Joseph Freiherr von Eichendorff
Das Schloß Dürande

 

In der schönen Provence liegt ein Tal zwischen waldigen Ber-

gen, die Trümmer des alten Schlosses Dürande sehen über die

Wipfel in die Einsamkeit herein; von der anderen Seite erblickt

man weit unten die Türme der Stadt Marseille; wenn die Luft

von Mittag kommt, klingen bei klarem Wetter die Glocken her-

über, sonst hört man nichts von der Welt. In diesem Tale stand

ehemals ein kleines Jägerhaus, man sahs vor Blüten kaum, so

überwaldet wars und weinumrankt bis an das Hirschgeweih über

dem Eingang: in stillen Nächten, wenn der Mond hell schien,

kam das Wild oft weidend bis auf die Waldeswiese vor der Tür.

Dort wohnte dazumal der Jäger Renald, im Dienste des alten

Grafen Dürande, mit seiner jungen Schwester Gabriele ganz al-

lein, denn Vater und Mutter waren lange gestorben.

In jener Zeit nun geschah es, daß Renald einmal an einem

schwülen Sommerabend, rasch von den Bergen kommend, sich

nicht weit von dem Jägerhaus mit seiner Flinte an den Saum des

Waldes stellte. Der Mond beglänzte die Wälder, es war so un-

ermeßlich still, nur die Nachtigallen schlugen tiefer im Tal,

manchmal hörte man einen Hund bellen aus den Dörfern oder

den Schrei des Wildes im Walde. Aber er achtete nicht darauf,

er hatte heut ein ganz anderes Wild auf dem Korn. Ein junger

fremder Mann, so hieß es, schleiche abends heimlich zu seiner

Schwester, wenn er selber weit im Forst; ein alter Jäger hatte

es ihm gestern vertraut, der wußte es vom Waldhüter, dem hatte

es ein Köhler gesagt. Es war ihm ganz unglaublich, wie sollte sie

zu der Bekanntschaft gelangt sein? Sie kam nur sonntags in die

Kirche, wo er sie niemals aus den Augen verlor. Und doch

wurmte ihn das Gerede, er konnte sichs nicht aus dem Sinn schla-

gen, er wollte endlich Gewißheit haben. Denn der Vater hatte

sterbend ihm das Mädchen auf die Seele gebunden, er hätte sein

Herzblut gegeben für sie.

So drückte er sich lauernd an die Bäume im wechselnden

Schatten, den die vorüberfliegenden Wolken über den stillen

Grund warfen. Auf einmal aber hielt er den Atem an, es regte

sich am Hause, und zwischen den Weinranken schlüpfte eine

schlanke Gestalt hervor; er erkannte sogleich seine Schwester an

dem leichten Gang; 0 mein Gott, dachte er, wenn alles nicht

wahr wäre! Aber in demselben Augenblick streckte sich ein lan-

ger dunkler Schatten neben ihr über den mondbeschienenen Ra-

sen, ein hoher Mann trat rasch aus dem Hause, dicht in einen

schlechten grünen Mantel gewickelt, wie ein Jäger. Er konnte

ihn nicht erkennen, auch sein Gang war ihm durchaus fremd; es

flimmerte ihm vor den Augen, als könnte er sich in einem schwe-

ren Traume noch nicht recht besinnen.

Das Mädchen aber, ohne sich umzusehen, sang mit fröhlicher

Stimme, daß es dem Renald wie ein Messer durchs Herz ging:

Ein’ Gems auf dem Stein,

Ein Vogel im Flug,

Ein Mädel, das klug,

Kein Bursch holt die ein!

"Bist du toll!" rief der Fremde, rasch hinzuspringend.

"Es ist dir schon recht", entgegnete sie lachend, "so werd ich

dirs immer machen; wenn du nicht artig bist, sing ich aus Her-

zensgrund." Sie wollte von neuem singen, er hielt ihr aber voll

Angst mit der Hand den Mund zu. Da sie so nahe vor ihm

stand, betrachtete sie ihn ernsthaft im Mondschein. "Du hast

eigentlich recht falsche Augen", sagte sie; "nein, bitte mich nicht

wieder so schön, sonst sehen wir uns niemals wieder, und das

tut uns beiden leid. Herr Jesus!" schrie sie auf einmal, denn

sie sah plötzlich den Bruder hinterm Baum nach dem Fremden

zielen. - Da, ohne sich zu besinnen, warf sie sich hastig da-

zwischen, so daß sie, den Fremden umklammernd, ihn ganz mit

ihrem Leibe bedeckte. Renald zuckte, da ers sah, aber es war zu

spät, der Schuß fiel, daß es tief durch die Nacht widerhallte.

Der Unbekannte richtete sich in dieser Verwirrung hoch empor,

als wär er plötzlich größer geworden, und riß zornig ein Ta-

schenpistol aus dem Mantel; da kam ihm auf einmal das Mäd-

chen so bleich vor, er wußte nicht, war es vom Mondlicht oder

vom Schreck. "Um Gottes willen", sagte er, "bist du getrof-

fen?"

"Nein, nein", erwiderte Gabriele, ihm unversehens und herz-

haft das Pistol aus der Hand windend, und drängte ihn heftig

fort. "Dorthin", flüsterte sie, "rechts über den Steg am Fels, nur

fort, schnell fort!"

Der Fremde war schon zwischen den Bäumen verschwunden,

als Renald zu ihr trat. "Was machst du da für dummes Zeug!"

rief sie ihm entgegen und verbarg rasch Arm und Pistol unter

der Schürze. Aber die Stimme versagte ihr, als er nun dicht vor

ihr stand und sie sein bleiches Gesicht bemerkte. Er zitterte am

ganzen Leibe, und auf seiner Stirn zuckte es zuweilen, wie wenn

es von fern blitzte. Da gewahrte er plötzlich einen blutigen

Streif an ihrem Kleide. "Du bist verwundet", sagte er erschrok-

ken, und doch wars, als würde ihm wohler beim Anblick des

Bluts; er wurde sichtbar milder und führte sie schweigend in das

Haus. Dort pinkte er schnell Licht an, es fand sich, daß die Ku-

gel ihr nur leicht den rechten Arm gestreift; er trocknete und

verband die Wunde, sie sprachen beide kein Wort miteinander.

Gabriele hielt den Arm fest hin und sah trotzig vor sich nieder,

denn sie konnte gar nicht begreifen, warum er böse sei; sie fühlte

sich so rein von aller Schuld, nur die Stille jetzt unter ihnen

wollte ihr das Herz abdrücken und sie atmete tief auf, als er

endlich fragte: wer es gewesen? - Sie beteuerte nun, daß sie

das nicht wisse, und erzählte, wie er an einem schönen Sonntag-

abend, als sie eben allein vor der Tür gesessen, zum ersten Male

von den Bergen gekommen und sich zu ihr gesetzt, und dann am

folgenden Abend wieder und immer wieder gekommen, und

wenn sie ihn fragte, wer er sei, nur lachend gesagt: ihr Liebster.

Unterdes hatte Renald unruhig ein Tuch aufgehoben und das

Pistol entdeckt, das sie darunter verborgen hatte. Er erschrak

auf das heftigste und betrachtete es dann aufmerksam von allen

Seiten. "Was hast du damit?" sagte sie erstaunt; "wem gehört

es?"Da hielt ers ihr plötzlich funkelnd am Licht vor die Augen:

"Und du kennst ihn wahrhaftig nicht?"

