Achim van Arnim
Frau von Saverne

 

Der Amerikanische Krieg hatte England gedemütigt und den

Ruhm der französischen Waffen hergestellt, ganz Frankreich

jubelte und besang die Weisheit seines Königs Ludwig des Sech-

zehnten. Weil das weibliche Geschlecht dort etwas mehr als in

andern Ländern an den öffentlichen Angelegenheiten teilnahm,

so wurde auch manche Frau von der Begeisterung für den König

ergriffen, nur hielt sich diese mehr an die Gestalt und Person als

an die Weisheit, die nur eine allegorische Figur sein kann. Es

war nichts Seltenes in Frankreich, des Königs Brustbild, mit

Blumen geschmückt, wie einen Hausgott in den Schlafzimmern

reicher Frauen zu finden, wo sonst nur Haubenstöcke und Mode-

puppen gesehen wurden. Allmählich war dieser Enthusiasmus,

wie alles in der unruhigen, tadelsüchtigen Hauptstadt ver-

schwunden; der König wurde um schlechtes Wetter, verdorbenes

Mittagessen und langweilige Liebhaber verlästert, erst schwan-

den die Blumen, dann wurden die Brustbilder als Haubenstöcke

gebraucht, bald erschienen Karikaturen, während entferntere

Provinzen noch in Ehrfurcht und Bewunderung zu dem fernen

Könige verharrten. Niemand war so eifrig in ihrer Verehrung

wie Frau von Saverne, die reiche Witwe eines päpstlichen Beam-

ten zu Avignon. Als eine geborne Französin - sie war Tochter

des reichen Seidenfabrikanten Lonny in Lyon - hatte sie das

Recht, in dem Könige den Landesvater zu ehren; sein Brustbild

war ihr höchster Schatz, zum Ärger des Beichtvaters, der lieber

das Bild ihres Schutzpatrons an die Stelle gesetzt hätte. Sie ver-

gaß alle Freunde und Verehrer bei dem Wunsche, in Paris die

Strahlen der königlichen Huld in der Nähe mitzugenießen. Ver-

gebens suchte ihr Beichtvater diesen Entschluß zu hindern, er

sprach zu ihr von der Neigung seines damals abwesenden Bru-

ders, des päpstlichen Hauptmanns, aber Frau von Saverne

wollte wenigstens einmal den König sehen, sie glaubte sonst

nicht ruhig leben zu können und meinte, der Wunsch sei so un-

schuldig, so natürlich, und wenn sich andre Frauen der Gegend

nach Paris begäben, um dort ungezwungen mit Liebhabern zu

schwärmen, so sei es wohl ihr vergönnt, der reinsten Schwärme-

rei etwas zu erlauben, welche die Anhänglichkeit an den Vater

ihres Vaterlandes erzeugt habe. Der Beichtvater aber blieb da-

bei: kein Mensch müsse in guter Absicht nach Paris gehen, sonst

werde er betrogen; habe einer etwas Böses vor, nun, so fände er

da seinen Spielraum.

Unterweges erinnerte sie sich oft des Gesprächs und mußte des

Erbfeindes von Paris lachen, der, ohne sie zu kennen, eine halbe

Million Menschen verdammte; aber unangenehm blieb ihr immer

sein letztes Wort, als sie des Königs Büste sauber einpackte:

"Jetzt beschweren Sie Ihren Wagen mit dem Bilde, und werden

die Kiste sorgsam wie ein Kind auf Ihrem Schoß wiegen, aber

wenn Sie zurückkommen, nehmen Sie kein Geldstück mit dem

Bild ohne Schauder in die Hand; so werden Sie Ihre Lust

büßen." Aber sie schob das alles auf den Ärger, den der Mann

empfunden, daß sie ihr dortiges Vermögen einkassiert habe, statt

es dem Kloster zu vermachen, noch mehr auf den Verlust des

guten Tisches in ihrem Hause. Am verdrießlichsten war es ihr,

daß er ihrem Mädchen abgeredet hatte, sie nach der Frevelstadt

zu begleiten; sie mußte nun eine Pariserin mitnehmen, welche

gleichfalls den Wunsch gehegt hatte, dahin zurückzukehren. Dies

Mädchen hieß Manon, war längst über die Jugend hinaus und

hatte im Auslande die Kinderlehrerin gespielt; sie wußte viel

von ihren Schicksalen zu erzählen, aber es war immer, als ob der

Faden fehle, der all das Seltsame verbinden sollte; Frau von

Saverne konnte ihr nicht recht vertrauen. Übrigens wußte das

Mädchen in Paris Bescheid, nannte die Straße, durch welche sie

einfuhren, ließ den Wagen bei einem Hotel stillehalten, wo die

Wirtin sie freundlich bewillkommte, auch sogleich die gewünschte

Wohnung einräumte. Ehe noch die schwere Schatulle und die

Büste, auch alle andren mitgebrachten Sachen aufgestellt worden,

wollte Frau von Saverne nach den Tuilerien eilen, unter Füh-

rung ihrer Wirtin, um keinen Augenblick zu verlieren, wo sie

vielleicht den geliebten König erblicken könne. Als die Wirtin

diesen Grund ihrer Reise herausgebracht hatte, schüttelte sie mit

dem Kopfe und versicherte, bei ihnen stände kein Mensch mehr

auf, wenn er warm säße, um den König zu sehen; er hätte dies

und jenes getan, könne auch wohl noch dies und jenes tun. Frau

von Saverne verstand keinen Scherz über so etwas, sie gebot ihr

zu schweigen, aber die Frau lachte höhnisch und versicherte, sie

werde den König doch nicht sehen, denn er sei in Versailles.

Kaum hatte die gute Saverne das gehört, so eilte sie mit Unge-

duld, Pferde zu bestellen, und trotz dem Verdruß ihrer Kam-

merjungfer reiste sie nach Versailles noch an demselben Tage,

nachdem sie eine Monatsmiete der Wirtin geschenkt hatte. Son-

derbar war es ihr, daß ein Reiter den Wagen bis nach Versailles

begleitete, den niemand kannte und der auch mit ihr an dem-

selben Hotel abstieg; inzwischen war ihr manches wichtiger, doch

behielt sie sein Gesicht in Gedanken. Die Leute in dem Hotel

kamen ihr in seltsam neugieriger Art entgegen, sie schienen zu

wissen, daß sie den König sehen wolle, und sagten ihr, daß er

wegen Unwohlsein jetzt selten den Garten besuche. Sie beklagte

mit Lebhaftigkeit seine Krankheit; die Leute lächelten und sag-

ten, es habe keine Gefahr. Frau von Saverne fand den Ort rei-

zend und ganz nach ihrem Geschmacke; sie sprach davon, sich

da anzukaufen, besah Häuser in der Nähe des Schlosses, war

aber verwundert, daß keiner der Besitzer mit ihr einen Handel

eingehen wollte, obgleich sie ansehnlich über den wahren Wert

bot. Ihre Lebensweise richtete sie sehr einfach ein; die Buchhand-

lungen lieferten ihr einen Reichtum an Büchern über die Ge-

schichte Frankreichs und des letzten Krieges, die Wirtin sorgte

für ihren Tisch, die Kammerjungfer blieb ihre einzige Gesell-

schaft, da sie bei ihrem verstorbenen Manne, der sehr einsam

lebte, sich des Umgangs entwöhnt und am wenigsten Verlan-

gen danach in der Fremde hegte, die ihr Beichtvater als höchst

verderbt und betrügerisch schilderte; morgens waren es die Bü-

cher, nachmittags der Schloßgarten, der sie anzog und beschäf-

tigte.

