Clemens Brentano
Legende von der heiligen Marina

 

"Eugenius", sprach der Abt, "warum so trauern?

Es scheint, als sei dein Herz noch in der Welt,

Und ich in diesen heilgen Klostermauern

Zum Hüter nur für deinen Leib bestellt."

Da seufzt der Mönch: "Zu Haus bei den Verwandten

Ließ ich ein Kind; hat gleich des Weibes Tod

Mich frei gemacht von vielen irdschen Banden,

Sorg um des Kindes Heil ich doch mit Not."

Der Abt sprach: "Folge, Sohn, dem treuen Hirten,

Führ her dein Schäflein in den sichern Stall,

Die Lämmer, die aus unsrer Hut verirrten,

Von uns einst fordert sie der Richter all."

Heim eilt der Vater, löst die goldnen Locken

Von seines Mägdleins Haupt; mönchisch verhüllt

Den zarten Leib er, und des Klosters Glocken

Begrüßen fromm getäuscht des Jünglings Bild.

Und gleich der Primel, die, gebeugt zur Erde,

Den Tau des Himmels trinkt am Felsenrand,

Empfängt nun kniend mit kindlicher Gebärde

Marina Segen von des Abtes Hand.

Marina, die nun jenseits heilger Schwelle

Marinus heißt, vom Vater treu belehrt,

Wird bald zum Meister in der stillen Zelle

In Schrift und Lesung und was Mönche ehrt.

Wie süß sang sie, das Jesuskind zu grüßen:

"Lobsingt, uns ist geschenkt ein Kindelein,

Mein armes Herz liegt dienend ihm zu Füßen,

Denn alle Macht ruht auf den Schultern sein!"

Wie sinnreich schmücket sie zur Kirchenfeier

Die Krippe kinderfroh, wie ernst das Grab,

Wie freudigbunt malt sie die Ostereier

Und windet Blumen um des Abtes Stab.

Zur Wallfahrt zog zu ihr der Herbst, der Winter;

Der Lenz, der Sommer brachten Jahr für Jahr

All ihre Schätze, schmückten wie die Kinder

Fromm mit Marina Kirche und Altar.

Doch als sie selbst in reicher Jugendblüte,

Verhüllet zwar, doch voll von Duft und Glanz,

Mehr Schutz bedurfte, als daß man sie hüte,

Flocht ihrem Vater sie den letzten Kranz

Und schwur dem Sterbenden in seine Hände

Den Schwur, den seine ernste Lippe sprach:

"Ich schwöre, mein Geheimnis bis zum Ende

Treu zu bewahren ohne alle Schmach.

Daß nicht die Schlange zum Verrat mich führe

Gleich unsrer Mutter einst im Paradies,

Die, weil sie öffnete dem Tod die Türe,

Der Engel vor des Gartens Pforte stieß.

Ja, mein Geheimnis, meinen Kranz, ich schwöre:

Ihn bring ich unverletzt dem Bräutigam,

Daß rein mein Lied man in den Chören höre

Der Jungfräulein, lobsingend vor dem Lamm."

Der Vater segnet sie, sein Geist entfliehet,

Den Leib legt man zur Auferstehung hin,

Und bei des Hügels Trauerblumen knieet

Marina wie ein ernster Rosmarin.

Fortan die Brüder ehrten den Gesellen

Als eines edlen Baumes gute Frucht,

Auswärtige Geschäfte zu bestellen,

Wählt gern der Abt ihn wegen seiner Zucht.

"Marinus! nimm die Geißel, leit die Rinder

Am Wagen zu dem nahen Meeresport,

Und führ Getreid uns ein für diesen Winter,

Kehr beim vertrauten Wirte ein am Ort.

Weil kühn und frei die Tochter dort im Hause,

Hab acht! mein Sohn, bleib treu des Vaters Zucht,

Verbotne Frucht, umblüht von duftgem Strauße,

Versuchet leicht, wird leichter noch versucht."

Marina fährt, kehrt mit den Säcken wieder,

Und wiederholt die Fahrt vielfach zum Port,

Gern sitzt sie bei des Wirtes Tochter nieder,

Die höret gern des feinen Mönches Wort.

