Joseph von Eichendorff
Robert und Guiscard

 

Als ich dereinst in Heidelberg studierte,

Stand dort ein kleines Haus, duftig umweht

Vom Lindengange, der zum Schloßberg führte,

Ich weiß nicht, ob es jetzt noch droben steht,

Denn viele, viele Jahre sind vergangen,

Seit wir dort unsre ersten Lieder sangen.

Schien hell die Abendsonne durch die Zimmer,

Sah man darin wohl manch verblichne Pracht,

Altmodischen Gerätes gold’gen Schimmer,

Von Porzellanchinesen stumm bewacht,

Die vom Kamine wenn die Uhren pickten,

Mit ihrem Kahlkopf schläfrig dazu nickten.

Ein Gärtchen, wie ein Teppich, lag daneben,

Mit bunten Steinen kunstreich ausgelegt,

Wo Tulp und Nelken Namenszüge weben,

Von Buchsbaum labyrinthisch eingehegt;

Der Lenz von allen Bergen sah verwundert

Auf dieses Stück vom vorigen Jahrhundert.

Dort pflegte oft ein hoher Greis zu ruhen

In seiner Muschelgrotte Einsamkeit,

Die Silberschnallen blitzten von den Schuhen,

Ein Ordensstern von seinem seidnen Kleid,

Doch mächt’ger noch der Blicke düstres Lodern,

Als wollten zu Gericht die Zeit sie fodern.

In fremden Lauten plaudernd aber jagen

Zwei schöne Knaben durch die stille Rund

Wie Frühlingsblüten, die der Wind vertragen,

Und schmerzlich Lächeln spielt um seinen Mund,

Wie sie, obgleich noch selber Sanskulotten,

Als Royalisten sich zum Kampfe rotten.

Auch eine schöne Frau wohl sah man wehen

Mit ihrem Tuch vom Fenster übern Fluß,

Und drüben einen Jäger einsam stehen,

Der in die Lüfte schoß zum Gegengruß

Und aus des Felsgeklüftes grüner Klause

Allabendlich einkehrte in dem Hause.

Und manche Sommernacht nach schwülen Tagen

Sang dort die Frau, das gab so süßen Schall,

Von Heimweh und der Liebe Lust und Klagen,

Und in dem Tale schlug die Nachtigall,

Es blitzte fern, und Wald und Neckar rauschte,

Daß mancher Wandrer stillestand und lauschte.

Öd stehn wohl längst nun Garten, Haus und Bäume,

Doch aus der Ferne tönet noch bis heut

Das Lied verlockend oft durch meine Träume,

Und was vernommen ich seit jener Zeit

Von dieser Bergeinsiedelei Geschichte,

Ward unversehns mir selber zum Gedichte.

Es schien der Wald noch von der Nacht zu träumen,

Kein Lüftchen in der Einsamkeit sich regt,

Nur feuchte Schleier hingen von den Bäumen,

Von unsichtbaren Händen leis bewegt,

Und Nebel ringelten aus allen Schlünden,

Die einen schwülen Sommertag verkünden.

Doch wo die Höhn die Wälder übergipfeln,

Dorthin spornt Robert durchs Gestrüpp sein Roß,

Dahinter zwischen düstern Tannenwipfeln,

Als ob es grollte, seiner Väter Schloß,

Vor ihm im Land, das sich schon golden sonnte,

Paris aufdunkelnd fern am Horizonte,

Wo über Volk und Kön’ge zum Gerichte,

Gleich schwerer Wetter ungewissem Gang,

Sich mahnend rüstete die Weltgeschichte,

Das Alte sterbend mit der Zukunft rang.

Es schnob das Roß, es wittert Morgenlüfte,

Er aber wandt es wieder ins Geklüfte.

Denn ihn verdroß der Vögel lust’ges Singen,

Und daß mit Blumen spielt das Frühlingswehn

Und Quellen plaudernd durch die Wildnis gingen,

Als wäre draußen eben nichts geschehn;

Vor den Gedanken floh er, die ohn Frieden

Durch Berg und Tal nachsetzten dem Todmüden.

Auf einmal hielt der Reiter fast erschrocken

Im Felsengrund, da lag die Welt so weit,

Man hörte nur von fern die Morgenglocken

Und Vogelschall in dieser Einsamkeit.

So hatte, wenn der laute Tag verklungen,

Auch damals hier die Nachtigall gesungen.

Hier war er mit der Mutter oft gegangen,

Ein frommes Kind, bei stillem Abendrot,

Die streichelt, wenn er weinte, ihm die Wangen -

Jetzt war die Mutter lange, lange tot,

Der Vater hatt zu ihm kein rechtes Herze,

Und niemand fragte mehr nach seinem Schmerze.

Da setzt er rasch die Sporen ein, daß Funken

Der Stein von seines Rosses Hufen sprüht,

Die Wälder schauern von der Sonne trunken,

Die blutrot durch die falben Nebel glüht,

Die Köhler grüßten scheu, die Kinder wichen,

Als käm der wilde Jäger hergestrichen.

Nun hört er schon des Gartens Brunnen rauschen,

Da klang ein Lied so wunderfrisch darein,

Daß rings die Vögel schwiegen, um zu lauschen;

Es war Marie, des Gärtners Töchterlein,

Das Tor mit Blumen schmückend a n d er m Reiter,

Als schwebt ein Engel auf der Himmelsleiter.

Sie wandt sich rasch und blickt fast trotzig nieder,

Da sich ihr Hoffen trügerisch erwies.

"Was soll der eitle Blumentand schon wieder?"

"Der junge gnäd’ge Herr kommt von Paris."

"Mein Bruder, heut?" - So schwang er sich vom Rosse,

Sie sang von neuem, und er eilt zum Schlosse.

* * *

Wie rätselhaft mit deinen Lust und Wehen

Liegst du so weit nun, wunderliche Zeit,

Wo um den Springbrunn Marmorbilder stehen,

Die AIoe glänzt, der Pfau vom Kiosk schreit,

Und zwischen labyrinthischen Spalieren

Anmutig Chloe scherzt mit Kavalieren.

So auch zu Clairmont in der Mittagsschwüle

Träumt einst bei der Fontänen Schlummerlied

Der Garten schweigend von der Morgenkühle,

Nur mancher Schmetterling noch gaukelnd zieht,

Wie bunte Blüten, die der Wind verwehte,

Selbst träumrisch über die verträumten Beete.

