Achim von Arnim
Fürst Ganzgott und Sänger Halbgott

 

Die Abendsonne schien glühendrot durch den Staub, und der

einzige Tau fiel von der Stirn des durchgeglühten Wanderers auf

den dürren, scharfen Kunstboden der Landstraße. "O ihr ver-

fluchten Kunststraßen!" seufzte der müde Sänger, "wenn ich so

die endlose gerade Linie hinunterblicke, meine ich eher in die

Sonne als nach Karlsbad zu kommen, und nichts erquickt mich

als der Gedanke, daß jetzt mein undankbares Publikum recht

verdrießlich in den engen Theatersitzen sich klemmt und in

Langeweile dehnt, wenn die Oper heute verhunzt wird; es soll

die Leutchen gereuen, wie sie mit mir verfahren sind; meine

Stimme kommt wieder, aber ich nicht zurüek!" Bei diesen Wor-

ten versuchte Halbgott die schwersten Läufe und diese Zerstreu-

ung förderte den Lauf seiner Beine; ehe er es sich versah, hatte

er den Punkt des mächtigen Chausseebaues, der die erste Ein-

sicht in die geheimnisreiche Bergtiefe von Karlsbad gestattet. Er

sah das gelobte Land vor sich ausgebreitet und rief: Hier finde

ich mein wahres Publikum! Kaiser, Könige, Fürsten, ihr seid

mir ebenbürtige Richter, stammt, wie ich, von Gottes Gnade her!

Ihr werdet mein Recht auf die tiefen Töne anerkennen, ihr wer-

det mich nicht zwingen, höher zu singen, als ich es vermag, wenn

mir der Zapfen durch Erkältung gefallen. Hier im Bade werde

ich auch meine hohen Töne wiedergewinnen; ich kann den Ne-

belgestalten trotzen, die mir den scharfen Abendwind entgegen-

blasen; das sind die bösen Geister meines Publikums!" Und doch

tat es ihm leid, daß er im Ärger seinen Überrock vergessen;

eigentlich bemerkte er auch jetzt erst, daß er noch in der knap-

pen Jagduniform mit dem Sterne einhergehe, die ihn in seiner

Rolle bekleidet hatte. "Darum begrüßten mich also die Leute so

demütig", dachte er lächelnd, "je nun, warum sollte ich ver-

schmähen, was der Zufall mir verliehen hat? Verschmäht es doch

kein Fürst. Der Stern ist ohnehin das letzte Silber, was ich an

mir trage, und es ist mir lieb, daß er nicht gestickt, sondern von

massivem Silber gearbeitet ist. Ein rechter Fortschritt in der dra-

matischen Kunst, daß nun alles echt ist in der Schauspielerklei-

dung!" Unter solchen Betrachtungen trat er in die Gassen, wo

manche Abschiedsserenaden in lustigen Melodien schallten. "So

möchten uns Künstler die jungen Pflastertreter behandeln, wie

diese elenden Bierfiedler, daß wir uns stundenlang für wenige

Kreuzer abmühten, um einen Augenbliek von ihnen gehört zu

werden!" Er eilte weiter, und bald darauf dampften vor ihm

die Tempelhallen des Sprudels, die er für eine große Waschan-

stalt hielt; er sah eine weiße Gestalt in der Halle, die sich ab-

wechselnd beugte und sich dann wieder erhob; der Sänger dankte

ihr mit Anstand - es war die Sprudelquelle in eigner Person.

Erstaunenswerter Anblick! "Bruder Titan", rief er, "dir ging es

wie mir, noch geiferst du, gedemütigter Göttersohn, und kannst

die Felsdecke doch nicht erheben, die dich belastet! Halt!" so

unterbrach er sich, "was bringt ihr? einen Leichnam? - einen

Gemordeten? Gebt Rechenschaft!" "Ew. Durchlaucht halten zu

Gnaden" antwortete ein Mann, "wir wollten ein Schwein hier

im Sprudel abbrühen." "Ach, wäre mir ein Rippenstück be-

stimmt und gleich gebraten!" seufzte er heimlich und überließ es

dem Zufall, ihm ein Wirtshaus anzuweisen. "Das beste Wirts-

haus gibt den meisten Kredit!" - mit diesen Worten blieb er

vor einem ansehnlichen Hause stehen und fragte einen Vorüber-

gehenden: "Ist hier ein Wirtshaus?" Der Mann grüßte mit Ach-

tung und antwortete: "Dort ist Ew. Durchlaucht Hotel; aber es

begegnet hier jedem Fremden, sich abends nicht finden zu kön-

nen." - "Meine Wohnung!" dachte Halbgott, "ich bin damit

zufrieden und will die Gunst des Schicksals nicht von mir wei-

sen, sowenig ich mich seiner Verfolgung entzogen habe; die Welt

wird endlich jedem gerecht." Er trat ins Haus, gleich riefen ein

paar Stimmen: "Seine Durchlaucht!" Zwei Kellner sprangen mit

silbernen Armleuchtern herbei und leuchteten voran auf der

Treppe. Es ist immer nicht übel, gut aufgenommen zu werden,

auch wenn es nur im Namen eines andern, wie bei Gesandten,

geschieht. Der Sänger ging ohne Ärger den Armleuchtern nach

und trat in ein wohleingerichtetes, wenn auch nicht gerade fürst-

liches Zimmer, dessen Tische mit Mineralien bedeckt waren. Der

Kellner bedauerte, daß noch keiner der Leute Sr. Durchlaucht

zu Hause gekommen wäre, und fragte, ob die Suppe gebracht

werden solle? Der Sänger nickte, indem er die Mineralien des

einen Tisches zusammenwischte und in eine Ecke warf, um eine

Rolle, die er in die Tasche gesteckt, noch einmal durchzugehen.

Seine Stimme hatte wieder ihre grausame Falsetthöhe gewon-

nen; er freute sich darüber, vorläufig aber mehr noch auf das

Abendessen. Da trat der Kellner mit einem Suppennäpfchen

herein, das er einsam auf den gedeckten Tisch stellte. Halbgott

kostete: "Pfui! was ist das?" "Sprudelsuppe, wie Ew. Durch-

laucht alle Abend befohlen haben." "Heute nicht", rief der Sän-

ger, "fort mit dem Spülig! Bring Fasanen, Forellen, Champag-

ner! Ich habe, gottlob, heute meinen Appetit wiederbekommen!"

"Die Wirkung kommt immer nach einiger Zeit", sagte der Kell-

ner, "Ew. Durchlaucht sehen auch heute viel wohler aus!" Er

eilte fort, er kam zurück; große Forellen, guter Wein, Rebhüh-

ner schmückten die Tafel. Der Kellner bat demütig um Entschul-

digung, daß er keinen Fasanen auftreiben könne. Der Sänger

verzieh ihm; ja, ervergab sogar im seligen Genusse allen, die ihn

verfolgt hatten. "Seid umschlungen, Millionen!" rief er, "einen

Kuß der besten Welt!" Der Kellner mußte ihm die Adresse auf-

schreiben, von wem der Champagner verschrieben; dann schickte

er ihn fort, um in Ruhe sich zur Ruhe zu legen. Das Bette sah er

aus dem Nebenzimmer blinken. "Gerade ein Bette, wie ich es

liebe", sagte er. ""Matratze, Daunendecke, ein Paar Pantoffeln

davor von zierlicher Tapissenearbeit. Welche zwei Wappen sind

das, die sie vereinigt darstellen? Die muß ich also auch künftig

statt meines Apollokopfes führen! Wäre ich nur Diplomatiker!

