Clemens Brentano
Geschichte der Eltern Godwins
In einer Handelsstadt an der Ostsee lebte Wellner, ein wohl-
habender Kaufmann, der seine beiden Töchter liebte, und fleißig
über ihren Sitten und ihrer Bildung wachte. Er hatte seine brave
Hausfrau früh verloren, da Marie und Annonciata noch sehr
jung waren, und ihr in der letzten Stunde versprochen, diese
mehr zu hüten, als sein Geld und Gut, was er auch treu voll-
brachte; ja man könnte sagen, wirklich über Vermögen, denn er
verlor in der Zukunft nicht nur sein Vermögen, und meistens
durch die Liebe zu seinen Kindern, sondern er verlor auch beide
Kinder selbst.
Er gesellte ihnen einen Jüngling zu, welcher elternlos war, und
den er in seinem Hause unterhielt. Dieser, den ich Joseph nennen
will, war immer mit den Mädchen, er hatte gute Schulkenntnisse,
und gab ihnen den ersten Unterricht.
In der Blüte des Lebens, wo sich die Gattung in einer schönen
Blume entfaltet, erklärte sich Marie als ein durchaus sanftes und
argloses Geschöpf mit einem treuen warmen Herzen, und einem
hellen Geiste, der aber meistens in der Wahl das Gute dem Schö-
nen vorzog.
Annonciatens Blüte war schwerer zu bestimmen, ein kühneres
und doch harmonisches Gemisch von Farben ist nicht leicht denk-
bar. Alles liebte sie, und keiner mochte sie recht leiden. Man
wagte seine Liebe selbst in dem Kinde schon nicht zu wissen, weil
man eben dieses Kind nicht verstand. Sie selbst machte keine
Forderungen an die Welt, und war doch nichts als Begierde; das
meiste genügte ihr nicht, aber sie konnte es nicht sagen, weil sie
die Armut der Gebenden schonte.
Dieser ganze Zustand war nur Zustand in ihr, denn sie konnte
noch nicht überlegen, als sie schon so im Leben stand, und in der
Folge meinte sie, es wäre wohl nicht anders, und dieses sei das
menschliche Leben. Sie liebte nichts so sehr als Blumen, und sang
recht artig.
Wellner glaubte, ihr stilles und oft heftiges Wesen sei eine
Folge eines geschlechtlich heftigen Temperaments, und er
wünschte sie daher früh verheiratet zu sehen. Freilich hatte er in
seiner Meinung nicht ganz unrecht; aber der gute Mann wußte
nicht, welcher große Unterschied zwischen dem sogenannten hef-
tigen Temperament und der von Grund aus reinen Weiblich-
keit ist.
Maria war des Vaters Augapfel, denn sie war ruhig und be-
scheiden, und schien nichts zu wünschen, als was er ihr geben
konnte. Er hatte sich daher fest entschlossen, sie spät oder nie
von sich zu lassen. Da er allein für seine Kinder lebte, und alle
seine Gedanken nur sorgend für ihr Wohl waren, so durchdachte
er ebensogern seinen Lebenskreis, sich für Marien eine Verbin-
dung zu erfinden, als er viele Stunden überlegte, wie er Annon-
ciaten glücklicher machen könne, als es die Welt überhaupt
konnte.
Joseph, den er in seine Handlung genommen hatte, und der
seine Töchter fleißig unterrichtete, ward ihm täglich unentbehr-
licher, denn er war ebensosehr fein und spekulativ, als treu und
anhänglich, und die Handlung stieg unter seiner Einwirkung eben-
so schnell, als der Vater mit Freuden besonders Mariens Bildung
sich entwickeln sah.
Mit Annonciaten war es nicht so, denn lebendige Früchte
können in ihrer Gesundheit nur durch die Sonne reifen. Sie er-
müdete leicht an Josephs Unterricht, und wo ihre Bildung vor
sich ging, im inneren Heiligtume ihres Busens, da konnte Joseph
nicht hinsehen. Der junge Mann ward oft durch ihre auffallenden
Fragen gestört, und als sie ihn in einer solchen Verlegenheit recht
von Herzen, wie sie oft pflegte, guter Joseph! nannte, beleidigte
ihn dieses, und er klagte es Wellnern. Dieser stellte ihr diese
Beleidigung recht herzlich vor, und obschon sie ihre Unschuld
tief empfand, so bat sie ihren Vater doch mit bittern Tränen um
Vergebung, und versprach Josephen dasselbe zu tun.
Es kostete ihr vielen Schmerz, und Joseph konnte ihrer Rüh-
rung nicht mehr Einhalt tun, als sie Verzeihung von ihm er-
flehte, so, daß er anfing, sie für etwas beschränkt zu halten, da er
ihre heftige Ausrufung, wie keine Liebe und keine Freundlich-
keit in der Welt sei, hörte, denn in dieser Opferung ihres Stolzes
löste sich alles in ihrem Herzen, und indem sie um Verzeihung
zu bitten glaubte, beschuldigte sie das ganze Leben.
Nach dieser Szene wendete Joseph sich immer mehr zu Ma-
rien, und auch Annonciata kehrte mehr in ihr Herz zurück, ob-
schon sie edler als er ihn nichts davon empfinden ließ.