Marina liebte mehr, zu ihr zu reden,

Als zu den Männern, und mit Engels Huld

Lehrt sie das kühne Mägdlein singen, beten:

"Herr, wie den Schuldnern wir, vergib uns Schuld!"

Doch eh sie bat: "Nicht in Versuchung führe,

O Herr, uns", führt ein Kriegesmann zum Tanz

Die Schülerin, und vor des Wirtes Türe

Hängt bald ein Strohkranz bei des Weines Kranz.

Die Dirnen streuen Häckerling, es wütet

Der Vater: "Mache mir den Mann bekannt!"

Die Tochter lügt: "Wie schlecht war ich gehütet!

Mich hat der Mönch Marinus übermannt."

Dann folgt die Elende mit ihrer Bürde

Dem Vater zu dem Abte hin und schwor,

Daß sie den Kranz, das Kloster seine Würde

Durch des Marinus Büberei verlor.

Da wird die Schuld der Unschuld laut verkündet,

Marina denkt an ihrer Jugend Schwur

Und spricht: "0, Abt! wie schwer ich hab gesündigt,

So schwer verhänge mir die Buße nur."

Der Abt nun sprach die strengen Richterworte:

"Ihr Brüder reiniget des Herren Haus

Und treibet vor des Paradieses Pforte

Den Sünder in die Wüste jetzt hinaus.

In Schmerzen soll das Weib sein Kind gebären,

Und er, das Elend bau'nd in Gottes Zorn,

Im Schweiße seines Angesichts es nähren,

Sein Garten trage Disteln ihm und Dorn!"

Der Mönche Schar auf diese strengen Worte

Läßt an Marina ihren Grimm nun aus,

Mit Brot und Wasser treiben sie zur Pforte

Die Arme in die öde Nacht hinaus.

- Doch ihr nicht öd; denn zu des Vaters Grabe

Eilt mit dem Krug und Brot das treue Kind,

Daß ihr Geheimnis sie bewahret habe,

Erzählt sie betend ihm in Nacht und Wind.

Streng tat Marina göttlichem Gebote

Und ihres Ordens Regel dort genug,

Sie teilte täglich mit der Not die Brote

Und mit den Durstigen den Wasserkrug.

Sie betet und sang die heilgen Stunden,

Wie sie der selge Vater einst gelehrt;

Die Matutin, da Jesus ward gebunden,

Sie täglich mit dem Morgenstern verehrt.

Die Prim, da er verhöhnt ward und verspieen,

Begrüßt ihr Dankgebet für eigne Schmach,

Zur Terz, da sie "Ans Kreuz mit ihm!" geschrieen,

Pries sie das Urteil, das der Abt ihr sprach.

Zur Sext, der Kreuz'gung grimmer Marterstunde,

Trug dankend Jesu sie ihr Kreuz auch nach;

Zur Non, da er empfing die Seitenwunde,

Pries sie das Schwert, das ihr das Herz durchstach.

Zur Vesper, da er ward vom Kreuz genommen,

Sank ihre Sonne in ein Tränenmeer;

Und zur Complet, da er ins Grab gekommen,

Rief sie ins Chor das ganze Sternenheer.

Und in ihm zählend Jesu Geißelwunden,

Trifft Dorn und Geißel sie mit in hartem Schlag.

So zieht Marina büßend alle Stunden

Den Kreuzweg mit dem Jahr durch Nacht und Tag.

Doch als zum Port der Storch kam heimgeflogen,

Bracht er ein Knäblein in des Wirtes Haus,

Drei Jahre hats die Dirne groß gezogen,

Und setzt es dann gleich einer Hagar aus.

Der bösen Dirne Mutter trägt den Knaben

Hin zu Marina, spricht zu ihr mit Hohn:

"Es füttern ihre Brut ja alle Raben,

So füttre, schwarzer Mönch, auch deinen Sohn!"

Marina dankt und singt, ihr Leid zu süßen:

"Gott Lob, uns ist geschenkt ein Kindelein,

Mein sündig Herz ruht dienend ihm zu Füßen,

Denn alle Macht ruht auf den Schultern sein!"

