Clemens Brentano
Violette

Eine Erzählung aus ,"Godwi"

 

Godwi hat mir heute manches von seiner Reise an den Rhein

erzählt, was ich niedergeschrieben habe, so gut es meine Krank-

heit erlaubt.

Godwi reiste mit frohem Mute nach dem Rhein, trank mit

den fröhlichen Weinlesern, und küßte die schönen lustigen Mäd-

chen, wenn er mit ihnen getanzt hatte. Es war ein herrliches Le-

ben, eine einzelne Liebe war nicht möglich, der Mensch konnte

sich nicht zum einzelnen Menschen neigen, es war alles wie in

einer goldnen Zeit, man liebte alles und ward von allem ge-

liebt. - Die Berge waren nicht zu hoch, und die Täler nicht zu

tief, und der Rhein nicht zu breit, die Freude und Gesundheit

ebnete und einigte alles zu einem mannigfaltigen Tummelplatze

glücklicher Menschen. In einer Abtei, die er besuchte, fand er

recht lustige Mönche, die ihn gern unter sich behalten hätten,

denn er trank mit ihnen herzlich, und sang ihnen muntre italie-

nische Arien zur Orgel.

Bald aber drängte sich ihm alles zusammen. Er ritt auf einem

Streifzuge durch das freudige Land abends durch die Weinberge,

rings schauten die Gesänge der zurückkehrenden Arbeiter, aus

den Gärten brannten Feuerwerke in die Höhe, und jauchzende

Stimmen tönten von allen Seiten. Alle Herzen waren erschlos-

sen und hingegeben, aber er entbehrte doch einen Standpunkt,

von dem er das alles hätte übersehen können. Er wünschte sich

einen dunkeln vertraulichen Vorgrund zu dem freien hellen Ge-

mälde, und eilte aus einem Zirkel in den andern.

Wie konnte er ein solches Bedürfnis nur auch in andern vor-

aussetzen unter diesen unbefangenen Menschen, die das Fest des

fröhlichen Gottes versammelt hatte, sie lebten ja nur im Herbste,

und waren zu dieser Freude aus dem ganzen Lande zusammen-

gezogen, und was wollte er dann, warum lachte und scherzte

er, und ging dann finster weg, konnte er nicht genug haben, wo

alle Überfluß fanden?

Das sind ganz öffentliche Fragen; er aber sehnte sich nach

Heimlichkeiten, er wünschte alle die Freude aus Liebchens

Fenster zu sehen, und still vor sich hindenken: mein Herbst

klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn nicht um den euri-

gen.

Er hätte zwar sehr leicht ein Liebchen finden können, aber er

wollte kein sehr leichtes, und hatte er sich Mühe gegeben, er wäre

auch zu gediegneren Verbindungen gelangt, aber er fürchtete

die Dauer.

Genießen wollte er, und wie gern war es ihm zu verzeihen,

der so lange in traurigen Familiengeschichten verstrickt war. Mit

Bequemlichkeit wollte er genießen, das Leben oben auf dem Berge

hatte ihn mit Bedürfnissen bereichert.

Ottilien und den Kreis um Cordelien, und Gott weiß, wie

die verschrobenen edlen Seelen alle hießen, vergaß er gleich bei

dem zweiten Becher Wein, bei dem dritten schwor er, nie ihre

Gesundheit zu trinken, und dem vierten, sich selbst zu bewegen,

und nun einmal ohne alle Barmherzigkeit zu leben.

Da er so abends am Rheine hinabritt, gesellte sich noch ein

Reiter zu ihm. Es dämmerte schon, er konnte ihn nicht erken-

nen; doch bemerkte er an dem Tone, mit dem er ihn grüßte, daß

es ein sehr junger Mensch sein müsse.

Man fragte sich, wo der Weg hingehe, Godwi sagte recht auf-

richtig: "Mein Weg geht schnurstracks irgendwohin, wo ich Ver-

gnügen zu finden denke."

"Vergnügen? Was nennen Sie so, wollen Sie etwa auf dem

nächsten Dorfe mit ein paar Bäschen irgendeines Weinhändlers

Lotto spielen, oder sich von einem konservierten Mainzer Offi-

zianten alle Weinjahre herzählen lassen? - oder -"

"Nein, ich bitte Sie, zum Ekel, das habe ich genug! Aber ich

reite immer zu, und käme ich nach Holland, ich suche, was ich

eben nicht aussprechen kann, ich weiß nicht, ob es links oder

rechts liegt, ich suche ein Verhältnis."

"Ein Verhältnis?"

"Nun ja, ich möchte gern lieben, und geliebt werden, und ohne

Not und Angst, ohne Sorgen und Mühe, denn ich fürchte mich

vor nichts mehr als der Zärtlichkeit, einen geschwornern Feind

von der sentimentalen Welt können Sie sich nicht denken: ich

habe heute abend einige rührende Gedanken bemerkt, die mir aus

dem Herzen heraufkletterten, wenn die meiner nicht gedenken,

so weiß ich nicht, ich habe ihnen gleich eine solche Quantität

Wein entgegengeschickt, daß ihnen Hören und Sehen verging,

und sie kopfüber hinabstürzten."

"Sie scheinen noch recht begeistert von ihrem Siege, und ver-

dienen einen Lorbeerkranz; reiten Sie mit mir links, ich will Sie

in eine Gesellschaft bringen, wo Sie sicher alles finden werden,

was man von Weibern verlangen kann."

"Ich reite mit."

Nun wendete der Begleiter sein Rößlein feldeinwärts, den

Berg hinan, und sang mit einer hübschen Stimme dieses Volks-

lied.

Ein Reiter an dem Rheine ritt

In dunkler Nacht dahin,

Ein Ritterlein, das reitet mit

Und fragt: Wohin dein Sinn?

Mein Sinn, der steht nach Minnen,

Ich hab mich rum geschlagen,

Und konnt doch nichts gewinnen,

Und mußt das Leben wagen.

Ei hast du nicht die Ehr davon?

Die Ehr ist hohes Gut -

Ich hätt die liebe Zeit davon,

Die Ehr ist mir kein Gut.

Mein Blut ist hingeflossen

Rot zu der Erde nieder,

So warm ich es vergossen,

Gibt mirs die Ehr nicht wieder.

Da sprach das kleine Ritterlein:

Daß Gott sich dein erbarm!

Du mußt ein schlechter Ritter sein,

Weil deine Ehr so arm.

Ich will nun mit dir rechten,

Weil du nicht ehrst die Ehre;

Mein Ehr will ich verfechten,

Setz deine nun zur Wehre. -

Des Ritters Unwill war sehr groß,

Drum er vom Rosse sprang,

Auch machet sich der kleine los

Und sich zur Erde schwang.

Da fühlt sich der Geselle

Von hinten fest umwinden.

Es ist die Nacht nicht helle,

Sie streiten wie die Blinden.

Und sinken beide in den Klee -

Ei sprich! wer hat gesiegt?

Der Ritter ohne Ach und Weh -

Bei einer Jungfrau liegt.

Ei hast du nicht die Ehr davon?

Die Ehr ist hohes Gut -

Ich hätt die liebe Zeit davon,

Die Ehr ist mir kein Gut.

Godwi erfreute sich an dem muntern Liede seines Gesellschaf-

ters, und folgte ihm recht guten Mutes, und mit dunklen Hoff-

nungen. An dem halben Berge lag ein altes Schloß, das noch be-

wohnt war, obschon es nicht ganz so aussah, denn es waren keine

Lichter in den Fenstern, die Tore standen weit auf, und im Hofe

regte sich weder Hund noch Mensch.

"Steiget ab, mein Freund, und laßt Euer Pferd nur laufen",

sagte der kleine Geselle, herunterspringend.

Godwi war es manchmal zumute, als wäre der kleine Mann

ein Gespenst aus alter Zeit, denn er hatte einen Federhut auf,

und war in einen Mantel gehüllt.

Aber wird mein Pferd nicht fortlaufen, wenn es kein Diener

anhält - die Tore stehen ja sperreweit offen - mein Freund."

Der kleine Reiter aber machte nicht viel Komplimente, faßte

Godwi beim Arm, zog ihn die Treppen hinauf, und lachte, wenn

er anstieß.

Oben sagte er: "Nun legt Euren Mantel ab, nehmt den Hut

in die Hand - wir sind an der Türe, gleich werden wir in der

Gesellschaft sein."

Godwi tat, wie er ihm sagte, der Kleine machte die Türe auf,

stieß ihn in die dunkle Stube, in der er in seinem Leben nicht

gewesen war, und schloß die Tür ab.

Vor der Türe sang er laut lachend, indem er wegging:

Es ist die Nacht nicht helle,

Sie streiten wie die Blinden.

Da fühlt sich der Geselle

Von hinten fest umwinden.

Godwi stand nun in der Mitte der Stube, und wußte nicht,

wie ihm geschehen, er sah gar kein Licht, die Fenster schienen

verschlossen zu sein. Um sich nur ein wenig zu orientieren, tappte

er an den Wänden herum, und was er fühlte, waren abenteuer-

liche Sehränke mit einer Menge Säulen, dazwischen Teller und

Porzellanfiguren.

Er verfolgte seine Entdeckungsreise rechts an der Wand her-

um, und stieß auf eine Gipsstatue: das war ihm nun schon inter-

essanter ,seine Hand gleitete leis auf und nieder, und er verweilte

hie und da mit mehr Anteil, er konnte auch kein Stückchen Ge-

wand entdecken, und fand, daß es eine Venus sei.

Es tat ihm leid, daß er sie nicht ganz zugleich auffassen konnte,

um den reinen Kunsteindruck zu haben, aber sie war nur zu füh-

len, und es ging ihm, wie gewissen Kunstforschern, die das Ge-

fühl der Antike in den Fingern haben, und um sich die Vortreff-

lichkeit der Formen einzuprägen, vom Nacken mit der Hand

niedergleiten, am Hintern aber etwas modern werden, und eini-

ge freundliche Schläge mit Schalkheit drauffallen lassen.

Er verspätete sich allerdings etwas bei der Venus, und hätte

er nicht etwas leise rauschen hören, so würde er über ihr alles

vergessen haben, außer was er vermißte, daß sie lebendig sei.

Unruhig tappte er weiter, und berührte einen seidnen Bett-

vorhang: da er den Stuhl, der vor dem Bette stand untersuchte,

fand er weibliche Kleider, ein gestricktes kurzes Röckchen, und

ein gestricktes Jäckchen, seidne Strümpfe: unter das Bett faßte

er mechanisch, und faßte ein Paar niedliche Schuhe.

Als er den Bettvorhang zurückzog, hörte er atmen, das setzte

ihn in keine geringe Verlegenheit, und da er untersuchen wollte,

wer es sei, knurrte ein Hund, und machte große feurige Augen.

Er wollte nun nach dem Fenster hin, um die Laden aufzusto-

ßen, sein Fuß berührte etwas Tönendes, er faßte nieder, es war

eine Gitarre, die am Stuhle lehnte, er klimperte darauf, aber das

Atmen neben ihm ward nun doppelt, er schritt etwas vorwärts

und fand, daß irgendein Ausgang sein müsse, denn es herrschte

ein Luftzug.

Da er drauflosging mit den Händen, wie mit Fühlhörnern

durch die dicke Finsternis, fuhr er heftig zusammen, seine Finger

berührten einen Menschen, er zog die Finger zurück, und bald

waren sie wieder vorwärts; er gleitete über kühlen festen Ar-

men aufwärts, zu einem sehr schmalen Ärmel, eilte über diese

Brücke, und es zitterte unter seinen Fingern, lachte und floh, er

wollte nach dem Luftzug, da schlug eine Türe zu, die ihm dicht an

der Nase vorbeiflog.

Er ging nun unwillig quer durch die Stube, rannte einen Tisch

mit Gläsern um, und trat bald in einen erhobenen Erker, öffnete

die Fensterladen, und sah glühend in die kühle Nacht hinein.

Sein Herz pochte heftig, er war ungeduldig, und immer fühlte

er nur noch seine Fingerspitzen.

Da stand er nun in einem dunklen Vorgrund zu dem hellen

Gemälde, aber war dies Liebchens Fenster?

Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne,

aus den Dörfern und dem nahe liegenden Städtchen klangen die

lustigen Walzermelodien, unordentlich doch gleich taumelnd und

kreisend zusammen. Der süße Mostgeruch drang unter seinem

Fenster von dem Weinberge herauf, der nahe Wald säuselte, und

in der herrlichen trunknen Landschaft schossen jauchzend

Schwärmer und Raketen in die Höhe, und zerplatzten noch fröh-

lich im Tode - aber Godwi konnte seinen bösen Mut nicht be-

zwingen. Es war ihm wie einem alten Popanz aus den Kinder-

märchen, der Menschen gewittert hatte.

Nun wendete er sich von dem Fenster, um zu versuchen, ob

er nicht eine Klingel in der Stube finden könnte, einigen Lärm zu

machen; auch erinnerte er sich der Gläser, die er umgeworfen

hatte, und endlich war er entschlossen, zu Bette zu gehen, wenn

sich nicht bald jemand sehen ließe; als er aber die Stufe des Er-

kers herabsteigen wollte, faßten ihn zarte Hände, und zogen ihn

auf einen kleinen Sofa, der an der einen Seite des Erkers ange-

bracht war.

Mit sanften Händen zog es ihn nieder, und er setzte sich gerne.

"Ich weiß es nicht anders zu machen, lieber Freund", sagte das

Mädchen, "es war mir angst und bange vor Ihnen. Da Sie so wild

ans Fenster stürzten, glaubte ich, Sie wollten hinausspringen."

"Aber um Gottes willen, ich weiß ja gar nicht, wo ich bin, wie

von einem Gewitter in ein fremdes Haus, in eine dunkle Stube

getragen, und ich glaubte, in eine große Gesellschaft zukommen."

"Haben Sie eine solche Freude an großer Gesellschaft?"

"Nein! Aber ich mache gern alle Bekanntschaften bei vielen

Lichtern, im Lichte will ich leben, und in der Nacht sterben."

Mit diesen Worten nahm er das Mädchen freundlich bei der

Hand, und zog sie ans offne Fenster.

"Kommen Sie ans Sternenlicht, meine Liebe."

DasMädchen sah schüchtern an die Erde, er faßte sie unter

das Kinn, und hob ihr das Köpfchen in die Höhe: da sah sie ihn

freundlich mit ihren großen dunklen Augen an, und es rollte

eine Träne auf seine Hand - die Träne fiel Godwi aufs Herz.

- Es war ihm, als habe er das Mädchen schon gesehen.

"Sie weinen", sagte er freundlich zu ihr.

"Ach mein Herr! Es tut mir so manches leid, so leid, das Herz

möchte mir brechen." - Da wendete sie sich schnell von ihm,

und setzte sich auf das Sofa und weinte laut.

Godwi stand am Fenster, er war so verlegen, so gerührt, er

machte sich Vorwürfe, und wußte nicht warum, hatte er die Un-

schuld verführen wollen? Er hatte ja an keine Unschuld der gan-

zen Welt nur gedacht - warum weinte das Mädchen nur, war-

um war sie da, warum hatte sie ihn zu sich gezogen?

Er näherte sich ihr, und sprach mit sanfter gelassener Stimme:

"Meine Liebe, weinen Sie nicht! Ich weiß ja nicht warum und

wie ich herkomme. - Auch will ich Ihnen gar nichts tun, - sa-

gen Sie mir, wo ich bin, wer sind Sie, wer hat mich hierherge-

bracht?"

Da richtete sie sich in die Höhe und sagte: "Ach mein Herr,

1ch bin Violette, die Tochter der Gräfin von G., und das ist un-

ser Gut. Sie haben mir auch nichts getan, und das ist es nicht;

aber ich muß doch weinen."

"Was fehlt Ihnen nur, und wer hat mich nur hierhergebracht?"

"Meine Mutter hat Sie hergebracht."

"Ihre Mutter? Es war ja ein Reiter."

"Meine Mutter reitet immer wie ein Mann gekleidet."

"Aber waren Sie denn in der Stube, als ich hereintrat?"

"Nein, meine Mutter schickte mich erst herein! Sie sagte, ich

sollte Sie unterhalten, bis sie käme: dort neben dem Bette war

die Tür offen, da kam ich herein, Sie rührten mich an, ich war

fast des Todes vor Schrecken, und ich durfte doch nicht fortlau-

fen, da schlug ich die Tür zu und lief hierher."

"Aber ich hörte Sie ja nicht laufen."

"Ach, das ist es eben, ich bin mit bloßen Füßen."

Das Mädchen drängte sich in den Winkel und sagte: "Ach wie

schäme ich mich."

Godwi wußte nun gar nicht, was er mit ihr anfangen sollte.

"Sind Sie denn nicht gerne hierhergegangen?"

"Gewiß nicht, gewiß nicht, heute nun gewiß nicht - die Mut-

ter jagte mich aus dem Bette, ich war schon eingeschlafen, sie

sagte: junge Mädchen müßten immer lustig sein, und ich sollte

mich nicht so kindisch betragen, wenn sie mich nicht wie ein Kind

behandle - sie sei so freundlich gegen mich und wolle mir eine

Freude machen, nun solle ich auch nicht eigensinnig sein: - "Ach

liebe Mutter", sagte ich, "es macht mir sicher keine Freude."

"Zier dich nicht Violette", sagte sie dann, ,tue mir den Gefallen,

und gehe hin, und sprich mit dem Manne sag ihm, ich käme

bald: es ist der artige Mann, der jüngst so freundlich mit dir

tanzte", da zog sie mir die Decke weg, und lachte mich aus, ich

mußte herüber, ich konnte mich nicht einmal ankleiden."

"Ihre Mutter ist ein seltsames Weib, glaubt sie denn wirklich,

daß Ihnen so etwas Spaß mache?"

"Wohl muß sie es glauben, und ein andermal würde es mich

auch so nicht betrüben - aber heute "

"Waren Sie denn heute so müde?"

"Das nicht, aber ich bin lange nicht so zufrieden zu Bette ge-

gangen, ich hatte den ganzen Tag überdacht, ja zwei Tage, und

es fiel mir gar keine Sünde ein; ich habe am Sonntage erst ge-

beichtet, und ich verglich mein ganzes Tun mit dem, was mir der

Pater gesagt hatte, und es war auch kein Fleckchen zu finden, ich

betete noch, wie ich es nur machen sollte, der Mutter immer ge-

horsam zu sein - da kam sie, da mußte ich herüber, und nun ist

alle meine Freude hin."

"Meine Liebe, halten Sie es denn für Sünde bei mir zu sein?"

"Ich weiß nicht, aber gut ist es nicht. Die Mutter hat mir es

schon einmal so gemacht, da küßte mich der Mann, und war so

heftig - mein Herr, ich kann es nicht vergessen, - ich konnte

es lange nicht vergessen, und seit jener Zeit bin ich nicht mehr

ruhig, ich kann an nichts allein denken, es sind immer andre

ängstliche Gedanken dabei, die ich nicht verstehe - als ich es

beichtete, schmälte mich der Pater sehr, und sagte: ich sollte mir

solche Gedanken aus dem Sinne schlagen, - sie führten zum

Verderben - das wären böse weltliche Gedanken."

"Und ist Ihnen das gelungen?"

"In der Beichte hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich nicht

wisse, was das sei: aus dem Sinn schlagen, aber ich war des Pa-

ters Worten recht getreu, und gab mir alle Mühe - doch ich

konnte so gar nicht recht Reu und Leid erwecken vor den Ge-

danken, und je mehr ich mich quälte, je größer und wunderli-

cher wurden die Bilder in mir - ich wußte mich nicht zu lassen,

und gab mir alle Mühe - meine Mutter bemerkte es - denn ich

schnitt manchmal ordentlich Gesichter - da ich ihr sagte, was

es sei, lachte sie mich aus und sprach: ich sollte froh sein, daß

ich einmal zu denken anfange, der Pater meine das nicht so,

wenn er sage: Schlage dir es aus dem Sinn, so heiße das: Lasse

dir nicht bang drum sein.

Godwi war fest entschlossen, sobald er mit der Mutter zu-

sammenkomme, sie recht ernstlich darüber zur Rede zu stellen,

und sie dazu zu bewegen, das Mädchen lieber von sich zu entfer-

nen. Er wendete sich wieder zu ihr und sprach: "Liebe Violette,

Ihr Unglück tut mir sehr weh, wenn ich Sie irgend erschreckt

habe, so sollen Sie mir es verzeihen; ich will auch mit Ihrer Mut-

ter sprechen, und mich bemühen, daß sie Sie mit allen solchen

Anmutungen verschont - reichen Sie mir die Hand darauf, nicht

wahr wir sind gute Freunde?"

Violette gab ihm zitternd die Hand, und näherte sich ihm

vertraulich.

"Ich gebe Ihnen gern die Hand, und sind Sie so, wie Sie schei-

nen? Wie froh wäre ich, wenn Sie mein Freund sein wollten, ich

bin recht verlassen hier."

Hier ward sie wieder stumm, und lehnte die Stirne an seine

Schulter. - Godwi umfaßte sie leis, und sagte: "Gutes Mädchen,

wie alt sind Sie?"

"Ich bin fünfzehn Jahre alt, wie alt sind Sie denn?"

Diese Frage störte ihn etwas, und er antwortete lieber nicht

darauf.

"Ihr Vater lebt wohl nicht mehr, und sie haben keine Ge-

schwister?"

"Mein Vater ist schon einige Jahre tot, ich habe aber noch eine

kleine Schwester, sie ist nun fünf Jahre alt. Ich erinnere mich

meines Vaters noch wohl, er war ein kleiner Mann, und nie recht

freundlich; - zweimal erinnere ich mich recht deutlich, wie er

aussah, ich meine, ich sähe ihn noch. - Er saß hier, wo wir

sitzen, und zankte mit einem Pächter. Der Pächter stand in der

Mitte der Stube, und sagte immer: "Ich kann nichts davor, gnä-

diger Herr, - die gnädige Frau hat mir gesagt, sie würde mich

von Haus und Hof peitschen lassen, wenn ich dem Jungen noch

einmal einen Schlag gäbe, was soll ich nun machen?" - "Er soll

den Burschen unter die Soldaten schicken, oder ich schicke Ihn

hin" - da kam meine Mutter herein, und mein Vater schwieg

still, schickte den Pächter weg, und sagte: "Es ist gut."

Meine Mutter aber sagte: "Was haben Sie wieder mit dem

Manne gehabt, wollen Sie denn mit aller Gewalt einen Gerichts-

hof aus meiner Schlafstube machen? Ich muß genug wesentliche

Schwächen hier von Ihnen ertragen, sparen Sie Ihre unwesent-

lichen."

"Ich sorge für meine Ruhe und die Ihrige, Madam", sagte mein

Vater.

Meine Mutter aber lachte, "Sie müssen sehr ruhig sein", sagte

sie, ,daß Ihnen der Sohn dieses Bauern soviel Unruhe macht;

aber er soll nun bald immer um Sie sein, damit Sie sich an den

armen Jungen gewöhnen, ich habe ihn heute als Jockei angenom-

men." - Da ging sie auf meinen Vater zu und küßte ihn mit den

Worten: "Sei nicht so kümmerlich alter Mann, da du ein junges

Weib hast, mußt du auch hübsch freundlich sein." - Dann ging

sie weg, - 0 ich weiß es noch recht gut, und kann es nicht ver-

gessen! Ich saß hier auf der Stube des Erkers, und spielte mit

dem Joh, der dort auf dem Bette liegt, er war damals noch ganz

klein, - aber ich glaube, ich hätte es nicht so behalten, wenn

nicht geschehen wäre, was gleich darauf folgte.

Mein Vater saß so traurig da, und das tat mir leid: ich näherte

mich ihm, und sagte: "Sieh Vater, der kleine Hund tanzt"; da

stieß er mich mit dem Fuße, daß der Hund schrie, und ging zur

Türe hinaus.