An einem vertraulichen Abend war Joseph noch spät auf der
Stube Wellners, und sie sprachen vieles über die Lage der Hand-
lung, und eine Reise, die Joseph übernehmen müsse, um ihr
mehr Selbständigkeit zu geben, und sie den geldsaugenden Kom-
missionärs zu entziehen. Von dieser Unterredung kehrte Well-
ner wie gewöhnlich auf das Schicksal seiner Töchter zurück, Jo-
seph aber schwieg, als habe er etwas auf dem Herzen. Der Vater
sagte: "Es ist wunderbar, wie kein Geschäft auf Erden unserm
Leben, unserer Tätigkeit Freiheit gibt, es mag noch so blühend
sein, als es Fleiß und Einsicht machen können. Niemals wird die
schöne Gewohnheit einer bezweckten Tätigkeit hinreichen, und
wir kehren auf jedem Punkte, der eine Rundung der Ansicht er-
laubt, in unser eignes armes Herz zurück, und bringen höchstens
etwas Zerstreuung oder Stoff zu neuen Plänen mit, wenn wir zur
Arbeit zurückkehren. Wenn ich nun Ihre Reise bedenke, und alle
die schönen Vorteile derselben betrachtet habe, was habe ich am
Ende gewonnen, was wird aus meinen Kindern werden, wenn ich
mit ihnen allein bin, was? wenn Sie wiederkommen?"
Joseph hatte eine solche Minute erwartet, und sagte ihm ge-
rührt: "Ich ehre diese Empfindung in Ihnen, Ihre Güte hat mich
Ihnen so nahe gebracht, als Ihren Kindern; für Annonciaten
weiß ich nichts, als daß es gut sein wird, sie bald zu verehelichen,
um ihren unbestimmten Empfindungen die allgemeine Richtung
des Weibes zu geben."
"Und für Marien?" fuhr Wellner fort.
"Für Marien", sagte Joseph, "kann ich nicht wählen, denn ich
liebe sie."
Dies Geständnis hatte ihn viel Mühe gekostet, weil er nur zu
sehr fühlte, wieviel er Wellnern schon zu danken habe. Wellner
fand dies nicht, er fühlte die Schuld, wäre je eine dagewesen,
längst getilgt, und versprach ihm Marien mit Freuden, als Lohn
seiner Treue, wenn sie ihn liebe.
Dies glaubte Joseph beinahe schon, oder wenigstens, daß sie
ihn heftig lieben werde. Hierin irrte er sich, denn sie liebte ihn
sehr; nur war sie keiner lebhaften Äußerung fähig; auch reizte
sie nichts zum Geständnis, da ihr Herz wie ihr Leben voll stillen
Glücks und voll Ruhe war.
Da nur noch wenige Monate bis zur Abreise Josephs übrig
waren, so wurde die Verbindung und seine Aufnahme in die
Handelsfirma bis zu seiner Rückreise festgesetzt; doch entschlos-
sen sie sich, ihm Marien näherzubringen, und zugleich für Annon-
ciatens Versorgung zu denken. So hatten die beiden Freunde ge-
sprochen, und verließen sich beide zufrieden, voll Hoffnung auf
eine schöne Zukunft.
Als Wellner nach seiner Stube ging, und im Begriffe war, zu
Bette zu gehen, hörte er seine Töchter, die über ihm wohnten,
noch wach sein und im Gespräche. Er war noch ganz von den
Worten, die er in Liebe zu ihnen mit Joseph gewechselt hatte,
durchdrungen, und setzte sich an das offene Fenster, um ihnen
zuzuhören. Die Mädchen, von der schönen Nacht ans Fenster ge-
lockt, sprachen vertraulich miteinander, und von Dingen, die ihn
sehr rührten.
"Wie ist dir?" sagte Marie zu Annonciaten, "wenn du so in
den stillen Himmel siehst, und den Mondschein -"
"Liebe Marie, wie mir dann ist, wenn ich dir das so recht be-
schreiben könnte, oder irgendeinem Menschen, so wäre ich recht
glücklich; ich denke oft daran, und ich würde dich nicht immer
bitten, mit mir ans Fenster zu treten, wenn mir meine Empfin-
dung dann klar und deutlich wäre, denn überall kann ich wohl
einsam sein, wo mir etwas deutlich ist - o! dann kann ich immer-
fort so in mir allein denken, ja wohl ordentliche Gespräche mit
meinen Gedanken halten; aber wenn der Mond in die Stube
scheint, kann ich nicht ruhen, und muß ans Fenster hin. Es ist
mir, als rufe er mich, ich müsse ihn wieder ansehen, die ganze
schöne Nacht spräche mit mir, und frage mich scharf aus; die
Antwort aber liegt mir tief im Herzen begraben, und es ist mir
oft, als müsse mir das Herz brechen, damit ich es nur sagen
könnte."
"Das ist seltsam, da bist du wieder ganz anders als ich, in mir
ist es nicht so."
"Wie ist dir dann, was möchtest du tun, was möchtest du
haben? Jetzt, da du siehst, daß es draußen ganz anders in der
Welt ist, was möchtest du, das auch dich verändere? damit du
wieder ruhig würdest, und mit der Welt zusammenstimmtest;
denn wenn du schläfst, ist es dir doch nur wohl, weil du nichts
von der Nacht weißt."
"Ich verstehe dich nicht, du bist wohl wieder melancholisch
wenn ich schlafe, ob ich da nichts wisse; nun das weiß ich nicht.
Manchmal träume ich auch, und wenn ich hier bei dir stehe, und
du sprichst nicht, oder ich bin schläfrig, so wünsche ich, Joseph
wäre bei mir, und spräche vertraulich mit mir, wie er nun bald
abreise, und wir Briefe miteinander wechseln wollen. Auf diese
Briefe freue ich mich sehr, denn ich habe noch an niemand ge-
schrieben; es ist mir, wie ein neuer Sinn, der mir aufgehen soll,
und ich denke schon oft ganze Briefe an ihn aus."
"Du bist glücklich, du liebst Josephen wohl."
"Ich denke meistens an ihn, liebe ihn lieber als den Vater, und
kann denken, daß ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein
möchte: wenn dies Liebe ist, so hast du recht."
"Ich habe recht, das ist Liebe, das ist deine Liebe."
"Meine Liebe? Gibt es denn mehr als eine Liebe?"