Auch der Stiefelknecht ist mit einem Wappen bezeichnet und

könnte mir meine Abkunft erzählen. Bei Gott! ich habe solch ein

Wappen bei der Mutter einmal gesehen!" Aber ehe noch diese

Rede geendet, war schon seine Kleidung abgeworfen und sein

Nachdenken unter der Decke beschwichtigt. Kaum eine Stunde

mochte er so selig geschlafen haben, als er durch einen Druck und

dann durch heftiges Geschrei nach Licht und Leuten erweckt

wurde. Er riß die Augen auf und sah bei dem Scheine des Nacht-

lichts sich selbst wie einen Geist vor dem Bette stehen, und die-

ses Gegenbild zog einen Degen und legte sich mit flatterndem

Hemde in die Stichparade. Es traten andre ins Zimmer, die nicht

weniger verwundert nach dem Bette starrten. "Ich sterbe gewiß

an den Erdbeeren!" seufzte der Mann mit dem Degen, "ich sehe

mich selbst im Bette!"

Der Sänger hatte zuerst seine Besinnung wiedergewonnen,

sprang auf, drückte seinem erschrockenen Ebenbilde die Hand

und sprach: "Wir ähneln uns wie Brüder, vielleicht trifft es sich,

daß wir es auch sind; es ist spät, wir beide sind müde, das Bette

breit. Lieber Bruder, erkälte dich nicht, der Brunnen kann deine

Haut geöffnet haben, und deine Seele sieht vielleicht hindurch

wie durch ein Gitter, es könnte dir schaden und deine Seele da-

vongehen; ich mag mich auch nicht erkälten, teile mit mir dies

Bette, ich habe nichts dagegen; ich bin frei von der Pest, ich hoffe,

du bist es auch!" Der Fürst, der schon von der kühlen Nachtluft

zitterte und ein eignes Wohlgefallen an dem seltsamen Wesen

seines Ebenbildes empfand, errichtete den provisorischen Zu-

stand, indem er in das Bette sprang und von da aus seine Unter-

handlungen fortsetzte. "Wer sind Sie?" fragte er gebietend,"wer

gab Ihnen ein Recht auf mein Bette?" "Lassen wir das bis mor-

gen!" antwortete gähnend der Bettgenoß, "gehen Ew. Durch-

laucht in vierundzwanzig Stunden acht starke Meilen, so wer-

den Sie ein Recht an Schlaf und Bette nicht mehr bezweifeln, be-

sonders wenn es einem von dienstwilligen Kellnern gleichsam

aufgedrungen wird; unglückliche Verhältnisse und Elsteraugen

haben mich geplagt, Champagner hat mich getröstet, übrigens

bin ich sicher; ich besitze einen Stern, der ist mein Vermögen,

eine Jagduniform, eine Art von Uhr steckt noch in den Hosen,

das alles ist in Ihrer Gewalt. Gute Nacht!" Der Kammerherr

des Fürsten berichtete das Versehen des Kellners, zeigte den selt-

samen Orden des Schlafenden, der wie eine Kreuzspinne in ih-

rem Gewebe nach der Theaterphantasie des Direktors gearbeitet

war, um jede Ähnlichkeit mit einem wirklich bestehenden Orden

zu vermeiden. Noch mehr war er über die Uhr verwundert, die

in einigen Stichen bestand, womit die Uhrkette festgenäht war,

so daß sie mit den Hosen zugleich aufgezogen wurde. Der er-

heiterte Fürst konnte dem Kammerherrn seine Freude nicht ver-

bergen, endlich ein unterhaltendes Abenteuer angetroffen zu

haben. Er sagte, es sei der erste Abend, an welchem er sich wohl

befinde, das Bette sei breit und könne sie beide recht gut fassen.

Der Kammerherr war froh über diese gute Wirkung des Son-

derbaren, ließ aber doch heimlich sein Bette ins andre Zimmer

bringen, daß seinem Herrn in der Nacht kein Leids durch den

Fremden geschehen möchte.

Der Fürst erwachte zuerst und setzte sich an seine Toilette,

wie ihm seit frühen Jahren beigebracht worden, um das Not-

wendigste und Überflüssigste in gleicher Weitläufigkeit zu voll-

bringen. Auch der Sänger war allmählich aufgewacht und sah

der Wirtschaft, allen den unzähligen Bürsten, Zahnpulvern,

Tinkturen, den vielen Leuten, die rechts und links Beistand lei-

steten, mit lächelnder Verwunderung zu. Endlich konnte er sich

nicht länger halten und rief: "Bruder, du machst es gerade wie

meine alte Mutter; die war zu ihrer Zeit schön und meint es mit

so ein paar Künsten noch immer bleiben zu können!" Bei diesen

Worten sprang er aus dem Bette und stand in wenig Augen-

blicken gewaschen, gekämmt und angezogen in den Kleidern des

Fürsten, die statt der seinen dalagen, vor den staunenden Augen

des umständlichen Herrn und griff dann nach seinen Noten,

während der Fürst die Mineralien sorgsam aufheben ließ, die

der Sänger gestern an den Boden geworfen. Dieser sang jetzt

so herrlich, daß der Fürst, der ein leidenschaftlicher Liebhaber

der Musik war, ihn im ersten Entzücken umarmte und darauf

schwor, wenn der Sänger nicht etwa auch ein heimlicher Fürst

sei, daß er lebenslang bei ihm bleiben müsse. Dann versuchte er

sich selbst im Gesange, und Halbgott versicherte ihm, es könne

etwas Großes aus ihm werden, nur müsse er die fatalen Steine,

die während des Gesanges wacker geklappert hätten, nicht wie-

der anfassen. "Zum Fenster hinaus damit", sagte der Fürst,

"wenn Sie das hindert! Ich bin zu allem angehalten worden und

treibe eigentlich doch, außer dem Gesange, gar nichts mit Lust

und Liebe." - "Aber der Sprudel?" fragte der Kammerherr be-

denklich und reichte einen ellenlangen Porzellanbecher und einen

Bündel Salveiblätter dar. Der Fürst steckte durch den Henkel

des Bechers seinen linken Daumen, den Salveibüschel aber wie

einen Orden ins Knopfloch, befahl, dem Sänger gleiche Arma-

turstücke zu reichen, und eilte voran mit gar bedenklicher Miene

und den Worten: "Ja, es ist die höchste Zeit zum Sprudel!"

Dann ergriff er den Sänger beim Arm, zog ein feierliches Gesicht

und sprach: "Es freut mich, Sie mit den geheimnisvollen Wun-

dern der heilenden Mutter Natur bekanntzumachen! - Es

schmeckt erschrecklich schlecht!" sagte der Fürst, als sie an der

Quelle standen. "Pfui Teufel!" rief der Sänger, "welcher Mensch

mag warmes Wasser trinken? Rum, Zitronen und Zucker gehö-

ren dazu, dann lasse ich es gelten. Und sehen Sie die Menschen,

lieber Fürst, wie sie die Augenblicke zählen, um so lange wie

möglich von diesem Straftrank frei zu sein; welche gelbe Gesich-

ter, welche geschwollene Bäuche, welch ein Laufen mit Schlüs-

seln! Hier gibt es echte Kammerherrn, bester Herr Kammer-

herr! Ew. Durchlaucht, hier ist Gefahr, da sinkt schon einer in

Ohnmacht, jener schwindelt umher wie eine Leichenpredigt, und

wie sie halb wahnsinnig miteinander von den Wirkungen des

Brunnens reden! Um Gottes willen, Ew. Durchlaucht, mischen

Sie sich nicht unter diese wahnsinnige Wassergesellschaft! Sie

sind jung, Ihnen fehlt nichts als Geistesbewegung; ich heile Sie,

vertrauen Sie mir den Becher an, ich lege den meinen dazu; ge-

ben Sie mir die Hand, wir wollen geistig genesen, und die Becher

mag die alte Hebe in die unterirdische versteinernde Höhle stel-

len, und die Salveibüschel dazu, daß sich das verfluchte Zeug al-

len zur Warnung daran setze, was die Leute, die es im Wasser

nicht sehen können, so gierig hinunterschlingen. Ihre Hand, mein

Fürst, ich schaffe Sie gesund, nur folgen Sie mir, das Wasser ist

keines Menschen Freund!" "Sie sind mein Wohltäter", rief der

Fürst, "wenn Sie mich von der Herrschaft dieses fatalen faulen

Wassers befreien; Sie haben etwas Gebietendes, Zwingendes,

nehmen Sie meinen Becher und meine Hand, ich will aus dem

unterirdischen Kloak nicht mehr trinken. Ich will Ihnen ver-

trauen, Ihnen meinen Ärger mit der Fürstin klagen; Sie haben

mit der Welt gelebt, ich außer derselben in vorsichtiger Ferne,

hier schließen wir unsern Bund!"