Da im Garten eben eine neue Terrasse angelegt wurde, so

waren stets viele Arbeiter versammelt, die einmal in den Ruhe-

stunden miteinander über ihre Geschicke sprachen, als Frau von

Saverne in der Nähe auf einer Bank saß. Sie hörte, wie der eine

die Gefahren beschrieb, welche er als Gefangener im letzten

Kriege unter den Wilden überstanden, und wie er nun für das

alles keinen Lohn empfange. Das ergriff sie; sie trat zu dem

Manne, drückte ihm ein Goldstück in die Hand und sagte: Euer

gerechter König wird für Euch sorgen, nehmt indessen die Klei-

nigkeit an! - Der Mann dankte und sah ihr verwundert nach,

und die nächsten Tage fand sie sich von manchen Arbeitern um

Geld angesprochen, die alle ihre Taten im Kriege und ihr Un-

glück berichteten. Sie gab jedem etwas - gegen die Erinnerungen

ihrer Kammerjungfer, welche alle die Leute Lügner schalt. "Hät-

ten sie auch gelogen", sagte Frau von Saverne, "wozu gab mir

der Himmel Vermögen und einen genügsamen Sinn, wenn ich

meinen Überfluß nicht verschenken dürfte?" Die Kammerjungfer

klagte, daß sie auf diese Art ihr Vermögen verschwenden werde,

doch Frau von Saverne verwies sie auf den Spruch der Bibel, daß

jeder sich Freunde machen müsse mit dem ungerechten Mam-

mon, damit er aufgenommen werde in den ewigen Hütten. -

"Ich sehe Sie schon in einer Hütte, in einer recht armseligen

Hütte noch hier auf Erden!" antwortete das vorwitzige Kam-

mermädchen. Allmählich wurde der guten Frau das Einreden

dieser Person unleidlich, sie sollte fort, behauptete aber, sie

könne nicht fortgeschickt werden; auch brachte sie einen Polizei-

Offizianten zu ihr, der versicherte, das dürfe nicht vor dem

Ablauf einer gewissen Zeit geschehen, da sie keine begründete

Ursache zur Klage habe. Frau von Saverne kannte die Gesetze

nicht, der Polizei-Offiziant war ein Musterbild aller grobdrei-

sten Gemeinheit, die damals noch den meisten anklebte, die sich

zu dieser widerlichen Beschäftigung hergaben; sie beschloß aus

Furcht vor den Ungezogenheiten des Mannes, die Zeit geduldig

abzuwarten, obgleich sie ihr sehr lang wurde.

Das Mädchen war noch in ihrem Dienste, als es hieß, der

König werde an einem Abend zum ersten Male den Garten be-

suchen, um seine Herstellung zu feiern. Das war ein Tag der

Freude; Frau von Saverne schmückte die Büste des Königs am

Morgen und war nachmittags die erste in der Nähe der Türe,

aus welcher der König heraustreten sollte. Bald sammelten sich

Leute, und sie bemerkte in ihrer Nähe eben den Menschen, der

sie von Paris nach Versailles begleitete, dessen hähernes Gesicht

mit ungeheurem Munde ihn einem Nußknacker ähnlich machte;

sie mußte ihn späterhin immer so nennen. Die Schweizer gaben

das Zeichen, daß der König komme, Frau von Saverne beugt

sich vor und wird von einigen weitergestoßen, in dem Augen-

blicke aber von dem Nußknacker zurückgerissen, mit dem Be-

deuten, es sei einer Frau nicht anständig, sich dem Könige so in

den Weg zu drängen. Sie antwortet, aber der Mann zieht un-

erbittlich fort, während die Menge ihr Vive le Roi! schreit und

der lang ersehnte Anblick ihr auf diese Weise entzogen wird.