"Es gibt vielleicht nur eine, aber jeder Mensch hat wohl doch
eine andre. Mir ist nicht so, wie dir, wenn ich hier stehe; es ist
mir, als müsse ich mich verlieren in ein anderes Wesen, wie die
Bäume dort sich ineinander verlieren; ich möchte nicht immer
Annonciata sein, und doch weiß ich nicht, wie ich das soll; ich
kenne niemand, in den ich mich verwandeln könnte; ich möchte
oft sterben, um nicht mehr allein zu sein, und sterben, für wen?
das kann ich auch nicht sagen, und das ist es, was ich immer emp-
finde, und abends mehr als sonst; das ist es, was mich im Herzen
drückt, und wenn so der kühle Wind weht, wird es mir besser,
ich fühle dann in meinem Herzen, als sei ich gut, als tröste ich
mich mit der Ruhe da draußen in der Nacht und dem Glücke der
Natur."
So sprachen die beiden Mädchen noch lange, Wellnern flossen
die Tränen über die Wangen; er hätte noch gerne zugehört, aber
er konnte die kühle Luft nicht vertragen. Er schloß deswegen das
Fenster mit Geräusch, damit seine Kinder ihn hören, und auch
schlafen gehen möchten. Marie zog sich zurück, denn sie hatte
einen stillen verstehenden Gehorsam, Annonciata aber blieb allein
wach.
Einige Stunden nach Mitternacht hörte sie den Vater Josephen
klingeln, und diesen auch zu ihm kommen. Da sie ans Kamin
trat, welches ihre Stube mit der des Vaters verband, hörte sie,
wie der Vater am Fenster gesessen, ihre Unterredung gehört
habe, und daß ihm nicht ganz wohl sei. Er erzählte Josephen
von Marien, wie sie von ihm gesprochen, mit Freuden; auch von
ihr hörte sie ihn sprechen, wie sie seltsame Dinge gesagt, die ihn
sehr bekümmerten, und daß er sie mit dem jungen Genueser, der
hier sei, bekannt machen wolle; es schien ein reicher kluger Mann
zu sein, und es würde ihn glücklich machen, wenn sie ihn lieben
könne.
Annonciata hörte das alles mit Ruhe an, freute sich des Glücks
ihrer Schwester, und da sie glaubte, es wäre wohl recht hübsch,
wenn Marie auch unten wäre, so näherte sie sich ihr und sagte,
um sie zu wecken: "Liebe Marie, stehe auf, und gehe hinab zum
Vater, ich glaube es ist ihm nicht wohl, er hat jetzt noch Josephen
rufen lassen, frage ihn, was ihm fehlt und pflege ihn, ich weiß,
daß du es ihm besser tun kannst, als ich, und daß es ihm viel
Freude macht."
Marie dankte ihr, zog sich schnell an, und ging hinab.
Annonciata aber weinte -
Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens, sie
saß so freundlich auf seinem Bette, und Joseph still an der Erde:
da konnte er sein Herz nicht mehr erhalten, und legte ihre Hän-
de in dieser Nacht für die Zukunft versprechend zusammen,
und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe, die sie vor ihm ver-
wechselten.
Annonciata hatte dem Glücke ihrer Schwester mit Freuden zu-
gehört; in ihrem Busen aber war Schmerz, sie verbarg vieles, und
hatte keinen Freund.
Solche Menschen werden nie glücklich, denn das gewöhnliche
Leben allein befriedigt die Bedürfnisse, und ist es gleich so schön,
wenn eine Seele in reinerm, höherm Umgange der Liebe steht,
so sind diese Wesen doch nur arme Kinder, denn vom Himmel
kommt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde, die auf
Erden keine Hülfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im
Himmel trägt, dem verwelket das Herz in der drückenden, nie-
deren Sphäre.
Annonciata hatte vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst
nicht war. Zwar hatte sie eine Freundin an einer Witwe, die von
einem kleinen Vermögen in der nämlichen Stadt lebte; aber auch
diese würde keinen Sinn für ihren Zustand gehabt haben, denn
sie erschien bei ihr nur als ein lebhaftes gutes Wesen. Ob sie ihr
nicht mehr vertraute, oder ob diese Freundin sie nicht verstand,
weiß ich nicht.
Annonciata besuchte sie manchmal abends, wenn der Bruder
der Frau, Helsing, zugegen war, welcher sehr gut vorlas, um ihm
zuzuhören. Dieser Bruder war der Hofmeister eines jungen Edel-
manns gewesen, der hier in der Gegend lebte. Er sprach oft mit
Enthusiasmus von seinem ehemaligen Zöglinge. Die Weiber hör-
ten ihm gerne zu, und in Annonciatens Herz wurzelte diese Be-
schreibung, wie in einem fruchtbaren Boden. Wenn Helsing auf-
gehört hatte, vorzulesen, so war sie immer die erste, die das
Gespräch auf den jungen Edelmann lenkte, so daß Helsing, der
sich in seiner Erzählung gefiel, weil er von alle dem Guten immer
etwas einerntete, bald nichts mehr wußte, und bis zu seinen päda-
gogischen Beobachtungen über des Jünglings früheste Jugend
zurückkehrte, um Annonciaten zu befriedigen.
Sie brachte hier meistens die Abende zu, während Marie die
letzte Zeit, welche Joseph noch in Deutschland war, mit ihm in
Liebe teilte. Annonciata war gern zu Haus, und daß sie jetzt
öfter als gewöhnlich ausging, war, um Marien nicht zu stören.
Dieses erkannte man übrigens nicht. Es lag in ihrem Charakter,
Gefälligkeiten, Wohltaten und alles, was sie in den Augen ande-
rer erheben konnte, durch eine oft künstliche, mühsame Vorbe-
reitung unscheinbar zu machen; denn nichts tat ihr weher, als
Lob; doch erkrankte ihr Gemüt in diesem selbstbereiteten lieb-
losen Zustande.