Der Fürst ergriff bei diesen Worten den Arm des Sängers,

befahl dem Kammerherrn, zurückzubleiben, und hörte nicht auf

den Brunnenarzt, der ihm vorschrieb, an dem Tage einen halben

Becher Neubrunnen, einen halben Mühlbad, einen halben There-

sienbrunnen zuzulegen. "Keinen Tropfen mehr!" rief er, "kein

Fürst aus dem Hause Ganzgott hat je so viel Wasser getrunken

wie ich!" Und wie sie einander die Hand gaben, krachte es in

der Tiefe des Töpelflusses. "Die Sprudelschale ist geborsten!"

riefen viele Leute und liefen hinab, in das Innere der Natur zu

schauen. "Ein gutes Zeichen für uns", rief Halbgott, "daß wir

statt des Wassers guten Kaffee trinken sollen!" - "Die Stadt

ist verloren!" riefen viele. "Nein", erwiderten die besser Unter-

richteten, "die Natur hat nur den Pfropfen, der sie verstopft,

herausgeworfen; wir haben den Pfropfen wieder hineinge-

bracht, der Sprudel kommt wieder." "Um keinen Preis warte

ich darauf!" meinte Halbgott, nahm Ganzgott beim Arm und

führte ihn im heiligen Instinkte des Kaffeegeruchs nach dem

böhmischen Saale zur Puppschen Allee. Solche riesenhafte

Bäume wachsen nicht bei dem Sprudel, sondern beim Kaffee! Es

forderte einige Zeit, ehe der Kaffee, die Kolatschen und Preß-

burger Zwiebacke sich zu ihnen versammelten, denn niemand

frühstückte so früh. Während sie sich nun an den Kupferstich-

buden die Zeit vertrieben, bemerkten beide, daß sie von einigen

Vorübergehenden neugierig betrachtet wurden; sie hörten, daß

der Sänger ein Bruder des Fürsten genannt wurde. Mit einiger

Beklemmung sagte der Fürst: "Endlich darf ich wohl meinen

Gastfreund nach Namen und Herkommen fragen, eben wollte

man uns als Brüder erkennen, und mein Herz spricht etwas zu-

gunsten dieser Meinung." "Gewiß wollen Ew. Durchlaucht wis-

sen", meinte der Sänger, "ob Dero durchlauchtiger Vater sich

wohl in der Nähe meines Geburtsortes befunden habe? Aber ich

könnte wie jener Grieche dem Augustus antworten, mein Vater

im Gegenteil sei in der Residenz von Dero durchlauchtigen Mut-

ter gewesen, denn er hat mir oft von dem herrlichen Schloßgar-

ten und den Wasserfahrten erzählt. Das sind jedoch Kleinigkei-

ten, wovon ich nicht genau unterrichtet bin; mein Vater starb

früh, und meine Mutter stellt sich unschuldig an; ich dürfte ihr

mit solchen Fragen nicht kommen. Genug, etwas Kurioses mag

mit meinem Dasein unterlaufen. Immerhin, wir gehören zusam-

men wie zwei Saiten eines Instruments; ich nenne mich Halbgott,

nach einem vermeinten Vater, Ew. Durchlaucht sind Ganzgott,

und doch fehlt Ihnen noch manches mehr zum Glücke wie mir!"

"Freilich", seufzte der Fürst, "alles bleibt mir so fern. Hätten

Sie sich mir nicht ungebeten ins Bett gelegt, ich hätte Sie niemals

kennengelernt! Jeder Fremde wird mir weitläufig angemeldet,

ich soll ihn nach seinem ganzen Lebenskreise voraus kennen. Je-

des Geschäft ist so vollständig abgetan, ehe es an mich kommt,

daß selbst meine Feder zum Unterzeichnen mir schon eingetaucht

entgegengetragen wird. Ich habe Lust an Musik und Schauspiel-

kunst, doch jedermann warnt mich; ich darf niemand etwas vor-

singen, aus Furcht, meine Würde zu kompromittieren; wie glück-

lich wäre ich, könnte ich gleich Ihnen auch nur wenige Tage ganz

meiner Neigung leben!" - "Versuchen es Ew. Durchlaucht",

rief der Sänger, "wie wollte ich ein Land in wenig Tagen beglük-

ken und mich obendrein! Aber meine Lage, alles Schreckliche,

was mich verfolgt hat, müssen Ew. Durchlaucht voraus kennen;

ich bin mit meiner Mutter und mit dem gesamten Publiko ent-

zweit. Während die Kritiker uns mit den höchsten Kunstforde-

rungen zu Geist steigen, behandelt uns der Haufe mit Verach-

tung; ich habe den Staub von meinen Füßen geschüttelt, ich mag

mein Vaterland nicht wiedersehen. Grausam ist die Welt, denkt

nicht, daß jeder im eignen Hause mit seinen Sorgen zusammen

leben muß." "Und welche Sorgen?" fragte der Fürst. "Ver-

dammte prophetische Mäuse", rief der Sänger, "ließen meine

Mutter nicht mehr ruhig Karten legen, was doch jetzt ihr Haupt-

talent ist. Ich machte ihr gelinde Vorwürfe, warum sie so viele

Mäuse gezähmt habe, daß sie mit einer Schar hinter sich, als wa-

ren sie ihre Kinder, in den Zimmern auf und nieder ging. Sie

wollte sich in Verzweiflung umbringen. Ich schlug, ich trat unter

die kleinen unruhigen Tiere, aber wie Mückenscharen im Son-

nenschein sah ich sie immer da, wo meine Gewalt nicht hinreichte.

Einst in der Nacht, als sie mir beinahe die Nägel von den Fin-

gern nagten, kam ich auf den glücklichen Einfall, wie ein Kater

zu miautzen." "Oh, das kann ich auch", sagte leise der Fürst, "ich

schäme mich nur dieser Kunst vor den Leuten, zuweilen habe ich

die Katzen nachts im Schloßgarten damit angeführt." "Ich schäm-

te mich der Kunst nicht", sagte der Sänger, "ich miautzte; die

Mäuse pfiffen vor Angst und flohen, aber die Mutter meinte, daß

ich es im Schlafe täte. Da gab es nun in ihrer Hausapotheke kein

besseres Gegenmittel als das Begießen mit kaltem Wasser; so floß

ein Glas eiskaltes Wasser über meine erhitzte Brust; ich schrie,

ein zweiter Guß folgte. Ich mußte schweigen, sie hätte mich sonst

ersäuft; aber die schlimme Wirkung äußerte sich gleich. Am Mor-

gen war mein Hals rauh, der Zapfen gefallen, und fort der

Falsetton, der sich wie eine Schlange in alle Herzen zu schleichen

wußte. Ich lief zum Direktor, ich schwor, daß ich nicht singen

könne; dieser aber zeigte mir den Befehl des regierenden Her-

zogs, der für hohe Gäste die Oper verlangt hatte. Ich mußte

mich fügen und brauchte die kräftigsten Mittel, meine Stimme

herzustellen. Meine Mutter kochte alle Salben auf, die sie selbst

vergebens für ihre Stimme gebraucht hatte, einer brachte mir

frische Eier, der andere das Innere eines Herings; ein Arzt riet

mir die Hungerkur, der andere ein magnetisches Bad. Das ge-

ehrte Publikum nahm mich in die ärgste Kur und machte mir das

Bad heiß; es ärgerte sich, daß ich die Läufe in der Tiefe machte,

die ich sonst ins Falsett getrieben hatte; man schrie: "Höher,

höher!" Ich zuckte mit den Achseln und sang tiefer. Sie klopften

und pfiffen, ich klopfte und pfiff wieder. Sie warfen mit Äpfeln;