Das andere Mal, daß ich mir ihn ganz vorstellen kann, ist das

letztemal, er saß auch hier und hatte mich auf dem Schoße; er

war still, und ich las in einem Buche; meine Mutter saß dort auf

dem Stuhle am Bette, und zog lederne Beinkleider an - sie woll-

te spazierenreiten - er sah dann und wann traurig nach ihr hin,

und da sie es bemerkte, hielt sie ein, und sagte fragend: "Eh bien?"

"Ich freue mich über Ihre schönen Beine, Madam,"- "Das ist

sehr freundlich und gut gemeint", sagte sie.

"Alle Bauern und Bürger freuen sich auch drüber", fuhr mein

Vater fort. - "Das ist ein Beweis von Sinn", erwiderte die Mut-

ter. - "Und der Säckler von Mainz", versetzte der Vater, "hat

auch Sinn, denn er erzählt allen Domherren von Ihren Beinen,

und das ganze Rheingau hat Sinn, denn jeder sechzehnjährige Bur-

sche, der Sie reiten sieht, sagt: Ich will ein Säckler, ein Hosenschnei-

der werden, wenn die Gräfin sich neue Beinkleider machen läßt."

"Ja", sagte sie, "das ganze Rheingau hat Sinn; aber Sie sind ein

Sonderling, und streben nach dem Gegenteil", da knallte sie mit

der Peitsche, stellte sich vor den Spiegel, kam zu meinem Vater,

und sagte, indem sie ihm die Wange hinbot: "Embrassez votre

petit cavalier - adieu!" und war zur Tür hinaus.

Mein Vater schwieg still, ich knöpfte ihm die Weste auf und

zu: "Vater", sagte ich, ,warum hast du denn eine so weite Weste

an?" - "Mein Kind", sagte er, "das kommt von Kummer und

Sorgen, die Eltern haben immer viel zu sorgen - und davon

wird man mager, und die Kleider werden zu weit." - Ich sagte:

"Wenn ich nähen kann, will ich dir eine Falte hineinlegen." - Da

ritt meine Mutter lustig zum Tore hinaus und der Jockei mit ihr.

- "Sieh, was deine Mutter lustig reitet", sagte mein Vater. - Da

setzte meine Mutter mit dem Pferde über den Schlagbaum, und

Friedrich hinterdrein, und fort waren sie um die Bäume herum.

- "Die wird so lange über die Schranken setzen", sagte mein

Vater, "bis sie den Hals zerbricht", und ging weg."

"Das sind lauter traurige Sachen, meine Liebe", sagte Godwi,

"aber erzählen Sie fort."

"Mein Vater starb bald darauf - und die Mutter war nicht

sehr traurig. - Friedrich lebte auch nicht mehr lang, er war

immer nach meines Vaters Tode um die Mutter herum gewesen.

- Da er krank war, kam die Mutter nicht von seinem Bette,

und da er tot war, mußte ich einen Kranz von Rosen flechten,

den setzte sie ihm auf; - er ist in unserm Garten begraben, und

über dem Grabe ist ein Gartenhäuschen erbaut, in dem die Mut-

ter oft von fremden Herrn besucht wird. - Das Leben geht nun

immer so fort, ich habe wenig Freude, auch lerne ich nicht viel:

für mich allein, wenn ich sehr traurig bin, schreibe ich manchmal

meine Gedanken auf und zerreiß es dann wieder. Meine kleine

Schwester heißt Flametta. Man sagt, sie sei Friedrichs Kind,

und meine Mutter liebt sie sehr. - Ich bin immer allein, und

denke über meine Mutter und mich."

"Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich?"

"Von meiner Mutter? Warum niemand mit ihr umgeht, war-

um die Leute sagen, sie habe keinen guten Ruf, warum ich gar

keine Mädchen sehe, - und von mir, ach! da denke ich immer

in die Zukunft, und muß manchmal ausrufen: es wird kein gut

Ende nehmen! Und dann weine ich. - Sagen Sie mir, was ist

das nur?"

Hier nahm sie Godwi bei der Hand, trat mit ihr ans Fenster:

er hatte sie umschlungen, und ihre Wange lehnte an der seinigen,

es war ihm sehr wohl, und sehr bang.

"Der Mond stand über der ruhigen Gegend, und wußte nichts

von des Kindes Schmerz, und seiner Rührung - da sang Violette

mit ihrer freundlichen Stimme folgende Verse eines katholischen

Liedes.

Was heut noch grün und frisch dasteht,

Wird morgen schon hinweggemäht,

Die edlen Narzissen,

Die Zierde der Wiesen,

Die schön Hyazinthen,

Die türkischen Binden.

Hüte dich schönes Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt,

Was nur unter die Sichel fällt,

Ihr Rosen, ihr Lilien!

Euch wird man austilgen,

Auch die Kaiserkronen

Wird man nicht verschonen.

Hüte dich schöns Blümelein!

Der himmel farbne Ehrenpreis,

Die Tulipane gelb und weiß,

Die silbernen Glocken,

Die goldnen Flocken,

Sinkt alles zur Erden,

Was wird daraus werden?

Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,

Ihr vielfarbige Röselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

lhr krause Basilgen,

Ihr zarte Violen,

Euch wird man bald holen.

Hüte dich schöns Blümelein!

Godwi hatte dem kindlichen Totenliede schweigend zugehört.

- "Das ist ein trauriges Lied, Violette", sagte er.

"Traurig? Es ist ja ein Erntelied - ich kann auch ein Lied vom

Sämann, das fängt an: Es ist ein Sämann, der heißt Liebe

Godwi küßte das Mädchen, sie erwiderte es freundlich, aber

es war kein Kuß, der sich getreu blieb, er verweilte so lange, daß

die Gemüter sich wechselten, da klingelte es -.

"Ich muß nun fort, Lieber", sagte Violette, "die Mutter klin-

gelt, ich gehe jetzt schlafen -, ich werde von Ihnen träumen."

Godwi führte sie an die Tür, und sie umarmten sich innig.

Aber die Tür ging auf und die Mutter trat herein ...

*

Godwi besuchte mich heute abend, er hatte selbst weiterge-

schrieben, und las mir vor wie folgt:

Alles, was Violette gegen mich geäußert hatte, war sich so un-

gleich, und wendete so schnell zwischen Heftigkeit und Geschä-

migkeit, was sie von ihren Eltern erzählt hatte, war so wenig

die Rede eines ganz unschuldigen Mädchens, ihr ganzes Betragen

ergriff mich so schnell, und stieß mich so leicht wieder zurück,

daß ich in einer wechselnden Bewegung während ihren Worten,

bald Mitleid, bald Unwillen empfand.

In jedem Falle mußte ihre Mutter ein höchst wunderbares

Weib sein, und ohne allen Charakter, das Mädchen hätte sonst

nimmer so schwankend sein können, und ich entschloß mich fest,

diesen Ort schnell wieder zu verlassen; aber es gelang mir

nicht.

Ich entschloß mich schon in einzelnen Augenblicken meines

Gesprächs mit Violetten dazu, denn ich befand mich in einem

widrigen Streite von Lust und Schonung. Sie webte ihre Tränen,

ihre Naivität und ihre frevelhaften Reden über ihre Mutter so

verwirrt durcheinander, und in ihrem Betragen dabei erschien

die Lüstemheit und Heftigkeit so durch Blödigkeit und Uner-

fahrenheit gestört, daß mir es sehr abgeschmackt zumute war.

Ich konnte sie nicht bedauren, und nicht liebenswürdig finden,

und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine

ganze Lage, daß ich wünschte, das Mädchen wäre nicht so, und

ergäbe sich ohne Prätension ihrer und meiner Freude.

Ich hätte mich gerne bemühet, ihre Verwirrtheit für sie und

mich zu lösen, aber ich fürchtete mich vor irgendeinem Hinter-

halt, der mir hier gelegt sein, und mich zu einer Verbindung

zwingen könnte, die mich ewig zum Sklaven um eine kurze Freu-

de gekauft hätte

Ich verhielt mich während ihren Äußerungen ganz leidend,

und eben dadurch schienen sie mir einigemal wahr zu werden: die

Verse, die sie von dem Totenliede: Es ist ein Schnitter, der heißt

Tod, sang, sang sie nicht ohne Rührung, und ihr Übergang auf

das Lied: Es ist ein Sämann, der heißt Liebe, war er vielleicht

auch nicht ganz ohne Vorsatz, war doch sehr artig.

Was sie von ihrem Streit in der Beichte erzählte, war der

Punkt, der mich eigentlich zuerst aufmerksam machte: ein un-

schuldiges Mädchen kann nicht von der Beichte reden, und ein

Mädchen von fünfzehn Jahren streitet nicht mehr so kindisch

mit ihrem Gemüt, oder sie müßte in der reinsten Umgebung ge-

lebt haben.

Alle diese Betrachtungen begleiteten mich, und verdarben mir

sogar ihre Küsse, indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu, recht

herzlich und mit Bewußtsein küßte.

*

In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter, die ich mit eini-

gem Unwillen behandelte, aber sie war nichts weniger als so ver-

wirrt und widersprechend wie das Mädchen.

Ich fand in ihr ein leichtsinniges und fröhliches Weib, mit

einer Freiheit ohne Grenzen, die doch nicht ins Gemeine fiel. Sie

hatte gar keine Absicht, als zu leben, und lachte allen meinen

Unmut hinweg, dabei nahm sie in ihrem Räsonnement so toll-

kühne Flüge, daß es eine Lust war, sie anzuhören.

Das Mädchen hatte sie aus reinem Mutwillen herübergeschickt,

und da ich ihr vorstellte, wie ihr Kind zugrunde gehen würde,

machte sie die Einwendung, daß das Mädchen so sinnlich sei,

daß sie sich an der ganzen schönen Welt festhalten werde, auf

dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zugrunde, und

wenn Violette nur einmal aus den Schwärmereien komme, so

werde sie recht glücklich werden. Sie äußerte dabei ganz wun-

derbare Ideen über Religion, und verlor sich in einem Strom von

Phantasien, daß sie mich wirklich ergötzte.

Violette, behauptete sie, sei bei weitem nicht so unschuldig als

sie selbst, und was das Mädchen von ihrem Streite mit der An-

dacht vorbringe, sei alles eine Folge davon, daß sie nicht recht

beten könne.

So bizarr mir alles das schien, so behauptete sie es doch mit

einer trotzigen Lustigkeit, und hatte sich ordentlich ein kleines

System erräsonniert. Ich will ihre Äußerungen so getreu hierher-

schreiben, als ich mich ihrer entsinne, denn mich mit der Gräfin

selbst redend einzuführen, wage ich nicht gern, da ich einer lang-

weiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht aus-

weichen könnte, und doch in die Gefahr kommen dürfte, nicht

verstanden zu werden, oder mich der Beschuldigung auszusetzen,

als suche ich meine Schwachheit zu entschuldigen, indem ich ein

heftiges frevelndes Weib als ein bloß mutwilliges schwärmendes

hinstellte.

Es schien allerdings, daß sie einstens in einer ähnlichen Ver-

wirrung wie Violette gewesen sei, und nur ihre Erfahrung aus

ihr sprach, wenn sie sich über diesen Zustand ihrer Tochter so

kalt zeigte.

Sie war im strengsten Katholizismus erzogen, und Violetten

hatte der Graf ebenso erziehen lassen. Sie führte ihre eigne jetzige

Lebensart, ihre Fröhlichkeit und Freiheit trotz aller Umge-

bung, auf ihre Religion zurück, denn sie sagte, diese habe ihr

den ersten Antrieb zu allem gegeben, und der einzige Mißgriff

in ihrem Räsonnement war der, daß sie sich in der Religion vor-

aussetzte, da sie doch die Religion in sich annehmen mußte, wenn

sie je welche wollte gehabt haben.

