Clemens Brentano
Geschichte der Eltern Godwins - Teil II

 

Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte

sich nieder, und konnte vor Schreck nicht weinen -. Eine kleine

Weile drauf brachte man sie in eine Stube, wo sie die Nacht zu-

bringen möchten; Wellner fragte nach seiner Tochter, und die

Dienerin verließ mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube: "Ach,

das ist es, daß Gott erbarm, das ist es!"

Wellnern war es nun gewiß, daß sein Kind gestorben sei, Ma-

rie war untröstlich und wurde sehr krank in der Nacht; eine

Wärterin und Wellner blieben bei ihr, der Arzt wurde aus der

Stadt geholt. -

Die Wärterin erzählte Wellnern, daß Annonciata nun schon

zehn Tage verloren sei, man wisse nicht, wo sie hingekommen

sei, sie sei abends in den Garten, wie gewöhnlich, allein gegangen,

aber nicht wiedergekommen, und wie man den Teich abgelassen

habe, aus der Vermutung, sie sei hineingefallen; wie alle Leute

der Gräfin nun zum zweitenmal abgereist seien, da sie das erste-

mal keine Nachricht erhalten hätten.

Die Gräfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und be-

ruhigte sich, da er sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine

andre Idee fassen, als Annonciata sei geraubt, weil sie bei jeder

andern Art von Entweichung sicher einigen Trost für die Zurück-

bleibenden dagelassen hätte.

So war dieser traurige Abend -

Alle Nachforschungen wurden verstärkt, ein ganzes Jahr hin-

durch emsig fortgesetzt, aber umsonst -

Wellner grämte sich sehr über diesen Verlust, und Marie ward

immer stiller und schwermütiger; sie stand oft abends an ihrem

Fenster allein, wo sie sonst mit Annonciaten gestanden, und fühl-

te nun alles, was ihr jene damals gesagt hatte.

Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater

wußte gar nicht was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen

fragte.

Marie war wohl noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie

ihren Schmerz, und suchte ihn zu erheitern -. Annonciaten wie-

derzufinden, gaben sie die Hoffnung beinahe auf - und auch der

Gedanke an Joseph ward schon dunkler und trauriger -. Wenn

Wellner in den Handlungsbüchern blätterte, und sah, wo er ge-

schrieben hatte, kamen ihm oft die Tränen in die Augen. -

Es war nun schon beinahe anderthalb Jahre, daß Joseph nicht

geschrieben hatte, als Godwi, ein EngJänder, der Sohn einer

reichen Handlung, nach dem Wohnort Wellners kam. Er war ein

schöner feiner Mann, von seiner Familie mit einem Kredite

empfohlen, der beinah Wellners Vermögen überstieg, und dabei

sehr einfach und ernst bei aller seiner Freimütigkeit; er gefiel

diesem sehr wohl, und auch er befand sich gut bei Wellnern und

Marien, und brachte seine meiste Zeit bei ihnen zu.

Er wußte sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog

nach einiger Zeit ganz ins Haus. Marie war ihm gut, und er lieb-

te sie schon sehr - doch war es nicht zum Geständnis gekommen,

weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen Erinnerung an Joseph

gewesen war.

In Wellnern regte sich oft das Gefühl, daß er nicht mehr lange

leben würde, dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte

sich heftiger nach Josephen - aber dieser blieb aus, und alle

Nachricht von ihm.

Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte,

faßte er den Mut, an die Möglichkeit zu glauben, der reiche Eng-

länder nähere sich seinem Kinde mit ehrlicher Liebe, leichter

aber hielt er es für Freundlichkeit, oder Sitte.

Er ward nun täglich stumpfer, und hatte wenig Freude mehr

an seinem Geschäfte. Bald aber erhielt sein Glück den heftigsten

Stoß, mehrere fehlgeschlagene Operationen, und ein großer

Bankrott machten ihn unzahlbar -, er war in der größten Ver-

zweiflung - und beinahe auf dem Wege, sich sein Leben zu neh-

men. Diese Gemütsstimmung empfand Manrie schmerzlich: sie

hatte schon einige Tage bemerkt, daß er sehr traurig war, ihr

auswich, und wenig bei Tische aß. Die Verschlossenheit ihres

Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war ihr sehr drük-

kend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst

sei schuld daran, sie müsse ihn sehr gekränkt haben, daß er nicht

einmal mit ihr sprechen könne. Wenn sie auch alles überdachte,

so konnte sie nichts in ihren Handlungen finden, bis sie endlich

vermutete, ihrem Vater mißfalle ihre unbefangene Vertraulich-

keit mit Godwi, und er denke Böses von ihr.

