Achim von Arnim
Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau

 

Graf Dürande, der gute alte Kommandant von Marseille, saß

einsam frierend an einem kalt stürmenden Oktoberabende bei

dem schlecht eingerichteten Kamine seiner prachtvollen Kom-

mandantenwohnung und rückte immer näher und näher zum

Feuer, während die Kutschen zu einem großen Baue in der

Straße vorüberrollten und sein Kammerdiener Basset, der zu-

gleich sein liebster Gesellschafter war, im Vorzimmer heftig

schnarchte. "Auch im südlichen Frankreich ist es nicht immer

warm", dachte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopfe, "die

Menschen bleiben auch da nicht immer jung, aber die lebhafte

gesellige Bewegung nimmt so wenig Rücksicht auf das Alter, wie

die Baukunst auf den Winter." Was sollte er, der Chef aller

Invaliden, die damals (während des Siebenjährigen Krieges) die

Besatzung von Marseille und seiner Forts ausmachten, mit seinem

hölzernen Beine auf dem Balle? Nicht einmal die Leutnants sei-

nes Regimentes waren zum Tanze zu brauchen. Hier am Kamine

schien ihm dagegen sein hölzernes Bein höchst brauchbar, weil

er den Basset nicht wecken mochte, um den Vorrat grüner Oliven-

äste, den er sich zur Seite hatte hinlegen lassen, allmählich in

die Flamme zu schieben. Ein solches Feuer hat großen Reiz; die

knisternde Flamme ist mit dem grünen Laube wie durchflochten,

halb brennend, halb grünend erscheinen die Blätter wie verliebte

Herzen. Auch der alte Herr dachte dabei an Jugendglanz und

vertiefte sich in den Konstruktionen jener Feuerwerke, die er

sonst schon für den Hof angeordnet hatte, und spekulierte auf

neue, noch mannigfachere Farbenstrahlen und Drehungen, durch

welche er am Geburtstage des Königs die Marseiller überraschen

wollte. Es sah nun leerer in seinem Kopfe als auf dem Balle aus.

Aber in der Freude des Gelingens, wie er schon alles strahlen,

sausen, prasseln, dann wieder alles in stiller Größe leuchten sah,

hatte er immer mehr Olivenäste ins Feuer geschoben und nicht

bemerkt, daß sein hölzernes Bein Feuer gefangen hatte und schon

um ein Drittel abgebrannt war. Erst jetzt, als er aufspringen

wollte, weil der große Schluß, das Aufsteigen von tausend Ra-

keten, seine Einbildungskraft beflügelte und entflammte, be-

merkte er, indem er auf seinen Polsterstuhl zurücksank, daß sein

hölzernes Bein verkürzt sei und daß der Rest auch noch in be-

sorglichen Flammen stehe. In der Not, nicht gleich aufkommen

zu können, rückte er seinen Stuhl wie ein Pikschlitten mit dem

flammenden Beine bis in die Mitte des Zimmers, rief seinen Die-

ner und dann nach Wasser. Mit eifrigem Bemühen sprang ihm in

diesem Augenblicke eine Frau zu Hülfe, die, in das Zimmer ein-

gelassen, lange durch ein bescheidenes Husten die Aufmerksam-

keit des Kommandanten auf sich zu ziehen gesucht hatte, doch

ohne Erfolg. Sie suchte das Feuer mit ihrer Schürze zu löschen,

aber die glühende Kohle des Beins setzte die Schürze in Flam-

men, und der Kommandant schrie nun in wirklicher Not nach

Hülfe, nach Leuten. Bald drangen diese von der Gasse herein,

auch Basset war erwacht; der brennende Fuß, die brennende

Schürze brachte alle ins Lachen, doch mit dem ersten Wasser-

eimer, den Brasset aus der Küche holte, war alles gelöscht, und

die Leute empfahlen sich. Die arme Frau triefte vom Wasser, sie

konnte sich nicht gleich vom Schrecken erholen, der Komman-

dant ließ ihr seinen warmen Rockelor umhängen und ein Glas

starken Wein reichen. Die Frau wollte aber nichts nehmen und

schluchzte nur über ihr Unglück und bat den Kommandanten,

mit ihm einige Worte insgeheim zu sprechen. So schickte er sei-

nen nachlässigen Diener fort und setzte sich sorgsam in ihre

Nähe. "Ach, mein Mann", sagte sie in einem fremden deutschen

Dialekte des Französischen, "mein Mann kommt von Sinnen,

wenn er die Geschichte hört; ach, mein armer Mann, da spielt

ihm der Teufel sicher wieder einen Streich!" Der Kommandant

fragte nach dem Manne, und die Frau sagte ihm, daß sie eben

wegen dieses ihres lieben Mannes zu ihm gekommen, ihm einen

Brief des Obersten vom Regiment Picardie zu überbringen. Der

Oberste setzte die Brille auf, erkannte das Wappen seines Freun-

des und durchlief das Schreiben, dann sagte er: "Also Sie sind

jene Rosalie, eine geborne Demoiselle Lilie aus Leipzig, die den

Sergeanten Francoeur geheiratet hat, als er am Kopf verwundet

in Leipzig gefangen lag? Erzählen Sie; das ist eine seltne Liebe!

Was waren Ihre Eltern, legten die Ihnen kein Hindernis in den

Weg? Und was hat denn Ihr Mann für scherzhafte Grillen als

Folge seiner Kopfwunde behalten, die ihn zum Felddienste un-

tauglich machten, obgleich er als der Bravste und geschickteste

Sergeant, als die Seele des Regiments geachtet wurde?" "Gnä-

diger Herr", antwortete die Frau mit neuer Betrübnis, "meine

Liebe trägt die Schuld von allem dem Unglück -, ich habe mei-

nen Mann unglücklich gemacht und nicht jene Wunde; meine

Liebe hat den Teufel in ihn gebracht und plagt ihn und verwirrt

seine Sinne. Statt mit den Soldaten zu exerzieren, fängt er zu-

weilen an, ihnen ungeheure, ihm vom Teufel eingegebene Sprün-

ge vorzumachen, und verlangt, daß sie ihm diese nachmachen;

oder er schneidet ihnen Gesichter, daß ihnen der Schreck

in alle Glieder fährt, und verlangte, daß sie sich dabei nicht

rühren, noch regen, und neulich, was endlich dem Fasse den

Boden ausschlug, warf er den kommandierenden General,

der in einer Affäre den Rückzug des Regiments befahl, vom

Pferde, setzte sich darauf und nahm mit dem Regimente die

Batterie fort." "Ein Teufelskerl", rief der Kommandant, "wenn

doch so ein Teufel in alle unsre kommandierenden Generale

führe, so hätten wir kein zweites Roßbach zu fürchten; ist Ihre

Liebe solche Teufelsfabrik, so wünschte ich, Sie liebten unsre

ganze Armee." "Leider im Fluche meiner Mutter", seufzte die

Frau. "Meinen Vater habe ich nicht gekannt. Meine Mutter sah

viele Männer bei sich, denen ich aufwarten mußte, das war meine

einzige Arbeit. Ich war träumerisch und achtete gar nicht der

freundlichen Reden dieser Männer, meine Mutter schützte mich

gegen ihre Zudringlichkeit. Der Krieg hatte diese Herren meist

zerstreut, die meine Mutter besuchten und bei ihr Hasardspiele

heimlich spielten, wir lebten zu ihrem Ärger sehr einsam; Freund

und Feind waren ihr darum gleich verhaßt, ich durfte keinem eine

Gabe bringen, der verwundet oder hungrig vor dem Hause vor-

überging. Das tat mir sehr leid, und einstmals war ich ganz allein

und besorgte unser Mittagessen, als viele Wagen mit Verwun-

deten vorüberzogen, die ich an der Sprache für Franzosen er-

kannte, die von den Preußen gefangen worden. Immer wollte

ich mit dem fertigen Essen zu jenen hinunter, doch ich fürchtete

die Mutter; als ich aber Francoeur mit verbundenem Kopfe auf

dem letzten Wagen liegen gesehen, da weiß ich nicht, wie mir ge-

schah; die Mutter war vergessen, ich nahm Suppe und Löffel,

und, ohne unsre Wohnung abzuschließen, eilte ich dem Wagen

nach in die Pleißenburg. Ich fand ihn; er war schon abgestiegen.

