Achim von
Arnim
Isabella von Ägypten
Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe
Braka, die alte Zigeunerin im zerlumpten roten Mantel, hatte
kaum ihr drittes Vaterunser vor dem Fenster abgeschnurrt, wie
sie es zum Zeichen verabredet hatte, als Bella schon den lieben,
vollen dunkelgelockten Kopf mit den glänzenden, schwarzen
Augen zum Schieber hinaus in den Schein des vollen Mondes
streckte, der glühend wie ein halbgelöschtes Eisen aus dem Duft
und den Fluten der ScheIde eben hervorkam, um in der Luft
immer heller wieder aus seinem Innern heraus zu glühen. "Ach,
sieh den Engel", sagte Bella, "wie er mich anlacht!" - "Kind",
sprach die Alte und ihr schauderte, "was siehst du?" "Den
Mond", antwortete Bella, "er ist schon wieder da, aber der Vater
ist wieder nicht nach Hause gekommen. Alte, diesmal bleibt der
Vater gar zu lange aus, doch ich hatte schöne Träume von ihm
in der letzten Nacht, ich sah ihn auf einem hohen Throne in
Agypten, und die Vögel flogen unter ihm, das hat mich getröstet."
"Du armes Kind", sagte Braka, "wenns nur wahr wäre, hast
du denn was zu essen und zu trinken bekommen?" "0 ja", ant-
wortete Bella, "der Nachbar hat seine Apfelbäume geschüttelt,
da sind viele Apfel in den Bach gefallen, die habe ich aufgefischt,
wo sie in den Wurzeln am krummen Ufer steckengeblieben;
auch hatte der Vater, ehe er ausging, mir ein großes Brot heraus-
gelassen." "Daran tat er recht", weinte die Alte, "er hat kein
Brot mehr nötig, sie haben ihn vom Brot geholfen." - "Liebe
Alte, sprich", bat Bella, "mein Vater hat sich doch nicht Schaden
getan bei den starken Mannskünsten? führ mich hin zu ihm, ich
will ihn pflegen. Wo ist mein Vater? Wo ist mein Herzog?" -
So fragte Bella zitternd, und die Tränen fielen ihr aus den Augen
durch den Mondschein auf harte Steine nieder - wär ich ein
ziehender Vogel gewesen, ich hätte mich niedergelassen und mei-
nen Schnabel eingetunkt und sie zum Himmel getragen, so trau-
rig und so ergeben in seinen Willen waren diese Tränen. - "Sieh
dort", schluchzte die Alte, "auf dem Berge steht ein Dreifuß,
dreibeinig, aber nicht dreiarig. Gott weiß nichts von ihm, und
doch heißt er das hohe Gericht; wer vor dem Dreifuß vorbei-
kommt, der kann noch lange leben; das Fleisch, was da die Sonne
kocht, das wird in keinen Topf gesteckt, es hängt daran, bis wir
es abnehmen. Sei ruhig, du armes Kind, und schrei nur nicht,
dein Vater hängt da oben, aber sei nur ruhig, wir holen ihn diese
Nacht und werden ihn in den Bach werfen mit allen Ehren, wie
ihm zukommt, daß er hinschwimme zu den Seinen nach Ägypten,
denn er ist auf frommer Wallfahrt gestorben. Nimm diesen Wein
und dieses Töpfchen mit Schmorfleisch, halte ihm ein Totenmahl
in deiner Einsamkeit, wie es sich geziemt." - Bella konnte vor
Schrecken kaum fassen, was sie ihr reichte. Die Alte fuhr fort:
"Halt doch fest, daß es nicht fällt, wein dir nicht die Augen aus,
denk daran, daß du jetzt unsre einzige Hoffnung bist, daß du
die Unsern, wenn unser Gelübde vollbracht, zurückführen sollst;
denk auch, daß dir jetzt alles gehört, was dein Vater besessen,
sieh nur in seiner Kammer zu, da hast du den Schlüssel, da wirst
du viel finden. Ja, bald hätte ich es vergessen, als er mir den
Schlüssel gab, sagte er, du möchtest dich vor seinem schwarzen
Simson nicht fürchten, der Hund würde es schon wissen, daß er
dir gehorchen müsse und dich nicht mehr beißen dürfe; dann
sagte er noch, du solltest nicht traurig sein, er sei lange am Heim-
weh krank gewesen und nun werde er gesund, da er heimkomme.
Das sagte er - und da hast du einen Hutkopf voll Milch, die
habe ich einer Kuh auf der Weide ausgemolken, die gehört zum
Totenmahle. Gute Nacht, Kind!" - Die Alte ging, und Bella
sah ihr nach wie einem bösen Briefe, der ihr vor Schrecken aus
der Hand gefallen, und den sie doch gern ganz wissen möchte;
sie wäre lieber mitgegangen, aber sie zauderte in ihrer Traurig-
keit und scheute das rauhe Volk, was sie da antreffen würde, so
sehr sie es liebte.
Die Zigeuner waren damals in der Verfolgung, welche die
vertriebenen Juden ihnen zuzogen, die sich für Zigeuner aus-
gaben, um geduldet zu werden, schon sündlich verwildert; oft
hatte Herzog Michael darüber geklagt und all seine Klugheit an-
gewendet, sie aus dieser Zerstreuung nach ihrem Vaterlande zu-
zückzuführen. Ihr Gelübde, so weit zu ziehen, als sie noch Chri-
sten fänden, war gelöst, denn sie waren schon aus Spanien vom
Weltrneere zurückgekehrt; nur der Wunsch nach der neuen Welt
hielt sie in der alten, die nur Krieger, keine Pilger hinüberset-
zen wollte. Das Zurückführen nach Ägypten war aber bei der
zunehmenden Türkenmacht, bei der Verfolgung überall, bei dem
Mangel an Gelde unendlich schwer. Schon hatte der Herzog, was
sonst ihre Nationalbelustigung war, Proben von Stärke und Ge-
schicklichkeit (wie sie schwere Tische auf ihren Zähnen im Gleich-
gewichte trugen, wie sie sich springend in der Luft überschlugen
oder auf den Händen gingen), alles das, was sie mit dem Namen
der starken Mannskünste bezeichneten, zu ihrer Erhaltung zu
benutzen gesucht, aber von einem Gebiete ins andre zurückge-
drängt, erschöpften sich diese Erwerbsquellen, und auch die Bes-
seren, wenn selbst das Wahrsagen nicht mehr galt, sahen sich ge-
zwungen, ihre ärmliche Nahrung zu stehlen oder mit jagdfreien
Tieren, wie Maulwürfe und Stachelschweine, fürlieb zu nehmen.
Da fühlten sie erst recht innerlich die Strafe, daß sie die heilige
Mutter Gottes mit dem Jesuskinde und dem alten Joseph ver-
stoßen, als sie zu ihnen nach Ägypten flüchteten, weil sie nicht
die Augen des Herrn ansahen, sondern mit roher Gleichgültig-
keit die Heiligen für Juden hielten, die in Ägypten auf ewige
Zeit nicht beherbergt werden, weil sie die geliehenen goldnen
und silbernen Gefäße auf ihrer Auswanderung nach dem Ge-
lobten Lande mitgenommen hatten. Als sie nun später den Hei-
land aus seinem Tode erkannten, den sie in seinem Leben ver-
schmäht hatten, da wollte die Hälfte des Volks durch eine Wall-
fahrt, soweit sie Christen finden würden, diese Hartherzigkeit
büßen. Sie zogen durch Kleinasien nach Europa und nahmen
ihre Schätze mit sich, und solange diese dauerten, waren sie über-
all willkommen; wehe aber allen Armen in der Fremde.
Das mußte voraus berichtet werden, jetzt zu unsrer Geschichte
zurück. Ein neuer Haufe, unter denen Happy und Emler, waren
vor acht Tagen aus Frankreich ohne alles Geld angekommen, der
Herzog entschloß sich, zu ihrem Unterhalt selbst seine Künste
wieder einmal zu zeigen, er ging mit ihnen in ein Wirtshaus,
und als er eben zu aller Bewunderung acht Männer auf Arm und
Schultern trug, kam das Geschrei, der Happy sei gefangen, er
habe zwei Hähne im Hofe gestohlen, und im Fortgehen habe ihn
ihr Krähen verraten, und Michael, der Herzog, sei bloß darum
im Zimmer geblieben, um die Leute heranzulocken. Die Genter
Bürger verziehen wegen ihres Reichtums keinen Diebstahl; ver-
gebens stellte sich Herzog Michael, als ob er den Happy im
Augenblicke erschießen wollte, er selbst und Emler wurden mit
dem Happy verhaftet und als Diebe zum Strange verurteilt:
damals gab es ein strenges Recht gegen die Zigeuner, sie totzu-
schlagen, wo sie sich finden ließen. Michael beteuerte umsonst
seine und Emlers Unschuld vor dem Gerichte und sprach: "Uns
geht es wie den Mäusen, hat eine Maus den Käse angenagt, so
sagt man, die Mäuse sinds gewesen, da gehts an ein Vergiften
und Fangen aller; so sind wir Zigeuner jetzt nirgends mehr si-
cher als am Galgen!" - Dieser sichre Ort wurde ihm durch das
Gesetz, und er weinte schmerzliche Tränen aus der Höhe zur
Erde, daß er, der letzte männliche Erbe seines hohen Hauses, so
ehrlos und unschuldig umgebracht werde; da schloß sich seine
Kehle bis zum Jüngsten Tage, wo er seine Klage gegen die Un-
barmherzigkeit der Reichen vortragen wird, die ein Menschen-
leben gegen die Sicherung ihrer toten Schätze gering achten, da
wird das Strick so wenig durch ein Nadelöhr gehen wie ein Ka-
mel, und so werden die Reichen nicht eingehen ins Himmelreich,
wo Bella ihren Vater wiederfindet.
Als Bella wieder zu sich gekommen, rief sie mehr als einmal:
"Also das hat mir der Traum bedeuten sollen, daß mein Vater
erhöht wurde, ja wohl ist er jetzt erhöhet in den Himmel und
weiß von uns nichts mehr oder alles!" - Der schwarze Hund
kam jetzt gegen seine Gewohnheit von der Kammertür, legte
sich ihr zu Füßen und heulte. "Also du weißt es auch schon, Sim-
son?" fragte sie ihn, und der Hund nickte. "Willst du mir künf-
tig dienen?" Der Hund nickte wieder, lief ans Fenster und
kratzte. Bella sah hinaus, der Schieber war offen geblieben: sie
sah die Gestalt ihres Vaters fernglänzend schweben, und plötz-
lich sank er hinunter. "Jetzt haben sie ihn heruntergenommen,
jetzt halten sie ihm ein Ehrenmahl, ich muß auch unter freien
Himmel zum Totenmahl." - Mit dem Weinkruge und dem
Brote, den schwarzen Hund zur Seite, trat sie in den verwüste-
ten Garten; das Haus war schon seit zehn Jahren der Gespen-
ster wegen unbewohnt geblieben; denn so lange hatten die Zigeu-
ner sich darin eingenistet und den Besitzer, einen reichen Kauf-
mann der Stadt, der es sich als Sommersitz eingerichtet hatte,
darauf zurückgeschreckt, bis er selbst wegen eines Bankerotts ein-
gesteckt und sein Vermögen für die Gläubiger in bekannter Nach-
lässigkeit verwaltet wurde. Jetzt hatten sie unter dem Schwert
der Gerechtigkeit vollkommene Ruhe, dort zu hausen, nur durf-
ten sie sich am Tage nicht zeigen, während ihnen nachts alle Leute
aus dem Wege gingen. So trat das bleiche, schöne Kind wie ein
Gespenst zur Haustüre hinaus, und der Wächter in den nahen
Gärten flüchtete sich bei ihrem Anblick in eine entfernte Kapelle,
um betend den heiligen Schutz des Glaubens zu fühlen. Bella
wußte nicht, daß sie erschreckte, die Trauer um den Verlust ihres
einzigen Gedankens, ihres Vaters, über den sie sich ganz verges-
sen hatte, machte sie stumpfsinnig; sie wußte nichts als die Re-
geln der alten Braka genau zu erfüllen; es war ihr das Liebste,
daß sie noch etwas zu ihres Vaters Ehre tun konnte. Sie breitete
also, wie es bei Totenmahlen ihres Volkes gewöhnlich, ihren
Schleier über einen Feldstein aus, setzte zwei Becher und zwei
Teller darauf, brach ihr Brot für beide, goß Wein in beide Be-
cher, stieß mit den Bechern an, leerte den ihren und schüttete den
Becher des Toten in den schwimmenden Bach, der sich in gerin-
ger Entfernung von dem Hause in die Schelde verlor. Und wie
sie dies erste Opfer in den Fluß schütten wollte, da rauschte es
in der Flut und tauchte empor, als ob ein großer Fisch, der in
dem Strome keinen Raum hatte, auftauchte und emporschwäm-
me; der Mond trat hinter dem Hause hervor, und sie sah ihres
Vaters bleiches Angesicht, auf seinem Haupt die Krone, welche
ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten, ehe sie ihn in das fließende
Wasser warfen. Und wie die Welle mit dem teuren Haupte krei-
ste, so ging dem armen Kinde der Kopf um; sie glaubte, er lebe
noch, er suche sich aus dem Wasser zu retten, sie sprang hinein
und hielt ihn fest, der schwarze Hund hielt aber sie am Rocke
fest und stemmte sich gegen das Ufer; so wurde sie in sinnloser
Trauer festgehalten und konnte weder den Leichnam ans Ufer
bringen, noch mit ihm fortschwimmen ins Meer. Endlich kam
Braka zurück, und da ihr an der Türe nicht aufgemacht worden,
schlich sie in den Garten, wo sie das wunderbare Bild wie ver-
steinert sah, den kräftigen Michael im Totenhemde mit der glän-
zenden silbernen Krone, über ihm das bleiche Mädchen, die
schwarzen Locken über ihm hinwallend, an ihrem Kleide gehal-
ten von dem schwarzen Hunde mit feurigen Augen. Die Alte
mußte nach ihrer Art lachen, weil es etwas so Seltsames war, un-
geachtet es ihr sehr zu Herzen ging und sie nicht von Herzen,
sondern nur mit dem dürren Munde wie ein Hungernder lachen
mußte; dann sprang sie hinzu, hob das Mädchen mit Gewalt ans
Ufer und sprach: "Laß ihn ziehen, er weiß seinen Weg besser als
du!" - Bei diesen Worten zog die Leiche still hinunter, und der
Mond ging unter Wolken, und Bella sank in die Arme der Alten.
Vier Wochen des Schmerzes waren vergangen, die Alte konnte
ihrer eigenen Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen, und
Bella langeweilte sich mit dem Hunde, dessen Künste sie nicht
mehr sehen mochte, der ewig schlief, oder, wenn gegessen wurde,
wedelte, sich leckte, kratzte; sie kam endlich darauf, womit an-
dere Erben anfangen, den Nachlaß des Verstorbenen zu durch-
suchen. Sie schloß die geheime Kammer auf, nicht ohne Schrecken
und Ehrfurcht, aber ihre Erwartung war getäuscht; da waren
keine seltenen Kleider und Kostbarkeiten, meist nur Bündel von
Kräutern, Säcke mit Wurzeln, einige Steine, lauter Dinge, von
denen sie nichts verstand, weil der Vater ihrem kindischen We-
sen keine Achtsamkeit für das Geheime zugetraut hatte. Endlich
fand sie doch in einer Kiste alte Schriften, die sie durchblättern
konnte, manche mit köstlichen Siegeln geziert, auf wunderlichem
Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt hatte,
andre aber niederländisch-deutsch, das sie wohl schreiben und
lesen konnte, da ihre Mutter, aus einem alten Hause der Grafen
von Hogstraaten mit Michael entflohen, diese Liebe zur alten
Sprache ihrem Manne und ihrem Kinde zugebracht hatte. Sie
nahm diese Bücher und las eben nachts, denn bei Tage schlief sie,
um alles Geräusch zu vermeiden, als Braka ihr durch eine zahme
Ohreule, mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb, ein dreima-
liges Zeichen gab, daß sie eingelassen sein wollte. Bella sprang
unwillig von ihrem Buche auf, das merkwürdige Zauberhistorien
enthielt, und wie Braka eingetreten, setzte sie sich wieder still-
schweigend dabei nieder, daß die Alte ganz böse ihre Hände in
die beiden Seiten stemmte: "Nun, kriegt die alte Braka heut
keinen Gruß, keinen Kuß? Ja, wenn die Kinder klein sind, so
wissen sie kaum, was sie einem alles für Liebes und Gutes antun
sollen, aber kaum fangen sie an, was vollständig zu werden, da
haben sie keine Ohren mehr für alles Gute, was man ihnen tun
möchte; nun, den Kuchen sollst du heute nicht bekommen, wenn
du mich nicht recht darum bittest; habe darum eine halbe Stunde
beim Bäcker warten müssen, der sollte heute auf des Prinzen
Tisch, die Magd wird sich schöne wundern, wenn sie beim Bäk-
ker zum Abholen kommt und er schon fort ist." "Wenn ich dich
auch nicht bitte", sagte Bella, "du hast doch keine Ruhe, bis ich
ein Stück davon gegessen; gib nur her und sei nicht böse. Ich bin
heute bei meines Vaters Büchern gewesen und habe da so schöne
Geschichten gefunden, daß ich gern ein Gespenst werden möchte."
Die Alte sah in das Buch hinein und sagte: "Es ist doch sonderbar,
daß ich so alt bin und kann nicht lesen, und du bist nur so ein
Kuckindiewelt und kannst es schon; nun hör einmal, wenn du
Lust hast, ein Gespenst zu werden, du kannst dazu kommen, das
fällt mir soeben ein, und wir können es brauchen." "Was ist denn,
du siehst ja so bedenklich aus?" "Sieh nur, Bella", fuhr die Alte
fort, "es ist auch keine Kleinigkeit, was dir bevorsteht: denk nur,
Prinz Karl ist gestern vor diesem Gartenhause mit seinem Lehrer
Cenrio vorbeigeritten und hat gefragt, wie es käme, daß es so
verschlossen und verfallen aussähe. Cenrio hat ihm erzählt, wie
die Gespenster alle Käufer und Mieter abgeschreckt hätten, alles,
wie du es weißt; wie dein Vater einen, der sich durchaus hier
niederlassen wollte, mit Ruten gehauen; die vielen Eulen, die er
in einer Kammer eingesperrt hatte und sie einem andern um den
Kopf fliegen ließ, nun, du weißt alles; der Prinz aber, statt daß
er dadurch geschreckt worden, schwur, daß er ganz allein eine
Nacht in diesem Hause schlafen und die Geister bald vertreiben
wolle. Was fangen wir nun an? es kann jede Nacht geschehen,
daß er in dies Haus kommt, und seine Leute werden die Aus-
gänge sicher so besetzen, daß keiner von den Unsern heraus oder
herein kann." - "Hör, Braka", sprach Bella, "den Prinzen
möcht ich doch gern sehen, ich habe so viel von ihm gehört, wie
schön er ist und wie edel, wie er fechten und reiten kann." "Du
denkst nun schon wieder an den Prinzen und nicht an unsre
Not", fuhr Braka fort; "hast du wohl Geschick, das Gespenst zu
spielen? Das könnte dich retten!" "Warum nicht", meinte Bella,
"aber wie soll ichs anfangen?" und las weiter in ihrem Buche. -
"Sieh, Kind", sprach die Alte, "er kann in keinem andern Zim-
mer schlafen als in dem schwarzen mit den goldenen Leisten, ne-
ben welchem das geheime Kämmerlein deines Vaters versteckt
ist, denn die andern Zimmer haben alle mehr Eingänge, da ist es
ihm nicht so sicher, auch steht nur in diesem eine Bettstelle. Nun
sieh, wenn du merkst, daß er stille, daß er eingeschlafen, so
schleich aus der Kammer heraus, leg dich zu ihm ins Bette, und
ich schwör dir, daß er vor Angst davonläuft und nie wieder-
kommt; sollte er aber Mut behalten und dich festhalten, sieh,
so kostet es dir ja nur eine Lüge, daß du aus Liebe zu ihm ein-
gedrungen, und dein Glück ist vielleicht gemacht." "Ja, Alte",
sagte Bella und las weiter, "wie du meinst, du mußt das verste-
hen, ich weiß nichts davon." "Aber sag mir nur, wo du das ver-
fluchte Buch herbekommen hast", fragte die Alte weiter, "wenn
ich mit dir ernsthafte Sachen rede, denkst du an nichts als an
das Buch." "Ich hab es aus des Vaters Kammer geholt", sagte
Bella, "es liegen da noch mehrere, nimm dir auch eins." "Wenn
du es erlaubst", sagte die Alte, "so gehe ich gern einmal herein;
ich habe mich immer gefürchtet, es dir zu sagen, ich wußte nicht,
ob dein Vater es nicht verboten." "Geh nur", sagte Bella, "du
wirst sonst nicht viel finden."
Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde; an der Türe bat
sie Bella, den schwarzen Hund wegzurufen, der immer vor der
Kammertür lag und niemand als Bella einzulassen Befehl hatte.
Bella rief ihn zu sich, und die Alte ging ohne Aufenthalt in die
Kammer. Als sie drin war, lachte Bella, wies den Hund wieder
zur Kammertür und versteckte sich, um den Schreck der Alten
zu sehen; es war ein Prinzessinnenspaß, aber sie war auch lie-
benswürdig wie eine Prinzeß und war von je wie eine Prinzeß
verehrt worden. Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem
großen Kräuterbündel und mit einem Sacke zur Türe hinaus-
treten, aber der schwarze Hund machte ihr ein Paar feurige
Augen und zeigte die Zähne; sie trat erschrocken zurück und
rief nach Bella in großer Angst. Zu gleicher Zeit hörten sie ein
ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Türe, Menschen,
welche über den Hof kamen, und Bella flüchtete sich erschreckt
mit dem Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten
in die Kammer, die sie verschlossen, um dort in aller Stille ab-
zuwarten, ob dies der Prinz gewesen sei, der seinen Kampf gegen
die Gespenster ausfechten wollte. Sie hatten sich nicht geirrt, es
war Karl, der künftige Beherrscher einer Welt, in der die Sonne
nie untergeht, in der ersten Frische des vollendenden Wuchses,
der in das verlassene Zimmer kam. Bella konnte ihn durch ein
verstecktes Türloch recht deutlich sehen, ihr war nie so etwas
vorgekommen; sie hatte nur braune Zigeuner gesehen, lustig und
heftig; dieser aber trat so großmütig einher, so sanft in geübter
Kraft, sie wußte, daß er es war, der künftige Herrscher, noch
ehe ihn seine Begleiter als Prinz gegrüßt. Sein Hochmut ent-
zückte sie, mit dem er Cenrio zurückwies, der die Wette zurück-
nehmen wollte, weil er behauptete, der Prinz habe durch seine
Anwesenheit bewährt, daß er sie wirklich ausführen wolle. Der
Prinz warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den
Tisch, breitete seinen Regenmantel über die Bettstelle und befahl
Cenrio, auf die Umgebung des Hauses zu wachen und ihm ein
paar brennende Kerzen im Zimmer zurückzulassen, er sei müde.
Cenrio empfahl ihm, das Zeichen mit der Pistole nicht zu ver-
gessen, wenn er jemand bedürfte; oder im Fall diese versagte,
dabei besah er das Schloß, so würde sein Rufen schon genügen,
da er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in
der Nähe wachen würde. Der Prinz meinte, er möchte sich das
Wachen und Bewachen ersparen, in seinem Panzerhemde, mit gu-
tem Degen bewaffnet, sollte ihm so leicht niemand gefährlich
werden; die Ammenmärchen von Geistern schreckten ihn aber
nicht mehr. Cenrio verließ das Zimmer. Der Prinz stützte sich
auf die Hand und lallte ein Lied, um wach zu bleiben; dann
streckte er sich aufs Bette und sang wieder, indem er einschlum-
merte; da das Bette der Kammer gegenüberstand, konnte Bella
ihn deutlich sehen und die Worte vernehmen:
Komm, lieblich schwarze Nacht,
Und drücke schießende Sterne,
Wie Siegel deiner Macht,
Als Zeichen meiner Ferne,
In meine mutige Brust,
Daß aller Funken Lust,
Aus künftigen Kronen geschmiedet,
Mich wecke, den Dienen ermüdet.
Sie sitzt auf dunklem Thron,
Ihr ruhet auf wolkigem Kissen
Die ewig schimmernde Kron. -
0 möcht ich die Liebliche küssen!
Und macht der Venus Stern
Die einzige Nacht mich zum Herrn,
Dann könnt ich die Erde umwallen,
Mit allen Kronen - mit allen.
"Der ist einmal ungeduldig, daß er zur Regierung komme",
sagte die Alte mit leiser Stimme zu Bella. Seine Augen sanken
nieder und sein Haupt. Er war eingeschlafen, und Bella starrte
noch immer zu ihm hin und konnte sich nicht satt sehen; die Alte
aber hatte schon ihren Anschlag gefaßt. Die Waffen, Degen und
Pistole, lagen vor dem Bette des Prinzen, die sollte Bella erst
leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen;
aber nur mit Mühe beredete sie das Mädchen dazu, Schuh und
Strümpfe auszuziehen, damit sie leise gehen könne, und ihr Kleid
auszuziehen, damit sie nirgends anstoßen möge, und mußte sie
fast zur Kammertür hinausstoßen, die sie vorsichtig nur anlegte,
um ihr den Rückzug zu sichern. Das alte Weib hatte sicher eine
böse Absicht bei diesem Vorschlage: das Kuppeln war lange ihr
Hauptgeschäft, und diesmal konnte sie auf einmal das Glück aus
dem niedern Stande emporreißen. Bella ahndete von dem allen
nichts, es war ihr lieb, den Prinzen in der Nähe zu sehen, darum
untersuchte sie nicht lange, ob der Vorschlag der Alten wirklich
vernünftig angelegt sei. Sie trat also mit großer Sorgfalt an das
Bette des Prinzen, der so fest schlief, daß sie mit Sicherheit seine
Waffen hätte forttragen können; die Alte sah beide mit Freuden
an. Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue Leinewand statt
des Hemdes gewickelt, die von einem goldnen Gürtel festgehal-
ten wurde, hatte die runden, blendenden Arme etwas scheu nach
dem Prinzen ausgestreckt, die zierlichen, leisen Tritte der schim-
mernden Füße hinziehend zu ihm, aus ihren unzähligen Locken
tausend Glückslose auf ihn taumelnd in tausend süßen Blicken,
bis der Mund sich nicht mehr halten konnte und auf den Mund
des Prinzen niedersank. Bis jetzt war ihr alles gelungen, der
Prinz aber, von dem Kusse erweckt, vor den erschreckten Augen
von tausend Phantomen seines Traumes wie mit glühenden Ku-
geln umstürmt, sprang mit höchstem Ungestüme auf und stürzte
atemlos schreiend in das Nebenzimmer; seine Pistole, seinen De-
gen, alles hatte er vergessen, solch ein Grauen wohnt in der Tiefe
des hochmütigsten Menschen vor der unnennbaren Welt, die sich
nicht unsern Versuchen fügt, sondern uns zu ihren Versuchen und
Belustigungen braucht. Bella war so entsetzt von seinem Abscheu,
daß sie sich stumm und willenlos der Alten überließ, die sie rasch
durch die versteckte Tapetentüre in die Kammer trug. Bald dar-
auf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurück, die
in Wahrheit alle größere Lust hatten, draußen zu bleiben, als
einzudringen. Wer so etwas nicht empfunden hat, wird es nicht
glauben, aber ein Gespenst schlägt eine ganze Armee in die Flucht,
denn was einem braven Manne übermächtig furchtbar ist, das ist
es im Durchschnitte für alle. Der Prinz zeigte noch den meisten
Mut; er schwur laut: "So schrecklich die schwarzen Schlangen an
dem Haupte waren, ein schöneres Antlitz habe ich nie gesehen,
ungeachtet der ungeheuren Größe in dem besten Verhältnisse,
einen glühenden Knopf trug es an der Brust; aber jetzt ist nichts
hier, bei der heiligen Mutter Gottes, leuchtet nur unter das Bette;
will keiner dran, so muß ichs selbst tun: hier auch nichts; so
wars denn doch ein Gespenst, Cenrio, und ich habe meinen Tür-
kensäbel an Euch verloren, Cenrio; wüßte ich nur, was das liebe
Gespenst verlangt hätte, bei Gott, ich bleibe hier, seht, es fällt
mir erst jetzt alles wieder ein. Sind meine Lippen nicht ver-
brannt? ich schwöre Euch, es hat mich geküßt, daß mir vor Se-
ligkeit das Herz stieg. Cenrio, ich will hier bleiben, will es fragen,
was es von mir begehrt!" Cenrio schwur, daß er es nach diesem
Schrecke des Prinzen seiner Gesundheit wegen nicht zugeben
dürfe, der Prinz selbst ließ sich nicht lange bitten, diese harte
Probe seiner Herzhaftigkeit aufzugeben. Er war nicht beschämt,
da alle bleich und erschreckt umhersahen und beim leisesten Ge-
räusch zusammenfuhren, auch konnte er jetzt noch, ohne daß
Adrian, der bei seinen Büchern saß, etwas davon gemerkt hätte,
nach Hause kommen. Die Alte war nicht ganz zufrieden mit dem
Entschluß, indessen wußte sie das Gute davon doch noch voll-
ständig zu nutzen, um sich und den ihrigen das Haus zu sichern,
denn kaum war die Haustüre von den rasch auswandernden Gä-
sten verlassen, so sprang sie zum Schrecken der guten Bella wie
eine Rasende aus der Kammer, schlug mit allen Türen heftig auf
und zu, warf alle Tische um, daß die Abziehenden in stiller
Angst ihre Pferde bestiegen und, ohne sich umzublicken, nach
der Stadt ritten, wo sie auf ewige Zeiten durch vergrößernde
Erzählungen den Geisterruf des Gartenhauses bestärkten. Der
Prinz mußte noch in derselben Nacht mit einem Fieber für sein
Wagestück büßen. Der liebliche Kopf der Bella schwebte ihm
darin vor, das Fieber verriet ihn, indem es ihm eine falsche Wahr-
heit zeigte, und er beichtete es mit großer Betrübnis am anderen
Morgen dem Adrian, wie er in ein Gespenst verliebt sei. Das
war eine köstliche Gelegenheit für diesen, dem Kaiser Maximi-
lian die Sorge für das Lateinlernen seines Enkels besonders über-
tragen hatte, ihm zur Buße eine große Menge Vokabeln aufzu-
geben, die auch der Prinz mit einigem Erfolge gegen den nächt-
lichen Eindruck brauchte.
Die arme Bella in ihrer Einsamkeit mußte ihre erste Zunei-
gung härter büßen. Nachdem es ihr ein paar Tage genügt hatte,
statt zu schlafen, an ihn zu denken und nachts von allen Seiten
umzuschauen, ob er nicht wieder zum Besuche in ihr Geisterhaus
kommen würde, nachdem Braka sie ernstlich ausgescholten hatte,
daß sie so törichten Gedanken, die sie vor der Zeit bleichten, ihre
frischen Tage hingebe, nachdem sie sich diesen und andern Rat
gar oft wiederholt hatte und doch immer wieder vergaß und in
den beliebten fremden Gedanken abgleitete, fragte sie einmal
Braka, ob es denn kein Mittel gebe, wie man unsichtbar werden
könne, um in der Stadt herumwandern zu dürfen. Braka lachte
und sprach: "Ich weiß kein anderes, als viel Geld zu haben, da
kann man eingehen, wo man will, das ist der wahre Haupt-
schlüssel, die wahre Springewurzel, bei deren Berührung die Tü-
ren aufspringen. Dein Vater mochte noch wohl andre Künste
gewußt haben, aber wenn sie nicht in seinen Büchern stehen, so
sind sie verloren!" - Bella behielt diese Nachricht still für sich,
sie fiel ihr ins Gemüt, als ob sie sie nie vergessen könnte; kaum
war die Alte wider auf den Erwerb ausgegangen, so suchte sie
die Bücher wieder hervor, die seit dem Besuche des Prinzen in
einem Winkel gerastet hatten; sie sah bei dieser Gelegenheit, daß
die Alte ihr den ganzen Vorrat seltener heilender Kräuter und
Wurzeln fortgetragen hatte, und diese Untreue brachte sie zu
dem Entschlusse, ihr nichts mehr von allem zu entdecken, wozu
sie die geheimen Kräfte ansprechen wollte. Aber welcher neue
Ekel war ihr in diesen Büchern vorbereitet, viel geheime Regeln,
Zeichnungen, von denen sie nichts verstand, den Stein der Wei-
sen zu finden, Geister zu zitieren, Krankheiten zu beschwören,
das Vieh zu verzaubern, endlich auch ein Mittel, Gold zu ma-
chen, aber dies Mittel so weitläuftig, als müßte man zwei Mon-
den anspannen, um zur Sonne zu fahren. So verging ihr eine
Woche nach der andern, bis sie in einer Nacht ganz ermüdet auf
eine ausführliche Nachricht traf, wie Alraunen zu bekommen,
und wie diese dienstbar Geld und was ein weltliches Herz sonst
begehre, mit stehlender, untrüglicher Listigkeit zuführten. Aber
welche Schwierigkeit, sie zu gewinnen, und doch war es die leich-
teste von allen Zaubereien. Die Zauberei braucht die härteste
Schule; wer sie aushalten kann, möchte auch wohl in den gewöhn-
lichsten Geschäften ohne alles Geheimnis zu zaubern scheinen.
Wer kennt jetzt nicht die Bedingungen, einen Alraun zu gewin-
nen, und wer möchte sich ihnen noch unterziehen, wer könnte sie
erfüllen? Es wird ein Mädchen gefordert, das mit ganzer Seele
liebt, ohne Begierde zur Lust ihres Geschlechtes, der die Nähe des
Geliebten ganz genügt: eine erste, unerläßliche Bedingung, die
vielleicht in Bella zum erstenmal wahrgeworden war, weil sie
von den Zigeunern, die sie bisher kennengelernt, immer als ein
Wesen höherer Art behandelt worden und sich dafür anerkannt
hatte; die Erscheinung des Prinzen war ihr aber so heiligrein,
wie der Körper des Allerheiligsten in der Messe, vorübergegan-
gen, zu schnell, um ihre Betrachtung zu wecken. In solchem Mäd-
chen, das so mächtig von der Phantasie in allen Segeln ange-
haucht wird, soll gleichzeitig der übermännliche Mut wohnen,
nachts in der eilften Stunde mit einem schwarzen Hunde unter
den Galgen zu gehen, wo ein unschuldig Gehenkter seine Tränen
aufs Gras hat fallen lassen; da soll sie ihre Ohren mit Baum-
wolle wohl verstopfen und mit den Händen suchen, bis sie die
Wurzel erreicht, und trotz allem Geschrei dieser Wurzel, die kei-
neswegs natürlicher Art, sondern ein Kind der unschuldigen Trä-
nen des Erhenkten ist, ihr das Haupt entblößen, einen Strick
aus ihren eignen Haaren umlegen, den schwarzen Hund daran
spannen, dann fortlaufen, so daß der Hund, im Wunsche, ihr zu
folgen, die Wurzel aus der Erde zieht, wobei er von einer er-
blitzenden Erschütterung des Bodens unfehlbar erschlagen wird.