Die Menge folgt jetzt unbändig dem Könige, der Augenblick ist

versäumt, kaum kann sie ihre Tränen mäßigen, sie fühlt sich

gekränkt und wird von mehreren Leuten, die sich zu jenem ge-

sellten, noch verspottet. Als sie trostlos nach Haus kam, fand

sie einen Unglücklichen, der ihr Mitleid ansprach, weil sie wegen

ihrer Milde bekannt sei, er im Kriege ein Bein verloren habe und

sich jetzt in seinem Handwerk niederlassen und heiraten wolle,

sie möchte ihm ein Kapital leihen, er bringe ihr die besten Zeug-

nisse über seinen Fleiß und sein Geschick. Sie vergaß ihren Gram,

meinte, daß sie zu dieser Wohltat von dem Feste in höherer

Fügung entfernt worden sei, und gab dem Menschen tausend

Livres mit der Erinnerung, es ihr ohne Interessen wieder zu zah-

len, wenn er einmal sich reich gearbeitet hätte, heute aber dem

Könige zu Ehren ein Glas zu trinken, da er dessen Herstellung

die Wohltat danke. Der Mann wollte ihr zu Füßen fallen, aber

sie sprang in ihr Schlafzimmer. Gleich darauf hörte sie ein hefti-

ges Zanken im Vorsaale, die Kammerjungfer rang mit dem

Stelzfuß und schrie immer, ihre Herrschaft habe nichts zu ver-

schenken, sie sei unter Aufsicht; bald kam auch der Polizei-Offi-

ziant und suchte das Geld zu nehmen. Frau von Saverne trat

hinaus und sprach für den Stelzfuß; die Leute gaben auch nach,

aber sie wurde so fremdartig angeblickt, daß sie bald betroffen

auf ihr Zimmer ging und des Beichtvaters, sie wußte nicht war-

um, denken mußte. Sie betete an dem Tage sehr viel und mußte

sich wieder über das Kammermädchen ärgern, die ihr ausein-

andersetzte, sie möchte lieber eine Komödie des Molie’re zu ihrer

Zerstreuung lesen, lieber zweitausend Livres für ein gesticktes

Kleid als eintausend an Arme ausgeben.

Am nächsten Tage trat der Nußknacker in einem gerichtlichen

Kleide mit einem anderen Manne herein, der sie halb lächelnd,

halb scheu ansah. Er sagte ihr, daß er vom Gerichte abgeschickt

sei, Erkundigungen über ihr Vermögen einzuziehen, weil meh-

rere Anzeigen gegen sie eingelaufen wären; der andere tat, als ob

er ihre Hand küssen wolle, befühlte ihr aber den Puls. Befangen

und überrascht setzte sie keinen Zweifel in die Richtigkeit des

Geschäfts, und da ihre Angelegenheiten sehr einfach waren, so

konnte sie dem Antrage mit einer leichten Übersicht ihrer Pa-

piere genügen. Nachher wurde von gleichgültigen Dingen ge-

sprochen, doch brachte der andre die Rede auf den König, und

sie verhehlte nicht in ihrer südlichen Lebhaftigkeit, welche große

Erwartungen sie noch für das Wohl ihres Vaterlandes von der

Güte und Einsicht des Königs hege. Die beiden Leute sahen sich

bedenklich an und nahmen dann Abschied mit der Versicherung,

noch an dem Tage wiederkommen zu wollen. Nach Tische wollte

Frau von Saverne den gewohnten Spaziergang nach dem Schloß-

garten unternehmen, aber vor der Tür kam ihr der Nußknacker

allein entgegen und versicherte, sie müsse sogleich in den Wagen

steigen, den er eben habe kommen lassen, um dem Gerichte noch

selbst Rede und Antwort zu geben.