Dreist redete ich die Aufseher an und wußte dem Verwundeten

gleich das beste Strohlager zu erstehen. Und als er darauf gelegt,

welche Seligkeit, dem Notleidenden die warme Suppe zu reichen!

Er wurde munter in den Augen und schwor mir, daß ich einen

Heiligenschein um meinen Kopf trage. Ich antwortete ihm, das

sei meine Haube, die sich im eiligen Bemühen um ihn auf-

geschlagen. Er sagte, der Heiligenschein komme aus meinen

Augen! Ach, das Wort konnte ich gar nicht vergessen, und hätte

er mein Herz nicht schon gehabt, ich hätte es ihm dafür schenken

müssen." "Ein wahres, ein schönes Wort!" sagte der Komman-

dant, und Rosalie fuhr fort: "Das war die schönste Stunde

meines Lebens, ich sah ihn immer eifriger an, weil er behauptete,

daß es ihm wohltue, und als er mir endlich einen kleinen Ring

an den Finger steckte, fühlte ich mich so reich, wie ich noch nie-

mals gewesen. In diese glückliche Stille trat meine Mutter schel-

tend und fluchend ein; ich kann nicht nachsagen, wie sie mich

nannte, ich schämte mich auch nicht, denn ich wußte, daß ich

schuldlos war, und daß er Böses nicht glauben würde. Sie wollte

mich fortreißen, aber er hielt mich fest und sagte ihr, daß wir

verlobt wären, ich trüge schon seinen Ring. Wie verzog sich das

Gesicht meiner Mutter! Mir wars, als ob eine Flamme aus ihrem

Halse brenne, und ihre Augen kehrte sie in sich, sie sahen ganz

weiß aus; sie verfluchte mich und übergab mich mit feierlicher

Rede dem Teufel. Und wie so ein heller Schein durch meine

Augen am Morgen gelaufen, als ich Francoeur gesehen, so war

mir jetzt, als ob eine schwarze Fledermaus ihre durchsichtigen

Flügeldecken über meine Augen legte; die Welt war mir halb

verschlossen, und ich gehörte mir nicht mehr ganz. Mein Herz

verzweifelte, und ich mußte lachen. "Hörst du, der Teufel lacht

schon aus dir!" sagte die Mutter und ging triumphierend fort,

während ich ohnmächtige niederstürzte. Als ich wieder zu mir

gekommen, wagte ich nicht, zu ihr zu gehen und den Verwun-

deten zu verlassen, auf den der Vorfall schlimm gewirkt hatte;

ja, ich trotzte heimlich der Mutter wegen des Schadens, den sie

dem Unglücklichen getan. Erst am dritten Tage schlich ich, ohne

es Francoeur zu sagen, abends nach dem Hause, wagte nicht an-

zuklopfen. Endlich trat eine Frau, die uns bedient hatte, heraus

und berichtete, die Mutter habe ihre Sachen schnell verkauft und

sei mit einem fremden Herrn, der ein Spieler sein sollte, fort-

gefahren, und niemand wisse, wohin. So war ich nun von aller

Welt ausgestoßen, und es tat mir wohl, so entfesselt von jeder

Rücksicht in die Arme meines Francoeur zu fallen. Auch meine

jugendlichen Bekanntinnen in der Stadt wollten mich nicht mehr

kennen; so konnte ich ganz ihm und seiner Pflege leben. Für ihn

arbeitete ich; bisher hatte ich nur mit dem Spitzenklöppeln zu

meinem Putze gespielt, ich schämte mich nicht, diese meine

Handarbeiten zu verkaufen, ihm brachte es Bequemlichkeit und

Erquickung. Aber immer mußte ich der Mutter denken, wenn

seine Lebendigkeit im Erzählen mich nicht zerstreute. Die Mutter

erschien mir schwarz, mit flammenden Augen, immer fluchend

vor meinen inneren Augen, und ich konnte sie nicht loswer-

den. Meinem Francoeur wollte ich nichts sagen, um ihm nicht

das Herz schwer zu machen; ich klagte über Kopfweh, das ich

nicht hatte, über Zahnweh, das ich nicht fühlte, um weinen zu

können, wie ich mußte. Ach, hätte ich damals mehr Vertrauen zu

ihm gehabt, ich hätte sein Unglück nicht gemacht, aber jedesmal,

wenn ich ihm erzählen wollte, daß ich durch den Fluch der Mut-

ter vom Teufel besessen zu sein glaubte, schloß mir der Teufel

den Mund; auch fürchtete ich, daß er mich dann nicht mehr

lieben könne, daß er mich verlassen würde, und den bloßen Ge-

danken konnte ich kaum überleben. Diese innere Qual, vielleicht

auch die angestrengte Arbeit zerüttete endlich meinen Körper;

heftige Krämpfe, die ich ihm verheimlichte, drohten mich zu

ersticken, und Arzeneien schienen diese Übel nur zu mehren.

Kaum war er hergestellt, so ward die Hochzeit von ihm an-

geordnet. Ein alter Geistlicher hielt eine feierliche Rede, in der

er meinem Francoeur alles ans Herz legte, was ich für ihn ge-

tan, wie ich ihm Vaterland, Wohlstand und Freundschaft zum

Opfer gebracht, selbst den mütterlichen Fluch auf mich geladen;

alle diese Not müsse er mit mir teilen, alles Unglück gemeinsam

tragen. Meinem Manne schauderte bei den Worten, aber er sprach

doch ein vernehmliches Ja, und wir wurden vermählt. Selig

waren die ersten Wochen, ich fühlte mich zur Hälfte von meinen

Leiden erleichtert und ahnete nicht gleich, daß eine Hälfte des

Fluchs zu meinem Manne übergegangen sei. Bald aber klagte er,

daß jener Prediger in seinem schwarzen Kleide ihm immer vor

Augen stehe und ihm drohe, daß er dadurch einen so heftigen

Zorn und Widerwillen gegen Geistliche, Kirchen und heilige Bil-

der empfinde, daß er ihnen fluchen müsse, und wisse nicht,

warum, und um sich diesen Gedanken zu entschlagen, überlasse

er sich jedem Einfall, er tanze und trinke, und so in dem Um-

triebe des Bluts werde ihm besser. Ich schob alles auf die Gefan-

genschaft, obgleich ich wohl ahnete, daß es der Teufel sei, der

ihn plage. Er wurde ausgewechselt durch die Vorsorge seines

Obersten, der ihn beim Regimente wohl vermißt hatte, denn

Francoeur ist ein außerordentlicher Soldat. Mit leichtem Herzen

zogen wir aus Leipzig und bildeten eine schöne Zukunft in unsern

Gesprächen aus. Kaum waren wir aber aus der Not ums tägliche

Bedürfnis zum Wohlleben der gut versorgten Armee in die Win-

terquartiere gekommen, so stieg die Heftigkeit meines Mannes

mit jedem Tage, er trommelte tagelang, um sich zu zerstreuen,

zankte, machte Händel, der Oberst konnte ihn nicht begreifen;