Wer in diesem Augenblicke, dem entscheidendsten, seine Ohren
nicht wohl verstopft hat, kann von dem Geschrei auf der Stelle
unsinnig werden. Bella war wiederum die einzige seit Jahrtau-
senden, bei der sich alle diese Erfordernisse vereinigten; wer war
unschuldiger als das teure Haupt ihres Vaters Michael, der in
rastloser Tat für sein armes Volk, in steter Mühe und Not für
die Seinen, um das Unbedeutendste einem Reichen zu entfrem-
den, allzu ehrlich und stolz gewesen war. Welches Mädchen
hätte Mut gehabt, in der Mitternacht einen solchen Weg mit
Überlegung zu machen als Bella, die nun schon seit vier Jahren,
wo ihre Mutter gestorben, ein verstecktes, nächtliches Leben ge-
führt hatte und mit dem Laufe des Mondes, mit den Sternen zu
vertraulich bekannt war, um in der Nacht noch eine besondre
Einsamkeit und Traurigkeit wahrzunehmen. Welches Mädchen
hatte wie sie einen schwarzen Hund, aus dessen Augen mehr
blickte, als sein Mund ausheilen konnte, und wiederum: wel-
chem Mädchen war dieser einzige Gesellschafter so verhaßt wie
ihr, die ihn seit früher Zeit, wo er sie gebissen, nicht leiden
konnte und ihn jetzt noch mehr verachtete, nun er ihr mit einer
widrigen Demut diente und sie doch auf allen Wegen belauerte
und, wenn sie recht zärtlich mit einer Puppe aus alten Kleidern
wie mit dem Prinzen sprach, sie auslachte; auch hatte der Vater
immer behauptet, es stecke der böse Feind in dem Hunde. Wel-
ches Mädchen hatte endlich so langes Haar wie Bella, um es zu
Stricken flechten zu können, und welche mochte es, wie sie, ruhig
zu dem Versuche hingeben; sie aber wußte nichts von ihren Schön-
heiten, es war ihr lieb, daß sie künftig nicht so lange an ihren
Haaren zu kämmen hätte, und so sank ihr Haar, in dessen glat-
ten Locken sich oft die Sterne wie im Haupthaar der Berenize
gespiegelt hatten, im raschen Schnitt einer Schere wie ein schwar-
zer Schleier auf den Boden rings um sie her, ihrem Hund Sim-
son eine Kette daraus zu flechten, die ihm den Tod brächte. Sie
merkte bald, daß er alles, was sie gesprochen, vernommen habe,
denn statt daß er sich sonst kleine Vorräte an Knochen und Brot
im Garten vergrub, so öffnete er jetzt nach und nach alle diese
vergrabenen Schätze und fraß unersättlich. Hätte jenes sie rüh-
ren können, so empörte sie dies noch mehr; übrigens schien er
nicht traurig, aber er sah sie spöttisch an, und als der erste Frei-
tag kam, denn ein Freitag wird zur Ausführung gefordert,
durchkroch er das ganze Haus noch einmal, beroch alle Winkel
und führte sich in seinem Lager gegen seine Art unreinlich auf,
welches sie ihm aber diesmal lieber verzieh als ihrer Alten die
Langweiligkeit, mit der sie in unendlichen Erzählungen von "hat
er gesagt", "hab ich gesagt", ihre ganze verfluchte erste Liebschaft
erzählte, die Bella leicht um eine der Hauptbedingungen bei der
Aufsuchung der Alraunenwurzel hätte bringen können, wenn
diese nicht aus Ungeduld über ihre lange Anwesenheit im Zäh-
len der Minuten sie und die Stunden überzählt hätte, bis es
zwölfe geschlagen: da sprang endlich Bella aus Ungeduld auf
und fing mit der Alten aus Ärger, daß sie alles noch eine Woche
aufschieben müsse, den Kranichtanz der Zigeuner an, daß diese
endlich ohne Atem in einen Sessel fiel und hustete und schwur,
so lustig habe sie auf ihrem Hochzeittage nicht einmal getanzt;
dabei nahm sie ein Stück Lakritzensaft in den Mund, um den
Husten zu dämpfen, und trabte endlich mit großem Bedauern
fort, daß sie schon weggehen müsse. Etwas Angst hatte Bella
doch gespürt; nun die Woche versäumt war, schien es ihr doch
besser, daß sie sich noch vorbereiten könne, und der schwarze
Hund schien nicht minder diese Frist zu wünschen, um noch recht
essen zu können; sie gewährte ihm gerne die leckersten Bissen,
weil sie wußte, was er für sie tun müsse, ja zuweilen, ungeach-
tet ihres Widerwillens gegen das Tier, kamen ihr bei seinem
Anblicke Tränen in die Augen, doch tröstete sie sich immer mit
dem Zusatze im Zauberbuche, daß treue Hundeseelen, die in sol-
chem Geschäfte blieben, zur Seele ihrer Herren gelangen, und sie
war gewiß, daß sich der Hund beim Vater Michael besser als bei
ihr gefallen müsse.
Endlich kam der zweite Freitag, es war schon kalt geworden,
die ruhigen Gewässer waren dünn befroren, und die Alte hatte
sich bei ihr entschuldigt, daß sie in den nächsten Tagen nicht her-
auskommen könne: ihr Husten sei aber so stark, sie müsse sich
heimhalten. Alles schien erwünscht, die Nachbarn waren alle nach
der Stadt gezogen, die Nacht war dunkel, und der Wind führte
die ersten Schneeflocken über die trockene Erde. Bella durchlief
noch einmal das Zauberbuch, ihr Herz schlug heftig, als es lang-
sam eilf schlug, der schwarze Hund schleppte ihre Puppe, in der
sie ihren Prinzen sah und verehrte, herbei, zerrte und biß darin:
das brachte sie zum Entschluß; diesen Schimpf, den er ihrem
Liebling angetan, mußte er büßen; schnell nahm sie die Stricke,
die sie aus ihren Haaren geflochten und die sie bisher, um der
Alten keinen Argwohn zu geben, auf ihrem Kopf getragen, und
schlug auf ihn. Er wollte zur Türe hinaus, sie öffnete die Türe,
und beide waren in die zauberhafte Winterwelt hinausversetzt
und gingen dem Winde nach ihren Weg, ohne ihn zu kennen,
bloß nach der Richtung, um den Berg zu erreichen, auf welchem
das Hochgericht gehalten wurde. Diese Straße war leer von
Menschen, aber mehrere Hunde kamen mit großem Lärmen un-
ter den Gartentüren hervorgesprungen, liefen auf den schwar-
zen Simson los, aber im Augenblicke, wo sich diese Philister ihm
naheten, sah er sie an, zeigte seine Zähne, und die größten wie
die kleinsten Hunde flüchteten mit einer Angst, den Schwanz
zwischen den Beinen, in die Gärten zurück, daß sie sich selbst
unter den Türen einklemmten und erbärmlich schrien. Gleiche
Angst zeigten ein paar Stachelschweine, die ihre Stacheln voll
Apfel und Birnen, die sie sich in den Gärten angewälzt und an-
gestachelt hatten, quer über den Weg zogen, sich aber bei dem
Anblicke des Hundes zusammenkugelten, daß dieser ihnen ihre
Beute sehr behaglich abnahm und verzehrte. Bella hatte sich da-
bei ausgeruht, nun war es ihr aber sonderbar, daß, wie sie jetzt
aufstand und sich dem Berge näherte, ein anderer immer in ihre
Fußtapfen zu schreiten schien, und zwar mit solcher Sorgfalt,
daß er mit der Spitze seines Fußes jedesmal die Ferse des ihren
anrührte, sie wagte nicht umzusehen und lief immer hastiger zu,
bis ein Schlag vor den Kopf sie niederstreckte. Der Schlag war
indessen nur wenig betäubend, sie faßte Mut, als alles umher
still war; sie faßte um sich, als niemand sie anfaßte, und fühlte,
daß sie gegen einen herabgelassenen Schlagbaum angerannt war;
was aber in ihre Schritte so eilfertig getreten, war ein Dorn-
strauch, der sich an ihr Kleid gehängt hatte. Sie mußte sich über
ihre Furcht verwundern und nahm sich vor, jetzt aufmerksamer
und besonnener zu sein, und vergaß es doch bald wieder, als eine
Zahl von Pferden, die in einer Koppel lagen, bei ihrer Annähe-
rung aufsprangen und über Busch und Hecken fortjagten. Jetzt
war sie oben, und sie sah über die reiche Stadt hin, wo noch
manches Licht brannte, ein Haus war aber hell erleuchtet, und
da, meinte sie, müsse der Prinz wohnen: so hatte ihr die Alte
sein Haus beschrieben, und sie wußte, daß sein Geburtstag gefei-
ert wurde. Sie hätte alles bei dem Anblicke vergessen, selbst die
trocknen Gehenkten über sich, die einander fragend anzustoßen
schienen, hätte nicht der schwarze Hund aus eigener Lust unter
dem Dreifuße gegraben. Sie fühlte, was er gefunden, und hatte
eine kleine, menschliche Gestalt in Händen, die aber mit beiden
Beinen noch in der Erde wurzelte; sie wars, sie wars, die geheim-
nisvolle Mandragora, das Galgenmännlein, sie hatte es gefunden
ohne Mühe, und in einem Halsumdrehen war der Strick ihrer
Haare umgelegt und um den Hals des schwarzen Hundes ange-
schirrt; dann lief sie in Angst wegen des Geschreis der Wurzel
fort. Sie hatte vergessen, ihre Ohren zu verstopfen, lief nun, so
schnell sie vermochte, und der Hund ihr nach; er riß die Wurzel
aus dem Boden, und ein erschrecklicher Donnerschlag stürzte ihn
und Bella nieder; doch hatte ihr sichrer, schnellfüßiger Lauf sie
schon funfzig Schritte entfernt.
Das hatte Bellas Leben gerettet; doch blieb sie lange ohnmäch-
tig und erwachte erst, als schon die beglückten Liebhaber von
ihrem Glücke lässig heimkehrten, einer von diesen sang ein jauch-
zendes Lied von seinem feinen Liebchen und von den falschen
Zungen, die heimliche Liebe ausschwätzen; halb hatte er dabei
Schlummer in den Augen, und so kam es, daß er sie übersah. Als
sie davon erwachte, wußte sie nicht, wie sie an diesen Ort gekom-
men, den sie nicht mehr erkannte; schwach richtete sie sich auf
und sah im ersten Morgenschimmer ihren toten Simson. Sie er-
kannte ihn, erinnerte sich auch allmählich, warum sie hergekom-
men, und fand an den Haarflechten, die sie jetzt dem Hunde
abnahm, ein menschenähnliches Wesen, gleichsam einen bewegli-
chen Umriß, aus welchem die edlen Sinne noch nicht hervorge-
treten sind, ähnlich einer Schmetterlingslarve. so war der AI-
raun, und wunderbar ist es zu nennen, wie sie auf der einen
Seite des Prinzen gar nicht mehr denken konnte, der eigentlichen
Ursache, warum sie den Alraun aufgesucht, ganz vergessen hatte,
so liebte sie diesen auf der andern Seite mit jener ersten Zärtlich-
keit, welche zart durchdringend seit jener Nacht, wo sie den
Prinzen gesehen, in ihr zur Erscheinung gelangt war. Zärtlicher
kann eine Mutter ihr Kind, das sie bei einem Erdbeben verschüt-
tet glaubt, nicht wieder begrüßen, nicht vertrauter, nicht bekann-
ter, als Bella den kleinen Alraun aus dem letzten Erdenstaube
an ihre Brust hob und ihn von allem Anflug reinigte. Er schien
von dem allen nichts zu wissen; sein Atem strömte aus kaum
bemerkbaren Öffnungen des Kopfes, nur als sie ihn eine Zeitlang
auf ihren Armen gewiegt hatte, bemerkte sie an einem ungedul-
digen Stoße seines Armes gegen ihre Brust, daß er diese Bewe-
gung liebe; auch beruhigte er Arme und Beine nicht eher, bis
sie ihn wieder mit schaukelnder Bewegung erfreulich einschlä-
ferte. So eilte sie mit ihm in ihre Wohnung zurück; sie achtete
nicht des Hundegebells, nicht einzelner Marktleute, die sich früh
vor den Toren der Stadt sammelten, um die ersten bei der Er-
öffnung der Tore zu sein; sie sah nur auf den Kleinen, den sie
sorgsam in ihren Überrock eingeschlagen hatte. Endlich war sie
in ihrem Zimmer, hatte ihr Licht angezündet und besah das
kleine Ungeheuer. Es tat ihr leid, daß er nicht einen Mund zum
Küssen, nicht eine Nase habe, die ein göttlicher Atem herrschend
und sanft geformt, daß keine Augen sein Inneres kundmachten
und daß keine Haare den zarten Sitz seiner Gedanken umsicher-
ten; aber ihre Liebe minderte das nicht. Sie ging sorgsam zu
ihrem Zauberbuche, um sich wieder zu erinnern, was mit dieser
gegliederten und beweglichen Rübe anzufangen sei, um ihre
Kräfte, ihre Bildung zu entfalten, und sie fand es bald. Zuerst
sollte sie den Alraun waschen, das vollbrachte sie, dann sollte
sie ihm Hirse auf den rauhen Kopf säen, und wie diese aufginge
in Haaren, so würden sich seine übrigen Gliedmaßen von selbst
entwickeln, nur müsse sie an jede Stelle, wo ein Auge entstehen
sollte, ein Wacholderkorn eindrücken, wo aber der Mund wer-
den sollte, eine Hagebutte. Zum Glück konnte sie diese Säme-
reien alle herbeischaffen, die Alte hatte ihr neulich einige ge-
stohlne Hirse gebracht, Wacholderbeeeren brauchte ihr Vater
häufig zum Räuchern in seinem Zimmer; sie hatte den Geruch
nie leiden können, jetzt war er ihr lieb, denn es war noch eine
Handvoll übriggeblieben; ein Hagebuttenstrauch hing im Garten
noch voll roter Früchte als die letzte Pracht des Jahres. Alles
wurde herbeigeschafft, zuerst die Hagebutte an den rechten Ort
eingedrückt, sie merkte aber nicht, daß sie ihm diese bald aus
Liebe schief küßte; dann drückte sie ihm zwei Wacholderbeer-
kerne ein, es schien ihr, als sähe der Kleine sie an, das gefiel ihr
so wohl, daß sie ihm gerne ein Dutzend eingesetzt hätte, wenn
sie nur einen schicklichen Platz dazu hätte ausfinden können;
aber wo sie ihm am liebsten Augen eingesetzt hätte, hinten, da
fürchtete sie, möchte er sich oft wehe daran tun; zuletzt brachte
sie noch ein Paar Augen in seinem Nacken an, und wir müssen
ihr eingestehen, daß diese Erfindung nicht ganz zu verachten ge-
wesen sei. So fröhlich und ernstlich zugleich begann sie dies Werk,
ein Wesen zu schaffen, das, wie der Mensch seinen Schöpfer, bis
an sein Ende sie betrüben sollte; selbstzufrieden wie ein junger
Künstler, dem alles über Erwartung glückt, besah sie ihr kleines,
unförmliches Ungeheuer und verbarg es in einer zierlichen Wiege,
die sie im Hause vorgefunden, wohlbedeckt mit Betten, entschlos-
sen, selbst gegen die alte Braka dies als das erste Geheimnis ihres
Lebens zu bewahren.
Braka, die sich am andern Abend durch ihr verabredetes Kat-
zengeschrei kundmachte, merkte doch an ihr eine Veränderung
und fragte listig nach allen Seiten, insbesondre als sie den schwar-
zen Hund nicht mehr bemerkte: "Gott sei gelobt, ist der Hund
fort! Wie ists gekommen? Ich hätte den infamen Köter längst
tot gemacht, wenn ich gedurft hätte; aber da er vom Vater hin-
terlassen war, so durft ich nicht, einmal hatte ich ihn doch schon
im Sack und wollte ihn ersäufen, da biß er mich aber beim Auf-
heben des Sacks so scharf in die Hände, daß ich ihn mit dem
Sack laufen ließ: nun sag, Kind, wie hast du es angefangen, ihn
über die Seite zu schaffen?" Bella sah seitwärts auf ihre Arbeit
nieder, sie schälte Apfel und erzählte recht umständlich, wie sie
nachts im Garten gewesen, wie ein schäumender Hund dort ge-
gen sie angerannt sei, wie sich ihr schwarzer Simson auf ihn ge-
stürzt und beide einander so grausam zerzaust und herumgeris-
sen, bis der fremde Hund sich geflüchtet hätte, worauf der Sim-
son lahm und blutend ihm nachgelaufen und seit der Zeit von
ihr nicht wieder gesehen worden sei, vielleicht weil er gefühlt,
daß er toll werde und sie nicht habe verletzen wollen. Eine recht
rührende Erfindung! Bella hatte sie so wahrscheinlich vorgetra-
gen, ungeachtet es ihre erste Lüge war, daß Braka beruhigt war
und sich in Verwunderung über das treue Tier und über das
große Unglück, dem sie entgangen, ausließ. Nun hatte Bella Mut,
ihr alles einzubilden, was sie künftig von ihrem Wurzelmännchen
zu sagen nötig finden würde; doch wartete sie ungeduldig, daß
die Alte ginge, denn sie fühlte eine rechte Unruhe, ob noch nichts
Lebendiges an ihm wahrzunehmen sei.
Nachdem die Alte ihr Zwiebelgericht, das sie sich bereitet,
ausgetunkt hatte ging sie endlich von dannen. Bella schloß die
Türe und eilte zu ihrer heimlichen Wiege; zagend deckte sie auf
und freudig sah sie schon die keimende Hirse auf dem Scheitel
des Wurzelmännleins, auch die Wacholderkerne hatten sich schon
angesogen; es war überhaupt ein Bewegen innerlich in dem klei-
nen Wesen, wie frühlings im Acker beim ersten heißen Sonnen-
scheine nach dem Regen; es wächst noch nichts, aber die Erde
trennt sich und lockert sich, und wie die Sonnenblicke alles för-
dernd umgehen, so regte sie küssend alle Kräfte der geheimnis-
vollen Natur auf. Erst nach später Ermüdung entschloß sie sich,
neben ihrem Kleinod schlafen zu gehen, ihre Hand aber ließ sie
auf der Wiege ruhen, daß es ihr nicht entführt werden könnte.
Was wundern wir uns über ihre sonderbare Neigung zu der
halbmenschlichen Gestalt, nachdem sie zu dem schönen Fürsten-
sohne so ausschließliche Neigung gezeigt hatte; es ist das Heilig-
ste, diese Anhänglichkeit an alles, was wir schaffen, und ruft
uns, während wir vor den Häßlichkeiten der Welt und unsren
eignen erschrecken, die Worte der Bibel in die Seele: Also hat
Gott die von ihm geschaffne Welt geliebet, daß er ihr seinen
eingeborenen Sohn gesendet hat. 0 Welt, bilde dich schöner aus,
daß du dieser Gnade würdig werdest! Vergessen war in ihr aller
Eigennutz, wie sie sich durch den kleinen Wundermann zu ihrem
geliebten Prinzen wollte hintragen lassen; dieses Wunderkind,
in Gefahr errungen, füllte jetzt alle ihre Gedanken, von ihm
träumte sie, aber ihre Träume waren nicht glücklich; sie sah den
vergessenen Fürstensohn vor sich, wie er im Wettstreite mit an-
dern das zierliche Pfeilspiel der Spanier übte, worin sie durch
die Stärke und Schnelligkeit des Wurfs sowohl wie durch die ge-
schickte Wendung der Pferde einander zu necken und zu über-
vorteilen suchen, aber der Prinz siegte über alle, seine Pfeile ris-
sen Sterne vom Himmel und warfen sie wie zierlichen Schmuck
ihr auf die Brust. Die meisten dieser Sterne verloschen, einer
aber bebte in tiefem Lichte auf der Mitte ihrer Brust; und sie
sah immer tiefer hinein, unendlich tiefer und konnte sich nicht
satt sehen, und darüber erwachte sie. Kaum war sie erwacht, so
wußte sie nicht mehr, nach wem sie sich so eifrig gesehnt hatte;
ihr war es, als sei es der kleine Wurzelmann gewesen, den sie mit
lautem Jubel begrüßte, als er ihr ganz vernehmlich wie ein klei-
nes Kind entgegenwimmerte, mit runden schwarzen Augen sie
ansah, als wollten sie ihm aus dem Kopf herausfallen; sein gelb-
faltiges Gesicht schien entgegengesetzte Menschenalter zu verei-
nigen, und die Hirse auf seinem Kopfe hatte sich schon zu borsti-
gen Locken vereinigt, so auch, was auf seinen Körper von den
Hirsekörnern heruntergefallen war. Bella meinte, er schreie nach
Essen, und war in großer Verlegenheit, was sie ihm geben sollte;
wo sollte sie Milch hernehmen? Sie bedachte sich lange; endlich
gedachte sie der Katze, die auf dem Boden gejungt hatte; ein Ju-
bel war ihr diese Erfindung; die Jungen wurden herunterge-
holt und zu dem Wurzelmännlein, das sie schon spöttisch ansah,
in die Wiege gelegt; die Katze ernährte jetzt willig ihn mit den
übrigen Jungen, und die kleinen Blindgebornen duldeten es, daß
der nach allen Seiten sehende Fremdling ihnen voraus, ohne daß
es die Alte merkte, die mütterliche Vorsehung aussog. Bald
kniend, bald auf den Knien hockend, konnte Bella stundenlang
diesen Listen ihres Männleins zusehen; wo er die andern über-
listete, schien er ihr hohe Überlegenheit, wo er sich feig vor ihren
Tatzen zurückzog, Schonung und Klugheit; nichts machte aber
dem Mädchen so viel Freude an ihm, wie die Augen im Nacken.
Schon verstand er sie damit, wenn sie ihm winkte, wo eine der
Kätzchen von dem Zitzen heruntergefallen war, und legte sich
vor, bis er auch daran kommen konnte. Ihre Zuneigung wuchs
so schnell, daß sie sich über jeden Tropfen Milch kränkte, der von
den eingebornen Jungen dem Fremdlinge entzogen wurde, daß
sie lange mit sich kämpfte, aber endlich nicht widerstehen konnte,
eines dieser Jungen heimlich fortzutragen und nahe am Bach ins
Gras zu legen. Dann floh sie schnell, damit es ihr nicht folgte, sie
war aber kaum einige Schritte gelaufen, so hörte sie etwas ins
Wasser einplumpsen; sie mußte ihre Augen hinwenden und sah,
wie der Strom die kleine, blinde Katze forttrug. Das jammerte
ihr, sie gedachte ihres unschuldigen Vaters, der denselben Weg
gezogen, sie hätte nachspringen mögen, doch blieb sie am Ufer
stehen und fühlte, daß sie gesündigt; der Himmel ward dunkel
über ihr, die Erde frostig unter ihr und die Luft unstet um sie
her; sie schlich ins Haus und weinte. Und als der kleine Wurzel-
mann mit den Augen im Nacken dies ersah, fing er an der Brust
der Katze laut zu lachen an, daß die Katze aufsprang und eins
der Jungen mit sich fortzog, das sich ihr in Angst angebissen
hatte. Jetzt war das Wurzelmännchen auch so mutwillig gewor-
den, daß es sich nicht viel um die milde Nahrung der Milch küm-
merte; zwar sah es schon aus wie ein altes Männlein, das zum
Kinde zusammengeschrumpft war, aber es hatte noch alle Unar-
ten der kleinsten Kinder dabei. Gerade weil es sah, daß Bella
über den kleinen Mord mit ihm zürnte, drängte es sich immer
mehr zu ihr, und schlagen konnte sie es nicht, und was sollte sie
da tun, als es küssen und ihm den Willen lassen, der sich durch
Hingreifen nach allerlei Wurzeln zeigte, die nicht von ihrem Va-
ter her im Zimmer so umherlagen, sondern von der alten Braka
bei ihrer Mauserei aus Unkenntnis weggeworfen waren. Kaum
hatte das Männlein eine Springwurzel genossen, so fing es an so
lächerlich über Tisch und Stuhl, kopfüber, kopfunter zu springen,
daß Bella in Angst die Augen wegwenden mußte und ihm ängst-
lich, wie ein Huhn dem ausgebrüteten Entchen, nachlief und nach-
sah, wie sie ihn nirgend fassen und erreichen konnte. Listig wußte
er bald an allen Ecken aufzusuchen, was ihm diente; so fand er
bald auch die Sprechwurzel, welche die grünen Papageien vom
höchsten Gipfel des Chimborasso in die Ebenen bringen, wo sie
die Baumschlangen von ihnen gegen Apfel eintauschen, die am
verbotnen Baum gewachsen; wer sie aber den Schlangen abjagt,
das kann allein der Teufel, und sie von dem zu bekommen, ist
schwer und hat schon manchen ehrlichen Erzieher in Verlegen-
heit gesetzt. Als er diese ekelhafte Wurzel gierig genossen, sprang
er auf einen Ofen, und wie ein Vogel, dem die beschnittnen
Flügel wiedergewachsen, zur Verwunderung seines Herrn plötz-
lich empor auf den Baum vor dem Fenster fliegt und erst spot-
tend sein Lied pfeift, das er von ihm gelernt, eh er sich von ihm
fort im wilden Natursang durch die Luft schwingt, so waren
die ersten Worte des Männleins ein spottendes Wiederholen
ihrer Lehren: "Sei artig, sei gut, sei stille" - Er konnte nicht
aufhören, ihr das vorzusagen; sie hätte ihn gern gezüchtigt, aber
er saß ihr zu hoch. Zuletzt, um ihre Geduld ganz zu erschöpfen,
setzte er sich eine alte, verrostete Brille auf und fabelte in lee-
ren, spottenden Einfällen von allerlei Neckerei, die er der Welt
antun möchte, um sich zu unterhalten. Da mußte sie laut weinen
und konnte nicht mehr hinaufsehen, denn das Vertraulichste am
Menschen sind die Augen, und es ist wohl zum Verzweifeln,
wenn die Schwäche der Natur solchen harten, fühllosen Glas-
glanz zwischen dem geliebten Menschen und uns notwendig
macht, und das kann den Scharfsehenden schwindlig machen,
wenn er sehen muß, wie der Sinn, der sonst seine Freude nur in
Luft und Licht sucht, jetzt die harte Gewalt der Erde zu seiner
Hilfe brauchen muß, die ihn notwendig mit sich herabzieht und
vernichtet. Eine Brille ist das schrecklichste Gefängnis, aus wel-
chem die ganze Welt verändert erscheint, und nur die Gewohn-
heit kann den Schreck vor dieser Welt, wie sie dadurch erscheint,
aufheben. Wirklich erschrak jetzt Bella bis im tiefsten Herzen
vor dem Liebling, der im Luftraume ihrer Schöpfung vergöttert
gewesen; sie sah ein, daß sie auf ein Mittel denken müsse, den
Alraun zu bezwingen, und nahm sich vor, darüber mit Braka
zu reden. Als sie das still in sich beschlossen hatte, rief ihr das
Männlein vom Gesimse des Zimmers zu: "Hör, Bella, ich habe
dich eben mit den Augen in meinem Nacken angesehen, da ahn-
det mir, du hast mich nicht mehr so lieb wie im Anfange, und
wenn ich das gewiß weiß, so ists um dich geschehen!" - Bella
erschrak wie eine überwiesene Sünderin, diese Allwissenheit oder
vielmehr dieses ahndende Augenpaar in dem Kleinen setzte sie
in Verzweiflung, die Angst befestigte in ihr den Entschluß, sich
des kleinen, furchtbaren Teufels zu entledigen. Er rief dabei vom
Gesimse:
"Mir ahndet, du hast etwas Böses mit mir vor, aber ich will
dich schon wieder gutmachen." Zugleich stieg er herunter, sprang
zu ihr auf den Schoß und küßte sie so herzhaft, daß er ihr fast
die Haut aufriß mit seiner harten Barthirse, dennoch fühlte sie
eine sonderbare Bewegung ihres Blutes, die sie nicht verstand,
über die sie auch nicht nachdachte; doch war ihr der Kleine im
Augenblick so lieb, und sie erwartete und wußte nicht was von
ihm.
Eine Woche später, und der Alraun war in seiner Art völlig
ausgewachsen, etwa dreieinenhalben Fuß hoch; Braka hatte
schon etwas von ihm gemerkt, auch hatte er nicht Lust, sich län-
ger einsperren zu lassen, wenn sie kam, vielmehr wollte er sich
der Alten recht glänzend zeigen, zog ein silbergesticktes, altes
Faltenkleid von Bellas Mutter an, das ihm Bella nach allen Sei-
ten aufnähen mußte: so saß er eines Abends ganz ruhig in der
Ecke und schien zu lesen, als Braka eingelassen wurde. Bella
sagte, es sei ihre Base, ein sehr reiches Mädchen, die sie zu sich
nehme, die auch Braka beschenken wolle. Braka, die ihr Kompli-
ment auch zu machen verstand, wo sie es nötig glaubte, griff der
vermeinten Base nach der Hand, um sie zu küssen, war aber
doch etwas verwundert über die harte, trockene, haarige Wur-
zelhand und zögerte mit dem Kusse. Darüber wurde der Wur-
zelmann böse und gab ihr eine derbe Maulschelle. Braka konnte
sich in solchem Falle nicht mäßigen, sie stemmte beide Hände in
die Seite und fing so heftig an zu schimpfen, daß die lachende
Bella sie kaum mit der Vorstellung beruhigen konnte, die Nach-
barn möchten sie hören, und dann wäre ihr Zufluchtsort auf ein-
mal verraten. Der Alraun hatte sich aber durch die Schimpf-
reden nicht weniger in der guten Meinung gestört gefunden, er
sprang sehr geschickt auf und rings um Braka her und verfolgte
sie mit unzähligen Fußtritten; dabei fiel ihm der Schleier herun-
ter, sie erkannte ihn gleich für das, was er war, und demütigte
sich erschrocken vor ihm. Als er sie in Ruhe ließ, setzte sie sich
ganz zerschlagen auf einen Sessel und rief einmal über das an-
dere:
"Ach, Bella, was hast du für ein Glück, solch ein Männlein
zu haben, das alle Schätze finden und heben kann; ja, da hatte
mein Schwager einen, den nannte er Cornelius Nepos." "So
will ich auch heißen", rief der Kleine, "wo ist der geblieben?"
"Ach", sagte Braka, "mein Schwager wurde erstochen, das Männ-
lein wurde in seiner Tasche gefunden und den Kindern zum
Spielen gegeben, die brachten es einem Schweine, das hats auf-
gefressen und ist davon krepiert." - Der kleine Herr Corne-
lius wurde darüber sehr aufgebracht, er verbot es sehr strenge,
ihn nicht den Schweinen vorzuwerfen, und ließ sich erklären,
was dies für ein Tier sei. Braka wollte ihm erst beweisen, daß er
sich um die Welt und was darin fresse, gefressen werde und sonst
vorgehe, gar nicht zu bekümmern habe, er müsse Schätze graben
und sich um weiter gar nichts bekümmern; als aberder kleine
Cornelius wieder sehr grimmig wurde, suchte sie ihn zu besänfti-
gen, indem sie ihm allerlei hohe Ämter vorschlug, die er verwal-
ten könnte. Es war, als wenn er schon einmal gelebt hätte, so
schnell wurde er durch eine kurze Erinnerung mit allen mensch-
lichen Verhältnissen bekannt. Bei verwachsenen Kindern findet
sich häufig ein Ansatz zu dieser fatalen Gescheitheit. Nichts unter
allem, was Braka ihm von dem schönen Leben eines Kuchenbäk-
kers oder Kellermeisters vorschwatzte, reizte ihn so mächtig als
ein Kommandostab, wenn er in glänzender Rüstung, wie in dem
Schlosse ein Feldmarschall abgebildet war, vor tausend Rittern
an dem Hause vorüberreiten würde und ihren Gruß annehmen,
ja er befahl, ihn im Hause nicht anders als Marschall Cornelius
zu nennen und ihm dazu eine Rüstung zu schaffen. "Dazu ge-
hört Geld", sprach die listige Braka, "umsonst ist der Tod, Geld,
Geld schreit die ganze Welt." "Dafür laßt mich sorgen", sagte
der Kleine, "ich sitze hier so unruhig, es muß hier in der Ecke
der Mauer ein Schatz versteckt sein." Mit ihren Nägeln hätte
Braka die Steine ausgerissen, wenn sie kein ander Werkzeug
hätte finden können, jetzt aber lag die eiserne Ofengabel ihr
recht angenehm zur Hand vor der Türe, sie war im Augenblick
damit bei der Arbeit; ein Glück, daß der Schatz nur mit einem
Stein vermauert war, alle Fußtritte des Marschalls hätten sie
nicht abgehalten, das Haus zu durchbohren; auch ließ sie sich
durch das Kratzen und Beißen des Männleins nicht abhalten,
den Kasten voll guter Gold- und Silbermünzen in Beschlag zu
nehmen. Sie setzte sich darauf und hielt dann ihren feierlichen
Vortrag: "Liebe Kinder, Jugend hat keine Tugend, Kinder-
und Kälbermaß wissen alte Leute, ihr wißt beide noch nicht mit
Gelde umzugehen, ihr wäret verloren und kämet gleich in die
Hände der argwöhnischen Gerichte, wenn ich euch nicht mit Rat
zur Hand ginge; darum hört meine Meinung, was ihr tun müßt,
damit wir in aller Sicherheit des Schatzes froh werden. Hör, Bel-
la, du hast mich oft Mutter genannt, das will ich nun in der Welt
vorstellen, in die ich dich einführe; du aber, Cornelius, mußt dich
als mein Neffe, als Vetter meiner lieben Bella, artig aufführen,
so kannst du mit uns vertraulich zusammenwohnen, wir können
dich einem vornehmen Kaiser irgendwo empfehlen, daß er dich
zu seinem Marschall macht; eine Rüstung können wir dir gleich
kaufen, auch einen Degen und Helm und einen Streithengst,
da wirst du eine rechte Freude an dir haben, da werden die
Leute auf der Straße mit Fingern auf dich weisen und sprechen:
Das ist der herrliche junge Ritter, der Feldmarschall, der kühne
Haudegen. Die Mädchen werden niedersehen, und du wirst dir
den Schnauzbart in die Höhe streichen und mit einem gewognen
Nickkopfe vorbeireiten." - Hätte Cornelius sich umgewendet,
so hätte er ihre Falschheit wohl sehen können, aber ihm war, seit
er lebte, noch nicht so wohl geworden als in diesen Worten der
Alten; er sprang ihr auf den Schoß und herzte und küßte sie, daß
Bella aus Eifersucht ihn packte und, statt zu küssen, ihn biß. Er
verstand keinen Spaß in so etwas; es hätte viel Streit geben kön-
nen, wenn nicht die Alte mit Beratschlagung, was nun anzufan-
gen, hervorgetreten wäre: "Schlagt euch ein andermal, wenn
mehr Zeit dazu ist, heute muß ein Entschluß gefaßt werden, wo-
hin wir gehen, um mit Ansehen in Gent einzufahren! Da habe
ich eine alte Diebshehlerin in Buik gekannt, die schafft am ersten
Rat und was wir brauchen, eine Staatskutsche, worin wir den
Herrn Cornelius fahren, als ob er in einem Zweikampfe ver-
wundet worden sei und nur allmählich genese." "Nein", sagte
das Männlein, "das will ich nicht spielen, es könnte mir wirklich
so gehen, und warum soll ich mich nicht sehen lassen?" "Ach",
seufzte Braka heimlich, "der ist auch einer von den Bucklichten,
die nicht begreifen können, womit sie ihre Hemden zerreiben";
laut aber sprach sie: "Seht nur, Herr, so auf einem Dorfe sind
nicht gleich ritterliche Kleider zu bekommen, die Eurer würdig
sind, auch müßt Ihr Haar und Bart sorgsam beschneiden lassen,
die Leute meinen sonst, Ihr wärt der Bärnhäuter." "Vielleicht
bin ich auch von den Seinen", sagte Cornelius, "wer ist es, wo
lebt er?" "Erzähl uns von ihm", bat Bella, "diese Nacht ist fast
vergangen, heut können wir noch nicht scheiden, und morgen will
ich noch Abschied nehmen von allem, was mir im Hause lieb."