Sie schüttelte mit dem Kopf.

"Ich beschwöre dich bei allen Heiligen", hob er wieder an,

"sag mir die Wahrheit."

Da wandte sie sich auf die andere Seite. "Du bist heute ra-

send", erwiderte sie, "ich will dir gar keine Antwort mehr ge-

ben."

Das schien ihm das Herz leichter zu machen, daß sie ihren

Liebsten nicht kannte, er glaubte es ihr, denn sie hatte ihn noch

niemals belogen. Er ging nun einige Male finster in der Stube

auf und nieder. "Gut, gut", sagte er dann, "meine arme Gabriele,

so mußt du gleich morgen zu unserer Muhme ins Kloster; mach

dich zurecht, morgen, ehe der Tag graut, führ ich dich hin."

Gabriele erschrak innerlichst, aber sie schwieg und dachte: kommt

Tag, kommt Rat. Renald aber steckte das Pistol zu sich und sah

noch einmal nach ihrer Wunde, dann küßte er sie noch herzlich

zur guten Nacht.

Als sie endlich allein in ihrer Schlafkammer war, setzte sie sich

angekleidet aufs Bett und versank in ein tiefes Nachsinnen. Der

Mond schien durchs offene Fenster auf die Heiligenbilder an

der Wand, im stillen Gärtchen draußen zitterten die Blätter in

den Bäumen. Sie wand ihre Haarflechten auf, daß ihr die Locken

über Gesicht und Achseln herabrollten, und dachte vergeblich

nach, wen ihr Bruder eigentlich im Sinn habe und warum er vor

dem Pistol so sehr erschrocken - es war ihr alles wie im Traume.

Da kam es ihr ein paarmal vor, als ginge draußen jemand sachte

ums Haus. Sie lauschte am Fenster, der Hund im Hofe schlug

an, dann war alles wieder still. Jetzt bemerkte sie erst, daß

auch ihr Bruder noch wach war; anfangs glaubte sie, er rede im

Schlaf, dann aber hörte sie deutlich, wie er auf seinem Bett vor

Weinen schluchzte. Das wandte ihr das Herz, sie hatte ihn noch

niemals weinen gesehen, es war ihr nun selber, als hätte sie was

verbrochen. In dieser Angst beschloß sie, ihm seinen Willen zu

tun; sie wollte wirklich nach dem Kloster gehen, die Priorin war

ihre Muhme, der wollte sie alles sagen und sie um ihren Rat

bitten. Nur das war ihr unerträglich, daß ihr Liebster nicht wis-

sen sollte, wohin sie gekommen. Sie wußte wohl, wie herzhaft

er war und besorgt um sie; der Hund hatte vorhin gebellt, im

Garten hatte es heimlich geraschelt wie Tritte, wer weiß, ob er

nicht nachsehen wollte, wie es ihr ging nach dem Schrecken. -

Gott, dachte sie, wenn er noch draußen stünd! - Der Gedanke

verhielt ihr fast den Atem. Sie schnürte sogleich eilig ihr Bündel,

dann schrieb sie für ihren Bruder mit Kreide auf den Tisch, daß

sie noch heute allein ins Kloster fortgegangen. Die Türen waren

nur angelehnt, da schlich sie vorsichtig und leise aus der Kammer

über den Hausflur in den Hof, der Hund sprang freundlich an

ihr herauf, sie hatte Not, ihn am Pförtchen zurückzuweisen;

so trat sie endlich mit klopfendem Herzen ins Freie.

Draußen schaute sie sich tief aufatmend nach allen Seiten um,

ja, sie wagte es sogar, noch einmal bis an den Gartenzaun zurück-

zugehen, aber ihr Liebster war nirgends zu sehen, nur die Schat-

ten der Bäume schwankten ungewiß über den Rasen. Zögernd

betrat sie nun den Wald und blieb immer wieder stehen und

lauschte; es war alles so still, daß ihr graute in der großen Ein-

samkeit. So mußte sie nun endlich doch weitergehen und zürnte

heimlich im Herzen auf ihren Schatz, daß er sie in ihrer Not so

zaghaft verlassen. Seitwärts im Tal aber lagen die Dörfer in tie-

fer Ruh. Sie kam am Schloß des Grafen Dürande vorbei, die

Fenster leuchteten im Mondschein herüber, im herrschaftlichen

Garten schlugen die Nachtigallen und rauschten die Wasserkün-

ste; das kam ihr so traurig vor, sie sang für sich das alte Lied:

Gut Nacht, mein Vater und Mutter,

Wie auch mein stolzer Bruder,

Ihr seht mich nimmermehr!

Die Sonne ist untergegangen

Im tiefen, tiefen Meer.

*

Der Tag dämmerte noch kaum, als sie endlich am Abhange der

Waldberge bei dem Kloster anlangte, das mit verschlossenen

Fenstern, noch wie träumend, zwischen kühlen, duftigen Gärten

lag. In der Kirche aber sangen die Nonnen soeben ihre Metten

durch die weite Morgenstille, nur einzelne, früh erwachte Ler-

chen draußen stimmten schon mit ein in Gottes Lob. Gabriele

wollte abwarten, bis die Schwestern aus der Kirche zurückkä-

nien, und setzte sich unterdes auf die breite Kirchhofsmauer.

Da fuhr ein zahmer Storch, der dort übernachtet, mit seinem

langen Schnabel unter den Flügeln hervor und sah sie mit den

klugen Augen verwundert an; dann schüttelte er in der Kühle

sich die Federn auf und wandelte mit stolzen Schritten wie eine

Schildwacht den Mauerkranz entlang. Sie aber war so müde

und überwacht, die Bäume über ihr säuselten noch so schläfrig,

sie legte den Kopf auf ihr Bündel und schlummerte fröhlich

unter den Blüten ein, womit die alte Linde sie bestreute.

Als sie aufwachte, sah sie eine hohe Frau in faltigen Gewän-

dern über sich gebeugt, der Morgenstern schimmerte durch ihren

langen Schleier, es war ihr, als hätt im Schlaf die Mutter Gottes

ihren Sternenmantel um sie geschlagen. Da schüttelte sie erschrok-

ken die Blütenflocken aus dem Haar und erkannte ihre geistliche

Muhme, die zu ihrer Verwunderung, als sie aus der Kirche kam,

die Schlafende auf der Mauer gefunden. Die Alte sah ihr freund-

lich in die schönen, frischen Augen. "Ich hab dich gleich daran

erkannt", sagte sie, "als wenn mich deine selige Mutter ansähe."

- Nun mußte sie ihr Bündel nehmen, und die Priorin schritt

eilig ins Kloster voraus; sie gingen durch kühle dämmernde

Kreuzgänge, wo soeben noch die weißen Gestalten einzelner

Nonnen wie Geister vor der Morgenluft lautlos verschlüpften.