In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpate, einer
in der Gegend wohnenden Gräfin, die sie schon vor einiger Zeit
besucht, und mit deren Tochter sie einen freundlichen Umgang
angeknüpft hatte. Die Gräfin bat sie dringend, sogleich zu ihr
zu kommen, weil ihre Tochter Wallpurgis gefährlich krank sei,
und sehr nach ihr verlange.
Annonciaten bestürzte diese Nachricht, sie hatte sich, als sie
den vorigen Abend wie gewöhnlich am Fenster stand, so lebhaft
nach dem Schlosse gesehnt, und nun rief sie eine so traurige
Nachricht hin.
Sie brachte den Brief ihrem Vater, der es ihr gern erlaubte,
und nachdem er sich bei der Kammerfrau der Gräfin, die mit
einer Kutsche gekommen war, Annonciaten abzuholen, über die
Krankheit erkundigt und erfahren hatte, daß sie in einer bloßen
tiefen Melancholie bestehe, so sprach er mit Annonciaten noch
einmal allein, wie man mit Melancholischen umgehen müsse,
machte sie aufmerksam auf ihren eigenen Tiefsinn und beur-
laubte sie mit den Worten: "Gehe mit Gott, mein Kind."
Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr gerührt, die
letzten Worte nämlich, "Gehe mit Gott, mein Kind", bewirkten
ihr eine heftige Bewegung, denn in diesen selbstgebildeten Aus-
drücken des Herzens, die wie die Wünsche: Guten Morgen, guten
Abend, die Frage: Wie geht es dir? bei den meisten Menschen
durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden, lag für sie
eine tiefe Bedeutung, und ich glaube dieses mit Recht für den
Zug eines kindlichen und tiefen Gemüts halten zu dürfen, wel-
ches fromm an das Wort glaubt, und dem der Sinn nie verloren-
geht.
Annonciata fiel dem Vater um den Hals, und konnte vor
Tränen nicht sprechen. Wellner verstand dies nicht; er dachte
nach, ob er sie gekränkt habe, und da ihm nichts einfiel, so legte
er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurück, und seine
Sorge ward erhöht. Zu Marien ging Annonciata auch, wo sie
Joseph fand. Auch hier fühlte sie sich tiefer gerührt, als der Zu-
fall es erforderte, und sie erstaunte selbst über das Wesen ihrer
Trauer.
Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von der Zu-
kunft, aber das war es gerade, was ihr das Herz zerbrach.
"Die Zukunft!" rief sie, "die Zukunft, 0 wäre sie vorüber!"
Dann schnitt sie sich eine Locke über der Stirne ab, und gab
sie Marien, die dasselbe tat. Joseph und Marie sahen ihrem gan-
zen Betragen mit banger Aufmerksamkeit zu, denn sie hatten
sie nie so vertraulich und so freundlich gesehen.
Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbäum-
chen auf die Stube, und bat sie, es treu zu pflegen und ihrer oft
zu gedenken abends, wenn sie nun nicht mehr bei ihr am Fenster
stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leute des Hauses noch
gegrüßt hatte, und ihre Trauer verbreitete sich über alle die Zu-
rückgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.
Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs
Abreise beschäftigt. Er selbst aber suchte die genauere Bekannt-
schaft des jungen Genuesers, den sich Wellner für Annonciaten
ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn jener war ein
offener, lustiger Mann, und ihm schon durch mehrere Geschäfte
bekannt. Er wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine
Art Exekution, da er den Mann nicht zahlbar gefunden hatte.
Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann, sondern bloß
der Erbe einer großen aufgelösten Handlung, und reiste, um die
Schulden dieser Handlung einzutreiben. Joseph entschuldigte
seinen Besuch bei ihm durch den Vorwand, daß er ihn um einige
genuesische Kaufleute fragte. Da der Italiener ihm hierüber
Auskunft gegeben hatte, begann er, mit vielem Feuer über sein
Vaterland zu sprechen, und geriet in eine lange Auseinander-
setzung der Staatsverfassung von Genua, bis es Josephen bange
ward, er möge seinem Zwecke heute nicht näherrücken. Der ge-
sprächige Italiener kam endlich auch auf die Weiber zu sprechen.
Er klagte über die unsittliche Sprödigkeit der Deutschen, und
sagte: "Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld er-
lassen, wenn er nur eine weise Tochter mit schwarzen Augen und
Haaren hätte, die ich ein wenig lieben könnte; nun aber ist kein
Mitleid im ganzen Hause, denn die Tochter hat rote Haare, und
ich muß hier sitzen und unbarmherzig sein. Ihnen geht es
wohl besser, mein Freund, denn ich habe jüngst bei Ihnen so im
Fluge ein paar hübsche Mädchen bemerkt."
Joseph erzählte ihm von Marien und Annonciaten, und der
Italiener versprach, ihn nächstens zu besuchen.
Den folgenden Tag war er schon morgens bei Wellner, und
abends aß er dort. Wellnern gefiel er sehr wohl, denn er hatte
ein großes Talent, alte Leute zu unterhalten. Er ward bald der
tägliche Besuch, und man freute sich immer recht auf ihn. Abends
kam er meistens während dem Essen, setzte sich nieder und
plauderte, erzählte italienische Komödien, und machte die Tou-
ren des Harlekins, Pantalons und Scaramuz. Marien lehrte er
auch ein wenig die Colombine zu machen, und sie spielten
manchmal kleine Szenen aus dem Stegreif, um Josephen zu nek-
ken, dessen Liebe er immer hineinzumischen wußte. Marie ge-
wann manche Reize durch ihn, er lehrte sie tanzen, und al'amore
spielen, doch mochte sie ihn nicht leiden, denn er hatte oft im
Spiele zu ernste Bewegungen.
Wellner glaubte nun, das sei der rechte Mann für Annoncia-
ten, bei ihm werde sie den Tiefsinn schon verlieren, und wünschte
sehr, sie möge hier sein. Er hatte soeben mit Joseph davon ge-
sprochen, ob man sie nicht rufen sollte, als Marie einen Brief von
Annonciaten brachte.