Vergebens wandte sie ein, daß er keinen schriftlichen Befehl

bringe, daß sie ihm ohne einen solchen und ohne Beratung mit

einem Advokaten nicht folgen werde; er drohte, sie mit Gewalt

fortzuschaffen, wenn sie die Güte nicht benutze. Bei dieser Dro-

hung ergriff er ihre Hand, sie schrie um Hilfe, es eilten mehrere

herbei, aber auch der Polizei-Offiziant trat hinzu. Einige der

Umstehenden sprachen für sie, aber sobald der Nußknacker

ihnen etwas zugeflüstert hatte, traten sie mit Achselzucken zu-

rück; sie bat flehentlich alle, ihr nur zu sagen, was man mit ihr

beginne. Als sie die Umstehenden so jammernd anredete, daß

vielen die Tränen in die Augen traten, packte der Polizeimann

sie um den Leib, um sie in den Wagen zu tragen, wobei ihm der

Nußknacker sogleich beistand. Die Indignation aber gab der

kleinen Frau eine seltene Kraft, sie rang, alles wurde ihr zur

Waffe; unter dem Zujauchzen des Volks waren die beiden

Feinde blutig gezeichnet zurückgeschlagen, und sie trat erschöpft,

atemlos taumelnd in ihr Zimmer zurück. Aber fremde Männer

sprangen bald in ihr Zimmer und blieben da, ohne ein Wort auf

ihre Fragen zu antworten, verließen sie auch nicht, als es Nacht

wurde. Jetzt bedauerte sie, keine Bekanntschaft gemacht zu

haben, sie rief nach dem Wirte, niemand kam; sie wollte hin-

ausgehen, wurde aber von den Männern mit Achselzucken zu-

rückgewiesen. Sie zog sich nicht aus, sie schrieb einige Briefe an

den Beichtvater und an väterliche Verwandte nach Lyon, die

Briefe waren unverständlich, denn sie wollte ihre Lage nicht

deutlich machen, nur ihre Freunde reizen, ihr zu Hilfe zu kom-

men; ja sie wußte eigentlich selbst nicht, in welcher Lage sie sei,

und wessen man sie beschuldige. Ehe sie die Briefe beendete, fuhr

ein Wagen vor, es stiegen Männer aus, kamen zu ihr und banden

sie mit seltsamen Binden, während sie bemerkte, daß einer ihre

Schatulle nahm, ein anderer ihre Schränke verschloß und ihre

Briefe durchlas. Sie wollte schreien, aber im Augenblicke war ihr

der Mund zugebunden. Nun gab sie allen Widerstand auf, ein

Schleier deckte ihre Augen, sie wurde in einem Männermantel

die Treppe hinuntergetragen und in einen Wagen gesetzt, der

dann in gewaltiger Eile mit ihr fortrollte. Die Ermattung ver-

senkte sie oft in Schlaf, aber das heftige Stoßen des Wagens er-

weckte sie wieder, doch konnte sie nicht berechnen, wie lange sie

gefahren, als der Wagen stillehielt und sie mehrere Treppen

hinauf in ein Zimmer getragen wurde, wo alle Binden ihr abge-

nommen und ihr ein Bett in der Nähe von zwei andern Bett-

lagern angewiesen wurde, aus denen seltsame überkluge weib-

liche Gesichter hervorstierten. Sie fragte, wo sie wäre? Niemand

antwortete; mit bedeutender Gebärde verwies man sie zur Ruhe.