"Erzähl", sagte der Kleine, "oder ich schlage dich." Braka hub
also an, indem sie die Öllampe zur Seite stellte und ihr Schnupf-
tuch immer aus einer ihrer Hände in die andre strich:
Geschichte des ersten Bärnhäuters
Als Sigismund, der Ungersche König, von dem Türken ge-
schlagen worden, ist ein deutscher Landsknecht aus der Schlacht
in einen Wald entronnen; da er nun keinen Weg fand, keinen
Herren, kein Geld hatte, an keinen Gott glaubte, so erschien ihm
ein Geist und sagte ihm, wenn er ihm dienen wollte, so wollte
er ihm Gelds genug geben und ihn selbst zu einem Herren ma-
chen. Der Landsknecht sagte, 0 ja, er sei es zufrieden. Nun wollte
aber der Geist wissen, ob er wohl einen rechten Heldenmut habe,
damit er sein Geld nicht umsonst ausgebe, und führte ihn an das
Lager einer Bärin, die Junge hatte, und als diese gegen sie an-
sprang, befahl er dem Landsknecht, ihr auf die Nase zu schie-
ßen. Der Landsknecht vollführte das treulich, schoß ihr in die
Naselöcher zwei Posten hinein, daß sie stürzte. Da solches ge-
schehen war, fing der Geist an mit ihm zu unterhandeln: "Zieh
die Haut der Bärin dir ab, du wirst sie brauchen; gut für dich,
daß du kein Loch hineingeschossen, denn soll ich dich reich ma-
chen, so mußt du mir sieben Jahre darin, als in meiner Livrei,
dienen, mußt in den sieben Jahren alle Nacht eine Stunde um
Mitternacht bei meinem Schlosse Schildwacht stehen, mußt in
den sieben Jahren dir niemals Haar und Bart und Nägel weder
abschneiden noch reinigen, dich auch nie waschen, abreiben, ab-
stäuben und einsalben; in den sieben Jahren sollst du bei Tage
frei Licht, bei Nacht mit Abwechseln Mondschein, Sternenschein
und nichts haben als guten Wein zum Trinken, Kommißbrot
zum Essen; auch sollst du in der Zeit kein Vaterunser beten."
Der Landsknecht ging alles ein und sagte zum Geist: "Alles, was
du mir zu unterlassen befiehlst, habe ich mein Lebtag nicht gern
getan, weder Kämmen, Waschen noch Beten; was du mir zu tun
befiehlst, soll mir bei einem guten Glase Wein nicht schwer wer-
den." Darauf zog er seine Bärenhaut über, und der Geist führte
ihn durch die Luft auf sein wüstes Schloß, das mitten im Meere
liegt, woselbst er gleich seinen Dienst antrat. Sechsundeinhalbes
Jahr versah der Landsknecht in seiner Bämhaut, wovon er den
Namen des Bärnhäuters bekommen, seinen Wachtdienst; Haar
und Bart waren ihm dermaßen gewachsen und verfilzt, daß er
von Gottes Ebenbildlichkeit wenig mehr übrigbehielt; Petersilie
war ihm auf seiner Haut gewachsen, das sah gar erschrecklich aus.
Mit einem Schauder sah Bella bei diesen Worten die Hirse auf
dem Kopf des Alrauns, der sehr wohlzufrieden sie durch die
Finger gehen ließ, seiner Schönheit gegen den unsaubern Lands-
knecht gewiß.
"Als nun sechseinhalb Jahr um waren", fuhr Braka fort, "trat
der Geist zu ihm, freute sich über sein Ansehen, sagte ihm, er
brauche ihn nicht mehr, er wolle ihn wieder unter Menschen
bringen, doch mit der Bedingung, daß er sich noch ein halbes
Jahre in dieser seiner Verwilderung unter ihnen sehen lasse, zu-
gleich wolle er aber mit ihm abrechnen und ihm den verdienten
Geldschatz überantworten, er möchte sich damit lustig machen, so
gut er könnte. Dem Landsknecht war es doch lieb, wieder unter
Menschen zu kommen, weil er das Sprechen fast verlernt hatte,
er ließ sich vom Geist recht vergnügt übers Meer nach Deutsch-
land führen, nach Graubünden, weil es dort in damaliger Zeit
am schmutzigsten auf dem ganzen Erdboden war. Dennoch
wollte ihn da kein Wirt aufnehmen, bis er eine Handvoll Du-
blonen und eine Handvoll Piaster einem ins Gesichte warf; der
räumte ihm seine besten Zimmer ein, daß er die gewöhnlichen
Gäste von dem Hause nicht zurückschrecken möchte. Als aber
der Papst, der mit gemalten Bildern die ganze Christenheit re-
giert, durch Graubünden kam, von dem Konzilio nach Rom zu-
rückzureisen, da trat der Geist zu dem Bämhäuter und malte
sein Zimmer mit allen merkwürdigen Menschen der Welt, so-
wohl denen, die gelebt, als die künftig noch leben werden, wie
den Antichristen und das Jüngste Gericht, worüber der Wirt sich
nicht wenig verwunderte, aber dennoch den Bärnhäuter zwang,
die Nacht, wo der Papst bei ihm einkehrte, seine Zimmer ein-
zuräumen und im Schweinestall zu schlafen; den Papst aber legte
er in das vom Bärnhäuter schön gemalte Zimmer. Als der Papst
am andern Morgen aufwachte, war das erste, daß er sich nach
dem wunderbaren Maler erkundigte, der das Zimmer so künst-
lich verziert habe. Der Wirt erzählte ihm, was er von ihm wußte,
und mußte ihn dann aus dem Schweinestall heraufkommen las-
sen. Der Papst aber grüßte ihn freundlich, fragte ihn, wer er
wäre, und der Landsknecht nannte sich Bärnhäuter; darauf
fragte ihn der Papst, ob er diese herrlichen Bilder gemalt? "Wer
sonst?" sprach der Bärnhäuter. Da rühmte ihn der Papst als den
ersten Maler der Welt und sagte ihm, er habe drei natürliche
Töchter, die er sehr liebe, die älteste heiße Vergangenheit, die
andre Gegenwart, die dritte Zukunft, wenn er ihm die so malen
könnte, daß er wüßte, wie jede nach einer Reihe von Jahren aus-
sähe, so wolle er ihm die zur Frau geben, welche ihm am besten
gefalle. Der Bärnhäuter versprach alles in Hoffnung auf seinen
Geist. Der Papst redete darauf weiter: "Du könntest mir aber
leicht einbilden, daß sie sich also verwandeln möchten, und wenn
es nicht zuträfe, hättest du doch inzwischen meiner Tochter Liebe
genossen, darum stelle ich dich auf eine Probe. Ich zeige dir nur
meine jüngste Tochter Zukunft, und du mußt aus ihrem Anblicke
die beiden älteren, Gegenwart und Vergangenheit, malen; be-
stehst du diese, so ist das Mädchen dein, bestehst du sie nicht, so
verfällt mir dein großes Vermögen, wovon mir der Wirt erzählt
hat." Bärnhäuter ging alles ein, lief neben dem Wagen des
Papstes her und hielt ihn, wenn er umfallen wollte, und so ka-
men beide ohne Schaden nach Rom. Gleich am Abend stellte ihm
der Papst seine Tochter Zukunft vor, die sehr schön war, aber
zweierlei Farbe von Haaren auf ihrem Kopfe trug; Bärnhäuter
verliebte sich gleich, sie aber entsetzte sich über seinen Anblick. Als
sie fort war, rief er seinen Geist, der mit einem Farbentopfe und
einem Pinsel geflogen kam und die Bilder der beiden ältern
Schwestern sogleich anfertigte. Als Bärnhäuter das Bild der Ge-
genwart gemalt sah, vergaß er darüber der geliebten Zukunft und
weinte, daß er diese nicht bekommen könnte. Der Geist tröstete
ihn und sprach, in einem halben Jahre würde seine Braut dieser
ähnlich und gleich sein, und so hätte er in diesem Bilde auch das
vom Papste verlangte Bild, wie die Tochter in einer gewissen
Zeit aussehen werde; in dem Bilde der Vergangenheit werde er
aber gleich sehen, wie die Gegenwart künftig aussehen müsse. -
Der Geist malte dieses Bild der Vergangenheit, und es gefiel dem
Bärnhäuter nicht. Als dieser nun aber vom Geiste verlangte, er
solle ihm das Bild der Vergangenheit malen, wie sie künftig aus-
sehe, da wischte der Geist seinen Pinsel auf der Wand aus und
sagte: "Entweder so wie die Wolken, daß nichts zu erkennen,
oder wie das Bild der Zukunft, das du im Herzen trägst, und das
ich dir niemals gut genug malen würde!" Hier verschwand der
Geist. Am Morgen zeigte der Bärnhäuter die Bilder dem Papst,
der sehr nachdenklich dabei wurde, ihn umarmte und seiner
jüngsten Tochter als Bräutigam vorstellte. Bärnhäuter war so
voll Freude, daß er nicht sah, wie seine Braut weinte, als er sei-
nen Ring, der auseinandergeschoben werden konnte, mit ihr
teilte und ihr die Hälfte an den Finger steckte. Darauf nahm er
Abschied, denn so hatte ihm der Geist in der Nacht befohlen -
ich hatte es zu erzählen vergessen - und ritt nach Deutschland
zurück, um dort in Graubünden sein siebentes Jahr noch aus-
zuwarten; dann ging er nach Baden ins Bad, wo er zu seiner Rei-
nigung über ein halbes Jahr beständig im Wasser lag und mit
groben Besen abgebürstet wurde; ein Dutzend Messer wurden
stumpf, eh ihm der Bart und das Haar abgeschoren waren. Als
das beendigt, schaffte er sich die kostbarsten Kleider an und eilte
zu seiner Geliebten zurück. - Diese war unterdessen in das Aus-
sehen gerückt, was die Gegenwart damals hatte, sie war sehr
schön, aber immer traurig, weil sie sich vor ihrem Bräutigam
fürchtete und weil sie von den Schwestern, die keinen Mann be-
kommen, beständig seinetwegen geneckt wurde. Eines Tages rief
ein heller Trompetenschall alle drei Schwestern ans Fenster, es
zog ein schöner, fremder Ritter mit vielen Knechten in die Stadt,
den sich die beiden ältesten sogleich zum Mann wünschten, und
o Wunder, der Ritter hielt vor dem Hause still, ließ auch um
Erlaubnis bitten, ihnen aufzuwarten. Sie bewilligten es gern, und
er gab sich für einen entfernten Verwandten von ihnen aus, der
eine von ihnen zu heiraten begehre und sich deswegen durch
einige Gaben empfehlen wolle. Die beiden ältesten griffen be-
gierig nach den Geschenken, die jüngste aber blieb einsam wie
ein Turteltäubchen; die beiden ältesten bemühten sich um seine
Gunst, sie gefielen ihm aber gar nicht mehr; die Gegenwart sah
aus wie damals die Vergangenheit, und die Vergangenheit hatte
ein verwischtes Gesicht wie eine Alabasterstatue, die lange unter
der Traufe gestanden; die liebe Zukunft aber blühte in höchster
Schönheit, ihre Haare glänzten in gleicher heller Farbe. Dennoch
stellte er sich erst den beiden älteren geneigt, um die Sinnesart
der jüngeren zu prüfen; als diese aber still und sittig blieb, wäh-
rend jene stolzierten, erklärte er sie für seine Braut, indem er ihr
die andre Hälfte des Ringes am Finger anschraubte. Da war
große Freude in der Verlassenen angezündet; der Papst erschien
und segnete beide ein. Als aber die Brautleute zu Bette gebracht
worden, ergriff die beiden älteren Schwestern eine Verzweife-
lung, daß sich die eine erhenkte und die andre in den Brunnen
stürzte. In der Nacht trat der Geist, die beiden toten Mädchen
im Arm, zum letztenmal zum Bärnhäuter und sagte: ,Du hast
alles erfüllt, was du mir gesollt, ich bin im Vorteil, ich habe mir
zwei, du dir eine Tochter geholt. Lebe wohl und bewahre deinen
Schatz."
"Aber", unterbrach sie der Alraun, "warum haben sich denn
die Schwestern so geärgert, daß sie zu Bette gegangen sind?"
Weil sich die beiden geheiratet", antwortete die Braka. "Was ist
denn heiraten?" fragte der Alraun. "Das kannst du nicht be-
greifen", sagte die Alte. - Der Alraun wollte sich umdrehen, um
mit seinen ahnenden Augen sie zu erforschen, aber im Augen-
blicke schrie er entsetzlich auf und sprang unter den Tisch, der
Alten unter den vielgeflickten Rock. "Was ist dir, Scheusal?" rief
die Alte, sah auch hin, wohin er gesehen, und warf sich schreiend
über den Geldkasten, und Bella legte den Kopf ängstlich in den
Schoß und wagte nicht aufzublicken. - "Lebende Menschen",
sagte eine rauhe Stimme, "sind doch rechte Toren, da hören sie
mit großer Freude meine schreckliche Geschichte an, und mich
selbst mögen sie nicht sehen. Wacht auf aus eurem Schrecken,
oder ich schreie, daß die Balken unter und über euch biegen und
brechen." - "Nun", sagte der Alraun unter dem Rocke der Alten,
was will er, Bärnhäuter? ich will ihm zuhören." "In welchem
Mauseloche steckst du, kleiner Knirps?" fragte der Bärnhäuter.
"Wo du großer Tölpel nicht stecken kannst", sagte der Alraun;
mach schnell, es wird mir sonst zu heiß hier, auch beißen mich
die Schmetterlinge, was willst du von uns, unsaubrer Gast?"
"Ach", sagte der Bämhäuter, "ich habe mich bei Lebzeiten so
sehr in mein Geld verliebt, daß ich den Rest hier vermauerte und
dabei nach meinem Tode Wache stehen muß, gebt mir mein ein-
ziges Vergnügen wieder heraus." - "Gib ihm hin", flüsterte die
Alte, "so dreht er uns nicht das Genick um." "Nein", rief der
Kleine, "du kriegst keinen Heller heraus, du mußt ihn abverdie-
nen; du bist aber ein starker Kerl, der uns nützlich sein kann,
insofern du deinen Körper noch gehörig instand setzen, aus-
putzen und beschlagen kannst, um damit auf Erden als unser
Knecht zu erscheinen." "Ach", sagte der Bärnhäuter, "was den
Körper anbetrifft, es sind bloß ein paar Verknöcherungen in den
Adern gewesen, woran ich gestorben, die putz ich mit einem
scharfen Messer leicht weg, es ist mir nur eine verfluchte Arbeit,
so einem kleinen Stehauf, wie du bist, auf der Welt zu dienen:
das ist auch noch eine harte Strafe für meinen Geiz." "Ei was",
sagte der Alraun und kam unter dem Rocke der Alten hervor,
"ich bin nicht eben zu klein, aber du bist zu groß, und ich weiß
nicht, was mir lieber wäre; ein Kleiner kann sich einschmiegen
und einkriechen, wo ein Großer nicht einmal hinriechen darf;
kurz und gut, willst du mir treu dienen, so zahl ich dir reichlich
alle Woche einen Dukaten, bis dein Schatz wieder beisammen."
"Ich geh den Vertrag ein", sagte der Bärnhäuter, "morgen Nacht
komm ich mit meinem wirklichen Körper, wenn ich ihn in der Zeit
fertigkriege, zurück; neben mir an ist der Diener eines vornehmen
Herren begraben, mit dem will ich Kleider tauschen; so macht
mein seidner Wams kein Aufsehen, und dem armen Teufel gönn
ich die kleine Freude wohl, sich so stattlich begraben zu finden,
wenn er am Jüngsten Tage aufsteht; er hat sich immer still und
ordentlich bis auf ein bißchen Schnarchen neben mir aufgeführt."
"Es ist gut", sagte der Alraun, "das Weibsvolk hier hört dich noch
gar nicht sonderlich gerne, drück dich, Mensch!" "Nun adies", sagte
der Bärnhäuter, "es bleibt dabei, aber einen Dukaten Mietsgeld
würde ich mir wohl ausbitten, ich habe den Totenwürmern aller-
lei Kleinigkeiten versetzt, die ich wieder einlösen möchte." -
"Da hast du", sagte der Alraun und zog mit Gewalt einen Du-
katen aus dem Haufen, worauf die Alte lag (die ihm heimlich
zuflüsterte: "Gib ihm die Hälfte, es ist auch genug"), "da hast
du den Dukaten, führ dich ordentlich bei mir auf, es soll dein
Schaden nicht sein." - Der Bärnhäuter verschwand, es dauerte
aber noch eine Weile, ehe Braka und Bella aufzusehen wagten.
Der kleine Cornelius lachte sie aus, und sie konnten sich einer
gewissen Hochachtung gegen ihn nicht erwehren. "Wenn uns der
große Kerl nur nicht einmal mit all unserm Hop-hei davon-
läuft", sagte Braka. - "Wie kann er denn", sagte der Alraun,
es ist ja eben seine große Not, daß er als ein Geist sein Wort
halten muß; ihr Menschen braucht das nicht, wenn ihr euch nicht
eurer Seele wegen nach dem Tode fürchtet." - "Bist du denn ein
Geist oder ein Mensch, lieber Cornelius?" fragte Bella. "Ich",
stammelte der Alraun, "das ist eine dumme Frage,ich bin ich
und ihr seid nicht ich, und ich werde Feldmarschall und ihr
bleibt, was ihr waret; mit solchen verfluchten, spitzfindigen Fra-
gen bleibt mir vom Halse; wenn man darüber nachdenkt, so zieht
es einem Blasen im Gehirn, wie der Meerrettich auf der Haut."
"Woher weißt du denn das vom Meerrettich?" fragte Braka.
"Als ich da oben stand unter Galgen, da stand eine Meerret-
tichpflanze neben mir, die tat sich immer viel darauf zugute, daß
sie Blasen ziehen könnte und daß die Augen bei ihr übergingen,
das nannte sie ihre tragische Wirkung. - Gute Nacht", rief er
zuletzt, "Braka, auf Wiedersehn! mach dich fort und besorg mir
nur recht bald den Kommandostab." - Als er fortgegangen, be-
redete Braka alles, was noch zu ihrer Wanderung nötig, die auf
die nächste Nacht unabänderlich festgesetzt wurde. Am andern
Abende ging Bella noch einmal in den kleinen Garten; was sie
erlebt, drängte sich ihr zusammen, jeder Zweig schien ihr be-
deutend. Der Nacht, wo sie den Erzherzog gesehen, erinnerte
sie sich, er selbst war ihr aber ganz entfallen; sie konnte sich
nicht denken, wie er ausgesehn habe, auch schien ihr das wenig
wert; sie freute sich, in die Welt einzutreten, aber sie fürchtete
die sie umgaben, und das Gefühl, daß sie ihr zu schlecht wären,
überraschte sie sehr schmerzlich; sie schämte sich ihrer, weil sie
ihren Vater gekannt hatte, und alle Dankbarkeit gegen Braka,
alle Freude, die sie über das Gedeihen des kühn und glücklich
erschaffenen Wurzelmännchens hegte, konnte diese Scham nicht
unterdrücken. Es lag ihr die Hoheit ihres ägyptischen Stammes
im Blute, und sie sah zu den Sternen zutraulich als zu ihren
Ahnen und fühlte den Sommer ihres Landes jetzt in dem kalten
Oktober, wo der Nil sinkt und alles sich zur Arbeit regt, aber
sie wußte auch das alte Verbrechen ihres Volks, daß sie der
heiligen Mutter Maria auf ihrer Flucht nach Ägypten kein
Obdach geben wollten, als sie mit ihrem seligmachenden Kinde
im starken Regen einritt; da erhob aber dieses seine Hand im
Kreise, und über ihnen stand ein Regenbogen, der keinen Trop-
fen auf sie niederfallen ließ. "Ist unsre Schuld noch nicht ge-
büßt!" seufzte Bella, und rings um den Mond erblickte sie einen
wunderbaren farbigen Kreis, daß ihr Herz aufjauchzte und ohne
Worte betete. "Mit welcher Sehnsucht hat mein geliebter Vater
Michael", dachte Bella,"nach jenen Hügeln geblickt, den ersten
Gruß der Morgensonne zu erwarten, und ich soll sie hier in der
Stille nie wiedersehen. Was haben sie mit mir vor, die mich um-
geben, soll ich fliehen in die Weite, soweit meine Füße mich tra-
gen, die Welt ist ja nirgend verschlossen!" Die Sehnsucht nach
der Freiheit bewegte sie, da flüsterte ihr Braka leise zu, die sich
ihr genähert: "Der Bärnhäuter hat schon alles aufgesackt, der
Cornelius reitet auf seinem Nacken, hast du noch was mitzu-
nehmen? "Ei freilich", sagte Bella, "da sind noch meine Pup-
pen und das Zauberbuch." "Ach, liebes Kind", sagte die Alte,
"das hat der grobe Bärnhäuter aus Unvernunft alles in den Ofen
geworfen; sei nur nicht böse, tröste dich." Bella sah nieder: "So
muß ich auch das alles verlassen, womit ich gespielt habe." "Ja,
liebes Mädchen", sprach Braka und umarmte sie, "ich habe es
dir schon seit ein paar Wochen sagen wollen, du bist nun erwach-
sen, kannst auch alle Tage einen Mann nehmen; freust du dich
nicht, Blitzmädchen? Wie ist dein Busen hervorgetreten, wie eine
Frucht unter Blättern, und du hast es nicht bemerkt, sieh, der
Mond hat Platz, seine Strahlen hinüberzurollen." "Alte, bist
du unsinnig?" fragte Bella. "Ach laß mich", sagte Braka, "!es ist
Nacht, und ich mag auch einmal vergessen, wie ich mich in aller
Welt gleich einem Rauchbesen herumgetrieben, alle Spinnweben,
allen Schmutz ausgekehrt habe, daß ich schmutzig bin und
bleibe. War auch einmal jung und artig, sang mit unsern schö-
nen Jünglingen und reimte Lieder, und nun ich dich so sehe und
du von allem nichts weißt, was mit dir geschehen, da denke ich
für dich und freue mich für dich. Sieh, du bist nun ein großes
Mädchen, und alle Lust geht dir auf, und wo du hinblickst, jeder
fühlt und will was bei dir, und wenn du nur eine Hand aus-
streckst, wird es ihnen heiß in allen Adern, sie stammern und
scheuen sich und rasen und herzen, und blickest du einen an und
dann den andern, so schlagen sie sich und rechnen ihr Blut für
nichts gegen dein Blut und vergießen es für dich." "Ach Gott",
rief Bella, "welch ein Unglück steht mir bevor, lieber lauf ich
davon und verberg mich aller Welt!" Braka hielt sie und sagte:
"Fliehen willst du, unartiges Kind? Wenn du dir das je unter-
stehst, ich will dich schon wiederkriegen, da peitsche ich dich mit
Brennesseln. Du bist doch noch dumm wie ein Klotz; wenn man
der dummen Gans alles Liebe sagt und tut, sie versteht kein
Wort; komm jetzt herein, wir haben keine Zeit übrig, ein ander-
mal sag ich dir mehr!" - Sie schob Bella ins Haus, die wunder-
lich bewegt von dem, was sie gehört, noch mehr von dem, was
sie erwarten sollte, sich über den Verlust ihrer Bücher und Pup-
pen tröstete und den Bärnhäuter kaum anstaunte, der in seiner
braunen Livree einem Bären glich, auf welchem der Alraun wie
ein menschlich angezogener Affe ritt, um sich auf einer Kirmes
sehen zu lassen. Braka ging voran, Bella folgte ihr, der Bärn-
häuter schlug die Tür zu; alle waren still, nur Braka brummelte
vor sich, wenn sie den verschneiten Weg nicht recht erkennen
konnte. Auf dem Galgenberge sahen sie großen Tanz, sie kehr-
ten sich nicht daran; ein paarmal wurden sie durch Feldhühner
erschreckt, die aus dem Schnee aufflogen. Endlich sahen sie das
Dorf Buik in einer Vertiefung liegen, und Braka erkannte die
Lampe ihrer alten Diebsschwester, der Nietken.
Sie näherten sich leise einer Gartentür, und Braka machte ihre
Gegenwart durch Wachtelgeschrei kund. Es kam ein kleines Mäd-
chen, die sah sie an, machte die Türe auf und führte sie in einen
Keller und durch den Keller die Treppen hinauf in ein Boden-
zimmer, das durch die Türe eines Nebenzimmers erleuchtet wur-
de. Braka ging unverzagt in dieses zweite erhellte Zimmer, wo
eine dicke, alte Frau, die in einem schönen, grünen, seidnen Kleide
einer Platznelke glich, weil sie dasselbe hin und wieder teils mit
ihrem roten Gesicht und Händen, teils mit ihrem rotwollenen
Unterrocke durchschimmern ließ, vor einem kleinen Hausaltare
kniete, der mit einem schönen Bilde der Mutter Maria und vie-
len bunten Wachskerzen geheiligt war. - "Nun, du alter Sau-
sack", sprach Braka, "betest du wieder, weil du viel getrunken
hast und der Schluckauf dir nicht vergehen will?" Frau Nietken,
denn das war die Betende, sah sich um, winkte mit der Hand
und betete ihren Rosenkranz emsig fort. Der Bärnhäuter fand
sich auch zur Andacht gestimmt, er kniete nieder, auch Bella, die
recht schöne Gebete wußte; aber Braka, die alle Schlüssel und
Gelegenheiten des Hauses kannte, nahm eine große Kanne schwer
Bier aus einem Wandschranke und trank für alle.
Unterdessen war der Alraun über allen lächerlichen Kram im
Zimmer, wo alte Tressen, Lappen, Küchengeschirre, Leinenzeug
in abgesonderten Haufen lag, so verwundert, daß er sich nicht
satt daran sehen konnte; alles war ihm neu, aber er wußte sich
bald alles zu deuten. Frau Nietken, die eine Trödlerin von sehr
ausgebreitetem Handelsverkehr war, versammelte die seltensten
Vorräte von Altertümern aller Art; da war im Hause auch das
kleinste Hausgerät nicht in der Art zusammenhängend und dem
Hause gemäß, wie man es sonst allerorten findet; sondern aus
einer sehr natürlichen Auswahl der Leute, die sich immer das
Brauchbare aus ihren Ankäufen herausgesucht hatten, war ihr
zum Gebrauche nur das Abenteuerlichste geblieben, was die
Laune irgendeiner Zeit oder eines Reichen für einen besondern
Fall geschaffen hatte. Die Stühle zum Beispiel in der Dachkam-
mer waren von hölzernen Mohren getragen, über jedem ein
bunter Sonnenschirm, sie stammten aus dem Garten eines reichen
Genter Kaufmanns, der viel Geschäfte in Afrika gemacht hatte.
In der Mitte des Zimmers hing eine wunderliche gedrehte Mes-
singkrone, sie hatte sonst die aufgehobene jüdische Synagoge zu
Gent beleuchtet, jetzt steckte ein gewundenes buntes Wachslicht
zu Ehren der Mutter Gottes darauf. Der Altar war eigenlich ein
abgedankter Spieltisch, an welchem die ledernen Geldsäcke aus-
gerissen und eine gewesene Salzmäste, mit Weihwasser gefüllt,
eingesetzt war. An den Wänden hingen gewirkte Tapeten,
welche alte Turniere darstellten, die Ritter und die eisernen
Harnische hingen in Plundern herunter.
Die gute Frau Nietken, die zu ihrem Geschäft, das sich auch
gelegentlich über gestohlne Sachen ausbreitete, die sich in dem
Hause gar leicht verstecken ließen, alles Gaunervolk der Gegend
brauchte, war eine Herzensfreundin von Braka, die ihr sehr gut
nach dem Maule schwatzen konnte. Kaum hatte sie ihr letztes
Ave gebetet, so erhob sie sich im Verhältnis zu ihrem dicken
Leibe mit großer Rüstigkeit, stellte sich mit eingestemmten Ar-
men vor Braka hin und sprach: "Nun, du alte Vettel, kannst
wohl gar nicht mehr beten, hat es dir dein Herrgöttchen, der
Teufel verboten? Wann wird er dich holen? Du altes Weib
wirst ja alle Tage runzlichter. Pfui Teufel, wenn ich so aussähe
wie du, ich ginge nicht über Feld!" "Du bist schön jung",
kreischte Braka, "siehst aus wie mein alter, dicker Spitz, wenn
ich ihn frisch geschoren; die weißen Haare wachsen strichweis
aus dem roten Gesichte heraus; hast sicher heut zu viel Pfeffer-
wasser getrunken. Kannst du noch russisch tanzen, du tolles altes
Trompetergesichte?" "Heida, das geht noch!" trompetete Frau
Nietken und tanzte zu aller Erstaunen, als wollte sie die Beine
sich ausschlenkern, rutschte dann auf den Knien, klatschte an
ihr Fleisch, bis alle in ein entsetzliches Gelächter ausbrachen,
und sie schwur, daß ihr alle Knochen im Leibe zerbrochen wären,
und daß sie ein Glas spanischen Wein trinken müsse.
Nun sah sie erst beim Wein die übrigen an. Als sie Bella er-
blickte, sagte sie zu Braka: "Laß mir die, die soll mir zur Hand
gehen; was hast du für Schlechtigkeit mit der im Sinn, soll dir
die Geld verdienen?" Braka versicherte ihr mit recht ehrerbieti-
ger Stimme, dies sei ihre Herrschaft. "Wer ist denn die Kröte
da?" fragte Frau Nietken weiter und wies auf Cornelius. "Ich
bin der Feldmarschall Cornelius", antwortete der Alraun, "hab
Sie mehr Achtung gegen mich, alter Hahnenkamm!" "Nun",
fuhr sie fort, "der muß wohl Feldmarschall bei den Unter-
irdischen sein; wer aber bist denn du, alter Zeiselbär, hast ja
eine Livrei, die ich kennen sollte? Ei ja, ich hab sie dem Herren
von Floris für eine neue gebracht, die er seinem alten Bedienten
im Grabe nicht gönnte. Am Ende ist die zum Stehlen auch nicht
zu schlecht gewesen; hast du sie aus dem Grabe geholt, du siehst
darnach aus!" - Der Bärnhäuter, den sie also anredete, ohne ihr
zu antworten, reichte ihr eine derbe Maulschelle, worauf das alte
Weib sogleich ganz nüchtern wurde und fragte, was sie beföhlen.
Braka konnte ihr jetzt alles deutlich machen, was sie an guten
Kleidern und Schmuck brauchten, und da sie in aller Frühe in
ihrem besten Staatswagen nach Gent gefahren sein wollten, um
dort irgendein mietfreies Ritterhaus zu bewohnen.
Die treffliche Frau Nietken hatte es gleich weg, daß viel bei
diesem Handel zu verdienen sei; also weckte sie im Augenblicke
ihre Leute und lief treppauf treppab, um das Schönste ihnen
auszusuchen. Arme voll Kleider warf sie ins Zimmer, da wurde
ausgesucht und zwei Koffer damit gefüllt; mit Wäsche konnten
sie nur sparsamer versorgt werden, denn die Niederländer ver-
kaufen lieber ihr Kleid als ihr Hemde. Nachdem für den Anzug
gesorgt war, sprang Frau Nietken herbei mit Kohlen und einem
Brenneisen, um die Haare nach damaliger Sitte zu locken. Da
half es nicht, daß Bella ihr die natürlichen Locken ihrer Haare
zeigte, die waren ihrem feinen Geschmacke nicht gut genug; es
war dem armen Kinde wie eine Teufelsklaue, die sie gepackt,
als sie die Haare, um das heiße Eisen gewickelt, ihr heiß an die
Stirn drückte. Bellas Hinterhaare waren trotz des Abschneidens
noch lang genug zur damaligen Lockentracht. Bellas fürstliches
Ansehen hielt Frau Nietken in gewissen Schranken; auch Braka,
als sie gewaschen und frisiert war, hatte sich veredelt, sie er-
schien wie eine sehr ehrwürdige alte Hofmeisterin, denn als Mut-
ter der schönen Bella hätte man sie wohl nicht durch den An-
blick anerkennen mögen. Die Eitelkeit erwachte in Braka wie in
Bella nicht schlecht, und als sie erst ihre seidnen Kleider angezo-
gen, stolzierten beide stillschweigend vor den Spiegeln herum.