Als sie in die Stube traten, wollte Gabriele sogleich ihre Ge-

schichte erzählen, aber sie kam nicht dazu. Die Priorin, so lange

wie auf eine selige Insel verschlagen, hatte so viel zu erzählen

und zu fragen von dem jenseitigen Ufer ihrer Jugend und

konnte sich nicht genug verwundern, denn alle ihre Freunde wa-

ren seitdem alt geworden oder tot, und eine andere Zeit hatte

alles verwandelt, die sie nicht mehr verstand. Geschäftig in red-

seliger Freude strich sie ihrem lieben Gast die Locken aus der

glänzenden Stirn wie einem kranken Kinde, holte aus einem

altmodischen, künstlich geschnitzten Wandschrank Rosinen und

allerlei Naschwerk, und fragte und plauderte immer wieder.

Frische Blumensträuße standen in bunten Krügen am Fenster,

ein Kanarienvogel schmetterte gellend dazwischen, denn die

Morgensonne funkelte draußen schon durch die Wipfel und ver-

goldete wunderbar die Zelle, das Betpult und die schwergewirk-

ten Lehnstühle; Gabriele lächelte fast betroffen, wie in eine neue

ganz fremde Welt hinein.

Noch an demselben Tage kam auch Renald zum Besuch; sie

freute sich außerordentlich, es war ihr, als hätte sie ihn ein Jahr

lang nicht gesehn. Er lobte ihren raschen Entschluß von heute

nacht und sprach dann viel und heimlich mit der Priorin; sie

horchte ein paarmal hin, sie hätte so gern gewußt, wer ihr Ge-

liebter sei, aber sie konnte nichts erfahren. Dann mußte sie auch

wieder heimlich lachen, daß die Priorin so geheimnisvoll tat,

denn sie merkt es wohl, sie wußt es selber nicht. - Es war indes

beschlossen worden, daß sie fürs erste noch im Kloster bleiben

sollte. Renald war zerstreut und eilig, er nahm bald wieder

Abschied und versprach, sie abzuholen, sobald die rechte Zeit

gekommen.

Aber Woche auf Woche verging, und die rechte Zeit war noch

immer nicht da. Auch Renald kam immer seltener und blieb

endlich ganz aus, um dem ewigen Fragen seiner Schwester nach

ihrem Schatz auszuweichen, denn er konnte oder mochte ihr

nichts von ihm sagen. Die Priorin wollte die arme Gabriele trö-

sten, aber sie hatte es nicht nötig, so wunderbar war das Mädchen

seit jener Nacht verwandelt. Sie fühlte sich, seit sie von ihrem

Liebsten getrennt, als seine Braut vor Gott, der wolle sie bewah-

ren. Ihr ganzes Dichten und Trachten ging nun darauf, ihn sel-

ber auszukundschaften, da ihr niemand beistand in ihrer Ein-

samkeit. Sie nahm sich daher eifrig der Klosterwirtschaft an,

um mit den Leuten in der Gegend bekannt zu werden; sie ordnete

alles in Küche, Keller und Garten, alles gelang ihr, und wie sie

so sich selber half, kam eine stille Zuversicht über sie wie Mor-

genrot, es war ihr immer, als müßt ihr Liebster plötzlich einmal

aus dem Walde zu ihr kommen.

Damals saß sie eines Abends noch spät mit der jungen Schwe-

ster Renate am offenen Fenster der Zelle, aus dem man in den

stillen Klostergarten und über die Gartenmauer weit ins Land

sehen konnte. Die Heimchen zirpten unten auf den frischgemäh-

ten Wiesen, überm Walde blitzte es manchmal aus weiter Ferne.

"Da läßt mein Liebster mich grüßen", dachte Gabriele bei sich.

- Aber Renate blickte verwundert hinaus; sie war lange nicht

wach gewesen um diese Zeit. "Sieh nur", sagte sie, "wie drau-

ßen alles anders aussieht im Mondschein, der dunkle Berg drüben

wirft seinen Schatten bis an unser Fenster, unten erlischt ein

Lichtlein nach dem andern im Dorfe. Was schreit da für ein Vo-

gel?" "Das ist das Wild im Walde", meinte Gabriele. "Wie du

auch so allein im Dunklen durch den Wald gehen kannst", sagte

Renate wieder, "ich stürbe vor Furcht. Wenn ich so manchmal

durch die Scheiben hinaussehe in die tiefe Nacht, dann ist mir

immer so wohl und sicher in meiner Zelle wie unterm Mantel

der Mutter Gottes."

"Nein", entgegnete Gabriele, "ich möcht mich gern einmal bei

Nacht verirren recht im tiefsten Wald, die Nacht ist wie im

Traum so weit und still, als könnt man über die Berge reden mit

allen, die man lieb hat in der Ferne. Hör nur, wie der Fluß unten

rauscht und die Wälder, als wollten sie auch mit uns sprechen

und könnten nur nicht recht! - Da fällt mir immer ein Märchen

ein dabei, ich weiß nicht, hab ichs gehört, oder hat mirs ge-

träumt."

"Erzähl mir doch, ich bete unterdes meinen Rosenkranz fer-

tig", sagte die Nonne, und Gabriele setzte sich fröhlich auf die

Fußbank vor ihr, wickelte vor der kühlen Nachtluft die Arme

in ihre Schürze und begann sogleich folgendermaßen:

"Es war einmal eine Prinzessin in einem verzauberten Schlosse

gefangen, das schmerzte sie sehr, denn sie hatte einen Bräutigam,

der wußte gar nicht, wohin sie gekommen war, und sie konnte

ihm auch kein Zeichen geben, denn die Burg hatte nur ein einzi-

ges, festverschlossenes Tor nach einem tiefen, tiefen Abhang hin,

und das Tor bewachte ein entsetzlicher Riese, der schlief und

trank und sprach nicht, sondern ging nur immer Tag und Nacht

vor dem Tore auf und nieder wie der Perpendikel einer Turm-

uhr. Sonst lebte sie ganz herrlich in dem Schloß; da war Saal

an Saal, einer immer prächtiger als der andere, aber niemand

drin zu sehen und zu hören, kein Lüftchen ging und kein Vogel

sang in den verzauberten Bäumen im Hofe, die Figuren auf den

Tapeten waren schon ganz krank und bleich geworden in der

Einsamkeit, nur manchmal warf sich das trockne Holz an den

Schränken vor Langeweile, daß es weit durch die öde Stille

schallte, und auf der hohen Schloßmauer draußen stand ein

Storch, wie eine Vedette, den ganzen Tag auf einem Bein."

"Ach, ich glaube gar, du stichelst auf unser Kloster", sagte Re-

nate. Gabriele lachte und erzählte munter fort:

"Einmal aber war die Prinzessin mitten in der Nacht aufge-

wacht, da hörte sie ein seltsames Sausen durch das ganze Haus.

