausches

der beiden Gestalten so wenig inne geworden wie der Kleine.

Sie speisten alle drei in einer gewissen Stummheit miteinander,

die nach den geräuschvollen Abwechselungen eines so wunder-

lichen Tages sehr natürlich war. Als sie abgegessen hatten, kam

der Bärnhäuter mit einem halbzerkratzten Gesicht ins Zimmer

und sprach: "So hat mich das verfluchte Weib, die Frau Nietken,

zugerichtet, die in ihrer Trunkenheit ein Auge auf mich gewor-

fen hatte und mich nicht loslassen wollte, da ich doch so drin-

gende Neuigkeiten mitzuteilen habe. Sie hat mir verraten, daß

der Erzherzog einen Anschlag auf unser Fräulein vorhaben

müsse, weil er sich so heftig nach ihr erkundigt habe." - Golem

Bella, die nur bis zu dem Punkte etwas von der wirklichen Bella

wußte, wo sie in den Spiegel gesehen, rief ganz laut: "Wie lieb

ist mir das, da werde ich ein Kind bekommen, das mein Volk

frei machen wird!" Braka erschrak über diese laute Vertraulich-

keit, und der Kleine sprang wie ein Rasender auf: "Also du

weißt davon, Bella, liebst ihn?" "Freilich", antwortete Golem

Bella. - Der Kleine riß sich die Hirsenhaare aus und erstickte

fast in gekränkter Eitelkeit, endlich brach sein Jammer, nach der

Vorschrift seines rhetorischen Lehrers bearbeitet, in folgenden

Worten aus: "Warum hast du mich zum Menschenleben aus dem

sichern Schoße meiner Vorwelt durch höllische Künste heraus-

gerissen? Ohne Falsch bestrahlten mich Sonne und Mond ruhig

sinnend stand ich da am Tage und faltete abends meine Blätter

zum Gebete; ich sah nichts Böses, denn ich hatte keine Augen, ich

hörte nichts Böses, denn ich hatte keine Ohren, aber die Anlage

zu allem, die ich in mir fühlte, machte mich so sicher und reich.

Meine Augen werde ich mir ausweinen und werde sie vermissen,

mein Leben werde ich aufgeben und werde es ewig suchen, aber

dieses Suchen soll deine Qual sein; wenn du mich fern von dir

glaubst, werde ich bei dir sein. Du kannst mich nicht zerstören,

wie du mich leichtsinnig spielend geschaffen hast; ich bleibe bei

dir, werde die Wünsche deiner Habsucht nach Geld befriedigen,

werde dir Schätze bringen, soviel du verlangst, aber es wird dein

Verderben sein. Du wirst mich von dir werfen, mich vernichten

wollen, aber doch bleibe ich bei dir, dir bin ich gebannt, bis eine

andre mit noch größerem Verrat, als du gegen mich verübt, mich

an sich kauft. Wehe allen kommenden Geschlechtern! Du brach-

test mich zur Teufelei in die Welt, von der ich mich bis zum

Jüngsten Tage nicht frei machen kann!" - Golem Bella sprach

ihm ganz in der Gesinnung der echten Bella von ihrer Zärtlich-

keit vor, die sie trotz aller Liebe zum Erzherzoge für ihn hegte.

Der Kleine sah sie verwundert an und sprach: "Du könntest mich

wieder belügen, Bella; wer weiß, was diese Nacht mit dem Erz-

herzog verabredet ist. Gib mir ein Zeichen der Aufrichtigkeit.

Der Mond scheint helle, wir fahren in der herrlichsten Kühlung

bis zum nächsten Morgen nach einem Dorfe, wo wir in aller

Stille getraut werden können, so kehren wir verbunden nach

Gent zurück, um es bald auf immer zu verlassen, daß der glatt-

züngige Erzherzog uns nicht mehr versuchen kann. Wir reisen

nach Paris, und ich erbiete meinen kriegerischen Mut dem Könige

von Frankreich, der tapfere Männer, wenn sie auch klein von

Gestalt sind, doch zu schätzen weiß." - Golem Bella schwieg still,

sie hatte keinen Willen und keine Redensart auf diesen Fall. Der

Kleine legte sich das zu seinen Gunsten aus, und als Braka noch

etwas dazwischen reden wollte, zog er seinen Degen und schwor,

ihn mit ihrem Blute zu färben, wenn sie sich seinem Glücke

widersetzte. Braka schüttelte sich vor Schrecken; sie konnte kei-

nen Bissen essen. Der Kleine befahl dem Bärmnhäuter, zusammen-

zupacken und einen Fuhrmann, es koste was es wolle, anzuschaf-

fen, der sie nach dem nächsten Pfarrdorfe führe, da in Buik, we-

gen der Nachtmessen, wohl kein Pfarrer zu einer Trauung bereit

sein möchte. Der Bärnhäuter betrieb alles, aus Furcht vor der

trunkenen Wirtin, mit dem größten Eifer und mit der lobens-

wertesten Verschwiegenheit. Der Wagen stand vor der Türe, alle

saßen darin, ehe Frau Nietken etwas merkte. Ihrem widersin-

nigen Geschrei zu entgehen, wurde ihr das Dreifache, was sie

fordern konnte, zugeworfen; und die sonderbare Gesellschaft,

eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen mußte, eine

Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel ge-

schnitten, saßen in feierlicher Eintracht, hegten große Gedanken

vom Glück des Lebens, das sie eben zu begründen fuhren, von

Schätzen, Heldentaten und Biergeldern, auf die der Bärnhäuter

bei dieser Festlichkeit ungemein rechnete. Wie vergebens quält

uns das Verhältnis zu manchem Menschen; könnten wir uns

einbilden, es sei ein Toter, eine Erdscholle, eine Wurzel, unser

Kummer und unser Zorn müßte verschwinden, wie aller Gram

über unsre Zeit, wenn wir nur endlich gewiß wüßten, daß wir

bloß träumten.

Wenn es sich in stürmender Nacht zuweilen in Blumenbeeten

ereignet, daß ein paar getrennte Blumenkelche zusammengebeugt

werden und sich nicht erkennen, bis der Mond wieder hervortritt,

so ist die Freude stumm, die Grillen singen aber davon die lange

Nacht bis zum Morgen, wo die Vögel sie ablösen. Der Erzherzog

wollte sich rächen wegen des Verrats an seiner Liebe, das machte

ihn gegen jede Sorglichkeit Bellas taub, die nicht wußte, was mit

ihr vorgehe, als er sie heimlich auf sein Zimmer in sein Bette ge-

bracht. Beide waren eingeschlafen, als der Gesang: De pro fundis

clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam in der

Kirche, die nicht fern lag, sie erweckte: ein Gesang, in den die

Haufen auf den Straßen, die darin nicht mehr Platz finden

konnten, einstimmten. Es war eine helle Sommernacht, und

beide eilten ans Fenster. Bella erwachte erst jetzt aus ihrem

Taumel: "Heiliger Gott, ist es schon so tief in der Nacht, wie soll

ich in mein Bette kommen, wo bin ich, was ist mir geschehen,

was soll aus mir werden?" - Der Erzherzog hatte sie zu lieb-

gewonnen, seine Freude war ihm zu neu, um sie durch eine Erin-

nerung an ihre Falschheit zu kränken: "Du sollst nun auf immer

bei mir bleiben, wir verlassen uns nicht wie Leib und Seele!"

"Ist es wahr?" fragte Bella treuherzig, "da bin ich sehr glück-

lich!" Der Erzherzog verwunderte sich: "Aber deine Heirat mit

Cornelius, willst du die aufgeben?" "Bin ich nicht dein?" fragte

sie, "soll ich nicht ein Kind von dir haben, das mein Volk zur

Heimat führt?" "Welchem Volke gehörst du, liebes Mädchen?"

fragte der Erzherzog, "betrüge mich nicht; fürstlich muß ich dich

nennen, aber ich möchte wissen, ob das Schicksal dir gerecht war

und dich einem Fürstenstamme einsegnete?" "Mein Vater war

Fürst Michael von Agypten", sagte Bella gerührt, "ich bin der

letzte Zweig des alten Geschlechtes, das sich bei allen Umwäl-

zungen oft siegreich, oft fliehend, doch in steter Unabhängigkeit

erhalten hat, so sagte der Vater. Ich bin das letzte Kind aus mei-

nem Stamme; mein Vater starb in den Verfolgungen, die über

unser Volk ausbrachen; eine alte Wahrsagung bestimmt, daß ein

Kind von mir und einem Weltbeherrscher die letzten Unglücks-

scharen unserer verfolgten Untertanen zum segensreichen Nil

würde führen." "Ich traue deinen Worten ganz", sprach Karl,

"doch sage an, wie war es möglich, da dich so großer Sinn trug,

dich gegen mich mit deinem kleinen Freunde zu verbinden? Wie

konntest du dich mir hingeben wollen, ihm eine Anstellung zu

schaffen? Nun ich dich hier so schön und heilig sehe vor mir

stehen in dem Mondenscheine, da möchte ich meine Ohren Lügen

strafen; doch hörte ich es, als ich nach deiner Schönheit durch die

Türe lauschte, und wollte im Genuß mich an dir rächen; doch hat

mich diese Lust bezwungen, und ich bekenne dir jetzt meine

Wut!" - Bella verstand ihn nicht, er schien ihr lauter Güte. Sie

lachte seines Argwohns und erzählte ihm so natürlich alles, wie

sie durch Braka zu einer Nachgiebigkeit gegen die wunderlichen

Launen des Kleinen beredet worden sei; zugleich vertraute sie

ihm unter dem Versprechen der Verschwiegenheit dessen geheim-

nisvolle Entstehung. Der Erzherzog, aus der gewohnten folge-

rechten Natürlichkeit in alle Wunder der Lust und der geheimen

Kräfte in einer Nacht hineingerissen, versank in ein tiefes, ernstes

Nachdenken; er stand innerlich, wie ein Stern hinaufgerissen,

über der Welt, mit der er bis dahin fortvegetiert hatte; was er

künftig täte und spräche, alles schien ihm bedeutsam. Er hatte

ein reiches Geheimnis, das er sich bewahren wollte und dessen er

selbst seinen Cenrio nicht würdig achtete: wie er seine Liebe fort-

führen sollte, beschäftigte ihn mit stillem Ernste. - "Bist du nicht

glücklich wie ich?" fragte er Bella; "alles ist mir so merkwürdig,

und wie alles hat so kommen müssen. Denn wie ich mit dir ge-

gangen, ahndete ich von allem dem nichts; und sieh, wie die

Spinnweben am Baum im Mondschein sichtbar glänzen, während

ich das Tauwerk des Schiffes dort im Dunkel nicht unterscheiden

kann: so fühle ich höhere Wege und ahnde doch nichts, was mir

in den nächsten Tagen bevorsteht. Der Kleine ist böse, merkt

er, daß ich mich ganz zu dir wandte, von ihm kommt unser

Reichtum, er wird uns alles versagen, kannst du mich dann er-

nähren?" - Der Erzherzog ließ eine Träne fallen: "Ach, liebes

Kind, durch die Härte meiner Eltern bin ich sehr beschränkt; für

die törichte Lust an Pferden habe ich mich tief verschuldet, meine

Lehrer dürfen mir gar kein Geld mehr einhändigen, sondern sie

bezahlen, was ich brauche. Aber für dich schaffe ich Geld, und

sollte ich mein künftiges Reich verpfänden." Bella küßte ihm

die Augen und schwor, es sei nur ein Nachsprechen von ihrer

Tante gewesen, wenn sie über ihre Zukunft sich so bedenklich

gestellt hätte; wenn sie aus ihrem Herzen spreche, so sei ihr die

Art Staat, die sie in Gent um sich gesehen, lästig, ihr Anzug

quäle sie, und jede Stunde sei zu allerlei Beschäftigungen, die

ihr verhaßt wären, abgemessen. "Was soll ich Spanisch und La-

tein sprechen? Was bedarf ichs, "Arno, ich liebe, arnas, du liebest",

zu lernen? Ich weiß ja nichts andres, als daß ich dich liebe und

daß du mich liebest."

Sie umarmten sich still traulich, als Cenrios Stimme plötzlich

an der Tür schallte; er sagte, daß Adrian von dem Orte forteile,

weil er ein wunderbares Stemzeichen entdeckt. Gleich darauf

hörte der Prinz Adrians heftiges Husten, trieb Bella in das Sei-

tenzimmer, wo der Kleine krank darniedergelegen hatte, und

eilte den eigensinnigen Adrian zu besänftigen. Dieser war aber

außer Fassung; er schwor, daß diese Nacht den wunderbarsten

Sohn der Venus und des Mars gezeugt habe, er müsse zu seinen

Büchern, um die Beobachtungen weiter zu vergleichen; er meinte

im Erzherzog gleiches Interesse für die Beobachtung und hörte

dessen Einwürfe kaum. Er war ein echter Hofmeister, der in sei-

nem Schüler seine Gedanken voraussetzte und durch ihn seine

Zwecke verfolgte. Der Prinz war aber seiner Willkür ganz über-

lassen und mußte endlich folgsam sich anziehen, um mit ihm nach

Gent zurückzukehren. Gern hätte er seiner lieben Bella noch ein

Lebewohl ins Seitenzimmer gerufen; doch fürchtete er dadurch

ihre Verbindung den Ihren zu verraten, da er so wenig von dem

Schicksale der Golem Bella wie von der Abreise seiner Nachbarn

in der Eile durch Cenrio unterrichtet werden konnte. Sorgen

machte er sich am wenigsten heute, wo sein Herz in den ersten

Freuden der Liebe schwebte und nachschwelgte. Die ganze Welt

war ihm aufgegangen, er dachte weder an Pferde noch an Jagd-

hunde, zum erstenmal war ihm die zärtliche Saite seines Herzens

angeklungen, die noch im späten Alter im Lager bei Regensburg

bei den Tönen einer schönen Harfenspielerin nachklang, als

Krankheit und Sorge um seine Lieblingswünsche ihn schon von

der Welt loslösten. Vielleicht wäre aus ihm nie der Unermüd-

liche, der nach allem griff, alles zu verbinden strebte, geworden,

wenn ihn nicht das Geschick so rasch aus diesem Verhältnisse,

das seine ganze Seele befriedigen konnte, herausgerissen hätte.