Und aus des Schlosses offnem Fenster trillert

Die Spieluhr künstlich durch die stille Luft,

Tief unten aber in der Hitze schillert

Die Landschaft in geheimnisvollem Duft,

Als wär das ganze Leben schlummertrunken

Da in ein stilles Zaubermeer versunken.

Am Abhang stand ein Baum und in den Zweigen,

Man unterschieds vor dichtem Laube kaum,

Das Gärtnermädchen, sah Gewitter steigen

Wie Bergeszacken überm Waldessaum,

Und blickt hinaus von ihrem luft’gen Sitze,

Ob nicht ein Reiter fern durchs Kornfeld blitze.

Und sah weitab in einer der Alleen,

Die regelrecht den Tulpenflor durchschnitt,

Den alten Grafen auf und nieder gehen

Im höf’schen Kleid mit abgemeßnem Schritt;

Er sprach mit dem Kaplan von alten Tagen,

Vom Wildpark und dem königlichen Jagen,

Wie da, ein Tressenhütlein auf den Locken,

Hinflog durchs Grün an der Kaskaden Fall

Der junge König hinter Wild und Doggen,

Bis bei des Hifthorns langgezognem Schall

Der Hirsch verlechzte zu der Damen Füßen,

Die vom Balkon den Sieger hold begrüßen;

Wie beim Bankett - hier hielt er plötzlich inne,

Denn Robert trat ins schatt’ge Rebenzelt.

Der Vater maß ihn in mißmüt’gem Sinnen,

Er schaut so fremd in diese stille Welt,

Als hätt er, einer andern Zeit entsprossen,

Ein unbekannt Geschlecht zum Kampfgenossen.

Da hat Marie sich von dem Baum geschwungen,

Er kommt, er kommt! rief jubelnd sie heran,

Sie mußte schrein, das Herz wär ihr zersprungen.

Robert sah streng die Atemlose an,

Und, wie in bösen Blickes Zauberbanne,

Stand sie errötend vor dem finstern Manne.

Im Schlosse aber mit demüt’gem Neigen

Tat schon ein Diener auf des Saales Tür,

Und zwischen der Orangen blühnden Reigen

Eilt von der Marmortrepp ein Offizier,

Guiscard, in blankem Reiterschmuck herunter;

Da wars, als würde alles plötzlich munter.

Die Rose, Tulp und Malve ließ ihr Träumen

Bei der bekannten Stimme heiterm Klang,

Ein leises Grüßen flüstert in den Bäumen,

Der Springbrunn sich vor Freuden höher schwang,

Die Statuen hoben selbst sich auf die Zehen,

Nach ihrem Spielkamraden auszusehen.

Der Vater aber tat den Sohn umschlingen,

Daß von den Locken rings der Puder stob,

Hieß Wein und Obst im Silberaufsatz bringen,

Der funkelnd Strahlen durch das Laubwerk wob,

Dann winkt er rasch die Diener aus dem Garten,

Er konnt den Augenblick kaum mehr erwarten.

"Was macht der König", rief er, "den Gott segne!"

"Er steht allein mit seinem ew’gen Recht",

Erwidert ernst der Sohn, "und der verwegne

Verrat stellt sich nicht offen zum Gefecht,

Bald da bald dort, wohin kein Schwert mag reichen,

Hört man ihn unsichtbar den Thron umschleichen."

"0 daß ich jung nicht mehr, mit dreinzuschlagen!"

"Ich bins, und so wie ich sind überall

Noch viele treu bereit, den Strauß zu wagen,

Dicht Stamm an Stamm ein brüderlicher Wall,

An dem vergebens ihren Gischt verrollen

Die Wogen, oder uns begraben sollen."

"Doch tuts nicht not, ein Haufen Krämer, Schreiber

Schwingt seine schmier’gen Mützen in die Luft,

Voran Gelehrte und ästhet’sche Weiber,

Und jeder schreit und weiß nicht, was er ruft;

Nur drauf! und dieses Don Quixotes Mähre

Sinkt vor der Lanze ritterlicher Ehre."

Hier schenkt der Schloßherr ein vom besten Weine,

Der glüht wie Blut: es galt der alten Zeit.

Robert stieß nicht mit an, er stand alleine

In seines Herzens tiefster Einsamkeit.

Dann fuhr er plötzlich auf beim Gläserklange,

Ein flüchtig Rot durchzuckt die bleiche Wange:

"Vergebens fabelt Ihr von Fraun und Schreibern,

Nein, mit Gedanken heißts zum Kampfe gehn,

Die immerdar aus der Erschlagnen Leibern,

Ein unsichtbarer Heerbann, neu erstehn,

Vom Menschenadel geht durchs Volk ein Ahnen,

Der älter ist als unsre ältsten Ahnen.

Unadlig ists, den Löwen an der Mähne

Zu zupfen, der schmachvoll in Ketten hängt,

Gereizt wird er zur furchtbaren Hyäne,

Die ihre rostzerfreßnen Ringe sprengt

Und alle Leichen auswühlt aller Grüfte,

Daß nicht ihr Pesthauch, was noch lebt, vergifte.

Wollt Ihr die ersten sein, zeigt Euch als solche,

So haben Eure Ahnen einst getan,

Erwürgt der alten Nacht geschwollne Molche,

Brecht selbst den Morgen an und löst den Bann,

Wies Rittern zukommt, der gefangnen Dame,

Die Zukunft ist ihr Reich, Freiheit ihr Name."

Da hielt der alte Clairmont sich nicht länger,

Das halbgeleerte Glas noch in der Hand,

Herüberhorchend immer finstrer, bänger,

Schleudert ers plötzlich in den heißen Sand,

Daß klingend es zerschellt: "So soll verderben,

Wer ungetreu sich selber mag enterben!

Wo Schwerter klirren und Geschicke kreißen,

Brüt nur, brüt über deinem Bücherschrein,

Voltaire, Rousseau und wie sie alle heißen,

Weid Grillen unterdes, Schulmeisterlein,

Und weis den Blitz an mit dem Gänsekiele,

Wen er verschone und wohin er ziele.

Ja, reiß das Wappen von dem Tor nur immer

Und brich das Schloß zusammen über dir,

Und geht der Pflug einst über seine Trümmer,

Geh hin und bettle vor des Bauers Tür

Nur um ein Bröcklein von den Menschenrechten -

O Tor, wer auf Erbarmen hofft von Knechten!"