Aus dem Feldmarschall konnte Frau Nietken am wenigsten
machen. Umsonst hatte sie ihm sein grobes Haar gestutzt, er war
und blieb nach der ganzen zusammengedrückten Gesichtsform,
den hohen Schultern und der beengten Sprache ein Zwerg. "Hör,
Kleiner", sagte sie, "wenn du kein Zwerg bist, so bin ich keine
ehrliche Frau!" - "Was", sagte Cornelius, "ich bin ein Mensch,
und du nennst mich einen Zwerg? Was ist denn ein Zwerg?"
"Ich weiß es wahrhaftig nicht", sagte Frau Nietken, "aber du
kamst mir vor wie ein Zwerg; ich glaub, du könntest dich für
Geld sehen lassen!" "Das wäre mir lieb", sagte Cornelius, "viel-
leicht!" und meinte in seiner geldbringenden Natur, alles, was
mit Gelde bezahlt würde, sei auch ehrenvoll, und das sei eine
Artigkeit der guten Frau.
Am Morgen waren alle ausstaffiert, Cornelius wurde im
Schlafrock in die schöne, vergoldete Kutsche getragen, seinen
Kopf hielt die Frau von Braka, Fräulein Braka seine Beine, der
Bärnhäuter saß auf dem Bocke; so fuhren sie mit ziemlichem
Herzklopfen aus, teils von der Furcht, teils von den Kleidern
eingeklemmt, denn der neue Staat wollte keinem recht passen;
aber freilich war er auch ziemlich zusammengetrödelt und doch
so teuer, daß der Bärnhäuter über die Anwendung seines Schat-
zes heimlich geseufzt hatte. Als sie eine halbe Stunde gefahren
waren, fing Cornelius heftig an zu lachen und sagte: "Die alte
Katze meinte, daß sie uns recht geprellt hätte, ich hab sie aber
angeführt: in den alten Stiefeln, die sie mir angezogen hat, ist
ein schöner Schmuck von kostbaren Steinen eingenäht, wer weiß
es, wie sie dazu gekommen; sie hats aber nicht gewußt; trennt
einmal die Naht ganz zierlich mit diesem Messerchen auf." -
Braka machte sich darüber, schnitt die Stulpen auf und fand die
kostbarsten Diamantketten zum Halsschmuck; sie griff sich aus
Vergnügen nach alter Gewohnheit in die Haare und verdarb
sich damit ihren halben Kopfputz: "Ach, wie prächtig wird mir
der kleiden!" sagte sie und machte Anstalten, ihn um ihren
gelben Hals zu legen. Cornelius aber verlangte, daß Bella ihn
tragen sollte, und es wäre darüber vielleicht zum Streit gekom-
men, wenn die Nähe der Stadt die Aufmerksamkeit der Alten
nicht gefesselt hätte. Cornelius hing der schönen Bella die Hals-
kette ungestört um, die ihr künftig so wichtig wurde. "Seht
euch doch um, ihr Kinder", rief jetzt Braka, "euch ist es was
Neues und ihr achtet nicht darauf: seht den lieben Reichtum
rings an der Stadt, die Frachtwagen ziehen so breit, daß wir
ihnen kaum ausweichen können." Aber Cornelius und Bella
sahen nur nach den zierlichen Reitern, die ihre Pferde tummel-
ten; nach den Schafen, die von den Metzgern zur Schlachtbank
getrieben wurden; ein Wagen voll Kälber, die jämmerlich auf-
einanderliegend blökten, erschreckte Bella, so auch das Lärmen
in den Wirtshäusern der Vorstädte, wo der tägliche Erwerb
schon so früh Zank und Schlägerei erweckt hatte.
"Endlich kamen sie an die Torwache; ein Bürger trat mit der
Hellebarde heran und fragte, woher sie kämen. "Aus dem Lande
Hadeln!" antwortete Braka in der Verlegenheit, "ich bin Frau
von Braka, dies ist meine Tochter und dies mein Neffe, der Herr
von Cornelius." - "Fahr zu", rief die Schildwache, und der Kut-
scher brachte sie, während sie zitternd triumphierten, daß ihnen
von der Wache kein Einwurf gemacht worden, nach dem Hause
am Markte, das Frau Nietken zu vermieten den Auftrag hatte,
wo sie ohne alle besorgliche Ereignisse abstiegen und sich ein-
richteten.
Die ersten beiden Monate wurden darauf verwendet, ein vor-
nehmes Wesen zu erlernen; es wurden Lehrer und Lehrerinnen
angenommen, und was sich im Betragen der alten gnädigen Frau
nicht schickte, wurde immer dem Lande Hadeln zur Last gelegt,
wo das Adeln noch nicht recht tief eingedrungen sei. Bella er-
schien bald in allen ihren Sitten der feinsten Gesellschaft gleich;
sie sprach Spanisch mit Fertigkeit. So verborgen sie sich hielt,
war sie doch schon das Gespräch der jungen Leute, die alle Tage
vor dem Hause vorüberritten, um sie zu sehen und ihre Auf-
merksamkeit auf sich zu ziehen. Der Herr Cornelius befand sich
am schlechtesten bei seinem neuen Stande, die enge Kleidung
wollte ihm gar nicht behagen, und das Fechtenlernen machte ihn
zum Umsinken müde. Auf der Reitbahn konnte er es mit allem
grimmigen Gesichterschneiden durchaus nicht vermeiden, daß
nicht über ihn als über ein Wundertier gelacht wurde, die zahm-
sten Pferde wurden bei seiner ewigen Unruhe wild und warfen
ihn herunter. Er aber war nicht abzuschrecken, er stieg gleich
wieder auf, und das wiederholte sich oft zehnmal in einer
Stunde; kein andrer Mensch hätte diese Stöße aushalten können.
Glücklicher war er in seiner übrigen Ausbildung; seinen Lehrer
der Rhetorik beschämte er oft mit seiner Beredsamkeit und
ärgerte ihn mit seinen Späßen. Er konnte den meisten Leuten in
ihrer Sprache geschickt nachreden, hatte aber keine eigne Sprache;
dennoch machte ihm sein boshafter Wille, der manches Versteckte
mit ahndendem Auge auffassen konnte, eine Menge Bekannte,
die ihn in Schutz nahmen und alle Leute auf den Fuß mit ihm
setzten, daß dem Kleinen nichts übel zu nehmen sei; ihm wurde
jede Stadtgeschichte vorgetragen, und er mußte sie vermehren
und mit Einfällen spicken, so wurde sie weiter in Umlauf ge-
setzt, daß eine Art von Reibung in der Stadt entstand, die end-
lich auch den Erzherzog berührte. Der Erzherzog hatte die Nach-
richt bekommen, daß er wegen eines im Briefe an seinen Groß-
vater Ferdinand ausgelassenen Titels von ihm enterbt worden sei,
als er eben ärgerlich nach Hause kam, weil er ein tragendes Reh,
das er für einen Rehbock angesehen, geschossen hatte. Beide Er-
eignisse hatte der kleine Cornelius gleich in Verbindung gesetzt
und bat einen Pagen, er möchte dem Erzherzog raten, statt beim
Großvater lieber im Walde einen Bock zu schießen.
Der Erzherzog erfuhr die Worte, und da er leichten Blutes
war, so mußte der Edelknabe den Spötter zum Essen laden. Der
kleine Cornelius trat innerlich mit einem Beben, aber um so
frecher und unverschämter ins Zimmer; Karl war in der Blüte
seines Lebens, und sein Mitleid beschwichtigte den lächerlichen
Eindruck, den ihm der kleine stramme Kerl machte. Karl fragte
ihn über sein Land aus, der Kleine war unerschöpflich in lächer-
lichen Beschreibungen von den Bauern im Lande Hadeln, und
jedermann hätte geschworen, es sei wahr. Über das ihm reichlich
wie Zuckerwerk zugeworfene Lob stieg ihm der Mut immer
mehr in der Eitelkeit, wie ein Tauchermännlein, wenn der Druck
der großen Hand über ihm nachläßt; er fing an von seinem
Zweikampfe zu prahlen, den er zur Ehre seiner Damen gegen
zwei fremde Ritter bestanden, die er tödlich verwundet hätte,
wobei er aber selbst an der Brust durchstoßen, so daß er halbtot
nach Gent gefahren sei. Als einige nach dem Wundarzte fragten,
der ihn behandelt, und seiner Zuversicht mit zweifelndem Blick
begegneten, riß er sich die Weste auf und zeigte seine eingekerbte
Wurzelhaut, die jedermann für vernarbt ansah. Nach diesem
Hauptschlag rühmte er seine Reichtümer und seine Familie; die
Tante Braka wurde eine so altadelige herrliche Hofdame, voll
Erfahrung und Charakter, Herzensgüte, Zartgefühl und feiner
Lebensart, wie Gent noch keine aufzuweisen hätte. Bellas Schön-
heit übertraf nach seiner Beschreibung die Helena; dabei erzählte
er von ihrer Unschuld eine Menge Anekdoten, die allerdings
wahr waren, die ihm aber niemand glauben wollte, weil sie
ihre wunderliche Erziehung und Natur hatten kennen müssen.
Zuletzt gab er zu verstehen, daß er sie heiraten werde. Der Erz-
herzog bekam einen eignen Anfall von Sehnsucht nach ihr, wie
er aber schon früh sich zu verbergen wußte, so suchte er nur
durch Spott den Kleinen dahin zu bringen, daß er einmal
öffentlich mit seiner Braut erschiene, und dazu schlug er ihm die
nächste Kirmes in Buik vor, die von allen vornehmen und gerin-
gen Gentern gleich zahlreich besucht werde. Der Kleine ließ sich
fangen und gab das Haus der Frau Nietken an, wo er mit den
Seinen erscheinen wollte. Nach dieser Verabredung gingen sie
auseinander, aber der Erzherzog, der noch kein Mädchen näher
kennengelernt hatte und die meisten nicht der Mühe wert gehal-
ten, empfand ein solches unwiderstehliches Vorgefühl, daß er
auch ohne Bellas täglich herrlicher sich entfaltende Schönheit
sich wahrscheinlich in ihr unschuldiges und heimliches Wesen
verliebt hätte. Er sprach mit Cenrio, der sein Vertrauen durch
Aufopferung seiner Pflicht oft schon bei unbedeutenderem Anlaß
erkauft hatte, wie sie der strengen Aufsicht des Adrian von
Utrecht, des Oberhofmeisters, entgehen könnten. Cenrio ver-
sprach, ein altes Buch mit einem falschen Titel einzurichten, daß
Adrian glauben könne, es sei ein ihm unbekannter Anhang zu
den Sentenzen des Petrus Lombardus, über die er einen Kom-
mentar schrieb; das solle bei Frau Nietken zum Verkauf lie-
gen, und so werde er sich gleich darüber machen, es zu durch-
laufen, und ließe sie laufen, wohin ihr Lusten sie treibe. Der
Erzherzog war des Vorschlags sehr froh. Nichts schmeichelte
einem jungen Fürsten mehr, als in der Befriedigung seiner Lei-
denschaft die Klugheit lächerlich zu machen, und nichts verdirbt
schneller.
Als die Begeisterung des Wurzelmännchens über alle Ehre, die
er beim Erzherzog genossen, etwas nachgelassen mit dem Wein-
dunste, der seinen kleinen Kopf eingenommen hatte, so gingen
ihm alle einzelnen Reden hindurch, die er mit ihm geführt, daß
er sich als Bräutigam ausgegeben, daß er Bella auf der Kirmes
ihm zeigen wollte. In eitlem Vergnügen rieb er sich die Hände
und konnte sich nicht enthalten, alles dem alten Bärnhäuter zu
sagen, der wie alle Bedienten klug genug war, so dumm er in
seinem Dienste sein mochte, seinem Herren den Kutzen zu strei-
chen, aus welchem ihm schon manches Trinkgeld gefallen. Dies
vollendete, wozu der Kleine aus Nachahmerei seiner Bekannten
schon vorgereift, eine feste Überzeugung in ihm, er sei in Bella
verliebt, und bei der vielen Zärtlichkeit, die sie aus einer Art
mütterlichen Gefühls ihm bezeugte, glaubte er in ihr ein gleiches
Gefühl voraussetzen zu dürfen und hielt seinen Vorteil für so
gewiß, daß er nicht einmal die ahndenden Augen auf sie zu wer-
fen nötig fand, um zu unterscheiden, wie sich alles in ihr ver-
wandelt hatte, wie sie nicht bloß mit ihren Augen die Frühlings-
sonne, sondern auch mit ihrem Herzen die Liebe gesucht habe.
Er kannte nicht die Macht des Frühlings, der aus dem Himmel
in alle Fenster ruft: "Ihr Mädchen, schaut euch um nach einem,
der mir gleicht!"
Auch Bella hatte die Frühlingsstimme gehört und lief unzäh-
ligemal von ihrer Arbeit ans Fenster, und so kam es, daß seit ein
paar Tagen mit ihr eine so gerechte und natürliche Veränderung
vorgegangen war. Sie hatte in der Abwesenheit des Kleinen, der
die Zimmer nach der Straße bewohnte, einmal gerade zu der
Stunde durch die Teppiche der dichtverhängten Fenster nur mit
einem Auge gesehen, als der Erzherzog mit seinem Gefolge vor-
beiritt; aber ein Schlag, mächtig wie jener, der sie auf dem Gal-
genberge betäubte, doch ohne jenes Schrecken, hatte ihre Er-
innerung aufgeklärt, und wie das goldne Vlies an einer starken,
unauflöslichen Kette um seinen Hals hing, so war sie an seinen
Blicken hängengeblieben, das sanfte, liebe Lamm, mit ganzer See-
le; und alles, was sie vor dem Zauberschlage am Galgenberge in
ihrer Seele für ihn gefühlt hatte, das war in der Einwirkung seiner
hellen Augen ihr wieder ganz gegenwärtig geworden. Ja, als er
vorbei war, schlug sie die Hände über den Kopf zusammen und
weinte so heftig, weil ihr alles verhaßt war, was sie erlebt, was
sie umgab, daß Braka herbeieilte und lange kein Wort ihr ent-
locken konnte und endlich selbst mit ihrem Troste in ein geselli-
ges Heulen ausartete. Bella mußte sich einem in der Welt ver-
trauen, sie bekannte ihr endlich, wer ihr wieder erschienen, wie
verhaßt ihr nun dieses Lernen im Stadtleben sei, wie froh sie
jetzt im kleinen Hause vor der Stadt an den Bodenfenstern Früh-
ling und Sommer in Nähe und Ferne überschauen könne, der jetzt
kaum in einzelnen Baumspitzen und abgebrochenen Blumen-
sträußen zu ihnen dringe. "Mutter", seufzte sie, "wie möchte ich
still ungestört in einsamen Nächten durch die Fluren schauen und
beten." Als Braka das gehört, schlug sie lustig in beide Hände
und sprach: "Sieh, verstehst du nun, was ich dir im Garten sagte,
ehe wir nach Buik gingen? Nun, wenns weiter nichts ist, da will
ich dir schon Mittel schaffen, die dir besser helfen als Seufzen
und Beten. Du sollst ihn haben, du mußt ihn haben, denn sieh,
liebes Kind, das ist schon lange mein versteckter Plan mit dir, den
auch die Oberhäupter unsres Volks billigen. Du mußt von die-
sem künftigen Erben der halben Welt ein Kind bekommen, das
durch die Liebe seines mächtigen Vaters den zerstreuten Über-
bleib deines Volkes in Europa sammelt und in die heiligen Wohn-
plätze unseres Ägypterlandes zurückführt. Also weine nicht, das
macht dir die Augen trübe, ich will ja nichts andres, als was dir
lieb ist." "Aber wie soll ich von ihm ein Kind kriegen?" fragte
Bella. "Wird er es mir gleich ohne Umstände aus dem Brunnen
holen, von dem mir der Vater erzählte, wo eines immer muß die
Leiter halten, während das andre heruntersteigt?" "Liebes Kind",
sagte Braka mit verschmitzter Bosheit, "wenn du mit ihm allein
bist, mußt du ihn recht dringend darum bitten; wenn er gerade
in recht gnädiger Stimmung, so gewährt er es dir vielleicht im
Augenblicke, und du wirst immer stark genug sein, ihm dabei die
Leiter zu halten!" "Ach, mein Karl ist gewiß gut, das sagte mir
sein Auge, seine Stirn, als er im Vorbeireiten das Barett vor
einem alten einbeinigen Kriegsknecht abnahm, er tuts mir gewiß
zu Gefallen", rief Bella; "wir wollen es ihm durch den Kleinen
sagen lassen." - "Um unsrer lieben Jungfrau harte Haut am
Fuße bitte ich dich", sprach Braka und hielt ihr den Mund, "sage
dem kein Wort, denn sieh, der würde es dir in seiner Bosheit
nicht vergeben, daß du dich bisher stelltest, als sei er dein Schatz."
"Mein Schatz, nein, das war er nie" , sagte Bella, "aber er war
mir bis zu dieser Stunde lieb; jetzt wollte ich, wir hätten ihn oben
stehen lassen beim Meerrettich, er scheint mir jetzt recht un-
menschlich, ich weiß nicht, warum?" "Nun, Kind", fuhr Braka
fort, "darin kann ich dir nicht unrecht geben; ich hab mich lange
gewundert, wie du so schmeichelnd zuweilen den garstigen Knie-
hoch auf deinen Knien reiten ließest, während er dir alles ge-
brannte Herzeleid antat, deine Zeichenbücher zu Papierknallen
zerriß, Suppe auf deine Kleider schüttete. Aber sei klug, folge
mir, laß dir nichts merken, wenn ich ihm die verfluchten Augen
hinten einmal packen kann, reiß ich sie ihm aus, daß er das nicht
entdeckt. Er muß uns Geld und Gelegenheit schaffen, daß wir
den Erzherzog sehen; schmeichle ihm recht, daß du ihn liebst."
"Aber ist das nicht unrecht?" fragte Bella. "Wie dumm", rief
Braka, "wenn es ein Mensch wäre, ei nun, aber eine alte Wurzel,
was kann man da für Unrecht tun, eine andre wird mir nichts,
dir nichts klein geschnitten und gekocht; Ehre genug für diese,
daß wir mit ihr wie mit einer Puppe zuweilen umgehen. Nun
weiß ich wohl, es wird uns nicht leicht werden, seiner loszuwer-
den, aber da hab ich mein Plänchen mit dem Bärnhäuter, der ist
des Dienens zum Verzweifeln satt und müde und möchte sich
gern wieder zu Grabe legen, der mag ihn mit dem Schatze neh-
men. Hat dich der Erzherzog lieb, so brauchen wir keine solche
Schätze, der wird uns nicht Hungers sterben lassen." -
Bella, in ihrer Ungeduld nach dem Erzherzoge, ging alles ein,
sie wollte sich gegen den Kleinen zärtlich stellen, und sie hatte
in den nächsten Tagen schon Gelegenheit dazu, als er von dem
Erzherzoge heimgekehrt war und ihr zum erstenmal von der
Zukunft redete, wie sie sich in Gent vermählen und niederlassen
wollten. Braka war gegenwärtig und fragte ihn listig, wie es
denn mit seinem Kriegshandwerk jetzt stehe, ob er bald General
oder Korporal sein würde? Er lächelte selbstzufrieden und gab
zu verstehen: seine Anstellung sei ziemlich unfehlbar, er ver-
möchte alles über den Erzherzog; dann erzählte er ihnen, wie
er mit diesem eine Zusammenkunft in Buik zur Kirmes verab-
redet hätte, sie möchten sich doch bei Frau Nietken einige artige
Zimmer bestellen. Braka war heimlich erfreut, wandte aber
scheinbar ein, daß die Frau sie kenne und sie verraten möchte,
doch freilich sei dies in Gent ebenso möglich, und mit Geld ließe
sie sich leicht in ihr Interesse ziehen. Die Lustfahrt wurde also
beschlossen und gleich die Schneiderinnen zu einem rechten Fest-
staate in Bewegung gesetzt; es entstand ein Geschicke nach allen
Seiten, daß selbst der arme Bärnhäuter, trotz seiner kalten Lei-
chennatur, schwitzen mußte. Dieser gute Kerl tat wirklich alles,
was man nur von einem lebenden Menschen erwarten konnte,
dabei aß er aber so gewaltig, daß seine irdische Natur ein frisches
Leben gewann und er sich immer mehr überzeugte, er werde sie
nicht mehr so geruhig zu Grabe bringen, wie sie sonst darin ge-
legen, auch erhob sich zuweilen ein solcher Streit zwischen dem
lebenden und verstorbenen Körper in ihm, daß es ihm über der
ganzen Haut zuckte und juckte. Ebensolcher Zwiespalt war in
seiner Meinung von der Herrschaft: sein verstorbener Leib rech-
nete sich zu Herren Cornelius, sein neulebender war ganz der
Frau Braka und der schönen Bella ergeben und achtete den
Herren nicht mehr als einen Glückspilz. Wie nun die eine oder
die andre dieser Seiten hervortritt, werden wir ihn bald für den
einen, bald für den andern tätig sehen; doch verriet er keinen
dem andern.
Alles war endlich zur Fahrt bereit. Der Wagen hatte dreifach
bezahlt werden müssen, solch eine Menge Leute, die sonst im
stillen Gewerbe lebten, hatten diesen Tag zum Auslüften sich
erwählt. Da traten so viele verlegne Kleider ans Licht, da lärm-
ten die Kinder so früh im Hause; aber nur die wenigsten konn-
ten sich der Bequemlichkeit eines Wagens erfreuen, die meisten
mußten sich in langen Reihen einen Weg durch das Korn drän-
gen, um nicht im Staube des Fuhrweges zu ersticken; doch zogen
andre diesen vor, weil viele die reichen, geputzten Kaufleute
und den Adel nicht früh genug zu sehen meinten, wenn sie dort
alle versammelt wären, sondern sie einzeln auf dem Wege dahin
zu mustern wünschten. Insbesondere war aber die Schaulust
durch die allgemein verbreitete Nachricht gespannt worden, daß
selbst der Erzherzog im großen Staate des Vliesordens mit allen
seinen Edelknaben und allen Rittern die Lustbarkeit der Buike
Kirmes mit seiner Gegenwart beehren werde, eine Herablassung
die ohne Beispiel war und die Vorsteher des Orts zu der gewal-
tigsten Anstrengung an Reden und Ordnungsgesetzen, Ehren-
pforten und Blumenopfern begeistert hatte. Von einem sicht-
baren Punkte zum andern waren Bauern mit Fahnen ausgestellt,
durch deren Wink der Ausritt des Erzherzogs kundgetan wer-
den konnte; bei jeder Fahne hatte sich ein Haufe Wanderer ge-
sammelt. Dieser Prinz, der weniger mit dem Feste als mit seiner
Liebe beschäftigt sein wollte, täuschte aber die allgemeine Neu-
gierde, indem er sich ganz einsam mit Cenrio und Adrian in
einer bedeckten Gondel einschiffte, um unmittelbar am Hause
der Frau Nietken, wo Cenrio ihnen Zimmer bestellt hatte, ab-
zutreten. Unterwegs nahm er zum erstenmal einigen willigen
Unterricht in der Dialektik bei Adrian, dem es eine Freude war,
als der Prinz den Schluß erfunden hatte: "Alle junge Männer
sind verliebt, Cajus ist ein junger Mann, also ist Cajus verliebt."
Der genannte Cajus war aber unser Erzherzog selbst, der dabei
heimlich mit Cenrio lachte. Der Erzherzog war in den bloßen
Gedanken an die schöne Unbekannte, die er an dem Tage sehen
sollte, so verliebt, daß es ihm wie eine Überfahrt auf dem lang-
samen Styx zu einem neuen Leben schien, wo alles freier, wun-
derbarer, lieblicher und schrecklicher ihm erscheinen sollte. Adri-
an dachte heimlich an das Buch des Petrus Lombardus, wovon
ihm Cenrio erzählt, daß er es bei einer Trödlerin gesehen, Cen-
rio an die künftige Gunst, die seiner warte, wenn der Erzherzog
zur Regierung gekommen.
In solchen Gedanken landeten sie im Hofe von Frau Nietken,
die, ungeachtet sie von Cenrio wohl unterrichtet war, doch sich
stellte, als kennte sie ihre hohen Gäste nicht, und es bedauerte,
daß ein paar Familien aus Gent ihr Haus in Beschlag genom-
men hätten. Adrian fragte, ob sie nicht in der Bibliothek unter-
kommen könnten, aber Frau Nietken lachte, daß ihr der Kader
schwoll, sie hätte nur ein paar alte, wurmstichige Schwarten, die
lägen in einer Bodenkammer, wo sich knapp ein Mensch um-
drehen könnte. Adrian ließ nicht nach, bis sie dahin geführt
wurden; erst dort sagte er ihr, daß ihrem Hause die Gnade ge-
worden sei, den Erzherzog zu beherbergen, die Familien aus
Gent würden wohl aus Achtung gegen ihn ein paar Zimmer nach
der Straße frei machen. Das dicke Weib schien beinahe in die
Knie zu fallen aus Verwunderung und Demut, küßte die Zipfel
der erzherzoglichen Feldbinde und eilte in das Zimmer der Frau
von Braka, um ihr anzuzeigen, daß der Erzherzog gekommen,
daß sie ihm die benachbarten Zimmer einräumen und die Türen
offen lassen wolle.
Der Kleine war in der Zwischenzeit mit dem Bärnhäuter schon
auf den Jubelplatz in der Mitte des Orts gegangen, um den Erz-
herzog zu erwarten, von dem er sich recht viel Ehre versprach.
Zu seinem Leid mußte er dessen Abwesenheit von Edelknaben
des Prinzen erfahren, die vor dem Rathause, dessen prachtvoller
alter Bau mit großen Fenstern und Türmen der einzige Rest
von der ehemaligen Größe des Ortes war, alle Reden der Ge-
meindevorsteher, die auf den Prinzen berechnet waren, abhör-
ten. Er wollte gleich nach Hause, um die fehlgeschlagene Erwar-
tung mit dem Prinzen seinen Frauen anzukündigen; aber ein
paar Vertraute Cenrios, die ihn auch kannten, nahmen ihn bei-
seite und sprachen ihm vor, warum er sich jetzt keine ansehnliche
Stelle unter dem neuerrichteten Fähnlein vom Prinzen erbitte,
den er so gut kenne und der ihm so gewogen. Der Kleine wurde
ganz heiß vor eitler Lust bei diesem erwünschten Vortrage, der
seinen Lieblingsgedanken zutage förderte, er ließ sich wohlge-
fällig mit den beiden in ein Gespräch ein, und als sie ihn auf ein
Glas Wein in ein nahgelegenes Haus nötigten, schickte er den
treuen Bärnhäuter an seine Frauen mit der Nachricht zurück,
daß sie den Erzherzog nicht unnütz erwarten möchten, er sei
ausgeblieben, einige wichtige Geschäfte hielten ihn mit Edelleu-
ten des Hofes zurück, nachher wollte er ihnen die Zeit vertrei-
ben. Die Zeit verging dem Kleinen sehr schnell, denn außer den
schmeichelnden Freunden und dem guten Weine wirkte auf ihn
der Rausch einer unendlichen Volksmenge, die sich mit Leib und
Seele diesen drei lustigen Tagen aufopfern wollte und deswegen
auch nicht die kleinste Zeit in dem angefangenen Werke zu ver-
lieren strebte. Welche Vorräte an Fleisch, Kuchen und Brot wur-
den da teils von den Ankommenden ausgepackt, teils aus den
Wirtshäusern geholt; es war ein Frühstück, wie sonst ein erstes
Mittagsbrot nach den Fasten, und sicher wäre den Heißhungri-
gen mancher der ungeheuren Bissen im Halse steckengeblieben,
wenn sie nicht eine künstliche Schleuseneinrichtung mit Wein
und Bier gemacht hätten, wodurch alles glücklich an seinen Ort
hinuntergeschwemmt wurde. Die Niederländer verstehen so
etwas vortrefflich, und die Städter waren in dieser Zeit so über-
mächtig reich durch Handel und Wandel mit aller Welt, daß
ihnen alles inländische, unmittelbare Landeserzeugnis fast un-
bedeutend wenig kostete. Einem Reichen war es eine Kleinigkeit,
Tausende durch Wohltaten zu sättigen, darum gab es eigentlich
keine Notleidende in den Städten und nur Bettler, die in dem
müßigen Leben ihre Freude fanden. Aber auch diese entzogen
sich zu solchen öffentlichen Festen ihren Lumpen und trieben als
Schauspieler in Königstracht ihren Mutwillen vor der Welt,
deren Mitleid sie sonst anflehten. Einige Fässer, die mit Brettern
überlegt waren, dienten ihnen zum Theater; ein Platzknecht, ein
langes, ausgestopftes Kissen an der Peitsche, hieb auf die Kinder,
die in ihrer Neugierde an das Theater heranklettern wollten;
zugleich hatte er eine Schellenkappe mit Eselsohren auf dem
Kopfe, sprach als Narr im Stücke und mit den Zuschauern. Un-
ser Kleiner war ganz entzückt von dem Schauspiele. Die Ge-
schichte des Menschen, der, von seiner Frau in einen Hund ver-
wandelt, soviel vergebliche Versuche macht, sich den Leuten als
ein vernünftiger Mensch zu beweisen, zog ihn so an, daß er so
nahe kletterte, bis ihm der Platzknecht einen derben Schlag über
den Rücken zog. Unser Kleiner glaubte sich vor den Augen aller
Welt grimmig beschimpft, er zog seinen Degen und ging gegen
den Schalksnarren an, der sich sehr lächerlich mit seiner ausge-
stopften Wurst gegen ihn verteidigte; alles schrie vor Vergnü-
gen. Viele, weil sie den Spaß zwischen dem kleinen und dem
großen Manne für eine verabredete Posse hielten, munterten
beide auf; die Kinder kletterten auf die Schultern der Erwach-
senen, andre stiegen auf Tische und auf die eisernen Stangen
zwischen den Bogen des Rathauses, auf die Bäume, woran sie
wie seltsame Früchte hingen. Die beiden Edelleute sahen diesem
Ritterzug ihres Schutzempfohlenen eine Zeitlang mit ungemei-
ner Freude zu, als er aber dem Narren ein kleines Loch in die
Wade mit seinem Degen gestochen, da fürchteten sie für ihn,
denn die Zuhörer waren mit dieser Störung gar nicht mehr zu-
frieden, und ein Bauer sprach schon davon, ihm Nase und Ohren
abschneiden zu wollen. Sie griffen ihn deswegen, steckten ihn
unter ihre Mäntel und trugen ihn, so heftig er sich sträuben
mochte, in das erste beste Haus, was sich ihnen öffnete. Der
Zufall wollte, daß es das Haus der guten Frau Nietken war, die
wegen einer Zahl feiler Stadtjungfern, die ein paar Zimmer ge-
mietet hatten, diese Türe stets offen lassen mußte, damit die
Menschen so unbemerkt wie möglich einschlüpfen konnten. Welch
eine Freude dieser Jungfern über die beiden schönen Edelleute
und über den kleinen Zwerg, denn so nannten sie ihn, bis er grim-
mig auf sie einging und sich als einen jungen Offizier ihnen kund-
gab. Es gab tausend Spaß mit ihm, wir wollen ihn nicht wieder-
holen; aber der Mutwille der Edelleute, die Frechheit der Weiber
und der Hochmut des Kleinen trieben sich wie Kreisel und Peit-
sche, und wurde der Kleine ungeduldig und wollte ausreißen, da
schrien ein paar, als stände der Narr mit den Bauern noch vor
der Türe und wollte ihm die Ohren abschneiden. -
Wie benutzten diese Zeit die Verliebten? Der Erzherzog hatte
kaum sein Zimmer betreten, so horchte er an der Türe und
merkte, daß die beiden Frauen im Nebenzimmer wären; er bat
Cenrio, ihm einen Bohrer zu verschaffen. Dieser holte in aller
Eile den Anbrechbohrer eines Weinküfers, der im Hofe ein Ohm-
faß abgezogen hatte: das ging vortrefflich; ganz leise konnte er
durch die Türe dringen, bis der erste feine Punkt der Spitze hin-
durch sah, während sein Auge sich in die breite Höhlung einle-
gen konnte. Schade wars, daß die Mühe unnütz, denn die Türe
war seinetwegen offen gelassen. Wie pochte sein Herz, und er
wußte doch nichts davon, als er nun zum erstenmal hindurch-
blickte, und wie fuhr er zurück und fühlte sich an den Kopf, als
ihm das verschönerte Bild desselben Geistes, der ihn damals im
Landhause geneckt hatte, vorüberschwebte. "Cenrio", sagte er,
"wir sind in den Händen von wunderbaren Geistern, wir glaub-
ten mit ihnen zu spielen und sie spielen mit uns; ich möchte flie-
hen, aber ich kann nicht, sie ist zu schön!" Cenrio war verwirrt.
"Es ist derselbe Geist, der mich schon damals im Anfange des
Winters im Landhause verjagte, aber er ist menschlich gewach-
sen, und ich widerstehe ihm nicht mehr; schaff Rat, wie ich sie
sprechen kann, ich könnte ihr jetzt alles sagen." "Ich hab es wohl
gedacht", sprach Cenrio, "zum Glück können wir frei schalten
mit der Zeit; Adrian sitzt eben in der hitzigsten Arbeit, um zu
beweisen, daß der von mir geschmiedete Anhang zum Lombar-
dus nicht echt sei; zum Überfluß habe ich noch die Türe seines
Vorzimmers zugeschlossen, so daß er uns nicht überraschen kann.
Nun will ich Euch, mein Prinz, meinen Vorschlag sagen: das jun-
ge Mädchen leidet an Kopfweh, Ihr müßt den Arzt vorstellen,
so seid Ihr allein bei ihr, und die Worte werden sich im Pulsfüh-
len schon finden."