Nachdem das Geräusch seiner Abreise vorübergegangen, wäh-

renddessen Bella kaum durch die Scheiben ihm trübe nachzu-

blicken wagte, als das Schiff im Dunkel anfing zu schwanken, die

weißen Segel sich ausbreiteten und die Ruderer endlich das Was-

ser anregten: "Ach", dachte sie, "die mächtige Gewalt des Tau-

werks, das sich vorher unserm Blicke verbarg, tritt so schnell her-

vor, uns zu trennen, wird es auch eine unsichtbare Gewalt geben,

die uns wieder verbindet?" - Als sie sich in den Gedanken an ihn

recht ersättigt und gestärkt hatte, öffnete sie leise das Neben-

zimmer, wo sie mit Braka schlafen sollte, war aber verwundert,

die Fenster offen, die Betten geschlossen und den Reisekoffer

nicht mehr an Ort und Stelle zu sehen. Sie nahte sich dem Bette

der Alten, rief sachte, endlich lauter; aber alles blieb still, und

sie sah jetzt im Mondenscheine, daß keine Spur ihrer Anwesen-

heit mehr zu sehen, als schmutziges Wasser im Becken und einige

nasse Handtücher, über die Stühle gehängt. Bella konnte sich

das alles nicht erklären; aber sie hatte auch kein Schrecken dar-

über. Sie ging endlich in das dritte Zimmer, das Cornelis be-

wohnen sollte, schüchtern und leise, fand aber auch hier niemand.

Erst jetzt machte sie ihre Verlassenheit ängstlich, sie kannte nie-

mand im Hause als die widrige Frau Nietken; doch lieber wollte sie

heimlich entlaufen, ehe sie ihre Zuflucht zu der genommen hätte.

Aber Zufall führte sie ihr entgegen. Es wollten sich ein paar

alte Edelleute bei Wein und Spiel mit Mädchen erlustigen, und

sie hatte keine andre Zimmer frei, als diese von der Brakaschen

Familie und von dem Erzherzoge verlassenen. Sie kam mit

einem Licht, alles darin aufzuräumen, und erschrak wie vor

einem Gespenste, als sie Bella vor sich erblickte. - "Was ist Euch,

Frau Nietken, wo ist meine Mutter?" - "Ei, Jesus Maria",

seufzte die Alte, "da muß ich doch gleich was auf meinen

Schreck nehmen; haben Sie was vergessen gehabt, liebes Fräu-

lein? ei, ei, das muß Sie so lange aufhalten! wie weit waren Sie

denn schon? bei mir wärs so sicher aufgehoben, und wenns ein

Scheffel mit Gold gewesen." Bella konnte sich diese Reden nicht

erklären; sie fragte nach ihrer Mutter, wohin sie gefahren, und

kam dabei in Verlegenheit, wie sie es ihr erklären solle, daß sie

nichts davon wisse. Dadurch ward Frau Nietken, die sich so-

gleich der Ausfragerei des Erzherzogs erinnerte, klug genug, ir-

gendein geheimes Einverständnis mit diesem anzunehmen, und

die sie von diesem oder vielmehr von Adrian, der die Kasse

führte, schlecht bezahlt worden, so suchte sie sich durch diese

Entdeckung schadlos zu halten. "Ei", schloß sie ihre Rede mit

einem wunderlich ernsthaften Gesichte, "das hätte ich von einem

gnädigen Fräulein mein Seelen nicht gedacht, daß Sie sich so

schlecht aufführen würden. Pfui Teufel, mein guter Ruf leidet

es nicht, die Jungfer Demut muß in die Wache; sie soll ausge-

stäupt werden auf öffentlichem Markte zur Warnung!" Bella

zitterte in Scham und Ärger. Sie sah und hörte nichts mehr, so

aus dem Glücke in die entsetzlichste Hilflosigkeit und Verach-

tung gestoßen, ohne irgendeine Welterfahrung; kaum konnte sie

glauben, daß sie dieselbe sei, so schauderte ihr vor ihrem Zu-

stande. Nicht das Unglück, aber die Schande, die ihr so unver-

meidlich nahe schien, konnte die Sicherheit ihres fürstlichen Ge-

mütes vernichten; sie weinte und warf sich auf einen Stuhl.

Frau Nietken ließ diese Verzweiflung noch tiefer in ihre Seele

fressen, um sie zu dem Vorschlage, hier zu bleiben und ein paar

alten guten Edelleuten die Zeit zu vertreiben, vorzubereiten.

Bella, als sie ihn erfuhr, ahndete nichts Schlimmes, sie meinte

allenfalls, daß sie ihnen aufwarten, den Tisch decken solle, und

entschloß sich gern dazu, um ungekränkt am andern Tage zur

alten Braka zurückzukommen. Aber alles, was sie an Unmut in

sich spürte, setzte sie heimlich in Reden um, die sie der alten

Braka recht scharf ans Herz legen wollte.

Frau Nietken war sehr vergnügt, sie so willig zu finden. Als

die beiden alten Herren hereintraten, sperrten sie beide über die

wunderbare Schönheit der Bella ihre Augen weit auf und ent-

schuldigten sich, daß sie in ihr Zimmer gekommen wären: wer

konnte sich einbilden, in der Gewalt der Frau Nietken eine so

junge, blühende Schönheit zu treffen. Als aber dieser Irrtum be-

richtiget war, indem Bella ihnen schüchtern sagte, daß sie zu

ihrer Aufwartung bestimmt wäre, so erwachte in dem raschen

Liebesfeuer, das Nasen und Wangen der beiden Alten durch-

glühte, eine Eifersucht, den Besitz dieser seltenen Jugend ein-

ander nicht zu gönnen, dergestalt, daß jeder seine Stirnfalten

hinaufrückte und einer List nachsann, den andern zu entfernen

oder bei der Frau Nietken zu überbieten. Während sie nun aus

hohen Gläsern den Wein tranken und miteinander im Brett

spielten, benutzte es der eine nach dem andern, während jener

am Zuge, mit Frau Nietken heimlich ein Wort zu reden, die in

seliger Erwartung, wie hoch sie die arme Bella in dieser Ver-

steigerung hinauftreiben werde, sehr viele Schwierigkeiten in

Hinsicht ihres Besitzes aufzuzählen wußte. Bella war in ihres

Stammes Natur zu klug, um die Gefahr nicht einzusehen, worin

ihre Liebe und ihre Freiheit schwebten; die alten Herren erlaub-

ten sich schon manche unbequeme Zudringlichkeit, und sie sann

auf einen Anschlag, wie sie dem Hause entkommen möchte. Aber

was sie auch erfinden mochte, sie war zu strenge belauscht, und

niemand gestattete ihr unter irgendeinem Vorwande das Zim-

mer zu verlassen. Die beiden Alten, je mehr sie tranken, wurden

immer heftiger, sie sprachen von ihren Kriegszügen und fingen

sich an zu streiten. Die Wirtin fürchtete, sie möchten zu den alten

rostigen Degen greifen und ihre Tassen und Gläser zerschlagen;

sie war deswegen sehr erfreut, als sie eine Musikantenbande, wie

sie damals häufig auf den Kirmessen der Niederlande anzutref-

fen waren, die vor dem Fenster mit Küchenmörseln auf Rosten

zum Gesange klapperten, in das Zimmer rufen konnte. Das lu-

stige Völkchen, unter großen Mänteln und Larven versteckt, trat

ins Zimmer, sah sich um und sang, wie sie die beiden alten Her-

ren so zärtlich gegen das junge Mädchen erblickten, vom Glück

des Alters, das noch lieben kann und geliebt wird:

Väterchen, saug Jugendmut

Aus der Lippen rotem Blut,

Mische Honig zu dem Wein,

Und er wird dir lieblich sein;

Zünde auch ein Feuer an,

Daß sich Amor wärmen kann:

Sieh, der lose kleine Bub

Kommt auf Stelzen in die Stub.

Bella stellte sich bei diesen Worten, als ob sie den alten Herren

den guten Willen durch Zuvorkommen erwecken wollte, sie trat

zu den Musikanten und sagte, daß sie mit ihnen singen wollte,

sie sänge recht hübsch, doch müßten sie ihr Tracht und Larven

leihen. Frau Nietken war seelenvergnügt, daß sie sich so leicht in

ihr Schicksal gegeben: "Herzchen, tanz", sagte sie, "daß die

Röcke übern Kopf fliegen, den Herren will ich ein Glas Malaga

einschenken." Bella benutzte diese Zeit, einer Musikantenfrau

jene kostbare Diamanthalskette, die Cornelius damals in dem

Stiefel entdeckte und ihr umhing, anzubieten, wenn sie unter

ihrer Larve entfliehen könnte und jene an ihrer Stelle zurück-

bleiben wollte. Das Weib war mit dem Gebot sehr zufrieden,

sollte es darüber auch Händel geben; die Musiker waren ihrer

sechse, die an Raufereien, wie andere Menschen ans Kämmen,

gewöhnt waren, und weil sie nichts als einige alte Lumpen zu

verlieren hatten, nur immer dabei gewinnen konnten. Die Um-

kleidung war hinter dem Schirme bald vollendet, und Bella

entwich, während ihre reiche Haube von Gold und ihre Hals-

kette an dem verlarvten Weibe den alten verliebten Toren herr-

lich entgegenglänzte; das Weib tanzte, und ihre Sprünge schie-

nen ihnen so reizend, daß einer nach dem andern aufsprang und

ihr um den Hals fiel. Endlich entfiel ihr bei diesem abwechseln-

den Zugreifen die Larve, und die alten Herren erschraken nicht

wenig, ein fremdes, abgelebtes Gesicht zu sehen, das sie mit

rechter Bosheit verlachte. "Wo ist Bella, ihr Spitzbuben?" schrie

Frau Nietken, und statt der Antwort warf sie ein derber Faust-

schlag des einen Musikanten darnieder. Die alten Herren spran-

gen zu, aber mit ihnen wurden die rüstigen Kämpfer noch

schneller fertig; sie knebelten sie, nahmen ihnen die vollen Geld-

beutel, mit denen sie Frau Nietken bestechen wollten, aus den

Händen, verschlossen die Türe und flüchteten sich aus dem stil-

len Hause, wo alles von den Rasereien des Tages im Frühmorgen

darniederlag, in das Freie; sie hatten genug gewonnen, um allen

Untersuchungen aus dem Wege zu gehen.

Bella hatte sich unterdes mit einer Schnelligkeit auf den ihr

wohlbekannten Fußpfad nach Gent begeben, daß sie sich nach

einer Stunde ganz erschöpft hinter einen Dornstrauch versteckte,

um ein wenig sich zu erholen. Es zog allerlei betrunknes Volk

vorüber, was auch von der Kirmes kam, aber keiner bemerkte

sie, nur die Hunde schnupperten und bellten sie an; da aber der

Dornstrauch als Grenze einer Feldmark sie versteckte und auch

mancherlei Knochen den gewöhnlichen Gebrauch dieses Ortes

verrieten, so gab lange Zeit niemand auf sie Achtung. Sie ver-

fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem ihr das Bewußtsein erst am

folgenden Abende wiederkam. Nun konnte sie zwar in dem

krampfhaften Zustande, der sich ihrer bemächtigt hatte, selbst

dann noch nicht ein Glied erheben oder die Augen aufschlagen,

doch hörte sie in einzelnen Momenten, was ringsumher auf dem

Wege gesprochen wurde. Sie hörte das Bellen eines Hundes, wie

in dichter, nebeldunkler Nacht der verirrte Schiffer davon über-

rascht wird, aus einem unbemerkt angenäherten Schiffe; jetzt

hörte sie auch Stimmen, und sie merkte aus der Art, wie sie

sprachen, daß es ein paar Flurschützen von den beiden anein-

anderstoßenden Dörfern wären. Der eine sprach: "Hör, Peter,

das tote Weib liegt auf deinem Grund und Boden." "Soll es gel-

ten", antwortete der, "und wir müssen sie auf unsere Kosten

begraben lassen, so leg ich hier einen großen Stein in die Erde,

und das Stück gehört unser und die Grenze kommt jenseits."

"Den Teufel nein", sagte der andre, "du bist verflucht gerieben

und bist noch ein halbwachsener Bengel, ich hätt sie euch gern

aufgeladen, ja da werden wohl beide Gemeinden die Leichen-

bestattung zusammen bezahlen müssen, das macht viel Mühe

und Kosten und gibt sicher noch Streit." "Hör, Alter", sagte der

andre, "ich hab ein Kunststückchen vom vorigen alten Flur-

schützen, dem rothaarigen Benedikt, gelernt, der sagte immer:

"wenn ich einen Toten finde, so seh ichs ihm gleich an, er sieht so

grämlich aus, bei uns will er nicht gern begraben sei: ei nun,

sein Wille geschehe, ich mache ein Kreuz über die Scheide, werf

ihn hinein, und wo er ans Land treibt, da will er gern hin -

aber, Bub, es muß niemand sehen!" "Hör, Peter, der Gedanke ist

so dumm nicht; siehst du niemand, wir fassen zusammen an und

tragen sie ins Wasser." - Bella wollte rufen, aber sie vermochte

auch nicht die kleinste Lebensäußerung zu zeigen; schon griffen

die beiden Leute sie an, als der junge Flurschütz rief: "Halt, laß

liegen, was führt der Teufel da für einen struppigen Kerl vom

Galgenberge herunter, laß uns nach den Wiesen gehen, in zwei

Stunden ists dunkel, da sieht uns niemand."