Sie sprang erschrocken ans Fenster und bemerkte zu ihrem gro-

ßen Erstaunen, daß es der Riese war, der eingeschlafen vor dem

Tore lag und mit solcher grausamen Gewalt schnarchte, daß alle

Türen, so oft er den Atem einzog und wieder ausstieß, vor dem

Zugwind klappend auf und zu flogen. Nun sah sie auch, so oft

die Tür nach dem Saale aufging, mit Verwunderung, wie die

Figuren auf den Tapeten, denen die Glieder schon ganz einge-

rostet waren von dem langen Stillstehen, sich langsam dehnten

und reckten; der Mond schien hell über den Hof, da hörte sie

zum erstenmal die verzauberten Brunnen rauschen, der steinerne

Neptun unten saß auf dem Rand der Wasserkunst und strählte

sich sein Binsenhaar; alles wollte die Gelegenheit benutzen, weil

der Riese schlief; und der steife Storch machte so wunderliche

Kapriolen auf der Mauer, daß sie lachen mußte, und hoch auf

dem Dache drehte sich der Wetterhahn und schlug mit den Flü-

geln und rief immerfort: Kick,kick dich um, ich seh ihn gehn, ich

sag nicht wen! Am Fenster aber sang lieblich der Wind: Komm

mit geschwind! und die Bächlein schwatzten draußen untereinan-

der im Mondglanz, wie wenn der Frühling anbrechen sollte,

und sprangen glitzernd und wispernd über die Baumwurzeln:

Bist du bereit? wir haben nicht Zeit, weit, weit, in die Waldein-

samkeit! - Nun, nun, nur Geduld, ich komm ja schon, sagte die

Prinzessin ganz erschrocken und vergnügt, nahm schnell ihr Bün-

del unter den Arm und trat vorsichtig aus dem Schlafzimmer;

zwei Mäuschen kamen ihr atemlos nach und brachten ihr noch

den Fingerhut, den sie in der Eile vergessen. Das Herz klopfte

ihr, denn die Brunnen im Hofe rauschten schon wieder schwä-

cher, der Flußgott streckte sich taumelnd wieder zum Schlafe

zurecht, auch der Wetterhahn drehte sich nicht mehr; so schlich

sie leise die stille Treppe hinab."

"Ach Gott! wenn der Riese jetzt aufwacht!" sagte Renate

ängstlich.

"Die Prinzessin hatte auch Angst genug", fuhr Gabriele fort,

"sie hob sich das Röckchen, daß sie nicht an seinen langen Spo-

ren hängen blieb, stieg geschickt über den einen, dann über den

andern Stiefel, und noch einen herzhaften Sprung - jetzt stand

sie draußen am Abhang. Da aber wars einmal schön! da flogen

die Wolken und rauschte der Strom und die prächtigen Wälder

im Mondschein, und auf dem Strom fuhr ein Schifflein, saß ein

Ritter darin."

"Das ist ja gerade wie jetzt hier draußen", unterbrach sie Re-

nate, "da fährt auch noch einer im Kahn dicht unter unserm

Garten; jetzt stößt er ans Land."

"Freilich", sagte Gabriele mutwillig und setzte sich ins Fen-

ster, und wehte mit ihrem weißen Schnupftuch hinaus - "und

grüß dich Gott, rief da die Prinzessin, grüß dich Gott in die

weite, weite Fern, es ist ja keine Nacht so still und tief als meine

Lieb!"

Renate faßte sie lachend um den Leib, um sie zurückzuziehen.

"Herr Jesus!" schrie sie da plötzlich auf, "ein fremder Mann,

dort an der Mauer hin!" Gabriele ließ erschrocken ihr Tuch sin-

ken, es flatterte in den Garten hinab. Ehe sie sich aber noch be-

sinnen konnte, hatte Renate schon das Fenster geschlossen; sie

war voll Furcht, sie mochte nichts mehr von dem Märchen hören

und trieb Gabrielen hastig aus der Tür, über den stillen Gang in

ihre Schlafkammer.

"Gabriele aber, als sie allein war, riß noch rasch in ihrer Zelle

das Fenster auf. Zu ihrem Schreck bemerkte sie nun, daß das

Tuch unten von dem Strauche verschwunden war, auf den es

vorhin geflogen. Ihr Herz klopfte heftig, sie legte sich hinaus,

so weit sie nur konnte, da glaubte sie draußen den Fluß wieder

aufrauschen zu hören, darauf schallte Ruderschlag unten im

Grunde, immer ferner und schwächer, dann alles, alles wieder

still - so blieb sie verwirrt und überrascht am Fenster, bis das

erste Morgenlicht die Bergesgipfel rötete.

Bald darauf traf der Namenstag der Priorin, ein Fest, wor-

auf sich alle Hausbewohner das ganze Jahr hindurch freuten;

denn auf diesen Tag war zugleich die jährliche Weinlese auf

einem nahegelegenen Gute des Klosters festgesetzt, an welcher

die Nonnen mit teilnahmen. Da verbreitete sich, als der Mor-

genstern noch durch die Lindenwipfel in die kleinen Fenster hin-

einfunkelte, schon eine ungewohnte, lebhafte Bewegung durch

das ganze Haus, im Hofe wurden die Wagen von dem alten

Staube gereinigt, in ihren besten, blütenweißen Gewändern sah

man die Schwestern in allen Gängen geschäftig hin und her eilen;

einige versahen noch ihre Kanarienvögel sorgsam mit Futter, an-

dere packten Taschen und Schachteln, als gälte es eine wochen-

lange Reise. Endlich wurde von dem zahlreichen Hausgesinde

ausführlich Abschied genommen, die Kutscher knallten, und die

Karawane setzte sich langsam in Bewegung. Gabriele fuhr nebst

einigen auserwählten Nonnen an der Seite der Priorin in einem

mit vier alten dicken Rappen bespannten Staatswagen, der mit

seinem altmodischen vergoldeten Schnitzwerk einem chinesischen

Lusthause gleichsah. Es war ein klarer, heiterer Herbstmorgen,

das Glockengeläute vom Kloster zog weit durchs stille Land, der

Altweibersommer flog schon über die Felder, überall grüßten

die Bauern ehrerbietig den ihnen wohlbekannten geistlichen Zug.

Wer aber beschreibt nun die große Freude auf dem Gratial-

gute, die fremden Berge, Täler und Schlösser umher, das stille

Grün und den heitern Himmel darüber, wie sie da in dem mit

Astern ausgeschmückten Gartensaal um eine reichliche Kollation

vergnügt auf den altfränkischen Kanapees sitzen und die Mor-

gensonne die alten Bilder römischer Kirchen und Paläste an den

Wänden bescheint und vor den Fenstern die Sperlinge sich lustig

tummeln und lärmen im Laub, während draußen weißgekleidete

Dorfmädchen unter den schimmernden Bäumen vor der Tür ein

Ständchen singen.

Die Priorin aber ließ die Kinder hereinkommen, die scheu und

neugierig in dem Saal umherschauten, in den sie das ganze Jahr

über nur manchmal heimlich durch die Ritzen der verschlossenen

Fensterladen geguckt hatten. Sie streichelte und ermahnte sie

freundlich, freute sich, daß sie in dem Jahre so gewachsen, und

gab dann jedem aus ihrem Gebetbuch ein buntes Heiligenbild

und ein großes Stück Kuchen dazu.

Jetzt aber ging die rechte Lust der Kleinen erst an, da nun

wirklich zur Weinlese geschritten wurde, bei der sie mithelfen

und naschen durften. Da belebte sich allmählich der Garten, fröh-

liche Stimmen da und dort, geputzte Kinder, die große Trau-

ben trugen, flatternde Schleier und weiße schlanke Gestalten

zwischen den Rebengeländern schimmernd und wieder ver-

schwindend, als wanderten Engel über den Berg. Die Priorin

saß unterdes vor der Haustür und betete ihr Brevier und schaute

oft über das Buch weg nach den vergnügten Schwestern; die

Herbstsonne schien warm und kräftig über die stille Gegend,

und die Nonnen sangen bei der Arbeit:

Es ist nun der Herbst gekommen,

Hat das schöne Sommerkleid

Von den Feldern weggenommen,

Und die Blätter aus gestreut,

Vor dem bösen Winterwinde

Deckt er warm und sachte zu

Mit dem bunten Laub die Gründe,

Die schon müde gehn zur Ruh.