Die Stimme brach. Als schüttelte die Mähne

Ein wunder Leu, umgarnt im Jagdrevier,

Schritt er, des Zorns sich schämend wie der Träne,

Zum Schlosse, jeder Zoll ein Kavalier.

Dem Robert zitterte durch alle Glieder

Ein Gegenwort, er rangs gewaltsam nieder.

Der Hauptmann aber fühlt des Bruders Wunde;

Der Vater, tröstet er, meins nicht so hart.

Da fiel Robert, als gälts die letzte Stunde,

Ihm um den Hals, ‘s war sonst nicht seine Art:

"Wir meinens alle ehrlich, wer von beiden

Hie recht, wer unrecht hat, mag Gott entscheiden!"

* * *

Schon schliefen alle, Garten, Schloß und Lüfte,

Nur Guiscard und die Nachtigallen nicht,

Er stand am offnen Fenster, Fliederdüfte

Atmet die Nacht herauf im Mondenlicht;

Da wars, als hört er gehn - zu solcher Stunde

Schweift oft Marie - er sang aus Herzensgrunde:

Über Wipfeln und Saaten

In den Glanz hinein -

Wer mag sie erraten,

Wer holte sie ein?

Gedanken sich wiegen,

Die Nacht ist verschwiegen,

Gedanken sind frei!

Es rät es nur eine,

Wer an sie gedacht

Beim Rauschen der Haine,

Wenn niemand mehr wacht

Als die Wolken, die fliegen,

Mein lieb ist veschwiegen

Und schön wie die Nacht.

Das war Marie nicht! - Durch den Hauptgang schreiten

Sah er nur eine dunkele Gestalt,

Drauf um die blühnden Kaktushecken gleiten

Weithin den Schatten nach dem nahen Wald,

Doch eh er sich verwundert noch besonnen,

War in der Nacht Laut und Gestalt zerronnen.

Die Statuen nur da unten wie Gespenster -

Jetzt Rossetritte fern, dann in dem Grund

Rings alles wieder still - er schloß das Fenster,

So seltsam flüsterte die nächt’ge Rund -

Als aber morgens Tal und Höhn entzunden,

War Robert spurlos mit der Nacht verschwunden.

* * *

Es flog damals die Zeit mit wilden Sätzen,

Ein schnaubend Roß in ungemeßnem Lauf,

Und hinter seinem Huf schritt das Entsetzen,

Sprüht Blut empor und schlugen Flammen auf,

Ein bleicher Reiter stand hoch in den Bügeln,

Der Robert wars, er wollt es mächtig zügeln.

Oft packt es ihn, ob nicht vergeblich sänken

Die Lande rings in Brand und Blut und Mord -

Er schauderte zurück, es auszudenken.

Unmöglich! rief er dann, und stürmte fort

Und klammert um so fester mit den Zähnen

Sich in des Rosses rabenschwarze Mähnen.

So eilt er in Paris einst durch die Gassen.

Die Sterne leuchteten in stiller Pracht,

Doch keine Laute mocht sich hören lassen,

Das Volk wogt tosend durch die laue Nacht.

Zu Gand, dem Jugendfreund, auf den er baute,

Drängt er sich durch, da vor dem Lärm ihm graute.

Im Haus, nicht mehr ein Palast wars zu nennen,

Strich durch die offnen Fenster frei der Wind,

Da war treppauf treppab ein wüstes Rennen;

Auf des Parketts kunstreichem Labyrinth,

Das trübe von vergoßnem Weine schimmert,

Lag manches Ahnenbild im Staub zertrümmert.

Vom Saal her schallte rohen Toasts Geschmetter,

Gand aber mit zweischneid’ger Rede Wut

Zerwühlte vom Balkon, wie’n feurig Wetter,

Des wirren Aufruhrs wandelbare Flut,

Dann, da er unten sah die Wogen schwellen,

Wandt er zum Saal sich zu den Zechgesellen.

"Bist rasend du?" rief Robert ihm entgegen,

"Frech aufzuwirbeln zu noch wildrer Hast

Der Flamme Spiel? wer wäre so verwegen,

Vorauszusagen, wen die grimm’ge faßt,

Wenn ihre Loh’n, die nach Vernichtung züngeln,

Ins Unermeßliche empor sich ringeln!"

Da unterbrach ihn Gand mit lautem Lachen:

"Hältst du mich wirklich für so kindisch, mich

So unaussprechlich lächerlich zu machen,

Daß ich mit diesem Volk fein brüderlich

Der eignen Ahnen Galantrieen räche

Und hirnlos selber glaube, was ich spreche?

Meinst du, ich opfre meine vollen Flaschen,

Drück stündlich diesen Kerls die schmier’ge Faust,

Um stündlich meine wieder reinzuwaschen

Von dem plebej’schen Schmutz, vor dem mir graust,

Bloß um die Dame Freiheit zu erspähen,

Die jeder nennt und keiner noch gesehen?

Was kümmert uns der Krämer weis Gegacker!

Das Volk, im Grunde herzlich dumm und faul,

Das sonst uns willig düngt und pflügt den Acker,

Es ist zurzeit ein tollgewordner Gaul,

Wer keck ihn greift und weiß sich draufzuschwingen,

Den trägt er unbewußt zu hohen Dingen.

Auf frischen Ritt denn!" trank der wüste Sprecher,

Doch Robert, der bis jetzt tiefsinnend stand,

Schlug dem Halbtrunknen aus der Hand den Becher

Und stürzte, ehe Gand noch Worte fand

Und eh die andern wußten, was geschehen,

Hinaus, als hätt er ein Gespenst gesehen.

Und stürzte weiter zwischen mondscheinblassen

Palästen, wo kein heitrer Tanz mehr schwirrt,

Bis in die allerfernsten stillen Gassen,

Ein todesmüder Wanderer, verirrt.

Im Trümmerschutt der eigenen Gedanken,

Die wie Phantome hinter ihm versanken.

Da blitzten zornig nieder alle Sterne,

Ihm war, als säh er über Stadt und Fluß

Die junge Freiheit fortziehn in die Ferne

Und hört in Lüften ihren Scheidegruß,

Und zu den Wolken, die vorüberjagen,

Tönt er hinaus der Göttin Schmerz und Klagen:

Weh du Land, das keck mich bannte,

Und da ich zu dir mich wandte,

Mich blödsinnig nicht erkannte;

Wo aus Trümmern nun die blassen

Geister stieren: Stolz und Hassen,

Brüder sich in grimmig fassen.