Sie wiegt den Knaben ein an ihrem Herzen,

Er schläft gewärmt von reiner Liebe Glut,

Genähret von dem Brote ihrer Schmerzen,

Getränkt von ihrer Tränen heilger Flut.

Zwei Jahre so mit diesem armen Kinde

Stand büßend noch Marina vor dem Tor,

Und weicht in Tränen ihm die harte Rinde,

Die man ihr täglich mit der Schuld wirft vor.

Und lehrt es treu mit süßen Mutterreden,

Wie einst der liebe Vater sie gelehrt,

Für seine Eltern und für Sünder beten;

Die Mönche hörtens, Gott hat es erhört.

Und als in des Adventes heilgen Tagen

Die Sehnsucht allem Trost entgegenwallt,

Lehrt fromm Marina ihren Knaben fragen,

Ob wohl das Jesuskindlein komme bald.

Und als er fragt, wo nur es schlafen solle,

Trägt wie ein Vöglein sie vom Dornbusch ein

Vorbeigestreifter Schäflein zarte Wolle

Und baut dem Kind ein feines Krippelein.

Dann formet aus dem Wachs der wilden Bienen

Marina auch ein Kindlein, weiß und fein,

Und legt es, als die heilge Nacht erschienen,

Andächtig zwischen Ochs und Eselein.

Als jubelnd nun des Klosters Glocken klingen,

Und Weihen acht mit freudger Lichter Schein

Die Kirche füllt, fällt in der Mönche Singen

Marinas und des Knaben Stimme ein.

"Kommt, lasset uns das Heil der Welt begrüßen,

Denn uns ist ja geschenkt das Kindelein,

Mein armes Herz ruht dienend ihm zu Füßen,

Denn alle Macht ruht auf den Schultern sein.

Den Schultern huldiget, die, unsre Schulden

Zu büßen, trugen schwere Kreuzeslast;

Kommt, huldiget der Unschuld, die voll Hulden:

Dem Kinde, das bei Sündern kommt zu Gast.

Es nimmt fürlieb: bringt, was ihr habt, dem Kinde

Bringt bittre Myrrhenbüschlein eurer Schuld,

Bringt eures bösen Herzens harte Rinde,

Bringt einen blühnden Dornkranz der Geduld.

O kommt mit mir und betet an, ihr Sünder:

Für uns ja kommt dies Kind, für uns allein,

Erbarmet euch gleich ihm der armen Kinder,

Erbarmt euch aller seiner Brüderlein!"

So hörten, die zur Weihnachtsmette gingen,

Die Mönche einsam drauß in Sturm und Wind

Marina mit dem armen Knaben singen,

Und sieh, es ward ihr Herz ganz mild und lind.

Sie dringen in den Abt mit ihren Bitten:

"Tu auf das Tor und laß Marinus ein,

Fünf Jahre hat geduldig er gelitten

In strenger Buße Hohn und Hungers Pein.

In Sonnenglut, im Sturmgeheul der Winde

Hat niemals noch Marinus wehgeklagt,

Hat mit dem Knaben seine harte Rinde,

Mit Tränen dankend, täglich fortgenagt.

Die er erschüttert, die heilgen Mauern

Der klösterlichen Zucht durch seine Schuld,

Hat er in uns erbaut zu langem Dauern

Durch seiner Buße sühnende Geduld.

Der selbst ohn Obdach draußen in der Wüste

Ein festlich Dach erbaut dem Gotteskind,

Das aller Büßer Schuld am Kreuze büßte,

Verschmachte länger nicht in Sturm und Wind!"

Der Abt, gerührt in väterlicher Strenge,

Vernimmt erfreut der Brüder Mildigkeit,

Er lauschet auf des Büßers Christgesänge,

Sein Herz geht auf im Gnadentau der Zeit.

Er läßt von seinem Mund das Sprachrohr tönen:

"Gott in den Himmelshöhn sei Ehr und Preis,

Fried und Versöhnung allen Menschensöhnen,

Die guten Willens, auf dem Erdenkreis.