Darauf wurde sie mit den beiden andern allein gelassen, die nun

anfingen zu reden und dreist behaupteten, sie sei am Hofe, wobei

sie sich ihrer Anstellung freuten. Am Morgen faßte sie sich im

Gebet, bezwang ihre Heftigkeit, suchte ihre Klugheit obenauf

zu bringen und war sehr gefaßt, als derselbe fremde Herr ein-

trat, der damals mit dem Nußknacker sie besucht hatte. Von

seinen Begleitern wurde er Doktor genannt, diese sahen aus wie

Schüler, welche sich vor Kranken ein Ansehen von Erfahrenheit

geben wollten. Der eine trat zu ihr und fragte: ob nicht der

König der schönste Mann in ganz Frankreich sei? - Sie antwor-

tete: "Nicht nur der schönste, sondern auch der beste, aber er

hat viele schlechte Diener." Als sie das gesagt hatte, winkte der

Doktor; sie wurde von starken Männern in ein Rad gesetzt und

schrecklich gedreht, daß sie zu sterben meinte. Kaum herausge-

bracht, fragte man sie wieder nach dem König, da antwortete

die Erschöpfte: "Er kann seine vielen Kinder nicht schützen,

Gott sei uns gnädig!" "Es hat schon geholfen", sagte der Doktor,

"fahren Sie alle Tage so fort, der Wahnsinn ist durch die sit-

zende Lebensart, politische Schwärmerei und unbefriedigte Liebe

entstanden.!" Nun stürzte die unglückliche Frau jammervoll zu-

sammen, sie sah, daß sie des Wahnsinns beschuldigt worden, daß

ihr darum Vermögen und Freiheit genommen. Wer hatte diese

Gerüchte verbreitet? Sie dachte umsonst nach, doch fiel ihr die

boshafte Kammerjungfer ein; oder strebte jemand nach ihrem

Vermögen? Sie bemerkte bald aus dem Reden der läppischen

Schüler des Doktors, daß ihre Verehrung für den König den

Schein gegeben, daß ihre Freigebigkeit ihn vermehrt und ihre

Einsamkeit jedermann darin bestärkt hatte. Aber war es denn

nicht möglich, alles dem Doktor deutlich vorzustellen? Sie ver-

suchte es oft, aber kaum hatte sie einige Worte gesprochen, so

lächelte der Doktor selbstgefällig und schickte sie in das schreck-

liche Drehrad. Ihr Mut wuchs mit der Verzweiflung, kein Dre-

hen vermochte mehr ihre laute Anklage zu ersticken; sie wurde

in Wasser getaucht, nichts überwand ihre Klage über Grausam-

keit; der Doktor erklärte den Schülern, die Frau sei unheilbar

und sprach dabei recht herzliche Worte voll Mitleid über ihren

Zustand aus. Sie konnte ihm nicht zürnen; er wäre vielleicht ein

tüchtiger Vieharzt gewesen, das böse Geschick hatte ihn über

Menschen gesetzt. Mit Schauder sah sie den Folgen dieser Erklä-

rung entgegen; eine ewige Gefangenschaft schien ihr bevorzu-

stehen und schon jetzt entbehrte sie aller Bequemlichkeiten und

wurde nur spärlich und schlecht genährt. Der Entschluß, ihrem

Leben ein Ende zu machen, reifte in unsäglicher Seelenangst; sie

stützte eben tiefsinnig ihren Kopf mit beiden Händen, als eine

fremde und doch bekannte Stimme sie erschreckte. Sie fuhr auf;

es war der Nußknacker, der, wie er sagte, dem Interesse nicht

länger widerstehen konnte, sie zu sehen. Er bedauerte ihr Schick-

sal, sie faßte Vertrauen und bat ihn um ein Mittel zum Retten;

er warf hin, daß es nur eines gebe, wenn sie ihn heiraten wolle;

der Polizei-Chef und der Doktor wären seine Freunde und beide

gute dumme Teufel, er könne sie zu allem bereden, ihre Schön-

heit habe ihn bei dem ersten Anblicke gerührt. - "Und mein

Vermögen?" fragte ihm Hoffnung gebend, die Schlaue, um nur

zu wissen, wo es bliebe. "Ihr Vermögen", fuhr er fort, "setzt

mich in den Stand, mein unangenehmes Geschäft aufzugeben."

"!Ich kann nicht leben in Paris, mir ist hier zu Schreckliches be-

gegnet", sagte die Frau von Saverne, "kommen Sie mit mir nach

Avignon; haben Sie wohl von Petrarks Höhle gehört?" Der

Nußknacker schrie in Wonne auf, der Süden sei seine Sehnsucht,

und Petrark sein Liebling. Frau von Saverne war erfreut, sie

schlug ihm vor, dort ihre Vermählung zu feiern, aber er müsse

auch den Doktor bereden, sie dahin zu begleiten, da er eigent-

lich unwissend ihre Vereinigung bewirkt habe. Der Nußknacker

erklärte sich zu allem bereit, er rechnete ihr vor, welch ein Haus

sie machen könnten, denn er hatte ihr Vermögen genau unter-

sucht; er war so eitel, daß er nicht glauben konnte, eine solche

Frau wolle ihn täuschen. - Bald holte er Frau von Saverne als

gänzlich unheilbar fort - aber nicht in das Haus für die Blöd-

sinnigen führte er sie, wie er vor den Leuten sagte, sondern nach

Versailles, daß sie ihre Sachen durchsehen und alles schnell zu-

sammenpacken könnte.

Sie fand alles wieder, nur nicht ihre Schatulle; sie packte alles

ein, nur nicht die Büste des Königs, die sie ohne ein inneres

Schrecken nicht anblicken konnte. Ihr Vermögen, meistens sichere

Papiere, hatte der Nußknacker zu sich genommen; dies verhin-

derte sie an der Ausführung ihres ersten Planes, gleich ohne ihn

zu entfliehen, aber es machte auch ihre Rache vollständiger.