zum Glück stand ich in einer häuslichen Szene, und ein Korb

mit Kartoffeln war bei der Hand; ich schleuderte flink unter die

Menge, wo jeder Wurf traf. Es kamen Leute, mich zu fangen;

ein Freund, bei den Versenkungen angestellt, eröffnete mir eine

Klappe, ich rettete mich in die Unterwelt des Theaters und von

da durch einen gewölbten Abzugsgraben. Ich stand im Freien,

auf der Landstraße, und wußte kaum, wie es zugegangen; aber

ich dankte Gott und beschloß, die Stadt auf ewig zu meiden und

hieher zu wandern, um, wo so viele Fürsten beisammen sind,

mir Gerechtigkeit in ihrem Beifall zu suchen." "Göttlich, gött-

lich!" rief der Fürst, "oh, daß ich so etwas nicht erleben kann,

daß ich gar nichts erlebe, daß mich tausend Rücksichten einklem-

men! Wenn ich sterbe, werde ich noch auf meinen Lebensanfang

warten! Könnten wir für einige Zeit tauschen, wie sollte ich die

gute Mutter beruhigen, das Publikum versöhnen! Mir sind alle

Verhältnisse so viel wert, daß ich auch mit den unbequemsten

Dienern nicht brechen kann; ich würde bald alles herstellen."

"Ew. Durchlaucht, erwerben Sie sich das Verdienst", sagte der

Sänger, "denn, unter uns gesprochen, wenn ich den Ärger ab-

rechne, ich lebte in unserer Stadt recht lustig und hatte da manche

Freude!" "Aber, lieber Halbgott", fuhr der Fürst nachdenkend

fort, "können Sie auch zum Dank meine Verhältnisse anordnen?

Ich lebe sehr unbequem, überall durch die Gewohnheit eines

langweiligen Völkchens von jeder Liebhaberei, selbst von der

Fürstin getrennt. Jede kleine Anordnung im täglichen Leben

wird erst genau von diesen Unverschämten ausgemessen, ob es

auch dem Brauche größerer Höfe angemessen ist, und was habe

ich von diesen größeren Höfen zu erwarten? Lästige Einmischun-

gen, Unkosten, sonst nichts; es war ein schlimmer Irrtum meines

Vaters, als ich die Tochter des Großmoguls heiraten mußte; zwar

ihr Herz könnte mir alles vergüten, aber die Leute ziehen große

Hecken umher, ihre Küchenkräuter darauf in Sicherheit zu zie-

hen; alle, die ich für meine Freunde hielt, haben mich verraten!"

"Überlassen Sie mir das, Ew. Durchlaucht"", rief der Sänger be-

geistert, "ich bin Ihr Freund, das Völkchen schaffe ich fort; zu-

gleich würde mir der Hofzwang eine gute Schule sein; nur einen

Tag Herrschaft im Schlosse, und ich bringe alles in Ordnung!"

"Die Kälte der Fürstin überwinden Sie nicht!" rief der Fürst.

Unter solchen Planen war der Kaffee genossen; in feuriger

Ausbildung derselben schritten die beiden Unglücklichen nach

dem Dorfe Hammer. Es war ein herrliches Wetter, das frische

Grün der Wiesen funkelte im Tau, liebliche Kinder spielten

ringsum, und die zierlichen Kasten der vielen Tischler, welche

das Dorf bewohnen, glänzten vor den Fenstern. Welche schöne

Arbeit aus den schwarzen, hölzernen Hütten hervorgeht! "Wä-

ren doch das meine Kinder", rief der Fürst, "aber leider ist mir

diese Freude noch nicht geworden; mein glücklich vereintes Land

spaltet sich nach meinem Tode für drei Nebenlinien." Der Sän-

ger bat recht sehr, ihn in diesem Falle an Kindes Statt anzuneh-

men; er wolle auf Rechnung der Staatskasse heiraten und Erben

in die Welt setzen. Der Fürst bedauerte, daß es nicht angehe.

So kamen sie unter manchem Scherz nach Aicha und zum seltsam

gebildeten Felsen des Hans Heilig. Hier wurde geruht; ein alter

Knabe, der sie führte, erzählte auf sehr langweilige Art die Le-

gende, wie hier der Hans Heilig mit seinen ganzen Hochzeits-

zuge versteinert sei. Halbgott behauptete, es sei Hans Lang-

weilig gewesen, der auf dem Wege schon seiner Braut und all

den Seinen so viel Langeweile gemacht, daß sie eingeschlafen und

so gewissermßen versteinert wären. "Das ist mein Schicksal",

rief der Fürst, "ich langweile mich und andre in dem Hof-

zwange; meine Frau, mein ganzer Hof ist schon ganz versteinert,

ich zur Hälfte, nur ein schneller Entschluß kann uns vom Unter-

gange retten. Hier schwör ich es: wir tauschen die Rollen, aus

dem Scherz wird Ernst, sonst kann ich die Steinschale nicht mehr

sprengen! Wer weiß, ob mich die Leute nicht schon lange für

einen solchen versteinerten Hans Langweilig halten?"

Halbgott faßte begeistert die Hand des Fürsten; hier im

Rauschen der reinen Flut, unter abenteuerlichen Steingestalten

deutete sich der Bund, den sie in der Frühe bei dem heiß spru-

delnden Höllenstrome zwischen den gelbsüchtigen Wanderern

am Sprudel abgeschlossen hatten. Wie verändert waren beide

sogleich! Der Sänger bewegte sich und sprach wie der Fürst, der

Fürst suchte sich in die bequeme Art des Sängers zu versetzen

und redete einen Bewohner von Aicha vertraulich an: "Lieber

Mann, wie könnt Ihr schon essen, es ist doch erst Mittag?" Auch

fragte er, ob er nicht gleich nach Tische eine Tasse starken Kaffee

tränke? Vom Schmied im Dorfe wollt er wissen, warum er seinen

Blasebalg nicht mit einer Dampfmaschine triebe? Einer Frau,

deren Haare von der Arbeit umherhingen, versicherte er, daß

sie schlechte Toilette gemacht. Den Kuhkäse riet er unter eine

kristallene Glocke zu stellen. In der Küche warnte er gegen den

kupfernen Kessel, der sei gefährlich, und Silber viel empfehlungs-

werter. Die Kühe, die eben auf den Berg zur Weide getrieben

wurden, riet er im Stall zu füttern; kurz, er meinte recht gute

Kenntnisse zu entwickeln, und doch wurde er überall ausgelacht.

Er verwunderte sich darüber; der Sänger zeigte ihm, wie fern

ihm die Welt gestanden, und der Fürst freute sich, daß er ihr

endlich nähertreten sollte. Am Abend saß der Sänger in fürst-

licher Uniform mit dem Kammerherrn, der allein um das Ge-

heimnis wußte, im fürstlichen Reisewagen. Die Bedienten muß-

ten zurückbleiben, ihrer Geschwätzigkeit war nicht zu trauen.