Annonciata an Marien
Was machst Du liebe Marie? Mir muß es nicht gut gehen, denn
ich frage, was Du machst, und weiß es doch. Du bist glücklich
und liebst Josephen, o! schreibe mir doch und frage, wie mir ist,
recht mit Liebe frage, vielleicht wende ich mich dann in mich,
und erfahre, wie mir ist.
Jeder Tag, wie der andere, Wallpurgis geht dem Grabe ent-
gegen. Ach sie ist so liebenswürdig in ihrem Sterben, das Leben
will sie nicht lassen, denn sie ist allem so freundlich. Es ist, als
stände der Frühling zu Füßen ihres Lagers, und wollte sie nicht
sterben lassen. Sie ist krank wie ein Weib, und wird auch so
sterben, sie fühlt es und ist ruhig; aber was sie zerreißt, ist das
Leben, denn sie liebt ohne Hoffnung.
Ich erzählte ihr gestern von Dir und Josephen, wie Ihr so
glücklich seid; sie bat mich dringend darum, und der Arzt will,
daß man ihr allen Willen tue! Als ich fertig war, gab sie mir die
goldne Halsnadel für Josephen, und die Ohrringe für Dich, die
hier beiliegen; sie nahm beides von sich, und weinte dann sehr.
Sie liebt einen jungen Edelmann, der es auch verdienen soll; aber
wer verdient, daß die Jugend um ihn sterbe?
0! es ist ein Jammer, Marie, wie Wall purgis aussieht, bleich
und abgezehrt, die schönen langen Haare verwirrt, und die herr-
lichen Augen erloschen. Die Gräfin möchte verrückt werden vor
Kummer. Mir tut es nichts, es ist mir nur fremd zumute, wenn
ich es selbst wäre, würde ich noch ruhiger sein.
Das Schrecklichste ist, wenn sie oft plötzlich auflebt, und der
Gedanke an den Tod ihr fürchterlich wird. Sonst weilt sie oft
halbe Tage in einer ruhigen Betrachtung des Todes, und spricht
mit einer schönen Rührung von ihm, so daß man gern sterben
möchte, wenn es so ist; aber dann faßt sie plötzlich der Ge-
danke, wie das Leben lächelte, da ihre Liebe noch jung, und er
mit ihr war. In einer solchen Minute sagte sie jüngst zu mir:
"Ach ich kann doch nicht sterben, so sterben ohne Freude, ohne
Liebe, wenn du wüßtest, Annonciata, wie ich meine Kinder lie-
ben könnte, wie sie schön sein würden und freundlich, und sich
die ganze Welt ihrer freuen müßte - aber das ist alles nicht, und
ich muß wohl sterben, nicht wahr, Annonciata?"
Was soll ich dann sagen? Ich, die unbekannt ist mit Leben und
Tod, und mit Liebe. - "Alles ist schön in einem solchen Herzen
Wall purgis", sage ich dann, "nur die Trennung ist Schmerz, und
alles Erreichte ist Glückseligkeit und Schönheit."
Da erwiderte sie: "Schweige, Annonciata, ich werde nichts
erreichen, auch über dem Grabe nichts, ich werde auch dort her-
um gehen, und so fort immer sterben."
Jüngst sagte sie auch: "Ich quäle dich recht mit meinem Elend,
aber wenn du jenen Mann kenntest, du wärest auch so. Gott
gebe, daß ich nach dem Tode hier sein könne, so will ich dir alles
vergelten, ich will dich mit sanfter Stille erfüllen, und dich stär-
ken gegen die Liebe; denn sieh, wir Mädchen sind recht arm in
der Liebe, wenn wir lieben können. Wir sind wie die Blumen,
die nimmer sagen können, wie es ihnen ist; wir blicken den Him-
mel mit schönen Farben an, und sterben."
Solchen Worten soll ich Trost geben? solchen Worten? die
mein Trost sind? "Du hast recht, Wallpurgis", sage ich, "auch
ich fühle, wie es sich in meinem Herzen regt, und wie sich meine
Gedanken ausbreiten in einer andern Welt, auf welche die Blume
nur hinweist, und dann verwelkt. Doch ist mein Herz stolz auf
dieses Zeugnis eines höhern Zusammenhangs, und ich will mich
meiner als eines edleren Gedankens erfreuen, wenn mich keiner
lieben sollte."
Gestern war sie mit mir im Garten, sie sprach kein Wort, und
setzte sich mit mir mitten unter die Blumen. Es war rührend zu
sehen, wie sie leise mit den müden Augen über sie hinblickte, bei
einzelnen sinnend verweilte, und keine Träne in ihr Auge
kam...
Da steht ein Rosenstock, den sie einstens selbst gepflanzt, und
seither immer gepflegt hatte, in der letzten Zeit aber, da sie der
Liebe erlag, verna chlässigte sie ihn, und er war umgekommen
bis auf einen Zweig, der eine weiße Rose trug, die dem Verwel-
ken nahe war. In dieser Blume schien sie sich gesehen zu haben,
denn neben ihr steht eine Lilie, die ich pflanzte, als wir uns das
erstemal sahen, die Lilie beugt das Haupt nieder, und leert ihren
Kelch über der Rose aus - sie ahndete ihren Tod, und mir ist es
ebenso.
Mir war eigentlich nur stille zumute, traurig nicht, dies Wesen
ist nun schon ganz mein Leben, und man kann in jedem Leben
zur ruhigen Erhebung gelangen. Ich setzte mich in das Garten-
haus, dessen Fenster auf die Landstraße geht, und schlief allmäh-
lich ein. lch möchte vergehen, Marie, vor Ärger, plötzlich störte
mich etwas, ich erwachte: ein Mann hatte mich vertraulich um-
schlungen, und küßte mich, ich schrie um Hülfe, und er sprang
zum offen stehenden Gartenfenster mit einer lächerlichen Leich-
tigkeit hinaus. Es war so närrisch, daß ich mich umsehen mußte,
da hörte ich ihn in den Büschen singen:
Non gridate per ajuto,
U'lo faro senz' ogn' ajuto.
