Achim von Arnim
Hugh Schapler und sein Vetter Simon

 

Herr Gernier Schapler (Capet), von Geblüt und Stamm ein

edler, rittermäßiger Mann, hatte sich nicht geschämt, die Tochter

eines reichen Metzgers zu Paris, eine fromme, tugendsame und

überschöne Jungfrau, zu einer ehelichen Gemahlin zu nehmen.

Gott, der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen, hat ihm

auch einen jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert, an

den er beider Kräfte so wunderbar gewendet, ein Kind von

außerordentlicher Stärke und adliger Gesinnung hervorzubrin-

gen. Der Vater starb, noch ehe dieser Sohn geboren, die Mutter

aber in der Geburt. Die Verwandten ließen ihn Hugh (Hugo)

taufen, er wuchs in allen ritterlichen Tugenden auf, es war kein

Turnier im Lande, wo er nicht Ehre eingelegt hätte; doch weil

er ohne elterliche Zucht geblieben war, so schöpfte er mit dem

großen Löffel auf, und weil er viel vertragen konnte, so ver-

schlemmte er viel. Seine Wirte, Schuster, Schneider, Harnischer,

Sporer versahen es sich am wenigsten, als Hugh gar nichts mehr

im Vermögen hatte, sie schlossen immer noch falsch, wer soviel

vertäte, müsse soviel übrig haben.

Als nun diese Schuldleute kamen, saß Hugh in großem Un-

mute einige Tage bei sich verschlossen und aß arme Ritter statt

der reichen Braten, bis ihm endlich einfiel, zu seinem Vetter

Simon nach Paris zu reiten, der ein reicher Metzger daselbst und

seiner Mutter nächster Blutsverwandter war. Also machte sich

Hugh eines Morgens heimlich auf, ritt nach Paris, und da er vor

seines Vetters Haus kam, das mit roten ausgeschnitzten und auf-

geblasenen Braten wie mit einer köstlichen Tapete behangen

war, da wurde er bald erkannt und ihm die Türe geöffnet. Hugh

aber wollte nicht also hineinreiten, sondern stieg ab von seinem

Pferde, zog seinen Hut ab und grüßte seinen Vetter ganz demü-

tiglich, welcher ihn mit gleicher Demut bewillkommte und sprach:

"Lieber Herr und Vetter, wie soll ich das verstehen, daß Ihr

Euch gegen mich so demütig erzeiget, hab ich Euch doch all mein

Tage nie so schlecht gerüstet gesehen, so hat auch Euer Vater,

Herr Gernier, Euch solchem geringen Stande nie zugeführt; Ihr

wißt wohl, wie er oft mit zwölf gerüsteten Pferden in meinem

Hause zu Herberge gelegen, er hatte auch stets die auserlesen-

sten Knechte aus ganz Frankreich, deshalb ich mich über Euch

entsetze und besorge, es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne.

Darum so kommt in mein Haus, Euer Pferd soll wohl versorgt

werden, habt Ihr dann ein heimlich Anliegen, dadurch Ihr so

betrübt seid, wollet mir solches nicht verhalten; kann ich Euch

dann mit Leib und Gut behilflich sein, so sollt Ihr an mir keinen

Zweifel haben, ich will mich hierin nicht sparen noch verdros-

sen sein."

Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter

Simon in sein Haus; sein Pferd wurde abgezäumt, er zog seinen

Harnisch und Rüstung ab. Indem ließ sein Vetter Simon ein

herrlich Nachtmahl auftragen, frische Würste in der Suppe, Rin-

dermark auf geröstetem Brot, Rippenstücke mit Rosinen gefüt-

tert, Brustkern mit Mandeln gefilzt, und seine Hausfrau trat

dabei vor, ganz rot, wie sie eben aus der Küche getreten vom

großen Feuer, und sagte auch ihre Verwunderung, Herrn Hugh

in so schlechter Rüstung zu finden, wie sie an seinem Vater nie

gewöhnt gewesen. Aber Hugh schwieg darauf still und war fröh-

lich, bis das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben wor-

den; da fing Hugh an und erzählte seinem Vetter alle seine

Handlungen, wie er in den zwei Jahren, seit er sein Vermögen

ohne Vormund verwaltet, hausgehalten und all sein Hab und

Gut vertan, auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig ge-

worden, und weil er von diesen Schuldnern Tag und Nacht keine

Ruhe behalten, sei er außer Landes gereist, von ihm einen guten

Rat zu holen.