Es ist mir leid, daß ich alles das nicht so scherzend und so lu-

stig ernsthaft sagen kann, denn sie parodierte sich selbst in jeder

Minute, überraschte mich plötzlich mit einem Kusse, wenn ich

Einrede tun wollte, und war ich darum unwillig, so fuhr sie

so pathetisch fort zu predigen, bis ich lachen mußte, und war da-

bei so beweglich, daß sie bald aufsprang, ihre Bilder selbst vor-

zustellen, bald sich so schnell wieder niedersetzte, daß sie mir

einigemal etwas unsanft begegnete, dann bat sie mich sehr zärt-

lich und kindisch um Verzeihung, und das alles war so rasch

und bunt hintereinander, daß ich ein freudiges, reizendes, freies

Weib sein müßte, und mir gegenüber ein junger mehr ungeduldiger,

als gesetzter Mann, wenn ich es so hinstellen sollte, wie sie es tat.

Sie behauptete: Der sinnliche Mensch werde erbärmlich, wenn

er, wie man es nimmt, tugendhaft würde, denn er übe dann Tu-

genden, die von seinem ganzen Leben verachtet würden. Er müsse

sich zwingen, und werde eben dadurch lasterhaft, denn er gäbe,

um zu leben, endlich die Tugend hin, und schweife, um sich zu

trösten, nach Prinzipien aus.

Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit, das Gebet

ihre Äußerung.

Andacht sei es, wenn man nicht mehr als Mensch bete, wenn

man als Weib oder Mann bete; doch könne der Mann es nie zur

Andacht bringen, weil das Menschliche das Männliche bei ihm

überwiege.

Der schlechteste Moment im Leben sei, wo weder Jungfrau

noch Jüngling recht wisse, woran sie seien, und ein verderblicher

Streit zwischen Glauben und Wissen sich erhebe; in diesem stehe

Violette.

In der Religion sei es ebenso, es komme den Menschen heut-

zutage eine boshafte Lust an, sich ihrer selbst zu bemächtigen,

um sich zu befreien, aber nur der sei ein Sklave, der sich selbst

besitze, nur im allgemeinen wäre Freiheit, und in der Person

die höchste Tyrannei.

In diesem schlechten Momente höre der Mensch auf zu glau-

ben und meine, Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres

Glauben, das einen erst mit einer kleinen Reihe von Schlüssen

hinhalte, ehe es einen glauben lasse, denn endlich müsse man doch

glauben, was man wisse.

Das allererbärmlichste Aberwissen sei, die unbefleckte Emp-

fängnis für einen Aberglauben zu halten, wer denn irgendeine

Empfängnis wisse? Und dieses sei grade der Punkt, wo der

Mensch recht überführt werde, daß alle Seligkeit nur Glauben

ist, und kein Bewußtsein, und nur der sei ein Ketzer und Frei-

geist, der bei der Empfängnis noch denke, und sich selbst besitze,

denn jeder fühle das Wissen erbärmlich, der aus solchem Glau-

ben kehre.

Sie bete oft, weil sie ein Weib sei, und wer nicht sinnlich sei,

habe keine Religion und eine Religion, die nicht sinnlich sei, habe

keine Menschen.

Sie sei eine Heidin, habe viele Götter, und auch Heroen, alle

jung, kräftig, und in der Liebe menschlich.

Die Heiligen könnten sich so ziemlich rühren, aber sie hätten

keine Religion, wären nichts als angehende Philosophen, wel-

che die Liebe bestritten, die sie nicht bestreiten könnten, das heißt,

der sie nicht gewachsen wären.

Der Gott der Katholiken sei zu geistig, und substanzlos, und

ohne die Menschwerdung gar nicht da; aber es sei keine rechte

Menschlichkeit in der Menschwerdung, es sei nichts als eine Alle-

gorie auf Leben, Gedanken und Wort, eine Lehre, die zum Leh-

rer geworden.

Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfängnis, und jedes

Wort eine Menschwerdung.

Doch sei die katholische Religion keine Religion des Lebens,

sondern eine Religion der Auferstehung und Erinnerung - der

untergegangenen herrlichen Welt der Götter und Menschen werde

in ihr ein festliches Totenopfer gebracht.

Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos, aber heil-

los, denn sie duldeten keine Heiligen - sie seien keine Religio-

nen, sondern bloße bequemliche Anstalten, keine Religion zu

haben - Konsistorien wo keine Liebe mehr sei, um die Ehe zu

unterstützen - auf Noten gebrachte Ehescheidungen zum Absin-

gen - Religionen für Eunuchen, Amphibien und Hermaphroditen.

Die christliche Religion werde vor dem Leben zugrunde gehen,

die heidnische aber werde länger sein, als das Leben, weil sie Le-

ben und Tod umfasse.

Einmal rief sie aus: "Ach arm ist der, der nur im Tode selig

wird - die Erde sei ein Jammertal! - Ich stehe auf den Ber-

gen und bin glückselig, - denn der lebt nicht, dessen Haupt

nicht im Himmel steht, auf dessen Brust nicht die Wolken ru-

hen, dem die Liebe nicht im Schoße wohnt, und der Fuß nicht

in der Erde wurzelt. Mein Haupt steht ewig im Himmel, und

klage ich, so hören es die Götter allein, daß mir keine Liebe im

Schoße wohnt, und wohnt mir die Liebe im Schoße, so sehen nur

die Götter meines Auges Andacht, weiter wird die Welt, denn

mein Busen hebt den Himmel höher, und die Erde drängt sich

bebend unter meinen regen Füßen zusammen."

Sie bekehrte mich, aber ich glaubte nichts, als daß sie ein schö-

nes, reizendes Weib sei, da die Decke des Zimmers sich öffnete,

und eine dämmernde Alabasterlampe niedersank, und der Glau-

ben bald das Wissen besiegt hatte...

*

Als ich erwachte, blickte ich durch die Stube hin. Nach der

Gräfin zu sehen hatte ich den Mut nicht. Es war eine ganz eigne

Empfindung, wie ich mich mit allem verwandt fühlte, mit den

alten Schränken und dem Gipsbilde, den Sesseln und mit dem

kleinen Sofa im Erker.

Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder,

und den süßlich ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab, wie

auf meinen Verwandten; ich ergötzte mich ebenso an den Da-

men, und wunderte mich, wie freundlich ihre Schnürbrüste aus

einem Gesichtspunkte waren; ich nahm sie nämlich, als cornu-

copiae, und freute mich der schönen Früchte, die aus ihnen her-

vordrangen, und hier und da zierlich mit Blumen zusammenge-

stellt waren.

Es war mir, als hätte ich von allen den Leuten erzählen hören,

und konnte mich nicht enthalten, dem Bilde des verstorbenen

Grafen, der mir gegenüberhing, ein kleines lächelndes Kompli-

ment zu machen, denn ich erinnere mich nicht, daß es mir je so

leicht und so lustig zumute war.

Nachdem ich alle fremden Geschäfte besorgt hatte, wendete

ich meine Gedanken auf meine eigne Person, und bekam keine

geringe Hochachtung vor ihr.

Zuerst in welchem herrlichen, ja herrschaftlichen Bette, viel-

mehr Schlafgebäude, Schlummerpalast, Ruhetempel befand ich

mich, wenn ich heute nacht sollte geschnarcht haben - die hoch-

würdigen Herrn des Klosters, das ich am Anfange meiner Her-

reise besuchte, konnten in ihren Chorstühlen so ehrenvoll nicht

gesungen haben, - ein wahrer Krönungssaal schien dieses vor-

treffliche Ehebett zu sein.

Hierauf die wackere Bettdecke, deren Lob ich keineswegs

verschweigen darf, denn ich fand sie den schwebenden Gärten

der Semiramis zu vergleichen, meine Augen lustwandelten durch

die tausend Irrgänge ihres damastnen Grundes, und ergötzten

sich an dem prächtigen verschlungenen Namen des Grafen und

der Gräfin, der in der Mitte allegorisch gestickt war.

0! Und ich selbst - ein blauatlasner Schlafrock, mit roten

Aufschlägen, an dem Ärmel mit dem kleinen gräflichen Wappen

gezeichnet, sollte ich nicht stolz sein, in so ehrenvoller Uniform?

Ich drückte die Füße zusammen, um mich zu überzeugen, daß

ich keine Stiefel anhabe, denn ich hatte die Empfindung, als wäre

ich in Diensten, aber ich sah bald ein, daß es Interimsuniform

war.

Vor dem Bette knieten vier Untertanen, recht zärtlich ab-

wechselnd, ein Pantoffel von mir, und dann ein Pantöffelchen,

sie harrten untertänigst, daß wir sie mit Füßen treten sollten.

Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin, und bemerkte,

wie witzig das batistene Bettuch mit Spitzen durchbrochen war,

und wie naiv ihre weiße Schulter durchblickte.

Ach welche reizende Gemahlin habe ich, wie hinreißend, wie

fesselnd, es ist ordentlich unangenehm, und erschwert einem die

Menschenfreundlichkeit, sie ruhig schlafen zu lassen. - Wie

glücklich, und wie unglücklich bin ich! - muß ich nicht eifersüch-

tig sein?

Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle, ein schwarzer Frack,

lederne Beinkleider, und dort ungarische Stiefel, ein runder Hut

auf dem Tische, das sind ja meine Kleider nicht. - Welcher junge

Herr hat sich hier ausgekleidet - habe ich nicht Ursache, eifer-

süchtig zu sein? - Ich sehe ja meine kaiserliche Uniform nir-

gends; sollte ich diese Nacht betrogen worden sein, sollte mein

Weib ihre Untreue hier in meiner Gegenwart - der junge Mann

hat in der Dunkelheit meine Kleider vielleicht ergriffen?

Da bewegte sich die Gräfin, und meine Einbildung, als sei ich

der verstorbene Graf, verschwand.

Ich stellte mich schlafend, und beobachtete durch die Augen

blinzelnd, was die Gräfin für Betrachtungen den meinigen ent-

gegensetzen würde.

Aber ich setzte die Betrachtung meiner Person meinen Be-

trachtungen entgegen.

Sie lehnte den Kopf auf ihren weißen Arm, und blickte mich

freundlich an, und ich betrog das Glück, das mir im Schlafe zu

kommen glaubte, ich nahm ihre Küsse stille hin.

Ich biß auf die Zunge um nicht zu lächeln, ich biß auf die

Zunge, um die Lust zu ertragen, wie andere es tun, um den

Schmerz.

Moralisch freute ich mich, als ich merkte, daß sie aufstand,

ohne mich zu wecken, denn es war wirklich ein Beweis eines sehr

liebenden Herzens, daß sie mich schlafen ließ, da sie wußte, daß

ich nicht zu Leiden erwachen würde, ja es lag mir in dem Augen-

blick viel Unschuld in dieser Handlung, sie konnte noch denken,

daß der Schlaf süßer sei, als die Lust.

Wie sie sich leise in die Höhe richtete, als erstehe ein tugend-

haftes Weib zur Seligkeit, wie sie mit Grazie und schüchterner

Lust auf mich nieder sah, daß ihr zarter Fuß mich nicht berühre.

-Wie die Wurzel unter der Rose ,lag ich und drängte ihre Lie-

be entgegen wie sie über mich hintrat, stand mein Puls still

und mein Leben hielt ein, als griffe ein schöneres Leben in seine

Räder. - Ich ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den

Säulen des Tempels der Liebe.

Und leiser soll mein Geist einst nicht über das Grab meiner

Geliebten schweben, als sie über mich hinschritt.

Sie schlüpfte in ihre Pantöffelchen, und zeigte mir, indem sie

sich sorglos vor mir ankleidete, mehr keusche Blöße, als eine

tugendhafte Jungfrau, die ganz allein sich auskleidet.

Da sie ihre männliche Kleidung angelegt hatte, schrieb sie mit

Bleistift ein Zettelchen, kam vor das Bett, kniete nieder und

steckte es mir mit einer Nadel auf das gräfliche Wappen, das am

Ärmel meines Schlafrocks war, dann verließ sie in Stiefeln und

Sporen die Stube.

Auf dem Zettelchen standen folgende Worte: "Guten Morgen,

schöner Freund! Gut geschlafen? Ich habe ein moralisches Kunst-

stückchen gemacht, Sie nicht zu erwecken, was kann man von

einer Heidin, gegen die man als Frauenzimmer doch galant sein

muß, mehr begehren, wie kann man seinen Tag besser anfangen?

Doch Scherz beiseite - Sie schlafen aber auch, ich habe Sie herz-

lich geküßt - und nicht zu erwachen - ei wo will das hinaus?