Ich empfand nie einen lächerlichern Widerwillen, die Bedien-
ten der Gräfin liefen ihm nach, aber sie fanden niemand.
Ich habe dies gleich nach dem abgeschmackten Vor falle ge-
schrieben, und jetzt will ich Wallpurgis noch gute Nacht sagen.
Lebe wohll grüße Joseph, und sag dem Vater, ich wäre wieder
ruhig. Ich bin gerne hier, denn dieser Aufenthalt stärkt mich für
mein ganzes Leben. Annonciata.
Marie war sehr traurig durch diesen Brief, so auch Joseph und
der Vater; dieser sagte: "Man sollte nicht denken, was die Um-
gebung der Mutter auf das Kind für einen Eindruck macht.
Einige Monate lang vor Annonciatens Geburt, war ihre Mutter
sehr traurig über den Tod ihrer Eltern, und bald darauf des jun-
gen B. wegen, der sich aus Liebe zu ihr das Leben nahm, so ist
das Mädchen in Kummer und Ängsten geworden, und muß nun
ewig das Zeugnis davon in ihrem trüben Gemüte tragen."
Bald hierauf kam noch ein Brief von der Gräfin selbst: sie bat
Wellner, ihr Annonciaten noch zu lassen, weil ihre Tochter ge-
wiß früher ohne sie sterben würde; sie lobte dabei sehr Annon-
ciatens vortreffliche Seele und versprach, ihr einstens alles zu
vergelten.
Da einige Tage nachher die Zeit von Josephs Abreise sehr nahe
war, und der Vater so gern den Genueser mit Annonciaten be-
kannt gemacht hätte, so nahm er den Vorwand, daß Joseph sie
noch einmal sehen müsse, und fuhr mit ihm, Marien und dem
Italiener nach dem Gute.
*
Die Gesellschaft fuhr fröhlich nach dem Gute hinaus; der Ita-
liener war vergnügt, sang scherzhafte Lieder, und schnitt den
Baurenmädchen Gesichter aus dem Wagen; als sie aber den
Schloßhof hineinfuhren, ward Wallpurgens Sarg in den Leichen-
wagen geschoben, die schwarzen Männer bewegten sich, und
stille, wie das Geschäft einer andern Welt, ging der Zug an ih-
nen vorüber.
Sie konnten alle kein Wort sprechen, Joseph und Marie hatten
sich angesehen, da der Wagen vorüberging, und dann nicht
wieder.
Nach dieser Pause sprang der Italiener aus der Kutsche mit
den Worten: "Das war dumm." - Dann folgten die andern.
Joseph erkundigte sich im Hause, und brachte die Nachricht, daß
die Gräfin mit Annonciaten, gleich nach dem Tode ihrer Tochter,
auf ihr anderes Gut gereist sei. Sie entschlossen sich daher, so-
gleich zurückzukehren, nachdem sie einige Erfrischungen einge-
nommen hätten, für welche der Hausmeister sorgte.
Sie waren in den Garten gegangen, Wellner und den Italiener
reizten einige Statuen, einen andern Weg einzuschlagen, und
die beiden Liebenden setzten sich in eine Laube. Anfangs spra-
chen sie nicht, es war, als seien sie ganz fremd geworden, und
müßten sich ihre Liebe von neuem gestehen, so war der Tod der
armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren. Morgen war
nun der Tag, an dem Josephs Abreise festgesetzt war, und wie
traurig der Abend vorher. Er war herausgefahren, um Annon-
ciaten noch manches zu sagen, was ihm das Herz schwermachte,
denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen. Er
wollte die beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich
und einander fester verbinden, damit sie sich in seiner Abwesen-
heit gegenseitig unterstützen könnten, und nun mußte er sie in
solcher Zerrüttung verlassen.
Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten, welche nur
eine Taxuswand trennte, an den einen setzte sich unsre Gesell-
schaft, ohne zu wissen, wer den andern einnehmen werde. Es war
schon dunkel, und man aß mit brennenden Lichtern; doch blie-
ben sie nicht lange ungestört, und Wellner, Joseph und Marie
verließen den Tisch, als sie die Leichenträger Wallpurgens sich
an der andern Tafel versammeln sahen, ihren herkömmlichen
Schmaus zu halten; der Italiener allein blieb zurück.
Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem
Schmaus war ihm äußerst fatal; er nahm sich daher ganz allein
für sich vor, sich an den schwarzen Männern zu rächen. Um die-
ses zu bewerkstelligen, ging er nach dem Tore, einen der Gesell-
schaft, der noch kommen sollte, zu erwarten, und zu seiner Ab-
sicht zu gebrauchen. Er hatte die übrigen sehnlichst nach diesem
verlangen hören, weil er der vierzehnte war, und sie nach einem
alten Aberglauben, daß einer von dreizehnen, welche miteinander
essen, sterben müsse, diesen Retter von Tod und Hunger wie den
Messias erwarteten.
Der Italiener empfing diesen am Tor, und bezahlte ihn so gut
für einen Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen
ließ, daß er ihm seinen schwarzen Mantel hingab, und sich so-
gleich auf den Weg machte. Er aber hüllte sich in den Mantel,
und ging zu den übrigen hin. Diese machten ihm Vorwürfe über
sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu
äußern, und er stumm zu sein; dann setzten sie sich nieder, um
zu essen. Es war dunkel, sie hatten nur eine Lampe, welche an
der entgegengesetzten Seite des Tisches an einen tiefen Ast des
Baumes gehängt war, der neben dem Tische stand, und der Ita-
liener saß völlig im Schatten.
Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam zu trin-
ken, war er weggeschlichen, ohne daß man ihn bemerkt hatte.