Der Kammerherr war durch seltene Vorsichtigkeit dieses höch-

sten Vertrauens vollkommen würdig; aber erst am Schlusse der

zweitägigen Reise, und nachdem schon alles Nötige verabredet

worden, bekam er zu dem Sänger so viel Neigung, daß er ihn

über das Gefährliche seiner Lage unterrichtete. "Sie vertrauen

dem Fürsten, weil er die Sache feierlich mit Ihnen eingegangen

ist", sagte er. "Sie hoffen, er werde Sie aus allen Unannehm-

lichkeiten herauswickeln, die Ihr Verhältnis zu der Fürstin und

den Hofleuten herbeiführen kann? Sie irren sich; denn niemand

ist unzuverlässiger in Planen, Absichten, Freundschaften als un-

ser gnädiger Herr. Wenn etwas mißrät oder Anstoß gibt, da

sucht er die Schuld auf andre zu wälzen und hat auch eine Ge-

schicklichkeit, sich mit einem solchen Anschein herauszuwickeln.

Läge mir noch viel an seiner Gunst, so hätte ich den Auftrag,

Sie zu begleiten, in keinem Fall angenommen, er ist eine Fall-

brücke; ich bin jedoch durch den Tod einer Verwandten seit eini-

ger Zeit unabhängig in Hinsicht meines Unterhalts geworden;

der Hof hat mich hinlänglich gelangweilt, und der Spaß macht

mich vielleicht auf unterhaltende Art davon los." Nachdem er

ihm versichert hatte, daß er sich auch nichts aus einem gänzlichen

Titanensturze mache, fragte der Sänger: "Wie kann aber der Hof

langweilig sein? der Fürst strotzt von Kenntnissen und Kunst-

fertigkeiten." "Als Zugabe ist das alles sehr schön", antwortete

der Kammerherr, "wenn aber diese blühenden Bäume nichts als

Blüte wären, woran sollte uns die Frucht wachsen? So ein Herr

wird großgefüttert mit Spaß und Genuß; zeigt er Empfänglich-

keit und Sinn, so sucht ihm jeder eine Auswahl des Besten dar-

zureichen; er kommt zu einem geistigen ungeheuren Vermögen

wie ein reicher Erbe zu Geld, und weil er es nicht zu erwerben

weiß, so weiß er es auch nicht zu brauchen. Für alles empfängt

er Surrogate, und er nimmt sie begierig auf, weil es ihn vom

eigenen Kampfe mit Zweifel und Geschick befreit. Statt Charak-

ter bringt man ihm bei, ja nicht von einer einmal schriftlich ge-

äußerten Meinung abzuweichen; das gibt ihm ein Ansehen von

Schwäche. Auf diesem Wege kommt er in die Gewalt aller, die

ihn zu kompromittieren verstehen. Haben Sie Schriftliches von

ihm?" "Nein", sagte der Sänger betroffen, "soll mir sein Wort,

sein Handschlag nicht genug sein, daß er den Scherz mit mir teilt,

wie ich seine Fürstenwürde?" "Sie kennen ihn nicht", rief der

Kammerherr bedenklich, "doch nun ist es zu spät, wir sind am

Tore, die Wache tritt ins Gewehr." "Aber woran erkennen sie

uns aus der Ferne?" fragte der Sänger. "Am Ledergeruch des

Wagens", antwortete der Kammerherr, "es ist der einzige neue

Wagen in dem ganzen Städtlein, auch der Gewitterableiter, der

darauf gesetzt ist, zeichnet ihn aus." "Ein Gewitterableiter?" rief

der Sänger, "wir machen seine Theorie zuschanden, das Gewitter

zieht mit uns ein; alles läuft schon, als ob die Regenwolke nahte;

jeder soll gehörig avertiert sein, jeder soll an seinem Posten

stehen. Besorgen Sie nur die Wasserfahrt und die Ausquartierung

der Hofleute, sobald Sie abkommen können; ich will der Fürstin

ein echt elektrisches Funkenspiel mit allen meinen Kunststücken

darstellen. Tausend Teufel, da kreischen schon die zusammen-

gelaufenen weißen Jungfrauen ein Vivat!"

Unter solchem verwirrten Schreien und Laufen fuhren sie in

den Schloßhof, wo zwei kolossale Grenadiere mit gefälltem

Bajonett dem Andrange der Menge wehrten. Die Fürstin saß

mit ihrem Hofstaate am Tisch und sah nach der Uhr, ob es nicht

endlich schlagen wollte, damit sie die Gäste entlassen könnte;

denn wie die alten Götter unter dem Schicksale, so stehen die

neuen unter der Zeit. Da berichtete ein Läufer die Ankunft des

Fürsten; ihm folgte auf dem Fuß der Sänger, der jede Bewegung

des Fürsten in seinem seltnen Schauspielertalente so rasch be-

griffen hatte, daß selbst die Fürstin ihn, ohne einen Augenblick

zu zweifeln, als ihren Gemahl begrüßte. Die Oberhofmeisterin

konnte einen leisen Vorwurf über das Unerwartete dieser An-

kunft nicht unterdrücken; sie sah mit Bedauern auf ein Lieblings-

gericht, das sich erkälten konnte. Aber Halbgott, nachdem er die

Hand der Fürstin geküßt, steckte der Oberhofmeisterin ein No-

tenblatt auf das steife Korsett und sang ein artiges italienisches

Begrüßungslied, daß sich alles in Lob über die glückliche Laune

des Fürsten und die Wirkung des Karlsbader Wassers ergoß.

Nun erzählte er von den Festen, welche Könige und Kaiser in

dem Bade gäben, vom Sächsischen Saale, vom Posthofe, wie dort

alles mit bunten Laternen erleuchtet gewesen, und befahl, Gon-

deln mit bunten Laternen zu besetzen, um die Nacht bei Gesang

und Wein zu verschwärmen. Alles erschrak; die Fürstin wollte

sich entschuldigen wegen Unpäßlichkeit, obgleich ihr der Ge-

danke sehr wohl gefiel; aber eine Menge Knallgläser, die er

heimlich an den Lichtern verteilt hatte, sprangen jetzt mit Ge-

prassel. Die Fürstin flüchtete sich an seinem Arme fort, die an-

dern folgten, so kamen alle in den blumenduftenden Schloß-

garten, der vom Strome umflossen war. Und welche Wärme in

der Luft! Dazu fernes Wetterleuchten, Waldhörnerklang auf den

Kähnen, die sich allmählich erhellten. Wer hätte der angeneh-

men Einladung zur Wasserfahrt widerstehen können? Alle

glaubten sich von einer seltsamen Raserei ergriffen, so aus dem

gewohnten Kreise unvorbereitet hinauszuschwimmen; der Ruder-

schlag war der einzige feste Takt, der noch die unruhige Bewegung

des ganzen Hofes milderte. Es kamen andere Barken aus der

Stadt zufällig entgegen; ein kleiner Korsarenkrieg wurde von

unserm Halbgott angeordnet, die Barken festgehalten, die Be-

satzung in das Hauptschiff versetzt, und zur Verwunderung des

Hofes waren eben die artigsten Frauen aus der Stadt, die sonst

nie am Hofe erscheinen durften, an den Hof versetzt, und kei-

ner hatte Gewalt über sich, es übel zu deuten. Nur die Fürstin

wünschte die Absonderung, weil ihre Mutter über die Verletzung

des Anstandes gegen ihre Tochter einen Krieg anfangen könnte;