nur mit mir war er sanft wie ein Kind. Ich wurde von einem

Knaben entbunden, als der Feldzug sich wieder eröffnete, und

mit der Qual der Geburt schien der Teufel, der mich geplagt,

ganz von mir gebannt. Francoeur wurde immer mutwilliger und

heftiger. Der Oberste schrieb mir, er sei tollkühn wie ein Rasen-

der, aber bisher immer glücklich gewesen; seine Kameraden

meinten, er sei zuweilen wahnsinnig, und er fürchte, ihn unter

die Kranken oder Invaliden abgeben zu müssen. Der Oberst

hatte einige Achtung gegen mich, er hörte auf meine Fürbitte,

bis endlich seine Wildheit gegen den kommandierenden General

dieser Abteilung, die ich schon erzählte, ihn in Arrest brachte,

wo der Wundarzt erklärte, er leide wegen der Kopfwunde, die

ihm in der Gefangenschaft vernachlässigt worden, an Wahnsinn

und müsse wenigstens ein paar Jahre im warmen Klima bei den

Invaliden zubringen, ob sich dieses Übel vielleicht ausscheide.

Ihm wurde gesagt, daß er zur Strafe wegen seines Vergehens

unter die Invaliden komme, und er schied mit Verwünschungen

vom Regimente. Ich bat mir das Schreiben vom Obersten aus, ich

beschloß, Ihnen zutraulich alles zu eröffnen, damit er nicht nach

der Strenge des Gesetzes, sondern nach seinem Unglück, dessen

einzige Ursache meine Liebe war, beurteilt werde, und daß Sie

ihn zu seinem Besten in eine kleine, abgelegene Ortschaft legen,

damit er hier in der großen Stadt nicht zum Gerede der Leute

wird. Aber, gnädiger Herr, Ihr Ehrenwort darf eine Frau schon

fordern, die Ihnen heute einen kleinen Dienst erwiesen, daß Sie

dies Geheimnis seiner Krankheit, welches er selbst nicht ahnet,

und das seinen Stolz empören würde, unverbrüchlich bewahren."

"Hier meine Hand!" rief der Kommandant, der die eifrige Frau

mit Wohlgefallen angehört hatte, "noch mehr, ich will Ihre Vor-

bitte dreimal erhören, wenn Francoeur dumme Streiche macht.

Das beste aber ist, diese zu vermeiden, und darum schicke ich

ihn gleich zur Ablösung nach einem Fort, das nur drei Mann Be-

satzung braucht; Sie finden da für sich und für Ihr Kind eine

bequeme Wohnung, er hat da wenig Veranlassung zu Torheiten,

und die er begeht, bleiben verschwiegen." Die Frau dankte für

diese gütige Vorsorge, küßte dem alten Herrn die Hand, und er

leuchtete ihr dafür, als sie mit vielen Knicksen die Treppe hin-

unterging. Das wunderte den alten Kammerdiener Basset, und es

fuhr ihm durch den Kopf, was seinem Alten ankomme, ob der

wohl gar mit der brennenden Frau eine Liebschaft gestiftet habe,

die seinem Einflusse nachteilig werden könne. Nun hatte der alte

Herr die Gewohnheit, abends im Bette, wenn er nicht schlafen

konnte, alles, was am Tage geschehen, laut zu überdenken, als ob

er dem Bette seine Beichte hätte abstatten müssen. Und während

nun die Wagen vom Balle zurückrollten und ihn wach erhielten,

lauerte Basset im andern Zimmer und hörte die ganze Unter-

redung, die ihm um so wichtiger schien, weil Francoeur sein

Landsmann und Regimentskamerad gewesen, obgleich er viel

älter als Francoeur war. Und nun dachte er gleich an einen

Mönch, den er kannte, der schon manchem den Teufel ausgetrie-

ben hatte, und zu dem wollte er Francoeur bald hinführen; er

hatte eine rechte Freude an Quacksalbern und freute sich einmal

wieder, einen Teufel austreiben zu sehen. Rosalie hatte, sehr be-

friedigt über den Erfolg ihres Besuchs, gut geschlafen; sie kaufte

am Morgen eine neue Schürze und trat mit dieser ihrem Manne

entgegen, der mit entsetzlichem Gesange seine müden Invaliden

in die Stadt führte. Er küßte sie, hob sie in die Luft und sagte

ihr: "Du riechst nach dem trojanischen Brande, ich habe dich

wieder, schöne Helena!"! Rosalie entfärbte sich und hielt es für

nötig, als er fragte, ihm zu eröffnen, daß sie wegen der Wohnung

beim Obersten gewesen, daß diesem gerade das Bein in Flam-

men gestanden, und daß ihre Schürze verbrannt. Ihm war es nicht

recht, daß sie nicht bis zu seiner Ankunft gewartet habe,

doch vergaß er das in tausend Späßen über die brennende

Schürze. Er stellte darauf seine Leute dem Kommandanten vor,

rühmte alle ihre leiblichen Gebrechen und geistigen Tugenden so

artig, daß er des alten Herrn Wohlwollen erwarb, der so in sich

meinte: "Die Frau liebt ihn, aber sie ist eine Deutsche und ver-

steht keinen Franzosen; ein Franzose hat immer den Teufel im

Leibe!" Er ließ ihn ins Zimmer kommen, um ihn näher kennen-

zulernen, fand ihn im Befestigungswesen wohl unterrichtet, und

was ihn noch mehr entzückte, er fand in ihm einen leidenschaft-

lichen Feuerkünstler, der bei seinem Regimente schon alle Arten

Feuerwerke ausgearbeitet hatte. Der Kommandant trug ihm seine

neue Erfindung zu einem Feuerwerke am Geburtstage des Königs

vor, bei welcher ihn gestern der Beinbrand gestört hatte, und

Francoeur ging mit funkelnder Begeisterung darauf ein. Nun

eröffnete ihm der Alte, daß er mit zwei andern Invaliden die

kleine Besatzung des Forts Ratonneau ablösen sollte, dort sei ein

großer Pulvervorrat, und dort solle er mit seinen beiden Solda-

ten fleißig Raketen füllen, Feuerräder drehen und Frösche bin-

den. Indem der Kommandant ihm den Schlüssel des Pulverturms

und das Inventanum reichte, fiel ihm die Rede der Frau ein, und

er hielt ihn mit den Worten noch fest: "Aber Euch plagt doch

nicht der Teufel, und Ihr stiftet mir Unheil?" "Man darf den

Teufel nicht an die Wand malen, sonst hat man ihn im Spiegel",

antwortete Francoeur mit einem gewissen Zutrauen. Das gab

dem Kommandanten Vertrauen, er reichte ihm den Schlüssel, das

Inventanum und den Befehl an die jetzige kleine Garnison, aus-

zuziehen. So wurde er entlassen, und auf dem Hausflur fiel ihm

Basset um den Hals; sie hatten sich gleich erkannt und erzähl-

ten einander in aller Kürze, wie es ihnen ergangen. Doch weil

Francoeur an große Strenge in allem Militärischen gewöhnt

war, so riß er sich los und bat ihn, auf den nächsten Sonntag,

wenn er abkommen könnte, zu Gast nach dem Fort Raton-

neau, zu dessen Kommandanten, der er selbst zu sein die Ehre

habe.