Bei diesen Worten gingen sie miteinander die Grenze herun-

ter, und Bella war von der unsäglichen Angst in einen wunder-

lichen Traumzustand übergegangen, in welchem sie den Vater

mit herrlicher Krone auf der ägyptischen Pyramide, die er ihr

oft gezeichnet hatte, sitzen sah; seine Beine waren aber anein-

ander gewachsen und seine Hände an den Leib gelegt, und sie

fragte ihn ganz ruhig: "Deine Hand kannst du mir wohl nicht

mehr reichen wie sonst?" "Nein", sagte er, "sonst hätte ich dir

eben beigestanden; sonst hätte ich dich früher zurückgehalten, als

du den Alraun gegraben: sei froh, du bist frei von ihm! Du bist

gesegnet, ein Kind zu tragen, das unser Volk heimführt. Du aber

wirst noch Trauer erleben, sei aber furchtlos wie ein Nachttau,

welcher der Sonne entgegengeht und sie anblickt, auf daß sie ihn

von hinnen nehme"

Nachdem dies Traumgesicht ihr entschwunden, wachte sie auf.

Die Sonne war im Sinken, und sie konnte sich erheben und

fühlte nur Ermattung noch in allen Gliedern. Sie schlich langsam

der Stadt zu und ging mit einem Seufzer bei dem verlassenen

Landhause vorüber, das ihre Jugend geschützt hatte: es war ihr

jetzt zu eng, zu klein, und sie eilte nach dem Hause, wo sie vor

drei Tagen mit wunderlichen Erwartungen ausgefahren war.

Zutraulich bewegte sie den Klopfer der Tür, es trat ihr die be-

kannte Magd entgegen, sie fiel ihr um den Hals; diese aber trat

zurück und kannte sie nicht. Als sie sich nannte, schrie das Mäd-

chen auf, ließ den Blaker fallen und lief hinauf zur Herrschaft

und schrie, daß sie es hören konnte: "Jesus Maria, da ist noch

eine Bella!" - Braka, Cornelius und seine junge Gemahlin, die

Golem Bella, stürzten zum Zimmer hinaus, die Ankommende

zu beschauen. Wie läßt sich alles gegenseitige Erstaunen malen?

Braka wußte durchaus sich nicht zu fassen; Golem war gleich-

gültig, als wäre sie ihrer Sache zu gewiß, um sich in ihrer eignen

Person zu irren. Bella weinte; von der Müdigkeit, vom Hunger

erschöpft, hatte sie kaum die Kraft aufzublicken. Cornelius, der

sich auf einmal im Besitze zweier Frauen sah und durchaus jetzt

nicht begreifen konnte, wozu er überhaupt eine genommen,

sprang wie ein brennender Frosch, so nennen es die Feuerwerker,

zwischen allen herum, fluchte und schimpfte und wußte eigent-

lich selbst nicht, was er sagen sollte. Die Magd und Braka kamen

zuerst darauf, unsere Bella möchte doch wohl die echte sein, aber

Cornelius widersprach heftig, weil ihm die geschmückte Golem

besser gefiel, als Bella in den alten Lumpen der Dorfsängerin.

Bella bat nur um ein Nachtlager und Nahrung, weil sie erschöpft

sei von Müdigkeit; wenn sie am Morgen nicht mehr geduldet

werden sollte, könnte sie leicht weiterziehen. Aber auch dies

wollte Golem nicht leiden, die, wie wir wissen, außer den weni-

gen Gedanken, welche der Spiegel von Bella zu ihr übergetragen

und die ihr eine auswendig gelernte Form waren, ein echtes

Judenherz in ihrem Körper bewahrte und jetzt in der Furcht,

die Fremde könnte sie verdrängen oder Geld kosten, schrie: daß,

wenn sie nicht freiwillig gleich das Haus verließe, wenn sie ihre

trügliche Ähnlichkeit mißbrauchen wollte, ihres Mannes Liebe zu

teilen, so würde sie ihr das falsche, lügenhafte Antlitz mit den

Nägeln zerreißen. "Du, Mann", rief sie und wendete sich dro-

hend gegen ihn, "daß du noch so dastehst und ihr nicht schon

längst das Genick gebrochen, das beweist mir deine Schlechtig-

keit, du hast dich auch mit ihr abgegeben, und ich will euch dafür

die Köpfe zusammenstoßen, daß euch das Küssen auf ewig ver-

gehen soll, ihr Ehebrecher!" - Cornelius fürchtete sich gewaltig

vor ihrer Stärke; er stellte sich darum grimmiger, als er es eigent-

lich meinte, erhob sein Stöckchen und rief: "Erbärmliches Fräu-

lein, ich will dich strafen." Braka mußte über sein närrisches

Hahnreigesicht fast lachen, wie er sich so grimmig anstellte; aber

Bella schlich einsam hinunter, Cornelius hieb auf das Geländer,

trat zurück und sagte: "Der habe ich ein paar aufgezogen, daran

soll sie ihr Lebtag gedenken." Golem küßte ihn dafür und

nannte ihn ihren lieben Mann, und er ahndete nicht, daß er die

herrliche Bella für eine Lehmpuppe verworfen, denn leider hatte

ihm Golem Bella in der Nacht der Hochzeit die beiden ahnden-

den Augen, die er noch immer im Nacken bewahrt hatte, un-

wissend, weil sie da keine Augen vermutete, eingedrückt. Solch

Unglück ist leicht bei außerordentlichen Eigenschaften, ich er-

innere mich eines außerordentlich begeisterten Redners, der diese

Eigenschaft ganz verloren, seit die Zuhörer, um einen Versuch

mit ihm zu machen, ihn einmal während dieser Begeisterung mit

kaltem Wasser übergossen.

Bella war jetzt entschlossen, beim Erzherzoge eine Zuflucht

zu suchen; sie kannte sein Schloß, das über die andern Häuser

hervorragte, aus der Ferne, und so heftig ihr das Herz klopfte,

ihre Knie zitterten und ihre Sprache fast versagte, sie brachte

es endlich doch beim Türsteher an, daß sie den Erzherzog not-

wendig sprechen müsse. Der Türsteher, ein alter Mann, war ganz

in dem Interesse des alten Adrian, der ängstlich die Unschuld

seines Prinzen bewachen ließ, um seine Lebensdauer zu verlän-

gern. Der alte Türsteher ließ Bella in ein Zimmer treten, ging

heimlich zu Adrian und hinterbrachte ihm, daß ein verdächtiges

Mädchen nach dem Erzherzoge gefragt habe. Adrian saß eben

bei seinem Nachtessen, einem feisten Hahnenbraten, auf seinem

Studierzimmer, wie er da abends allein zu essen gewohnt war;

er befahl mit zornigen Augenbrauen, das Mädchen hereinzu-

führen. Bella wurde eingeführt, aber nach dem Erschrecken über

die Abwesenheit des Prinzen machte ihr der Anblick des kräfti-

gen, würdigen Adrian einen sehr beruhigenden Eindruck. Er sah

sie an und sprach nichts als: "Kurios, kurios!" - Sie sah den

Braten, und vom langen Hunger getrieben, rückte sie einen

Stuhl ihm gegenüber zum Tisch, schnitt sich ein Stück ab und aß

mit dem Heißhunger eines armen Leibes, der seit zwei Tagen

nichts genossen. Adrian schüttelte mit dem Kopfe, sagte wieder:

"Kurios, kurios!" legte ihr dann gekochte Früchte vor, die dem

Braten zugesellt waren, und schenkte ihr ein Glas Wein ein. "Du

bist ein wunderliches Mädchen", sagte Adrian, "sprich, wann

bist du geboren? ich möchte deine Zeichen erforschen." "Ach,

würdiger Herr", sagte Bella, "ich weiß es mir nicht mehr recht

zu erinnern, ich muß zu der Zeit noch sehr dumm gewesen sein.

"Kurios, kurios", sagte Adrian, "wie hieß aber dein Vater?"

"Ach, mein armer Vater", sagte Bella, "wenn der das gewußt

hätte!" "Kurios, kurios", sagte Adrian; "nun, ich will deine

Geheimnisse nicht wissen." "Aber kommt denn der Erzherzog

nicht bald?" fragte Bella. "Kurios, kurios", sagte Adrian, "du

meinst wohl gar, ich soll dich zu ihm führen, das geht nicht."

"Ei, Väterchen", schmeichelte Bella, "tus doch, ich muß ihn

sprechen, führ mich zu ihm, es macht ihm sicher Freude, ich hab

ihn so lieb,"- "Ein wunderliches Mädchen", flüsterte Adrian vor

sich, "macht mich zu ihrem Liebesboten; wer weiß, ob ich mit

dieser Liebschaft nicht des Prinzen leichten Sinn an einen Men-

schen binden könnte; es wird nicht lange mehr gelingen, ihn von

dem Umgang mit den Frauen abzuhalten, gar viele mühen sich

um ihn, die ihn auf eitle Wege führen könnten, und diese scheint

noch schuldlos, jung." Die Religion war in ihm beim Lesen der

alten römischen Dichter zu einer Art klugen Naturkunde ge-

worden. - "Was sprichst du vor dir, lieber Vater?" fragte

Bella. "Ich will dich bald zum Erzherzoge führen", sagte Adrian,

"wart nur etwas, und bist du müde, ruhe aus auf meinem Bette

und sprich recht zutraulich, woher du bist, ich will es treu behal-

ten." Bella fand ihre ganze Seele gegen ihn erschlossen; sie er-

zählte ihm aufrichtig ihr ganzes Schicksal, nur eins konnte sie

ihm nicht sagen, wie sie mit dem Prinzen in Buik zusammenge-

troffen, sie sagte, daß sie sich im Gedränge von der alten Braka

verloren hätte. Nach dieser Erzählung versank Adrian in ein

tiefes Nachdenken und in mancherlei Rechnerei, worüber Bella

einschlief. Sowie er wieder etwas Merkwürdiges über sie heraus-

gerechnet zu haben meinte, trat er an ihr Bette, lehnte sich sachte

über und sah sie verwundert an; überhaupt war es ihm merkwür-

dig, wie ein Mädchen auf seinem harten, geistlichen Lager schlafe.

Endlich hörte er den Erzherzog, der bei dem Grafen Egmont

zu Nacht gegessen hatte, im Schlosse einreiten; er wartete noch

einige Zeit und ging dann fort, ohne daß es Bella bemerkte, ihn

in seinem Schlafzimmer aufzusuchen. Cenrio, von seiner An-

kunft sehr überrascht, winkte ihm, leise aufzutreten, weil der

Prinz sehr müde gewesen und gleich in einen tiefen Schlaf ge-

sunken sei. Adrian ging an das Bette, sah das hellblonde Haar

des Prinzen, wie er es gewöhnlich mit einem goldenen Netze

umspannte, und zog sich auf den Zehen, mit der Hand Ruhe

winkend, zurück. Cenrio biß sich lachend auf einen Finger und

krümmte vor Lustigkeit den Leib und hob ein Bein auf; der

gefährliche Betrug war gelungen und Adrian hatte die ausge-

stopfte Puppe für den wahren Erzherzog gehalten, der inzwi-

schen seine lebendige Bella versäumte, um bei der leblosen Puppe

Golem Bella an dem Nachgenusse der Liebe, die ihn das erstemal

so reich entzückt hatte, zu verzweifeln. Er hatte nämlich schon

am Morgen jene Golem Bella, die außer den Liebesgedanken

der wirklichen Bella noch ein gemeines jüdisches Gemüt hatte,

durch Cenrio bestimmt, seinen Besuch in der Nacht anzunehmen,

nachdem das Wurzelmännlein mit einem Schlaftrunke, den er

ihr mitgeteilt, zur Ruhe gebracht sei. Auch Braka wußte darum

und sollte in ihrem Bettplatze vikariieren, weil der Kleine so

eifersüchtig war, daß er selbst schlafend einen Finger von ihr in

Händen hielt; dies war seine einzige Art, ihr zu liebkosen, daß

er diesen Finger zuweilen küßte. Der Erzherzog war in das

Haus geschlichen, als der Kleine, über die zweite Bella noch

immer sehr verwundert, kaum zur Ruhe gebracht worden; er

mußte lange harren, ehe Golem Bella sich losmachen und zu ihm

kommen konnte, und jetzt war seine Neugierde aufs höchste

gespannt, wie es ihr ergangen und wie sie dem Herrn von Cor-

nelius vermählt worden, was aus der Golem geworden sei, die

er vom Juden habe nachbilden lassen, um ihren Mann zu täu-

schen. Golem Bella antwortete auf das alles so natürlich, daß er

keinen Argwohn schöpfte, sie selbst möchte diese Puppe sein:

insbesondre da er die täuschende Kunst der Sinne für unfähig

achtete, sein scharfes Auge zu täuschen. Sie sagte ihm, daß Cor-

nelius aus Argwohn gegen sie, als ob sie mit dem Erzherzoge ein

Verständnis habe, erst sehr böse gewesen und sie dann gezwun-

gen hätte, sich ihm im nächsten Dorfe zu vermählen, wofür sie

in der Liebe des Erzherzogs eine Entschädigung zu finden hoffe.

Die geheimnisvolle Stunde war nicht zu langen Erörterungen

geschaffen; der Erzherzog hatte die Zauberei spielend heraus-

gefordert, seine Lüste zu begünstigen, diesmal täuschte sie ihn

um seine Lust; in der Liebe ist alles so ehrlich, daß jeder Betrug,

wie ein falscher Stein in dem prachtvollsten Ringe, das freie Zu-

trauen stören kann; und betrog nicht der Erzherzog Bella, als

er sie durch sein Kunststück in seine Gewalt brachte? Es war nicht

Liebe allein, es war der Wunsch in ihm, sich zu rächen, weil er

sich betrogen glaubte, daß er sie so wild und rasch seiner Lust

opferte.