deswegen führte sie Halbgott in eines der genommenen Schiffe

hinüber und sang zu ihren Füßen "La biondina" in Begleitung

der Gitarre, während die Fürstin auf hohem Sitze sehr artig mit

dem Fächer rauschte. Da fiel aller Zwang in dem großen Lust-

schiffe, alte Stimmen erwachten in den Herzen der bejahrtesten

Hofleute; sie sprachen von den schönen Zeiten, als noch die

Adjutanten der Generale Tilly und Wallenstein den Hof beleb-

ten, vom Max Piccolomini und Seni, der ihnen die Horoskope

gestellt hatte; selbst die Oberhofmeisterin schloß sich dem Ober-

kammerherrn an. "Wäre der Fürst hier", dachte der Sänger, der

zu den Füßen der Fürstin saß, "er könnte ernten, wo ich gesät

habe, er würde mit mir zufrieden sein; schon zweimal klopfte

die Fürstin mit ihrem Fächer auf den Busch meiner Haare, als

sie mir etwas Gleichgültiges sagen wollte; sie scheint sehr be-

wegt, sie seufzt." Er fürchtete alle weiteren Erläuterungen, und

doch wußte er sie nicht zu meiden, obgleich sie ans Land zu fahren

befohlen hatte. Sie hing sich an seinen Arm, sie versicherte ihm,

wenn er immer so unterhaltend, geistreich, gefühlvoll gewesen,

es wäre der ganze Streit, die Trennung zwischen ihnen nicht er-

folgt; aber sie habe sich vor Kindern gefürchtet, die, so aus Wi-

derwillen und Langeweile geboren, diese beiden sündlichen Qua-

len auch der Zukunft zugeführt hätten. Halbgott beteuerte, daß

die Zukunft noch alles zwischen ihnen ausgleichen könne, sie hät-

ten wohl noch beide manches Jahr miteinander zu verleben, und

für diesen Tag habe er sich nur insbesondere vorgesetzt, das

Schloß von den Zwischenträgern und Überlästigen zu reinigen,

die sich ihrer herzlichen Annäherung widersetzt hätten. Die

schlimmen Leute wären alle durch Betrieb des Kammerherrn im

alten Jagdschlosse, das eine Viertelstunde entfernt ist, unterge-

bracht, ihre Sachen wären schon hingeschafft, und sie selbst wür-

den von der großen Gondel dahin geführt, meinten dort ein

Fest zu finden und fänden da ihre Schlafzimmer, ihren ganzen

künftigen Haushalt, eine Kirche, in der täglich Betstunde gehal-

ten wird, Gärten, in denen sie sich der Ruhe freuen können,

kurz, dies Schloß sei durch den Zauberstab des Kammerherrn

in ein Zuchthaus für abgelebte Hofleute und Gesandte umge-

wandelt. "Herrlich", rief die Fürstin, "wie ist Ihr Geist erwacht,

Ihr Entschluß gereift! Dieser Tag muß uns wiedergeben, waswir in kleinlicher Streitigkeit von uns wiesen!" Der Sänger un-

terbrach das Gespräch, indem er auf die Nachtigallen aufmerk-

sam machte, die ihren letzten Jahresruf aus himmelhohen Laub-

häusern der geschnittenen Linden des Hauptganges mit unend-

licher Gewalt ertönen ließen. "Das sind unsere Herzen", sagte

die Fürstin, und als der Sänger nichts darauf erwiderte, entzog

sie ihm den Arm und ging mit einiger Heftigkeit dem Schlosse

zu. Doch suchte sie den Ungestüm wieder zu verbessern; sie

wandte sich an der Türe und sagte: "Ich wollte Sie einmal im

Mondenschein aus der Ferne betrachten; Sie haben ein herrliches,

edles Ansehen, ich habe Sie auch in der Ferne lieb!"

Sie waren endlich voneinander gegangen, und der Sänger

klagte dem Kammerherrn seine Not bei der unerwarteten Zärt-

lichkeit der Fürstin. "Ich dachte der kalten, witzigen und gelehr-

ten Manier der Frau nicht begegnen zu können, ich fürchtete sie

beleidigen zu müssen, und ich muß wahrhaftig davonlaufen, um

meine Freundschaft zum Fürsten in keinem Gedanken zu ver-

letzen; die Fürstin läßt mich nicht so gleichgültig wie den Für-

sten." Der Kammerherr ging verlegen im Zimmer auf und ab

und schwor, es ließen sich Launen doch nimmermehr voraus be-

rechnen; er hätte eher Zank und Streit als Zärtlichkeit erwartet,

er hätte eher geglaubt, daß einer durch das Eis bis zum Nord-

pol, als in das Herz der Fürstin dringen könnte. Während die-

ser Unterredung ließ sich ein Geräusch auf der versteckten Treppe

hören, die von dem Schlafzimmer der Fürstin herunterführte

in das Schlafzimmer des Fürsten, wo sich eben beide befanden.

Mit einem Sprunge steckte der Sänger unter dem Bette und trug

dem Kammerherrn auf, der Fürstin zu sagen, er sei bei dem

schönen Wetter noch etwas spazierengegangen. Statt der Fürstin

erschien aber eine alte Kammerfrau mit der Bitte an den Fürsten,

ihr doch sagen zu lassen, was die Glocke sei, ihre Uhr sei stehen-

geblieben bei der Nachtschwärmerei. Der Kammerherr übergab

ihr die Uhr des Fürsten, aber sie verweilte noch, wendete sich

zum Bette des Fürsten und befestigte einen herrlichen Blumen-

strauß; dann winkte sie dem Kammerherrn zu schweigen und

entfernte sich wieder durch den geheimen Gang. Der Gefangene

schlüpfte jetzt unter dem Bette hervor; der Kammerherr zeigte

nach dem Strauß, er konnte sich nicht enthalten, mit einer Selig-

keit daran zu riechen, als ob es die ersten Blumen gewesen, die

er auf Erden entdeckt hätte. Aber noch mehr, er fand ein Blatt

in den Blumen; sein Herz schlug ihm, daß er kaum lesen konnte.

Was war es? Ein geistliches Lied: "Nun ruhen alle Wälder!" -

"Was bedeutet das?" Der Kammerherr lachte. "Eine ihrer alten

Seltsamkeiten, womit sie den Fürsten so oft von sich entfernt

hat; ihre Zärtlichkeit verwandelt sich, gleichsam wie bei dem

Blattumdrehen in Zeitblättern, ins Religiöse, und der Übergang

war nicht wahrzunehmen!" "Oh, hierauf versteh ich mich und

kann antworten", rief der Sänger, "ich singe aus meinem Fenster

meine Stimme aus dem ,Stabat mater’ von Pergolese, das ich hier

auf dem Pianoforte des Fürsten finde; das soll ihr angenehm

und erbaulich zu Herzen gehen. Zum Teufel! ich kann doch die

Galantene gegen eine schöne Frau nicht ganz unterdrücken!"

Die Fenster wurden geöffnet, Halbgott sang zum Fortepiano

wie ein ganzer Gott das Stabat mater; alle Töne waren ihm

wiedergekehrt, und mit der Leichtigkeit eines Nachtwandlers

wußte er von der Höhe zur Tiefe und aus der Tiefe zur Höhe zu

klettern. Der Kammerherr küßte ihm begeistert die Hand; die

Nachtigallen seufzten nur selten durch die Ruhepunkte der Mu-

sik; höher trieb der Springbrunnen den ungeheuren Wasserstrahl

zu den Sternen des Himmels; die Johanniswürmer, wie Abge-

sandte der Sterne, schwebten durch die offnen Fenster und um-

flogen wie ein Sternenkranz das Haupt des Sängers. Nur ein

vermaledeiter Kater fing so schrecklich auf der Terrasse an zu

mautzen, daß der Sänger, der Kammerherr und auch die Stim-

me der Fürstin oben fast gleichzeitig mit Zischen und Schelten

aus den Fenstern tobten; aber es half nichts, die Bestie wollte

sich nun einmal in ihrer Art hören lassen und hatte auch in ihrer

Art Beifall, denn von allen Seiten kamen Brüder und Schwe-

stern, Geliebte und Ungeliebte, die lebend und beißend sich um

den jammernden Kater versammelten. Und leise kam jetzt wie-

der die alte Kammerfrau getrippelt auf der geheimen Treppe

und überbrachte dem vermeinten Fürsten ein Brieflein der Für-

stin. Der Sänger las es, als er allein war mit dem Kammerherrn:

Keine Zeit geht mehr verloren,

Meine Uhr steht heute still,

Und es klingt vor meinen Ohren,

Was mein Mund nicht sagen will.