Der Einzug auf dem Fort war für alle gleich fröhlich, die ab-

ziehenden Invaliden hatten die schöne Aussicht auf Marseille bis

zum Überdrusse genossen, und die einziehenden waren entzückt

über die Aussicht, über das zierliche Werk, über die bequemen

Zimmer und Betten; auch kauften sie von den abziehenden ein

paar Ziegen, ein Taubenpaar, ein Dutzend Hühner und die

Kunststücke, um in der Nähe einiges Wild in aller Stille belauern

zu können; denn müßige Soldaten sind ihrer Natur nach Jäger.

Als Francoeur sein Kommando angetreten, befahl er sogleich

seinen beiden Soldaten, Brunet und Tessier, mit ihm den Pulver-

turm zu eröffnen, das Inventanum durchzugehen, um dann einen

gewissen Vorrat zur Feuerwerkarbeit in das Laboratorium zu

tragen. Das Inventanum war richtig, und er beschäftigte gleich

einen seiner beiden Soldaten mit den Arbeiten zum Feuerwerk;

mit dem andern ging er zu allen Kanonen und Mörsern, um die

metallnen zu polieren und die eisernen schwarz anzustreichen.

Bald füllte er auch eine hinlängliche Zahl Bomben und Granaten,

ordnete auch alles Geschütz so, wie es stehen mußte, um den ein-

zigen Aufgang nach dem Fort zu bestreichen. "Das Fort ist nicht

zu nehmen!" rief er einmal über das andere begeistert. "Ich will

das Fort behaupten, auch wenn die Engländer mit hunderttau-

send Mann landen und stürmen! Aber die Unordnung war hier

groß!" "So sieht es überall auf den Forts und Batterien aus",

sagte Tessier, "der alte Kommandant kann mit seinem Stelzfuß

nicht mehr so weit steigen, und Gottlob! bis jetzt ist es den Eng-

ländern noch nicht eingefallen zu landen." "Das muß anders wer-

den!" rief Francoeur, "ich will mir lieber die Zunge verbrennen,

ehe ich zugebe, daß unsre Feinde Marseille einäschern oder wir

sie doch fürchten müssen."

Die Frau mußte ihm helfen, das Mauerwerk von Gras und

Moos zu reinigen, es abzuweißen und die Lebensmittel in den

Kasematten zu lüften. In den ersten Tagen wurde fast nicht ge-

schlafen, so trieb der unermüdliche Francoeur zur Arbeit, und

seine geschickte Hand fertigte in dieser Zeit, wozu ein anderer

wohl einen Monat gebraucht hätte. Bei dieser Tätigkeit ließen

ihn seine Grillen ruhen, er war hastig, aber alles zu einem festen

Ziele, und Rosalie segnete den Tag, der ihn in diese höhere

Luftregion gebracht, wo der Teufel keine Macht über ihn zu

haben schien. Auch die Witterung hatte sich durch Wendung des

Windes erwärmt und erhellt, daß ihnen ein neuer Sommer zu

begegnen schien; täglich liefen Schiffe im Hafen ein und aus,

grüßten und wurden begrüßt von den Forts am Meere. Rosalie,

die nie am Meere gewesen, glaubte sich in eine andere Welt ver-

setzt, und ihr Knabe freute sich nach so mancher harten Ein-

kerkerung auf Wagen und in Wirtsstuben der vollen Freiheit in

dem eingeschlossenen kleinen Garten des Forts, den die früheren

Bewohner nach Art der Soldaten, besonders der Artilleristen,

mit den künstlichsten mathematischen Linienverbindungen in

Buchsbaum geziert hatten; ihn überflatterte die Fahne mit den

Lilien, der Stolz Francoeurs, ein segensreiches Zeichen der Frau,

die eine geborne Lilie, die liebste Unterhaltung des Kindes. So

kam der erste Sonntag, von allen gesegnet, und Francoeur befahl

seiner Frau, für den Mittag ihm etwas Gutes zu besorgen, wo er

seinen Freund Basset erwarte; insbesondere machte er Anspruch

auf einen guten Eierkuchen, denn die Hühner des Forts legten

fleißig, lieferte auch eine Zahl wilder Vögel, die Brunet geschos-

sen hatte, in die Küche. Unter diesen Vorbereitungen kam Basset

hinaufgekeucht und war entzückt über die Verwandlung des

Forts, erkundigte sich auch im Namen des Kommandanten nach

dem Feuerwerke und erstaunte über die große Zahl fertiger Ra-

keten und Leuchtkugeln. Die Frau ging nun an ihre Küchen-

arbeit, die beiden Soldaten zogen aus, um Früchte zur Mahlzeit

zu holen, alle wollten an dem Tage recht selig schwelgen und sich

die Zeitung vorlesen lassen, die Basset mitgebracht hatte. Im

Garten saß nun Basset dem Francoeur gegenüber und sah ihn

stillschweigend an; dieser fragte nach der Ursache. "Ich meine,

Ihr seht so gesund wie sonst aus, und alles, was Ihr tut, ist so

vernünftig." "Wer zweifelt daran?" fragte Francoeur mit einer

Aufwallung, "das will ich wissen!" Basset suchte umzulenken,

aber Francoeur hatte etwas Furchtbares in seinem Wesen, sein

dunkles Auge befeuerte sich, sein Kopf erhob sich, seine Lippen

drängten sich vor. Das Herz war schon dem armen Schwätzer

Basset gefallen, er sprach dünnstimmig wie eine Violine von Ge-

rüchten beim Kommandanten, er sei vom Teufel geplagt, von

seinem guten Willen, ihn durch einen Ordensgeistlichen, den

Vater Philipp, exorzieren zu lassen, den er deswegen vor Tische

hinaufbestellt habe, unter dem Vorwande, daß er eine Messe

der vom Gottesdienst entfernten Garnison in der kleinen Kapel-

le lesen müsse. Francoeur entsetzte sich über die Nachricht, er

schwur, daß er sich blutig an dem rächen wolle, der solche Lüge

über ihn ausgebracht, er wisse nichts vom Teufel, und wenn es

gar keinen gebe, so habe er auch nichts dagegen einzuwenden,

denn er habe nirgends die Ehre seiner Bekanntschaft gemacht.