- Denken Sie nicht, ich sei eine Zauberin, und noch nicht von

der Fahrt zurückgekommen, wenn Sie sich allein finden - ich

habe nie etwas mit dem Kamine zu tun gehabt, als daß es mich

wärmte, und einmal einen Liebhaber zu mir brachte - ich reite

nur ein wenig spazieren, und zwar auf Ihrem Pferde, um an

seinen Launen den Mann kennenzulernen. Adieu, heio popeio -

ich bin eine Heidin, und will mein Morgengebet unter freiem

Himmel verrichten."

Ich ergötzte mich an der muntern Laune der Gräfin, und war

ich verführt, oder idealisierte ich? ich weiß nicht, aber ich fand

sie sehr liebenswürdig, oder liebte sie ein wenig.

Ich konnte immer noch nicht aufstehen, obschon ich sonst kein

Schläfer bin, aber ich lag, wie an Ketten geschlossen in einer

ewgen Betrachtung meines lustigen Zustandes: Ich konnte manch-

mal gar nicht begreifen, wie ich hierhergekommen sei, und hatte

einen recht deutlichen Begriff, wie es sich so schön breit auf einem

Throne sitzt, und wie unausstehlich es sein muß, Kron und Zep-

ter hinzureichen.

Wie einem Kinde, das zum erstenmal Komödie gespielt hat,

und die bunten Kleider nicht ausziehen mag, war mir zumute

- nein, sagte ich, du kannst den vortrefflichen Schlafrock gar

nicht wieder ausziehen - und wünschte wirklich sehnlich, es

möchten ein paar Diebe hereinkommen, und meinen schwarzen

Frack und die ledernen Beinkleider stehlen.

Da ging die Türe neben dem Bette leise auf, ich schämte mich

ein wenig.

"Ach er ist noch nicht auf", sagte eine weibliche Stimme; der

Vorhang über meinem Kopfe wurde zurückgezogen. Ich machte

die Augen zu, wie der verfolgte Vogel Strauß mit dem Glauben

den Kopf versteckt, wenn er nicht sehe, werde er nicht gesehen,

und es ergoß sich ein Körbchen mit Blumen über mein Gesicht.

Da ich hörte, daß die freundliche Geberin forteilte, nachdem

sie mir ihren Liebesdienst erzeigt hatte, sprang ich aus dem Bette

und verriegelte die Tür.

Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel, und freute mich

meiner kindischen Eitelkeit, dann guckte ich etwas zum Fenster

hinaus: die Arbeiter waren wieder rings in den Hügeln und Gär-

ten beschäftigt, ich war recht froh, und die Natur viel schöner,

als mein Lebtage - ich sagte recht von Herzen: "Dies ist Lieb-

chens Fenster, und ich sehe nun in das heitere Gemälde aus ei-

nem traulichen Vorgrund, leset nur eure Weinbeeren, Küsse sind

noch süßer; mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich

gebe ihn doch nicht um den eurigen."

Dann kleidete ich mich schnell an, und wie ich den seidnen

Schlafrock ablegte, legte ich viel frohen Mut ab, und als ich in

meinem schwarzen Fracke steckte, war ich wieder voller Grund-

sätze - aber ich ärgerte mich drüber.

Ich verließ die Stube und ging durch die langen Gänge des

Hauses, und betrachtete die verschiedenen alten Bilder. Da ich

neben eine Tür vor ein solches Bild trat, hörte ich in der Stube

sprechen, und erkannte Violettens Stimme, die mit einem kleinen

Mädchen sprach; das Kind sagte: "Violette nun habe ich dir hel-

fen die Blumen suchen, nun lehre mich auch singen."

"Nun komm her, Flametta", sagte Violette, "aber höre auch

hübsch zu, und singe mit."

Da es das Kind versprochen hatte, sang Violette mit ihm fol-

gendes Kinderlied:

 

Anne Margritchen!

Was willst du mein Liebchen?

Ich trinke so gerne

Gezuckerten Wein.

Zwei Pfund Zuckerchen,

Ein Pfund Butterchen,

Schütt es ins Kesselchen,

Rühr es mit dem Löffelchen.

Zwei Maße Wein,

So muß es gut sein.

Anne Margritchen

Was Zipfel ist das?

Eine Weinsupp, eine Weinsupp!

"Nun kann ich es", sagte Flametta, "nun will ich auch wieder

mit in den Garten gehn - aber sage mir, warum hast du so ein

Holz in deinem Bettchen liegen?"

"Das Kissen ist mir zu niedrig", sagte Violette.

Hier trat ich an die Tür, die nur angelehnt war, und fragte:

"Darf ich mit in den Garten gehn, Violette?"

Als sie meine Worte hörten, sprangen sie hinter die Tür, die

1ch leise eröffnete: Vor mir stand Violettens Bett, in dem ich ein

scharfes eckigtes Scheit Holz liegen sah. - Violette sprang plötz-

lich hervor, und riß den Vorhang des Bettes zu, sie glühte über

und über vor Scham.

"Fort, fort aus der Mädchenstube!" rief sie dann heftig. "Jage

ihn fort, Flametta. "

Flametta nahm einen kleinen Stecken, und ging auf mich los

mit den Worten: "Fort, fort, aus der Mädchenstube!"

Einer solchen Übermacht konnte ich nicht widerstehen und

verließ die Kinder. Vor der Türe rief ich: "Violette kommen Sie

doch zu mir in den Garten."

Da rief sie heraus: "Vielleicht - ja, ja ich komme."

Im Hause sah ich wenige Diener, nur zwei hübsche Mädchen

in der Küche: sie lachten, als sie mich sahen, und versteckten sich,

ich mußte mich zusammennehmen, und rief der einen zu: "Guten

Morgen, Mädchen, war heute nacht dein Schatz bei dir?"

"Ei gewiß!" sagte sie.

Ich ging über den geräumigen Hof nach dem Garten, und sah

unterwegs mit einem seltsamen Gefühle zum Tore hinaus, durch

das ich gestern abend in diese neue Welt eingegangen war.

Da ich durch den Garten an einem Seitengebäude des Schlosses

hinging, wurden mir aus dem Fenster einige Kränze von Wein-

laub auf den Kopf geworfen, und da ich hinaufguckte, sah ich

Violetten und Flametten, die sich lachend zurückzogen.

Auf der rechten Seite des Gartens war ein großer Teich, in

dessen Mitte ein hoher alter Turm stand; da ich näher hinging,

bemerkte ich noch auf der andern Seite des Turms eine kleine

Insel, auf der ein weißes, mit Laub umzogenes Häuschen durch

dichte Gebüsche hervor sah, aber ich mochte mich nicht in den

gebrechlichen Kahn wagen, um hinüberzufahren - ich ging des-

wegen nach dem großen Gartenhause, das vor mir auf einer

Terrasse stand.

Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-

mönch, der mit einem Teller voll Trauben in der Hand essend

auf und nieder ging: wir grüßten uns.

I c h. Guten Morgen Ihr Hochwürden!

Er. Ich wünsche Ihnen wohl geschlafen zu haben.

I c h. Sie genießen den angenehmen Morgen.

Er. Ich bin des Gärtners Bruder, und trete manchmal hier ab,

wenn mich mein Beruf vorüberführt: Sie sind wohl der Herr,

für den das gnädige Fräulein die Blumen holte.

I c h. War es das Fräulein, die mir die Blumen brachte?

Er. Kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe

gestern abend mit Ihnen gesprochen.

I c h. Ich lag noch im Bette.

Er. So! - Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das Fräulein

gehört.

I c h. Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde.

E r. Sind Sie anverwandt mit der gräflichen Familie?

I c h. Nein, ich bin der Freund der Gräfin.

E r. Der Gräfin?

I c h. Wundert Sie das?

E r. Sie verzeihen, Sie müssen mich verstehen, ich vermute,

daß Sie der Gräfin sicher das Bessere raten - und besonders in

Hinsicht der Fräulein.

I c h. Die Gräfin ist Mutter, und eine kluge Frau.

E r. 0 sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich

gesinnt - und das Wohl ihrer Kinder könnte ihr mehr am Her-

zen liegen.

I c h. Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gespro-

chen.

Er. Sprechen - sprechen - aber das Kind geht zugrund! Ich

will nicht sagen, als solle sie den Katechismus auswendig können,

und alle Heiligen glauben, die Welt ist weitergegangen, aber die

Moral! -

I c h. Sie scheinen aufgeklärt, das ist selten in Ihrem Rocke.

E r. Sie sind gütig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn brüten?

I c h. Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn,

Herr Pater? - Das ist neuer Unsinn.

Hier trat die Gräfin herein.

Sie ging auf mich zu und küßte mich - der Mönch zog sich

zurück - und die Gräfin wendete sich zu ihm mit den Worten:

"Ei Pater Sebastian! Sein Sie nicht böse, daß ich Sie nicht auch

küsse, ich hätte es wohl getan, aber Sie verdienen es nicht."

Der Mönch sagte beschämt: "Frau Gräfin, ich verdiene solche

Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand verbietet, aber Ihren

Unwillen verdiene ich auch nicht."

Die Gräfin erwiderte hierauf gelassen: "Herr Pater, Sie ver-

derben meine Violette, Sie setzen dem Mädchen Gespenster in

den Kopf, und nehmen ihr den schönen Teil Ihrer Religion, der

für Kinder gemacht ist. - Sie geben ihr für die goldnen Früchte des

Himmels leere moralische Nußschalen, und verführen mein Kind."

Er. "Verführen! Frau Gräfin, das ist ein schändliches Wort."

Sie. "Kein Wort ist schändlich, die Tat ist schändlich! Sie

quälen das Mädchen, und fragen sie nach allen sieben Sachen, so

daß sie keine Ruhe mehr vor sich hat, und sich allerlei unreif

einbildet, was sich reif ausbilden sollte - und so rauben Sie ihr

ihre Unschuld - und verführen sie - ich bitte Sie daher, dem

Seelenheil meiner Violette nicht länger nachzustellen, denn ihre

Seele ist gesund, hat kein Heil nötig, und Sie stiften hier wahres

Seelenunheil - wenn Sie es gut meinten, so kann ich nichts dafür,

daß Sie es schlecht machen. - Leben Sie wohl."

Der Mönch ging weg; - die Gräfin rief den Gärtner und sagte

ihm: "Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen, und sei-

nem Bruder ein Dutzend Schnupftücher kaufen; sage Er ihm da-

bei, ich und Violette hätten sie gesäumt, und schickten sie ihm

zum Danke für seine Bemühungen: aber kaufe Er feine weiße,

und bitte Er ihn, er möge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen

abgewöhnen, es steht ihm zu seiner feinen Miene, und zu seinem

hübschen Barte gar nicht gut."

Der Gärtner lächelte und ging weg.

Ich war über die Heftigkeit der schönen leichtfertigen Frau

verstummt, aber ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gärt-

ners tat mir wohl, sie gewann durch diese Szene sehr in meinen

Augen. - Da der Gärtner weg war, nahm sie mich bei der Hand,

und sagte, indem sie mich fortzog: "Sehen Sie, wie ich zanken

kann, sollte man sich es vorstellen? Sie sind wirklich erschrocken,

daß das, was ich Ihnen gestern von meinen Grundsätzen sagte,

mein Ernst zu sein scheint. - Gott weiß, woher ich die Grund-

sätze habe, sie sind glaube ich meine Natur, ich glaube, es sind

solche, die man nicht für Grundsätze hält, und das ist das beste."

Sie hing an meinem Arm, und lief mit mir die Terrasse herab.

Violette und Flametta begegneten uns, und die Gräfin führte uns

alle nach dem Teich.

"Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben

kennenlernen", sagte sie, als wir an den baufälligen Kahn ka-

men. Sie machte Anstalt hineinzusteigen.

"Er wird uns nicht alle tragen."

Die Kinder sprangen mit ihr hinein.

"Nun, mein Kind", sagte sie freundlich zu mir, "willst du al-

lein draus bleiben, adieu, so fahr ich fort."

"Sie sagen das so liebenswürdig, und wenn wir miteinander

untergehen, wäre es ein freundlicher Tod."

Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn, die Gräfin ruderte,

und sagte: "Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte Sie mit

meinem politischen Glauben bekannt machen, auf der Insel wird

sich es aufweisen: damit Sie sich aber zuerst etwas abhärten,

wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette singe ein

Liedchen !"

Violette sang folgendes Lied:

Zu Bacharach am Rheine

Wohnt eine Zauberin,

Sie war so schön und feine

Und riß viel Herzen hin.

Und brachte viel zuschanden

Der Männer rings umher,

Aus ihren Liebesbanden

War keine Rettung mehr.

Der Bischof ließ sie laden

Vor geistliche Gewalt -

Und mußte sie begnaden,

So schön war ihr’ Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret:

,Du arme Lore Lay’

Wer hat dich denn verführe:

Zu böser Zauberei?’

,Herr Bischof laßt mich sterben,

Ich bin des Lebens müd,

Weil jeder muß verderben,

Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,

Mein Arm ein Zauberstab,

O legt mich in die Flammen!

O brechet mir den Stab!’

,Ich kann dich nicht verdammen,

Bist du mir erst bekennt,

Warum in diesen Flammen

Mein eigen Herz schon brennt

Den Stab kann ich nicht brechen,

Du schöne Loreley,

Ich müßte dann zerbrechen

Mein eigen Herz entzwei.’

,Herr Bischof mit mir armen

Treibt nicht so bösen Spott,

Und bitet t um erbarmen,

Für mich den lieben Gott.

Ich darf nicht länger leben,

Ich liebe keinen mehr -

Den Tod sollt Ihr mir geben,

Drum kam ich zu Euch her.

Mein Schatz hat mich betrogen

Hat sich von mir gewandt,

Ist fort von hier gezogen,

Fort in ein fremdes Land.

Die Augen sanft und milde

Die Wangen rot und weiß,

Die Worte still und milde

Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst muß drin verderben,

Das Herz tut mir so weh,

Vor Schmerzen möcht ich sterben,

Wenn ich mein Bildnis seh.

Drum laßt mein Recht mich finden,

Mich sterben, wie ein Christ,

Denn alles muß verschwinden,

Weil er nicht bei mir

Drei Ritter läßt er holen:

,Bringt sie ins Kloster hin,

Geh Lore" - Gott befohlen

Sei dein berückter Sinn.

Du sollst ein Nönnchen werden,

Ein Nönnchen schwarz und weiß,

Bereite dich auf Erden

Zu deines Todes Reis’.

Zum Kloster sie nun ritten,

Die Ritter alle drei,

Und traurig in der Mitten

Die schöne Lore Lay!

,0 Ritter laßt mich gehen,

Auf diesen Felsen groß,

Ich will noch einmal sehen

Nach meines Lieben Schloß.

Ich will noch einmal sehen

Wohl in den tiefen Rhein,

Und dann ins Kloster gehen

Und Gottes Jungfrau sein.’

Der Felsen ist so jähe.

So steil ist seine Wand,

Doch klimmt sie in die Höhe,

Bis daß sie oben stand.

Es binden die drei Ritter,

Die Rosse unten an,

Und klettern immer weiter,

Zum Felsen auch hinan.

Die Jungfrau sprach: ,Da gehet

Ein Schifflein auf dem Rhein,

Der in dem Schifflein stehet,

Der soll mein Liebster sein.

Mein Herz wird mir so munter,

Er muß mein Liebster sein!’-

Da lehnt sie sich hinunter

Und stürzet in den Rhein.

Die Ritter mußten sterben,

Sie konnten nicht hinab,

Sie mußten all verderben,

Ohn Priester und ohn Grab.

Wer hat dies Lied gesungen?

Ein Schiffer auf dem Rhein,

Und immer hats geklungen

Von dem Drei-Ritter-Stein:

Lore Lay

Lore Lay

Lore Lay

Als wären es meiner drei.

Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Gräfin:

"Der Kahn ist so schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen

andern, ich bin oft recht vergnügt auf ihm gefahren."

Nun kamen wir an das kleine runde Haus, es war ganz mit

Efeu überzogen, auf dem runden Dache stand ein geflügeltes

Pferd, das sich in die Höhe bäumt, auf ihm ein nackter Jüngling,

und vor ihm zwei Liebesgötter, die das Pferd am Zügel nieder-

ziehen, auf dem Fußgestell aber war die Inschrift:

FRIEDRICH DEM EINZIGEN

"!Sehen Sie meinen politischen Abgott, ich freue mich oft über

meinen Witz, ich wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein

Geheimnis sehen lassen, denn eigentlich müßte es heißen, Fried-

rich dem Meinigen.

Doch Lieber! Sein Sie nicht böse, weil ich Sie wissen lasse, daß

ich vor Ihnen schon liebte."

Wir gingen in das Häuschen, in dem es recht freundlich war;

aber da ich wußte, daß ich über einem Grabe saß, was mir die

Gräfin verschwiegen hatte, konnte ich nicht ganz froh werden -

und das zubereitete Frühstück schmeckte mir nicht recht.

In dieser Umgebung lebte ich zwei Monden, während denen

ich mehrere Streifzüge an den freudigen Ufern des Flusses und

in das Land einwärts machte.

Ich trat stets mit einer eignen Empfindung solche Wallfahrten

an, denn die bunte Einsamkeit des Lebens bei der Gräfin machte

mich immer zu einem weltfremden Menschen, wenn ich durch

die ruhige große Natur ging, die gar keine Gattung von Prin-

zipien hat, und deren Lust und Leid sich in einen schönen Wech-

sel von Jahreszeiten flechten.

So oft ich zurückkehrte, behauptete die Gräfin, ich sei ein ganz

neuer unbekannter Mensch, sie habe aber eine Ahndung oder

Erinnerung von einer alten Bekanntschaft mit mir.

"Gott, wie werde ich alt", sagte sie einmal, "schon wieder je-

mand, der mir bekannt scheint, und ich weiß gar nicht, wo ich

Sie zum ersten Male gesehen habe."

"Es war am Abend, Madame, war es nicht in der Dämmerung,

begegneten wir uns nicht zu Pferde am Rhein?"

"Sie haben ganz recht, seien Sie mir willkommen."

Dann küßte sie mich freundlich, ich schien wieder so ernsthaft,

als das erstemal, und sie bekehrte mich wieder sehr emsig.

Violette war immer stiller geworden in der letzten Zeit, und

schien sich mit einer schmerzlichen Zuneigung an mich zu hängen.

Das Mädchen machte mir bange und jetzt, da ich meine ganze

damalige Lage ruhig übersehe, bemerke ich mit Scham und Reue,

warum ich diese Bangigkeit zu vermeiden suchte.

Violette mochte sein, wie sie wolle, war nicht der erste Abend

im Schlosse, und meine Unterhaltung mit ihr, das einzige, auf

das ich mit reiner Freude zurücksehen konnte? - Wie hatte sich

die Jungfrau in ihrem Streite mit der Lust mit ihrem Reinsten

in mich gerettet, und was versprach ich ihr, das ich ihr nicht hielt!

- Die Gräfin mochte sein, wie sie wollte, aber mit ihrem Kinde

zusammen war sie schlecht. - Das Leben eines genialischen Men-

schen kann aus sich selbst hervorgeführt, mit eigner Kraft ver-

teidigt und durchgesetzt, ein gutes selbstgedeihliches Leben sein,

denn es ist das Leben der Eigentümlichkeit, aber die Jugend kann

sich an ihm nicht entwickeln; sie ist eine Allgemeinheit, und muß

an dem Frühling, und nicht am Menschen hervorwachsen; denn

das leztere heißt der Psyche die Flügel auseinanderzupfen oder

ihr mit einem künstlichen Lichte die Sonne ersetzen wollen, ohne

die Rücksicht, daß sie hineinfliegt und stirbt.

Brachte ich Violetten nicht zur völligen Uneinigkeit mit sich,

indem mein Verhältnis mit ihrer Mutter immer ihrer unschul-

digen Neigung zu mir entgegentrat?

Ich konnte in der letzten Woche gar nicht mehr offen mit

ihr reden, denn ich bemerkte, daß sie stets verlegener ward,

wenn ihre Mutter in ihrer Gegenwart mit mir vertraulich

war.

Diese Empfindung war es, die zu meinen Spazierritten mit-

wirkte, und ich wünschte sogar einigemal wieder zu Hause zu

sein.

Das letzte Mal, da ich ausritt, nahm ich meinen Weg nach

einem der schönsten Punkte am Rheine, dem Ostein, einem schö-

nen Lustschlosse auf dem Niederwald, einem hohen Berge, dem

Städtchen Bingen gegenüber; dieser Berg macht den Winkel, um

den sich hier der Rhein scharf herumwendet.

Der Besitzer des Schlosses war nicht gegenwärtig, und obschon

ich den Mann zu kennen wünschte, der eine solche Anlage bloß

zu seinem Vergnügen machen durfte, war es mir lieb, daß er nicht

hier war. Ich hätte ihn hier meines Dankes ohne einigen Neid

nicht versichern können.

So tröstete ich mich und dachte, er habe dieses Werk vollbracht,

wie jeder, wenn er es gleich nicht weiß, durch irgend etwas ein

höchst wichtiger Mensch ist, so daß ich mir hieraus die Ursache

erkläre, warum die Worte: es war ja ein gemeiner Mensch, kei-

nen Totschlag entschuldigen. Diese Wichtigkeit des Lebendigen

ist mir der einzige Grund irgendeines Rechtes, so wie mir der

einzige Grund der Moral ist, daß der Mensch aus den Augen her-

aussieht, daß er ein Repräsentant des Lebens ist. - Doch ich keh-

re zurück. -

Das kleine Lustschloß ist ein wahres Lustschloß, denn es ist

voll lustiger Einrichtungen, voll geheimer Türen, verborgner

Treppen und doppelter Wände; man kann darin herumirren,

wie ein verwünschter Prinz, und ich finde diese luftige, scher-

zende Gattung von Bauart hier recht angebracht, denn es würde

in jedem Falle eine Stümperei geworden sein, hätte man hier

ein gediegenes Gebäude hersetzen wollen, wo selbst kaum des

Menschen Herz sich erhalten kann, gegen die vollen reichen An-

sichten der Natur.

Wo die Architektur der Natur so erhaben ist, zwischen den

Massen der Felsen, den Ergüssen der Aussichten, den brausenden

Wäldern hätte nicht leicht ein Gebäude stehen können, ohne

plump und mühselig auszusehen, das im mindesten affektieren

konnte, als wolle es etwas bedeuten. Ja ich glaube, es ist ein

äußerst trotziger, melancholisch hoffärtiger Gedanke, auf sol-

chen herrlichen Gesichtspunkten der größten und reichsten Natur,

die durch unendliche mannigfaltige Freiheit harmonische Un-

ordnung der Aussicht mit einer prahlend wichtigen Bausymme-

trie äffen zu wollen, die in solcher Zusammenstellung nur un-

verdaute Mathematik an der Stirne trägt.

Ein leichtes luftiges Freudengezelt müßte hier aufgeschlagen

werden, ein ergötzlicher Feenpalast, voll Mutwill und koketter

Mädchenhaftigkeit, doch ohne Prüderie und Sittenpedanterei -

und so ist es hier, man möchte sich umsehen, wo die fröhliche

Gesellschaft geblieben ist, die hier in voller fürstlicher Freude,

mit Mätressen, Heiducken, Laufern, Opernmädchen, und einem

witzigen Hofnarren gehaust hat. - Wo ist die junge etwas

schmachtende Gräfin, die hier an den militärisch schönen Prinzen

denkt? - Wo ist der muntere Dichter, der hier Singspiele dichtet,

und Elegien schreibt, weil er in die junge Gräfin verliebt ist? -

Ich wandelte durch die Stuben mit großen Spiegeln in bunt-

gemalten Bretterwänden - verirrte mich auf den kleinen Trep-

pen von Boudoir zu Boudoir; in den Weiberstuben berührte ich

mit Herzklopfen umherliegende Kleinigkeiten, zerrissene Lie-

besbriefchen, Locken, und gemachte Blumen, welche die holden

leichten Wesen von Frühling zu Frühling, wie den bunten Staub

der Schmetterlingsflügel abstreiften.