Ihr Schäflein in der Wüste drauß, verloren,

Verbannt, verwiesen: kehret heim zum Stall,

Es ist das Lamm, der gute Hirt geboren,

Marinus, hör des Hirtenhornes Schall!"

Marina gleich auf diese Friedensworte

Die Krippe auf des Knaben Hände legt,

Und folgt lobsingend zu der Klosterpforte

Dem Kleinen, der das Jesuskindlein trägt.

Er setzt das Kripplein auf der Schwelle nieder,

Und knieet betend bei der Büßerin.

Der Abt steht schweigend dort im Kreis der Brüder,

Und blicket ernst dann auf Marina hin.

"Hier führte einst Eugen, dein Vater", spricht er,

"Marinus, den unschuldgen Sohn, herein,

Hier ward dein Vater ich, und dann dein Richter -

Das ist die Frucht von deiner Schuld allein.

Hier fordert auch Eugen einst deine Seele,

Die du verderbet hast, 0 Sohn, von mir.

Drum trieb ich, nicht damit dein Herz ich quäle,

Nein, daß ichs reinige, dich weg von hier!

Tritt wieder mit dem Zeugen deiner Sünde

Und mit dem Weihnachtskindlein bei uns ein,

Doch, willst du folgen streng dem Jesuskinde,

Mußt du ein Knecht auch seiner Knechte sein!

Dies Haus, durch deines Lasters Schmach erschüttert,

Bau deiner Buße Beispiel wieder auf,

Das Ärgernis, zu dem du uns erbittert,

Versüße deiner Reue Tränenlauf.

Konnt deine Schuld dies Haus so arg beflecken,

So halt fortan es deiner Buße rein:

Den Wust und Unrat feg' aus allen Ecken

Von heut an täglich deine Hand allein!

Besudelt und zerrissen hast du leider

Mit böser Lust dein geistliches Gewand:

Drum reinige fortan der Brüder Kleider

Und dieses Hauses Linnen deine Hand!

Dein Wandel hat mit schreienden Skandalen

Den Ruf des Klosterwandels arg beschmutzt:

Drum werden künftig alle die Sandalen

Des Klosters nur von dir geflickt, geputzt!

Und weil das Wasser Gott in Zornestagen

Und Gnadentagen reinigend bestellt,

Sollst du ins Haus auch alles Wasser tragen:

Denn deine Schuld ist gleich der Schuld der Welt!

Drauß vor der Türe büßtest du als Laie,

Bis du dich frei gedient und ausgesühnt:

Im Hause werd dein Büßen dir zur Weihe,

Bis deine Buße dir Verdienst erdient!"

Marina dankt und küßt des Abtes Füße

Und rings den Mönchen des Gewandes Saum;

Daß sie im engen Kloster schwerer büße,

Schien nun die Wüste drauß ein schöner Traum.

Tief sehnt Marina sich und übt mit Treue

Ihr mühselig Amt von Tag zu Tag,

Ein rührend Gnadenbild zerknirschter Reue,

Wankt sie umher, bis sie der Last erlag,

Da naht ihr Ziel, es brechen ihr die Glieder,

Und auf des teuern Vaters Hügelgrab

Zieht sie die Last des Wasserschlauches nieder,

Und leget sie des Lebens Bürde ab.

Und zu den Mönchen eilt und spricht der Knabe:

"Kommt! holt den Schlauch, ich weiß nicht was geschehn,

Mein Vater saß bei seines Vaters Grabe

Und betete und schlummert jetzt ganz schön."

Die Mönche nahn. Marina reicht die Hände

Aufblickend hin den Brüdern, rings geschart:

"Vergebt", fleht sie, "und zeugt, daß bis zum Ende

Dem Vater das Geheimnis ich bewahrt!"

Sie starb. Der Abt, von ihrem Tod berichtet,

Sprach: "Also große Sünde hat getan

Marinus, daß Gott selbst ihn hat gerichtet,

Seht, seine Buße nahm der Herr nicht an.

Darum kein Trunk aus seinem Schlauch euch labe:

Wascht aus den Schlauch, dem er erlag, ihn rein,

Und senket weit von jedes Frommen Grabe

Des Sünders Leib fern in der Wüste ein!"