Basset sagte, er sie ganz unschuldig, er habe die ganze Sache ver-

nommen, als der Kommandant mit sich laut gesprochen habe,

auch sei ja dieser Teufel die Ursache, warum Francoeur vom

Regimente fortgekommen. "Und wer brachte dem Kommandan-

ten die Nachricht?" fragte Francoeur zitternd. "Eure Frau", ant-

wortete jener, "aber in der besten Absicht, um Euch zu entschul-

digen, wenn Ihr hier wilde Streiche machtet." - "Wir sind ge-

schieden!" schrie Francoeur und schlug sich vor den Kopf, "sie

hat mich verraten, mich vernichtet, hat Heimlichkeiten mit dem

Kommandanten, sie hat unendlich viel für mich getan und gelit-

ten, sie hat mir unendlich wehe getan, ich bin ihr nichts mehr

schuldig, wir sind geschieden!" Allmählich schien er stiller zu

werden, je lauter es in ihm wurde; er sah wieder den schwarzen

Geistlichen vor Augen, wie die vom tollen Hunde Gebissenen

den Hund immer zu sehen meinen; da trat Vater Philipp in den

Garten, und er ging mit Heftigkeit auf ihn zu, um zu fragen,

was er wolle. Dieser meinte, seine Beschwörung anbringen zu

müssen, redete den Teufel heftig an, indem er seine Hände in

kreuzenden Linien über Francoeur bewegte. Das alles empörte

Francoeur, er gebot ihm als Kommandant des Forts, den Platz

sogleich zu verlassen. Aber der unerschrockene Philipp eiferte um

so heftiger gegen den Teufel in Francoeur, und als er sogar seinen

Stab erhob, ertrug Francoeurs militärischer Stolz diese Drohung

nicht. Mit wütender Stärke ergriff er den kleinen Philipp bei sei-

nem Mantel und warf ihn über das Gitter, das den Eingang

schützte, und wäre der gute Mann nicht an den Spitzen des Tür-

gitters mit dem Mantel hängengeblieben, er hätte einen schweren

Fall die steinerne Treppe hinunter gemacht. Nahe diesem Gitter

war der Tisch gedeckt, das erinnerte Francoeur an das Essen. Er

rief nach dem Essen, und Rosahlie brachte es, etwas erhitzt vom

Feuer, aber sehr fröhlich, denn sie bemerkte nicht den Mönch

außer dem Gitter, der sich kaum vom ersten Schrecken erholt

hatte und still vor sich betete, um neue Gefahr abzuwenden;

kaum beachtete sie, daß ihr Mann und Basset, jener finster, die-

ser verlegen, nach dem Tische blickten. Sie fragte nach den beiden

Soldaten, aber Francoeur sagte: "Sie können nachher essen, ich

habe Hunger, daß ich die Welt zerreißen könnte." Darauf legte

sie die Supe vor und gab Basset aus Artigkeit das Meiste, dann

ging sie nach der Küche, um den Eierkuchen zu backen. "Wie hat

denn meine Frau dem Kommandanten gefallen?" fragte Fran-

coeur. "Sehr gut", antwortete Basset, "er wünschte, daß es ihm

in der Gefangenschaft so gut geworden wäre wie Euch." "Er soll

sie haben!" antwortete er. "Nach den beiden Soldaten, die feh-

len, fragte sie - was mir fehlt, das fragte sie nicht; Euch suchte

sie als einen Diener des Kommandanten zu gewinnen, darum

füllte sie Euren Teller, daß er überfloß, Euch bot sie das größte

Glas Wein an, gebt Achtung, sie bringt Euch auch das größte

Stück Eierkuchen! Wenn das der Fall ist, dann stehe ich auf,

dann führt sie nur fort und laßt mich hier allein." Basset

wollte antworten, aber im Augenblicke trat die Frau mit dem

Eierkuchen herein. Sie hatte ihn schon in drei Stücke geschnit-

ten, ging zu Basset und schob ihm ein Stück mit den Worten

auf den Teller: "Einen besseren Eierkuchen findet Ihr nicht beim

Kommandanten, Ihr müßt mich rühmen." Finster blickte Fran-

coeur in die Schüssel, die Lücke war fast so groß wie die beiden

Stücke, die noch blieben, er stand auf und sagte: "Es ist nicht

anders, wir sind geschieden!" Mit diesen Worten ging er nach

dem Pulverturme, schloß die eiserne Tür auf, trat ein und schloß

sie wieder hinter sich zu. Die Frau sah ihm verwirrt nach und

ließ die Schüssel fallen. "Gott, ihn plagt der Böse; wenn er nur

nicht Unheil stiftet im Pulverturm?" - "Ist das der Pulverturm?"

rief Basset, "er sprengt sich in die Luft, rettet Euch und Euer

Kind!" Mit diesem Worte lief er fort, auch der Mönch wagte sich

nicht wieder herein und lief ihm nach. Rosalie eilte in die Woh-

nung zu ihrem Kinde, riß es aus dem Schlafe, aus der Wiege, sie

wußte nichts mehr von sich, bewußtlos wie sie Francoeur einst

gefolgt, so entfloh sie ihm mit dem Kinde und sagte vor sich hin:

"Kind, das tue ich nur deinetwegen, mir wäre besser, mit ihm

zu sterben; Hagar, du hast nicht gelitten wie ich, denn ich ver-

stoße mich selbst!" Unter solchen Gedanken kam sie herab auf

einem falschen Wege und stand am sumpfigen Ufer des Flusses.

Sie konnte aus Ermattung nicht mehr gehen und setzte sich des-

wegen in einen Nachen, der, nur leicht ans Ufer gefahren, leicht

abzustoßen war, und ließ sich den Fluß herabtreiben; sie wagte

nicht umzublicken; wenn am Hafen ein Schuß geschah meinte sie.

das Fort sei gesprengt und ihr halbes Leben verloren; so verfiel

sie allmählich in einen dumpfen, fieberartigen Zustand.

Unterdessen waren die beiden Soldaten, mit Äpfeln und

Trauben bepackt, in die Nähe des Forts gekommen, aber Fran-

coeurs starke Stimme rief ihnen, indem er eine Flintenkugel über

ihre Köpfe abfeuerte: "Zurück!" Dann sagte er durch das

Sprachrohr: "An der hohen Mauer werde ich mit euch reden, ich

habe hier allein zu befehlen und will auch allein hier leben, so-

lange es dem Teufel gefällt!" Sie wußten nicht, was das bedeuten

solle, aber es war nichts anders zu tun, als dem Willen des Ser-

geanten Folge zu leisten. Sie gingen herab zu dem steilen Ab-

hange des Forts, welcher die hohe Mauer hieß, und kaum waren

sie dort angelangt, so sahen sie Rosaliens Bette und des Kindes

Wiege an einem Seile niedersinken, dem folgten ihre Betten und

Geräte, und Francoeur rief durch das Sprachrohr: "Das Eurige

nehmt; Bette, Wiege und Kleider meiner entlaufenen Frau bringt

zum Kommandanten, da werdet ihr sie finden; sagt: das schicke

ihr Satanas, und diese alte Fahne, um ihre Schande mit dem

Kommandanten zuzudecken!" Bei diesen Worten warf er die

große französische Flagge, die auf dem Fort geweht hatte, herab

und fuhr fort: "Dem Kommandanten lasse ich hierdurch Krieg

erklären, er mag sich waffnen bis zum Abend, dann werde ich

mein Feuer eröffnen; er soll nicht schonen, denn ich schone ihn

beim Teufel nicht; er soll alle seine Hände ausstrecken, er wird

mich doch nicht fangen; er hat mir den Schlüssel zum Pulver-

turm gegeben, ich will ihn brauchen, und wenn er mich zu fassen

meint, fliege ich mit ihm gen Himmel, vom Himmel in die Hölle

- das wird Staub geben!" Brunet wagte endlich zu reden und rief

hinauf: "Gedenkt an unsern gnädigen König, daß der über Euch

steht, ihm werdet Ihr doch nicht widerstreben?" Dem antwortete

Francoeur: "In mir ist der König aller Könige dieser Welt, in

mir ist der Teufel, und im Namen des Teufels sage ich euch, redet

kein Wort, sonst zerschmettere ich euch!" Nach dieser Drohung

packten beide stillschweigend das Ihre zusammen und ließen das

Übrige stehen; sie wußten, daß oben große Steinmassen ange-

häuft waren, die unter der steilen Felswand alles zerschmettern

konnten. Als sie nach Marseille zum Kommandanten kamen,

fanden sie ihn schon in Bewegung, denn Basset hatte ihn von

allem unterrichtet; er sendete die beiden Ankommenden mit

einem Wagen nach dem Fort, um die Sachen der Frau gegen den

drohenden Regen zu sichern; andere sandte er aus, um die Frau

mit dem Kinde aufzufinden, während er die Offiziere bei sich

versammelte, um mit ihnen zu überlegen, was zu tun sei. Die Be-

sorgnis dieses Kriegsrats richtete sich besonders auf den Verlust

des schönen Forts, wenn es in die Luft gesprengt würde; bald

kam aber ein Abgesandter der Stadt, wo sich das Gerücht ver-

breitet hatte, und stellte den Untergang des schönsten Teiles der

Stadt als ganz unvermeidlich dar. Es wurde allgemein aner-

kannt, daß mit Gewalt nicht verfahren werden dürfe, denn Ehre

sei nicht gegen einen einzelnen Menschen zu erringen, wohl aber

ein ungeheurer Verlust durch Nachgiebigkeit abzuwenden; der

Schlaf werde die Wut Francoeurs doch endlich überwinden, dann

sollten entschlossene Leute das Fort erklettern und ihn fesseln.