Und verzeihen Sie - aber es ist nicht anders - wenn ich es hin

und her überlegte, und das ganze lustige Haus in einem Zuge zu

genießen, mir einen Plan erdachte, so war es der, mit einem

Schock nackter Mädchen, voll Freude, Witz, Tanz und Singta-

lent, drinnen Haschen zu spielen.

Auf dem höchsten Punkte des Schlosses steht ein Belvedere,

und ein gutes Perspektiv, für die, welche das ganze Buch nicht

verstehen, einzelne Stellen erklären wollen, und gerne wüßten,

ob auch dieses oder jenes Städtchen mit hier notiert wäre.

Dieses Türmchen ist die Spitze des Schlosses, und die Pointe

des ganzen epigrammatischen Gebäudes, das wie ein guter

freundlicher Einfall hier oben hingeflogen ist, und mir wie das

Lied eines Turmdeckers auf dem Münster vorkömmt.

Das Schlößchen scheint sich, wie ein fröhliches scherzhaftes

Mädchen in den Mantel von Königen, hier in die herrlichen

Berge zu verstecken, mit den Worten: ich bin auch da, liebt mich;

am Ende, wenns Nacht wird und nicht grade der Mond scheint,

wenns draußen stürmt, kommt ihr doch zu mir.

Ich sprach von dem Schlosse zuerst, weil es heißer Mittag war,

da ich herauf kam, und ich mich in den kühlen Stuben erfreute.

Als sich der Abend nahte, ging ich in den Wald, der auf

wenigen Punkten von der Kunst berührt, doch nichts von seiner

Schönheit verlor. Seine Grenze um den Berg herum ist die un-

beschreibliche Aussicht, die alle Worte übersteigt. Man kann nicht

zurück, der dunkle Wald liegt ängstlich hinter einem. Nirgends

ward mir meine Geschichte so erbärmlich und so klein. Ich

glaubte, hier zu stehen, sei der Zweck und das Ende meines Le-

bens. - Wie ein kleiner Bach sich durch dunkle Täler, durch Klip-

pen und Felsen stille oder nur brausend hinwindet, weil seine

Ufer ihm weichen, oder ihm widerstreben, wie er endlich sich

in eine unabsehbare See, sich selbst vernichtend hinstürzet, so

stand ich hier.

Alles, alles freudig hingeben, Freude und Lust, Freundschaft

und Liebe, alle stolze Leiden der Demut, alle Träume und Pläne

freudig hingeben, In dieses Wehn der Luftströme, diese Tiefe voll

großer Natur, diese freundlich herandringende Ferne, war meine

letzte Reflexion, meine Begierde war Schweben, und ich sah mit

gefährlichem schwindelndem Neide den wilden Tauben nach, die

sich freudig hinabstürzten, wo der Rhein den Fuß der grünen

Berge küßte, deren Häupter von seiner rauschenden Umarmung

trunken zu drehen schienen, und es war mir, als walle die Seele

des kräftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges, wie

warmes lebendiges Blut, und der Boden lebe unter mir, und

alles sei ein einziges Leben, dessen Pulsschlag in meinem Herzen

schlage.

Hier hat alles sein Ende, und alles ist gelöst, hier ist alles ver-

gessen, und ein neues Leben fängt an. Der Mensch ist das

Höchste nicht im Dasein, sonst wäre keine Mühe in ihm, und

keine Stufung der Vollkommenheit: der Mensch ist nicht frei,

er könnte sonst nicht wieder zurück ins enge dunkle Haus, er

stürzte sich eher hier hinab. - Gefangene sind wir, wie das Weib,

das ewig nach den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum

Werke der Lust hinwendet, gefangen sind wir, wie Leichtsinn

und Schwermut, zwischen Schmerz und Lust, und die Freiheit

besteht in der Wahl zwischen zweien, wo uns das eine schon so

ermüdet, daß wir das andere gern ergreifen - und was ist end-

lich die heiligste stolzeste philosophische Ansicht, als die Krank-

heit der Flamme, die zu verlöschen droht, um sich selbst zu sagen:

ich bin das Licht und entzünde alles. Man kann höchstens so

eine traurige Ansicht haben, wenn man nach Hause geht, und

sich mit Hoffart trösten will, oder wenn man kömmt und sich

vornimmt, doch etwas Besseres zu sein; - aber was hilft es end-

lich, wenn man hier steht, da muß das traurige Zeug, der konse-

quente eitle Trost doch zurückbleiben, denn wahrlich er ist das

verdienstliche Bemühen der schweren Arbeit, und es wäre für

jeden, der hier steht, eine sehr mitleidswürdige moralische Be-

trachtung, an die Verdienste der Philosophen und Gelehrten zu

denken. -

Fast möchte ich glauben, daß das ruhige volle Genießen des

einfachen unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist, und

ich will mich bestreben, ein Trinker zu werden, und mir meine

Weingärtner zu halten. -

Der Punkt, wo ich stand, war ein kleiner runder Tempel auf

fünf Säulen, die voll von den Namen der Menschen standen, die

eine solche Minute in ihrem Leben hatten - und wenn unter den

vielen Hunderten nur einem zumute war, wie mir, so sind zwei

Menschen hier ruhig geworden, und besser.

Etwas später ging ich nach einem andern Punkte, einem alten

Turme, der auf dem Winkel steht, den der Berg macht und den

Punkt bestimmt, auf dem sich der Rhein schnell und heftig

wendet.

Die Aussicht ist hier nicht so ergossen, sie ist nicht ein ruhiges,

willenloses Meer, das wie ein lebendiges unendliches Element

ohne Fortschreiten durch die Größe schon fern und nah ist. Sie

ist tätiger, drohender gegen den Stolzen, umarmender und er-

wärmender für den Liebenden.

Dort wird man vernichtet, man vergißt sich, und muß trun-

ken ertrinken; hier drängen sich die Berge heran, die beiden Ufer

wollen sich die Arme reichen, oder die Stirne bieten, die Brust

der Berge will zusammendringen, um den reißenden Fluß zurück-

zuhalten, der ihnen hier zu entfliehen scheint.

Dort ist man hingegeben, hier rückt die Natur heran, und bie-

tet einem die kräftigen Hände, und man rüstet sich im Herzen,

die Riesen zu empfangen.

Der alte Turm ist mit einem bequemen Saale versehen, der

ganz in dem derben Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet

ist, und auf einem kleinen Pulte am Fenster fand ich das Helden-

buch, und in einem Schranke in der Wand eine schöne Sammlung

der neuern Werke, welche die Reste der Poesie des deutschen

Mittelalters enthalten.

An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben:

"Was waren das für gesunde Menschen, welche solcher Natur

gegenüber stark wurden, die uns heutzutage nur rührt und er-

schüttert."

Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohltätigen Ein-

druck auf mich, ich war mir hier als ein besserer Mensch zurück-

gegeben. Ich war dort mit unruhigem Gemüte hinausgesegelt,

und hier setzte mich das Meer geprüft und reich ans Land. Ich

erkannte hier, wieviel Anteil der Mensch an der Natur hat, denn

hier, wo alles näher an mich herantrat, sah ich in den eignen

Busen, und fühlte, wie ich größer geworden war, seit wenigen

Stunden. -

Der Sonnenuntergang zwischen den Felsen und Wäldern, war

eine Zwischenrede der Natur in mein Leben, ich war entzückt,

wie ein Heiliger, die Flammen und Gluten brachten sich so geiste-

risch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und beweglich in der

heftig und rauh gruppierten Wildnis, und das Rauschen des

Rheins stieg so mächtig in der allgemeinen Stille, als höre ich

das Sieden der flammenden Geister um mich her, die in einem

geheimnisvollen feurigen Tanze sich gaukelnd über die dunkeln

Wälder und Schluchten hinschleuderten.

Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht

nach dem andern dem Schatten wich, und fühlte, wie sich zu-

gleich im Ebenmaße mein Gemüt veränderte.

Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach, und es

schien mir als bezeichne ich die Stellen, von denen eine Farbe

des Glanzes geschwunden war, mit Dingen, die mir lieb gewesen,

oder noch waren.

Nun war es ganz ruhig, nur glänzte noch die Pforte, durch die

alle die Flammen hingezogen waren, und auch diese schloß sich

mit der Aussicht - ich dachte an Violetten, und entschloß mich

fest, nicht wieder zu der Gräfin zurückzukehren. - Ich nahm mir

vor, graden Weges von hier zurückzureisen, denn ich schämte

mich meines Verhältnisses mit der leichtsinnigen Frau, sie schien

mir soweit unter mir, und ich konnte nicht begreifen, wie sie

mich verblendet hatte.

Hier rief mich ein Diener aus dem Schlosse zurück, er sagte

mir, daß jemand angekommen sei, der mich sprechen wolle.

Ich ging mit ihm zurück, und fand Violetten; der Gärtner

hatte sie auf ihr dringendes Begehren hierhergeführt.

Sie überraschte mich auf eine unangenehme Art, und der gü-

tige Eindruck der Natur auf mein Gemüt ward durch sie gewalt-

sam unterbrochen.

Als wir allein waren, blieben wir noch lange stumm, bis sie

sich mir mit Tränen näherte, und mich um Verzeihung bat, daß

sie hierherkomme, um meine Freude zu stören - sie müsse mir

Vorwürfe machen, daß ich ihr Hülfe versprochen, und sie noch

tiefer verstrickt habe.

Sie zeigte mir mit geschämiger Umständlichkeit, wie ich so

verderblich für sie mich ihrer Mutter ergeben hätte, wie sie nun

ihre Mutter hassen müsse, die ihr ihren einzigen Freund genom-

men: "Ach", sagte sie, "Sie selbst sind mir ein peinlicher Gedanke,

ich muß immer an Sie denken, und Sie haben mich doch so sehr

gekränkt!"

Ich sprach ruhig mit ihr, und sagte, was ich für wahr hielt,

wie ich das alles empfände und wie ich mich herzlich schämte,

mich so hingegeben zu haben; - doch gestand ich ihr auch of-

fen, wie sie selbst einigen Teil dran habe, obschon in aller Un-

schuld, denn ihre Äußerungen gegen mich hätten so zwischen

kindischer Naivität, Frömmigkeit und Sinnlichkeit geschwankt,

ihre Reden gegen mich hätten am ersten Abende schon eine sol-

che Unbestimmtheit verraten, daß ich oft nicht gezweifelt ha-

be, sie sei eine angehende Kokette, und schon so gut als verlo-

ren.

Violette hörte das alles ruhig an. "Sie haben recht geglaubt",

sagte sie, "hätte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in

jener ersten Unterhaltung, so wäre ich es wohl geblieben, aber

ich erwartete, daß Sie mich lieben würden, und da ich eben dieser

Liebe meine Mutter aus dem Wege rücken wollte, zeigte ich mich

Ihnen in einem unschudligen Gewande, um Ihnen meine Mutter

verhaßt zu machen; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen

Antworten und Fragen nicht erhalten, und Sie wurden, was ich

nicht wollte, nur gerührt: ich fühlte selbst, daß ich, als ich von

meinem Vater und meiner Mutter sprach, mehr sagte, als ein

Kind sagen kann, dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen,

und redete gradeheraus, wie es mir mein Verdruß eingab, ich

war in meinem Leben nicht so wunderbar zerrüttet, als an diesem

Abend, ich fühlte, wie ich so gar nichts tauge, um zu lügen. -

Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt, und ich

stellte mich, als ging ich ungern, um ihr allen Verdacht der Eifer-

sucht zu nehmen - aber wie ist alles geworden? - Es ist wahr,

daß jene Angst in mir war, und ich habe lange gestritten mit

der Andacht, aber das ist nicht mehr - meine Mutter kennt mich

nicht, sie glaubt mich teils schlechter, teils besser, als ich bin. -

Sie haben etwas Fürchterliches in mir hervorgebracht - ich faßte

mich wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott. -

Ich habe die ganze Nacht gebetet und geweint nach jenem Abend

- und als ich Sie am Morgen sah, mußte ich mich meiner und

Ihrer schämen. - Doch ich muß Ihnen noch sagen, Sie sind nicht

zufällig zu uns gekommen, meine Mutter hat Sie aufgesucht -

wir haben Sie auf einem Balle gesehen, und sie entschloß sich

gleich, Sie zu besitzen, und auch ich faßte meine kindischen An-

schläge. - Ich habe in der letzten Zeit Ihren Mißmut bemerkt,

und so sehr es mich schmerzte, daß Sie mir aus dem Wege gingen,

so sehr war es mir lieb, daß Sie über Ihre Lage zu reflektieren

schienen. - Ich fühle, daß ich zugrunde gehen werde - ich fühle,

daß Sie mir helfen können."