Klingend Ohr, was willst du sagen?

Denkt er meiner Liebe nicht?

Soll ich zagen, soll ich wagen?

Ach, wer ists, der mit mir spricht?

Was ich hielt für Ohrenklingen,

Ist sein göttlich Abendsingen,

Und er singt ein ,Stabat mater’;

Doch es mautzt dazu der Kater!-

Wer hat so was je gehöret?

Ists ein Teufel, der uns störet?

Ists ein Engel, der uns warnt,

Weil der Teufel uns umgamt?

Der Sänger wollte gern antworten, daß es ein guter Engel sei;

aber anders als in Reimen war nicht erlaubt, und die wollten ihm

nicht fließen; er konnte überhaupt mit der Feder nicht sonderlich

umgehen. Was war zu tun? Die Fürstin fragte aus dem Fenster

von oben, was er zu ihren Versen meine? Sie könne nicht schla-

fen, er möchte ihr Gesellschaft leisten. Die Kammerfrau kam mit

einem Lichte herein, um ihm vor zu leuchten; der Kammerherr

rieb sich die Stirn. "Gleich, gleich!" sagte der Sänger in seiner

Verlegenheit. "Ja!" fuhr er fort - da rutschte etwas ans Fenster

auf einem wild gewordenen Spinnrade. "Ist das die Ahnfrau?

-Nein, es ist der Ahnmann! Es ist der Fürst auf seiner Dräsine;

er befiehlt uns, daß wir ihn ins Fenster heben." Es war der Fürst,

er stieg mit Hülfe des Sängers ins Fenster. "Sei mir gegrüßt,

Bruder!" rief der Fürst, "laß dich küssen, du hast Wunder ge-

wirkt. Aber ich tat auch das Meine, funfzehn Meilen fuhr ich

heute auf der Dräsine; morgen sag ich dir zur Vergeltung etwas

Gutes, was dich angeht; ruhe dich hier aus, ich eile zur Fürstin!"

Mit diesen Worten eilte er der mit dem Lichte harrenden Kam-

merfrau nach und ließ den Sänger in der fröhlichsten Ungewiß-

heit, was es eigentlich sei, was er ihm zu erzählen habe.

Doch der Tag, der alles erklären sollte, brach schon im Osten

wie eine rote Apfelblüte auf, und die Augen fielen ihm zu vor

Müdigkeit, während der ironische Kammerherr die Dräsine des

Fürsten durch den Hauptgang des Gartens den brausenden Son-

nenrossen entgegentrieb. "Das nenne ich ein gesundes Schnarchen,

als ob ein Blasebalg in einem Eisenhammer bläst!" sagte der

Fürst, der schon lange vor dem Bette saß, als der Sänger die

Augen aufschlug. "Das nenne ich selig träumen", antwortete der

Sänger, "hab ich denn recht geträumt? Waren Ew. Durchlaucht

der Kater und sind Sie mein Bruder?" "Wahrhaftig, Gott gibt

es den Seinen im Schlafe!" antwortete der Fürst und umarmte

ihn ich war der Kater, ich bin der Bruder; als Kater mußte ich

dich, stören, du wußtest nicht, was deine Stimme anrichtete; die

Fürstin weinte vom oberen Stockwerke herunter, daß die Blu-

men glänzten. Als Bruder mache ich alles wieder gut. Deine

Mutter war nur kurze Zeit die rechte Freundin und linker Hand

Vertraute meines Vaters, ihr Eigensinn trennte beide; sie ent-

floh, nahm aus Haß einen andern Namen an, um nicht an jene

Zeit erinnert zu werden; dich quälte sie, weil du dem Vater ähn-

lich bist. Mein Vater trug mir im Testamente auf, für sie zu

sorgen, wenn ich sie entdeckte, von deinem Dasein wußte er nichts.

Bruder, komm an mein Herz, du bist Blut von meinem Blute,

ich habe keinen echteren Bruder als dich; ich danke dir viel, ich

danke dir das Herz der Fürstin; ich bin sehr glücklich durch

dich! Wir werden alle künftig in Frieden leben, nur schämt sie

sich etwas vor dir, daß sie dir Zärtlichkeiten gesagt hat. Übri-

gens habe ich mich in den wenig Tagen ganz nach dir gebildet;

ich esse und trinke, was mir schmeckt; ich bin gesund wie ein

Fisch; und denke dir - meine Wonne - unter deinem Namen

bin ich aufgetreten, habe gespielt, gesungen mit einem Beifall,

daß vom Klatschen die Hände fast abflogen. Denk dir, du warst

tot gesagt; ein Leichnam, dir ähnlich, war im Strome gefunden;

sie meinten, du hättest dich aus Gram über ihr Mißfallen hinein-

gestürzt, da hatten sie deine Kunst endlich erkannt, alle hatten

dein Leichenbegängnis verherrlicht und weinten dir nach. Und

als ich nun auftrat, da riß ein Wonnetaumel die Halsstarrigen

hin, als ob sie in mir das Wiedererstehen von dir am Jüngsten

Tage begrüßten. Ich will dir bei deiner Kunst helfen, hilf mir

beim Regieren, Bruder! Besonders heute, wo alle Landeskolle-

gien mich begrüßen nach glücklicher Heimkehr und meine Be-

fehle verlangen. Heute, wo ich von so vielem Glück zerstreut bin

und ganz meiner Frau leben möchte, übernimm noch freundlich

meine Rolle, du kennst die Welt, sie sind hier wie überall; don-

nere herunter aus ungeahnter Höhe auf sie, du triffst gewiß in

ihr Gewissen. Sie taugen wahrscheinlich alle nichts, denn ich war

auch nicht viel wert und kannte nichts aus dem Grunde. Unter

deiner Führung soll nun alles anders werden, und wir wollen

künftig etwas weiter sehen als auf die Röcke. Ich bin nicht mehr

Hans Langweilig, die steinerne Schale fürstlicher Angewöhnung

ist mir gesprengt; hat doch selbst der Sprudel seine schwere Stein-

schale über unsern lebendigen, liebevollen Bund gesprengt, als

wir Karlsbad verlassen; kurz, es sollte so sein, und wir sind nicht

vergessen im Buche des Schicksals. Bruder, auch du bist nicht

mehr derselbe, du stellst deine Beine schon feierlich wie ein

Staatsminister, und das sollst du auch werden, sollst alles har-

monisch ordnen durch die Macht des Gesanges, du zweiter Or-

pheus!" "Um Gottes willen nicht, ich danke für die Ehre, Herz-

bruder!" rief der Sänger, "aber den Kopf will ich deinen Räten

waschen und deine Köche auf die Höhe der Zeit und dein The-

ater zur Tiefe der Bildung und deine Kapelle in Schweiß und dei-

nen Hof zum Lachen bringen! Aber, Bruder, halte mir die Mutter

vom Leibe mit ihren Mäusen!" "Meine Landeskollegien kommen

zum Glückwunsch nach der Badereise", rief der Fürst, "ich höre sie

schon im Vorzimmer ihre Kehlen stimmen und ihre Nasen schneu-

zen. Jetzt halte dich, ich verstecke mich bei der Fürstin!"

Der Kammerherr meldete die Deputationen, und Halbgott

winkte gnädig. Das Kammerkollegium ward vorgestellt, und

der Direktor freute sich der hohen Gesundheit. "Ihr Herren

allein", sagte Halbgott, "könnt mich kurieren; ich bin krank

mit meinem Volke, und das ist krank durch eure unnütze Weit-

läufigkeit; ihr kostet dem Menschengeschlechte mehr Zeit auf Er-

den, als die Ewigkeit einst einbringen kann. Ein Groschen Ge-

winn ist wenig wert, wenn er mit einem Taler erkauft wird. Ich

verbiete euch, im nächsten Jahre bei Lebensstrafe, die Feder an-

zurühren, damit nicht aller euer Witz auf dem Papiere bleibt.