Einzelne verspätete Wandervögel zogen noch über den Berg

und schwatzten vom Glanz der Ferne, was die glücklichen Schwe-

stern nicht verstanden. Gabriele aber wußte wohl, was sie san-

gen, und ehe die Priorin sichs versah, war sie auf die höchste

Linde geklettert; da erschrak sie, wie so groß und weit die Welt

war. Die Priorin schalt sie aus und nannte sie ihr wildes Wald-

vöglein. Ja, dachte Gabriele, wenn ich ein Vöglein wäre! Dann

fragte die Priorin, ob sie von da oben das Schloß Dürande überm

Walde sewhen könne? "Alle Wälder und Wiesen", sagte sie

"gehören dem Grafen Dürande; er grenzt hier an, das ist ein

reicher Herr!" Gabriele aber dachte an ihren Herrn, und die

Nonnen sangen wieder:

Durch die Felder sieht man fahren

Eine wunderschöne Frau.

Und von ihren langen Haaren

Goldne Faden auf der Au

Spinnet sie und singt im Gehen:

Eia, meine Blümelein,

Nicht nach andern immer sehen,

Eia, schlafet, schlafet ein!

"Ich höre Waldhörner!" rief hier plötzlich Gabriele: es ver-

hielt ihr fast den Atem vor Erinnerung an die alte schöne Zeit.

- "Komm schnell herunter, mein Kind", rief ihr die Priorin zu.

Aber Gabriele hörte nicht darauf, zögernd und im Hinabsteigen

noch immer zwischen den Zweigen hinausschauend, sagte sie

wieder: "Es bewegt sich drüben am Saum des Waldes; jetzt seh

ich Reiter; wie das glitzert im Sonnenschein! sie kommen gerade

auf uns her."

Und kaum hatte sie sich vom Baum geschwungen, als einer

von den Reitern, über den grünen Plan dahergeflogen, unter den

Linden anlangte und mit höflichem Gruß vor der Priorin still-

hielt. Gabriele war schnell in das Haus gelaufen, dort wollte sie

durchs Fenster nach dem Fremden sehen. Aber die Priorin rief

ihr nach: der Herr sei durstig, sie solle ihm Wein herausbringen.

Sie schämte sich, daß er sie auf dem Baume gesehen, so kam sie

furchtsam mit dem vollen Becher vor die Tür mit gesenkten

Blicken, durch die langen Augenwimpern nur sah sie das kostbare

Zaumzeug und die Stickerei auf seinem Jagdrock im Sonnen-

schein flimmern. Als sie aber an das Pferd trat, sagte er leise zu

ihr: Er sehe doch ihre dunklen Augen im Weine sich spiegeln

wie in einem goldnen Brunnen. Bei dem Klang der Stimme blickte

sie erschrocken auf - der Reiter war ihr Liebster - sie stand

wie verblendet. Er trank jetzt auf der Priorin Gesundheit, sah

aber dabei über den Becher weg Gabrielen an und zeigte ihr ver-

stohlen ihr Tuch, das sie in jener Nacht aus dem Fenster ver-

loren. Dann drückte er die Sporen ein und, flüchtig dankend, flog

er wieder fort zu dem bunten Schwarm am Walde, das weiße

Tuch flatterte weit im Winde hinter ihm her.

"Sieh nur", sagte die Priorin lachend, "wie ein Falk, der eine

Taube durch die Luft führt!"

"Wer war der Herr?" frug endlich Gabriele tief aufatmend.

- "Der junge Graf Dürande", hieß es. - Da tönte die Jagd

schon wieder fern und immer ferner den funkelnden Wald ent-

lang, die Nonnen aber hatten in ihrer Fröhlichkeit von allem

nichts bemerkt und sangen von neuem:

Und die Vöglein hoch in Lüften

Über blaue Berg und Seen,

Ziehn zur Ferne nach den Klüften,

Wo die hohen Zedern stehn,

Wo mit ihren goldnen Schwingen

Auf des Benedeiten Gruft

Engel Hosianna singen,

Nächtens durch die stille Luft.

*

Etwa vierzehn Tage darauf schritt Renald eines Morgens still

und rasch durch den Wald nach dem Schloß Dürande, dessen

Türme finster über die Tannen hersahen. Er war ernst und bleich,

aber mit Hirschfänger und leuchtendem Bandelier wie zu einem

Feste geschmückt. In der Unruhe seiner Seele war er der Zeit

ein gut Stück vorausgeschritten, denn als er ankam, war die

Haustür noch verschlossen und alles still, nur die Dohlen er-

wachten schreiend auf den alten Dächern. Er setzte sich unter-

des auf das Geländer der Brücke, die zum Schlosse führte. Der

Wallgraben unten lag lange trocken, ein marmorner Apollo mit

seltsamer Lockenperücke spielte dort zwischen gezirkelten Blu-

menbeeten die Geige, auf der ein Vogel sein Morgenlied pfiff;

über den Helmen der steinernen Ritterbilder am Tore brüsteten

sich breite AIoen; der Wald, der alte Schloßgesell, war wunder-

lich verschnitten und zerquält, aber der Herbst ließ sich sein Recht

nicht nehmen und hatte alles phantastisch gelb und rot gefärbt,

und die Waldvögel, die vor dem Winter in die Gärten flüchte-

ten, zwitscherten lustig von Wipfel zu Wipfel. - Renald fror,

er hatte Zeit genug und überdachte noch einmal alles: wie der

junge Graf Dürande wieder nach Paris gereist, um dort lustig

durchzuwintern, wie er selbst darauf mit fröhlichem Herzen

zum Kloster geeilt, um seine Schwester abzuholen. Aber da war

Gabriele heimlich verschwunden, man hatte einmal des Nachts

einen fremden Mann am Kloster gesehn; niemand wußte, wohin

sie gekommen.

Jetzt knarrte das Schloßtor, Renald sprang schnell auf, er

verlangte seinen Herrn, den alten Grafen Dürande, zu spre-

chen. Man sagte ihm, der Graf sei eben erst aufgewacht; er mußte

noch lange in der Gesindestube warten zwischen Überresten vom

gestrigen Souper, zwischen Schuhbürsten, Büchsen und Katzen,

die sich verschlafen an seinen blanken Stiefeln dehnten, niemand

fragte nach ihm. Endlich wurde er in des Grafen Garderobe ge-

führt, der alte Herr ließ sich soeben frisieren und gähnte unauf-

hörlich. Renald bat nun ehrerbietig um kurzen Urlaub zu einer

Reise nach Paris. Auf die Frage des Grafen, was er dort wolle,

entgegnete er verwirrt: seine Schwester sei dort bei einem weit-

läufigen Verwandten - er schämte sich herauszusagen, was er

dachte. Da lachte der Graf. "Nun, nun", sagte er, "mein Sohn

hat wahrhaftig keinen üblen Geschmack. Geh Er nur hin, ich

will ihm an seiner Fortune nicht hinderlich sein; die Dürandes

sind in solchen Affären immer splendid; so ein junger wilder

Schwan muß gerupft werden, aber mach Ers mir nicht zu arg."