Bald ruht der heilge Leib drauß in der Halle;

Sein Antlitz waschen sie mit banger Scheu,

Und nun den Hals - da eilten plötzlich alle

Zum strengen Abte hin mit Wehgeschrei.

Er fraget ernst: "Welch Unheil ist geschehen?"

Sie aber schrien: "Komm, schau das Wunder an,

Zur Halle komm, Marinus anzusehen,

Die Unschuld sieh, der wir so weh getan!"

Es folgt der Abt, von ihrer Angst erschrecket,

Ein Ecce Homo scheint des Büßers Leib,

Doch als den Mantel von der Brust er decket,

Spricht ihrer Unschuld Zeugin: "Sieh, ein Weib!"

"Weh!" schreit der Abt, "mein Ruhm ist all verloren!

Deckt, Hügel, mich, und über mich euch beugt,

Ihr Berge! Weh dem Leib, der mich geboren!

Den Brüsten weh! die mich als Kind gesäugt!

Konnt solch Gericht am grünen Holz geschehen,

Ließ Gott es zu durch mich grausamen Mann -

Wie wird es mir, dem dürren Stamm, ergehen,

Den mit dem Feigenbaum trifft gleicher Bann!"

Da wirft er sich laut jammernd an die Erde,

Schlägt an die Steine hin sein greises Haupt

Und klaget mit des tiefsten Leids Gebärde:

"Marina, weh! uns hat dein Kranz entlaubt!"

Und, mit den Fäusten sich die Brust zerschlagend,

Kniet rings um ihn der Brüder Trauerchor,

Und nie noch drang ob schwerer Schuld wehklagend,

Ein Miserere reuiger empor.

Der Knabe auch, der stets der Mönche Lieder

Und Stellung nachahmt, bracht sein Krippelein,

Und kniet' mit ihm sich zwischen ihnen nieder,

Und sang der Einfalt Lied vom Kindelein.

"Kommt, lasset uns das Heil der Welt begrüßen,

Geboren ist uns ja ein Kindelein,

Mein armes Herz ruht dienend ihm zu Füßen,

Denn alle Macht ruht auf den Schultern sein.

Den Schultern huldiget, die, unsre Schulden

Zu büßen, trugen schwere Kreuzeslast;

Kommt, huldiget der Unschuld, die voll Hulden,

Ein heilig Kind, bei Sündern kommt zu Gast!

Es nimmt fürlieb, 0 huldiget dem Kinde,

Bringt bittre Myrrhenbüschlein eurer Schuld,

Bringt eures bösen Herzens harte Rinde,

Bringt einen blühnden Dornkranz der Geduld!

O kommt mit mir und betet an, ihr Sünder!

Für uns ja kam dies Kind, für uns allein,

Erbarmet euch gleich ihm der armen Kinder,

Erbarmet euch doch seiner Brüderlein!"

Mit diesem Lied kam Friede auf die Brüder

Und auf den Abt, die guten Willens sind;

Sie knieten um die heilge Leiche nieder,

Da ward ihr grimmer Schmerz ganz süß und lind.

Und flehend spricht der Abt: "Zu deinen Füßen

Gelobe ich, du heilges Wüstenkind,

Dein schuldlos Büßen doppelt selbst zu büßen

In Wüstenglut und Durst und Sturm und Wind.

Doch jetzt beschwör ich dich, an jenem Tage,

Des Zornes Tage, vor dem Angesicht

Des Gottes, der dich liebt: mich nicht verklage,

Denn, was ich dir getan, ich wußt es nicht.

Beschwör ich dich beim jungfräulichen Leibe,

Der Jesum trug, und bei der selgen Brust,

Die ihn genährt, nicht in mein Schuldbuch schreibe,

Daß deine Unschuld dir nur war bewußt.

Bei geistlichem Gehorsam ich befehle",

Spricht dann der Abt, aufrichtend sich am Stab,

"Daß allen du vergebest, teure Seele,

Wie Jesus seinen Kreuzigern vergab.

Unwissenden nicht nur erfleh vom Lamme,

Dem treu du folgtest, seiner Gnade Huld -

Nein jener auch, daß Gott sie nicht verdamme,

Die lügend auf dich warf die eigne Schuld!"