Als der Morgen dämmerte und die Krähen, die einzigen Sing-

vögel großer Städte, schrien, als ihn Cenrio erweckte, da konnte

er nicht begreifen, was ihm mitten im Genusse gefehlt hatte; sein

ganzes Herz war traurig und schwer, weil es nicht jubeln konnte,

wie damals, als er sich von Bella in Buik trennte; ja, es war ihm,

als sei es ein anderes Wesen gewesen, die bei ihm geschlummert,

und wäre sie nicht früher fortgeschlichen gewesen, er hätte sicher

die dunkeln Locken von der Stirn erhoben, um das Wort des

Todes zu entdecken. Er verfluchte die Nacht und schwor sich, nie

wieder diesen Weg zu gehen, auf welchem er sich verkleidet in

sein Schloß schlich, wo ihm Cenrio erst erzählte, welche Gefahr

er gelaufen, von dem alten Adrian entdeckt zu werden.

Der alte Adrian war unterdessen in einer viel ärgern Ver-

legenheit gewesen; gleich nachdem er den ausgestopften Erzher-

zog verlassen, hatte er sich ernste Vorwürfe gemacht, daß er auf

den Gedanken gekommen, die Liebschaft des Erzherzoges zu be-

günstigen. Er hätte Bella ohne Barmherzigkeit verstoßen, wenn

er nicht vorher schon dem Türsteher hätte sagen lassen, das

Schloß zu verschließen, er habe das verdächtige Mädchen schon

zur Hinterpforte hinausgelassen. Die Nachtposten waren jetzt

auf den Gängen verteilt, und es hätte ohne ein böses Gerede

nicht endigen können, wenn er so spät noch ein Mädchen aus

seinem Zimmer entlassen hätte; er mußte sich also in zagender

Geduld fügen und der armen, müden Bella sein eignes Bette zum

Nachtlager anweisen, während er sich selbst vornahm, sich durch

ein hartes Bußlager von jeder Versuchung frei zu halten. Seine

Verlegenheit ging aber bald an, als ihm unwiderstehlich nach

dem Wasserglase verlangte, das sich Bella an ihr Bett gesetzt: es

war das einzige, und es drängte ihn der Durst, daß er aufstehen

mußte und Bella, vom festen Schlafe rötlich angewärmt, schnell

atmend in schöner Lage erblickte. Ihm war nie solch ein Anblick

vorgekommen, und er konnte es selbst nicht recht begreifen,

warum er so langsam trinken mußte und gar nicht fertig werden

konnte, die einzelne Fliege abzuwehren, die immer zu dem schla-

fenden Engel zurückkehrte; endlich stach ihn selbst eine Art

Götterverehrung, die bis dahin nur ganz äußerlich aus den römi-

schen Dichtern in seine Rhetorik übergegangen war. Venus war

jetzt Fleisch geworden, er rief sie in Horazens Versen leise an,

und wer weiß, wozu ihn diese läppische Schulweisheit verführt

haben möchte, wenn er nicht mitten in seiner Adonisrolle seine

Tonsur und sein graues Haar im Spiegel gesehen hätte. Ihm

schauderte, es war ihm, als habe er einen Heiligen gesehen, der

sich im Nachtmahlwein vor seinem Tode betrunken. Er legte

sich seufzend auf die harten Dielen, konnte aber nicht schlafen,

denn seine Gedanken waren immer beschäftigt, bald reuig, bald

sündig, bald wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte, wie

er Bella fortschaffen und doch für sie sorgen könnte; auch war es

ihm zumute, als könnte er sie nicht von sich lassen. Allmählich

verweilte sein Auge bei den Kleidern eines Knaben, der ihm

lange aufgewartet hatte, und den er wegen seiner Tücken endlich

fortgejagt hatte; diese schienen ihm geschickt, das Mädchen un-

bemerkt aus dem Hause zu führen. Als Bella aufwachte, sich die

großen Augen rieb und erschreckend fragte, wo sie sei, und fast

weinte, hatte der gute Alte erst genug zu trösten. Er betete ihr

ein Ave Maria, das sie ihm fromm nachsagte, dann erst erzählte

er ihr, daß sie sich in Geduld fügen müsse, er könne sie nicht zum

Erzherzoge führen, das sei gegen sein Gewissen; aber er wolle

für sie sorgen; ob sie ihm nicht einen Rat geben könne, wo sie

unterzubringen, da er niemand kenne. Sein voriger Knabe, der

habe bei armen Verwandten gewohnt und sei morgens und

abends gekommen, um sich zu erkundigen, ob er für ihn etwas

zu laufen oder sonst zu verrichten habe; wenn sie dessen Kleider

anlegen wolle, könne sie ihm dieselben Dienste, welche ihm die

vornehmen Hoflakaien immer unordentlich versorgten, in den

Kleidern des Knaben verrichten. Bella nahm alles an, was ihr der

Alte riet, denn sie sah die Möglichkeit, den Erzherzog in die-

ser Verkleidung zu sehen, und das war jetzt ihr einziges Ver-

langen; sie eilte zum Ankleiden des neuen Staates, aber ihr fehlte

alle Kenntnis, wie sie diese verschlitzten und vielfach mit Haken

und Ösen verbundenen Beinkleider und den Wams anlegen

sollte, so daß ihr der alte geistliche Herr nicht ohne Lachen dabei

helfen mußte. Sie erzählte ihm, daß sie wieder nach dem Land-

hause zurückkehren und sich dort verstecken wollte; ihre Haut

wisse sie durch Pflanzensäfte so zu bräunen, daß niemand sie für

ein Mädchen halten sollte. Adrian sah wohl die Klugheit ihres

Volks bei allen ihren Äußerungen, aber er fürchtete sich doch

vor Verrat und war gar sehr erleichtert, als er sie aus dem Schloß

entlassen über den Platz hinschreiten sah, wo die Buben, welche

einen Reifen trieben, ihr in der Meinung zuriefen, es sei ihr alter

Kamerad, der vorige Knabe Adrians.

Das war seine letzte Angst für diesen Tag; nachher eilte er

zum Erzherzoge, und als er ihn noch schlafend fand, der die

Nacht versäumt hatte, schüttelte er ihn auf und hielt ihm eine

lange Strafrede über die Trägheit, daß in ihr, wie in einem

bodenlosen Meere, kein Anker der Tugend fassen könne, son-

dern verlorengehe. Den Abend habe er ihn nicht stören wollen,

denn die Stunden vor Mitternacht seien der edelste Schlaf, wo

eine einzige für Körper und Seele mehr wert als zwei nachher;

jetzt aber, wo ihm die Sonne in die Nasenlöcher scheine, sei das

Schnarchen etwas ganz Ungeziemendes. - Er konnte stundenlang

so fortreden und brachte diesmal den Erzherzog aus einem

Schlaf in den andern, so daß der alte Herr endlich unmutig auf-

stand und Cenrio die Beweise vortrug, daß jenes vermeinte

Werk des Petrus Lombardus, was er in Buik aufgefunden, ent-

weder erdichtet oder aus einer Zeit des Verfassers sei, wo er sei-

nen Geist und seine Grundsätze schon aufgegeben hätte. Cenrio

tat verwundert; heimlich lachte aber der Schelm, daß die alte

Scharteke dem gelehrten Manne so viel Studium gekostet; er

fragte ihn dann nach der merkwürdigen Sternenjunktur, die er

in Buik beobachtet, worauf ihm Adrian deutlich machte, daß in

der Nacht ein mächtiger Herrscher im Morgenlande gezeugt sei,

wo aber, das könne er nicht herausbringen. Auch hierin fand sich

Cenrio heimlich wieder viel besser unterrichtet, ungeachtet ihm

einige Dinge im Kopfe herumgingen, die er nicht bequem reimen

konnte, vielleicht weil die Natur bloß Assonanzen machen

wollte; er hatte nicht herausbringen können, wo die Golem

Bella geblieben; auch wußte er nicht, wie Bella wieder zur alten

Frau von Braka zurückgekommen, nachdem sie von dieser in den

Armen des Erzherzogs zurückgelassen - Dinge, die er aus Zeit-

mangel und aus Überfluß an Zeugen mit dem Erzherzoge noch

nicht überlegen konnte. Nachdem der Alte das Zimmer verlas-

sen mit den Worten: "Kurios, kurios, ich gäbe was darum, dies

Wunderkind zu entdecken!" - so wendete Cenrio seine Fragen

an den Erzherzog, der nicht wenig erstaunt war, da er selbst

in seiner Lust nach einer verlornen Bella geschmachtet hatte. -

"Gewiß ist jene verloren, die ich liebte, die im Tor meines Le-

bens wie die zarte Morgenröte vor der hellen Sonne verschwun-

den ist; statt des Götterbilds habe ich eine irdische Gestalt um-

armt, die mich in niederer Glut an sich zieht, und vor der mein

Herz zurückweicht. Ach, daß Millionen auf mich blicken! Dürft

ich ein armer Pilger werden, wie wollte ich die Welt durchirren,

meine Klagen allen Winden singen und sie aufsuchen, der ich

ewig gehöre, und wenn ich sie nicht fände, als Einsiedler in den

stillen Kapellen des Monserate vertrauern: Cenrio, das wäre,

was ich mir wünschte, und da ich es nicht erreichen kann, da

werde ich auch vieles nicht erfüllen, was die Welt von mir will."

- Cenrio gehörte zu den verkehrten Fürstenhofmeistern, die

jeden ernsten Gedanken wie eine Zugluft von dem verehrten

jungen Leben abhalten möchten. Sie wollen sie im Genusse bil-

den, und der Genuß eines Fürsten ist so beschränkt und die Ent-

sagung so überschwenglich; der Scherz bleibt vor ihrer Tür ste-

hen, und der Ernst herrscht wie ein alter Geist im Schlosse. Cen-

rio versprach dem Erzherzoge, in Buik alle Erkundigungen ein-

zuziehen, um das Rätsel zu erklären, und eilte dahin.

Unterdessen wurde der Herr von Cornelius bei dem Erzher-

zoge angemeldet, und dieser nahm ihn an, weil er der Golem zur

Sicherheit ihres Verhältnisses versprochen hatte, ihm eine An-

stellung zu schaffen, insofern er von vielen Herren seines Stan-

des ein Zeugnis brächte, daß er ein Mensch sei.

Der kleine Kerl war schon den ganzen Morgen herumgelaufen

und hatte sich die Meinungen der Herren, ob er ein Mensch

wirklich sei, aufschreiben lassen, sah aber zu seinem Erstaunen,

daß bei allen mehr oder weniger Zweifel darüber obwalteten.

Die Zeugnisse waren immer nur bedingungsweise ausgestellt, so

sagte von ihm der Baron Vanderloo: Wenn er hinter einem

Tische säße, würde man ihn schon für einen ordentlichen Men-

schen passieren lassen, er dürfe aber niemals aufstehen wegen

unverhältnismäßiger Kürze seiner Beine, welche ihm Ähnlichkeit

mit einem verkleideten Dachshunde gebe. - Herr von Meulen

erklärte: er würde durchaus untadelhaft sein, aber seine Mutter

müsse einen zu heißen Leib gehabt haben, darüber sei er, wie ein

allzu scharf gebackenes verbranntes Brot, aufgerissen und zu-

sammengekrochen. - Graf Egmont schrieb auf den Umlaufzet-

tel: Da es eine Hauptkunst sei, dem Feinde in gewissen Kriegs-

fällen seine Stärke zu verbergen, so könnte er sehr nützlich in

einer Hosentasche jedes tüchtigen Soldaten angestellt werden,

seine Muskete auf dessen Hosenknopf anlegen und den Feind

durch einen ganz unerwarteten Schuß aus den Hosen des Solda-

ten erschrecken. - Diese und ähnliche Meinungen, die jeder ihm,

als sehr günstig für seine Anstellung, eingeredet hatte, brachte

der Kleine jetzt dem Erzherzoge, der sie mit verbissenem Lachen

durchlas und ihm dann eine ihm angemessene Anstellung in

einem Regimente versprach, das er bald errichten wolle, und

wozu er eine neue Art von Helmen erfunden, die durch eine

Schelle sich hörbar und durch zwei lange Ohren sichtbar mach-

ten. Der Kleine war über die nahe Erfüllung seiner Wünsche

entzückt; er hatte noch nie einen Schalksnarren gesehen als in

Buik, und da hatte er ihn für eine militärische Person gehalten

und die Gewalt seiner Waffen gegen ihn versucht. Er war des-

wegen auch sehr bereitwillig, den Erzherzog bei sich zu empfan-

gen, der sich nach seiner jungen Frau erkundigte und sie kennen-

zulernen wünschte. Derselbe Tag noch wurde zu einem Feste

bestimmt, das Herr von Cornelius in seinem Hause geben sollte.

Der Erzherzog fühlte, trotz der unbefriedigten Nacht, trotz der

Vermutung, eine Zaubergestalt treibe ihren Spott mit seiner

Liebe, eine unwiderstehliche Begierde zu diesem Golem. Es war

ein Drang andrer Art, als er geahndet, aber er konnte ihn doch

nicht abstreiten, nicht zurückweisen; auch konnte er nicht leug-

nen, daß diese Empfindung etwas Bestimmtes, etwas Mögliches

forderte, während jene sich vielleicht ins Unendliche traumartig

ausblühte; ja in diesem Zwiespalte seines Gemütes schien ihm

das Wesenlose, das Ungewisse in jenen hohen Freuden leer und

verächtlich gegen diesen erkannten Sieg seiner Sinne.