Wirklich war Bella durch die Vorbereitungen zur Fahrt, durch
die schlaflose Nacht und die Hitze unwohl geworden, und Frau
Nietken hatte eigentlich diese Erfindung gemacht, die beiden
Sehnsüchtigen zusammenzubringen. Der Erzherzog hatte sehr
bald einen großen, schwarzen Doktormantel und darüber Ader-
laßkram, Pflasterzeug und Klistierspritze gehängt, so trat er
zagend in das Zimmer, von Frau Nietken geführt, die ihn für
einen spanischen Doktor ausgab. Bella erkannte ihn beim ersten
Blicke, und Neigung und Beschämung drückten sie ebenso nieder,
wie Braka die Einwirkung der fürstlichen Gegenwart; jene ver-
barg ihr Angesicht im Schleier, diese schlüpfte mit einer tiefen
Verbeugung in ein Nebenzimmer. Die beiden Liebenden waren
nun allein, und alles konnte sich schnell und glücklich erklären
und entscheiden; der Erzherzog, welcher aber mit keinem Mäd-
chen vertraulich geworden, brachte kein andres Wort als "Puls-
fühlen" heraus, "Pulsfühlen" wiederholte er, "Pulsfühlen" sagte
er zum drittenmal. Bella reichte ihm den weißen, runden Arm,
er fühlte an einer Fingerspitze, dann spielte er mit dieser, wollte
wieder etwas sagen, wahrscheinlich von der Erscheinung in dem
Landhause, brachte aber nichts heraus, als: "Geist, Geist gese-
hen"; dabei schob er ihr einen Ring an den Finger, welches wir
als den Triumph seiner Überlegung ansehen müssen. Hier endete
sein ruhiges Glück, denn mit großem Gepolter brach der ver-
fluchte kleine Wurzelmann, der sich bei den Mädchen bespitzt
hatte und der Aufsicht der Offiziere entflohen war, ins Zimmer,
sprach verwirrt von seinem künftigen Regiment und erkannte
nicht Bella, die auf dem Sofa lag. Der Erzherzog bekam aber im
Augenblicke seine ganze Fassung wieder, er bat ihn, daß er eine
Kranke nicht stören möchte, insbesondre da sein Aussehen ver-
riete, er werde nicht lange mehr zu den Lebendigen gehören.
Der Kleine stutzte, die Edelleute traten herein und bestätigten
ihm, er sei sehr verändert und müsse wohl von der Pest ange-
steckt sein, weil er sich heute unter so mancherlei Leuten umher-
getrieben habe. Bei dieser Vermutung wurde er ganz hinfällig,
die Kraft des Weines und seine Beine wollten ihn nicht mehr hal-
ten; der Erzherzog warf ihm geschickt ein großes Pflaster, das
er in seinem Doktorapparate fand, über das Gesicht; der Kleine
behauptete, ihm werde ganz dunkel vor den Augen. Die Edel-
leute versprachen ihm in geheucheltem Mitleiden, ihn nach Hause
zu tragen, denn bis jetzt hatte er weder das Zimmer noch seine
Geliebte erkannt, und schleppten ihn wirklich aus dem Zimmer.
Braka war in der Zeit auf die Folter gespannt gewesen. Die
Liebe des Erzherzogs hatte sich noch nicht erklärt und seine
Freigebigkeit war nicht so weltkundig; im Gegenteil hatte sie
von Frau Nietken erfahren, daß er etwas im Rufe der Knause-
rei stehe; der Alraun dagegen konnte so viel Schätze entdecken,
als irgend in der Welt verborgen wären, er kümmerte sich durch-
aus nicht, wie das Geld verwendet würde, solange es ihm selbst
nicht fehlte.Störten die beiden Liebhaber einander gegenseitig, so
entgingen ihr vielleicht alle Hoffnungen für die Bequemlichkeit
künftigen Lebens, und die großen Absichten für ihr Volk wurden
auch nicht erfüllt.
Der Erzherzog war jetzt wieder allein mit Bella, er hatte mehr Mut
gewonnen, sie aber war besorgt und erzürnt, wie es ihrem kleinen
gehen möchte; sie äußerte das, und er nahm es nicht ohne eine
kleine Eifersucht auf. Er fragte mit einem gewissen Stolze, ob es ihr
Bräutigam wirklich sei, und verlor in Erwartung ihrer zögerlichen
Antwort so gänzlich alle Haltung, daß er seine vorgebliche Doktor-
rolle aufgab und sich ihr als Erzherzog darstellte. Sie konnte sich
zu wenig verstellen, um sich darüber zu verwundern,und so waren
sie miteinander in einem solchen Vertrauen, ehe sie einander etwas
vertraut hatten. Endlich sagte Bella, daß die Vermählung mit ihrem
Vetter nur ihrer Mutter, nicht ihr Wille sei. Der Erzherzog be-
schwor sie jetzt, dem Willen ihrer Mutter nicht so gänzlich nach-
zugehen, daß sie Lebensglück und Schönheit der Trauer einer
unglücklichen Verbindung hingebe; von seiner Liebe schwieg er.
Bella stotterte, wie es ihr vorgeschrieben war, daß ihr Vermögen
ganz in der Gewalt dieses reichen Vetters sei, daß sie dem Wun-
sche ihrer Verwandten sich ergeben müsse, insbesondre da sie nie-
mand in der Welt kenne, der sie gegen den Zwang schützen möch-
te. Der Erzherzog versicherte ihr jetzt, daß jede Kränkung, die sie
erfahren würde, unerbittlich von ihm bestraft und gerächt wer-
den sollte. Diese Worte führten eine Liebeserklärung herbei, die
nicht nur die beiden Verklärten, sondern auch die horchende Bra-
ka von einer schweren Last befreite. Wie schwer fiel es aber
plötzlich auf das Herz der Alten, als Bella, die von der Liebe zum
Erzherzog durchdrungen jede Falschheit verfluchte, ihm zu Fü-
ßen fiel und ihn bei seiner Liebe beschwor, sie nicht zu verachten,
wenn sie ihn betrogen, sie sei nicht, wofür sie sich ausgegeben,
die Tochter ihrer Begleiterin, sie sei die Tochter - hier erstickte
die Stimme in einem Tränenstrom. Einer der Edelleute, die den
Kleinen begleitet hatten, trat herein und meldete dem Erzher-
zog, er möchte sich in sein Zimmer zurückziehen, der Kleine lasse
sich nicht mehr halten; sie führten ihn durch Umwege in dasselbe
Haus zurück, woraus sie ihn fortgeführt; er halte sich für tod-
krank. Der Erzherzog sprang fort, entrüstet, in seiner ersten
Neigung betrogen zu sein. Bella ging in das Nebenzimmer, weil
es in ihrem Gemüte noch von den Blättern nachregnete, nachdem
der erste Gewitterschauer verzogen.
Der Kleine ließ sich die Treppe vom Bärnhäuter hinauftragen,
der ängstlich nach der gnädigen Frau rief, weil er das Ende sei-
nes guten Dienstes fürchtete. Als Braka kam, rief der Kleine ihr
mit schwacher Stimme entgegen, er sei von der Pest so schwach,
daß er auf seinen Füßen nicht mehr zu stehen vermöge, alles
gehe mit ihm herum, er sehe gar nichts mehr und seinen Gedan-
ken hinke er mit der Zunge so weit nach, daß er es fast aus den
Augen verloren, was er eben sagen wolle. Braka stellte sich sehr
mitleidig und erschrocken; Bella hatte bei seiner sichtbaren
Blässe einiges Bedauern. - "Ach", seufzte der Kleine, "wenn ich
nur den Doktor festgehalten hätte, der mir die Pest gleich ange-
sehen, vielleicht weiß er auch ein Mittel dagegen." "0", sprach
Braka, "die Pest habe ich oft schon kuriert, ich lege ein Kraut in
lauwarmes Wasser und davon trinkst du alle fünf Minuten eine
Tasse, so wird alles glücklich vorübergehen." "Schnell, schnell",
sprach er und versank in einen dumpfen Rausch, währenddessen
ihn der Bärnhäuter auszog und auf den Sofa legte, mit Decken
wohl verhüllt. Braka flößte ihm von Zeit zu Zeit eine Tasse
heißes Fenchelwasser ein, wie die kleinen Kinder zu bekommen
pflegen. Entsetzliche Übelkeiten erweckten ihn, endlich erleich-
terte sich die Natur von dem Überflusse des Weines, womit die
Ehre des Zutrinkens sie überfüllt hatte; schluchzend und stöh-
nend sprach er: "Wo mag der Doktor jetzt sein, den ich im
anderen Hause sah, wäre der Mann nur zu finden, er könnte
mir wohl noch helfen, ich habe so ein Zutrauen zu ihm, da er
mir die Krankheit gleich angesehen; macht doch die Türe auf",
fuhr er fort, "es wird hier so heiß." "Die Türe ist verschlossen",
sagte Bella, "der Erzherzog ist dort eingezogen." - "Der Erzher-
zog!" bei diesen Worten sprang der Kleine, wie er war, aus dem
Bette, konnte sich aber taumelnd nicht halten, sondern sank in
das Waschbecken - "der Erzherzog ist hier, und ich kann ihn
nicht um meine Hauptmannsstelle ansprechen, ich versäume
mein ganzes Glück, wenn ich sterbe." - Der Bärnhäuter rollte
ihn wieder ins Bette, aber der Kleine weinte bitterlich und jam-
merte nach dem Arzte, den er unterweges gesehen. Braka ent-
schloß sich endlich, indem sie ihm versprach, alle Sorgfalt anzu-
wenden, den Mann zu entdecken, zu Frau Nietken zu gehen und
durch diese den Prinzen noch einmal als Arzt kommen zu lassen.
Der Erzherzog zog aber sein Messer gegen diese Frau und befahl
ihr mit drohender Stimme ihm zu sagen, was sie von den Frem-
den wüßte, die vielleicht von einem Feinde seines Hauses zu
seinem Verderben gesendet wären. Frau Nietken ließ ohne
Rückhalt alle Geheimnisse von sich gehen; sie sagte, daß Braka
eine alte Zigeunerin sei, die sie lange gekannt, daß diese in einer
Nacht mit der schönen Bella und dem Kleinen zu ihr gekommen
und sich nach Gent habe fahren lassen, wo sie bekanntlich viel
Geld ausgegeben. Ihr Kind sei Bella gewiß nicht, dafür wolle sie
stehen, ob aber das Mädchen aus einem hohen Hause, dafür
wolle sie nicht einstehen; doch sei es so ihre Philosophie. Geraubt
sei das Mädchen aber nicht, denn sie habe mit der Alten zu-
gleich befehlend und doch mit Liebe gesprochen, unter sich in
einer fremden Sprache, die sie für Französisch gehalten. - Dies
verwandelte die ganze Ansicht des Prinzen, erst glaubte er sich
in der Falle einer Buhlerin, jetzt meinte er ernstlich, daß es die
französische Prinzeß sein könnte, deren Heirat mit ihm von dem
französischen Hofe gegen den Willen seines Großvaters betrie-
ben wurde. Es ist bekannt, daß sein späteres politisches Talent
in seinen früheren Jahren, die sich ganz zur körperlichen Aus-
bildung hinneigten, wenig durchschien, er hielt so manches für
möglich, was ein andrer bezweifelt hätte, und Cenrio war eben
mit Adrian zu beschäftigt, um ihm zu raten; er nahm also die
Bitte, als Arzt wieder zu erscheinen, mit einer gewissen Ehr-
furcht an, welche die zitternde Frau Nietken sehr überraschte.
Er machte sich jetzt durch einige Züge mit Kohle in den Augen-
brauen und vor der Stirn unkenntlicher und ließ sich in das
Krankenzimmer führen. Der Kleine war entzückt, ihn zu hören;
der Erzherzog befragte ihn sehr ernstlich nach allen Kenn-
zeichen. Der Kleine erzählte von dem wüsten Kopfschmerz, von
der Üblichkeit, vom Aufstoßen, von der gänzlichen Dunkelheit
seiner Augen, und wie er über sein ganzes Gesicht einen Aus-
schlag spüre (seine Augen im Nacken hervorzubringen, schämte
er sich vor den Leuten, auch hatte er sich ihrer in der guten Ge-
sellschaft längst entwöhnt); endlich sagte er, daß er sein ganzes
Glück versäume, wenn er nicht bald hergestellt wäre, weil der
Erzherzog im Nebenzimmer seinetwegen angekommen sei und
die Stellen im neuen Fähnlein wahrscheinlich in diesen Tagen
vergebe: - "Ach, lieber Herr Doktor", rief er in seiner militä-
rischen Begeisterung, "wenn ich so wegstürbe, hätte mich die
Welt nie in dem Glanze und der Herrlichkeit gekannt, wozu
meine Abstammung und mein Mut mich berechtigen; oft kommt
es mir vor, als wenn böse Zauberer der wahren Verwandlung
meines Lebens entgegenstreben." - Der Erzherzog hörte ihn ge-
duldig an und konnte sich das alles wiederum nicht mit der
fremden Prinzessin reimen, es sei denn, daß er ein von der
alten Fee verzauberter Prinz sei, wie damals die Geschichten in
spanischen Romanen häufig umliefen. Dieser Gedanke, zusam-
mengehalten mit der Erscheinung im Landhause, setzte ihn in
ein gewisses Staunen, was ihn leicht hätte verraten können, wenn
der Kleine nicht allzu berauscht gewesen wäre und seine ahnden-
den Augen hätte brauchen dürfen. Endlich faßte doch der Erz-
herzog einen Entschluß, sagte ihm, das Mittel der gnädigen
Frau sei wohlerdacht, er müsse sich jetzt ganz mit Decken über-
spannen und einwickeln lassen, um in einer recht gewaltsamen
Dünstung den Kern des Übels auszutreiben. Vergebens seufzte
der Kleine, er erschreckte vor sich selbst, als wenn er einen glühen-
den Ofen anfasse; Braka warf ihm mit beredter Zunge eine
Decke nach der andern über, band sie zusammen und entfernte
sich mit dem treuen Bärnhäuter unter dem Vorwande, als ob sie
dem Kleinen etwas zu seiner Erfrischung schaffen wolle. Der
Erzherzog war jetzt wieder mit Bella allein, doch mußten sie
aus Rücksicht gegen den eingepackten Kranken jedes laute Wort
vermeiden; auch war Bella noch sehr beschämt, als der Erz-
herzog sich auf ein Knie niederließ und zu ihr sprach: "In wel-
chem schönen Bekenntnisse sind Sie gestört worden, Angebetete,
ich ahnde, Sie sind eines edlen Fürsten Tochter, ich ahnde alles,
was Sie mir zu sagen haben, aber ich wünschte die Gewißheit aus
Ihrem Munde, die Gewißheit Ihrer Liebe, die allen Glanz Ihres
Standes aufgegeben hat, um dem verhaßten Zwange der Politik
zu entgehen. Nichts soll uns scheiden, ich kenne meine Nieder-
länder, sie kennen ihre Freiheiten und werden auch meine Frei-
heit schützen, und selbst wenn die Gewalt über uns siegte, trägt
uns das Meer zu einer neuentdeckten reicheren Welt!" - Wer
könnte es Bella verdenken, die von aller Politik Europas nichts
wußte, als daß der Fürst ihr Vater darin nicht geachtet, sondern
verfolgt worden, daß sie bestimmt glaubte, der Erzherzog habe
ihre Abstammung erfahren und erwähle sie zu seiner Gattin.
Sie stand mit gerührtem Blicke vor ihm, blickte auf und nieder
und sprach dann gebrochen: sie habe sich nur einmal verstellen
können und nimmermehr wieder, sie leugne nicht ihre Abkunft,
sie leugne nicht ihre Zärtlichkeit, die er schon früher in ihrem
heimlichen Aufenthalte in ihr erweckt, die sein Anblick ihr be-
stätigt habe. - Sie senkte ihr holdes Angesicht, der Erzherzog
wollte eben den Rand ihrer Lippen berühren, als der Kleine
unter den Decken Bewegungen machte, entsetzlich über den Ma-
gen klagte und zuschwor, er müßte ersticken, ehe er kuriert sei.
Der glücklich Liebende duldet keinen Leidenden, der Erzherzog
sprang hinzu und öffnete das Gebinde, es dampfte, als wenn
man die Serviette öffnet, worin ein Pudding gekocht worden;
der Erzherzog sah ihn an, schob das Pflaster leicht von dem trie-
fenden Gesichte und versicherte, er sei schon kuriert; er eile jetzt,
um ihm noch ein paar stärkende Mittel zu senden, er möchte sich
inzwischen ruhig halten.
So eilte er fort, und der Kleine, dem allmählich der Rausch
verflogen, der wieder um sich sehen konnte, lag auf dem Bette
mit dem seligen Gefühle eines vom Tode Erretteten, der sein
Leben sehr lieb hat; er nahm Bellas Hand, drückte sie und sprach,
daß ihm der Gedanke des Todes darum lästig gewesen sei, weil
er sie hätte verlassen müssen. Er schien so sanft und zärtlich, daß
Bellas alte, gleichsam mütterliche Zuneigung zu ihm nicht er-
laubte, ihn zum Vertrauten ihrer neuen Liebe und ihres neuen
Glücks zu machen. Er küßte sie, wie er gewohnt war, und der
Erzherzog, der wieder an seiner Türwarte, an dem künstlich ge-
bohrten Loche, lauerte, ergrimmte, weil er sich von neuem ver-
raten glaubte, doppelt verraten, weil er in seiner Leichtgläubig keit gegen Bella unverzeihlich kindisch und gutmütig sich er-
schien. Der Kleine versuchte sich jetzt auf seinen Beinen und er
konnte wieder gehen und stehen, ordnete seine Kleider und sagte
Bella, sie möchte jetzt recht artig sein, er werde den Erzherzog
zu ihr führen, und wenn dieser in recht heitrer Stimmung schiene,
sollte sie um die Hauptmannsstelle für ihn anhalten, sie möchte
aber recht schmeicheln, das Glück seines Lebens hänge daran;
auch wolle er sie dann sicher heiraten. Sie schwieg verlegen. Er
vergaß über seine kriegerischen Aussichten so ganz alle Krank-
heitsfurcht und alles Übelbefinden vom Trunk, daß er wie vor
tausend Mann in dem Zimmer auf- und niederstolzierte und
Braka zur Tür hinaustrieb, als diese mit ihrem heißen Wasser
ihm in die Quer kam. So sind die meisten kleinen Leute, das
Herz ist ihnen so nahe am Kopf, daß es in den Kopf überkocht
oder überdampft.
Unser Wurzelmännlein konnte sich nicht mehr halten, er
bürstete sich bald rechts, bald links; gleich wollte er dem Erz-
herzoge seine Aufwartung machen und fiel diesem, der in einem
Anfalle der heftigsten Eifersucht Tag und Stunde verfluchte, ins
Zimmer. Kaum hatte er sein Anliegen vorgebracht, so über-
häufte ihn der Erzherzog mit Schimpfreden, nannte ihn einen
lächerlichen, kleinen Wurzelburzius, einen Dukatenmacher, ein
Alraunchen, daß der Kleine in die größte Verwunderung geriet,
wie er diese seine Entstehung erfahren habe, und sich eilig davon-
machte, indem er verlegen ausrief: "Gnädiger Herr, woher wis-
sen Sie das?"
Als er zurückgekommen, sagte er nichts von diesem Empfange,
nur sah es ihm Braka an seinem ganzen Wesen an, daß er ge-
demütigt worden. Er sprach nur, daß er den Erzherzog nicht
getroffen, daß er sich bald fort von dem Orte wünsche, wo ihm
in jetziger Pestzeit jeden Augenblick eine neue Gefahr drohe;
zugleich erkundigte er sich, ob der Arzt nichts gesendet. Braka,
um ihren Aufenthalt zu sichern, ging selbst über die Straße in
den Laden eines reisenden jüdischen Doktors, kaufte die stärk-
sten Tropfen, welche manchen Sterbenden schon belebt hatten,
und brachte sie dem Kleinen als etwas, das der belobte Arzt im
Hause abgegeben. Kaum hatte der Kleine diese Höllentropfen
eingenommen, so kam ihm der alte Mut wieder zurück. Er hätte
rasend werden mögen, daß er dem Erzherzoge nicht derb geant-
wortet hatte; ihm fiel so viel Beißendes ein, daß er, bloß um es
ihm oder einem seines Gefolges aufzuhängen, sich leicht bereden
ließ, den Tag noch im Orte zuzubringen.
Es war jetzt die Zeit des höchsten Tumultes herangerückt. Die
Rennen auf ungesattelten Pferden, wo der Reiter einer Gans,
um sie zu gewinnen, den Faden, der sie an einem Seile aufgehängt
hält, mit der Schere abschneiden muß, hatten angefangen; das
Wiehern der Pferde, das Lachen der Menge über die getäuschte
Zuversicht, die sich im Sande erniedrigt fand, rief alles herbei;
auch unser Wurzelmännlein führte seine Damen zu diesem Schau-
spiele. Kaum war er dort, so verlor er aus Eifer die beiden
Frauen fast ganz aus dem Gesicht, so daß Braka ihre Pflege-
tochter etwas überhören konnte. Bella erzählte ihr, daß der Erz-
herzog sie heiraten wolle; Braka sagte, das hätte seine schlimme
Seite, sie könnte darüber ins Zuchthaus kommen, aber sie möchte
ihm nur dreist und ohne Umschweife zu verstehen geben, daß sie
ein Kind von ihm haben möchte, daß dies ihres Volkes Glück
sei, so würde sich alles von selbst ohne weitere Einsegnung finden.
Bella versprach nach ihrer Vorschrift ihm alles zu sagen, wenn
die Gelegenheit käme. Diese wurde aber durch den Zorn des
Erzherzogs auf eine wunderliche Art herbeigeführt. Er hatte
seine rasende Eifersucht ohne alle Zögerung seinem Freunde
Cenrio verraten, dem sogleich ein trefflicher Einfall gekommen
war. Er hatte bei einem Guckkasten einen gelehrten Juden aus
Polen wiedergefunden, der ihm schon früher durch seine Kunst,
Golems zu machen, manche Ergötzlichkeit verschafft hatte. Diese
Golems sind Figuren aus Ton nach dem Ebenbilde eines Men-
schen abgedruckt, über welche das geheimnisreiche und wunder-
kräftige Schemhamphoras gesprochen worden, auf dessen Stirn
das Wort Aemaeth, Wahrheit, geschrieben, wodurch sie lebendig
werden und zu allen Geschäften zu gebrauchen wären, wenn sie
nicht so schnell wüchsen, daß sie bald stärker als ihre Schöpfer
sind. Solange man aber ihre Stirn erreichen kann, ist es leicht,
sie zu töten, es braucht nur das Ae vor der Stirne ausgestrichen
zu werden, so bleibt bloß das letztere Maeth stehen, welches Tod
bezeichnet, und im Augenblicke fallen sie wie eine trockene Ton-
erde zusammen. - Der alte Jude wurde herbeigeholt, der Erz-
herzog verlangte ein solches Bild der schönen Bella, und er wolle
ihn fürstlich lohnen. Der Jude warnte ihn, er möchte sich mit
solchem Bilde nicht abgeben, in seinem Vaterlande sei manches
Unglück damit geschehen: einem Vetter sei der Golem, den er
zu häuslichen Diensten gebraucht, so hoch gewachsen, daß er ihm
nicht mehr an die Stirn habe langen können, um das Ae aus-
zulöschen; da habe er befohlen, er sollte ihm die Stiefeln aus-
ziehen, und während sich der Golem danach gebückt, habe er
ihm listig das Ae von der Stirne gewischt, aber die ganze Last
der Erde sei auf den armen Vetter gefallen, und er sei davon
erdrückt worden. Der Erzherzog schwor, daß ein solcher Unfall
dem nicht schade, dem er ihn bereiten solle, doch eine neue
Schwierigkeit sei zu überwinden, wie das Bild der schönen Bella
ähnlich zu machen sei. Der Jude verlangte, sie nur einmal in
seinen Kunstspiegel einsehen zu lassen, so bleibe ihr Bild darin
festgemalt. Der Kunstspiegel steckte in einem Guckkasten, und
die ganze Kunst war, Bella zu ihm hinzulocken. Cenrio, der den
Wurzelmann kannte, übernahm diese Besorgung, ihn und seine
Schöne zu dem Guckkasten zu führen, während der Erzherzog
verkleidet hinter dem Guckkasten versteckt war; alle eilten an
ihren Posten. Cenrio traf den Kleinen noch bei dem Pferde-
rennen; er sagte ihm heimlich ins Ohr, er solle sich den Zorn
des Prinzen nicht zu Herzen nehmen, ein geheimer Feind von
ihm habe dem Prinzen eine verhaßte Erzählung von seinem Be-
tragen gegen die Schauspieler gemacht; doch sei dieser Eindruck
noch zu überwinden, wenn er behaupte, daß er einmal von einem
tollen Hunde gebissen sei. Der Kleine wurde froh und nötigte
ihn, bei der Gesellschaft zu bleiben, indem er ihm seine Braut
vorstellte. Cenrio sagte ihr manches Artige und bat sie, doch ja
einem Guckkasten nicht vorbeizugehen, der eine Welt im Klei-
nen, alle Städte, Völker in bunten Bildern zeigte. Sie gingen
dahin, Bella sah zuerst hinein, ungeachtet der neugierige Kleine
nur mit Mißgunst diese Artigkeit erlaubt hatte; sie war über-
rascht von aller Herrlichkeit und hätte gern die ganze Vorstel-
lungsreihe noch einmal übersehen, wenn nicht des Kleinen Un-
geduld sie von dem Glase zurückgerissen hätte. Er war ganz
außer sich über alles, was er erblickte: in jeder Stadt dachte er
sich als Fürst; sah er fremde Soldaten, so prüfte er sich, wie er als
Heerführer in der Tracht sich ausnehmen würde.
In dieser Zeit hatte sich der Erzherzog leise in ein Gespräch
mit Bella eingelassen. Er warf ihr die schändliche Falschheit vor,
mit der sie ihm Liebe geheuchelt, um dem kleinen Bräutigam
eine Hauptmannsstelle zu verschaffen. Bella brach in Tränen aus
und schwor ihm, es sei alles anders, ihre Liebe zu ihm sei un-
geheuchelt, ja es sei ihr edelster Wunsch, von ihm ein Kind zu
haben, das ihrem Volke Glanz und Freiheit gebe. Diese Frei-
mütigkeit setzte den Erzherzog in einige Verlegenheit (sie war
tiefinnerlich unschuldig, er aber war nur unschuldig aus Stolz);
er schwor stammelnd, daß er alles Mögliche tun wollte, ihren
Wunsch zu erfüllen, der auch seinem politischen Verhältnisse an-
gemessen sei. - Unter solchen Versicherungen führte er sie, ohne
daß es der Kleine merkte, während Braka ihnen Zeichen zum
Abzuge gab, ungestört von dannen.
Der Kleine hatte diese Welt im kleinen schon zweimal an-
gesehen, und sie gefiel ihm viel besser als die wirkliche, während
der Jude unter allerlei Gesprächen mit Cenrio das Ebenbild der
feldflüchtigen Bella bearbeitete. Cenrio bat den Juden, ihm doch
nur eine Möglichkeit anzugeben, wie solch ein Bild belebt werden
könne. Der Jude sprach: "Herr, warum hat Gott die Menschen
erschaffen, als alles übrige fertig war? Offenbar, weil das in ihrer
Natur lag, als diese von Gott sich losgedacht hatte. Liegt das in
ihrer Natur, so bleibts auch in ihrer Natur, und der Mensch, der
ein Ebenbild Gottes ist, kann etwas Ähnliches hervorbringen,
wenn er nur die rechten Worte weiß, die Gott dabei gebraucht
hat. Wenn es noch ein Paradies gäbe, so könnten wir so viel
Menschen machen, als Erdenklöße darin lägen; da wir aber aus-
getrieben aus dem Paradies, so werden unsre Menschen um 50
viel schlechter, als dieses Landes Erde sich zur Erde des Paradie-
ses verhält!" - Als er das gesprochen, hatte der alte Jude sein
Werk beendigt, er hauchte die Bildsäule an, schrieb das Wort auf
ihre Stirn, das sich unter Haarlocken versteckte, und eine zweite
Bella stand vor beiden, die alles durch jenen Spiegel wußte, was
Bella bis dahin erfahren, die aber nichts Eignes wollte, als was
in des jüdischen Schöpfers Gedanken gelegen, nämlich Hochmut,
Wollust und Geiz, drei plumpe Verkörperungen geistiger, herr-
licher Richtungen, wie alle Laster; daß diese hier ohne die geisti-
ge Richtung in ihr sich zeigten, das unterschied sie selbst vom
Juden, überhaupt aber von allen Menschen, die sie übrigens so
wunderbar täuschen konnte, wie jenes alte Bild von Früchten
alle Vögel, daß sie an die Leinewand flogen und davon zu
naschen suchten. So naschten auch Cenrio und der alte Jude an
dem Bilde, jeder gab ihr einen Kuß, ehe sie diese an den Arm
des Kleinen hingen, der endlich sich satt gesehen hatte und mit
seiner Bella durch die übrige Lust des Abendgewühls, wo jetzt
schon manches Messer unter den trunkenen Bauern gezogen
wurde, sich nach Hause zurückzog. Braka war des Austausches
der beiden Gestalten so wenig inne geworden wie der Kleine.
Sie speisten alle drei in einer gewissen Stummheit miteinander,
die nach den geräuschvollen Abwechselungen eines so wunder-
lichen Tages sehr natürlich war. Als sie abgegessen hatten, kam
der Bärnhäuter mit einem halbzerkratzten Gesicht ins Zimmer
und sprach: "So hat mich das verfluchte Weib, die Frau Nietken,
zugerichtet, die in ihrer Trunkenheit ein Auge auf mich gewor-
fen hatte und mich nicht loslassen wollte, da ich doch so drin-
gende Neuigkeiten mitzuteilen habe. Sie hat mir verraten, daß
der Erzherzog einen Anschlag auf unser Fräulein vorhaben
müsse, weil er sich so heftig nach ihr erkundigt habe." - Golem
Bella, die nur bis zu dem Punkte etwas von der wirklichen Bella
wußte, wo sie in den Spiegel gesehen, rief ganz laut: "Wie lieb
ist mir das, da werde ich ein Kind bekommen, das mein Volk
frei machen wird!" Braka erschrak über diese laute Vertraulich-
keit, und der Kleine sprang wie ein Rasender auf: "Also du
weißt davon, Bella, liebst ihn?" "Freilich", antwortete Golem
Bella. - Der Kleine riß sich die Hirsenhaare aus und erstickte
fast in gekränkter Eitelkeit, endlich brach sein Jammer, nach der
Vorschrift seines rhetorischen Lehrers bearbeitet, in folgenden
Worten aus: "Warum hast du mich zum Menschenleben aus dem
sichern Schoße meiner Vorwelt durch höllische Künste heraus-
gerissen? Ohne Falsch bestrahlten mich Sonne und Mond ruhig
sinnend stand ich da am Tage und faltete abends meine Blätter
zum Gebete; ich sah nichts Böses, denn ich hatte keine Augen, ich
hörte nichts Böses, denn ich hatte keine Ohren, aber die Anlage
zu allem, die ich in mir fühlte, machte mich so sicher und reich.
Meine Augen werde ich mir ausweinen und werde sie vermissen,
mein Leben werde ich aufgeben und werde es ewig suchen, aber
dieses Suchen soll deine Qual sein; wenn du mich fern von dir
glaubst, werde ich bei dir sein. Du kannst mich nicht zerstören,
wie du mich leichtsinnig spielend geschaffen hast; ich bleibe bei
dir, werde die Wünsche deiner Habsucht nach Geld befriedigen,
werde dir Schätze bringen, soviel du verlangst, aber es wird dein
Verderben sein. Du wirst mich von dir werfen, mich vernichten
wollen, aber doch bleibe ich bei dir, dir bin ich gebannt, bis eine
andre mit noch größerem Verrat, als du gegen mich verübt, mich
an sich kauft. Wehe allen kommenden Geschlechtern! Du brach-
test mich zur Teufelei in die Welt, von der ich mich bis zum
Jüngsten Tage nicht frei machen kann!" - Golem Bella sprach
ihm ganz in der Gesinnung der echten Bella von ihrer Zärtlich-
keit vor, die sie trotz aller Liebe zum Erzherzoge für ihn hegte.
Der Kleine sah sie verwundert an und sprach: "Du könntest mich
wieder belügen, Bella; wer weiß, was diese Nacht mit dem Erz-
herzog verabredet ist. Gib mir ein Zeichen der Aufrichtigkeit.
Der Mond scheint helle, wir fahren in der herrlichsten Kühlung
bis zum nächsten Morgen nach einem Dorfe, wo wir in aller
Stille getraut werden können, so kehren wir verbunden nach
Gent zurück, um es bald auf immer zu verlassen, daß der glatt-
züngige Erzherzog uns nicht mehr versuchen kann. Wir reisen
nach Paris, und ich erbiete meinen kriegerischen Mut dem Könige
von Frankreich, der tapfere Männer, wenn sie auch klein von
Gestalt sind, doch zu schätzen weiß." - Golem Bella schwieg still,
sie hatte keinen Willen und keine Redensart auf diesen Fall. Der
Kleine legte sich das zu seinen Gunsten aus, und als Braka noch
etwas dazwischen reden wollte, zog er seinen Degen und schwor,
ihn mit ihrem Blute zu färben, wenn sie sich seinem Glücke
widersetzte. Braka schüttelte sich vor Schrecken; sie konnte kei-
nen Bissen essen. Der Kleine befahl dem Bärmnhäuter, zusammen-
zupacken und einen Fuhrmann, es koste was es wolle, anzuschaf-
fen, der sie nach dem nächsten Pfarrdorfe führe, da in Buik, we-
gen der Nachtmessen, wohl kein Pfarrer zu einer Trauung bereit
sein möchte. Der Bärnhäuter betrieb alles, aus Furcht vor der
trunkenen Wirtin, mit dem größten Eifer und mit der lobens-
wertesten Verschwiegenheit. Der Wagen stand vor der Türe, alle
saßen darin, ehe Frau Nietken etwas merkte. Ihrem widersin-
nigen Geschrei zu entgehen, wurde ihr das Dreifache, was sie
fordern konnte, zugeworfen; und die sonderbare Gesellschaft,
eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen mußte, eine
Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel ge-
schnitten, saßen in feierlicher Eintracht, hegten große Gedanken
vom Glück des Lebens, das sie eben zu begründen fuhren, von
Schätzen, Heldentaten und Biergeldern, auf die der Bärnhäuter
bei dieser Festlichkeit ungemein rechnete. Wie vergebens quält
uns das Verhältnis zu manchem Menschen; könnten wir uns
einbilden, es sei ein Toter, eine Erdscholle, eine Wurzel, unser
Kummer und unser Zorn müßte verschwinden, wie aller Gram
über unsre Zeit, wenn wir nur endlich gewiß wüßten, daß wir
bloß träumten.