Dieser Ratschluß war kaum gefaßt, so wurden die beiden Solda-

ten eingeführt, welche Rosaliens Betten und Gerät zurückge-

bracht hatten. Sie hatten eine Bestellung Francoeurs zu über-

bringen, daß ihm der Teufel verraten, sie wollten ihn im Schlafe

fangen, aber er warne sie aus Liebe zu einigen Teufelskamera-

den, die zu dem Unternehmen gebraucht werden sollten, denn

er werde ruhig in seinem verschlossenen Pulverturme mit gela-

denen Gewehren schlafen, und ehe sie die Türe erbrechen könn-

ten, wäre er längst erwacht und der Turm mit einem Schusse in

die Pulverfässer zersprengt. "Er hat recht", sagte der Komman-

dant, "er kann nicht anders handeln, wir müssen ihn aushun-

gern." - "Er hat den ganzen Wintervorrat für uns alle hinauf-

geschafft", bemerkte Brunet, "wir müssen wenigstens ein halbes

Jahr warten, auch sagte er, daß ihm die vorbeifahrenden Schiffe,

welche die Stadt versorgen, reichlichen Zoll geben sollten, sonst

bohre er sie in den Grund, und zum Zeichen, daß niemand in der

Nacht fahren sollte ohne seine Bewilligung, werde er am Abend

einige Kugeln über den Fluß sausen lassen." "Wahrhaftig, er

schießt!" rief einer der Offiziere, und alle liefen nach einem Fen-

ster des obern Stockwerks. Welch ein Anblick! An allen Ecken

des Forts eröffneten die Kanonen ihren feurigen Rachen, die

Kugeln sausten durch die Luft, in der Stadt versteckte sich die

Menge mit großem Geschrei, und nur einzelne wollten ihren

Mut im kühnen Anschauen der Gefahr beweisen. Aber sie wur-

den auch reichlich dafür belohnt, denn mit hellem Lichte schoß

Francoeur einen Bündel Raketen aus einer Haubitze in die Luft,

und einen Bündel Leuchtkugeln aus einem Mörser, denen er

aus Gewehren unzählige andre nachsandte. Der Kommandant

versicherte, diese Wirkung sei trefflich, er habe es nie gewagt,

Feuerwerke mit Wurfgeschützen in die Luft zu treiben, aber

die Kunst werde dadurch gewissermaßen zu einer meteorischen,

der Francoeur verdiene schon deshalb, begnadigt zu wer-

den.

Diese nächtliche Erleuchtung hatte eine andre Wirkung, die

wohl in keines Menschen Absicht lag: sie rettete Rosalien und

ihrem Kinde das Leben, Beide waren in dem ruhigen Treiben

des Kahnes eingeschlummert, und Rosalie sah im Traume ihre

Mutter von innerlichen Flammen durchleuchtet und verzehrt

und fragte sie, warum sie so leide? Da wars, als ob eine laute

Stimme ihr in die Ohren rief: "Mein Fluch brennt mich wie dich,

und kannst du ihn nicht lösen, so bleib ich eigen allem Bösen."

Sie wollte noch mehr sprechen, aber Rosalie war schon aufge-

schreckt, sah über sich den Bündel Leuchtkugeln im höchsten

Glanze, hörte neben sich einen Schiffer rufen: "Steuert links, wir

fahren sonst ein Boot in den Grund, worin ein Weib mit einem

Kinde sitzt!" Und schon rauscht die vordere Spitze eines großen

Flußschiffes wie ein geöffneter Walfischrachen hinter ihr, da

wandte es sich links, aber ihr Nachen wurde doch seitwärts nach-

gerissen. "Helft meinem armen Kinde!" rief sie, und der Haken

eines Stangenruders verband sie mit dem großen Schiffe, das

bald darauf Anker warf. "Wäre das Feuerwerk auf dem Fort

Ratonneau nicht aufgegangen"!, rief der eine Schiffer, "ich hätte

Euch nicht gesehen, und wir hätten Euch ohne bösen Willen in

den Grund gesegelt. Wie kommt Ihr so spät und allein aufs

Wasser? Warum habt Ihr uns nicht angeschrien?" Rosalie be-

antwortete schnell die Fragen und bat nur dringend, sie nach

dem Hause des Kommandanten zu bringen. Der Schiffer gab ihr

aus Mitleid seinen Jungen zum Führer.

Sie fand alles in Bewegung beim Kommandanten, sie bat ihn,

seines Versprechens eingedenk zu sein, daß er ihrem Manne drei

Versehen verzeihen wolle. Er leugnete, daß von solchen Ver-

sehen die Rede gewesen, es sei über Scherz und Grillen geklagt

worden, das sei aber ein teuflischer Ernst. "So ist das Unrecht

auf Eurer Seite", sagte die Frau gefaßt, denn sie fühlte sich nicht

mehr schicksallos, "auch habe ich den Zustand des armen Mannes

angezeigt, und doch habt Ihr ihm einen so gefährlichen Posten

vertraut, Ihr habt mir Geheimnis angelobt, und doch habt Ihr

alles an Basset, Euren Diener, erzählt, der uns mit seiner törich-

ten Klugheit und Vorwitzigkeit in das ganze Unglück gestürzt

hat; nicht mein armer Mann, I h r seid an allem Unglück schuld,

I h r müßt dem Könige davon Rechenschaft geben." Der Kom-

mandant verteidigte sich gegen den Vorwurf, daß er etwas dem

Basset erzählt habe, dieser gestand, daß er ihn im Selbstgesprä-

che belauscht, und so war die ganze Schuld auf seine Seele ge-

schoben. Der alte Mann sagte, daß er den andern Tag sich vor

dem Fort wolle totschießen lassen, um seinem Könige die Schuld

mit seinem Leben abzuzahlen, aber Rosalie bat ihn, sich nicht zu

übereilen, er möge bedenken, daß sie ihn schon einmal aus dem

Feuer gerettet habe. Ihr wurde ein Zimmer im Hause des Kom-

mandanten angewiesen, und sie brachte ihr Kind zur Ruhe,

während sie selbst mit sich zu Rate ging und zu Gott flehte, ihr

anzugeben, wie sie ihre Mutter den Flammen und ihren Mann

dem Fluche entreißen könne. Aber auf ihren Knieen versank sie

in einen tiefen Schlaf und war sich am Morgen keines Traumes,

keiner Eingebung bewußt. Der Kommandant, der schon früh

einen Versuch gegen das Fort gemacht hatte, kam verdrießlich

zurück. Zwar hatte er keine Leute verloren, aber Francoeur

hatte so viele Kugeln mit solcher Geschicklichkeit links und

rechts und über sie hinsausen lassen, daß sie ihr Leben nur seiner

Schonung dankten, Den Fluß hatte er durch Signalschüsse ge-

sperrt, auch auf der Chaussee durfte niemand fahren, kurz, aller

Verkehr der Stadt war für diesen Tag gehemmt, und die Stadt

drohete, wenn der Kommandant nicht vorsichtig verfahre, son-

dern wie in Feindes Land ihn zu belagern denke, daß sie die Bür-

ger aufbieten und mit dem Invaliden schon fertig werden wolle.