Bella war am Morgen traurig den Weg nach dem Landhause

gewandelt, wo sie durch einige bekannte Löcher in der Garten-

mauer unbemerkt einzuschlüpfen hoffte. Es begegnete ihr aber in

der Nähe des Kirchhofes der arme Bärnhäuter, der sich beim

Überzählen seines verdienten Schatzes im Sarge etwas zu lange

verweilt hatte; als er Bella erblickte, konnte er sich der Tränen

nicht enthalten, sondern faßte ihre Hand und fragte, was die

liebe, junge Herrschaft mache, er habe es gleich bemerkt, daß sie

von einer falschen, nachgebildeten Figur verdrängt sei, aber aus

Furcht, seinen Dienst zu verlieren, habe er nichts zu sagen ge-

wagt. Bella bat ihn zu schweigen: seit dem Empfange in dem

Hause habe sie einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen

Braka, Cornelius und alle bekommen, daß sie sich nie entschlie-

ßen könnte, ihre fürstliche Freiheit dem Zwange der Stadt zu

unterwerfen; sie wolle wieder in ihrem alten Hause leben, bis

sie freie Leute ihres Volkes antreffe. Dann fragte sie ihn aus, wie

sich alles begeben, und warum er an dem Abende nicht erschie-

nen. Da erzählte er ihr, daß er von der falschen Bella ausgestellt

worden sei, um den Erzherzog durch die Hintertüre einzufüh-

ren, der erst spät anlangen konnte. Bei diesen Worten verschloß

Bella den Mund des Bärnhäuters; sie wollte nichts mehr hören,

nachdem diese unselige Betrügerin ihr auch das letzte, was sie

auf Erden reichlich tröstete, die Liebe des Erzherzogs entwendet

hatte. Der Jammer füllte ihre Seele, und es fiel ihr wie ein Stein

vom Herzen, als sie weinen konnte; sie hing sich an den Bärn-

häuter und ließ ihn wohl eine Stunde nicht los; ein Glück, daß

den Weg wenig Leute gingen, es hätte sonst Aufsehen gemacht.

Der Bärnhäuter war bald in ein neues Rechnen in Gedanken

gekommen, wie lange er noch dienen müsse, und so ließ er die

Tränen an sich vorübergehen, wie eine Mühle den schönsten

Wasserfall, sie ist zufrieden, daß nur ihr Rad dabei gehen kann.

Zuletzt, als er fürchtete, zu spät zu kommen, wußte er sich nicht

anders loszumachen, als daß er eine Pflaume, die wurmstichig

vom nahen Baume gefallen war, aufdrückte und sprach: "Wie-

viel glücklicher ist doch solch eine Made als wir Menschen, je

länger sie lebt, je süßer wird die Frucht am Baume; was ich aber

als eine Undankbarkeit an dem Tiere betrachte, ist wohl, daß

sie alles in ihr Zimmer macht und sich dadurch ihren eignen

Lebensgenuß verdirbt." - Der einfältige Kerl dachte nicht, daß

sein eignes Sammeln im Leben nichts anders gewesen war, als

was die Maden in der edlen Frucht anhäufen. Bella war zu trau-

rig, um ihn darauf aufmerksam zu machen, sie ließ ihn aber los,

und er verließ sie eilig mit den heiligsten Versicherungen, er

wolle für eine Kleinigkeit jede Nacht zu ihr kommen und ein-

holen, was sie brauchte.

Sie dachte nicht, was sie noch brauchen könne; ihr fehlte alles.

Gleichgültig gegen alle Welt ging sie, ohne eine Vorsicht zu brau-

chen, nach dem Gespensterhause und öffnete die Türe in der ihr

bekannten Art. Keine Betrachtung über die Veränderlichkeit

ihres Schicksals störte sie; ganz entehrt fühlte sie sich, seit der

Erzherzog sie nicht mehr liebte, ohne Sicherheit und Würde; sie

wollte ihn vergessen, und doch war es ihre Angst, wo er eben

sein möchte. Auch war es dieser Gedanke mehr als der Hunger,

der sie abends nach dem Schlosse zurückführte, wo sie aber dies-

mal Adrians Zimmer verschlossen fand, weil er mit einigen

Geistlichen darin disputierte. Als sie unbestimmt auf dem dunk-

len Gange des Schlosses stand, kam der Erzherzog und hielt sie

in der schwachen Beleuchtung für den ehemaligen Knaben Adri-

ans, den er sich durch kleine Geschenke lange zu eigen gemacht

hatte; er rief ihm zu, eine Fackel zu nehmen und ihm nach dem

Hause des Herrn von Cornelius vorzuleuchten. Bella erfüllte

eilig seinen Befehl, zündete eine Fackel und ging voran. Der

Erzherzog war in heftiger Bewegung: ein geheimer Freund war

aus Spanien mit der sichern Nachricht angekommen, sein Groß-

vater können nur wenige Tage noch mit dem ihn lange bedrohen-

den Tode kämpfen; umsonst suche er dem Tode zu entfliehen

und ziehe aus einer Stadt in die andre, wie andre Kranke aus

einem Bett in das andre. Carvajal, Zapara und Vargas hätten

ihm endlich die Nähe seines Todes vorgestellt, und er hätte, sein

Unrecht gegen Karl zu verbessern, statt Ferdinands den Kardi-

nal Ximenez zum Reichsverweser ernannt und die rechtmäßige

Erbfolge Karls unangefochten gelassen. Der magnetische Kreis

der nahen Herrschaft bewegte Karls herrschendes Gemüt so un-

ruhig, wie ein Nordlicht die Magnetnadel; dabei war er so in

sich versunken, daß er keinen Blick auf Bella warf, sondern,

ohne darauf weiter zu achten, dem Schein der Fackel nachlief

und Bella befahl, vor dem Hause bis zu seiner Heimkehr zu

warten.

Die arme Bella! sie löschte ihre Fackel wie ein guter Genius,

der nicht mehr helfen kann. Der ernste Blick und Ton des Erz-

herzogs hatte allen ihren Mut, ihn anzureden, niedergeschlagen;

sie gab ihn ihrer Liebe verloren und war in sich still versunken,

als sie das Geschrei einer Musikantenbande aus ihrer Schmer-

zenstiefe erweckte. Sie hörte nichts von dem Liede, womit sie

sich eine Gabe aus dem erleuchteten Hause zu erflehen suchten;

die Erinnerung ihrer Retter aus den Händen der Alten stieg in

ihrem Herzen auf, zugleich die Erinnerung jener überstandnen

Angst; sie zagte für ihre Zukunft und wußte doch nicht, was sie

noch verlieren könnte. Es wohnt aber in den Menschen, die, zu

einer großen, allgemein wirkenden Äußerung von hoher Hand

vorbereitet, sie noch nicht erkennen, eine erhaltende Kraft, die

ihnen im gewöhnlichen Kreise das Ansehen der Zaghaftigkeit

geben kann; ihren großen Lauf ahndend, scheuen sie die hem-

mende Kraft des Schlechten, und nur ein ganz erfassender

Glaube kann ihnen in den Unbedeutendheiten des Lebens die

Zuversicht und Dreistigkeit geben, die ihnen im großen nie fehlt.

Bella fühlte ungeachtet ihrer Vernichtung einen erhaltenden

Wunsch in sich. Ihre Hilflosigkeit, und was ihr im Gedränge der

Menschen, die nachts in der Hauptstadt umherschwärmten, ge-

schehen könnte, erschreckte sie; sie verkroch sich zwischen den

Säulen einer kleinen Kapelle der heiligen Mutter, die neben

ihrem ehemaligen Hause ganz verlassen unerleuchtet stand.

Diese Bande von Musikern, welche sich vor dem Hause hören

ließ, unterschied sich aber gar herrlich von jenen rohen Sängern

auf der Kirmes. Es waren weder Bettler noch Diebe, sondern

junge Leute aus allen Ständen, die sich abends zusammenfanden

mit ihren Lauten und allerlei Lieder, so gut ein jeder sie wußte,

absangen. Was sie einnahmen, verjubelten sie entweder zusam-

men gegen Morgen, ehe sie voneinander schieden, oder sie

schenkten es den Mädchen, die sie mitzugehen beredet hatten.

Diese Sänger waren in den Städten so beliebt, daß die Eltern

ihre Kinder abends nicht eher zu Bette bringen konnten, bis der

Zug vorübergegangen, und wenn auch die Knaben den Trom-

melschlag vorzogen und ihm nachliefen, der abends den Tor-

schluß verkündigte, die kleinen Mädchen hörten lieber die Sän-

ger und folgten ihnen bis an die Straßenecke. Mancherlei freche

und traurige Lieder waren unbemerkt vor Bellas Ohren vor-

übergegangen, als ein junger fahrender Schüler sich vor der hei-

ligen Mutter hinstellte, daß die hellerleuchteten Fenster des

Hauses sein trauriges Gesicht erleuchteten; dann sang er ein

Lied, das damals allgemein gesungen wurde und in seinen

Schicksalen vielleicht eine besondre Rührung vorfand:

 

Die freie Nacht ist aufgegangen,

Unsichtbar wird ein Mensch dem andern

So kann ich mit den Tränen prangen

Und hin zu Liebchens Fenster wandern.

Der Wächter rufet seine Stunden,

Der Kranke jammert seine Schmerzen,

Die Liebe klaget ihre Wunden,

Und bei der Leiche schimmern Kerzen.

 

Die Liebste ist mir heut gestorben,

Wo sie dem Feinde sich vermählet,

Ich habe Lieb in Leid geborgen -

Ihr Tränen, mir die Sterne zählet.

Wie herzhaft ist das Licht der Sterne,

Wie schmerzhaft ist das Licht der Fenster,

Ein dichter Nebel deckt die Ferne,

Und mich umspinnen die Gespenster.

Im Hause ist ein wildes Klingen,

Die Menschen mir so still ausweichen,

In Mitleid mich dann fern umringen:

So bin ich auch von euresgleichen?

Mich hielt der Wald bei Tag verborgen,

Die schwarze Nacht hat mich befreiet.

Mein Liebchen weckt ein schöner Morgen,

Der mich dem ewigen Jammer weihet.

Wie oft hab ich hier froh gesessen,

Wenn alle Sterne im Erblassen,

Ach alle Welt hat mich vergessen,

Seit mich die Liebste hat verlassen:

Nichts weiß von mir die grüne Erde,

Nichts weiß von mir die lichte Sonne,

Der Monden glanz ist mir Beschwerde,

Die Nacht ist meiner Tränen Bronne.

Hier hielt er inne, schlug seinen Mantel über die Arme, zog eine

kleine Laterne hervor, holte eine brennende Kerze heraus und

stellte diese vor das Bild der heiligen Mutter; dann sang er in

verändertem Ton:

Nichts weiß von mir die liebe Mutter,

Nichts weiß von mir der gute Vater,

Doch zünd ich ein Licht der heilgen Mutter,

Doch glaub ich an einen himmlischen Vater.

Als das Licht den jungen Mann erhellte, da erinnerte sie sich,

ihn mehrmals vor ihrem Hause erblickt zu haben, wenn sie zu-

fällig nach der Straße gesehen. Nicht ohne Grund glaubte sie

sich die Ursache seiner Trauer, weil er sie vermählt glaubte.

Welche treue Liebe war ihr unbekannt geblieben, während der

Liebling ihres Herzens, dem sie sich so ausschließlich hingegeben,

sie in leichtsinniger Täuschung verlassen hatte. Sollte sie sich ihm

wie ein Almosen hingeben? Sie war sich nichts mehr wert! Sie

konnte ein frommes Leben mit ihrer Liebe retten. Schon wollte

sie zu dem Betenden hinspringen und sich ihm zu erkennen

geben und ihrem Hause und ihrem Volke entsagen, als der Mond

an dem hohen, pyramidalen Kirchturm, der vor ihr wie ein

Schatten stand, wie das Licht eines Leuchtturms emporstieg, und

sie dachte der Pyramiden Ägyptens und ihres Volkes, und die

Gedanken machten sie ihres Schicksals fast vergessen. Inzwi-

schen trat ein Knabe, der mit einem Teller, worauf ein Licht ge-

klebt war, im Kreise herumgegangen war, auch zu ihr; sie sah

auf dem Teller außer einigen Birnen und Äpfeln, Gaben der

Kinder, kleine Ersparnisse vom Abendbrot, nichts liegen. Sie

fühlte einen quälenden Durst und meinte, es werde ihr geboten,

nahm einige Birnen und führte sie zum Munde. Der Knabe sah

sie verwundert an, dann sagte er ihr, sie möchte bezahlen. Sie

griff in Verlegenheit nach den Taschen und meinte darin Geld

zu finden; es war aber nur ein abgerissener Knopf, den der

vorige Knabe darin vergessen. Als sie ihn auf den Teller legte,

lachte der Knabe und rief die lustige Bande herbei. Da hieß es

gleich, wenn er kein Geld zum Zahlen habe, müsse er ein Lied

zum besten geben. Bella verging fast in Angst; kein Lied wollte

ihr einfallen, sie wurde gezogen und bedrängt. Endlich stieß sie

an einen Stein, und da sang sie im Schmerz:

Wer sich an den Stein gestoßen,

Springt in die Höh

Mit Ach und Weh:

Wollet ihr das Tanzen nennen?

Wen die Liebe hat verstoßen,

Singt in die Höh

Mit Ach und Weh:

Wollet ihr das Singen nennen?

O Schmerz, wie soll ich dich singen,

Du bist mir zu schwer!

O Herz, wem soll ich dich bringen,

Dich will keiner mehr;

Verlorn ist Lieb und Ehr.