Die Leichenmänner stutzten hierüber nicht wenig, denn sie waren
nun wieder zu dreizehnen, und einer stand deswegen auf, ihren
Kameraden zu suchen und zu prügeln. Die Zurückgebliebenen
aber ließen es sich indessen recht gut schmecken.
Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italiener wieder
hin, und da sie ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zählen, indem
sie ihre Namen hintereinander her nannten, und als die Reihe
an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die Lampe vom Baum,
und schrie laut: "Ecco mi!" Die Leute erschraken hierüber so
sehr, daß sie auseinanderliefen, um ihren Kameraden zu rufen,
er aber nahm die große Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um
den Hals hängte, den Baum hinauf, und erwartete den Ausgang.
Bald kamen die Leute mit großem Lärm zurück, sie hatten
einen Fremden in ihrer Mitte, der sich lebhaft verteidigte. Da sie
sich dem Tische genähert hatten, und einer ausrief, daß die Lei-
chenbrezel auch fort sei, fragte der Fremde, wer gestorben sei,
und als er den Namen Wallpurgens hörte, sank er an die Erde.
Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen, auch Wellner,
Joseph und Marie kamen herbei, der Italiener aber stieg bestürzt
vom Baume, und ging nach der Kutsche, welche schon angespannt
war, ließ die andern rufen, und sie fuhren weg.
Joseph erzählte, daß er in der Verwirrung gehört habe, der
junge Mensch sei der Mann, um dessentwillen Wallpurgis ge-
storben sei; er habe sie besuchen wollen, und von ihrem Tode
noch nichts gewußt, und als er zur Hintertüre des Gartens her-
eingekommen, sei er auf so eine lärmende Weise von den Lei-
chenmännern empfangen, und von ihrem Tode unterrichtet wor-
den, daß er fast vor Schreck gestorben sei; doch habe er sich
nicht zurückhalten lassen, und sei gleich weitergeritten. Der
Italiener sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig und
polternd geendigt.
Den folgenden Morgen trennte sich Joseph von Marie unter
vielen Schmerzen, sie und der Vater begleiteten ihn bis an den
Hafen, und da das Schiff schon weit weg war, und sie nicht mehr
ihre winkenden Schnupftücher sehen konnten, bedeckten Marie
und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.
Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen, durch die
ganze letztere Zeit, und die Munterkeit des Italieners ward ih-
nen unangenehm. An Annonciaten und die Gräfin schrieben sie
mehrmal, um sie zu bewegen zurückzukommen, aber die letzte
bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und eröffnete zugleich
ihren Willen, das Mädchen an Kindes Statt anzunehmen, wenn
er seine Einwilligung dazu geben wolle. Sie schrieb:
Annonciata soll nichts davon wissen, es würde ihren gereizten
Sinn vielleicht kränken, aber lassen Sie es uns im stillen über sie
verhängen.
Von dem Mädchen lag folgender Brief bei:
"Lieber Vater!
Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen -
Wallpurgis ist tot, und ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen,
gibt Ruhe, denn ein solcher Tod ist gastfrei, und wer zugegen
ist, genießt alles mit: ich bin mit ihr ruhig geworden. Du sollst
deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekümmert sein,
denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr
hinübergegangen, und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Selig-
keit in mein Herz zurück; sie war immer ein freundliches, tei-
lendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht verändert. Es
ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange
meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohltätigen
Strom von Ruhe gelöst zurück.
Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das für eine
Empfindung ist, mit allem bin ich versöhnt, und kann so glück-
lich hier im Garten herum gehen, denn in jeder Blume liegt mir
das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit Dir reden,
denn ich bin nun so, daß ich nichts mehr zu verbergen brauche,
da auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein
Ende nahm: ob ich denke oder spreche, das ist einerlei.
Ich weiß, wie Du mich liebst, und wie Du immer um mich be-
sorgt bist. Die Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer
weiß, und ein Gemüt ist etwas, was er nicht weiß; da er aber
doch mit der sorgenden schönen Liebe, die ihn treibt, erziehen
muß, so wird er sehr traurig, wenn er niemals das werden sieht,
was er bezweckt. So warst Du und Joseph immer traurig um
mich, und Ihr würdet noch viel trauriger geworden sein, wenn
ich nicht die Hälfte des Verdrusses in mich genommen hätte, und
obschon ich dadurch Eure Einwirkung auf mich scheinbar wir-
kender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten
Tätigkeit des Selbstbildens und Sichbildenlassens, so daß dieser
Betrug, den Ihr in mir bemerktet, Euch wieder kränkte.
Sei versichert, lieber Vater, daß alles aus mir werden wird,
was aus mir werden kann, denn ich bin ernsthaft und unbefan-
gen. Was man erkennen kann erwäge ich und gebe ich mir mit
Sorgfalt und Verstand, und alles, was über den Menschen
schwimmt, wie die Luft über der Pflanze, gibt mir das Leben: ich
bin fromm und andächtig, es zu empfangen, denn fromm ist der,
der das Schöne und Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn
er vor der Natur und schönen Werken steht, und andächtig ist
der, welcher über seinem Denken nicht ein trennendes Ende
fühlt, sondern einen leisen Übergang in die unendliche Liebe.
Die Andacht ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Ge-
stalt von allen Seiten eröffnet, und uns unsere Verwandtschaft
zeigt mit vielem, das wir nie sahen, noch wußten. So sind die
halben Töne in der Musik, und die milden Farben des Über-
gangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme
Züge, denn alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Übergan-
ges. - So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz, denn
ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis, Tod - oh! lasse
mich diesem Herzen ruhig folgen.
Ich fühle auch schon, wie ich mich ins Leben zurückwende,
und bald ganz froh sein werde. Sicher hat Dir die Gräfin schon ge-
schrieben, wie mein Mut wohl oft zum Mutwillen wächst - daß
ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden bin, ist
nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich er-
dulden muß - ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode
verbunden, und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit
ihm, damit er einstens wie mein Spießgeselle zu mir komme,
wenn er kömmt.