Schon nach einer Woche kam der Nußknacker mit dem Askulap

und zeigte sich bereit zur Fahrt; der letztere eignete sich ihre

Herstellung als eine Nachwirkung seiner Heilmethode und des

herrlichen Drehrades zu, das er als seine Erfindung ihr anpries.

Sie dankte und versprach ihm zum Lohne in Avignon das schön-

ste Los aus dem Glücksrade: eine junge, reiche Schwägerin.

Übrigens sah sie bei der Abreise genau zu, wohin ihre Schatulle

gestellt wurde und ließ sie selten aus den Augen. Unterweges

unterhielt sie sich in größter Ruhe über die Polizei; der Nuß-

knacker setzte ihr gleichgültig auseinander, daß diese Gewalt seit

dem Sinken aller Verfassung als die einzige Macht im Staate an-

zusehen sei, daß selbst der Herrscher nur so lange bestehe, als

sie es wolle, alle Wirte, alle Bediente und Kammermädchen

wären in deren Solde. Die Eröffnungen beängstigten die arme

Frau von neuem; wie ward ihr so wohl, als sie das päpstliche

Wappen wieder erblickte, als sie in ihrem Hause wieder abge-

stiegen war. Ihre Begleiter mußten in ihrem Hause wohnen, sie

versicherte verschämt, daß sie noch heute mit ihrem Beichtvater

reden wolle, um ihre Hochzeit sogleich feiern zu können. Der

Nußknacker sang die lieblichsten Arien in seliger Erwartung, er

kam sich selbst wie ein Petrarka vor und sprach nur von seiner

Laura; er kümmerte sich nicht mehr um die Schatulle, welche so-

gleich in Sicherheit gebracht wurde. Als der Beichtvater kam,

weinte Frau von Saverne heftig und nannte ihn einen Prophe-

ten. Er zeigte ihr ein Geldstück mit König Ludwigs Bilde, sie

mochte es nicht ansehen. "Unter der dreifachen Krone ist besser

wohnen, als unter der einfachen", sagte der Mönch, "ich weiß

alles; ein Bruder, der Sie in Paris aufsuchte, aber zu spät kam,

hat mir alles berichtet; führen Sie die Herren heute abend nach

dem Kloster, sagen Sie ihnen, daß ich in meiner Kirche die Ehe

nach hier gewöhnlichem Gebrauche noch heute einsegnen wolle;

sagen Sie mir kein Wort dagegen, Sie können denken, daß ich

Sie lieber dem Teufel als einem dieser Bösewichter vermählen

würde; aber ich will nicht nur die guten Herren, ich will auch

Sie überraschen!"

Wie war der Bräutigam so froh, als er die Nachricht von der

nahen Vermählung erhielt, zugleich erzählte er, daß er Hoff-

nung habe, die Polizei in Avignon auf französischen Fuß einzu-

richten, er versprach dem Doktor schon die Medizinalaufsicht

über das ganze Ländchen. Wie ging er so stattlich neben der

schönen Frau in das Kloster und sprang zum Beichtstuhl, als ob

es ein Unterbureau der Polizei sei. Wie wußte er so gar keine

Sünde von sich dem Beichtvater zu beichten, die Geschichte mit

der Frau von Saverne nannte er eine wohlgelungene Zärtlich-

keit; ihm wurden dafür sechs Vaterunser an einem dunklen Orte

zu beten aufgegeben. "Er meint, ich bin ein Kind", sagte er vor

sich hin, "daß mich ein dunkler Ort schrecken könnte!" Er lachte

fast, als er den Doktor noch zur Gesellschaft in der dunklen

Kammer bekam. Sie traten in einen Verschlag, der nach Eseln

roch, eine Tür wurde hinter ihnen zugeschlossen. "Hier mag

schon mancher Esel gebetet haben, scherzte der Doktor, ich singe

den Marlborough sechsmal statt dessen. - Aber was ist das",

sagte der Doktor, "der Boden bewegt sich, Hilfe, Hilfe." - "Ein

Erdbeben!" rief der Nußknacker. Aber unaufhaltsam schneller

mit jedem ihrer Schritte bewegte sich der Boden fort, sie selbst

trieben ihn zur Bewegung, denn sie standen im Tretrade der

Ulmühle des Klosters, in der sonst mehrere Eselpaare sich in dem

Geschäfte ablösten. Sie mußten laufen, um nicht überzufallen;

die Mühle regte sich und wie alles in schönster Bewegung war,

die beiden atemlos keuchten, erhellte sich alles durch das Gitter

der Mühlenseite. Der Beichtvater stand da mit Frau von Saverne

und fragte, ob sie mit ihrem Gebete noch nicht fertig wären?