Bella hatte diese Worte mit solcher Angst ihrer Kehle entpreßt,

daß der traurige Sänger vom Gebete aufgestanden war und,

ohne sie anzusehen, den Teller mit Früchten und Geld in ihr

Barett schüttete, das sie schüchtern halb vor ihr Gesicht wie ein

Becken mit Weihwasser hielt, ihre Tränen waren hineingeflossen;

hätte er sie erkannt, er hätte ihr mehr, er hätte ihr alles gege-

ben, denn er war ihr eigen. Aber so schön ist eine fromme Nei-

gung, daß sie selbst da wohltut, wo ein höheres Geschick ihr

keine Erfüllung gestattet. Der arme Schüler fühlte sich durch die

kleine Wohltat, er wußte nicht wie, erleichtert. Seine Bescheiden-

heit erlaubte ihm nicht, dem er wohlgetan, ins Auge zu sehn,

darum zog er die Bande mit seinem schönen Gesange weiter, daß

sie den armen Burschen, dafür hielt er Bella, nicht weiter mit

Anforderungen zum Singen ängstigten.

Als Bella allein war, warf sie sich an die Stelle nieder, wo der

arme Schüler im Staube gekniet hatte, wo er sein Licht und einen

Blumenstrauß zurückgelassen. Die Blumen dufteten so angenehm

zu ihr, und die heilige Mutter sah so liebreich zu ihr herab,

daß sie fühlte, die Sünde ihres Volkes sei vergeben: "Heilige

Mutter", seufzte sie, "hast du verziehen unsre Missetat, nimmst

du uns auf, nachdem wir dich verstoßen?" - Da glaubte sie, die

heilige Mutter nicke ihr freundlich zu, und ihr Herz schwamm

in Andacht so selbstvergessen, daß sie den Schwarm der Gäste

kaum wahrnahm, die um Mitternacht das Haus verließen.

Ein paar trunkene Edelknaben des Erzherzogs erzählten, daß

sie den kleinen Cornelius, als er vom Mohnsafte eingeschlafen,

unter den Ofen gesteckt und ihn an den vier Ofenfüßen mit

Armen und Beinen schwebend angebunden; es sei schade, daß

man noch nicht einheize, er würde sonst den Gesang der Män-

ner im feurigen Ofen sehr natürlich anstimmen können. So gin-

gen sie vorüber, ohne Bella zu bemerken, die sie ebenfalls nicht

beobachtete und endlich, als das kleine Licht des Schülers er-

loschen war, gleichsam mit offenen, sehenden Augen in eine

andre Welt getragen wurde. Sie sah ein Kind in ihrem Schoße,

das dem Erzherzoge gleich, vor dem sich zahlreiche Völker

beugten; sie war ganz verloren in dem Anblick.

Aber mitten aus diesem Entzücken weckte sie die geliebte

Stimme des Erzherzogs mit den Worten: "Wach auf, Knabe,

zünde deine Fackel und leuchte mir vor!" - Sie taumelte auf und

sah Golem Bella, die mit einem Lichte ihn bis vor die Türe be-

gleitet hatte. Sie war in einen schwarzen Mantel gehüllt. Der

Erzherzog, den die sinnliche Gewohnheit mehr ergriffen, den

die höheren Forderungen der Liebe in der Unruhe weniger ge-

stört hatten, näherte sich ihr und sprach: "Also morgen abend

bin ich wieder bei dir und übermorgen wieder, und so alle

Nächte, ja auch die Tage, wenn ich erst ganz frei der Herrscher

eines mächtigen Volkes bin, das wie wir die Torheiten des Le-

bens in freudigem Genusse vergessen soll!" "Vergiß nicht die

Perlen, die du mir versprochen", sagte Golem. Bella hatte jetzt

an ihrem Lichte ihre Fackel entzündet. Ihr Barett lag noch mit

den Früchten in der Kapelle, und da ihre Knabenkleidung vom

Mantel bedeckt war, so erschrak der Erzherzog, der sie ganz wie

am Frühlichte in Buik wiedererkannte, fuhr mit seiner Hand

gegen seine Stirne und rief: "Heiliger Gott, es sind ihrer zwei!"

- "Muß ich dich wiedersehen, du Vorgeschaffene Gottes, muß ich

an dir schaudern, daß ich nicht lebe?" schrie Golem und stach mit

einer pfeilförmigen, goldnen Haarnadel nach ihr. Der Erzherzog

aber, dem alles im Augenblicke schrecklich klar wurde, was er

sich bisher abgestritten hatte, hielt Golem Bella bei den Haaren

zurück, deren Flechten niederfielen; er sah die Schrift auf der

Höhe der Stirn, das Aemaeth, löschte die erste Silbe rasch aus,

und im Augenblicke stürzte sie in Erde zusammen. Der Mantel

lag über der formlosen Masse, als ob eine Magd, die in der

Stadtsandgrube sich Sand ausgegraben hat, weggerufen wird

und ihren Mantel darüberlegt, damit kein andrer ihr den Hau-

fen wegnimmt.

Aber weder der Erzherzog noch Bella hatten ein Verlangen

nach diesem irdischen Schatze. Der Erzherzog hob Bella rasch

auf, daß ihr die Fackel aus der Hand fiel, und trug sie in seinem

Mantel nach dem nahen Brunnen, wo er des klaren Wassers rei-

nigende Kraft über sein Antlitz und seine Hände hingehen ließ,

gleichsam um jede Spur dieser falschen Berührung mit der Erde

zu tilgen. Und als er sich in Unschuld gewaschen, küßte er die

geliebten Lippen der echten Bella, bekannte ihr, wie diese Irrun-

gen veranlaßt worden wären, und bat sie, ihm ihr Geschick, und

was sie in diese Kleider gebracht, zu bekennen. Bella sah sich

wieder in dem Besitze des verlornen Schatzes, und doch atmete

sie noch schwer und hätte doch gern ganz froh und heiter sich an-

gestellt. Es waren dieselben geliebten Züge, aber ohne den far-

bigen Fruchtstaub, den das Anfassen der neugierigen Welt so

leicht von dem unschuldigen Leben hinwegwischt, was uns Wein-

trinkern wie ein edles Faß vorkommt,- das mit einer geringeren

Menge unedlen Gewächses aufgefüllt worden: der Wein ist

darum doch klar, edel, aber nicht mehr rein. Karl war heiter,

aber er wollte es auch sein, um seine Verirrung auszutilgen, der

er doch zuweilen nachgähnte, und als ihm Bella ihre Geschichte

erzählte, da wurde ihm das Ereignis mit dem alten Adrian so

hervorstechend in seiner absichtlichen Laune, daß Bella ihm ihre

unsägliche Trauer und ihr Entsagen und ihren Wunsch nach

Ägypten nicht mitteilen konnte. Karl, den mitten in Liebkosun-

gen die Freuden naher Herrschaft beunruhigten und erkalteten,

beschloß, dem Adrian, den er zur Bewachung des Ximenez nach

Spanien senden wollte, nach dieser feierlichen Bestallung einen

lustigen Streich zu spielen, damit er das Ende seiner Hofmeister-

schaft deutlich fühle.

Es sollte nämlich in dieser Nacht ein großer Staatsrat gehalten

werden, worin Adrian präsidierte; an dessen Schlusse sollte

Bella hereintreten und ihn verklagen, daß er sie verlasse, und ein

Gericht der Liebe über den Kardinal verlangen. Bella, die den

Erzherzog so heiter sah, wollte gern an ihres Kans Seite ihre

überstandene Trauer vergessen, wenn sie gleich zu diesem Scherz

allzu beklommen war; sie glaubte es aber ihre Schuldigkeit, alles

Kränkende zu vergessen, insbesondre da der Erzherzog ihr ver-

sprochen, für sie und für ihr zerstreutes Volk nachher etwas

Bedeutendes zu tun.

Nach dieser Verabredung gingen sie still ins Schloß zur Hin-

tertür ein. Der Erzherzog gönnte Bella auf seinem Bette einige

Ruhe, gab ihr Erfrischungen und verließ sie endlich recht ungern,

um über die Schicksale der Welt zum erstenmal einen Rat zu

hören und eine Tat auszuführen. Die Versammlung bestand aus

Adrian, Chievres, Wilhelm von Croy, dessen Neffen, und Sau-

vage. Als der Erzherzog eintrat, bemerkte er, nicht ohne Regung

seiner Eitelkeit, die verschiedne Art, wie sie ihn jetzt begrüßten.

Jeder spekulierte in seinem Herzen, welche Vorteile ihm aus die-

sen nahen Veränderungen erwachsen möchten. Für sie war Ferdi-

nand, der Großvater, nicht bloß krank, sondern schon tot, be-

graben und vergessen; alle bemühten sich, den jungen Erzherzog,

der ein blindes Vertrauen in ihren guten Willen setzte, gegen die

Spanier einzunehmen, die nur ihre Rechte und ihren Dünkel,

nicht den Ruhm und die Macht ihrer Könige zu fördern suchten.

Der Erzherzog ließ sich leicht von etwas überreden, was er immer

geglaubt hatte; der früher von Chievres ersonnene Rat, den fe-

sten und treuen Adrian dem Ximenez an die Seite zu setzen, wurde

angenommen, und Adrian sollte schon am nächsten Morgen sich

nach Spanien einschiffen, ohne die sichre Nachricht von dem

wirklich erfolgten Tode des alten Königs abzuwarten.

Als dieses abgetan und alle sich entlassen glaubten, sagte Karl

ernsthaft, daß er jetzt, wo er sein eigner Herr werde, ein Straf-

gericht über seinen gewesenen Hofmeister Adrian eröffnen

müsse, insbesondre, ob derselbe seine geistlichen Gelübde der

Keuschheit gewissenhaft erfüllt habe. Alle sahen sich verwundert

an, und Adrian, der einen solchen Ton im Erzherzoge nicht ge-

hört hatte und seiner Unschuld sich bewußt glaubte, verlor so

gänzlich sein kaltes Blut, daß er zornig ein geistliches Gericht

verlangte, um sich der strengsten Prüfung zu unterwerfen. -

"Wir wollen nicht richten", sagte Karl, "sondern nur die Zeugen

verhören, denn diese könnte uns die geistliche List entziehen!" -

Bei diesen Worten gab er das verabredete Zeichen, und Bella trat

in der Livrei des Kardinals schüchtern in die Versammlung. Der

Kardinal wird im Augenblicke sichtbar rot; die übrigen wissen

nicht, was der Knabe vorzubringen habe, bis der Erzherzog den

Kardinal auf sein Gewissen frägt: Ob dieses sein Diener? ob es

ein Knabe? ob er es gewußt, daß es ein Mädchen? ob dieses Mäd-

chen nicht in seinem Bette geschlafen? - Adrian hatte seine Fas-

sung so ganz verloren, daß er kein Wort vorbringen konnte;

keine von den vielen Spitzfindigkeiten, die er in seinem Leben

durchdisputiert hatte, fiel ihm zu seinem Schutze ein. Er sagte

endlich, daß er nichts antworten wolle, es sei eine Verschwörung

gegen ihn, seine Gutmütigkeit werde hart bestraft. Länger konn-

ten weder der Erzherzog noch Bella seine Verlegenheit ansehen.

Der Erzherzog nahm Bella lachend in seinen Arm und recht-

fertigte ihn vor der Versammlung, indem er sagte, daß er ihn

angeführt habe, daß er ihm eine Geliebte zur Aufwartung ge-

geben, um sie sich selbst näher zu rücken. Adrian atmete wieder

nach dieser Rede; die Versammlung rühmte das frühe Liebes-

geschick des Erzherzogs. Chievres, der Karl gern zum Liebhaber

seiner Frau gemacht hätte, um ihn desto mehr in seine Gewalt

zu bekommen, versicherte laut, er würde seine Frau nicht mehr

mit ihm allein lassen. Der Erzherzog bat unterdessen Bella, daß

sie zur Frau von Chievres, die im Schlosse wohnte, gehen und

sich recht kostbar möchte ankleiden lassen, dann sollte sie mit ihr

in die Versammlung zurückkehren, noch habe er einige Akten

für Adrians Abreise zu unterzeichnen.

Diese Ausfertigungen waren nur ein Vorwand, sich selbst eine

Zeit der Überlegung zu verschaffen; streitige Wünsche teilten

seine Seele: was er der Liebe, was er seinem Stande schuldig, ob

er eine Herzogin von Ägypten heiraten dürfe, ob es nicht seinen

Thron unsicher mache. Diese Beratung in ihm war noch nicht

beendigt, als Bella in einem prachtvollen, silbernen Kleide, das

mit roten Blumen bestreut zu sein schien, auf ihrem Haupte eine

kleine goldne Krone, an der Seite der Frau von Chievres ins

Zimmer trat und die Bewunderung aller durch ihren sichern

Anstand gewann, so daß Sauvage und Croy einander zuflüster-

ten, es müsse wahrscheinlich eine Fürstin sein, die Karl heimlich

zu heiraten beschlossen habe. Karl beugte sich vor ihr, führte sie

auf seinen hohen Stuhl und versuchte zu sprechen, aber die

innere Bewegung machte es ihm unmöglich. Chievres bemerkte

diese Unbestimmtheit und glaubte, ihm einen Gefallen zu tun,

wenn er ihm Zeit verschaffte; darum trat er zu ihm und erzählte,

daß Adrian fortgegangen sei, weil ihm der Schreck über seinen

gefährdeten Ruf auf seinen Magen gewirkt hätte. Dieser lächer-

liche Erfolg seines Mutwillens löschte für einen Augenblick das

tiefere Gefühl Karls. Der Streit schien ihm geschlichtet, er schien

ihm unnütz. Vielleicht wirkte auch die Erschöpfung der tätigen

Nacht, als er zur Versammlung sagte: "Ich erkenne öffentlich

Isabella, die Tochter des Herzogs Michael von Ägypten, als ein-

zige Erbin dieses Lands, als Fürstin aller Zigeuner in allen Län-

dern diesseit und jenseit des Meeres und gebe ihr die Freiheit, sie

alle nach Ägypten zurückzuschicken, insofern sie selbst nur uns-

rer Liebe bleiben will."