- Dann nickte er mit dem Kopfe, ließ sich den Pudermantel

umwerfen und schritt langsam zwischen zwei Reihen von Bedien-

ten, die ihn im Vorüberwandeln mit großen Quasten einpuder-

ten, durch die entgegengesetzte Flügeltür zum Frühstück. Die

Bedienten kicherten heimlich - Renald schüttelte sich wie ein

gefesselter Löwe.

Noch an demselben Tage trat er seine Reise an.

Es war ein schöner blanker Herbstabend, als er in der Ferne

Paris erblickte; die Ernte war längst vorüber, die Felder standen

alle leer, nur von der Stadt her kam ein verworrenes Rauschen

über die stille Gegend, daß ihn heimlich schauerte. Er ging nun

an prächtigen Landhäusern vorüber durch die langen Vorstädte

immer tiefer in das wachsende Getöse hinein, die Welt rückte

immer enger und dunkler zusammen, der Lärm, das Rasseln der

Wagen betäubte, das wechselnde Streiflicht aus den geputzten

Läden blendete ihn; so war er ganz verwirrt, als er endlich im

Wind den roten Löwen, das Zeichen seines Vetters, schwanken

sah, der in der Vorstadt einen Weinschank hielt. Dieser saß eben

vor der Tür seines kleinen Hauses und verwunderte sich nicht

wenig, da er den verstaubten Wandersmann erkannte. Doch Re-

nald stand wie auf Kohlen. "War Gabriele bei dir?" fragte er

gleich nach der ersten Begrüßung gespannt. Der Vetter schüttelte

erstaunt den Kopf, er wußte von nichts. "Also doch!" sagte

Renald, mit dem Fuß auf die Erde stampfend; aber er konnte

es nicht über die Lippen bringen, was er vermute und vorhabe.

Sie gingen nun in das Haus und kamen in ein langes, wüstes

Gemach, das von einem Kaminfeuer im Hintergrunde ungewiß

erleuchtet wurde. In den roten Widerscheinen lag dort ein wil-

der Haufe umher: abgedankte Soldaten, müßige Handwerksbur-

schen und dergleichen Hornkäfer, wie sie in der Abendzeit um

die großen Städte schwärmen. Alle Blicke aber hingen an einem

hohen, hagern Manne mit bleichem, scharfgeschnittenem Gesicht,

der, den Hut auf dem Kopf und seinen langen Mantel stolz und

vornehm über die linke Achsel zurückgeschlagen, mitten unter

ihnen stand. - "Ihr seid der Nährstand", rief er soeben aus;

"wer aber die andern nährt, der ist ihr Herr; hoch auf, ihr

Herren!" Er hob ein Glas, alles jauchzte wild auf und griff nach

den Flaschen, er aber tauchte kaum die feinen Lippen in den

dunkelroten Wein, als schlürft er Blut, seine spielenden Blicke

gingen über dem Glase kalt und lauernd in die Runde.

Da funkelte das Kaminfeuer über Renalds blankes Bandelier,

das stach plötzlich in ihre Augen. Ein starker Kerl mit rotem

Gesicht und Haar wie ein brennender Dornbusch, trat mit über-

mütiger Bettelhaftigkeit dicht vor Renald und fragte, ob er dem

Großtürken diene? Ein anderer meinte, er habe ja da, wie ein

Hund, ein adeliges Halsband umhängen. Renald griff rasch nach

seinem Hirschfänger, aber der lange Redner trat dazwischen, sie

wichen ihm scheu und ehrerbietig aus. Dieser führte den Jäger

an einen abgelegenen Tisch und fragte, wohin er wolle. Da Re-

nald den Grafen Dürande nannte, sagte er: "Das ist ein altes

Haus, aber der Totenwurm pickt schon drin, ganz von Liebschaf-

ten zerfressen." Renald erschrak, er glaubte, jeder müßte ihm

seine Schande an der Stirn ansehen. "Warum kommt Ihr gerade

auf die Liebschaften?" fragte er zögernd. "Warum?" erwiderte

jener, "sind sie nicht die Herren im Forst, ist das Wild nicht ihre,

hohes und niederes? Sind wir nicht verfluchte Hunde und lecken

die Schuh, wenn sie uns stoßen?" - Das verdroß Renald; er ent-

gegnete kurz und stolz: Der junge Graf Dürande sei ein groß-

mütiger Herr, er wolle nur sein Recht von ihm und weiter nichts.

Bei diesen Worten hatte der Fremde ihn aufmerksam betrach-

tet und sagte ernst: "Ihr seht aus wie ein Scharfrichter, der, das

Schwert unterm Mantel, zu Gerichte geht; es kommt die Zeit,

gedenkt an mich, Ihr werdet der Rüstigsten einer sein bei der

blutigen Arbeit!" Dann zog er ein Blättchen hervor, schrieb et-

was mit Bleistift darauf, versiegelte es am Licht und reichte es

Renald hin. "Die Grafen hier kennen mich wohl", sagte er; er

solle das nur abgeben an Dürande, wenn er einen Strauß mit

ihm habe, es könnte ihm vielleicht von Nutzen sein.

- "Wer ist der Herr?" fragte Renald seinen Vetter, da der

Fremde sich rasch wieder wandte. "Ein Feind der Tyrannen",

entgegnete der Vetter leise und geheimnisvoll.

Dem Renald aber gefiel hier die ganze Wirtschaft nicht, er war

müde von der Reise und streckte sich bald in einer Nebenkam-

mer auf das Lager, das ihm der Vetter angewiesen. Da konnte

er vernehmen, wie immer mehr und mehr Gäste nebenan all-

mählich die Stube füllten; er hörte die Stimme des Fremden wie-

der dazwischen, eine wilde Predigt, von der er nur einzelne

Worte verstand, manchmal blitzte das Kaminfeuer blutrot

durch die Ritzen der schlechtverwahrten Tür; so schlief er spät

unter furchtbaren Träumen ein.

*

Der Ball war noch nicht beendigt, aber der junge Graf Dü-

rande hatte dort soviel Wunderbares gehört von den feurigen

Zeichen einer Revolution, vom heimlichen Aufblitzen kampf-

fertiger Geschwader, Jakobiner, Volksfreunde und Royalisten,

daß ihm das Herz schwoll wie im nahenden Gewitterwinde. Er

konnte es nicht länger aushalten in der drückenden Schwüle. In

seinen Mantel gehüllt, ohne den Wagen abzuwarten, stürzte er

sich in die scharfe Winternacht hinaus. Da freute er sich, wie

draußen fern und nah die Turmuhren verworren zusammen-

klangen im Wind, und die Wolken über die Stadt flogen und der

Sturm sein Reiselied pfiff, lustig die Schneeflocken durcheinander

wirbelnd. "Grüß mir mein Schloß Dürande!"rief er dem Sturme

zu; es war ihm so frisch zumut, als müßt er, wie ein lediges Roß,

mit jedem Tritte Funken aus den Steinen schlagen.