Habt ihr euch von dem gewendet,

Der barmherzig mich gesendet,

Wird in Schmach die Ehr geendet.

Wer will meinen Banner schwingen,

Muß erst mit dem Teufel ringen,

Der ihn selber halt in Schlingen.

Wer so kühn, um mich zu werben,

Zage nicht, für mich zu sterben,

Um das Himmelreich zu erben.

Lieble nicht, nach andern lugend,

Denn ich bin des Herzens Jugend

Und der Völker strenge Tugend.

Bin die Lebensluft der Höhen,

Wo der Atem mag vergehen

Allen, die zur Tiefe sehen.

Flamme, schlank emporgelodert,

Die in Zornesmut, was modert,

Sengend zu Gerichte lodert.

war ein mächt’ger Wald da droben,

Treulich Stamm in Stamm verwoben,

Mir zum grünen Dom erhoben.

Weh, du feste Burg der Eichen!

Bruderzwist schon, den todbleichen,

Seh ich mit der Mordaxt schleichen.

Und in künft’ gen öden Tagen

Werden nur verworrne Sagen

Um den schönen Wald noch klagen.

Hier tost es plötzlich durch die nächt’gen Klagen,

Die Trommeln wirbeln dumpf, von jedem Turm

Gespensterhaft die alten Glocken schlagen

Und immer näher wälzt sich her der Sturm,

Den da und dort ein Schrei des Volks begrüßte

Wie das Geheul der Schakals in der Wüste.

Von bleichen Rachegeistern schien entstiegen

Ein fremd Geschlecht des Bodens Zauberdampf!

Um das der Fackeln grelle Scheine fliegen -

Der Robert lechzte recht nach offnem Kampf,

Verzweifelt warf er sich an ihre Spitze,

Denn solche Nacht ward nur erhellt durch Blitze.

Und schwellend immer mächt’ger, immer breiter,

Wuchs hinter ihm das wilde Geisterheer,

Es riß der Strom ihn unaufhaltsam weiter

Und rollt sich auf zu einem wüsten Meer,

Des Wogen an des Königsschlosses Hallen

Mit grimmem Zornesmute donnernd prallen.

Das Schloß stand düster, eine Inselfeste,

Darin belagert ward die alte Zeit,

Die Garden dort, geschmückt heut wie zum Feste,

Die treuen, die dem Tode sich geweiht,

Sah man zum Abschied droben sich umarmen,

Denn draußen in der Nacht war kein Erbarmen.

Noch einmal aber jetzt wards still im Dunkeln,

Vom Schloß her nur der Wachen Tritt und Gruß,

Von unten tausend wilder Augen Funkeln,

Da blitzt von unbekannter Hand ein Schuß,

Und des geballten Wetters schweigend Drohen

Entfaltet plötzlich seine roten Lohen.

Gleich einem Panther wand die schlanken Glieder

Ein kecker Bursch am Gittertor hinauf,

Ein zweiter Schuß vom Fenster streckt ihn nieder,

Und über ihn klimmt rasch ein andrer auf,

Ein Hauptmann aber ordnet seine Scharen,

Das Tor mit seinem Herzblut zu bewahren.

Ein Schrei, ein Stoß - da bricht das Tor mit Krachen,

Und auf des unsichtbaren Dämons Wink,

Wie in des sichern Todes offnen Rachen

Springt Robert in des Hofes dunklen Ring:

Noch war Verheißung ja im mut’gen Siegen,

Verloren alles, wenn sie heut erliegen!

Jetzt stürzt sich jener Hauptmann ihm entgegen,

Hei, wie der grause Schnitter Tod da mäht!

Man sieht vor Staub nichts als den Blitz der Degen -

"Den Hauptmann greift lebendig!" riefs - Zu spät!

Schon sank vor Roberts Stahl der kühne Ritter

Und rasend braust das Volk herein durchs Gitter.

 

Ein Windlicht plötzlich streift das wilde Jagen,

Entsetzt starrt Robert da den Toten an,

Den Bruder Guiscard hatte er erschlagen,

Und ehe er sich schauernd noch besann,

Hob siegesjubelnd ihn aus dem Gedränge

Auf ihre Schultern hoch die trunkne Menge.

*

Wer mag den Sturm in seinem Fluge halten?

Schon hatt der Leidenschaften Trauerspiel

Entfesselt die dämonischen Gewalten,

Gleichwie Lawinen, die, fernab vom Ziel

Im Sturze wachsend, von den sonn’gen Höhen

Zum dunklen Abgrund donnernd niedergehen.

Wüst lagen längst der Freiheit grüne Bäume,

Verschüttet war das schöne Paradies,

Zertrümmert soviel jugendliche Träume,

Und durch die Grabesstille von Paris,

Wie Geisterspuk aus unterird’scher Mine,

Hallt nur noch dumpf das Beil der Guillotine.

Da trat bei Nacht hervor aus Clairmonts Heide

Ein Wandrer, wüst, zerlumpt, voll Staub,

Ein Säbel schimmerte an seiner Seite,

Man wußt nicht, ob zur Wehre, ob zum Raub,

Und Zweig und Wind wühlt in den wirren Haaren,

Die, schien es, vor der Zeit ergraut ihm waren.

Die Nacht in ihrem prächt’gen Sterngewande

Sah durch die Wipfel ernst ins Land herein,

Und ferne überm schwarzen Waldesrande

Stieg düsterleuchtend auf manch roter Schein:

Von Schloß zu Schlosse, wie ein feur’ger Drache,

Zog sengend durch die Nacht des Landvolks Rache.

Der Wandrer aber brach durch Zweig und Ranken,

Daß krächzend auffuhr rings der Raben Heer -

Der Robert wars, gleich einem Fieberkranken,

Der konnt nicht hoffen und nicht fürchten mehr

In des zerstörten Lebens Wüsteneien,

Da tot die Braut, um die er wagt zu freien.

Jetzt stand er vor dem Garten, fast betroffen,

Und sah erstaunt das Tor weit aufgetan,

Im Gärtnerhäuschen Tür und Fenster offen;

Er hielt im Gehn den Atem lauschend an

Und schlich’ umschauend’ leise durch die Hecken,

Als scheut er sich, die stumme Nacht zu wecken.

Da lag verwildert rings des Gartens Runde,

Die weißen Statuen nur hielten Wacht,

Das Schloß zu hüten in der bösen Stunde,

Das träumte wohl von der vergangnen Pracht,

Die Spieluhr schluchzte drin mit müden Klängen,

Dann alles wieder still auf Flur und Gängen.