Frau von Saverne sagte, wenn sie länger auf ihren Bräutigam

warten sollte, da nähme sie lieber einen andern Mann, der sie

gegen List, Gewalt und Langeweile schütze. Der Nußknacker

wollte antworten, aber in dem schrecklichen Laufen brachte er

nur wilde, lächerliche Töne zusammen; Mönche in der Mühle

tanzten lachend umher, sie sahen in der Sache nur den Scherz,

nicht das Leiden der armen Saverne, das von dem Beichtvater so

passend gerächt wurde. "Wenn das nicht hilft, so sind Sie unheil-

bar dumm!" rief er zum Doktor; "wenn Sie das nicht bessert",

sagte er zum Nußknacker, "so sind Sie unheilbar böse!" Jetzt

erschien ein junger Offizier, der Bruder des Beichtvaters, von

welchem er der Frau von Saverne vorgestellt wurde. Sie ver-

wunderte sich, errötete und sprach: "Wir kannten uns wohl,

aber warum ließen Sie nichts von sich hören nach dem Tode

meines Mannes? Solange er lebte, konnte ich freilich Ihre Zu-

dringlichkeit nicht dulden." "Ich glaubte, daß Sie mich haßten",

sagte der Offizier, "und wagte nicht, mich Ihnen wieder zu

nahen." "Die Bescheidenheit war dumm", sagte der Beichtvater,

"ihr wolltet beide mich nicht hören und habt beide viel darum

gelitten, folgt mir jetzt und vermählt euch heute zur Buße, wenn

der Herr da keine Einwendung macht." - Der Mann im Tret-

rade schrie: "Nein! Nein!" "Er will es noch nicht zugeben

sagte der Beichtvater, "er muß noch länger treten!" "Ja, ja, gebs

zu!" brachte der Nußknacker heraus. - "Wohlan", rief der

Beichtvater, "die gnädige Frau ergibt sich in ihr gutes Schicksal,

ihr beiden Sünder sollt Zeugen ihres Glückes sein und noch heute

abend von unsern Landreitern über die Grenze gebracht werden,

wenn Frau von Saverne sich von allen ihren Leiden ausruht. Als

Dank für eure Bemühung erhaltet ihr die zu Versailles zurück-

gelassene Büste, wir wollen statt ihrer das Bild des heiligen Pe-

trus in das Zimmer der gnädigen Frau stellen!"

Wie kamen die beiden Zeugen aus dem Rade zum Vorschein!

Wie war dem Nußknacker sein seidner Hochzeitstaat zerplatzt!

Der Doktor gestand, daß er nun erst wisse, warum den Wahn-

sinnigen die Drehmaschine so unbequem sei, er wolle sie nie

wieder brauchen.

Die Hochzeit der Frau von Saverne, die Fortschaffung der

beiden Zwangszeugen über die päpstliche Grenze erfolgte, wie

es der Beichtvater eingerichtet und angezeigt hatte. "Nun", sagte

er am andern Morgen zur Schwägerin, "die Polizei eines Beicht-

vaters ist doch wohl noch erträglicher als die Polizei gewissen-

loser Staatsbeamten? Unsre Fasten sind doch noch erträglicher

als die Mittelchen, die so ein Doktor für andre erfindet, ohne sie

je an sich zu versuchen. - Möchten doch alle Scharlatans, alle

Gesetzgeber die Wirkung ihrer dummen Einfälle so an sich erst

einmal versuchen, wie diese Herren, ehe sie damit alle Welt in

Versuchung und Verzweiflung führen!"