Wenn es sich in stürmender Nacht zuweilen in Blumenbeeten
ereignet, daß ein paar getrennte Blumenkelche zusammengebeugt
werden und sich nicht erkennen, bis der Mond wieder hervortritt,
so ist die Freude stumm, die Grillen singen aber davon die lange
Nacht bis zum Morgen, wo die Vögel sie ablösen. Der Erzherzog
wollte sich rächen wegen des Verrats an seiner Liebe, das machte
ihn gegen jede Sorglichkeit Bellas taub, die nicht wußte, was mit
ihr vorgehe, als er sie heimlich auf sein Zimmer in sein Bette ge-
bracht. Beide waren eingeschlafen, als der Gesang: De pro fundis
clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam in der
Kirche, die nicht fern lag, sie erweckte: ein Gesang, in den die
Haufen auf den Straßen, die darin nicht mehr Platz finden
konnten, einstimmten. Es war eine helle Sommernacht, und
beide eilten ans Fenster. Bella erwachte erst jetzt aus ihrem
Taumel: "Heiliger Gott, ist es schon so tief in der Nacht, wie soll
ich in mein Bette kommen, wo bin ich, was ist mir geschehen,
was soll aus mir werden?" - Der Erzherzog hatte sie zu lieb-
gewonnen, seine Freude war ihm zu neu, um sie durch eine Erin-
nerung an ihre Falschheit zu kränken: "Du sollst nun auf immer
bei mir bleiben, wir verlassen uns nicht wie Leib und Seele!"
"Ist es wahr?" fragte Bella treuherzig, "da bin ich sehr glück-
lich!" Der Erzherzog verwunderte sich: "Aber deine Heirat mit
Cornelius, willst du die aufgeben?" "Bin ich nicht dein?" fragte
sie, "soll ich nicht ein Kind von dir haben, das mein Volk zur
Heimat führt?" "Welchem Volke gehörst du, liebes Mädchen?"
fragte der Erzherzog, "betrüge mich nicht; fürstlich muß ich dich
nennen, aber ich möchte wissen, ob das Schicksal dir gerecht war
und dich einem Fürstenstamme einsegnete?" "Mein Vater war
Fürst Michael von Agypten", sagte Bella gerührt, "ich bin der
letzte Zweig des alten Geschlechtes, das sich bei allen Umwäl-
zungen oft siegreich, oft fliehend, doch in steter Unabhängigkeit
erhalten hat, so sagte der Vater. Ich bin das letzte Kind aus mei-
nem Stamme; mein Vater starb in den Verfolgungen, die über
unser Volk ausbrachen; eine alte Wahrsagung bestimmt, daß ein
Kind von mir und einem Weltbeherrscher die letzten Unglücks-
scharen unserer verfolgten Untertanen zum segensreichen Nil
würde führen." "Ich traue deinen Worten ganz", sprach Karl,
"doch sage an, wie war es möglich, da dich so großer Sinn trug,
dich gegen mich mit deinem kleinen Freunde zu verbinden? Wie
konntest du dich mir hingeben wollen, ihm eine Anstellung zu
schaffen? Nun ich dich hier so schön und heilig sehe vor mir
stehen in dem Mondenscheine, da möchte ich meine Ohren Lügen
strafen; doch hörte ich es, als ich nach deiner Schönheit durch die
Türe lauschte, und wollte im Genuß mich an dir rächen; doch hat
mich diese Lust bezwungen, und ich bekenne dir jetzt meine
Wut!" - Bella verstand ihn nicht, er schien ihr lauter Güte. Sie
lachte seines Argwohns und erzählte ihm so natürlich alles, wie
sie durch Braka zu einer Nachgiebigkeit gegen die wunderlichen
Launen des Kleinen beredet worden sei; zugleich vertraute sie
ihm unter dem Versprechen der Verschwiegenheit dessen geheim-
nisvolle Entstehung. Der Erzherzog, aus der gewohnten folge-
rechten Natürlichkeit in alle Wunder der Lust und der geheimen
Kräfte in einer Nacht hineingerissen, versank in ein tiefes, ernstes
Nachdenken; er stand innerlich, wie ein Stern hinaufgerissen,
über der Welt, mit der er bis dahin fortvegetiert hatte; was er
künftig täte und spräche, alles schien ihm bedeutsam. Er hatte
ein reiches Geheimnis, das er sich bewahren wollte und dessen er
selbst seinen Cenrio nicht würdig achtete: wie er seine Liebe fort-
führen sollte, beschäftigte ihn mit stillem Ernste. - "Bist du nicht
glücklich wie ich?" fragte er Bella; "alles ist mir so merkwürdig,
und wie alles hat so kommen müssen. Denn wie ich mit dir ge-
gangen, ahndete ich von allem dem nichts; und sieh, wie die
Spinnweben am Baum im Mondschein sichtbar glänzen, während
ich das Tauwerk des Schiffes dort im Dunkel nicht unterscheiden
kann: so fühle ich höhere Wege und ahnde doch nichts, was mir
in den nächsten Tagen bevorsteht. Der Kleine ist böse, merkt
er, daß ich mich ganz zu dir wandte, von ihm kommt unser
Reichtum, er wird uns alles versagen, kannst du mich dann er-
nähren?" - Der Erzherzog ließ eine Träne fallen: "Ach, liebes
Kind, durch die Härte meiner Eltern bin ich sehr beschränkt; für
die törichte Lust an Pferden habe ich mich tief verschuldet, meine
Lehrer dürfen mir gar kein Geld mehr einhändigen, sondern sie
bezahlen, was ich brauche. Aber für dich schaffe ich Geld, und
sollte ich mein künftiges Reich verpfänden." Bella küßte ihm
die Augen und schwor, es sei nur ein Nachsprechen von ihrer
Tante gewesen, wenn sie über ihre Zukunft sich so bedenklich
gestellt hätte; wenn sie aus ihrem Herzen spreche, so sei ihr die
Art Staat, die sie in Gent um sich gesehen, lästig, ihr Anzug
quäle sie, und jede Stunde sei zu allerlei Beschäftigungen, die
ihr verhaßt wären, abgemessen. "Was soll ich Spanisch und La-
tein sprechen? Was bedarf ichs, "Arno, ich liebe, arnas, du liebest",
zu lernen? Ich weiß ja nichts andres, als daß ich dich liebe und
daß du mich liebest."
Sie umarmten sich still traulich, als Cenrios Stimme plötzlich
an der Tür schallte; er sagte, daß Adrian von dem Orte forteile,
weil er ein wunderbares Stemzeichen entdeckt. Gleich darauf
hörte der Prinz Adrians heftiges Husten, trieb Bella in das Sei-
tenzimmer, wo der Kleine krank darniedergelegen hatte, und
eilte den eigensinnigen Adrian zu besänftigen. Dieser war aber
außer Fassung; er schwor, daß diese Nacht den wunderbarsten
Sohn der Venus und des Mars gezeugt habe, er müsse zu seinen
Büchern, um die Beobachtungen weiter zu vergleichen; er meinte
im Erzherzog gleiches Interesse für die Beobachtung und hörte
dessen Einwürfe kaum. Er war ein echter Hofmeister, der in sei-
nem Schüler seine Gedanken voraussetzte und durch ihn seine
Zwecke verfolgte. Der Prinz war aber seiner Willkür ganz über-
lassen und mußte endlich folgsam sich anziehen, um mit ihm nach
Gent zurückzukehren. Gern hätte er seiner lieben Bella noch ein
Lebewohl ins Seitenzimmer gerufen; doch fürchtete er dadurch
ihre Verbindung den Ihren zu verraten, da er so wenig von dem
Schicksale der Golem Bella wie von der Abreise seiner Nachbarn
in der Eile durch Cenrio unterrichtet werden konnte. Sorgen
machte er sich am wenigsten heute, wo sein Herz in den ersten
Freuden der Liebe schwebte und nachschwelgte. Die ganze Welt
war ihm aufgegangen, er dachte weder an Pferde noch an Jagd-
hunde, zum erstenmal war ihm die zärtliche Saite seines Herzens
angeklungen, die noch im späten Alter im Lager bei Regensburg
bei den Tönen einer schönen Harfenspielerin nachklang, als
Krankheit und Sorge um seine Lieblingswünsche ihn schon von
der Welt loslösten. Vielleicht wäre aus ihm nie der Unermüd-
liche, der nach allem griff, alles zu verbinden strebte, geworden,
wenn ihn nicht das Geschick so rasch aus diesem Verhältnisse,
das seine ganze Seele befriedigen konnte, herausgerissen hätte.
Nachdem das Geräusch seiner Abreise vorübergegangen, wäh-
renddessen Bella kaum durch die Scheiben ihm trübe nachzu-
blicken wagte, als das Schiff im Dunkel anfing zu schwanken, die
weißen Segel sich ausbreiteten und die Ruderer endlich das Was-
ser anregten: "Ach", dachte sie, "die mächtige Gewalt des Tau-
werks, das sich vorher unserm Blicke verbarg, tritt so schnell her-
vor, uns zu trennen, wird es auch eine unsichtbare Gewalt geben,
die uns wieder verbindet?" - Als sie sich in den Gedanken an ihn
recht ersättigt und gestärkt hatte, öffnete sie leise das Neben-
zimmer, wo sie mit Braka schlafen sollte, war aber verwundert,
die Fenster offen, die Betten geschlossen und den Reisekoffer
nicht mehr an Ort und Stelle zu sehen. Sie nahte sich dem Bette
der Alten, rief sachte, endlich lauter; aber alles blieb still, und
sie sah jetzt im Mondenscheine, daß keine Spur ihrer Anwesen-
heit mehr zu sehen, als schmutziges Wasser im Becken und einige
nasse Handtücher, über die Stühle gehängt. Bella konnte sich
das alles nicht erklären; aber sie hatte auch kein Schrecken dar-
über. Sie ging endlich in das dritte Zimmer, das Cornelis be-
wohnen sollte, schüchtern und leise, fand aber auch hier niemand.
Erst jetzt machte sie ihre Verlassenheit ängstlich, sie kannte nie-
mand im Hause als die widrige Frau Nietken; doch lieber wollte sie
heimlich entlaufen, ehe sie ihre Zuflucht zu der genommen hätte.
Aber Zufall führte sie ihr entgegen. Es wollten sich ein paar
alte Edelleute bei Wein und Spiel mit Mädchen erlustigen, und
sie hatte keine andre Zimmer frei, als diese von der Brakaschen
Familie und von dem Erzherzoge verlassenen. Sie kam mit
einem Licht, alles darin aufzuräumen, und erschrak wie vor
einem Gespenste, als sie Bella vor sich erblickte. - "Was ist Euch,
Frau Nietken, wo ist meine Mutter?" - "Ei, Jesus Maria",
seufzte die Alte, "da muß ich doch gleich was auf meinen
Schreck nehmen; haben Sie was vergessen gehabt, liebes Fräu-
lein? ei, ei, das muß Sie so lange aufhalten! wie weit waren Sie
denn schon? bei mir wärs so sicher aufgehoben, und wenns ein
Scheffel mit Gold gewesen." Bella konnte sich diese Reden nicht
erklären; sie fragte nach ihrer Mutter, wohin sie gefahren, und
kam dabei in Verlegenheit, wie sie es ihr erklären solle, daß sie
nichts davon wisse. Dadurch ward Frau Nietken, die sich so-
gleich der Ausfragerei des Erzherzogs erinnerte, klug genug, ir-
gendein geheimes Einverständnis mit diesem anzunehmen, und
die sie von diesem oder vielmehr von Adrian, der die Kasse
führte, schlecht bezahlt worden, so suchte sie sich durch diese
Entdeckung schadlos zu halten. "Ei", schloß sie ihre Rede mit
einem wunderlich ernsthaften Gesichte, "das hätte ich von einem
gnädigen Fräulein mein Seelen nicht gedacht, daß Sie sich so
schlecht aufführen würden. Pfui Teufel, mein guter Ruf leidet
es nicht, die Jungfer Demut muß in die Wache; sie soll ausge-
stäupt werden auf öffentlichem Markte zur Warnung!" Bella
zitterte in Scham und Ärger. Sie sah und hörte nichts mehr, so
aus dem Glücke in die entsetzlichste Hilflosigkeit und Verach-
tung gestoßen, ohne irgendeine Welterfahrung; kaum konnte sie
glauben, daß sie dieselbe sei, so schauderte ihr vor ihrem Zu-
stande. Nicht das Unglück, aber die Schande, die ihr so unver-
meidlich nahe schien, konnte die Sicherheit ihres fürstlichen Ge-
mütes vernichten; sie weinte und warf sich auf einen Stuhl.
Frau Nietken ließ diese Verzweiflung noch tiefer in ihre Seele
fressen, um sie zu dem Vorschlage, hier zu bleiben und ein paar
alten guten Edelleuten die Zeit zu vertreiben, vorzubereiten.
Bella, als sie ihn erfuhr, ahndete nichts Schlimmes, sie meinte
allenfalls, daß sie ihnen aufwarten, den Tisch decken solle, und
entschloß sich gern dazu, um ungekränkt am andern Tage zur
alten Braka zurückzukommen. Aber alles, was sie an Unmut in
sich spürte, setzte sie heimlich in Reden um, die sie der alten
Braka recht scharf ans Herz legen wollte.
Frau Nietken war sehr vergnügt, sie so willig zu finden. Als
die beiden alten Herren hereintraten, sperrten sie beide über die
wunderbare Schönheit der Bella ihre Augen weit auf und ent-
schuldigten sich, daß sie in ihr Zimmer gekommen wären: wer
konnte sich einbilden, in der Gewalt der Frau Nietken eine so
junge, blühende Schönheit zu treffen. Als aber dieser Irrtum be-
richtiget war, indem Bella ihnen schüchtern sagte, daß sie zu
ihrer Aufwartung bestimmt wäre, so erwachte in dem raschen
Liebesfeuer, das Nasen und Wangen der beiden Alten durch-
glühte, eine Eifersucht, den Besitz dieser seltenen Jugend ein-
ander nicht zu gönnen, dergestalt, daß jeder seine Stirnfalten
hinaufrückte und einer List nachsann, den andern zu entfernen
oder bei der Frau Nietken zu überbieten. Während sie nun aus
hohen Gläsern den Wein tranken und miteinander im Brett
spielten, benutzte es der eine nach dem andern, während jener
am Zuge, mit Frau Nietken heimlich ein Wort zu reden, die in
seliger Erwartung, wie hoch sie die arme Bella in dieser Ver-
steigerung hinauftreiben werde, sehr viele Schwierigkeiten in
Hinsicht ihres Besitzes aufzuzählen wußte. Bella war in ihres
Stammes Natur zu klug, um die Gefahr nicht einzusehen, worin
ihre Liebe und ihre Freiheit schwebten; die alten Herren erlaub-
ten sich schon manche unbequeme Zudringlichkeit, und sie sann
auf einen Anschlag, wie sie dem Hause entkommen möchte. Aber
was sie auch erfinden mochte, sie war zu strenge belauscht, und
niemand gestattete ihr unter irgendeinem Vorwande das Zim-
mer zu verlassen. Die beiden Alten, je mehr sie tranken, wurden
immer heftiger, sie sprachen von ihren Kriegszügen und fingen
sich an zu streiten. Die Wirtin fürchtete, sie möchten zu den alten
rostigen Degen greifen und ihre Tassen und Gläser zerschlagen;
sie war deswegen sehr erfreut, als sie eine Musikantenbande, wie
sie damals häufig auf den Kirmessen der Niederlande anzutref-
fen waren, die vor dem Fenster mit Küchenmörseln auf Rosten
zum Gesange klapperten, in das Zimmer rufen konnte. Das lu-
stige Völkchen, unter großen Mänteln und Larven versteckt, trat
ins Zimmer, sah sich um und sang, wie sie die beiden alten Her-
ren so zärtlich gegen das junge Mädchen erblickten, vom Glück
des Alters, das noch lieben kann und geliebt wird:
Väterchen, saug Jugendmut
Aus der Lippen rotem Blut,
Mische Honig zu dem Wein,
Und er wird dir lieblich sein;
Zünde auch ein Feuer an,
Daß sich Amor wärmen kann:
Sieh, der lose kleine Bub
Kommt auf Stelzen in die Stub.
Bella stellte sich bei diesen Worten, als ob sie den alten Herren
den guten Willen durch Zuvorkommen erwecken wollte, sie trat
zu den Musikanten und sagte, daß sie mit ihnen singen wollte,
sie sänge recht hübsch, doch müßten sie ihr Tracht und Larven
leihen. Frau Nietken war seelenvergnügt, daß sie sich so leicht in
ihr Schicksal gegeben: "Herzchen, tanz", sagte sie, "daß die
Röcke übern Kopf fliegen, den Herren will ich ein Glas Malaga
einschenken." Bella benutzte diese Zeit, einer Musikantenfrau
jene kostbare Diamanthalskette, die Cornelius damals in dem
Stiefel entdeckte und ihr umhing, anzubieten, wenn sie unter
ihrer Larve entfliehen könnte und jene an ihrer Stelle zurück-
bleiben wollte. Das Weib war mit dem Gebot sehr zufrieden,
sollte es darüber auch Händel geben; die Musiker waren ihrer
sechse, die an Raufereien, wie andere Menschen ans Kämmen,
gewöhnt waren, und weil sie nichts als einige alte Lumpen zu
verlieren hatten, nur immer dabei gewinnen konnten. Die Um-
kleidung war hinter dem Schirme bald vollendet, und Bella
entwich, während ihre reiche Haube von Gold und ihre Hals-
kette an dem verlarvten Weibe den alten verliebten Toren herr-
lich entgegenglänzte; das Weib tanzte, und ihre Sprünge schie-
nen ihnen so reizend, daß einer nach dem andern aufsprang und
ihr um den Hals fiel. Endlich entfiel ihr bei diesem abwechseln-
den Zugreifen die Larve, und die alten Herren erschraken nicht
wenig, ein fremdes, abgelebtes Gesicht zu sehen, das sie mit
rechter Bosheit verlachte. "Wo ist Bella, ihr Spitzbuben?" schrie
Frau Nietken, und statt der Antwort warf sie ein derber Faust-
schlag des einen Musikanten darnieder. Die alten Herren spran-
gen zu, aber mit ihnen wurden die rüstigen Kämpfer noch
schneller fertig; sie knebelten sie, nahmen ihnen die vollen Geld-
beutel, mit denen sie Frau Nietken bestechen wollten, aus den
Händen, verschlossen die Türe und flüchteten sich aus dem stil-
len Hause, wo alles von den Rasereien des Tages im Frühmorgen
darniederlag, in das Freie; sie hatten genug gewonnen, um allen
Untersuchungen aus dem Wege zu gehen.
Bella hatte sich unterdes mit einer Schnelligkeit auf den ihr
wohlbekannten Fußpfad nach Gent begeben, daß sie sich nach
einer Stunde ganz erschöpft hinter einen Dornstrauch versteckte,
um ein wenig sich zu erholen. Es zog allerlei betrunknes Volk
vorüber, was auch von der Kirmes kam, aber keiner bemerkte
sie, nur die Hunde schnupperten und bellten sie an; da aber der
Dornstrauch als Grenze einer Feldmark sie versteckte und auch
mancherlei Knochen den gewöhnlichen Gebrauch dieses Ortes
verrieten, so gab lange Zeit niemand auf sie Achtung. Sie ver-
fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem ihr das Bewußtsein erst am
folgenden Abende wiederkam. Nun konnte sie zwar in dem
krampfhaften Zustande, der sich ihrer bemächtigt hatte, selbst
dann noch nicht ein Glied erheben oder die Augen aufschlagen,
doch hörte sie in einzelnen Momenten, was ringsumher auf dem
Wege gesprochen wurde. Sie hörte das Bellen eines Hundes, wie
in dichter, nebeldunkler Nacht der verirrte Schiffer davon über-
rascht wird, aus einem unbemerkt angenäherten Schiffe; jetzt
hörte sie auch Stimmen, und sie merkte aus der Art, wie sie
sprachen, daß es ein paar Flurschützen von den beiden anein-
anderstoßenden Dörfern wären. Der eine sprach: "Hör, Peter,
das tote Weib liegt auf deinem Grund und Boden." "Soll es gel-
ten", antwortete der, "und wir müssen sie auf unsere Kosten
begraben lassen, so leg ich hier einen großen Stein in die Erde,
und das Stück gehört unser und die Grenze kommt jenseits."
"Den Teufel nein", sagte der andre, "du bist verflucht gerieben
und bist noch ein halbwachsener Bengel, ich hätt sie euch gern
aufgeladen, ja da werden wohl beide Gemeinden die Leichen-
bestattung zusammen bezahlen müssen, das macht viel Mühe
und Kosten und gibt sicher noch Streit." "Hör, Alter", sagte der
andre, "ich hab ein Kunststückchen vom vorigen alten Flur-
schützen, dem rothaarigen Benedikt, gelernt, der sagte immer:
"wenn ich einen Toten finde, so seh ichs ihm gleich an, er sieht so
grämlich aus, bei uns will er nicht gern begraben sei: ei nun,
sein Wille geschehe, ich mache ein Kreuz über die Scheide, werf
ihn hinein, und wo er ans Land treibt, da will er gern hin -
aber, Bub, es muß niemand sehen!" "Hör, Peter, der Gedanke ist
so dumm nicht; siehst du niemand, wir fassen zusammen an und
tragen sie ins Wasser." - Bella wollte rufen, aber sie vermochte
auch nicht die kleinste Lebensäußerung zu zeigen; schon griffen
die beiden Leute sie an, als der junge Flurschütz rief: "Halt, laß
liegen, was führt der Teufel da für einen struppigen Kerl vom
Galgenberge herunter, laß uns nach den Wiesen gehen, in zwei
Stunden ists dunkel, da sieht uns niemand."
Bei diesen Worten gingen sie miteinander die Grenze herun-
ter, und Bella war von der unsäglichen Angst in einen wunder-
lichen Traumzustand übergegangen, in welchem sie den Vater
mit herrlicher Krone auf der ägyptischen Pyramide, die er ihr
oft gezeichnet hatte, sitzen sah; seine Beine waren aber anein-
ander gewachsen und seine Hände an den Leib gelegt, und sie
fragte ihn ganz ruhig: "Deine Hand kannst du mir wohl nicht
mehr reichen wie sonst?" "Nein", sagte er, "sonst hätte ich dir
eben beigestanden; sonst hätte ich dich früher zurückgehalten, als
du den Alraun gegraben: sei froh, du bist frei von ihm! Du bist
gesegnet, ein Kind zu tragen, das unser Volk heimführt. Du aber
wirst noch Trauer erleben, sei aber furchtlos wie ein Nachttau,
welcher der Sonne entgegengeht und sie anblickt, auf daß sie ihn
von hinnen nehme"
Nachdem dies Traumgesicht ihr entschwunden, wachte sie auf.
Die Sonne war im Sinken, und sie konnte sich erheben und
fühlte nur Ermattung noch in allen Gliedern. Sie schlich langsam
der Stadt zu und ging mit einem Seufzer bei dem verlassenen
Landhause vorüber, das ihre Jugend geschützt hatte: es war ihr
jetzt zu eng, zu klein, und sie eilte nach dem Hause, wo sie vor
drei Tagen mit wunderlichen Erwartungen ausgefahren war.
Zutraulich bewegte sie den Klopfer der Tür, es trat ihr die be-
kannte Magd entgegen, sie fiel ihr um den Hals; diese aber trat
zurück und kannte sie nicht. Als sie sich nannte, schrie das Mäd-
chen auf, ließ den Blaker fallen und lief hinauf zur Herrschaft
und schrie, daß sie es hören konnte: "Jesus Maria, da ist noch
eine Bella!" - Braka, Cornelius und seine junge Gemahlin, die
Golem Bella, stürzten zum Zimmer hinaus, die Ankommende
zu beschauen. Wie läßt sich alles gegenseitige Erstaunen malen?
Braka wußte durchaus sich nicht zu fassen; Golem war gleich-
gültig, als wäre sie ihrer Sache zu gewiß, um sich in ihrer eignen
Person zu irren. Bella weinte; von der Müdigkeit, vom Hunger
erschöpft, hatte sie kaum die Kraft aufzublicken. Cornelius, der
sich auf einmal im Besitze zweier Frauen sah und durchaus jetzt
nicht begreifen konnte, wozu er überhaupt eine genommen,
sprang wie ein brennender Frosch, so nennen es die Feuerwerker,
zwischen allen herum, fluchte und schimpfte und wußte eigent-
lich selbst nicht, was er sagen sollte. Die Magd und Braka kamen
zuerst darauf, unsere Bella möchte doch wohl die echte sein, aber
Cornelius widersprach heftig, weil ihm die geschmückte Golem
besser gefiel, als Bella in den alten Lumpen der Dorfsängerin.
Bella bat nur um ein Nachtlager und Nahrung, weil sie erschöpft
sei von Müdigkeit; wenn sie am Morgen nicht mehr geduldet
werden sollte, könnte sie leicht weiterziehen. Aber auch dies
wollte Golem nicht leiden, die, wie wir wissen, außer den weni-
gen Gedanken, welche der Spiegel von Bella zu ihr übergetragen
und die ihr eine auswendig gelernte Form waren, ein echtes
Judenherz in ihrem Körper bewahrte und jetzt in der Furcht,
die Fremde könnte sie verdrängen oder Geld kosten, schrie: daß,
wenn sie nicht freiwillig gleich das Haus verließe, wenn sie ihre
trügliche Ähnlichkeit mißbrauchen wollte, ihres Mannes Liebe zu
teilen, so würde sie ihr das falsche, lügenhafte Antlitz mit den
Nägeln zerreißen. "Du, Mann", rief sie und wendete sich dro-
hend gegen ihn, "daß du noch so dastehst und ihr nicht schon
längst das Genick gebrochen, das beweist mir deine Schlechtig-
keit, du hast dich auch mit ihr abgegeben, und ich will euch dafür
die Köpfe zusammenstoßen, daß euch das Küssen auf ewig ver-
gehen soll, ihr Ehebrecher!" - Cornelius fürchtete sich gewaltig
vor ihrer Stärke; er stellte sich darum grimmiger, als er es eigent-
lich meinte, erhob sein Stöckchen und rief: "Erbärmliches Fräu-
lein, ich will dich strafen." Braka mußte über sein närrisches
Hahnreigesicht fast lachen, wie er sich so grimmig anstellte; aber
Bella schlich einsam hinunter, Cornelius hieb auf das Geländer,
trat zurück und sagte: "Der habe ich ein paar aufgezogen, daran
soll sie ihr Lebtag gedenken." Golem küßte ihn dafür und
nannte ihn ihren lieben Mann, und er ahndete nicht, daß er die
herrliche Bella für eine Lehmpuppe verworfen, denn leider hatte
ihm Golem Bella in der Nacht der Hochzeit die beiden ahnden-
den Augen, die er noch immer im Nacken bewahrt hatte, un-
wissend, weil sie da keine Augen vermutete, eingedrückt. Solch
Unglück ist leicht bei außerordentlichen Eigenschaften, ich er-
innere mich eines außerordentlich begeisterten Redners, der diese
Eigenschaft ganz verloren, seit die Zuhörer, um einen Versuch
mit ihm zu machen, ihn einmal während dieser Begeisterung mit
kaltem Wasser übergossen.
Bella war jetzt entschlossen, beim Erzherzoge eine Zuflucht
zu suchen; sie kannte sein Schloß, das über die andern Häuser
hervorragte, aus der Ferne, und so heftig ihr das Herz klopfte,
ihre Knie zitterten und ihre Sprache fast versagte, sie brachte
es endlich doch beim Türsteher an, daß sie den Erzherzog not-
wendig sprechen müsse. Der Türsteher, ein alter Mann, war ganz
in dem Interesse des alten Adrian, der ängstlich die Unschuld
seines Prinzen bewachen ließ, um seine Lebensdauer zu verlän-
gern. Der alte Türsteher ließ Bella in ein Zimmer treten, ging
heimlich zu Adrian und hinterbrachte ihm, daß ein verdächtiges
Mädchen nach dem Erzherzoge gefragt habe. Adrian saß eben
bei seinem Nachtessen, einem feisten Hahnenbraten, auf seinem
Studierzimmer, wie er da abends allein zu essen gewohnt war;
er befahl mit zornigen Augenbrauen, das Mädchen hereinzu-
führen. Bella wurde eingeführt, aber nach dem Erschrecken über
die Abwesenheit des Prinzen machte ihr der Anblick des kräfti-
gen, würdigen Adrian einen sehr beruhigenden Eindruck. Er sah
sie an und sprach nichts als: "Kurios, kurios!" - Sie sah den
Braten, und vom langen Hunger getrieben, rückte sie einen
Stuhl ihm gegenüber zum Tisch, schnitt sich ein Stück ab und aß
mit dem Heißhunger eines armen Leibes, der seit zwei Tagen
nichts genossen. Adrian schüttelte mit dem Kopfe, sagte wieder:
"Kurios, kurios!" legte ihr dann gekochte Früchte vor, die dem
Braten zugesellt waren, und schenkte ihr ein Glas Wein ein. "Du
bist ein wunderliches Mädchen", sagte Adrian, "sprich, wann
bist du geboren? ich möchte deine Zeichen erforschen." "Ach,
würdiger Herr", sagte Bella, "ich weiß es mir nicht mehr recht
zu erinnern, ich muß zu der Zeit noch sehr dumm gewesen sein.
"Kurios, kurios", sagte Adrian, "wie hieß aber dein Vater?"
"Ach, mein armer Vater", sagte Bella, "wenn der das gewußt
hätte!" "Kurios, kurios", sagte Adrian; "nun, ich will deine
Geheimnisse nicht wissen." "Aber kommt denn der Erzherzog
nicht bald?" fragte Bella. "Kurios, kurios", sagte Adrian, "du
meinst wohl gar, ich soll dich zu ihm führen, das geht nicht."
"Ei, Väterchen", schmeichelte Bella, "tus doch, ich muß ihn
sprechen, führ mich zu ihm, es macht ihm sicher Freude, ich hab
ihn so lieb,"- "Ein wunderliches Mädchen", flüsterte Adrian vor
sich, "macht mich zu ihrem Liebesboten; wer weiß, ob ich mit
dieser Liebschaft nicht des Prinzen leichten Sinn an einen Men-
schen binden könnte; es wird nicht lange mehr gelingen, ihn von
dem Umgang mit den Frauen abzuhalten, gar viele mühen sich
um ihn, die ihn auf eitle Wege führen könnten, und diese scheint
noch schuldlos, jung." Die Religion war in ihm beim Lesen der
alten römischen Dichter zu einer Art klugen Naturkunde ge-
worden. - "Was sprichst du vor dir, lieber Vater?" fragte
Bella. "Ich will dich bald zum Erzherzoge führen", sagte Adrian,
"wart nur etwas, und bist du müde, ruhe aus auf meinem Bette
und sprich recht zutraulich, woher du bist, ich will es treu behal-
ten." Bella fand ihre ganze Seele gegen ihn erschlossen; sie er-
zählte ihm aufrichtig ihr ganzes Schicksal, nur eins konnte sie
ihm nicht sagen, wie sie mit dem Prinzen in Buik zusammenge-
troffen, sie sagte, daß sie sich im Gedränge von der alten Braka
verloren hätte. Nach dieser Erzählung versank Adrian in ein
tiefes Nachdenken und in mancherlei Rechnerei, worüber Bella
einschlief. Sowie er wieder etwas Merkwürdiges über sie heraus-
gerechnet zu haben meinte, trat er an ihr Bette, lehnte sich sachte
über und sah sie verwundert an; überhaupt war es ihm merkwür-
dig, wie ein Mädchen auf seinem harten, geistlichen Lager schlafe.
Endlich hörte er den Erzherzog, der bei dem Grafen Egmont
zu Nacht gegessen hatte, im Schlosse einreiten; er wartete noch
einige Zeit und ging dann fort, ohne daß es Bella bemerkte, ihn
in seinem Schlafzimmer aufzusuchen. Cenrio, von seiner An-
kunft sehr überrascht, winkte ihm, leise aufzutreten, weil der
Prinz sehr müde gewesen und gleich in einen tiefen Schlaf ge-
sunken sei. Adrian ging an das Bette, sah das hellblonde Haar
des Prinzen, wie er es gewöhnlich mit einem goldenen Netze
umspannte, und zog sich auf den Zehen, mit der Hand Ruhe
winkend, zurück. Cenrio biß sich lachend auf einen Finger und
krümmte vor Lustigkeit den Leib und hob ein Bein auf; der
gefährliche Betrug war gelungen und Adrian hatte die ausge-
stopfte Puppe für den wahren Erzherzog gehalten, der inzwi-
schen seine lebendige Bella versäumte, um bei der leblosen Puppe
Golem Bella an dem Nachgenusse der Liebe, die ihn das erstemal
so reich entzückt hatte, zu verzweifeln. Er hatte nämlich schon
am Morgen jene Golem Bella, die außer den Liebesgedanken
der wirklichen Bella noch ein gemeines jüdisches Gemüt hatte,
durch Cenrio bestimmt, seinen Besuch in der Nacht anzunehmen,
nachdem das Wurzelmännlein mit einem Schlaftrunke, den er
ihr mitgeteilt, zur Ruhe gebracht sei. Auch Braka wußte darum
und sollte in ihrem Bettplatze vikariieren, weil der Kleine so
eifersüchtig war, daß er selbst schlafend einen Finger von ihr in
Händen hielt; dies war seine einzige Art, ihr zu liebkosen, daß
er diesen Finger zuweilen küßte. Der Erzherzog war in das
Haus geschlichen, als der Kleine, über die zweite Bella noch
immer sehr verwundert, kaum zur Ruhe gebracht worden; er
mußte lange harren, ehe Golem Bella sich losmachen und zu ihm
kommen konnte, und jetzt war seine Neugierde aufs höchste
gespannt, wie es ihr ergangen und wie sie dem Herrn von Cor-
nelius vermählt worden, was aus der Golem geworden sei, die
er vom Juden habe nachbilden lassen, um ihren Mann zu täu-
schen. Golem Bella antwortete auf das alles so natürlich, daß er
keinen Argwohn schöpfte, sie selbst möchte diese Puppe sein:
insbesondre da er die täuschende Kunst der Sinne für unfähig
achtete, sein scharfes Auge zu täuschen. Sie sagte ihm, daß Cor-
nelius aus Argwohn gegen sie, als ob sie mit dem Erzherzoge ein
Verständnis habe, erst sehr böse gewesen und sie dann gezwun-
gen hätte, sich ihm im nächsten Dorfe zu vermählen, wofür sie
in der Liebe des Erzherzogs eine Entschädigung zu finden hoffe.