Drei Tage ließ sich der Kommandant so hinhalten, jeden

Abend verherrlichte ein Feuerwerk, jeden Abend erinnerte Ro-

salie an sein Versprechen der Nachsicht. Am dritten Abend sagte

er ihr, der Sturm sei auf den andern Mittag festgesetzt, die Stadt

gebe nach, weil aller Verkehr gestört sei und endlich Hungers-

not ausbrechen könne. Er werde den Eingang stürmen, während

ein andrer Teil von der andern Seite heimlich anzuklettern

suche, so daß diese vielleicht früher ihrem Manne in den Rücken

kämen, ehe er nach dem Pulverturm springen könne; es werde

Menschen kosten, der Ausgang sei ungewiß, aber er wolle den

Schimpf von sich ablenken, daß durch seine Feigheit ein toller

Mensch zu dem Dünkel gekommen, einer ganzen Stadt zu trot-

zen; das größte Unglück sei ihm lieber als dieser Verdacht; er

habe seine Angelegenheiten mit der Welt und vor Gott zu ord-

nen gesucht, Rosalie und ihr Kind würden sich in seinem Testa-

ment nicht vergessen finden. Rosalie fiel ihm zu Füßen und

fragte, was denn das Schicksal ihres Mannes sei, wenn er im

Sturme gefangen würde? Der Kommandant wendete sich ab und

sagte leise: "Der Tod unausbleiblich, auf Wahnsinn würde von

keinem Kriegsgerichte erkannt werden, es ist zu viel Einsicht,

Vorsicht und Klugheit in der ganzen Art, wie er sich nimmt; der

Teufel kann nicht vor Gericht gezogen werden, er muß für ihn

leiden." Nach einem Strome von Tränen erholte sich Rosalie und

sagte, wenn sie das Fort ohne Blutvergießen, ohne Gefahr in die

Gewalt des Kommandanten brächte, würde dann sein Vergehen

als ein Wahnsinn Begnadigung finden? "Ja, ich schwörs !" rief

der Kommandant, "aber es ist vergeblich, Euch haßt er vor allen

und rief gestern einem unsrer Vorposten zu, er wolle das Fort

übergeben, wenn wir ihm den Kopf seiner Frau schicken könn-

ten." "Ich kenne ihn", sagte die Frau, "ich will den Teufel be-

schwören in ihm, ich will ihm Frieden geben, sterben würde ich

doch mit ihm, also ist nur Gewinn für mich, wenn ich von seiner

Hand sterbe, der ich vermählt bin durch den heiligsten Schwur."

Der Kommandant bat sie, sich wohl zu bedenken, erforschte ihre

Absicht, widerstand aber weder ihren Bitten, noch der Hoff-

nung, auf diesem Wege dem gewissen Untergange zu entgehen.

Vater Philipp hatte sich im Hause eingefunden und erzählte,

der unsinnige Francoeur habe jetzt eine große weiße Flagge aus-

gesteckt, auf welcher der Teufel gemalt sei, aber der Komman-

dant wollte nichts von seinen Neuigkeiten wissen und befahl

ihm, zu Rosalien zu gehen, die ihm beichten wolle. Nachdem

Rosalie ihre Beichte in aller Ruhe eines gottergebenen Gemütes

abgelegt hatte, bat sie den Vater Philipp, sie nur bis zu einem

sicheren Steinwalle zu begleiten, wo keine Kugel ihn treffen

könne, dort wolle sie ihm ihr Kind und Geld zur Erziehung

desselben übergeben, sie könne sich noch nicht von dem lieben

Kinde trennen. Er versprach es ihr zögernd, nachdem er sich im

Hause erkundigt hatte, ob er auch dort noch sicher gegen die

Schüsse sei, denn sein Glaube, Teufel austreiben zu können, hatte

sich in ihm ganz verloren, er gestand, was er bisher ausgetrieben

hätte, möchte wohl der rechte Teufel nicht gewesen sein, sondern

ein geringerer Spuk.

Rosalie kleidete ihr Kind noch einmal unter mancher Träne

weiß mit roten Bandschleifen an, dann nahm sie es auf den Arm

und ging schweigend die Treppe hinunter. Unten stand der alte

Kommandant und konnte ihr nur die Hand drücken und mußte

sich umwenden, weil er sich der Tränen vor den Zuschauern

schämte. So trat sie auf die Straße, keiner wußte ihre Absicht,

Vater Philipp blieb etwas zurück, weil er des Mitgehens gern

überhoben gewesen, dann folgte die Menge müßiger Menschen

auf den Straßen, die ihn fragten, was es bedeute? Viele fluchten

auf Rosalien, weil sie Francoeurs Frau war, aber dieser Fluch

berührte sie nicht.

Der Kommandant führte unterdessen seine Leute auf verbor-

genen Wegen nach den Plätzen, von welchen der Sturm eröffnet

werden sollte, wenn die Frau den Wahnsinn des Mannes nicht

beschwören könnte.

Am Tore schon verließ die Menge Rosalien, denn Francoeur

schoß von Zeit zu Zeit über diese Fläche, auch Vater Philipp

klagte, daß ihm schwach werde, er müsse sich niederlassen. Rosa-

lie bedauerte es und zeigte ihm den Felsenwall, wo sie ihr Kind

noch einmal stillen und es dann in den Mantel niederlegen

wollte; dort möge es gesucht werden, da liege es sicher aufbe-

wahrt, wenn sie nicht zu ihm zurückkehren könne. Vater Philipp

setzte sich betend hinter den Felsen, und Rosalie ging mit festem

Schritt dem Steinwalle zu, wo sie ihr Kind tränkte und segnete,

es in ihren Mantel wickelte und in Schlummer brachte. Da ver-

ließ sie es mit einem Seufzer, der die Wolken in ihr brach, daß

blaue Hellung und das stärkende Sonnenbild sie bestrahlten.

Nun war sie dem harten Manne sichtbar, als sie am Steinwalle

heraustrat, ein Licht schlug am Tore auf, ein Druck, als ob sie

umstürzen müßte, ein Rollen in der Luft, ein Sausen, das sich

damit mischte, zeigte ihr an, daß der Tod nahe an ihr vorüber-

gegangen. Es wurde ihr aber nicht mehr bange, eine Stimme

sagte ihr innerlich, daß nichts untergehen könne, was diesen Tag

bestanden, und ihre Liebe zum Manne, zum Kinde regte sich

noch in ihrem Herzen, als sie ihren Mann vor sich auf dem

Festungswerke stehen und laden, das Kind hinter sich schreien

hörte; sie taten ihr beide mehr leid als ihr eignes Unglück, und

der schwere Weg war nicht der schwerste Gedanke ihres Her-

zens. Und ein neuer Schuß betäubte ihre Ohren und schmetterte

ihr Felsstaub ins Gesicht, aber sie betete und sah zum Himmel.