Dieses bewog sie zu einer Kälte gegen den Engländer, welche

er sehr unverständlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine

Spannung im Hause - als es endlich zu einer Erklärung kam.

Wellner, Godwi und Marie saßen abends zu Tische, alle stumm

und traurig. Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr ver-

bergen. Wellner hatte sie sehr wehmütig angesehen, sie konnte

ihren Schmerz nicht mehr halten, die Tränen stiegen ihr in die

Augen, und sie verließ, laut weinend die Stube. Wellner folgte

ihr mit den Ausrufungen "Gott, Gott! du armes Kind!" in die

Nebenstube. Godwi saß nun allein an dem Tische, spielte mit

dem Messer, und fühlte jene fatale Ruhe der Selbstverachtung,

um die sich schöner Schmerz bewegt - er sang ohne zu wissen die

Worte: God save the king, und setzte mit einem fürchterlichen

Bewußtsein die Worte: and damn me, dazu.

Er stand auf, ging schnell nach der Türe, und blieb starr vor

ihr stehen, als er Mariens Worte hörte: "0 lieber, lieber Vater,

ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, 0 denkt nichts Böses

von mir -"

Er hörte erstaunt folgendes Gespräch, und in seinem Herzen

waren viele schmerzliche Anklänge, die wir bald verstehen wer-

den -

"Liebe Marie, das ist es nicht, was mich ängstigt, o wie konnte

ich deinem armen Herzen diesen Schmerz lassen!"

"Wir sind sehr unglücklich, lieber Vater, Annonciata ist ver-

loren, Joseph ist verloren, ach und Euer Vertrauen ist verloren,

ach mein Vater, gebt mein einziges nicht so hin!"

"Das ist es nicht, Mädchen, das nicht", (hier hob er hart und

kalt die Stimme) "aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du

die Tochter eines ehrlosen Bettlers." - Der Engländer bebte, und

ward ruhiger, eine Zeitlang hörte er nicht mehr sprechen -,

dann erhob Marie ruhiger die Stimme -

"Lieber Vater, nur das, 0 das ist es nicht, ich verstehe es viel-

leicht nicht, aber das wird uns nicht unglücklich machen. - Leben

- das bißchen Leben wollen wir gewinnen, und nach uns wird

doch niemand kommen, der von uns begehrt; wir werden allein

sein, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach Euch

sterben."

Godwi verließ die Stube, und ging nach seinem Zimmer, wo

er alles empfand, was ein Mensch leidet, dem das Leben durch

innere Fülle und äußeren Überfluß lange so leicht als Tugend

und Laster war, und der mit wenigem geretteten Selbstgefühl in

die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von

diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirk-

lich teil an ihnen hat.

*

(Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich

las diesem vor, was ich schrieb, und er gab mir einige Blätter

seines Vaters, die er in der Zeit seines Lebens bei Wellner, und

auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte. Ich setzte davon

das Merkwürdigste hieher, um seine Geschichte aus seinen Emp-

findungen den Lesern vermutlich zu machen:

Marie Weilner liebe ich, aber es ist mir leid für sie, ich habe

kein Recht auf sie, und sie alle auf mich: ich will warten, ob sie

diese Rechte gebraucht, ich befinde mich wohl in diesem stillen

Leben, ich glaube, es könnte gut werden, ob ich gut werden kann?

Gott weiß, wer schlecht ist.)

*

An dem Abend als die Szene zwischen Wellner und Marien

vorfiel, fand sich Godwi sehr ergriffen: er vergaß alles, was vor

diesem sein Leben umfaßte, und entschloß sich fest, Marien zu

besitzen, an ihr und dem guten Alten ein einfaches ruhiges Leben

zu erbauen, und ruhig zu werden - er schwor sich selbst nur von

dem Besitze Mariens aus zu leben, und alles anzuwenden, sie zu

erhalten. Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hülfe zu

bieten, weil er reich war, und ihn durch ein Darlehn decken

konnte; er hoffte auf die Dankbarkeit der Tochter, und faßte die

Hoffnung, Joseph werde nicht zurückkommen - wie ihn dieser

Plan rührte, wie er jetzt schon wieder auflebte, und eine ganz

andre Ansicht seines Lebens bekam, ist leicht aus folgenden Zei-

len zu sehen, die er schrieb, und die mehr Selbstgefühl, als Selbst-

verachtung atmen:

Ich habe lange auf den gewartet, der mich dem ewigen Zwei-

fel an ein besseres Leben in mir entrisse, und endlich ist sie er-

schienen, die mich zur Einzelnheit erheben kann. Marie hat sor-

genvoll mit mir gespielt, und wenn sie ihren eignen Schmerz an

meinen Mängeln wegschneidet, so kann ich immer schöner wer-

den, und einst ihr Glück, das sie verlor, ihr in mir, ihrem Werke,

zeigen.

Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner, bot ihm eine an-

sehnliche Summe an, und ließ einige Zeilen einfließen, wie er sehr

wünsche, mit ihm in eine nähere Verbindung zu kommen. Well-

ner nahm die Summe an, und wünschte auch, daß ihn Marie

lieben möge

Auch dies fand sich. Godwi war mehr um sie, er hatte ihren

Vater gerettet, sie war ihm dankbar, es kamen Briefe, Joseph sei

tot, sie war sehr traurig, und dem Vater war es die letzte Erfah-

rung: er ward krank, und wünschte Marien noch bei seinem Le-

ben mit Godwi verbunden zu sehen, sie reichte ihm die Hand, es

war an derselben Stelle, wo er sie einst Josephen versprochen

hatte - bald darauf starb er.

Godwi besaß nun die ganze Handlung, und führte sie unter

Wellners Firma fort. Mane war nicht glücklich und nicht un-

glücklich mit ihm, aber sie liebte ihn nicht - sie liebte immer nur

Josephen.

Abends ging sie oft, mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm,

am Hafen allein spazieren, und sah noch dahinaus, wo ihr lieber

Joseph hingefahren war, und weinte.

Als sie auch einmal so da ging, kam ein Schiff gefahren, vorn

auf dem äußersten Rand stand ein Mann, der aussah wie Joseph:

er hatte ein Fernrohr in der Hand, und sah nach ihr, und winkte

mit einem Tuch, sie bebte, und trat ganz hervor an das äußerste

Ende des Ufers, so daß der Knabe sie bang um den Hals faßte.

Der Mann sprang in ein Boot, und kam näher, ach er sah im-

mer aus wie Joseph! Er rief laut "Marie, Marie!"

Es war Josephs Stimme, es war Joseph selbst, und er sah, wie

Marie die Arme nach ihm ausstreckte, wie ihr Kind und sie in

die See stürzte -

Joseph wurde gerettet, das Kind wurde gerettet, aber Marie

war tot.

Godwi nahm den Knaben und floh, Joseph blieb krank zu-

rück, er litt sehr an seinem Verstande. Als er genas, erzählte man

ihm, daß Marie verheiratet gewesen. Dies brachte ihn zu einem

fürchterlichen Ernste, er fand ein Testament Wellners, in dem

er eröffnete, daß Godwi das ganze Vermögen gehöre, weil er

darin seinen Bankrott bekanntmachte -

Er verließ die Gegend, und lebte herumziehend von dem we-

nigen, was er in Amerika erworben hatte -

Dieses ist die Geschichte von Godwins Eltern...

* * *

"Gott sein Dank", sagte ich zu Godwi, "nun bin ich mit den

Papieren fertig, und es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzählen,

was Sie wissen -

"Ich spreche von dem meisten nicht gern", erwiderte Godwi,

"was ich von meinem Vater weiß, und es ist das einzige Mal, daß

mir es Mühe kostet, Ihnen bei Ihrem Buche zu helfen, Sie werden

mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz fasse: überhaupt

schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte; ich

will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe

er nach Deutschland kam, erzählen, und etwas von Josephs fer-

nern Schicksalen, damit ich nachher frei bin, und Ihnen die we-

nigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da bis hierhin

tat. Der Weg scheint lang, aber er umfaßt dennoch mein Gemüt.

Doch ich will die fatalen Geschichten schnell erzählen, damit

Sie, lieber Freund, mit meiner Geschichte fertig werden, und wir

miteinander eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen

können.

Mein Vater war früh elternlos und sein eigner Herr, leiden-

schaftlich und voll Enthusiasmus. Aber reich und frei gab er sei-

nem Enthusiasmus keinen Zweck. Er ergriff alles mit ihm, was

ihm in die Hände kam, die ganze Welt brannte ihm in einem

reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte berührte, aber

nur seine Leidenschaft berührte sie. Er liebte früh, und ward

bewundert, nie geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hängen,

denn er sprach im Arm der Liebe vom Universum, wo er es hätte

sein sollen...

Mein Vater floh nun nach Deutschland: er hatte sich fest ent-

schlossen, alles in sich zu verschließen, und ruhig ein neues ein-

faches Leben zu beginnen.

Sie wissen, was er tat, aus Mariens Geschichte, Sie müssen aber

noch wissen, warum Joseph ausblieb. Er hatte einen Sturm er-

litten, war lange verschlagen gewesen, und fing dann wieder an

zu schreiben. - Diese Briefe hat mein Vater aufgefangen, und

der Totenschein war falsch...