Bella, die von der Rede nur wenig vernommen hatte, weil sie

sein herrliches Ansehen dabei, seine Würde mit freundlichen

Blicken bewacht hatte, fiel ihm nach deren Ende um den Hals;

das befreite Karl von aller Sorge, daß sie eine Heirat mit ihm

fordern möchte, und er küßte sie mit doppelter Zärtlichkeit. Die

Versammelten baten um den Handkuß, und Chievres, der gern

den Neigungen seines Herrn zuvorkommen wollte, erflehete

seiner Frau die Gunst, daß die Prinzeß von Ägypten künftig bei

ihr wohnen sollte, bis ihr ein eigner Palast geschafft worden sei.

Karl bewilligte aus Gnade, was er früher für eine Gnade der

Frau von Chievres sich erbeten hätte. Bella ging mit ihrer neuen

Mutter nach der anderen Seite des Schlosses, Karl sprach noch

einige Worte mit den Versammelten. Es war schon spät am Mor-

gen, als sie auseinandergingen. Die Vögel sangen ihr Lied, und

die politischen Menschen gingen zu Bette. Karl aber streckte sich

auf eine Rasenbank im Schloßgarten, wo ihn Bella aus ihrem

Zimmer ersah und nicht einschlafen mochte. -

Schon war in dem Hause des Herrn von Cornelius die größte

Verwirrung ausgebrochen; sein Toben unter dem Ofen, nachdem

er den ärgsten Rausch ausgeschlafen hatte, rief alle Bewohner in

den abenteuerlichsten Nachtkleidern zusammen. Alle waren

mehr oder weniger betrunken gewesen, daß sich niemand um

den Herrn bekümmert hatte, sogar der Bärnhäuter, daß er diese

Nacht vergessen, nach seinem Schatze im Sarge zu sehen. Der

Kleine, der schwebend angebunden hing und unter sich die Flie-

sen sah, die ein Meer mit Schiffen darstellten, glaubte in seinem

Halbrausche, er fliege über dem Meere, und wollte sich damit

sehen lassen. Als ihm aber die Bande gelöst wurden und er mit

der Nase auf dieses Meer fiel, da glaubte er sich verloren. Diese

Ideen verwirrten ihn immerfort, als er schon aufgehoben und

gereinigt war. Endlich sah er alles ein und verlangte in sein

Schlafzimmer; aber neue Verwirrung entstand, als nichts von

seiner Frau zu sehen war, als das verwirrte Bette. Das war allen

ein Rätsel, selbst der alten Braka und der Magd, die recht gut

wußten, daß nicht alles sei, wie es sein sollte. "Sie ist wegen

ihrer Tugend gen Himmel gefahren - mein Six! - das Fenster ist

offen", rief Braka, und das staunende Wurzelmännlein sah ihr

an dem Fenster nach, ob nicht ein Paar Beine am Himmel zu

sehen. Braka tröstete sich mit dem Gedanken, daß der Erzherzog

für ihr gutes Unterkommen gesorgt haben möchte. Das Wurzel-

männchen, dem eine Schwalbe etwas in den Mund fallen lassen,

sprang in liebender Verzweiflung vom Fenster zurück, um in

tausend lächerlichen Sprüngen wie unsinnig durchs ganze Haus

zu laufen. Als er die Türe noch offen fand, tobte er gegen den

Bärnhäuter; als er aber den Mantel der Geliebten und darin eine

Masse ordinären Lehm fand, da wußte er nicht, warum, aber

diese Erde gewann er so lieb, als sei es die Verlorne; er sam-

melte sie sorgfältig, trug sie in sein Zimmer, küßte sie unzählige-

mal und suchte sie wieder in eine Gestalt zu formen, die der Ver-

lornen ähnlich wäre. Die Beschäftigung tröstete ihn, während

unzählige Boten von ihm den Auftrag erhielten, das Land zu

durchsuchen, um von ihrem Aufenthalt, wenigstens von dem

Wege, auf dem sie entflohen, Nachricht zu bringen. Aber keiner

wußte ihm eine Auskunft zu geben, bis endlich Braka, die sich

alles Vorteils beraubt glaubte, der ihr aus der Liebe des Erzher-

zogs zur Golem Bella noch zuwachsen sollte, ihm die Nachricht

brachte, Isabella, die Fürstin von Ägypten, welche auf dem

Schlosse angekommen und der zu Ehren alle Zigeuner Freiheit

erhalten, sich öffentlich wieder zu zeigen und ihr Brot zu er-

werben, sei seine verlorne Frau. Der kleine Mann stand in Ver-

wunderung wie erstarrt, dann gürtete er sich mit seinem Schwerte

und eilte nach dem Schlosse, um vom Erzherzoge hierüber eine

Auskunft zu fordern.

Der Erzherzog ließ ihn gern vor sich kommen, hörte ihn an,

sprach, daß er die Fürstin vor seinen Richterstuhl fordern wolle,

und versammelte deswegen mehrere Herren um sich her. Der

Kleine war nicht wenig eitel, daß seinetwegen solch ein Auf-

sehen gemacht würde; er stand so ritterlich in den Schranken,

machte so stolze Augen, daß er, wie durch eine doppelte Brille

sehend, Isabella kaum erkennen konnte, als sie in einem roten

Samtkleide mit Hermelin besetzt, Frau von Chievres in einem

weißen Damast, auf dessen vorderer Fläche Adam und Eva

unter dem Apfelbaume gewebt waren, in das Zimmer traten und

die für sie bestimmten Plätze einnahmen. Der Erzherzog ver-

langte jetzt von dem Herren von Cornelius Nepos, daß er seine

Klage vortrage. Dieser hatte nicht umsonst Stunden in der Rhe-

torik genommen, das wollte er allen zeigen und bewähren; sehr

pathetisch ergriff er die ehelichen Mitgefühle der Versammelten,

sprach von dem ersten Glücke der Vermählten und von der

seligen, sorglosen Ruhe, in welche es alles Streben auflöse, um

in dem Erstgebornen das Herrlichste darzustellen, was die un-

geschwächte Kraft in ungestörter Leidenschaft hervorbringen

könne, weswegen auch die Menschheit alles, was sie unteilbar

erblich verliehe, nicht dem zweifelhaft größeren Talente unter

den Kindern eines Vaters überlassen möchte, sondern dem Erst-

gebornen, der in den allgemeinen Gesetzen der Natur das Über-

gewicht seines Lebens begründet finde. Auch diesen seinen künf-

tigen Erstgebornen, die Freude des Landes Hadeln, wolle ihm

der Leichtsinn seiner entlaufenen Frau entziehen, nicht zu ge-

denken, wie diese jetzige Unruhe schon seinem ersten, keimenden

Leben nachteilig sein müsse. - "Der Teufel hat aus dem kleinen

Kerl gesprochen", sagte Chievres leise, "mich rührt doch sonst

so leicht nichts, aber er macht einem seine Not so plausibel."

Der Kleine fuhr fort: "Wie soll ich aber mein Unglück beschrei-

ben, als ich in jener Nacht, wo das Glück meines Lebens mir ent-

führt wurde, selbst in bangem Bette auf weitem Ozean segelte

und an einem andern Bette Schiffbruch litt - gewiß eine Vor-

bedeutung der Schicksale meines Ehebettes - was mich dann auf-

weckte; worauf ich mich wie einen Adler mit ausgebreiteten

Flügeln über dem Meere zur Sonne schwebend erblickte, welches

doch sicher die Herstellung meines Glückes bezeichnet."

"Ja, wahrhaftig", fiel hier Frau von Braka ein, die als Zeugin

gerufen worden, "es war doch ein schlechter Streich von den

jungen Windbeuteln, die ihn unterm Ofen angebunden hatten,

denn sehen Sie ihn nur an, es ist doch immer nur ein schwacher,

verbogener Mensch, wie leicht hätte er sich einen Schaden tun kön-

nen, daß ihm das Hinterste nach vorne umgedreht worden wäre."

Diese gutmütige Rede versetzte die Versammlung in ein all-

gemeines Gelächter, und der Kleine erboste, daß er seinen Degen

gegen sie zog, der ihm aber noch frühzeitig genug von einem

Hellebardier abgenommen wurde. Jetzt ward er in aller Form

des Gerichts von Cenrio verhört, ebenso Braka, bis sie eingestan-

den, daß sie unter einem angenommenen Namen in der Stadt

gelebt. Von den Anforderungen an Bella wollte aber keiner

abgehen; sie baten, den Priester kommen zu lassen, welcher die

Vermählung eingesegnet hätte. Länger konnte sich Bella nicht

halten; sie fragte sie mit Unwillen, ob sie es vergessen, wie sie

von ihnen zum Hause hinausgetrieben worden, nachdem sie von

ihnen in Buik den Händen einer verruchten Kupplerin überlas-

sen geblieben; sie fragte, ob sie das an dem Kleinen verdient,

als sie ihn aus einer unförmlichen Wurzel zu einem kleinen Men-

schen emporgetrieben?

Der Kleine und Braka gerieten in die größte Verlegenheit;

Braka hatte indessen bald ihre Überlegung flott gemacht; sie

setzte schnell zur Partei der Bella über und sagte: was sie gespro-

chen, sei aus Furcht vor dem kleinen Männchen ihr in den Mund

gekommen, sie müsse jetzt eingestehen, daß irgendeine falsche

Gestalt unter dem Namen Bella dem Alraun vermählt worden

sei, die jetzt, sie wüßte nicht wie, verschwunden sei; diese echte

Bella müßte sie aber als Fürstin verehren, wie sie ihr seit frühern

Jahren gedient habe. Dabei heulte sie wie eine Meute Hunde, die

ihr Fressen erwarten, und warf sich vor Bella nieder.

Der kleine Wurzelmann tobte jetzt wie ein Rasender, warf

seinen Handschuh hin und schwur, daß er mit jedem fechten

wolle, der ihm seine Frau streitig machen oder ihn für einen

Alraun erklären wollte. Chievres erklärte jetzt, daß erst dieser

letzte Punkt berichtigt sein müsse, ob er ein Mensch, um ihm

ritterlichen Zweikampf einzuräumen, ferner ob er ebenbürtig

und christlicher Religion sei. Der Kleine behauptete, er habe

einen Diener, Bärnhäuter genannt, der dies alles, was ihm hier

abgestritten, bescheinigen würde, man möchte nur erlauben, daß

er den herbeiholte. Dies wurde ihm bewilligt.

In der Zwischenzeit kam durch Brakas Geschwätzigkeit an den

Tag, wie der Alraun alle verborgenen Schätze zu heben wisse und

allerorten dergleichen angetroffen habe. Chievres horchte hoch

auf und sagte zum Erzherzoge: "Gott segnet Ihre Hoheit mit

einem Finanzminister in der kleinen Person dieses Alrauns, der

Ihre künftige Größe fest begründen kann; unabhängig von den

Launen der Stände schafft er Eurer Hoheit künftig die Mittel,

jede Tätigkeit für sich zu benutzen. Er wird die Seele des Staa-

tes; sein Genie wird göttliche Rechte und menschliche Wünsche,

die ewig einander widersprechen, ausgleichen können. Lange

lebe der Erzherzog und sein Reichsalraunl" - Dem Erzherzog

wurde in diesem Augenblick die künftige Klugheit, die ihn in

allen Verhältnissen leitete, vorahnend; er nickte Chievres wohlge-

fällig zu und sann darauf, wie er das kleine, nützliche Wesen sich

verbinden könne. Chievres stieg in seiner Gnade und in seinem Zu-

trauen durch die unerschöpfliche Erfindungskraft seiner Klugheit.

Der Erzherzog begrüßte diesmal den Kleinen sehr freundlich,

als er mit dem Bärnhäuter hereintrat, der die zurückgelassenen

Kleider und das angefangene Bild der Golem Bella trug. Der

Kleine hatte dem armen Kerl den ganzen Rest des Schatzes auf

einmal zu geben versprochen, insofern er ein recht kräftiges

Zeugnis ablegte, daß es nur eine Bella gebe, daß diese ohne alle

Veranlassung nach ihrer Verheiratung aus dem Hause entwichen

und eine Masse Leimen, von ihren Kleidern und ihrem Mantel

umhüllt, zurückgelassen habe; zugleich solle er beschwören, daß

er des Alrauns Eltern gekannt, die im Lande Hadeln als gute

Christen und alter Adel bekannt gewesen. Der alte, tote geizige

Bämhäuter hatte ihm das alles versprochen; er trat vor und be-

gann die verabredete Lügengeschichte. Wie aber Braka oder

Bella ihn zur Rede setzten, so antwortete der neuangefressene

Teil seines Leibes, gleichsam die verbesserte Ausgabe seiner Na-

tur, ganz entgegengesetzt mit einer helleren Stimme: Mensch -

Nichtmensch, Bella verheiratet - Bella aus dem Haus gejagt,

durchkreuzte sich so gewaltig, daß sein Zeugnis, nachdem die

Richter mehrere Bogen beschrieben, in Null aufging. Der kleine

Mann wurde fast unsinnig aus Ungeduld, entriß dem armen,

ganz in sich zerrissenen Bärnhäuter die Kleider und das Lehm-

bild, jagte ihn mit Fußtritten zur Tür hinaus und schwur ihm,

daß er den Schatz jetzt, statt ihn auszuliefern, in alle Welt als

Almosen zerstreuen wolle; daß der Bärnhäuter umsonst bis zum

Jüngsten Tage von einem Herren zum andern sich verdingen

solle, um ihn zusammenzubringen; daß er umsonst für einen

alten Taler einen Herren dem andern verraten werde, umsonst

im Kriege von einem zum andern übergehe, um das Werbegeld

zu stehlen; seine bessere frische Natur werde das schändlich ge-

wonnene Geld zur großen Qual seines alten Leibes verschenken

und verschleudern, und so werde er am Jüngsten Tage noch so

arm, abgerissen und trostlos wie im gegenwärtigen Augenblicke

erscheinen . Nachdem der Kleine diesen Fluch ausgesprochen,

wendete er sich in trostlosem Ärger zu der Lehmfigur. Chievres

fragte ihn, wen diese Gestalt bezeichne? Der Kleine wies auf

Bella und weinte bitterlich; wer hätte aber in der langen Gurke,

welche die Mitte des breiten Erdenkloßes bezeichnete, die feine,

zierlich geschwungene Nase der schönen Bella erkannt? Seiner

Art Liebe genügte aber vorläufig dieses Bild; es war zum Erstau-

nen, wie zärtlich er den von seinen Tränen angefeuchteten Ton

berührte. Der arme Prometheus! Oft sah er Bella so grimmig an,

daß der Erzherzog fürchtete, er möchte ihr das Feuer ihrer

Augen ausstechen, um es seinem Erdenkloße einzupfropfen.