Lasse mich bei der Gräfin, die arme Frau hat niemand auf der
Welt, und sie liebt mich.
Es ist vor einigen Tagen ein italienischer Lautenist hierherge-
kommen, und hat vor der Gräfin gespielt. Sie wünschte, daß ich
es lerne, und der Mann bleibt nun einige Wochen hier, mir Un-
terricht zu geben. Die Gräfin hat mir eine schöne Laute dazu ge-
schenkt, und ich werde Dir einmal viel Freude damit machen.
Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespeare vor, und ich finde
es sehr nützlich, denn es härtet mich gegen meine Empfindlich-
keit ab. - Ich fürchte mich ordentlich vor seinen Personen, und
vor denen immer am meisten, die ich besonders liebe. Wenn ich
abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell oder langsam,
und möchte beides zugleich, denn irgendein Wesen aus diesen
Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen ein-
zelnen finde ich mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in
ihnen.
Könnte ich das nur zusammenstellen, und richtig aussprechen,
so würden Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber
bleibt es immer Empfindung, denn die ganze Natur um mich her
wirkt ebenso auf mich, und noch stärker, jede ihrer Erscheinun-
gen strömt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch
scheinen sie mir so drückend werden zu können. Jede Beleuch-
tung des Himmels, und jede berührendere Zusammenstellung
von Landschaft erhält für mich ein phantastischeres Leben, indem
sie sich mit diesen Männern und Frauen Shakespeares verwebt,
und nicht mehr allein wie ein hin gebotener Genuß daliegt, son-
dern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.
Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in
diesem Briefe sind Anklänge dieser Hinneigung zu einem bloßen
allgemeinen Verkehr mit allem, was lebt, und einer völligen
Unfähigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wen-
den.
Lieber Vater, ich hoffe nicht, daß es Dich schmerzen wird,
dies so aufrichtig von mir zu hören, denn es ist mir sehr wohl,
indem ich es schreibe, auch will ich nur immer an Dich schreiben,
Du kannst dann Marien vorlesen, was Dir gut dünkt, daß sie
es wisse.
Lebe herzlich wohl. Annonciata."
Obschon für Wellner viel Unverständliches und Phantastisches
in diesem Briefe war, so rührte ihn doch das Vertrauen Annon-
ciatens, und er entschloß sich, sie noch bei der Gräfin zu lassen.
Der Italiener war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das
verdroß Wellnern, und es tat ihm nun doppelt wohl, keiner Ver-
bindungen mehr zu bedürfen, da er mit Mariens Glück auf dem
reinen war, und auch Annonciata glücklich und zufrieden schien.
Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort, in einer
einsamen Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Jo-
sephs, die der Vater mit Marien freundlich teilte. Annonciatens
Briefe wurden seltener, kürzer, und hatten weniger Verhältnis
zueinander, in einigen war sie helle Glut, in andern schien sie zu
verlöschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet.
Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in
dem er seine Überfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war
sehr rührend, und Marie war lange nicht zu trösten. Sie beschäf-
tigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Weltteil, sie
las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika
vor. Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umständen dieses
Landes auf, und lebte in der Neuen Welt.
Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Übergewicht über ihre
Ruhe, und neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Dasein hin.
Wellner bemerkte mit Verdruß diese Veränderung, die doch bloß
eine höhere Entfaltung war, denn sie ward so mannigfacher, und
machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige Entdeckun-
gen für ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, daß sie liebe, be-
rechtigte sich dazu, und beschützte sich dies Recht.
Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange
her war, daß Annonciata geschrieben hatte, so entschloß sich
Wellner, mit ihr nach dem Gute der Gräfin zu reisen.
*
Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach
dem Gute der Gräfin: sie waren lange nicht im Freien gewesen,
ihre Gemüter waren gleich ruhig, sie hatten sich nichts mitzu-
teilen, und es war ihnen beiden, als wären sie allein; doch fühlten
sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander
dies Alleinsein nicht. -
Am Abend kamen sie dem Schlosse näher, und ihre Begierde
Annonciaten zu sehen, war größer; Marie hatte lange nach dem
milden Lichte des Himmels gesehen, und sagte zu ihrem Vater,
mit Tränen in den Augen: "Wo mag jetzt Joseph sein? Es ist mir
oft, als wäre er doch gar zu weit von uns, als würde er nicht wie-
derkommen. - Annonciaten verstehe ich jetzt viel mehr, Vater!
und es ist mir, als habe sich eine stille Ähnlichkeit mit ihr in mir
gebildet - ich kann es nur nicht sagen, ich bin nicht so stark -,
"Warte nur, bis Joseph wiederkömmt", sagte Wellner. "Du
sehnst dich nach ihm -"
"Wohl sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit
ihm ist es nicht all - Wie wohl Annonciata sein wird? Vater, sie
hat uns lange nicht gesehen, ihr Herz ist so gut, sie wird recht ge-
rührt sein, uns wiederzusehen."
Unter solchen Worten fuhren sie den Schloßhof hinein. Es
machte ihnen ein alter Diener auf, und sie wunderten sich, daß
in dem Hause der reichen Gräfin so wenig Geräusch war.
Der Alte führte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen
unheimlich zumute. Man brachte sie in das Zimmer der Gräfin;
- diese saß allein bei einem Lichte auf dem Sofa, und als sie
Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie sie laut auf - "0
Gott, 0 Gott!" - und sank ohnmächtig auf die Kissen. - Marie
kam ihr zu Hülfe, ein Kammermädchen trat herein, und ver-
einigte sich mit ihr, und Wellner stand in einer großen Angst an
das Fenster gelehnt -
Als sich die Gräfin zu erholen anfing, bat das Kammermädchen
Wellnern und Marien, in das Vorzimmer zu treten.