Ein süßer Duft erfüllte gleich die Halle

Auf des Gehorsams heilig mächtges Wort;

"Sie hat vergeben!" flüsterten da alle:

"Von ihrer Milde duftet dieser Ort!"

Den heilgen Leib zur Kirche nun zu bringen

Befiehlt der Abt der frommen Brüder Schar.

"Herr Gott, dich loben wir!" die Träger singen:

"Dich Gott in deinen Heilgen wunderbar!"

Und mit dem Jesukindlein vor dem Zuge

Zieht her der Knabe, der sein Liedlein singt,

Und über ihm in weiterstrecktem Fluge

Der Vögel Schar der Wüste Rauchfaß schwingt.

Sie streuen Weihrauch auf Marinas Glieder

Und schmücken mit Gewürzen ihr Gewand,

Ein goldner Bienenschwarm summt zu ihr nieder

Und füllt mit Wachs und Honig ihre Hand.

Sehnsüchtig PaIm und Palme sich durchschlingen

Zu Ehrenpforten auf des Zuges Pfad,

Und weiße Tauben wehn mit reinen Schwingen

Kühlung und Blüten, wo die Heilge naht.

Die Lämmer blökend sich zum Zuge drängen,

Jed Blümchen streuet einen Taujuwel,

Es wölbt ein Baldachin sich von Gesängen,

Stumm huldigend am Weg kniet das Kamel.

Schon überschritt der Zug die heilge Schwelle,

Schon ruht Marinas Leib vor dem Altar,

Da bringt ein rasend Weib man zur Kapelle,

Mit Wutgebärde und zerrauftem Haar:

Des Knaben Mutter ists, die frech vermessen

Des Kriegers Schandtat auf Marina log,

Vom Geist der Lüge raset sie besessen,

Seit rein der Büßrin Leib zum Himmel flog.

Sie sträubt sich bäumend in der Knechte Armen,

Die mit Gewalt sie nahn dem heilgen Leib,

"Marina, bitt für sie!" ruft voll Erbarmen

Das ganze Volk und betet für das Weib.

Sie rast und tobt, bis um der Mutter Hände

Der Knabe Sankt Marinas Gürtel wand;

Da ging an ihr des Satans Macht zu Ende,

Da ward der Gnade Macht an ihr erkannt.

In Strömen weinend auf des Knaben Wangen

Fleht sie: "Unschuldger Zeuge meiner Schuld,

Hilf betend mir von Jesu Gnad erlangen

Durch sein Verdienst in seiner Braut Geduld."

Da spricht das Kind, wie es Marina lehrte,

Des Herrn Gebet fromm seiner Mutter vor,

Und schluchzend betet die von Reu Verzehrte

Die Bitten nach, einstimmt der Mönche Chor.

Doch als sie sprach: "Herr, in Versuchung führe

Uns nicht! 0 Herr, vom Bösen uns erlös",

Erbebt sie, und aus ihres Mundes Türe

Fährt aus der Lügengeist mit Wutgetös.

Da hörten alle, daß ein süßes Amen

Marina leis mit reiner Lippe sprach,

Und priesen hoch der Jungfrau heilgen Namen,

Die so getreu dem Lamme folgte nach.

Und ihres Ruhmes gute Engel flogen

Zum Meer hinab, zum Libanon hinan.

Mit Kreuz und Fahne kamen hergezogen

Die Klöster rings, die Wüste ward zur Bahn.

Und wo bei ihres Vaters Hügelgrabe

Marina' Wasser tragend, niedersank,

Erquickt die Kranken aus dem Schlauch der Knabe,

Und mancher ward gesund, der glaubend trank.

Am Pilgerpfade aber, um zu büßen,

Am Hals den Strick, die Kerze in der Hand,

Geschornen Hauptes, bleich, mit nackten Füßen,

Des Knaben Mutter in dem Bußhemd stand.

Sie sang das Klagelied von ihrer Schande,

Das Jubellied von Sankt Marinas Ehr;

Da hörten es die Pilger aller Lande

Und sangens weiter über Land und Meer.