Dann fürchtete wieder der Erzherzog, er möche mit seinen

Händen in dem Ton einwurzeln und seine geldbringende Weis-

heit in der Rückkehr zur Wurzelnatur aufgeben. Er und Bella

hatten längst erraten, daß dies der irdische Rest des Golems sei,

und ihnen graute davor.

Bella lachte nicht des Bemühens im Kleinen, dies Bild ihr

ähnlich zu schaffen. Die gutmütige Bella fühlte Mitleiden; sie

bat diese öffentliche Versammlung zu endigen, denn sie müsse

sich endlich doch sein Unglück wieder selbst vorwerfen, denn ihr

Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoß der Erde gerufen.

"Den Kuckuck mag’s da ruhig gewesen sein!" sagte der Kleine,

indem er sich aus Widerspruchsgeist verschnappte, "die Maul-

würfe, die Reitwürmer, die Ameisen haben mich da noch viel

ärger geschoren, als ihr alle zusammen." - Chievres sagte, daß

diese Anerkennung hinreiche, und verließ mit den übrigen Her-

ren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem

Kleinen auf die Schulter und sagte ihm: er möchte jetzt an den

Unterschied, welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella

aus einem Fürstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Ge-

müte denken; eigentlich der Mann von Bella zu sein, wäre ihm

nun unmöglich, denn wie in der Bibel stände: und der Mann

soll dein Herr sein, so würde das Volk, das ihr gehorchte, ihn

nie an ihrer Seite dulden; was aber möglich wäre und schon viel

wert: er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und

mit ihr in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls

wohnen, doch von Tisch und Bett geschieden sein; nur müßte er

geloben, um sich dieser Auszeichnung würdig zu machen, mit

unermüdlichem Fleiße alle verborgenen Schätze aufzusuchen

und ihm, als dem Schützer des künftigen Zigeunerreichs, zu über-

liefern. - Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ists

mir ganz recht, und ich möchte Eurer Hoheit um den Hals

fallen, wenn Sie nicht so groß wären. Habe ich mein eignes

Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich weiß so nicht, wozu

das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es diese nicht ist,

ließ mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen ge-

kostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich

voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das

Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn

es diese nicht ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien,

soviel ich wollte, sie nahm die besten Stücke, und wenn ich nicht

ruhig sein wollte, schlug sie mir mit den heißen Knochen, item

mit dem Suppenlöffel ins Gesicht."

Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefügt hatte, so

schickte der Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun

schon einmal getraut hatte, und ließ drohen, ihn bei Wasser und

Brot wegen der heimlich vollzogenen Einsegnung gefangenzu-

setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung zu verrichten

sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und abends

in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs

wurde die Vermählung an der linken Hand gefeiert, welche so-

wohl die untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos

und den geizigen Pfarrer, als auch die Häupter unsrer Geschichte,

den Erzherzog und Bella, miteinander in ein ruhig begründetes

Verhältnis zu setzen versprach. Doch Bella weinte während der

Vermählungsfeier so heftig, so unwillkürlich, daß sie keine Ein-

willigung geben konnte; umsonst fragte Karl zärtlich nach der

Ursache ihrer Tränen, aber sie wußte keine, als daß ihr eine

kleine Katze eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen er-

säuft hatte: diese Sünde hätte sie vergessen zu beichten. Da sie

keine Einwendung gegen diese Hochzeitzeremonien machte, so

wurde die Hochzeit als beendigt angesehen, und der Kleine be-

zeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den Erz-

herzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses

einen Schatz an Münzen und goldnen Ketten befreite, der über

zweihundert Jahre darin geruht hatte.

Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fühlte

sich ganz unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella,

wie sie in Erde zerfallen, so gestört, und Bella konnte die alte,

ganz hingebende Vertraulichkeit so wenig in sich finden, daß

beide froh waren, ihre Betten einander nicht so nahe wie in Buik

gestellt sehen. Der Erzherzog versank in einen schönen Traum:

es war ihm, als sähe er mit den prachtvollen Goldketten, die ihm

der Alraun gefunden, die spanischen Großen, die selbst vor dem

Könige mit bedecktem Haupte zu erscheinen wagten, zur Erde

gedrückt; es war ihm, als könnte er viele tausend Soldaten mit

diesen Ketten ziehen, und überall, wohin er mit ihnen zog,

wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch

aus einer Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fühlte sich

wieder zu dem Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger

Schatz geworden war, zurückgetrieben, und in der Begeisterung

über sein Glück gelang es ihm diesmal besser. Alles bildete sich

unter seinen Händen so ähnlich, daß er entzückt den Besitz dieses

selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott geschaffenen vorzog,

das sich unmöglich den wunderlichen Gedanken eines solchen am

Sonntage Quasimodogeniti gebornen fügen konnte. Bella aber

genoß wohl in dieser Nacht des höchsten Glückes von allen, als

ein wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster

rief. Sie hörte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Führer,

nachdem der Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in

den Niederlanden gewährt hatte, zu der anerkannten Fürstin

ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem Gesange nächtlich zu

begrüßen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu schwören. Wir

wollen es versuchen, diese herzliche Begrüßung in einer Über-

setzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch über die Ein-

richtung ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Hände

und Kleider mit einer Phosphorauflösung getränkt, die in jener

Zeit nur ihnen bekannt war; sie leuchteten in Dampfwolken,

und wo sie einander berührten oder einander strichen, wurde

dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der einige Zeit nachwährte

und währenddessen der Gesang einfiel:

Gebüßt sind alle Sünden!

Wir steigen aus den Flammen

Und werden uns zusammen

Bei unsrer Fürstin finden;

Wir wecken die Schöne

Mit leisem Getöne,

Es klinget die Krone

Vom Zepter berühret,

Der endlos regieret

Vom Vater zum Sohne

Im Herrscher geschlechte

Nach göttlichem Rechte.

Es füllt des Herbstes Odem

Das Aug mit heißen Tränen,

Das Herz mit heiligem Sehnen

Nach unsres Landes Boden.

Jetzt sinken die Wogen,

Die alles umzogen;

Die schaffende Stunde

Durchspielet die Felder,

Und blühende Wälder

Entsteigen dem Grunde,

Und zahllose Kinder

Besingen den Winter.

Komm, Bella, führ die Deinen,

Wir schwören dir die Treue,

Komm, eil mit uns ins Freie,

Vom Schloß aus toten Steinen;

Wie schwarz sind die Mauern,

Da wohnet das Trauern,

Wir klirren die Waffen

Der lauernden Wachen;

Wie freundlich wird lachen

Des Morgens Erschaffen,

Wir folgen im Zuge

Den Vögeln im Fluge.

Wohl gehörte auch Bella zu einem Geschlechte der Zug-

vögel, die trotz aller zärtlichen Pflege und Liebe durch den

Menschen, wenn sie die Stimme ihrer Brüder aus den Lüften ver-

nehmen, nicht widerstehen können. Gibt es doch arme Völker

am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone

kein Gefallen abgewinnen, und die beim Anblicke eines Schwa-

nes sich ins Wasser stürzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu

schwimmen wähnen; wieviel mächtiger wirkt die eigentümlich

überlegene Natur in dem stolzen Herrschersinne nach, aus

welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in Europa wie die

fremde Blume, die sich nächtlich nur erschließt, weil dann in

ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut

überströmten sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte

doch nicht warum; sie liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals

geliebt, aber sie fühlte, seit er eine andre wie sie geliebt, daß sie

seine erste Liebe mit sich trüge in die Ferne, und erst jetzt ge-

stand sie sich, daß diese scheinbare Vermählung, so wenig dabei

die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie tief gekränkt habe,

weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und ewiglich, wie ihr

fürstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermählen, deutlich daraus

hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den

Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur

die Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles ver-

schmähen kann: sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von

ihren Herrschern verschmähte und jede Tat für sie als schönsten

Gewinn achtete. Sie nahete sich im innern Kampfe dem Bette des

Erzherzogs, sie küßte ihn; wäre er erwacht, sie hätte nicht von

ihm lassen können; aber er stieß sie im Schlaf von sich: ihm

träumte, als ob die goldne Kette, worin er die Völker führte, ihm

selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuß wickelte, daß

er dadurch zu fallen fürchtete; darum stieß er sie von sich. Sie

aber fühlte das im bewegten Gemüte anders und sprang leicht

aufs Fenster und zu den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr

Sprung hoch oder nieder; aber das Glück ihres Volkes wollte sie

unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im ersten Geschoß,

und der fahrende Schüler, den seine Liebe und Traurigkeit,

nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster

getrieben, fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten

sie, setzten ihr die Krone auf, gaben den Zepter ihr in die Hand

und zogen, ohne daß die Wachen etwas bemerkt hatten, still-

schweigend mit ihr und dem fahrenden Schüler, daß er sie nicht

verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten Pferden, auf ver-

borgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.

Als der Erzherzog aus dem bänglichen Schlusse seines Herr-

schertraumes zum Lichte aufwachte, daß allen Träumen mit den

kecken Worten entgegenzutreten scheint: ihr seid nicht wahr,

denn ihr besteht nicht vor mir! - da meinte auch er, alles Trau-

rige, was ihn bedroht, sei ein Hirngespinst gewesen. Wer spinnt

aber im Innern unsres Hirnes? Der die Sterne im Gewölbe des

Himmels in Gleichheit und Abwechselung bewegt! Der Schatz

des Erzherzogs lag unversehrt vor dem Bette, er spielte leise

damit, um Bella nicht zu erwecken. Aber der geschäftige Drang

des Tages nahte immer tosender auf allen Straßen, und Bella

erwachte immer noch nicht; er rief, er sah nach ihrem Bette, aber

er fand sie nicht. Er durchlief ängstlich das Haus; aber Bella war

nicht zu errufen. "Pflückt sie mir einen Blumenstrauß, unsern

Morgen zu schmücken? Ist sie in der Frühmesse und dankt

Gott für ihr Geschick?" - Beides widerlegte die nächste Stunde,

und der Erzherzog befragte ohne Erfolg die Wachen, ließ Braka

vergebens rufen. Die alte Braka weinte ernstlich um die schöne

Bella, alle schöne Aussichten schwanden ihr. Wie aber Weiber

im Unglücke sind, der vornehme Stand hält die Zunge ihres

Unwillens nicht zurück, ihr Kopf füllt sich so ganz mit einem

Gefühle, daß sie jeder Rücksicht vergessen. statt den zornigen,

ungeduldigen Erzherzog zu fürchten, machte sie ihm die bitter-

sten Vorwürfe, daß seine Grausamkeit, Bella mit dem Kleinen

zu verheiraten, sie zur Flucht veranlaßt hätte. Der Erzherzog

schwieg beschämt, er fühlte, daß sie recht hatte, daß seine törichte

Klugheit ihm das Köstlichste entrissen, was sein ganzes Leben

ausgestattet hätte; er fühlte sich so verächtlich vor den Augen

der Alten, als der kleine Alraun nimmer vor seinen Augen ge-

standen. Er befahl Braka, sich zu entfernen, und gebot ihr nach-

her, ein Gnadengehalt anzunehmen und es in der Nähe seines

Hofes zu verzehren, damit er jemand hätte, mit dem er von sei-

ner Bella reden könnte. Seine unzähligen Boten, die Deutsch-

land durchstreiften, kamen ohne Nachricht zurück; sein Groß-

vater Maximilian, der etwas von seiner Leidenschaft vernommen,

hatte sie allerorten abweisen lassen. Erst sehr spät, nachdem

Isabella mit den Ihren längst weitergegangen, erfuhr er, daß sie

im Böhmer Walde von einem Prinzen entbunden worden, der

in der Taufe den Namen Lrak (der umgekehrte Name des Vaters

Karl) erhalten hatte, und daß der fahrende Schüler, der mit den

Zigeunern entwichen, durch Bellas Gunst, unter dem Namen

Sleipner, einer ihrer Anführer geworden sei.

Das Warten auf diese Nachrichten war die Ursache seines un-

begreiflichen Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spa-

nien ging, wo sein Großvater inzwischen gestorben war und

die gewaltsame Klugheit des Ximenez, ohne seine Gegenwart,

leicht bürgerliche Kriege veranlassen konnte. Als er diese Kunde

von Isabellen erhalten, wäre er ihr gern nachgezogen, aber wo

sollte er sie treffen? Wie sollte er den Jugendträumen seiner

Herrscherlust entsagen? Doch ward ihm die Krone, die er bis

dahin bloß als Schmuck angesehen, zu einem drückenden Ge-

wichte, und die Feierlichkeiten, die ihm bis dahin die Zierde der

Tage geschienen, zu einer verlornen Zeit, wie das Stundenschla-

gen, das mit seinem Klange die ruhige Folge sehnender Gedan-

ken unterbricht.