Die geheimnisvolle Stunde war nicht zu langen Erörterungen
geschaffen; der Erzherzog hatte die Zauberei spielend heraus-
gefordert, seine Lüste zu begünstigen, diesmal täuschte sie ihn
um seine Lust; in der Liebe ist alles so ehrlich, daß jeder Betrug,
wie ein falscher Stein in dem prachtvollsten Ringe, das freie Zu-
trauen stören kann; und betrog nicht der Erzherzog Bella, als
er sie durch sein Kunststück in seine Gewalt brachte? Es war nicht
Liebe allein, es war der Wunsch in ihm, sich zu rächen, weil er
sich betrogen glaubte, daß er sie so wild und rasch seiner Lust
opferte.
Als der Morgen dämmerte und die Krähen, die einzigen Sing-
vögel großer Städte, schrien, als ihn Cenrio erweckte, da konnte
er nicht begreifen, was ihm mitten im Genusse gefehlt hatte; sein
ganzes Herz war traurig und schwer, weil es nicht jubeln konnte,
wie damals, als er sich von Bella in Buik trennte; ja, es war ihm,
als sei es ein anderes Wesen gewesen, die bei ihm geschlummert,
und wäre sie nicht früher fortgeschlichen gewesen, er hätte sicher
die dunkeln Locken von der Stirn erhoben, um das Wort des
Todes zu entdecken. Er verfluchte die Nacht und schwor sich, nie
wieder diesen Weg zu gehen, auf welchem er sich verkleidet in
sein Schloß schlich, wo ihm Cenrio erst erzählte, welche Gefahr
er gelaufen, von dem alten Adrian entdeckt zu werden.
Der alte Adrian war unterdessen in einer viel ärgern Ver-
legenheit gewesen; gleich nachdem er den ausgestopften Erzher-
zog verlassen, hatte er sich ernste Vorwürfe gemacht, daß er auf
den Gedanken gekommen, die Liebschaft des Erzherzoges zu be-
günstigen. Er hätte Bella ohne Barmherzigkeit verstoßen, wenn
er nicht vorher schon dem Türsteher hätte sagen lassen, das
Schloß zu verschließen, er habe das verdächtige Mädchen schon
zur Hinterpforte hinausgelassen. Die Nachtposten waren jetzt
auf den Gängen verteilt, und es hätte ohne ein böses Gerede
nicht endigen können, wenn er so spät noch ein Mädchen aus
seinem Zimmer entlassen hätte; er mußte sich also in zagender
Geduld fügen und der armen, müden Bella sein eignes Bette zum
Nachtlager anweisen, während er sich selbst vornahm, sich durch
ein hartes Bußlager von jeder Versuchung frei zu halten. Seine
Verlegenheit ging aber bald an, als ihm unwiderstehlich nach
dem Wasserglase verlangte, das sich Bella an ihr Bett gesetzt: es
war das einzige, und es drängte ihn der Durst, daß er aufstehen
mußte und Bella, vom festen Schlafe rötlich angewärmt, schnell
atmend in schöner Lage erblickte. Ihm war nie solch ein Anblick
vorgekommen, und er konnte es selbst nicht recht begreifen,
warum er so langsam trinken mußte und gar nicht fertig werden
konnte, die einzelne Fliege abzuwehren, die immer zu dem schla-
fenden Engel zurückkehrte; endlich stach ihn selbst eine Art
Götterverehrung, die bis dahin nur ganz äußerlich aus den römi-
schen Dichtern in seine Rhetorik übergegangen war. Venus war
jetzt Fleisch geworden, er rief sie in Horazens Versen leise an,
und wer weiß, wozu ihn diese läppische Schulweisheit verführt
haben möchte, wenn er nicht mitten in seiner Adonisrolle seine
Tonsur und sein graues Haar im Spiegel gesehen hätte. Ihm
schauderte, es war ihm, als habe er einen Heiligen gesehen, der
sich im Nachtmahlwein vor seinem Tode betrunken. Er legte
sich seufzend auf die harten Dielen, konnte aber nicht schlafen,
denn seine Gedanken waren immer beschäftigt, bald reuig, bald
sündig, bald wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte, wie
er Bella fortschaffen und doch für sie sorgen könnte; auch war es
ihm zumute, als könnte er sie nicht von sich lassen. Allmählich
verweilte sein Auge bei den Kleidern eines Knaben, der ihm
lange aufgewartet hatte, und den er wegen seiner Tücken endlich
fortgejagt hatte; diese schienen ihm geschickt, das Mädchen un-
bemerkt aus dem Hause zu führen. Als Bella aufwachte, sich die
großen Augen rieb und erschreckend fragte, wo sie sei, und fast
weinte, hatte der gute Alte erst genug zu trösten. Er betete ihr
ein Ave Maria, das sie ihm fromm nachsagte, dann erst erzählte
er ihr, daß sie sich in Geduld fügen müsse, er könne sie nicht zum
Erzherzoge führen, das sei gegen sein Gewissen; aber er wolle
für sie sorgen; ob sie ihm nicht einen Rat geben könne, wo sie
unterzubringen, da er niemand kenne. Sein voriger Knabe, der
habe bei armen Verwandten gewohnt und sei morgens und
abends gekommen, um sich zu erkundigen, ob er für ihn etwas
zu laufen oder sonst zu verrichten habe; wenn sie dessen Kleider
anlegen wolle, könne sie ihm dieselben Dienste, welche ihm die
vornehmen Hoflakaien immer unordentlich versorgten, in den
Kleidern des Knaben verrichten. Bella nahm alles an, was ihr der
Alte riet, denn sie sah die Möglichkeit, den Erzherzog in die-
ser Verkleidung zu sehen, und das war jetzt ihr einziges Ver-
langen; sie eilte zum Ankleiden des neuen Staates, aber ihr fehlte
alle Kenntnis, wie sie diese verschlitzten und vielfach mit Haken
und Ösen verbundenen Beinkleider und den Wams anlegen
sollte, so daß ihr der alte geistliche Herr nicht ohne Lachen dabei
helfen mußte. Sie erzählte ihm, daß sie wieder nach dem Land-
hause zurückkehren und sich dort verstecken wollte; ihre Haut
wisse sie durch Pflanzensäfte so zu bräunen, daß niemand sie für
ein Mädchen halten sollte. Adrian sah wohl die Klugheit ihres
Volks bei allen ihren Äußerungen, aber er fürchtete sich doch
vor Verrat und war gar sehr erleichtert, als er sie aus dem Schloß
entlassen über den Platz hinschreiten sah, wo die Buben, welche
einen Reifen trieben, ihr in der Meinung zuriefen, es sei ihr alter
Kamerad, der vorige Knabe Adrians.
Das war seine letzte Angst für diesen Tag; nachher eilte er
zum Erzherzoge, und als er ihn noch schlafend fand, der die
Nacht versäumt hatte, schüttelte er ihn auf und hielt ihm eine
lange Strafrede über die Trägheit, daß in ihr, wie in einem
bodenlosen Meere, kein Anker der Tugend fassen könne, son-
dern verlorengehe. Den Abend habe er ihn nicht stören wollen,
denn die Stunden vor Mitternacht seien der edelste Schlaf, wo
eine einzige für Körper und Seele mehr wert als zwei nachher;
jetzt aber, wo ihm die Sonne in die Nasenlöcher scheine, sei das
Schnarchen etwas ganz Ungeziemendes. - Er konnte stundenlang
so fortreden und brachte diesmal den Erzherzog aus einem
Schlaf in den andern, so daß der alte Herr endlich unmutig auf-
stand und Cenrio die Beweise vortrug, daß jenes vermeinte
Werk des Petrus Lombardus, was er in Buik aufgefunden, ent-
weder erdichtet oder aus einer Zeit des Verfassers sei, wo er sei-
nen Geist und seine Grundsätze schon aufgegeben hätte. Cenrio
tat verwundert; heimlich lachte aber der Schelm, daß die alte
Scharteke dem gelehrten Manne so viel Studium gekostet; er
fragte ihn dann nach der merkwürdigen Sternenjunktur, die er
in Buik beobachtet, worauf ihm Adrian deutlich machte, daß in
der Nacht ein mächtiger Herrscher im Morgenlande gezeugt sei,
wo aber, das könne er nicht herausbringen. Auch hierin fand sich
Cenrio heimlich wieder viel besser unterrichtet, ungeachtet ihm
einige Dinge im Kopfe herumgingen, die er nicht bequem reimen
konnte, vielleicht weil die Natur bloß Assonanzen machen
wollte; er hatte nicht herausbringen können, wo die Golem
Bella geblieben; auch wußte er nicht, wie Bella wieder zur alten
Frau von Braka zurückgekommen, nachdem sie von dieser in den
Armen des Erzherzogs zurückgelassen - Dinge, die er aus Zeit-
mangel und aus Überfluß an Zeugen mit dem Erzherzoge noch
nicht überlegen konnte. Nachdem der Alte das Zimmer verlas-
sen mit den Worten: "Kurios, kurios, ich gäbe was darum, dies
Wunderkind zu entdecken!" - so wendete Cenrio seine Fragen
an den Erzherzog, der nicht wenig erstaunt war, da er selbst
in seiner Lust nach einer verlornen Bella geschmachtet hatte. -
"Gewiß ist jene verloren, die ich liebte, die im Tor meines Le-
bens wie die zarte Morgenröte vor der hellen Sonne verschwun-
den ist; statt des Götterbilds habe ich eine irdische Gestalt um-
armt, die mich in niederer Glut an sich zieht, und vor der mein
Herz zurückweicht. Ach, daß Millionen auf mich blicken! Dürft
ich ein armer Pilger werden, wie wollte ich die Welt durchirren,
meine Klagen allen Winden singen und sie aufsuchen, der ich
ewig gehöre, und wenn ich sie nicht fände, als Einsiedler in den
stillen Kapellen des Monserate vertrauern: Cenrio, das wäre,
was ich mir wünschte, und da ich es nicht erreichen kann, da
werde ich auch vieles nicht erfüllen, was die Welt von mir will."
- Cenrio gehörte zu den verkehrten Fürstenhofmeistern, die
jeden ernsten Gedanken wie eine Zugluft von dem verehrten
jungen Leben abhalten möchten. Sie wollen sie im Genusse bil-
den, und der Genuß eines Fürsten ist so beschränkt und die Ent-
sagung so überschwenglich; der Scherz bleibt vor ihrer Tür ste-
hen, und der Ernst herrscht wie ein alter Geist im Schlosse. Cen-
rio versprach dem Erzherzoge, in Buik alle Erkundigungen ein-
zuziehen, um das Rätsel zu erklären, und eilte dahin.
Unterdessen wurde der Herr von Cornelius bei dem Erzher-
zoge angemeldet, und dieser nahm ihn an, weil er der Golem zur
Sicherheit ihres Verhältnisses versprochen hatte, ihm eine An-
stellung zu schaffen, insofern er von vielen Herren seines Stan-
des ein Zeugnis brächte, daß er ein Mensch sei.
Der kleine Kerl war schon den ganzen Morgen herumgelaufen
und hatte sich die Meinungen der Herren, ob er ein Mensch
wirklich sei, aufschreiben lassen, sah aber zu seinem Erstaunen,
daß bei allen mehr oder weniger Zweifel darüber obwalteten.
Die Zeugnisse waren immer nur bedingungsweise ausgestellt, so
sagte von ihm der Baron Vanderloo: Wenn er hinter einem
Tische säße, würde man ihn schon für einen ordentlichen Men-
schen passieren lassen, er dürfe aber niemals aufstehen wegen
unverhältnismäßiger Kürze seiner Beine, welche ihm Ähnlichkeit
mit einem verkleideten Dachshunde gebe. - Herr von Meulen
erklärte: er würde durchaus untadelhaft sein, aber seine Mutter
müsse einen zu heißen Leib gehabt haben, darüber sei er, wie ein
allzu scharf gebackenes verbranntes Brot, aufgerissen und zu-
sammengekrochen. - Graf Egmont schrieb auf den Umlaufzet-
tel: Da es eine Hauptkunst sei, dem Feinde in gewissen Kriegs-
fällen seine Stärke zu verbergen, so könnte er sehr nützlich in
einer Hosentasche jedes tüchtigen Soldaten angestellt werden,
seine Muskete auf dessen Hosenknopf anlegen und den Feind
durch einen ganz unerwarteten Schuß aus den Hosen des Solda-
ten erschrecken. - Diese und ähnliche Meinungen, die jeder ihm,
als sehr günstig für seine Anstellung, eingeredet hatte, brachte
der Kleine jetzt dem Erzherzoge, der sie mit verbissenem Lachen
durchlas und ihm dann eine ihm angemessene Anstellung in
einem Regimente versprach, das er bald errichten wolle, und
wozu er eine neue Art von Helmen erfunden, die durch eine
Schelle sich hörbar und durch zwei lange Ohren sichtbar mach-
ten. Der Kleine war über die nahe Erfüllung seiner Wünsche
entzückt; er hatte noch nie einen Schalksnarren gesehen als in
Buik, und da hatte er ihn für eine militärische Person gehalten
und die Gewalt seiner Waffen gegen ihn versucht. Er war des-
wegen auch sehr bereitwillig, den Erzherzog bei sich zu empfan-
gen, der sich nach seiner jungen Frau erkundigte und sie kennen-
zulernen wünschte. Derselbe Tag noch wurde zu einem Feste
bestimmt, das Herr von Cornelius in seinem Hause geben sollte.
Der Erzherzog fühlte, trotz der unbefriedigten Nacht, trotz der
Vermutung, eine Zaubergestalt treibe ihren Spott mit seiner
Liebe, eine unwiderstehliche Begierde zu diesem Golem. Es war
ein Drang andrer Art, als er geahndet, aber er konnte ihn doch
nicht abstreiten, nicht zurückweisen; auch konnte er nicht leug-
nen, daß diese Empfindung etwas Bestimmtes, etwas Mögliches
forderte, während jene sich vielleicht ins Unendliche traumartig
ausblühte; ja in diesem Zwiespalte seines Gemütes schien ihm
das Wesenlose, das Ungewisse in jenen hohen Freuden leer und
verächtlich gegen diesen erkannten Sieg seiner Sinne.
Bella war am Morgen traurig den Weg nach dem Landhause
gewandelt, wo sie durch einige bekannte Löcher in der Garten-
mauer unbemerkt einzuschlüpfen hoffte. Es begegnete ihr aber in
der Nähe des Kirchhofes der arme Bärnhäuter, der sich beim
Überzählen seines verdienten Schatzes im Sarge etwas zu lange
verweilt hatte; als er Bella erblickte, konnte er sich der Tränen
nicht enthalten, sondern faßte ihre Hand und fragte, was die
liebe, junge Herrschaft mache, er habe es gleich bemerkt, daß sie
von einer falschen, nachgebildeten Figur verdrängt sei, aber aus
Furcht, seinen Dienst zu verlieren, habe er nichts zu sagen ge-
wagt. Bella bat ihn zu schweigen: seit dem Empfange in dem
Hause habe sie einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen
Braka, Cornelius und alle bekommen, daß sie sich nie entschlie-
ßen könnte, ihre fürstliche Freiheit dem Zwange der Stadt zu
unterwerfen; sie wolle wieder in ihrem alten Hause leben, bis
sie freie Leute ihres Volkes antreffe. Dann fragte sie ihn aus, wie
sich alles begeben, und warum er an dem Abende nicht erschie-
nen. Da erzählte er ihr, daß er von der falschen Bella ausgestellt
worden sei, um den Erzherzog durch die Hintertüre einzufüh-
ren, der erst spät anlangen konnte. Bei diesen Worten verschloß
Bella den Mund des Bärnhäuters; sie wollte nichts mehr hören,
nachdem diese unselige Betrügerin ihr auch das letzte, was sie
auf Erden reichlich tröstete, die Liebe des Erzherzogs entwendet
hatte. Der Jammer füllte ihre Seele, und es fiel ihr wie ein Stein
vom Herzen, als sie weinen konnte; sie hing sich an den Bärn-
häuter und ließ ihn wohl eine Stunde nicht los; ein Glück, daß
den Weg wenig Leute gingen, es hätte sonst Aufsehen gemacht.
Der Bärnhäuter war bald in ein neues Rechnen in Gedanken
gekommen, wie lange er noch dienen müsse, und so ließ er die
Tränen an sich vorübergehen, wie eine Mühle den schönsten
Wasserfall, sie ist zufrieden, daß nur ihr Rad dabei gehen kann.
Zuletzt, als er fürchtete, zu spät zu kommen, wußte er sich nicht
anders loszumachen, als daß er eine Pflaume, die wurmstichig
vom nahen Baume gefallen war, aufdrückte und sprach: "Wie-
viel glücklicher ist doch solch eine Made als wir Menschen, je
länger sie lebt, je süßer wird die Frucht am Baume; was ich aber
als eine Undankbarkeit an dem Tiere betrachte, ist wohl, daß
sie alles in ihr Zimmer macht und sich dadurch ihren eignen
Lebensgenuß verdirbt." - Der einfältige Kerl dachte nicht, daß
sein eignes Sammeln im Leben nichts anders gewesen war, als
was die Maden in der edlen Frucht anhäufen. Bella war zu trau-
rig, um ihn darauf aufmerksam zu machen, sie ließ ihn aber los,
und er verließ sie eilig mit den heiligsten Versicherungen, er
wolle für eine Kleinigkeit jede Nacht zu ihr kommen und ein-
holen, was sie brauchte.
Sie dachte nicht, was sie noch brauchen könne; ihr fehlte alles.
Gleichgültig gegen alle Welt ging sie, ohne eine Vorsicht zu brau-
chen, nach dem Gespensterhause und öffnete die Türe in der ihr
bekannten Art. Keine Betrachtung über die Veränderlichkeit
ihres Schicksals störte sie; ganz entehrt fühlte sie sich, seit der
Erzherzog sie nicht mehr liebte, ohne Sicherheit und Würde; sie
wollte ihn vergessen, und doch war es ihre Angst, wo er eben
sein möchte. Auch war es dieser Gedanke mehr als der Hunger,
der sie abends nach dem Schlosse zurückführte, wo sie aber dies-
mal Adrians Zimmer verschlossen fand, weil er mit einigen
Geistlichen darin disputierte. Als sie unbestimmt auf dem dunk-
len Gange des Schlosses stand, kam der Erzherzog und hielt sie
in der schwachen Beleuchtung für den ehemaligen Knaben Adri-
ans, den er sich durch kleine Geschenke lange zu eigen gemacht
hatte; er rief ihm zu, eine Fackel zu nehmen und ihm nach dem
Hause des Herrn von Cornelius vorzuleuchten. Bella erfüllte
eilig seinen Befehl, zündete eine Fackel und ging voran. Der
Erzherzog war in heftiger Bewegung: ein geheimer Freund war
aus Spanien mit der sichern Nachricht angekommen, sein Groß-
vater können nur wenige Tage noch mit dem ihn lange bedrohen-
den Tode kämpfen; umsonst suche er dem Tode zu entfliehen
und ziehe aus einer Stadt in die andre, wie andre Kranke aus
einem Bett in das andre. Carvajal, Zapara und Vargas hätten
ihm endlich die Nähe seines Todes vorgestellt, und er hätte, sein
Unrecht gegen Karl zu verbessern, statt Ferdinands den Kardi-
nal Ximenez zum Reichsverweser ernannt und die rechtmäßige
Erbfolge Karls unangefochten gelassen. Der magnetische Kreis
der nahen Herrschaft bewegte Karls herrschendes Gemüt so un-
ruhig, wie ein Nordlicht die Magnetnadel; dabei war er so in
sich versunken, daß er keinen Blick auf Bella warf, sondern,
ohne darauf weiter zu achten, dem Schein der Fackel nachlief
und Bella befahl, vor dem Hause bis zu seiner Heimkehr zu
warten.
Die arme Bella! sie löschte ihre Fackel wie ein guter Genius,
der nicht mehr helfen kann. Der ernste Blick und Ton des Erz-
herzogs hatte allen ihren Mut, ihn anzureden, niedergeschlagen;
sie gab ihn ihrer Liebe verloren und war in sich still versunken,
als sie das Geschrei einer Musikantenbande aus ihrer Schmer-
zenstiefe erweckte. Sie hörte nichts von dem Liede, womit sie
sich eine Gabe aus dem erleuchteten Hause zu erflehen suchten;
die Erinnerung ihrer Retter aus den Händen der Alten stieg in
ihrem Herzen auf, zugleich die Erinnerung jener überstandnen
Angst; sie zagte für ihre Zukunft und wußte doch nicht, was sie
noch verlieren könnte. Es wohnt aber in den Menschen, die, zu
einer großen, allgemein wirkenden Äußerung von hoher Hand
vorbereitet, sie noch nicht erkennen, eine erhaltende Kraft, die
ihnen im gewöhnlichen Kreise das Ansehen der Zaghaftigkeit
geben kann; ihren großen Lauf ahndend, scheuen sie die hem-
mende Kraft des Schlechten, und nur ein ganz erfassender
Glaube kann ihnen in den Unbedeutendheiten des Lebens die
Zuversicht und Dreistigkeit geben, die ihnen im großen nie fehlt.
Bella fühlte ungeachtet ihrer Vernichtung einen erhaltenden
Wunsch in sich. Ihre Hilflosigkeit, und was ihr im Gedränge der
Menschen, die nachts in der Hauptstadt umherschwärmten, ge-
schehen könnte, erschreckte sie; sie verkroch sich zwischen den
Säulen einer kleinen Kapelle der heiligen Mutter, die neben
ihrem ehemaligen Hause ganz verlassen unerleuchtet stand.
Diese Bande von Musikern, welche sich vor dem Hause hören
ließ, unterschied sich aber gar herrlich von jenen rohen Sängern
auf der Kirmes. Es waren weder Bettler noch Diebe, sondern
junge Leute aus allen Ständen, die sich abends zusammenfanden
mit ihren Lauten und allerlei Lieder, so gut ein jeder sie wußte,
absangen. Was sie einnahmen, verjubelten sie entweder zusam-
men gegen Morgen, ehe sie voneinander schieden, oder sie
schenkten es den Mädchen, die sie mitzugehen beredet hatten.
Diese Sänger waren in den Städten so beliebt, daß die Eltern
ihre Kinder abends nicht eher zu Bette bringen konnten, bis der
Zug vorübergegangen, und wenn auch die Knaben den Trom-
melschlag vorzogen und ihm nachliefen, der abends den Tor-
schluß verkündigte, die kleinen Mädchen hörten lieber die Sän-
ger und folgten ihnen bis an die Straßenecke. Mancherlei freche
und traurige Lieder waren unbemerkt vor Bellas Ohren vor-
übergegangen, als ein junger fahrender Schüler sich vor der hei-
ligen Mutter hinstellte, daß die hellerleuchteten Fenster des
Hauses sein trauriges Gesicht erleuchteten; dann sang er ein
Lied, das damals allgemein gesungen wurde und in seinen
Schicksalen vielleicht eine besondre Rührung vorfand:
Die freie Nacht ist aufgegangen,
Unsichtbar wird ein Mensch dem andern
So kann ich mit den Tränen prangen
Und hin zu Liebchens Fenster wandern.
Der Wächter rufet seine Stunden,
Der Kranke jammert seine Schmerzen,
Die Liebe klaget ihre Wunden,
Und bei der Leiche schimmern Kerzen.
Die Liebste ist mir heut gestorben,
Wo sie dem Feinde sich vermählet,
Ich habe Lieb in Leid geborgen -
Ihr Tränen, mir die Sterne zählet.
Wie herzhaft ist das Licht der Sterne,
Wie schmerzhaft ist das Licht der Fenster,
Ein dichter Nebel deckt die Ferne,
Und mich umspinnen die Gespenster.
Im Hause ist ein wildes Klingen,
Die Menschen mir so still ausweichen,
In Mitleid mich dann fern umringen:
So bin ich auch von euresgleichen?
Mich hielt der Wald bei Tag verborgen,
Die schwarze Nacht hat mich befreiet.
Mein Liebchen weckt ein schöner Morgen,
Der mich dem ewigen Jammer weihet.
Wie oft hab ich hier froh gesessen,
Wenn alle Sterne im Erblassen,
Ach alle Welt hat mich vergessen,
Seit mich die Liebste hat verlassen:
Nichts weiß von mir die grüne Erde,
Nichts weiß von mir die lichte Sonne,
Der Monden glanz ist mir Beschwerde,
Die Nacht ist meiner Tränen Bronne.
Hier hielt er inne, schlug seinen Mantel über die Arme, zog eine
kleine Laterne hervor, holte eine brennende Kerze heraus und
stellte diese vor das Bild der heiligen Mutter; dann sang er in
verändertem Ton:
Nichts weiß von mir die liebe Mutter,
Nichts weiß von mir der gute Vater,
Doch zünd ich ein Licht der heilgen Mutter,
Doch glaub ich an einen himmlischen Vater.
Als das Licht den jungen Mann erhellte, da erinnerte sie sich,
ihn mehrmals vor ihrem Hause erblickt zu haben, wenn sie zu-
fällig nach der Straße gesehen. Nicht ohne Grund glaubte sie
sich die Ursache seiner Trauer, weil er sie vermählt glaubte.
Welche treue Liebe war ihr unbekannt geblieben, während der
Liebling ihres Herzens, dem sie sich so ausschließlich hingegeben,
sie in leichtsinniger Täuschung verlassen hatte. Sollte sie sich ihm
wie ein Almosen hingeben? Sie war sich nichts mehr wert! Sie
konnte ein frommes Leben mit ihrer Liebe retten. Schon wollte
sie zu dem Betenden hinspringen und sich ihm zu erkennen
geben und ihrem Hause und ihrem Volke entsagen, als der Mond
an dem hohen, pyramidalen Kirchturm, der vor ihr wie ein
Schatten stand, wie das Licht eines Leuchtturms emporstieg, und
sie dachte der Pyramiden Ägyptens und ihres Volkes, und die
Gedanken machten sie ihres Schicksals fast vergessen. Inzwi-
schen trat ein Knabe, der mit einem Teller, worauf ein Licht ge-
klebt war, im Kreise herumgegangen war, auch zu ihr; sie sah
auf dem Teller außer einigen Birnen und Äpfeln, Gaben der
Kinder, kleine Ersparnisse vom Abendbrot, nichts liegen. Sie
fühlte einen quälenden Durst und meinte, es werde ihr geboten,
nahm einige Birnen und führte sie zum Munde. Der Knabe sah
sie verwundert an, dann sagte er ihr, sie möchte bezahlen. Sie
griff in Verlegenheit nach den Taschen und meinte darin Geld
zu finden; es war aber nur ein abgerissener Knopf, den der
vorige Knabe darin vergessen. Als sie ihn auf den Teller legte,
lachte der Knabe und rief die lustige Bande herbei. Da hieß es
gleich, wenn er kein Geld zum Zahlen habe, müsse er ein Lied
zum besten geben. Bella verging fast in Angst; kein Lied wollte
ihr einfallen, sie wurde gezogen und bedrängt. Endlich stieß sie
an einen Stein, und da sang sie im Schmerz:
Wer sich an den Stein gestoßen,
Springt in die Höh
Mit Ach und Weh:
Wollet ihr das Tanzen nennen?
Wen die Liebe hat verstoßen,
Singt in die Höh
Mit Ach und Weh:
Wollet ihr das Singen nennen?
O Schmerz, wie soll ich dich singen,
Du bist mir zu schwer!
O Herz, wem soll ich dich bringen,
Dich will keiner mehr;
Verlorn ist Lieb und Ehr.
Bella hatte diese Worte mit solcher Angst ihrer Kehle entpreßt,
daß der traurige Sänger vom Gebete aufgestanden war und,
ohne sie anzusehen, den Teller mit Früchten und Geld in ihr
Barett schüttete, das sie schüchtern halb vor ihr Gesicht wie ein
Becken mit Weihwasser hielt, ihre Tränen waren hineingeflossen;
hätte er sie erkannt, er hätte ihr mehr, er hätte ihr alles gege-
ben, denn er war ihr eigen. Aber so schön ist eine fromme Nei-
gung, daß sie selbst da wohltut, wo ein höheres Geschick ihr
keine Erfüllung gestattet. Der arme Schüler fühlte sich durch die
kleine Wohltat, er wußte nicht wie, erleichtert. Seine Bescheiden-
heit erlaubte ihm nicht, dem er wohlgetan, ins Auge zu sehn,
darum zog er die Bande mit seinem schönen Gesange weiter, daß
sie den armen Burschen, dafür hielt er Bella, nicht weiter mit
Anforderungen zum Singen ängstigten.
Als Bella allein war, warf sie sich an die Stelle nieder, wo der
arme Schüler im Staube gekniet hatte, wo er sein Licht und einen
Blumenstrauß zurückgelassen. Die Blumen dufteten so angenehm
zu ihr, und die heilige Mutter sah so liebreich zu ihr herab,
daß sie fühlte, die Sünde ihres Volkes sei vergeben: "Heilige
Mutter", seufzte sie, "hast du verziehen unsre Missetat, nimmst
du uns auf, nachdem wir dich verstoßen?" - Da glaubte sie, die
heilige Mutter nicke ihr freundlich zu, und ihr Herz schwamm
in Andacht so selbstvergessen, daß sie den Schwarm der Gäste
kaum wahrnahm, die um Mitternacht das Haus verließen.
Ein paar trunkene Edelknaben des Erzherzogs erzählten, daß
sie den kleinen Cornelius, als er vom Mohnsafte eingeschlafen,
unter den Ofen gesteckt und ihn an den vier Ofenfüßen mit
Armen und Beinen schwebend angebunden; es sei schade, daß
man noch nicht einheize, er würde sonst den Gesang der Män-
ner im feurigen Ofen sehr natürlich anstimmen können. So gin-
gen sie vorüber, ohne Bella zu bemerken, die sie ebenfalls nicht
beobachtete und endlich, als das kleine Licht des Schülers er-
loschen war, gleichsam mit offenen, sehenden Augen in eine
andre Welt getragen wurde. Sie sah ein Kind in ihrem Schoße,
das dem Erzherzoge gleich, vor dem sich zahlreiche Völker
beugten; sie war ganz verloren in dem Anblick.
Aber mitten aus diesem Entzücken weckte sie die geliebte
Stimme des Erzherzogs mit den Worten: "Wach auf, Knabe,
zünde deine Fackel und leuchte mir vor!" - Sie taumelte auf und
sah Golem Bella, die mit einem Lichte ihn bis vor die Türe be-
gleitet hatte. Sie war in einen schwarzen Mantel gehüllt. Der
Erzherzog, den die sinnliche Gewohnheit mehr ergriffen, den
die höheren Forderungen der Liebe in der Unruhe weniger ge-
stört hatten, näherte sich ihr und sprach: "Also morgen abend
bin ich wieder bei dir und übermorgen wieder, und so alle
Nächte, ja auch die Tage, wenn ich erst ganz frei der Herrscher
eines mächtigen Volkes bin, das wie wir die Torheiten des Le-
bens in freudigem Genusse vergessen soll!" "Vergiß nicht die
Perlen, die du mir versprochen", sagte Golem. Bella hatte jetzt
an ihrem Lichte ihre Fackel entzündet. Ihr Barett lag noch mit
den Früchten in der Kapelle, und da ihre Knabenkleidung vom
Mantel bedeckt war, so erschrak der Erzherzog, der sie ganz wie
am Frühlichte in Buik wiedererkannte, fuhr mit seiner Hand
gegen seine Stirne und rief: "Heiliger Gott, es sind ihrer zwei!"
- "Muß ich dich wiedersehen, du Vorgeschaffene Gottes, muß ich
an dir schaudern, daß ich nicht lebe?" schrie Golem und stach mit
einer pfeilförmigen, goldnen Haarnadel nach ihr. Der Erzherzog
aber, dem alles im Augenblicke schrecklich klar wurde, was er
sich bisher abgestritten hatte, hielt Golem Bella bei den Haaren
zurück, deren Flechten niederfielen; er sah die Schrift auf der
Höhe der Stirn, das Aemaeth, löschte die erste Silbe rasch aus,
und im Augenblicke stürzte sie in Erde zusammen. Der Mantel
lag über der formlosen Masse, als ob eine Magd, die in der
Stadtsandgrube sich Sand ausgegraben hat, weggerufen wird
und ihren Mantel darüberlegt, damit kein andrer ihr den Hau-
fen wegnimmt.
Aber weder der Erzherzog noch Bella hatten ein Verlangen
nach diesem irdischen Schatze. Der Erzherzog hob Bella rasch
auf, daß ihr die Fackel aus der Hand fiel, und trug sie in seinem
Mantel nach dem nahen Brunnen, wo er des klaren Wassers rei-
nigende Kraft über sein Antlitz und seine Hände hingehen ließ,
gleichsam um jede Spur dieser falschen Berührung mit der Erde
zu tilgen. Und als er sich in Unschuld gewaschen, küßte er die
geliebten Lippen der echten Bella, bekannte ihr, wie diese Irrun-
gen veranlaßt worden wären, und bat sie, ihm ihr Geschick, und
was sie in diese Kleider gebracht, zu bekennen. Bella sah sich
wieder in dem Besitze des verlornen Schatzes, und doch atmete
sie noch schwer und hätte doch gern ganz froh und heiter sich an-
gestellt. Es waren dieselben geliebten Züge, aber ohne den far-
bigen Fruchtstaub, den das Anfassen der neugierigen Welt so
leicht von dem unschuldigen Leben hinwegwischt, was uns Wein-
trinkern wie ein edles Faß vorkommt,- das mit einer geringeren
Menge unedlen Gewächses aufgefüllt worden: der Wein ist
darum doch klar, edel, aber nicht mehr rein. Karl war heiter,
aber er wollte es auch sein, um seine Verirrung auszutilgen, der
er doch zuweilen nachgähnte, und als ihm Bella ihre Geschichte
erzählte, da wurde ihm das Ereignis mit dem alten Adrian so
hervorstechend in seiner absichtlichen Laune, daß Bella ihm ihre
unsägliche Trauer und ihr Entsagen und ihren Wunsch nach
Ägypten nicht mitteilen konnte. Karl, den mitten in Liebkosun-
gen die Freuden naher Herrschaft beunruhigten und erkalteten,
beschloß, dem Adrian, den er zur Bewachung des Ximenez nach
Spanien senden wollte, nach dieser feierlichen Bestallung einen
lustigen Streich zu spielen, damit er das Ende seiner Hofmeister-
schaft deutlich fühle.