So betrat sie den engen Felsgang, der wie ein verlängerter Lauf

für zwei mit Kartätschen geladene Kanonen mit boshaftem

Geize die Masse des verderblichen Schusses gegen die Andrin-

genden zusammenzuhalten bestimmt war. "Was siehst du,

Weib?" brüllte Francoeur, "sieh nicht in die Luft, deine Engel

kommen nicht, hier steht dein Teufel und dein Tod!" "Nicht

Tod, nicht Teufel trennen mich mehr von dir", sagte sie getrost

und schritt weiter hinauf die großen Stufen. "Weib", schrie er,

"du hast mehr Mut als der Teufel, aber es soll dir doch nichts

helfen." Er blies die Lunte an, die eben verlöschen wollte, der

Schweiß stand ihm hellglänzend über Stirn und Wangen, es war,

als ob zwei Naturen in ihm rangen. Und Rosalie wollte nicht

diesen Kampf hemmen und der Zeit vorgreifen, auf die sie zu

vertrauen begann; sie ging nicht vor, sie kniete auf die Stufe

nieder, als sie drei Stufen von den Kanonen entfernt war, wo

sich das Feuer kreuzte. Er riß Rock und Weste an der Brust auf,

um sich Luft zu machen, er griff in sein schwarzes Haar, das ver-

wildert in Locken starrte, und riß es sich wütend aus. Da öffnete

sich die Wunde am Kopfe in dem wilden Erschüttern durch

Schläge, die er an seine Stirn führte, Tränen und Blut löschten

den brennenden Zundstrick, ein Wirbelwind warf das Pulver

von den Zündlöchern der Kanonen und die Teufelsflagge vom

Turm. "Der Schornsteinfeger macht sich Platz, er schreit zum

Schornstein hinaus!" rief er und deckte seine Augen. Dann be-

sann er sich, öffnete die Gittertüre, schwankte zu seiner Frau,

hob sie auf, küßte sie. Endlich sagte er: "Der schwarze Bergmann

hat sich durchgearbeitet, es strahlt wieder Licht in meinen Kopf,

und Luft zieht hindurch, und die Liebe soll wieder ein Feuer

zünden, daß uns nicht mehr friert. Ach Gott, was hab ich ver-

brochen! Laß uns nicht feiern, sie werden mir nur wenig Stun-

den noch schenken. Wo ist mein Kind? - ich muß es küssen, weil

ich noch frei bin. Was ist sterben? Starb ich nicht schon einmal,

als du mich verlassen, und nun kommst du wieder, und dein

Kommen gibt mir mehr, als dein Scheiden mir nehmen konnte,

ein unendliches Gefühl meines Daseins, dessen Augenblicke mir

genügen. Nun lebte ich gern mit dir, und wäre deine Schuld noch

größer als meine Verzweiflung gewesen, aber ich kenne das

Kriegsgesetz, und ich kann nun, gottlob, in Vernunft als ein

reuiger Christ sterben." Rosalie konnte in ihrer Entzückung, von

ihren Tränen fast erstickt, kaum sagen, daß ihm verziehen, daß

sie ohne Schuld und ihr Kind nahe sei. Sie verband seine

Wunde in Eile, dann zog sie ihn die Stufen hinunter bis hin zu

dem Steinwalle, wo sie das Kind verlassen. Da fanden sie den

guten Vater Philipp bei dem Kinde, der allmählich hinter Fels-

stücken zu ihm hingeschlichen war, und das Kind ließ etwas

aus den Händen fliegen, um nach dem Vater sie auszustrecken.

Und während sich alle drei umarmt hielten, erzählte Vater

Philipp, wie ein Taubenpaar vom Schloß heruntergeflattert sei

und mit dem Kinde artig gespielt, sich von ihm habe anrühren

lassen und es gleichsam in seiner Verlassenheit getröstet habe.

Als er das gesehen, habe er sich dem Kinde zu nahen gewagt.

"Sie waren wie gute Engel meines Kindes Spielkameraden auf

dem Fort gewesen, sie haben es treulich aufgesucht, sie kommen

sicher wieder und werden es nicht verlassen." Und wirklich um-

flogen sie die Tauben freundlich und trugen in ihren Schnäbeln

grüne Blätter. "Die Sünde ist uns geschieden", sagte Francoeur,

"nie will ich wieder auf den Frieden schelten, der Friede tut mir

so gut."

Inzwischen hatte sich der Kommandant mit seinen Offizieren

genähert, weil er den glücklichen Ausgang durch sein Fernrohr

gesehen. Francoeur übergab ihm seinen Degen, er kündigte

Francoeur Verzeihung an, weil seine Wunde ihn des Verstandes

beraubt gehabt, und befahl einem Chirurgen, diese Wunde zu

untersuchen und besser zu verbinden. Francoeur setzte sich nie-

der und ließ ruhig alles mit sich geschehen, er sah nur Frau und

Kind an. Der Chirurg wunderte sich, daß er keinen Schmerz

zeigte, er zog ihm einen Knochensplitter aus der Wunde, der

ringsumher eine Eiterung hervorgebracht hatte; es schien, als ob

die gewaltige Natur Francoeurs ununterbrochen und allmählich

an der Hinausschaffung gearbeitet hatte, bis ihm endlich äußere

Gewalt, die eigne Hand seiner Verzweiflung, die äußere Rinde

durchbrochen. Er versicherte, daß ohne diese glückliche Fügung

ein unheilbarer Wahnsinn den unglücklichen Francoeur hätte

aufzehren müssen. Damit ihm keine Anstrengung schade, wurde

er auf einen Wagen gelegt, und sein Einzug in Marseille glich

unter einem Volke, das Kühnheit immer mehr als Güte zu ach-

ten weiß, einem Triumphzuge; die Frauen warfen Lorbeerkrän-

ze auf den Wagen, alles drängte sich, den stolzen Bösewicht ken-

nenzulernen, der so viele tausend Menschen während drei Tagen

beherrscht hatte. Die Männer aber reichten ihre Blumenkränze

Rosalien und ihrem Kinde und rühmten sie als Befreierin und

schwuren, ihr und dem Kinde reichlich zu vergelten, daß sie ihre

Stadt vom Untergange gerettet habe.

Nach solchem Tage läßt sich in einem Menschenleben selten

noch etwas erleben, was der Mühe des Erzählens wert wäre,

wenngleich die Wiederbeglückten, die Fluchbefreiten, erst in

diesen ruhigeren Jahren den ganzen Umfang des gewonnenen

Glücks erkannten. Der gute alte Kommandant nahm Francoeur

als Sohn an, und konnte er ihm auch nicht seinen Namen über-

tragen, so ließ er ihm doch einen Teil seines Vermögens und sei-

nen Segen. Was aber Rosalie noch inniger berührte, war ein

Bericht, der erst nach Jahren aus Prag einlief, in welchem ein

Freund der Mutter anzeigte, daß diese wohl ein Jahr unter ver-

zehrenden Schmerzen den Fluch bereut habe, den sie über ihre

Tochter ausgestoßen, und, bei dem sehnlichen Wunsche nach Er-

lösung des Leibes und der Seele, sich und der Welt zum Über-

druß bis zu dem Tage gelebt habe, der Rosaliens Treue und Er-

gebenheit in Gott gekrönt. An dem Tage sei sie, durch einen

Strahl aus ihrem Innern beruhigt, im gläubigen Bekenntnis des

Erlösers selig entschlafen.