Was habt ihr mit euren unzähligen Befehlen ausgerichtet? Das

Papier ist teurer geworden, mein Land eine Wüste, und die Län-

der meiner Nachbarn sind Gärten. Statt Federn zu schneiden,

okuliert Fruchtbäume! Ihr habt viele Raupen im Kopfe, nehmt

sie einander zur rechten Zeit aus! Lernt erst den Takt, ehe die

Menschen nach eurer Pfeife tanzen sollen; tut lieber gar nichts,

als etwas Kluges zur Unzeit, und wenn ihr wollt Flaumfedern

durch ein Schlüsselloch blasen, so wartet ab, daß kein Wind gehe

als der eure! Höret und sehet! - um dies E i n e bitte ich euch

- die Geschichte ist keine Rechenmaschine, und was vorbei ist,

läßt sich nicht mehr monieren, noch weniger ausradieren. Hütet

euch vor aller Schulphilosophie, die wird nimmermehr schön und

nur selten reif; denkt auch nicht, daß eure Gedanken sich mit

dem Protokoll schließen müssen. Seht weiter, als eure Nasen rie-

chen, und steckt sie darum nicht in Dinge, die euch nichts angehn.

Heimlich ist aller Anfang und unbewußt das Ende; darum stört

nichts, wo ihr nichts schaffen könnt, beschließt nichts, wo ihr

nicht gewiß seid. Lernt von den tätigen Menschen und denkt

nicht, daß ihr sie belehrt, weil ihr besser reden könnt. Kontrol-

liert nicht ehrliche Leute; die Spitzbuben lassen sich nicht kon-

trollieren. Nagt niemals aus Müßiggang an wohlerworbenen

Rechten und überzeugt euch, daß die Vorzeit verständig war,

und daß ihr auch denken müßt. Der Segen des Himmels wird

nicht an den Meistbietenden, sondern an den Mindestfordern-

den überlassen, darum fordert nie zu viel auf einmal von den

Leuten, sondern jedesmal das Rechte. Versucht nur vier Wochen

die Einrichtungen an euch selbst, die ihr so vielen Tausenden für

die Ewigkeit gebt, und ihr werdet erfahren, ob mehr dabei her-

aus- als hereinkommt!"

Bei diesen Worten trat zum Staunen der aufmerksamen Lan-

deskollegien die Mutter Halbgotts herein mit dem zornigen Ant-

litz eines weischen Hahnes, stark geschminkt, in Perückenlocken

aufgedonnert und mit einem Luftballon alter Florhauben be-

deckt. Der Fürst hatte sie nicht zurückhalten können, er wurde

von ihr mit hereingezogen. "Cospetto di Bacco, per la santis-

sima virgine!" schrie sie, "du böser Bub!"

"Aber, Mutter", antwortete der Sänger, "denkt Sie denn nicht

daran, daß ich hier den Fürsten spiele und auf dem Sprung

stehe, Minister zu werden? Daß hier noch das Justizkollegium,

die Geistlichkeit darauf warten, von mir in Gnaden ausgeschol-

ten zu werden? Seh Sie hier das Bild des fürstlichen Vaters, den

Sie mit ihren Grillen fast tot geärgert hat - zieht er Ihr nicht

ein schreckliches Gesicht im Bilde? Sieht Sie, wie er die Augen

verdreht und Ihr befiehlt, vor mir Respekt zu haben?"

"Maledetto principe!" rief sie und ärgerte sich über das Bild.

Aber die Landskollegien waren unterdessen schon wegen der

Verdoppelung des Fürsten miteinander zu Rate gegangen und

traten protestierend auf. Auch die verbannten Hofleute und ab-

gelegten Gesandten drangen ein und bestürmten den Fürsten mit

Vorstellungen, wie ihnen von einem nachgemachten Fürsten so

übel mitgespielt worden. Die Geistlichkeit suchte das Gewissen

des Fürsten zu erregen.

Der Fürst sah um Hilfe nach dem Sänger hin, aber dieser

stand im Feuer der mütterlichen Bestürmung. Der Fürst schwank-

te und fragte die Landeskollegien und die Hofleute, ob denn der

Sänger etwas Schriftliches von ihm aufzuweisen gehabt hätte?

Er wisse nichts von der Sache. Alle riefen einstimmig. nein, es

seien noch keine Akten darüber angelegt.

"Nun, da läßt sich noch alles ändern", sagte der Fürst, "es

ist alles ganz gegen meine Absicht; mein Wille ist unwandelbar,

das wißt ihr alle!" Zugleich gab er dem Kammerherrn einen Ver-

weis, der eigentlich auf den Sänger gemünzt war. Dieser hörte

es aus der Ferne und fürchtete, auf dem Staatstheater noch ärger

ausgepfiffen zu werden als auf dem bretternen Theater.

"Zum Glück steht noch die Dräsine vor dem Fenster", dachte

er und wollte hinausspringen, um fortzurollen. Doch griff er

noch vorher nach dem Blumenstrauß der Fürstin, den sie ihm

in der Nacht gesendet hatte, um doch nicht alles im Stich zu las-

sen; da trat die Fürstin durch den geheimen Gang ins Zimmer,

als ob er sie mit dem Strauß hergezaubert hätte. Sie mochte wohl

gelauscht haben, die Sonne war mit ihr durch die Wolken ge-

brochen; mit heiterem Lächeln befahl sie den Hofleuten und den

Landeskollegien, sich zu fügen, sie würde sonst eine Exekution

von ihrem hohen Vater erbitten.-Dann küßte sie den Fürsten

zärtlich und berichtete, der Fürst habe ihr aufgetragen, seinen

halb rechten, halb linken Bruder durch einen Kuß öffentlich, vor

den höchsten Würdeträgern des Landes zur Anerkennung zu

bringen. Der Sänger ließ sich auf ein Knie nieder; sie küßte seine

Stirn und sagte, mit diesem Kusse empfange er ein Recht, alles

zu sagen, was er denke; nichts dürfe ihm übelgenommen werden.

"0 seliger Augenblick!" rief der Sänger, "so bin ich nun als

Hofnarr bestellt!"

"Nein, als Staatsminister", entgegnete die Fürstin, "hier sind

die schriftlichen Ausfertigungen meines Gemahls." Der Sänger

griff zu und rief: "Ja, wahrhaftig! nun habe ich es schriftlich,

tausend Dank! Aber soll ich dieses Land auf den höchsten Gipfel

des Glücks erheben, so stellt meine Mutter mit einem ihren Wün-

schen angemessenen Gehalte als Staatskartenlegerin an und gebt

ihren Mäusen die alten Akten zum Futter, damit wir Platz fin-

den, um neue anzulegen. Die Mäuse und die Karten prophezeien

ihr, und wir erfahren dadurch etwas von der Zukunft, was in

der Finanzie besonders gute Dienste leistet; auch hat sie noch

einen Ziegenbock, den setzt hier zum Gärtner mit dem angemes-

senen Gehalte; ihr blinder Hund wird mit der Ehre zufrieden

sein, wenn er ein Ordenshalsband empfängt. So käme das Land

in Ordnung." Der Fürst gewährte die Bitten, und die Italienerin

erklärte sich endlich völlig befriedigt.

Jetzt drangen die Glückwünsche von allen Seiten ein, die Böl-

1er vor dem Schlosse fingen an zu husten, die japanische Glocke

wurde in der Schloßkirche feierlich angeschlagen, die Stadt zum

Feste zu versammeln. Um die allen Festen vorausgehende Leere

auszufüllen, setzte sich der Sänger an das Piano und sang mit

sehr herrlichen Variationen:

Denn was sein soll, muß geschehn,

Nichts kann dem Geschick entgehn,

Und nichts ändert seinen Schluß,

Das beweist der Fürstin Kuß.