Es sollte nämlich in dieser Nacht ein großer Staatsrat gehalten
werden, worin Adrian präsidierte; an dessen Schlusse sollte
Bella hereintreten und ihn verklagen, daß er sie verlasse, und ein
Gericht der Liebe über den Kardinal verlangen. Bella, die den
Erzherzog so heiter sah, wollte gern an ihres Kans Seite ihre
überstandene Trauer vergessen, wenn sie gleich zu diesem Scherz
allzu beklommen war; sie glaubte es aber ihre Schuldigkeit, alles
Kränkende zu vergessen, insbesondre da der Erzherzog ihr ver-
sprochen, für sie und für ihr zerstreutes Volk nachher etwas
Bedeutendes zu tun.
Nach dieser Verabredung gingen sie still ins Schloß zur Hin-
tertür ein. Der Erzherzog gönnte Bella auf seinem Bette einige
Ruhe, gab ihr Erfrischungen und verließ sie endlich recht ungern,
um über die Schicksale der Welt zum erstenmal einen Rat zu
hören und eine Tat auszuführen. Die Versammlung bestand aus
Adrian, Chievres, Wilhelm von Croy, dessen Neffen, und Sau-
vage. Als der Erzherzog eintrat, bemerkte er, nicht ohne Regung
seiner Eitelkeit, die verschiedne Art, wie sie ihn jetzt begrüßten.
Jeder spekulierte in seinem Herzen, welche Vorteile ihm aus die-
sen nahen Veränderungen erwachsen möchten. Für sie war Ferdi-
nand, der Großvater, nicht bloß krank, sondern schon tot, be-
graben und vergessen; alle bemühten sich, den jungen Erzherzog,
der ein blindes Vertrauen in ihren guten Willen setzte, gegen die
Spanier einzunehmen, die nur ihre Rechte und ihren Dünkel,
nicht den Ruhm und die Macht ihrer Könige zu fördern suchten.
Der Erzherzog ließ sich leicht von etwas überreden, was er immer
geglaubt hatte; der früher von Chievres ersonnene Rat, den fe-
sten und treuen Adrian dem Ximenez an die Seite zu setzen, wurde
angenommen, und Adrian sollte schon am nächsten Morgen sich
nach Spanien einschiffen, ohne die sichre Nachricht von dem
wirklich erfolgten Tode des alten Königs abzuwarten.
Als dieses abgetan und alle sich entlassen glaubten, sagte Karl
ernsthaft, daß er jetzt, wo er sein eigner Herr werde, ein Straf-
gericht über seinen gewesenen Hofmeister Adrian eröffnen
müsse, insbesondre, ob derselbe seine geistlichen Gelübde der
Keuschheit gewissenhaft erfüllt habe. Alle sahen sich verwundert
an, und Adrian, der einen solchen Ton im Erzherzoge nicht ge-
hört hatte und seiner Unschuld sich bewußt glaubte, verlor so
gänzlich sein kaltes Blut, daß er zornig ein geistliches Gericht
verlangte, um sich der strengsten Prüfung zu unterwerfen. -
"Wir wollen nicht richten", sagte Karl, "sondern nur die Zeugen
verhören, denn diese könnte uns die geistliche List entziehen!" -
Bei diesen Worten gab er das verabredete Zeichen, und Bella trat
in der Livrei des Kardinals schüchtern in die Versammlung. Der
Kardinal wird im Augenblicke sichtbar rot; die übrigen wissen
nicht, was der Knabe vorzubringen habe, bis der Erzherzog den
Kardinal auf sein Gewissen frägt: Ob dieses sein Diener? ob es
ein Knabe? ob er es gewußt, daß es ein Mädchen? ob dieses Mäd-
chen nicht in seinem Bette geschlafen? - Adrian hatte seine Fas-
sung so ganz verloren, daß er kein Wort vorbringen konnte;
keine von den vielen Spitzfindigkeiten, die er in seinem Leben
durchdisputiert hatte, fiel ihm zu seinem Schutze ein. Er sagte
endlich, daß er nichts antworten wolle, es sei eine Verschwörung
gegen ihn, seine Gutmütigkeit werde hart bestraft. Länger konn-
ten weder der Erzherzog noch Bella seine Verlegenheit ansehen.
Der Erzherzog nahm Bella lachend in seinen Arm und recht-
fertigte ihn vor der Versammlung, indem er sagte, daß er ihn
angeführt habe, daß er ihm eine Geliebte zur Aufwartung ge-
geben, um sie sich selbst näher zu rücken. Adrian atmete wieder
nach dieser Rede; die Versammlung rühmte das frühe Liebes-
geschick des Erzherzogs. Chievres, der Karl gern zum Liebhaber
seiner Frau gemacht hätte, um ihn desto mehr in seine Gewalt
zu bekommen, versicherte laut, er würde seine Frau nicht mehr
mit ihm allein lassen. Der Erzherzog bat unterdessen Bella, daß
sie zur Frau von Chievres, die im Schlosse wohnte, gehen und
sich recht kostbar möchte ankleiden lassen, dann sollte sie mit ihr
in die Versammlung zurückkehren, noch habe er einige Akten
für Adrians Abreise zu unterzeichnen.
Diese Ausfertigungen waren nur ein Vorwand, sich selbst eine
Zeit der Überlegung zu verschaffen; streitige Wünsche teilten
seine Seele: was er der Liebe, was er seinem Stande schuldig, ob
er eine Herzogin von Ägypten heiraten dürfe, ob es nicht seinen
Thron unsicher mache. Diese Beratung in ihm war noch nicht
beendigt, als Bella in einem prachtvollen, silbernen Kleide, das
mit roten Blumen bestreut zu sein schien, auf ihrem Haupte eine
kleine goldne Krone, an der Seite der Frau von Chievres ins
Zimmer trat und die Bewunderung aller durch ihren sichern
Anstand gewann, so daß Sauvage und Croy einander zuflüster-
ten, es müsse wahrscheinlich eine Fürstin sein, die Karl heimlich
zu heiraten beschlossen habe. Karl beugte sich vor ihr, führte sie
auf seinen hohen Stuhl und versuchte zu sprechen, aber die
innere Bewegung machte es ihm unmöglich. Chievres bemerkte
diese Unbestimmtheit und glaubte, ihm einen Gefallen zu tun,
wenn er ihm Zeit verschaffte; darum trat er zu ihm und erzählte,
daß Adrian fortgegangen sei, weil ihm der Schreck über seinen
gefährdeten Ruf auf seinen Magen gewirkt hätte. Dieser lächer-
liche Erfolg seines Mutwillens löschte für einen Augenblick das
tiefere Gefühl Karls. Der Streit schien ihm geschlichtet, er schien
ihm unnütz. Vielleicht wirkte auch die Erschöpfung der tätigen
Nacht, als er zur Versammlung sagte: "Ich erkenne öffentlich
Isabella, die Tochter des Herzogs Michael von Ägypten, als ein-
zige Erbin dieses Lands, als Fürstin aller Zigeuner in allen Län-
dern diesseit und jenseit des Meeres und gebe ihr die Freiheit, sie
alle nach Ägypten zurückzuschicken, insofern sie selbst nur uns-
rer Liebe bleiben will."
Bella, die von der Rede nur wenig vernommen hatte, weil sie
sein herrliches Ansehen dabei, seine Würde mit freundlichen
Blicken bewacht hatte, fiel ihm nach deren Ende um den Hals;
das befreite Karl von aller Sorge, daß sie eine Heirat mit ihm
fordern möchte, und er küßte sie mit doppelter Zärtlichkeit. Die
Versammelten baten um den Handkuß, und Chievres, der gern
den Neigungen seines Herrn zuvorkommen wollte, erflehete
seiner Frau die Gunst, daß die Prinzeß von Ägypten künftig bei
ihr wohnen sollte, bis ihr ein eigner Palast geschafft worden sei.
Karl bewilligte aus Gnade, was er früher für eine Gnade der
Frau von Chievres sich erbeten hätte. Bella ging mit ihrer neuen
Mutter nach der anderen Seite des Schlosses, Karl sprach noch
einige Worte mit den Versammelten. Es war schon spät am Mor-
gen, als sie auseinandergingen. Die Vögel sangen ihr Lied, und
die politischen Menschen gingen zu Bette. Karl aber streckte sich
auf eine Rasenbank im Schloßgarten, wo ihn Bella aus ihrem
Zimmer ersah und nicht einschlafen mochte. -
Schon war in dem Hause des Herrn von Cornelius die größte
Verwirrung ausgebrochen; sein Toben unter dem Ofen, nachdem
er den ärgsten Rausch ausgeschlafen hatte, rief alle Bewohner in
den abenteuerlichsten Nachtkleidern zusammen. Alle waren
mehr oder weniger betrunken gewesen, daß sich niemand um
den Herrn bekümmert hatte, sogar der Bärnhäuter, daß er diese
Nacht vergessen, nach seinem Schatze im Sarge zu sehen. Der
Kleine, der schwebend angebunden hing und unter sich die Flie-
sen sah, die ein Meer mit Schiffen darstellten, glaubte in seinem
Halbrausche, er fliege über dem Meere, und wollte sich damit
sehen lassen. Als ihm aber die Bande gelöst wurden und er mit
der Nase auf dieses Meer fiel, da glaubte er sich verloren. Diese
Ideen verwirrten ihn immerfort, als er schon aufgehoben und
gereinigt war. Endlich sah er alles ein und verlangte in sein
Schlafzimmer; aber neue Verwirrung entstand, als nichts von
seiner Frau zu sehen war, als das verwirrte Bette. Das war allen
ein Rätsel, selbst der alten Braka und der Magd, die recht gut
wußten, daß nicht alles sei, wie es sein sollte. "Sie ist wegen
ihrer Tugend gen Himmel gefahren - mein Six! - das Fenster ist
offen", rief Braka, und das staunende Wurzelmännlein sah ihr
an dem Fenster nach, ob nicht ein Paar Beine am Himmel zu
sehen. Braka tröstete sich mit dem Gedanken, daß der Erzherzog
für ihr gutes Unterkommen gesorgt haben möchte. Das Wurzel-
männchen, dem eine Schwalbe etwas in den Mund fallen lassen,
sprang in liebender Verzweiflung vom Fenster zurück, um in
tausend lächerlichen Sprüngen wie unsinnig durchs ganze Haus
zu laufen. Als er die Türe noch offen fand, tobte er gegen den
Bärnhäuter; als er aber den Mantel der Geliebten und darin eine
Masse ordinären Lehm fand, da wußte er nicht, warum, aber
diese Erde gewann er so lieb, als sei es die Verlorne; er sam-
melte sie sorgfältig, trug sie in sein Zimmer, küßte sie unzählige-
mal und suchte sie wieder in eine Gestalt zu formen, die der Ver-
lornen ähnlich wäre. Die Beschäftigung tröstete ihn, während
unzählige Boten von ihm den Auftrag erhielten, das Land zu
durchsuchen, um von ihrem Aufenthalt, wenigstens von dem
Wege, auf dem sie entflohen, Nachricht zu bringen. Aber keiner
wußte ihm eine Auskunft zu geben, bis endlich Braka, die sich
alles Vorteils beraubt glaubte, der ihr aus der Liebe des Erzher-
zogs zur Golem Bella noch zuwachsen sollte, ihm die Nachricht
brachte, Isabella, die Fürstin von Ägypten, welche auf dem
Schlosse angekommen und der zu Ehren alle Zigeuner Freiheit
erhalten, sich öffentlich wieder zu zeigen und ihr Brot zu er-
werben, sei seine verlorne Frau. Der kleine Mann stand in Ver-
wunderung wie erstarrt, dann gürtete er sich mit seinem Schwerte
und eilte nach dem Schlosse, um vom Erzherzoge hierüber eine
Auskunft zu fordern.
Der Erzherzog ließ ihn gern vor sich kommen, hörte ihn an,
sprach, daß er die Fürstin vor seinen Richterstuhl fordern wolle,
und versammelte deswegen mehrere Herren um sich her. Der
Kleine war nicht wenig eitel, daß seinetwegen solch ein Auf-
sehen gemacht würde; er stand so ritterlich in den Schranken,
machte so stolze Augen, daß er, wie durch eine doppelte Brille
sehend, Isabella kaum erkennen konnte, als sie in einem roten
Samtkleide mit Hermelin besetzt, Frau von Chievres in einem
weißen Damast, auf dessen vorderer Fläche Adam und Eva
unter dem Apfelbaume gewebt waren, in das Zimmer traten und
die für sie bestimmten Plätze einnahmen. Der Erzherzog ver-
langte jetzt von dem Herren von Cornelius Nepos, daß er seine
Klage vortrage. Dieser hatte nicht umsonst Stunden in der Rhe-
torik genommen, das wollte er allen zeigen und bewähren; sehr
pathetisch ergriff er die ehelichen Mitgefühle der Versammelten,
sprach von dem ersten Glücke der Vermählten und von der
seligen, sorglosen Ruhe, in welche es alles Streben auflöse, um
in dem Erstgebornen das Herrlichste darzustellen, was die un-
geschwächte Kraft in ungestörter Leidenschaft hervorbringen
könne, weswegen auch die Menschheit alles, was sie unteilbar
erblich verliehe, nicht dem zweifelhaft größeren Talente unter
den Kindern eines Vaters überlassen möchte, sondern dem Erst-
gebornen, der in den allgemeinen Gesetzen der Natur das Über-
gewicht seines Lebens begründet finde. Auch diesen seinen künf-
tigen Erstgebornen, die Freude des Landes Hadeln, wolle ihm
der Leichtsinn seiner entlaufenen Frau entziehen, nicht zu ge-
denken, wie diese jetzige Unruhe schon seinem ersten, keimenden
Leben nachteilig sein müsse. - "Der Teufel hat aus dem kleinen
Kerl gesprochen", sagte Chievres leise, "mich rührt doch sonst
so leicht nichts, aber er macht einem seine Not so plausibel."
Der Kleine fuhr fort: "Wie soll ich aber mein Unglück beschrei-
ben, als ich in jener Nacht, wo das Glück meines Lebens mir ent-
führt wurde, selbst in bangem Bette auf weitem Ozean segelte
und an einem andern Bette Schiffbruch litt - gewiß eine Vor-
bedeutung der Schicksale meines Ehebettes - was mich dann auf-
weckte; worauf ich mich wie einen Adler mit ausgebreiteten
Flügeln über dem Meere zur Sonne schwebend erblickte, welches
doch sicher die Herstellung meines Glückes bezeichnet."
"Ja, wahrhaftig", fiel hier Frau von Braka ein, die als Zeugin
gerufen worden, "es war doch ein schlechter Streich von den
jungen Windbeuteln, die ihn unterm Ofen angebunden hatten,
denn sehen Sie ihn nur an, es ist doch immer nur ein schwacher,
verbogener Mensch, wie leicht hätte er sich einen Schaden tun kön-
nen, daß ihm das Hinterste nach vorne umgedreht worden wäre."
Diese gutmütige Rede versetzte die Versammlung in ein all-
gemeines Gelächter, und der Kleine erboste, daß er seinen Degen
gegen sie zog, der ihm aber noch frühzeitig genug von einem
Hellebardier abgenommen wurde. Jetzt ward er in aller Form
des Gerichts von Cenrio verhört, ebenso Braka, bis sie eingestan-
den, daß sie unter einem angenommenen Namen in der Stadt
gelebt. Von den Anforderungen an Bella wollte aber keiner
abgehen; sie baten, den Priester kommen zu lassen, welcher die
Vermählung eingesegnet hätte. Länger konnte sich Bella nicht
halten; sie fragte sie mit Unwillen, ob sie es vergessen, wie sie
von ihnen zum Hause hinausgetrieben worden, nachdem sie von
ihnen in Buik den Händen einer verruchten Kupplerin überlas-
sen geblieben; sie fragte, ob sie das an dem Kleinen verdient,
als sie ihn aus einer unförmlichen Wurzel zu einem kleinen Men-
schen emporgetrieben?
Der Kleine und Braka gerieten in die größte Verlegenheit;
Braka hatte indessen bald ihre Überlegung flott gemacht; sie
setzte schnell zur Partei der Bella über und sagte: was sie gespro-
chen, sei aus Furcht vor dem kleinen Männchen ihr in den Mund
gekommen, sie müsse jetzt eingestehen, daß irgendeine falsche
Gestalt unter dem Namen Bella dem Alraun vermählt worden
sei, die jetzt, sie wüßte nicht wie, verschwunden sei; diese echte
Bella müßte sie aber als Fürstin verehren, wie sie ihr seit frühern
Jahren gedient habe. Dabei heulte sie wie eine Meute Hunde, die
ihr Fressen erwarten, und warf sich vor Bella nieder.
Der kleine Wurzelmann tobte jetzt wie ein Rasender, warf
seinen Handschuh hin und schwur, daß er mit jedem fechten
wolle, der ihm seine Frau streitig machen oder ihn für einen
Alraun erklären wollte. Chievres erklärte jetzt, daß erst dieser
letzte Punkt berichtigt sein müsse, ob er ein Mensch, um ihm
ritterlichen Zweikampf einzuräumen, ferner ob er ebenbürtig
und christlicher Religion sei. Der Kleine behauptete, er habe
einen Diener, Bärnhäuter genannt, der dies alles, was ihm hier
abgestritten, bescheinigen würde, man möchte nur erlauben, daß
er den herbeiholte. Dies wurde ihm bewilligt.
In der Zwischenzeit kam durch Brakas Geschwätzigkeit an den
Tag, wie der Alraun alle verborgenen Schätze zu heben wisse und
allerorten dergleichen angetroffen habe. Chievres horchte hoch
auf und sagte zum Erzherzoge: "Gott segnet Ihre Hoheit mit
einem Finanzminister in der kleinen Person dieses Alrauns, der
Ihre künftige Größe fest begründen kann; unabhängig von den
Launen der Stände schafft er Eurer Hoheit künftig die Mittel,
jede Tätigkeit für sich zu benutzen. Er wird die Seele des Staa-
tes; sein Genie wird göttliche Rechte und menschliche Wünsche,
die ewig einander widersprechen, ausgleichen können. Lange
lebe der Erzherzog und sein Reichsalraunl" - Dem Erzherzog
wurde in diesem Augenblick die künftige Klugheit, die ihn in
allen Verhältnissen leitete, vorahnend; er nickte Chievres wohlge-
fällig zu und sann darauf, wie er das kleine, nützliche Wesen sich
verbinden könne. Chievres stieg in seiner Gnade und in seinem Zu-
trauen durch die unerschöpfliche Erfindungskraft seiner Klugheit.
Der Erzherzog begrüßte diesmal den Kleinen sehr freundlich,
als er mit dem Bärnhäuter hereintrat, der die zurückgelassenen
Kleider und das angefangene Bild der Golem Bella trug. Der
Kleine hatte dem armen Kerl den ganzen Rest des Schatzes auf
einmal zu geben versprochen, insofern er ein recht kräftiges
Zeugnis ablegte, daß es nur eine Bella gebe, daß diese ohne alle
Veranlassung nach ihrer Verheiratung aus dem Hause entwichen
und eine Masse Leimen, von ihren Kleidern und ihrem Mantel
umhüllt, zurückgelassen habe; zugleich solle er beschwören, daß
er des Alrauns Eltern gekannt, die im Lande Hadeln als gute
Christen und alter Adel bekannt gewesen. Der alte, tote geizige
Bämhäuter hatte ihm das alles versprochen; er trat vor und be-
gann die verabredete Lügengeschichte. Wie aber Braka oder
Bella ihn zur Rede setzten, so antwortete der neuangefressene
Teil seines Leibes, gleichsam die verbesserte Ausgabe seiner Na-
tur, ganz entgegengesetzt mit einer helleren Stimme: Mensch -
Nichtmensch, Bella verheiratet - Bella aus dem Haus gejagt,
durchkreuzte sich so gewaltig, daß sein Zeugnis, nachdem die
Richter mehrere Bogen beschrieben, in Null aufging. Der kleine
Mann wurde fast unsinnig aus Ungeduld, entriß dem armen,
ganz in sich zerrissenen Bärnhäuter die Kleider und das Lehm-
bild, jagte ihn mit Fußtritten zur Tür hinaus und schwur ihm,
daß er den Schatz jetzt, statt ihn auszuliefern, in alle Welt als
Almosen zerstreuen wolle; daß der Bärnhäuter umsonst bis zum
Jüngsten Tage von einem Herren zum andern sich verdingen
solle, um ihn zusammenzubringen; daß er umsonst für einen
alten Taler einen Herren dem andern verraten werde, umsonst
im Kriege von einem zum andern übergehe, um das Werbegeld
zu stehlen; seine bessere frische Natur werde das schändlich ge-
wonnene Geld zur großen Qual seines alten Leibes verschenken
und verschleudern, und so werde er am Jüngsten Tage noch so
arm, abgerissen und trostlos wie im gegenwärtigen Augenblicke
erscheinen . Nachdem der Kleine diesen Fluch ausgesprochen,
wendete er sich in trostlosem Ärger zu der Lehmfigur. Chievres
fragte ihn, wen diese Gestalt bezeichne? Der Kleine wies auf
Bella und weinte bitterlich; wer hätte aber in der langen Gurke,
welche die Mitte des breiten Erdenkloßes bezeichnete, die feine,
zierlich geschwungene Nase der schönen Bella erkannt? Seiner
Art Liebe genügte aber vorläufig dieses Bild; es war zum Erstau-
nen, wie zärtlich er den von seinen Tränen angefeuchteten Ton
berührte. Der arme Prometheus! Oft sah er Bella so grimmig an,
daß der Erzherzog fürchtete, er möchte ihr das Feuer ihrer
Augen ausstechen, um es seinem Erdenkloße einzupfropfen.
Dann fürchtete wieder der Erzherzog, er möche mit seinen
Händen in dem Ton einwurzeln und seine geldbringende Weis-
heit in der Rückkehr zur Wurzelnatur aufgeben. Er und Bella
hatten längst erraten, daß dies der irdische Rest des Golems sei,
und ihnen graute davor.
Bella lachte nicht des Bemühens im Kleinen, dies Bild ihr
ähnlich zu schaffen. Die gutmütige Bella fühlte Mitleiden; sie
bat diese öffentliche Versammlung zu endigen, denn sie müsse
sich endlich doch sein Unglück wieder selbst vorwerfen, denn ihr
Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoß der Erde gerufen.
"Den Kuckuck mags da ruhig gewesen sein!" sagte der Kleine,
indem er sich aus Widerspruchsgeist verschnappte, "die Maul-
würfe, die Reitwürmer, die Ameisen haben mich da noch viel
ärger geschoren, als ihr alle zusammen." - Chievres sagte, daß
diese Anerkennung hinreiche, und verließ mit den übrigen Her-
ren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem
Kleinen auf die Schulter und sagte ihm: er möchte jetzt an den
Unterschied, welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella
aus einem Fürstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Ge-
müte denken; eigentlich der Mann von Bella zu sein, wäre ihm
nun unmöglich, denn wie in der Bibel stände: und der Mann
soll dein Herr sein, so würde das Volk, das ihr gehorchte, ihn
nie an ihrer Seite dulden; was aber möglich wäre und schon viel
wert: er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und
mit ihr in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls
wohnen, doch von Tisch und Bett geschieden sein; nur müßte er
geloben, um sich dieser Auszeichnung würdig zu machen, mit
unermüdlichem Fleiße alle verborgenen Schätze aufzusuchen
und ihm, als dem Schützer des künftigen Zigeunerreichs, zu über-
liefern. - Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ists
mir ganz recht, und ich möchte Eurer Hoheit um den Hals
fallen, wenn Sie nicht so groß wären. Habe ich mein eignes
Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich weiß so nicht, wozu
das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es diese nicht ist,
ließ mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen ge-
kostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich
voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das
Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn
es diese nicht ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien,
soviel ich wollte, sie nahm die besten Stücke, und wenn ich nicht
ruhig sein wollte, schlug sie mir mit den heißen Knochen, item
mit dem Suppenlöffel ins Gesicht."
Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefügt hatte, so
schickte der Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun
schon einmal getraut hatte, und ließ drohen, ihn bei Wasser und
Brot wegen der heimlich vollzogenen Einsegnung gefangenzu-
setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung zu verrichten
sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und abends
in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs
wurde die Vermählung an der linken Hand gefeiert, welche so-
wohl die untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos
und den geizigen Pfarrer, als auch die Häupter unsrer Geschichte,
den Erzherzog und Bella, miteinander in ein ruhig begründetes
Verhältnis zu setzen versprach. Doch Bella weinte während der
Vermählungsfeier so heftig, so unwillkürlich, daß sie keine Ein-
willigung geben konnte; umsonst fragte Karl zärtlich nach der
Ursache ihrer Tränen, aber sie wußte keine, als daß ihr eine
kleine Katze eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen er-
säuft hatte: diese Sünde hätte sie vergessen zu beichten. Da sie
keine Einwendung gegen diese Hochzeitzeremonien machte, so
wurde die Hochzeit als beendigt angesehen, und der Kleine be-
zeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den Erz-
herzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses
einen Schatz an Münzen und goldnen Ketten befreite, der über
zweihundert Jahre darin geruht hatte.
Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fühlte
sich ganz unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella,
wie sie in Erde zerfallen, so gestört, und Bella konnte die alte,
ganz hingebende Vertraulichkeit so wenig in sich finden, daß
beide froh waren, ihre Betten einander nicht so nahe wie in Buik
gestellt sehen. Der Erzherzog versank in einen schönen Traum:
es war ihm, als sähe er mit den prachtvollen Goldketten, die ihm
der Alraun gefunden, die spanischen Großen, die selbst vor dem
Könige mit bedecktem Haupte zu erscheinen wagten, zur Erde
gedrückt; es war ihm, als könnte er viele tausend Soldaten mit
diesen Ketten ziehen, und überall, wohin er mit ihnen zog,
wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch
aus einer Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fühlte sich
wieder zu dem Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger
Schatz geworden war, zurückgetrieben, und in der Begeisterung
über sein Glück gelang es ihm diesmal besser. Alles bildete sich
unter seinen Händen so ähnlich, daß er entzückt den Besitz dieses
selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott geschaffenen vorzog,
das sich unmöglich den wunderlichen Gedanken eines solchen am
Sonntage Quasimodogeniti gebornen fügen konnte. Bella aber
genoß wohl in dieser Nacht des höchsten Glückes von allen, als
ein wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster
rief. Sie hörte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Führer,
nachdem der Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in
den Niederlanden gewährt hatte, zu der anerkannten Fürstin
ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem Gesange nächtlich zu
begrüßen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu schwören. Wir
wollen es versuchen, diese herzliche Begrüßung in einer Über-
setzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch über die Ein-
richtung ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Hände
und Kleider mit einer Phosphorauflösung getränkt, die in jener
Zeit nur ihnen bekannt war; sie leuchteten in Dampfwolken,
und wo sie einander berührten oder einander strichen, wurde
dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der einige Zeit nachwährte
und währenddessen der Gesang einfiel:
Gebüßt sind alle Sünden!
Wir steigen aus den Flammen
Und werden uns zusammen
Bei unsrer Fürstin finden;
Wir wecken die Schöne
Mit leisem Getöne,
Es klinget die Krone
Vom Zepter berühret,
Der endlos regieret
Vom Vater zum Sohne
Im Herrscher geschlechte
Nach göttlichem Rechte.
Es füllt des Herbstes Odem
Das Aug mit heißen Tränen,
Das Herz mit heiligem Sehnen
Nach unsres Landes Boden.
Jetzt sinken die Wogen,
Die alles umzogen;
Die schaffende Stunde
Durchspielet die Felder,
Und blühende Wälder
Entsteigen dem Grunde,
Und zahllose Kinder
Besingen den Winter.
Komm, Bella, führ die Deinen,
Wir schwören dir die Treue,
Komm, eil mit uns ins Freie,
Vom Schloß aus toten Steinen;
Wie schwarz sind die Mauern,
Da wohnet das Trauern,
Wir klirren die Waffen
Der lauernden Wachen;
Wie freundlich wird lachen
Des Morgens Erschaffen,
Wir folgen im Zuge
Den Vögeln im Fluge.
Wohl gehörte auch Bella zu einem Geschlechte der Zug-
vögel, die trotz aller zärtlichen Pflege und Liebe durch den
Menschen, wenn sie die Stimme ihrer Brüder aus den Lüften ver-
nehmen, nicht widerstehen können. Gibt es doch arme Völker
am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone
kein Gefallen abgewinnen, und die beim Anblicke eines Schwa-
nes sich ins Wasser stürzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu
schwimmen wähnen; wieviel mächtiger wirkt die eigentümlich
überlegene Natur in dem stolzen Herrschersinne nach, aus
welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in Europa wie die
fremde Blume, die sich nächtlich nur erschließt, weil dann in
ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut
überströmten sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte
doch nicht warum; sie liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals
geliebt, aber sie fühlte, seit er eine andre wie sie geliebt, daß sie
seine erste Liebe mit sich trüge in die Ferne, und erst jetzt ge-
stand sie sich, daß diese scheinbare Vermählung, so wenig dabei
die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie tief gekränkt habe,
weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und ewiglich, wie ihr
fürstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermählen, deutlich daraus
hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den
Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur
die Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles ver-
schmähen kann: sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von
ihren Herrschern verschmähte und jede Tat für sie als schönsten
Gewinn achtete. Sie nahete sich im innern Kampfe dem Bette des
Erzherzogs, sie küßte ihn; wäre er erwacht, sie hätte nicht von
ihm lassen können; aber er stieß sie im Schlaf von sich: ihm
träumte, als ob die goldne Kette, worin er die Völker führte, ihm
selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuß wickelte, daß
er dadurch zu fallen fürchtete; darum stieß er sie von sich. Sie
aber fühlte das im bewegten Gemüte anders und sprang leicht
aufs Fenster und zu den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr
Sprung hoch oder nieder; aber das Glück ihres Volkes wollte sie
unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im ersten Geschoß,
und der fahrende Schüler, den seine Liebe und Traurigkeit,
nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster
getrieben, fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten
sie, setzten ihr die Krone auf, gaben den Zepter ihr in die Hand
und zogen, ohne daß die Wachen etwas bemerkt hatten, still-
schweigend mit ihr und dem fahrenden Schüler, daß er sie nicht
verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten Pferden, auf ver-
borgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.
Als der Erzherzog aus dem bänglichen Schlusse seines Herr-
schertraumes zum Lichte aufwachte, daß allen Träumen mit den
kecken Worten entgegenzutreten scheint: ihr seid nicht wahr,
denn ihr besteht nicht vor mir! - da meinte auch er, alles Trau-
rige, was ihn bedroht, sei ein Hirngespinst gewesen. Wer spinnt
aber im Innern unsres Hirnes? Der die Sterne im Gewölbe des
Himmels in Gleichheit und Abwechselung bewegt! Der Schatz
des Erzherzogs lag unversehrt vor dem Bette, er spielte leise
damit, um Bella nicht zu erwecken. Aber der geschäftige Drang
des Tages nahte immer tosender auf allen Straßen, und Bella
erwachte immer noch nicht; er rief, er sah nach ihrem Bette, aber
er fand sie nicht. Er durchlief ängstlich das Haus; aber Bella war
nicht zu errufen. "Pflückt sie mir einen Blumenstrauß, unsern
Morgen zu schmücken? Ist sie in der Frühmesse und dankt
Gott für ihr Geschick?" - Beides widerlegte die nächste Stunde,
und der Erzherzog befragte ohne Erfolg die Wachen, ließ Braka
vergebens rufen. Die alte Braka weinte ernstlich um die schöne
Bella, alle schöne Aussichten schwanden ihr. Wie aber Weiber
im Unglücke sind, der vornehme Stand hält die Zunge ihres
Unwillens nicht zurück, ihr Kopf füllt sich so ganz mit einem
Gefühle, daß sie jeder Rücksicht vergessen. statt den zornigen,
ungeduldigen Erzherzog zu fürchten, machte sie ihm die bitter-
sten Vorwürfe, daß seine Grausamkeit, Bella mit dem Kleinen
zu verheiraten, sie zur Flucht veranlaßt hätte. Der Erzherzog
schwieg beschämt, er fühlte, daß sie recht hatte, daß seine törichte
Klugheit ihm das Köstlichste entrissen, was sein ganzes Leben
ausgestattet hätte; er fühlte sich so verächtlich vor den Augen
der Alten, als der kleine Alraun nimmer vor seinen Augen ge-
standen. Er befahl Braka, sich zu entfernen, und gebot ihr nach-
her, ein Gnadengehalt anzunehmen und es in der Nähe seines
Hofes zu verzehren, damit er jemand hätte, mit dem er von sei-
ner Bella reden könnte. Seine unzähligen Boten, die Deutsch-
land durchstreiften, kamen ohne Nachricht zurück; sein Groß-
vater Maximilian, der etwas von seiner Leidenschaft vernommen,
hatte sie allerorten abweisen lassen. Erst sehr spät, nachdem
Isabella mit den Ihren längst weitergegangen, erfuhr er, daß sie
im Böhmer Walde von einem Prinzen entbunden worden, der
in der Taufe den Namen Lrak (der umgekehrte Name des Vaters
Karl) erhalten hatte, und daß der fahrende Schüler, der mit den
Zigeunern entwichen, durch Bellas Gunst, unter dem Namen
Sleipner, einer ihrer Anführer geworden sei.
Das Warten auf diese Nachrichten war die Ursache seines un-
begreiflichen Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spa-
nien ging, wo sein Großvater inzwischen gestorben war und
die gewaltsame Klugheit des Ximenez, ohne seine Gegenwart,
leicht bürgerliche Kriege veranlassen konnte. Als er diese Kunde
von Isabellen erhalten, wäre er ihr gern nachgezogen, aber wo
sollte er sie treffen? Wie sollte er den Jugendträumen seiner
Herrscherlust entsagen? Doch ward ihm die Krone, die er bis
dahin bloß als Schmuck angesehen, zu einem drückenden Ge-
wichte, und die Feierlichkeiten, die ihm bis dahin die Zierde der
Tage geschienen, zu einer verlornen Zeit, wie das Stundenschla-
gen, das mit seinem Klange die ruhige Folge sehnender Gedan-
ken unterbricht.