Nur der Fontänen halbverschlafnes Schallen

Sprach wirr, und weitab aus der Einsamkeit,

Wie ehedem, noch schlugen Nachtigallen,

Als wüßten sie nichts von der Menschen Leid,

Von dem die Wälder nächtlich klagend rauschen -

Ihn schaudert, in die Nacht hinauszulauschen.

Denn zwischen den zerrißnen Wolken schweifte

Das Mondenlicht, das durch der Wipfel Wehn

Seltsam die Klüfte, Berg und Täler streifte;

So hatt’ er nie die Gegend noch gesehn,

Als wollte ihres Geisterblickes Grauen

Entsetzliches dem kranken Gast vertrauen.

Auf einmal fuhr er auf in wildem Schrecken:

Ein Fenster öffnet sich im stillen Haus

Und nach dem Wandrer, den die Büsche decken,

Schaut jemand horchend in die Nacht hinaus,

O Grauenbild aus längstversunknen Tagen!

Der Bruder Guiscard wars, den er erschlagen.

Der Mond brach eben durch die Wolkenflüge,

Er blickte schärfer hin, er täuscht sich nicht,

Das waren Guiscards ritterliche Züge,

Nur totenbleich sein schönes Angesicht,

Er starrt zum Mörder her mit furchtbarm Schweigen,

Und schwand, da’s unten raschelt in den Zweigen.

Da stürzte Robert sich, von den Geschossen

Der geisterhaften Augen wildverstört,

Durchs Laub zum Haus; die Türe war verschlossen,

Er rief, ob ihn vielleicht der Tote hört,

Doch nur die Dohlen auf dem Turm erwachen,

Ein Fußtritt endlich sprengt die Tür mit Krachen.

Der weite Bau erdröhnte von dem Schalle,

Drauf plötzlich alles wieder still - und doch,

Am Marmorboden der verlaßnen Halle

Lag eine Fackel dort und brannte noch,

Und warf rings durch den Ahnensaal so wilde

Glutscheine über Harnisch, Wand und Schilde.

Wie ein Nachtwandler graunvoll über Dächer,

Die Fackel in der Hand, treppab, treppauf,

Schritt Robert nun durch Gänge und Gemächer.

Die Fackel sprüht und ließ beim hast’gen Lauf

Den Widerschein in jeden Winkel gleiten;

Da stand noch alles wie in alten Zeiten.

Die Wanduhr pickt, es glänzt das Jagdgepränge,

Doch kein Lebend’ger atmet in der Pracht,

Er hörte in dem Labyrinth der Gänge

Nichts als den leisen Widerhall der Nacht,

Als käme hinter ihm auf allen Tritten

Heimlich ein andrer unsichtbar geschritten.

Und draußen regen sich beim Lied der Rüstern

Die Marmorbilder in der Einsamkeit,

Von Brudermorde schien es rings zu flüstern,

Zuweilen nur erschallt vom Walde weit

Ein wilder Ruf herüber aus der Tiefe,

Als ob die wunderbare Nacht ihn riefe.

Da überwältigt ihn das Grauen - schweigend,

Verfolgt vom eignen Schatten an der Wand,

Von Stock zu Stockwerk hastig niedersteigend,

Steckt mit der Fackel er das Haus in Brand,

Den Prunk, die Schlachtenbilder der Tapeten,

Die wie im Wahnsinn ihm den Weg vertreten.

Und lustig hat der Zugwind, der durchs ganze

Gemäuer streicht, die schlanken Loh’n gefaßt,

Die Feuergeister wirbeln auf zum Tanze

Und wehn und klettern in geschäft’ger Hast,

Bis sie den dunklen Zinnenkranz erringen

Und von dem Dach die rote Fahne schwingen.

Jetzt hört er Stimmen schon und Waffen klingen,

Und immer lauter, näher durch den Wald

Des räuberischen Landvolks Rotte dringen,

Schon lugt durchs Laub manch lauernde Gestalt,

Er hörte, wie sie unten widrig lachten

Und ihn durchzuckt ein tödliches Verachten.

So eilt er nieder von den Marmorstufen,

Rings von den Lohen schauerlich umlaubt,

Dem ersten, der am Tor ihn angerufen,

Wirft er die Fackel an das freche Haupt

Und stürzt sich rasend mit gezognem Degen

In die Gespensternacht dem Volk entgegen.

Und in der Flammenwogen furchtbarn Helle,

Verhüllend mit dem Mantel sein Gesicht,

Sinkt er getroffen auf des Hauses Schwelle,

Das prasselnd über ihm zusammenbricht,

Und überm Toten, statt der Grabgesänge,

Erschallt ein Jauchzen aus der wüsten Menge.

*

Wohl lüftet oft die Nacht, wenn alle schweigen,

Den Schleier, hinter dem die Träume stehn

Und fremde Schatten auf und nieder steigen,

Gefährlich ists, ihr Aug in Aug zu sehn.

So war die Nacht, die Roberts Sinne neckte,

Denn Guiscard lebt, deß Geisterblick ihn schreckte.

Da um das Königsschloß sie damals rangen,

Sank er und wußte nicht von wessen Hand,

Fort über ihn war wild der Kampf gegangen,

Sein Auge dämmert, die Erinnerung schwand,

Doch nicht bis in das Herzblut schnitt die Wunde,

Verhüllt nur milde ihm die Schmach der Stunde.

Gleichwie ein Bergmann, der aus dunklem Grunde,

Wohin nur wirr der Laut desLebens fällt,

Ans heitre Tageslicht emporgewunden,

Schaut Guiscard wieder nun die fremde Welt;

Er wußte nicht, wo er so lang gewesen,

Und fühlt vom Licht sich wunderbar genesen.

Erstaunt blickt er umher nach allen Seiten,

Ein ärmlich Stübchen war sein Krankensaal,

Durchs kleine Fenster über Holzrat gleiten

Sah er der Abendsonne letzten Strahl,

Der draußen niedre Dächer müd beglänzte.

Die Vorstadt wars, wo schon der Wald sie kränzte.

Ein bärt’ger Mann, entblößt die nerv’gen Arme,

Stählt Waffen dort am ruß’gen Herd und schürt

Den Brand, umsprüht vom grellen Funkenschwarme,

Und wendet sich, da Guiscard leis sich rührt -

Der fährt empor: Es sind die wilden Mienen,

Die ihm im Fiebertraume oft erschienen.