In seinem Hotel aber fand er alles wie ausgestorben, der Kam-

merdiener war vor Langeweile fest eingeschlafen, die jüngere

Dienerschaft ihren Liebschaften nachgegangen, niemand hatte

ihn so früh erwartet. Schaudernd vor Frost stieg er die breite,

dämmernde Treppe hinauf, zwei tief herabgebrannte Kerzen

beleuchteten zweifelhaft das vergoldete Schnitzwerk des alten

Saales, es war so still, daß er den Zeiger der Schloßuhr langsam

fortrücken und die Wetterfahnen im Winde sich drehen hörte.

Wüst und überwacht warf er sich auf eine Ottomane hin. "Ich

bin so müde", sagte er, "so müde von Lust und immer Lust, lang-

weilige Lust! ich wollt, es wäre Krieg!" - Da war’s ihm, als hört

er draußen auf der Treppe gehn mit leisen, langen Schritten,

immer näher und näher. "Wer ist da?" rief er. - Keine Antwort.

- "Nur zu, mir eben recht", meinte er, Hut und Halbschuhe

wegwerfend, "rumor nur zu, spukhafte Zeit, mit deinem fernen

Wetterleuchten über Stadt und Land, als wenn die Gedanken

aufstünden überall und schlaftrunken nach den Schwertern tapp-

ten. Was gehst du in Waffen rasselnd um und pochst an die

Türen unserer Schlösser bei stiller Nacht? mich gelüstet mit dir

zu fechten; herauf, du unsichtbares Kriegsgespenst!"

Da pocht es wirklich an der Tür. Er lachte, daß der Geist die

Herausforderung so schnell angenommen. In keckem Übermut

rief er: "Herein!" Eine hohe Gestalt im Mantel trat in die Tür;

er erschrak doch, als diese den Mantel abwarf und er Renald er-

kannte, denn er gedachte der Nacht im Walde, wo der Jäger auf

ihn gezielt. Renald aber, da er den Grafen erblickte, ehrerbietig

zurücktretend, sagte: er habe den Kammerdiener hier zu finden

geglaubt, um sich anmelden zu lassen. Er sei schon öfters zu allen

Tageszeiten hier gewesen, jedesmal aber, unter dem Vorwand,

daß die Herrschaft nicht zu Hause oder beschäftigt sei, von den

Pariser Bedienten zurückgewiesen worden, die ihn noch nicht

kannten; so habe er denn heute auf der Straße gewartet, bis der

Graf zurüchkäme.

"Und was willst du denn von rnir?" fragte der Graf, ihn mit

unverwandten Blicken prüfend.

"Gnädiger Herr", erwiderte der Jäger nach einer Pause, "Sie

wissen wohl, ich hatte eine Schwester, sie war meine einzige

Freude und mein Stolz - sie ist eine Landläuferin geworden, sie

ist fort."

Der Graf machte eine heftige Bewegung, faßte sich aber gleich

wieder und sagte halb abgewendet: "Nun, und was geht das

mich an?"

Renalds Stirn zuckte wie fernes Wetterleuchten, er schien mit

sich selber zu ringen. "Gnädiger Herr", rief er darauf im tief-

sten Schmerz, "gnädiger Herr, gebt mir meine arme Gabriele

zurück!"

"Ich?" fuhr der Graf auf, "zum Teufel, wo ist sie?"

"Hier!" entgegnete Renald ernst.

Der Graf lachte laut auf und, den Leuchter ergreifend, stieß

er rasch eine Flügeltür auf, daß man eine weite Reihe glänzen-

der Zimmer übersah. "Nun", sagte er mit erzwungener Lustig-

keit, "so hilf mir suchen. Horch, da raschelt was hinter der Ta-

pete, jetzt hier, dort, nun sage mir, wo steckt sie?"

Renald blickte finster vor sich nieder, sein Gesicht verdunkelte

sich immer mehr. Da gewahrte er Gabrielens Schnupftuch auf

einem Tischchen; der Graf, der seinen Augen gefolgt war, stand

einen Augenblick betroffen. Renald hielt sich noch, es fiel ihm

der Zettel des Fremden wieder ein, er wünschte immer noch,

alles in Güte abzumachen, und reichte schweigend dem Grafen

das Briefchen hin. Der Graf, ans Licht tretend, erbrach es schnell,

da flog eine dunkle Röte über sein ganzes Gesicht. - "Und weiter

nichts?" murmelte er leise zwischen den Zähnen, sich in die Lip-

pen beißend. "Wollen sie mir drohen, mich schrecken?" Und

rasch zu Renald gewandt, rief er: "Und wenn ich deine ganze

Sippschaft hätt, ich gäb sie nicht heraus! Sag deinem Bettler-

advokaten, ich lachte sein und wäre zehntausendmal noch stolzer

als er, und wenn ihr beide euch im Hause zeigt, laß ich mit Hun-

den euch vom Hofe hetzen, das sag ihm; fort, fort, fort!" -

Hiermit schleuderte er den Zettel dem Jäger ins Gesicht und

schob ihn selber zum Saal hinaus, die eichene Tür hinter ihm zu-

werfend, daß es durchs ganze Haus öde erschallte.

Renald stand, wild um sich blickend, auf der stillen Treppe.

Da bemerkte er erst, daß er den Zettel noch krampfhaft in den

Händen hielt; er entfaltete ihn hastig und las an dem flackern-

den Licht einer halbverlöschten Laterne die Worte: Hütet euch.

Ein Freund des Volks.

Unterdes hörte er oben den Grafen heftig klingeln; mehrere

Stimmen wurden im Hause wach, er stieg langsam hinunter wie

ins Grab. Im Hofe blickte er noch einmal zurück, die Fenster

des Grafen waren noch erleuchtet, man sah ihn im Saale heftig

auf und nieder gehen. Da hörte Renald auf einmal draußen

durch den Wind singen:

 

 

Am Himmelsgrund schießen

So lustig die Stern,

Dein Schatz läßt dich grüßen

Aus weiter, weiter Fern!

Hat eine Zither gehangen

An der Tür unbeacht,

Der Wind ist gegangen

Durch die Saiten bei Nacht.

Schwang sich auf dann vom Gitter

Über die Berge, übern Wald -

Mein Herz ist die Zither,

Gibt einen fröhlichen Schall!

Die Weise ging ihm durch Mark und Bein; er kannte sie wohl.

- Der Mond streifte soeben durch die vorüberfliegenden Wolken

den Seitenflügel des Schlosses, da glaubte er in dem einen Fenster

flüchtig Gabrielen zu erkennen; als er sich aber wandte, wurde es

schnell geschlossen. Ganz erschrocken und verwirrt warf er sich

auf die nächste Tür, sie war fest zu. Da trat er unter das Fenster

und rief leise aus tiefster Seele hinauf, ob sie drin wider ihren

Willen festgehalten werde? so solle sie ihm ein Zeichen geben, es

sei keine Mauer so stark als die Gerechtigkeit Gottes. - Es rührte

sich nichts als die Wetterfahne auf dem Dach. - "Gabriele", rief

er nun lauter, "meine arme Gabriele, der Wind in der Nacht

weint um dich an den Fenstern, ich liebte dich so sehr, ich lieb

dich noch immer, um Gottes willen, komm, komm herab zu mir,

wir wollen miteinander fortziehen, weit, weit fort, wo uns nie-

mand kennt, ich will für dich betteln von Haus zu Haus, es ist

ja kein Lager so hart, kein Frost so scharf, keine Not so bitter

als die Schande."