Da nun sein Vetter Simon dies alles mit großer Verwunderung

und Mitleiden vernommen hatte, fing er an mit guten und lieb-

lichen Worten den guten Hugh zu trösten, sprechend: "Lieber

Herr und Vetter, dieser Euer Unfall ist mir von Herzen leid;

Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und

das Eure nicht also unnütz verpraßt haben; denn gewonnenes

Gut, wenn es verloren geht, ist gar schwerlich wieder zu über-

kommen; Ihr solltet auch nicht so milde im Ausgeben gewesen

sein, nach den schönen Weibern und böser Gesellschaft müßig

gestanden haben, denn jetzund werdet Ihr gewahr, daß deren

keiner in Euren Nöten Euch behilflich sei, und könnte er Euer

Leben, da Gott vor sei, mit einem Heller erretten. Zwar hat Euer

lieber Vater auch einen großen Stand geführt, er hatte aber

dennoch groß Gut und Geld dabei erspart, welches Ihr nun so

unnütz vertan habt." - Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh

einen Verdruß zu schöpfen, hub an und sprach: "Lieber Vetter

Simon, die Predigt will mir zu lange werden, denn ich bin daran

nicht gewohnt, sie tut mir weh im Bauche, wenn ich den Ostertag

eine hör, so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen; es

bedarf auch nicht viel Strafens, denn es ist geschehen, so bin ich

auch der Predigt wegen nicht zu Euch gekommen, denn ver-

gebens ist es, den Stall erst zu beschließen, wenn die Rosse schon

heraus sind. Aber das ist meine Bitte an Euch, daß ich durch

Euren Rat aus dieser Schande käme!" - Der fromme Simon, wie-

wohl ihn diese Rede ein wenig verdroß, ließ sich doch als ein

guter Freund merken und sprach ganz einfältig: "Mein herz-

lieber Vetter Hugh, was ich jetzt in Strafweis geredet habe,

meine ich von Herzen gut mit Euch; dieweil Ihr aber meines ge-

treuen, guten Rates, wie Ihr sagt, leben wollt, so sage ich das bei

meiner Treue: wenn Ihr mir folgen wollt, will ich Euch aus aller

Gefahr und Nöten erretten, auf daß noch ein reicher Mann aus

Euch werde." - Auf diese Rede Simons antwortete Hugh: "Lie-

ber Vetter Simon, diesen Rat begehr ich von Grund meines Her-

zens von Euch zu hören und weiß Euch dafür großen Dank." -

"Das will ich Euch meiner Treu nicht verhalten", sprach Simon,

"denn ich gönne Euch von Herzen alles Gute, mein lieber Vetter

Hugh; darum so wäre mein treuer Rat, Ihr bliebet diesen Winter

bei mir, so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch

Unterweisung geben, wie Ihr nachmals Eure Hantierung mit

Kaufen und Verkaufen anschicken sollet, als mit Ochsen, Käl-

bern, Schafen und Schweinen sowohl beim Einkauf wie beim Mä-

sten und Schlachten; inzwischen möget Ihr eine hübsche, reiche

Jungfrau, so man sehen würde, daß Ihr Euch fein in den Handel

schicken tätet, zu einem ehelichen Weibe erwerben, die Euch bei

Euren gesunden Gliedmaßen wohl lieb gewinnen müßte. Dann

möget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft an-

stellen und treiben; so ich dann sehen würde, daß Ihr Euch recht

und wohl zu solchen Dingen schicket, wollt ich Euch nach meinem

Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und Güter, da

ich keine Kinder oder nähere Anverwandten habe. Ihr dürft

Euch des Handwerks nicht schämen, da Eure leibliche Mutter

dabei gezogen und geboren worden." Hierauf zu antworten be-

sann sich Hugh nicht lange, sondern sprach mit lachendem Mun-

de: "Freundlicher, lieber Vetter Simon, ich bedank mich höch-

lich gegen Euch wegen Eures guten und getreuen Rats, bin aber

nicht ganz willens, demselben nachzukommen, denn zum Metzi-

gen und Schlachten oder zur Kaufmannschaft habe ich keine Lust,

weil ich gedenke, meines Vaters ritterlicher Tugend nicht zu ver-

gessen, dieweil ich mich von Jugend auf darin geübt habe, und

will meinen jungen Leib daransetzen. Wie sollt ich allererst jetzt

Ochsen und Schaf schlachten lernen, da ich schon Menschen ritter-

lich darnieder gestreckt habe, womit ich manchem Fürsten dienen

kann. Ja, mir wäre lieber, ich hätte vier gute Hengste im Stalle,

Sperber, Habicht, Falken oder Spürhunde als tausend Ochsen;

so wäre mir auch lieber, ich hörte Trommeln und Pfeifen, Lau-

ten und Geigen, Tanzen und Singen, denn daß ich sollte die

Ochsen, Schafe, Schweine, Kälber hören brüllen und grunzen."

Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh traurig antwor-

tete: "Lieber Vetter Hugh, ich meine es gut mit Euch, wollet Ihr

meinen Rat annehmen, es wird Euch nicht gereuen. Jedoch so

wollen wir jetzund solches bis morgen beruhen lassen, vielleicht

so möchtet Ihr Euch dann eines andern bedenken, wollet jetzund

guten Muts und fröhlich sein."

Also vertrieben sie ihre Zeit, bis man schlafen ging, da ward

Hugh herrlich und wohl gelegt, den seine jetzige Armut im

Schlafe nicht störte, vielmehr schlief er in den halben Tag hinein

bis zur Mahlzeit. Simon, sein Vetter, aber lag die ganze Nacht

ungeschlafen, denn er ward von seiner Hausfrau recht übel be-

handelt, die nichts andres besorgte, denn daß Hugh seines Vetters

Rat folgen und bei ihr bleiben würde; darum sprach sie: "Ach

lieber Mann, was gedenkst du? Du willst den Jüngling zu einem

Handwerk verordnen, der alle seine Tage mit Fressen und Sau-

fen, mit schönen Frauen zu kurzweilen hingebracht, in solchen

Dingen sollte er uns bald um alles bringen, was wir ererbt und

erspart haben, wie er mit seines Vaters Erbe getan hat. Darum

ist mein Rat, du gebest ihm morgen eine ziemliche Zehrung und

lassest ihn fahren, auf daß du sein ledig werdest, denn es ist

leidlicher, einen kleinen Schaden als einen großen verschmerzen."

Darauf antwortete Simon: "Liebe Hausfrau, sei zufrieden,

denn wahrlich, dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon über-

schlagen, ich besorg, er folgt meinem Rate und bleibt bei uns,

was mir sehr leid wäre; ich besorge, unser beider Gut würde kein

Jahr ausdauern, wenn er in seiner Gewohnheit fortführe." -

Darüber ängstete er sich so sehr, auch kamen allerlei Fliegen, die

sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren

brummten, daß es ihm sehr früh zu tagen schien. Es wurde ihm

im Bette so unruhig, er stieg vor Tage heraus, ging dann nach

dem Stalle und futterte Hughs Pferd, so gut er konnte, und

wartete mit großem Verlangen, wann Hugh aufstehen und ihm

Bescheid geben würde. Da es nun schier um Mittag war und man

den Imbiß nehmen wollte, erwachte Hugh, stand auf, pfiff sich

ein lustig Liedchen, sah nach seinem Pferde, fand auch, daß es

nach aller Notdurft wohl versehen war, da trat er zu seinem

Vetter Simon, in Meinung, ihm dafür zu danken. Da erschrak

der gute Simon so sehr, daß er fast in Ohnmacht gefallen wäre;

denn seine Sorge war immer, Hugh würde bei ihm bleiben, wo-

ran doch Hugh keineswegs dachte. Aber ehe dieser noch etwas

gesagt, fiel ihm Simon ins Wort und sprach: "Lieber Vetter

Hugh, da Ihr mir gestern abends auf meinen Rat wegen des

Handwerks geantwortet, Euer Gemüt stände zu keinem andern

Handwerk, als Fürsten zu dienen, so habe ich diese ganze Nacht

nachgedacht; dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben, so folget

dem nach, kommt in meine Kammer, ich will Euch eine gute

Zehrung mitteilen von wegen Eurer Mutter, die mir sehr lieb

gewesen und die sich noch im Grabe umdrehen würde, wenn

sie Eure jetzige Not wüßte." Da Hugh das hörte, wehrte er sich

nicht lange, ging behend mit seinem Vetter in die Kammer; da

zog Simon einen seidenen Beutel aus dem Tischkasten und sprach:

"Nehmet hin, mein lieber Vetter, diese dreihundert Kronen, ver-

zehret sie von meinetwegen."- Wer aber war fröhlicher als

der gute Hugh, der seinem Vetter großen Dank sagte, desgleichen

war auch Simon mit seiner Hausfrau sehr froh, es reute ihnen

das Geld nicht, das sie ans Bein gebunden, da sie des Gastes los

wurden. Also säumte sich Hugh nicht lange, wollte der Mahlzeit

nicht warten, wie sehr ihn sein Vetter anflehte, weil er für ihn

einen großen Rinderbraten an den Spieß stecken lassen. Hugh

sattelte sein Pferd, zog Harnisch, Stiefel und Sporen an, dankte

Vetter und Hausfrau für Geschenk und Herberge, setzte sich auf

sein Pferd und ritt auf und davon. Der Vetter Simon stand noch

lange mit der Mütze in der Hand in der Türe und sah ihm

nach und schüttelte mit dem Kopfe, die Frau aber, mit beiden

Händen unter ihren Röcken, gähnte und fror und dachte, wie

ruhig sie die nächste Nacht schlafen wollte.

Hugh ritt nach Hennegau, weil dort ein großes Turnier ge-

halten werden sollte. Aller Orten, wo Hugh in den Niederlanden

turnierte, gewann er Preise und - gab sich mit den Mädchen

ab - und dann mußte er flüchten, sich durchschlagen - zehn

Söhne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren; er be-

kümmerte sich um keine, sondern zog immer weiter auf Aben-

teuer. Er kam nun mit großen Ehren und vieler Beute nach Paris

zu seinem Vetter zurück, der sich nicht wenig über seine schönen

Pferde und prächtigen, vergoldeten Harnische freute. Hugh stieg

ab, erzählte ihm alle seine Geschichten, worüber sich dessen Haus-

frau recht erstaunte und ihn gar sehr lieb gewann. Als das Herr

Simon merkte, rief er aus: "Sankt Dionys, Ihr sollt fürder bei

mir wohnen, ich will Euch zulieb einen ehrlich adligen Staat füh-

ren und halten, denn ich hab mein Vermögen, seit Ihr weg ge-

wesen, ziemlich vermehrt, so daß ich Eure Güter einlösen kann.

So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem Lande, die Euch wohl

helfen mögen um Eures Vaters willen, daß Ihr zu guter Heirat

kommt." - "Lieber Vetter", sprach Hugh, "ich habe Eure Rede

wohl vernommen und danke Euch fast sehr, daß Ihr meines

Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt, bin aber noch

keineswegs gesinnt, zu der Ehe zu greifen, bedünkt mir noch

immer viel besser, einander heimlich lieb zu haben, will mein

Glück noch erwarten." - Dem guten Simon war das nicht recht,

auch nicht seiner Hausfrau, die gern Hughs Hochzeit mit einer

reichen Base ausgerichtet hätte.

Der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris, wo die

Königin von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr

mit Kriegesvolk bedrängt wurde, der sie durchaus heiraten

wollte, aber sie mochte ihn nicht leiden. So tapfer sich nun Hugh

auch hielt und die Stadt verteidigte, so wäre er doch bald ver-

loren gewesen, wenn sich nicht die zehn Söhne in Brabant, die

schon herangewachsen waren, alle aufgemacht hätten nach Paris,

als sie von ihres Vaters Bedrängnissen gehört hatten. Keiner der

Söhne wußte aber vom andern, und so lief jeder seine Straße,

bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammenkamen und sich

erkannten; da verschworen sie sich miteinander und fielen wie

eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs, das noch im

besten Schlafe lag. Als Hugh diese unerwartete Hilfe wahrge-

nommen, fiel er mit allen Seinen aus, und sie machten eine große

Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog ge-

fangen. Da erkannte Hugh seine Söhne und küßte sie als Vater,

und die Königin gab dem Hugh ihre Hand; er war es (Hugo

Capet), der das größte aller regierenden Häuser Frankreichs auf

den Thron setzte. Sein Vetter Simon verwunderte sich über

Hughs besonderes Glück nicht wenig, der war auf einmal rei-

cher, als er sein lebelang mit allem Sparen werden konnte. Vetter

Simon ließ es sich auch gefallen, von ihm zu einem Herzoge ge-

macht zu werden, doch mehr auf Anstiften seiner Frau, denn

nach eigenem Begehren.