"Wo ist der König?" frug er rasch. - "Erschlagen,

Doch was scherts uns! das hat mehr keine Not,

Ja, Bürger Robert, ja in jenen Tagen,

Als man uns armes Wild gehetzt zu Tod,

Zerhiebt den Jägern Ihr des Garnes Maschen,

Habt brav mit Blut den Grafen abgewaschen."

Dem Guiscard wars, als läg er noch im Traume:

"Wahnsinn’ger Irrtum! Ich?" - Da sah der Mann

Ihn unter dichter Brauen düsterm Saume

Mit Basiliskenblick durchdringend an,

Dann stürmt er aus der Tür, als sollt sie brechen,

Er hört ihn noch im Hausflur heftig sprechen.

So kam die Nacht, tiefdunkle Wolken strichen

Wie Drachenleiber hin in trägem Zug,

Kein Laut, nur Marder, die nach Raube schlichen,

Und wirrer Fledermäuse Geisterflug;

Ein’ jener Nächte, wo der Mensch verloren,

Und Haß und Mord im Finstern wird geboren.

Auf einmal klangs von fern wie Männerschritte,

Und näher, immer näher kams heran:

Geheimnisvolles Flüstern, leise Tritte,

Ein Hund beim Nachbar schlug erwachend an,

Und wild’ Gesichter durch die Scheiben schielten,

Als ob Gespenster draußen Wache hielten.

Da öffnet sich die Hintertüre, und verstohlen,

Unhörbar schlüpft ein junger Bursch herein:

"Wir sind verraten! hier nehmt die Pistolen,

Zwei Kugeln reichen hin, uns zu befrein,

Für jenes Jakobiners Brust die eine,

Die andre, wenn ich treulos, für die meine.

Drauf zog und drängt er in lautloser Eile

Zur selben Tür ihn in die Nacht hinaus,

Als ob der Tod in dieser Höhle weile,

Ein Garten wüst umwildert dort das Haus,

Hier hieß der Bursch ihn hinterm Dickicht warten,

Denn rauhe Stimmen nahten durch den Garten.

Und näher bald sieht ers durchs Unkraut waten,

Jetzt lauernd halten sie den Atem an,

Ein Trupp republikanischer Soldaten,

Sein düstrer Wirt, der Waffenschmied, voran,

Der Bursch aus dem Versteck springt ihm entgegen:

"Nur schnell, nur schnell! daß wir das Wild umhegen.

So falsches Wort brannt tief in Guiscards Herzen.

Er folgt mit scharfem Blick des Burschen Lauf,

Der aber führt die Männer unter Scherzen

Vorbei zum Hause, reißt die Türe auf,

Und wie sie alle durch die Pforte brausen,

Schließt er sie hinter ihnen rasch von außen.

Als er sich wieder wandte, mußt er lachen,

Da Guiscard aus dem Dunkel nach ihm zielt.

"Laßt nur", rief er, "die werden Augen machen!

Jetzt aber fort! Der Grund ist unterwühlt,

Der Tod ist ein gar hurtiger Geselle,

Wir müssen weit sein, eh es wieder helle."

So führt er rasch hinaus ihn, wo gewunden

An Busch und Wiesen hin die Seine zieht,

Ein Fischernachen lag dort angebunden,

Sich träumerisch schaukelnd zwischen dunklem Ried,

Der Führer löste ungesäumt die Bande

Und leise stießen sie vom stillen Lande.

Der flinke Bursch am Steuer rudert munter

Und sprach kein Wort, tief in der Stirn den Hut,

So flogen pfeilschnell sie den Strom hinunter,

Manchmal nur wirbelt rauschend auf die Flut.

Das Schilf am Ufer, wie verschlafen, flüstert,

Der Knabe stutzt, wenns in den Zweigen knistert.

"Was rötet dort sich fern? kannst dus erkennen?"

"Ei, Schlösser sinds." - "Was war das für ein Schrei?"

"Die Bauern sind es, die sie niederbrennen,

Um Gottes willen still, bald ists vorbei." -

Und wieder weiter gehts in tiefem Schweigen

Und immer höher rings die Feuer steigen.

Da plötzlich, wo die schwarzen Tannen dunkeln,

Lenkt er das Schifflein an des Ufers Sand,

Durchs Dickicht spähend seine Augen funkeln,

Dann reicht dem Guiscard er die treue Hand,

Stößt hinter ihnen mit behendem Tritte

Den Nachen rückwärts in des Stromes Mitte.

Das war ein Waldkranz, Ast in Ast verschlungen,

Den nur das Wild bei stiller Nacht betrat,

Wo selten Menschenstimmen noch erklungen,

Erobern mußten sie den rauhen Pfad

Sich Schritt um Schritt, und wie sie rastlos wandern,

Sieht in dem Schatten einer kaum den andern.

Jetzt standen sie an einem Bergesrande,

Weit unermeßlich Schweigen ringsumher,

Tief unten rätselhaft die stillen Lande.

Der Bursch eratmend sprach: "Ich kann nicht mehr,

Auf diesem Fels kann uns kein Feind ereilen,

Hier laßt uns rastend nur ein Stündchen weilen."

Sie setzten sich am Abhang hin, doch schlummertrunken

War bald,wie er auch rang, im feuchten Moos

Der wandermüde Knabe umgesunken,

Halb auf den Rasen, halb auf Guiscards Schoß.

Unsichtbar rauschten Quellen von der Höhe

Und seitwärts am Gelände grasten Rehe.

Da hörte Guiscard fernher Hähne krähen,

Schon eine Lerche sang hoch in der Luft,

Und durch die Wipfel ging ein frisches Wehen.

"Wo sind wir?" rief er staunend, da im Duft

Allmählich nun mit Feldern, Dörfern, Bäumen

Die Gegend dämmernd aufstieg wie aus Träumen.

Der Bursch erwacht bei den bekannten Lauten,

Da streift durchs Laub das erste Morgenlicht

Die Augen ihm, die halbverträumt aufschauten.

Jetzt kennt Guiscard das liebe Angesicht,

Er ist Marie, der Hut war ihr entfallen,

Daß aufgerollt die Locken sie umwallen.

Da sprang empor sie plötzlich ganz erschrocken,

Band schweigend unterm Hute wieder auf

In Eile die verräterischen Locken

Und wies nach eines Stegs verlornem Lauf;

Schloß Clairmont sah er unten schimmernd stehen,

Sie aber war verschwunden mit den Rehen.