Ich breche hier Violettens Worte ab, die sich immer mehr ver-

wirrten - sie konnte bald nicht mehr sprechen, und brach in

bittre Tränen aus.

Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein, als die ihrige,

ich fühlte, daß sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und

einer ernsten Gleichheit reden wollte, der sie, wie jener naiven,

unschuldigen Rolle, nicht gewachsen war, ihr armes verwirrtes

Gemüt, das mit Leidenschaft, Selbstverachtung, und Unschuld,

und Vorsatz stritt - kam endlich zutage.

Dies arme Geschöpf war auf eine traurige Weise in die Höhe

getrieben worden - ich konnte nichts erwidern, denn auch ich

stand sehr unwürdig, ja unwürdiger, als sie, da -

Sie kniete vor mir nieder, und bat mich heftig, sie mitzuneh-

men, oder sie umzubringen, sie wolle mir wie eine Magd dienen,

ich solle sie mißhandeln, aber zu ihrer Mutter könne sie nicht

zurück.

Ich fragte sie, ob ihre Mutter wisse, daß sie hier sei, und erfuhr,

daß ihre Mutter es nicht wisse, daß sie verreist und sie gleich nach

ihrer Abreise hierhergegangen war, um mir alles zu sagen, wie es

ihr Gott in den Mund legen würde.

Ich dachte nun nach, wie ich in der Sache handlen sollte, aber

ich fand keinen Ausweg, immer verirrte ich mich in unnütze Be-

trachtungen, oder ertappte mich auf einer Bequemlichkeit, mich

herauszuziehen.

Währenddem war es ganz dunkel geworden. Violette hatte

sich mir weinend zu Füßen gesetzt, und meine Hand ergriffen,

und wir waren beide in jene dumpfe Sorglosigkeit gefallen, die

einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen Umständen leicht

begleitet.

Ich fuhr auf, denn ich hörte ein Pferd im Hofe ankommen,

ich sah zum Fenster hinab, und es war die Gräfin.

"Violette! Ihre Mutter", sagte ich bestürzt, "wir müssen uns

nicht verraten, Ihr Hiersein wird sie leicht entschuldigen, sein

Sie froh und munter, so gut Sie es können, ich will für Ihr Wohl

denken."

Violette sprang von der Erde auf.

"Gott! Gott!" sagte sie, und ging mit mir ihrer Mutter ent-

gegen.

Diese war, wie immer, leichtfertig und zierlich gemein, sie

scherzte mit Violetten, und freute sich, sie hier zu finden: "Dies

ist dein erster Geniestreich", sagte sie, "und ich hoffe für dich."

Wir brachten den Abend so gut zu, als ich und Violette heuch-

len konnten - der Schloßvogt wies uns einige Stuben zum Schla-

fen an - und wir trennten uns.

Dies war die fürchterlichste Nacht meines Lebens; ich wußte

mir nicht anders zu helfen, als daß ich der Mutter einen Brief

schrieb, in dem ich ihr alles sagte, was ich empfand, und sie drin-

gend bat, ihre Tochter von sich zu entfernen.

An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten, und

ihren Entschluß zum Guten zu befestigen. Dann ging ich hinab,

bezahlte den Schloßvogt, es war drei Uhr des Morgens und ritt

weg.

Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen, ich reiste Tag und

Nacht nach Haus, und war mehr tot, als lebend.

Ich zweifle nicht, daß viele meiner Leser unwillig sein wer-

den, daß ich Violetten verließ, jetzt bin ich selbst unwillig darum,

aber damals war es nicht anders möglich, wenn ich nicht selbst

zugrunde gehen wollte, ich hatte mich zuerst zu retten.

Man soll hier nicht denken, als habe mich mein Leben mit der

Gräfin um seiner selbst willen gereut, nichts weniger, aber ich

fühlte, daß dies freie Leben einen Charakter annehmen wollte,

und darüber erschrak ich.

Die freie Lust ist wohltätig, aber eine gebundne Unbändigkeit,

die mich mit Zügellosigkeit zügelt, ist das verderblichste und alles

Gute geht dadurch zugrunde.

Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien,

der mich aufforderte, ihn zu besuchen, und ich reiste gerne und

gleich ab. -

Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren, die ich in Italien

bis zu meines Vaters Tod zubrachte.

*

Da ich nach Deutschland zurückgekommen war, nahm ich mei-

nen Weg zuerst nach dem Rheine, ehe ich nach meinem Gute

ging. Ich fand eine traurige Veränderung, der französische Re-

volutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet: die

Natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr.

Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schloß der

Gräfin, der Weg war aufgerissen, und rings die Weinberge zer-

stört, das Tor stand offen, wie damals, aber die Torflügel waren

zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket: ich rief nach je-

mand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen:

ich fragte nach der Gräfin.

"Die ist seit anderthalb Jahren tot", war die Antwort, "das

Schloß steht unter der Aufsicht ihrer Schuldner, sie ist mit den

Franzosen herumgezogen, hat alles zugrunde gerichtet, und am

Ende mußte sie auch sterben." -

Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht, ich fragte, ob er

mich wohl heute nacht beherbergen könne, er brachte mich hin-

auf, nach der nämlichen Stube, in der ich den ersten Abend mit

der Gräfin gewesen war.

"Das ist die einzige Stube, an der noch eine Tür ist", sagte er,

"und in Ihrem Mantel können Sie wohl hier auf dem Armsessel

schlafen."

Er stellte mir das Licht hin, und verließ mich.

Wie ein Toter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt,

ging ich in der Stube umher, in der eine fürchterliche abenteuer-

liche Verwüstung herrschte.

Das Brustbild der Gräfin war mit Degenstichen zerfetzt, und

auf eine militärische Art verunreinigt, die Wände waren mit

allerlei abgeschmackten Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden

umher lagen zerrissene Dokumente in Haarwickel verwandelt,

in einem Winkel stand ein Gemälde, das sonst auf der Hausflur

gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um

ein Paar Beinkleider schlugen, alle Möbel waren auf eine mut-

willige Art zerschmettert - ich rückte den Armstuhl in die Mitte,

setzte meine Füße auf mein Felleisen, und versuchte zu schlafen,

aber es war lange umsonst.

Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrak ich, als

ich zwischen meinen Knien ein halb nacktes Mädchen sitzen sah,

das eingeschlafen war. Meine Hände, die ich in meinem Schoß

liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren zusammengebun-

den.

Ich wickelte mich los, stand auf ohne sie zu wecken, und be-

trachtete sie näher, es war Violette - ich warf meinen Mantel

über sie, sie saß auf dem Felleisen, und lehnte den Kopf an das

Kissen des Armstuhls.

Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts

hatte sich verändert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der

Morgen heraufstieg, und es heller wurde, sah ich wieder nach

Violetten, aber sie öffnete ihre großen Augen, schrie laut, und

ich faßte sie in meine Arme, sie war ohnmächtig: ich setzte mich

in den Armstuhl, und hielt sie so, von Herzen umarmt, heiße

Tränen flossen über meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte

um mich, und schlug mich mit schmerzlichen Schlägen.

Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: "Ach

warum verließen Sie mich damals, hatte ich nicht gesagt, ich

würde zugrunde gehen?"

"Ist es denn so, Violette?"

"Ach es ist so, es ist nun alles vorüber."

Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie

Zelt ihrer Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden

Liebe hingegeben, die Mutter war gestorben, Violette war allein

zurückgeblieben, Flametten hatte ein nahe wohnender Förster

zu sich genommen. Das Schloß und die Güter waren durch Krieg

und die Erpressungen der Gräfin selbst zugrunde gegangen.

Violette hatte keine Heimat mehr, der letzte Mann, den sie wirk-

lich liebte, - denn er hatte sie zu sich genommen, und wenigstens

aus Mangel und Not gerettet, - war ein französischer General,

der am Abende vor der Schlacht meistens all sein Vermögen zu

verspielen pflegte, um ohne Testament, und ohne Erben dem To-

de entgegenzugehen.

Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen

seiner Waffenbrüder - "wenn ich tot bleibe", sagte er, "ist sie

dein, und komme ich davon, so gebe ich dir meine zwei Schim-

mel." - Er blieb tot - Violette floh und verbarg sich bei dem

Förster, der Flametten erzog. - Die Armee drang siegend vor-

wärts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich läßt, war

auch sie. -

Der Förster wollte sie nicht länger um sich haben, das Leben

war schwer zu erwerben, und die Bauern haßten alles, was der

Gräfin angehörte, sie war deswegen nachts in das Schloß zurück-

gegangen. -

Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte

ja alle Tore gesprengt, und die Armut und das Elend konnten

aus- und eingehen. Sie war nach der Stube gegangen, in der sie

sonst mit Flametten gewohnt, und dem Kinde das Lied von der

Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber

es war kein Boden mehr darinne, auch waren keine Fenster mehr

in der Stube und keine Tür, der Wind zog traurig durch die

leeren Fensterrahmen, und ging wehklagend durch die wüsten

Gänge des Hauses: sie setzte sich auf den Boden auf ein Stück

Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es

war eine kühle Nacht. - Ach es war das nämliche Holz noch, das

sie mit banger Frömmigkeit sonst unter ihr Kopfkissen gelegt

hatte, um hart zu schlafen, und sich zu kasteien.

Sie dachte an Godwi und erinnerte sich wieder an alle ihr

Elend, und ihr Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz

hatte keine Grenzen mehr, sie lief wie verrückt nach der Stube

ihrer Mutter. - Hier schlief der nämliche Mensch auf einem

Stuhle, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel

und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war

es, er - der sie in alles Elend gestürzt hatte: sie mochte ihn nicht

wecken, setzte sich zu seinen Füßen, und bedeckte seine Hände

mit Tränen und Küssen, - es ergriff sie eine schreckliche Zerrüt-

tung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die Hände. Dann

ließ sich ein guter Geist auf sie nieder, sie drückte Godwis Hände

an ihr zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schönen

Haaren, dann sanken ihre Blicke, und sie entschlummerte zu sei-

nen Füßen.

Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen.

"Liebe Violette, ich kann dich nicht zweimal ermorden", sagte

ich, "gehe mit mir nach Hause, und wohne bei mir, ich will den

Förster und Flametten auch mitnehmen."

Sie begleitete mich zu dem Förster, ich bot ihm meine Dienste

an, er zog gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohn-

ten mehrere Monate ruhig miteinander. Flametta war so gewor-

den, wie meine Leser sie schon kennen, Violette aber ward nicht

wieder froh, aber sie war wie ein Engel, alles Vortreffliche, was

sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte, gab der

Himmel ihr in mildem strahlendem Glanze wieder. Sie ging nicht

von meiner Seite, und als der Frühling wiederkam, reichte ich ihr

meine Hand, und fragte sie, ob sie ewig mein sein wolle. -

Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Lie-

be war es allein - und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht

an meiner Seite, ich suchte sie im ganzen Hause.

Im Garten saß sie zwischen den Blumen und sang:

Ihr hübsch Lavendel Rosmarin,

Ihr vielfarbige Röselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

Ihr krause Basilgen,

Ihr zarten Violen,

Und dich Violette,

Euch wird man bald holen,

Hüte dich schöns Blümelein!

Ich glaubte, sie scherze, und sang: Es ist ein Sämann, der heißt

Liebe.

Aber sie kannte mich nicht mehr. - Bald starb sie - wo sie

jenen Morgen saß, steht jetzt ihr Grabmal.