*

Eh aber alles das sich zugetragen,

Sah man Marie, die Haus und Blumen ließ,

Daheim nach Kunde jeden Wandrer fragen,

Und als nun immer wilder in Paris

Aufwirbelten des blut’gen Aufruhrs Lohen,

War plötzlich sie aus Schloß und Wald entflohen.

Und in Paris drauf war sie eingezogen

In Knabentracht mit einem wüsten Troß,

Die Trommeln rasten und die Fahnen flogen

Im Sturme um das königliche Schloß,

Der Waffenschmied voran, ihr trotz’ger Vetter,

Stürzt mitten sie ins Graun der dunklen Wetter.

Sie aber sucht nur e i n e s Sternes Blinken

Im Wogenbranden dieser furchtbarn Nacht.

Zu spät! Getroffen sieht sie Guiscard sinken,

Sie springt hinzu - im Kampfe unbewacht,

Reißt sie vom Leib ihm Rock und Ehrenzeichen,

Bedeckt mit schlichtem Mantel den Todbleichen.

Und wie sie alle nun vorüberrauschen,

Kniet sie und betet still aus Herzensgrund

Und blickt umher und neigt mit bangem Lauschen

Sich über des Gefallnen stummen Mund.

Sie fühlt noch Atem wehn, 0 freudig Zagen!

An ihrem Herzen noch das seine schlagen.

"Hierher, hierher!" ruft sie, "hier liegt verwundet

Der Tapferste aus unsrer Bürgerschar,

Es siecht die Tyrannei, wenn er gesundet!

Sie wußtens wohl da drüben, wer er war,

Daß sie zuerst den Besten niedermähten,

Helft mir ihn bergen, eh sie ihn zertreten!"!

Da ließen mehre ab vom wüsten Jagen,

Aus dem Getümmel auf Maries Geheiß

Ward zu des Vetters Haus er fortgetragen,

Dort pflegt sie seiner mit getreuem Fleiß;

Im Fieber, da die Wunden heißer brennen,

Spricht von Marie er, ohne sie zu kennen.

Und als der Schmied heimkehrt in später Stunde,

Von Blute rauchend noch, zu kurzer Rast,

Mißt er mit strengem Blick sie und den Wunden:

"Du müßig hier? wer ist der fremde Gast?"

"Sein Name ist schon oft Euch hell erklungen,

Graf Robert ists, der für das Volk gerungen. "

*

Den Robert hatt auf Clairmonts Schloß die Kunde

Längst totgesagt, doch niemand kannt sein Grab.

Guiscard macht rastlos um das Schloß die Runde,

Der alte Graf späht weit ins Tal hinab,

Zur Reise wird gerüstet in der Halle,

Gesattelt stampfen schon die Ross’ im Staue.

Und als die letzten Abendlichter schwanden,

Da waren überm Land, das still versank,

Die Feuer draußen wieder aufgestanden,

Und enger schon der feur’ge Ring sich schlang.

Das war der Freiheit düstre Leichenfeier.

Die Nacht schwebt drüber wie ein ries’ger Geier.

"Und keiner hat seitdem Marie gesehen?"

Fragt da der Graf; die Diener schwiegen all,

Und wieder blieb der Graf am Fenster stehen,

"Das arme Kind!" - Da rötet sich der Wall,

Oho! so nah schon rückt der tolle Reigen?

Das gilt dem Nachbar, wie die Flammen steigen!"

Indes tritt Guiscard rasch nach langem Suchen

Auf den Balkon heraus, der weithin schaut,

Es flüstern von Verrat die alten Buchen,

Die Uhr von Turme mahnt mit dumpfem Laut,

Noch einmal schweift sein Blick ins Grau verloren,

Als wollte er die stumme Nacht durchbohren.

Da hört er plötzlich leichte Tritte drinnen,

Die Marmortreppe kommt es schnell herauf,

Er fährt empor aus seinem düstern Sinnen,

Die Glastür hinter ihm fliegt hastig auf -

"Meine Marie! kaum wagt ichs noch zu hoffen!"

Sie stutzt und stand verwirrt, betroffen.

Den alten gnäd’gen Herrn nur wollt ich sprechen -

Doch drängt die Zeit, traut nicht der falschen Nacht,

Die wilden Bauern, die die Schlüsser brechen,

Sie haben sich nach Clairmont aufgemacht,

Seht, wie die Wolken übern Garten eilen,

Der Tod ereilt sonst alle, die da weilen!"

Guiscard lauscht still der Stimme süßem Klange,

Vernimmt kaum, was die Atemlose spricht,

Ihr Herz klopft hörbar von dem raschen Gange,

Und unten zauberte das Mondenlicht

Und schlugen fern die Nachtigallen wieder

Und haucht, wie ehedem, herauf der Flieder.

"So komm!" rief er. Des Mädchens Wangen glühten:

"Ich zieh nicht mit, mir werden sie nichts tun,

Ich will indes hier Schloß und Garten hüten

Und für Euch beten, wenn die Wälder ruhn

Und Busch und Springbrunn in den Einsamkeiten

Mir nachts erzählen von den alten Zeiten.

Und morgens früh hab ich den Berg bestiegen,

Wenn alles rings noch schläft im tiefen Tal,

Und grüß die Wolken, die nach Deutschland fliegen,

Und denk an Euch viel tausend, tausendmal,

Und kehrt Ihr einst zurück nach vielen Jahren,

Fragt Ihr: Wer ist das Weib mit grauen Haaren?

Doch ich seh Eure Kinder an und zähle

Die roten Mündlein all und küß sie drauf" -

"Herzlieb !" rief Guiscard da aus Grund der Seele,

Sie horcht erschrocken bei dem Klange auf -

"Nein, nein, belügt mich nicht, um Gottes willen!"

Er schaut ins Auge ihr, sie weint im stillen.

Da hob er sie empor in seinen Armen:

"Jetzt laß hinaus uns in die Fremde gehn!"

So selig mocht sie lange nicht erwarmen,

Sie schwieg und wußte nicht, wie ihr geschehn.

Und ihre Locken sein Gesicht umwallen,

So trägt er rasch sie in des Saales Hallen.

Dort ließ er vor des Vaters Sitz sie nieder:

"Hier bring ich sie, mein Lieb, nein, meine Braut!"

Umschlossen hielt er noch die zarten Glieder;

Der Vater richtet hoch sich auf und schaut

Ihn strenge an, als wollt er ihn durchdringen,

Drauf, schweigend,schien er mit sich selbst zu ringen.

Es war ein bang verhängnisvolles Schweigen,

Wie wenn von ferne auf die stillen Höhn,

Das Land verdunkelnd, Ungewitter steigen

Und unten, ungewiß, wohin sie gehn,

Die Waldeswipfel flüsternd kaum sich regen -

Es barg der Augenblick Fluch oder Segen.

"Ich hoff, du frevelst nicht in solchen Stunden",

Sagt endlich ernst der Graf, "was sonst uns lieb,

Ruhm, Glanz und Reichtum ist dahingeschwunden,

Verloren alles, nur die Ehre blieb;

Du hast vor Gott dein Herz ihr zugesprochen,

Es hat kein Clairmont noch sein Wort gebrochen.

Es wird die Welt fortan nach uns nicht fragen,

So frag auch du fortan nicht, was sie spricht,

Schütz sie, die dich geschützt in blut’gen Tagen!

So tretet her: vor Gottes Angesicht

Füg ich hier ineinander eure Hände,

Bleibt treu, ob alles auch sich treulos wende."

"Unmöglich", rief sie, konnte mehr nicht sagen

Vor Staunen, Lust und Weh, sie atmet kaum,

Die Augen schienen zagend noch zu fragen,

Ob nicht das alles nur ein falscher Traum,

Da sie als Tochter nun der Graf begrüßte

Und segnend auf die klare Stirn sie küßte.

Dann sank er auf die Knie, es drängt die Stunde,

Und neben ihm stillsinnend kniet Marie,

Er aber betete aus Herzensgrunde:

"Vergib dem Robert,wie ich ihm verzieh,

Die Kinder schütz, die heut mir neugeboren,

Und segne Frankreich, Herr, das ich verloren!"

"Fort, fort!" rief Guiscard jetzt vom offnen Fenster,

"Schon dringen Lichter durch den Wald heran,

Als zaubert aus dem Moor die Nacht Gespenster,

Und durch den Garten schleicht ein fremder Mann." -

Er ahnte nicht, daß, der da draußen lauert,

Der Bruder war, den sie als tot betrauert.

Da sprang Marie auf, wie aus Träumen

Ein Waldvöglein, wenn früh der Tag anbricht,

Rief schnell die Diener, ließ die Pferde zäumen,

Half überall, und trieb und merkte nicht,

Wie rings die Wipfel sie so traurig grüßten,

Als ob sie alle von dem Scheiden wüßten.

Den Guiscard aber faßten tiefe Schauer,

Wie so herauf mondbleich der Garten sieht,

Ihn rührt geheimnisvoll die wilde Trauer,

Der Heimatswälder wunderbares Lied,

Die irre von vergangnen Tagen sprechen;

Er wandt sich rasch, es wollt das Herz ihm brechen.

Und Tritt und Stimmen leise nun verhallten

Wie Geisterwehen in dem öden Haus,

Zu Rosse stiegen schweigende Gestalten,

Auf schlankem Zelter hoch die Braut voraus;

So zogen lautlos sie zum letzten Male

Durchs alte Burgtor in die stillen Tale.

Der Wald nur grüßt, wo sie voruberflohen,

Kein Wort die feierliche Stille brach,

Und übern Wald her leuchteten die Lohen

Des Schlosses weit den Heimatlosen nach,

Wie ein Vulkan, mit dessen letzten Funken,

Was hinter ihnen lag, spurlos versunken.

Am Himmel aber blinkts wie Hochzeitskerzen,

Die Erde strahlt im Brautkleid silberrein,

Marie, gedankenvoll,sang still im Herzen

Und weint und konnte doch nicht traurig sein.

Die Nachtigallen, da kein Mensch mehr wachte,

Verstandens wohl und sagten, was sie dachte.

*

Seitdem war mancher Reisetag vergangen,

Schon blitzt von fern des Rheines Silberband,

Wohin der Heimat Laute nicht mehr langen,

Und abendlich färbt sich das fremde Land,

Als in geheimnisvoller Berge Mitten

Durch Waldesnacht die Wandermüden ritten.

Doch da sie jetzt um einen Fels sich wandten,

Tats plötzlich einen wunderbaren Schein:

Kirchtürme, Fluren, Fels und Wipfel brannten,

Und weit ins farbentrunkne Land hinein

Schlang sich ein Feuerstrom mit Funkensprühen,

Als sollt die Welt in Himmelsloh’n verglühen.

Geblendet sahen zwischen Rebenhügeln

Sie eine Stadt, von Blüten wie verschneit,

Im klaren Strome träumerisch sich spiegeln,

Aus lichtdurchblitzter Waldeseinsamkeit

Hoch über Fluß und Stadt und Weilern

Die Trümmer eines alten Schlosses pfeilern.

Und wie sie an das Tor der Stadt gelangen,

Die Brunnen rauschend in den Gassen gehn,

Und Hirten von den Bergen sangen,

Und fröhliche Gesell’n beim duft’gen Wehn

Der Gärten rings in wunderlichen Trachten

Vor ihrer Liebsten Türen Ständchen brachten.

Der Wald indes rauscht von uralten Sagen,

Und von des Schlosses Zinnen überm Fluß,

Die wie aus andrer Zeit herüberragen,

Spricht abendlich der Burggeist seinen Gruß,

Die Stadt gesegnend seit viel hundert Jahren

Und Schiff und Schiffer, die vorüberfahren.

In dieses Märchens Bann verzaubert stehen

Die Wandrer still. - Zieh weiter, wer da kann!

So hatten sies in Träumen wohl gesehen,

Und jeden blickts wie seine Heimat an,

Und keinem hat der Zauber noch gelogen -

Denn Heidelberg wars, wo sie eingezogen.

*

Das war das kleine Haus am Neckarstrande,

Der Greis in seiner Träume Zauberring,

Der Jägersmann, der in die duft’gen Lande

Allabendlich den Feissteig niederging,

Das war die schöne Frau mit ihrem Liede,

Das war des stillen Gärtchens sel’ger Friede.

Und saßen dort sie so beim Waldesrauschen,

Das nimmer weiß von der Welteitelkeit,

Mit keinem Kön’ge mochten sie da tauschen

In dieser abendstillen Einsamkeit. -

So wolle Gott all Wirrsal mild entwirren

Und gnädig richten, die da menschlich irren!