Er schwieg erschöpft, es war alles wieder still, nur die Tanz-

musik von dem Balle schallte noch von fern über den Hof her-

über, der Wind trieb große Schneeflocken schräg über die harte

Erde, er war ganz verschneit. - "Nun, so gnade uns beiden

Gott!" sagte er, sich abwendend, schüttelte den Schnee vom

Mantel und schritt rasch fort.

Als er zu der Schenke seines Vetters zurückkam, fand er zu

seinem Erstaunen das ganze Haus verschlossen. Auf sein heftiges

Pochen trat der Nachbar, sich vorsichtig nach allen Seiten um-

sehend, aus seiner Tür, er schien auf des Jägers Rückkehr gewar-

tet zu haben, und erzählte ihm geheimnisvoll: Das Nest nebenan

sei ausgenommen, Polizeisoldaten hätten heute abend den Vetter

plötzlich abgeführt, niemand wisse wohin. Den Renald über-

raschte und verwunderte nichts mehr, und zerstreut mit flüchti-

gem Danke nahm er alles an, als der Nachbar nun auch das ge-

rettete Reisebündel des Jägers unter dem Mantel hervorbrachte

und ihm selbst eine Zuflucht in seinem Hause anbot.

Gleich am andern Morgen aber begann Renald seine Runde

in der weitläufigen Stadt, er mochte nichts mehr von der Groß-

mut des stolzen Grafen, er wollte jetzt nur sein Recht! So suchte

er unverdrossen eine Menge Advokaten hinter ihren großen

Tintenfässern auf, aber die sahens gleich alle den goldbortenen

Rauten seines Rockes an, daß sie nicht aus seiner eigenen Tasche

gewachsen waren; der eine verlangte unmögliche Zeugen, der

andere Dokumente, die er nicht hatte, und alle forderten Vor-

schuß. Ein junger, reicher Advokat wollte sich totlachen über die

ganze Geschichte; er fragte, ob die Schwester jung, schön, und

erbot sich, den ganzen Handel umsonst zu führen und die arme

Waise dann zu sich ins Haus zu nehmen, während ein andrer

gar das Mädchen selber heiraten wollte, wenn sie fernerhin beim

Grafen bliebe. In tiefster Seele empört, wandte sich Renald nun

an die Polizeibehörde; aber da wurde er aus einem Revier ins

andere geschickt, von Pontius zu Pilatus, und jeder wusch seine

Hände in Unschuld, niemand hatte Zeit, in dem Getreibe ein

vernünftiges Wort zu hören, und als er endlich vor das rechte

Bureau kam, zeigten sie ihm ein langes Verzeichnis der Dienst-

leute und Hausgenossen des Grafen Dürande: seine Schwester

war durchaus nicht darunter. Er habe Geister gesehen, hieß es,

er solle keine unnützen Flausen machen; man hielt ihn für einen

Narren, und er mußte froh sein, nur ungestraft wieder unter

Gottes freien Himmel zu kommen. Da saß er nun todmüde in

seiner einsamen Dachkammer, den Kopf in die Hand gestützt;

seine Barschaft war mit dem frühzeitigen Schnee auf den Straßen

geschmolzen, jetzt wußt er keine Hilfe mehr, es ekelte ihm recht

vor dem Schmutz der Welt. In diesem Hinbrüten, wie wenn man

beim Sonnenglanz die Augen schließt, spielten feurige Figuren

wechselnd auf dem dunklen Grund seiner Seele; schlängelnde

Zornesblicke und halbgeborne Gedanken blutiger Rache. In die-

ser Not betete er still für sich; als er aber an die Worte kam:

"Vergib uns unsere Schuld, als auch wir vergeben unseren Schuld-

nern", fuhr er zusammen; er konnte es dem Grafen nicht ver-

geben. Angstvoll und immer brünstiger betete er fort. - Da

sprang er plötzlich auf, ein neuer Gedanke erleuchtete auf ein-

mal sein ganzes Herz. Noch war nicht alles versucht, nicht alles

verloren, er beschloß, den König selber anzutreten - so hatte er

sich nicht vergeblich zu Gott gewendet, dessen Hand auf Erden

ja der König ist.

Ludwig XVI. und sein Hof waren damals in Versailles; Re-

nald eilte sogleich hin und freute sich, als er bei seiner Ankunft

hörte, daß der König, der unwohl gewesen, heute zum ersten

Male wieder den Garten besuchen wolle. Er hatte zu Hause mit

großem Fleiß eine Supplik aufgesetzt, Punkt für Punkt, das

himmelschreiende Unrecht und seine Forderung, alles wie er es

dereinst vor Gottes Thron zu verantworten gedachte. Das wollte

er im Garten selbst übergeben, vielleicht fügte es sich, daß er da-

bei mit dem König sprechen durfte; so, hoffte er, könne noch

alles wieder gut werden.

Vielerlei Volk, Neugierige, Müßiggänger und Fremde hatten

sich unterdes schon unweit der Tür, aus welcher der König treten

sollte, zusammengestellt. Renald drängte sich mit klopfendem

Herzen in die vorderste Reihe. Es war einer jener halbverschlei-

erten Wintertage, die lügenhaft den Sommer nachspiegeln, die

Sonne schien lau, aber falsch über die stillen Paläste, weiterhin

zogen Schwäne auf den Weihern, kein Vogel sang mehr, nur die

weißen Marmorbilder standen noch verlassen in der prächtigen

Einsamkeit. Endlich gaben die Schweizer das Zeichen, die Saal-

tür öffnete sich, die Sonne tat einen kurzen Blitz über funkeln-

den Schmuck, Ordensbänder und blendende Achseln, die schnell,

vor dem Winterhauch, unter schimmernden Tüchern wieder ver-

schwanden. Da schallt es auf einmal: Vive le roi! durch die

Lüfte, und im Garten, soweit das Auge reichte, begannen plötz-

lich alle Wasserkünste zu spielen, und mitten in dem Jubel, Rau-

schen und Funkeln schritt der König in einfachem Kleide lang-

sam die breiten Marmorstufen hinab. Er sah traurig und bleich -

eine leise Luft rührte die Wipfel der hohen Bäume und streute

die letzten Blätter wie einen Goldregen über die fürstlichen Ge-

stalten. Jetzt gewahrte Renald mit einiger Verwirrung auch den

Grafen Dürande unter dem Gefolge, er sprach soeben halbflü-

sternd zu einer jungen schönen Dame. Schon rauschten die tafte-

nen Gewänder immer näher und näher. Renald konnte deutlich

vernehmen, wie die Dame, ihre Augen gegen Dürande aufschla-

gend, ihn neckend fragte, was er drin sehe, daß sie ihn so er-

schreckten.

"Wunderbare Sommernächte meiner Heimat", erwiderte der

Graf zerstreut. Da wandte sich das Fräulein lachend, Renald er-

schrak, ihr dunkles Auge war wie Gabrielens in fröhlichen Tagen

- es wollte ihm das Herz zerreißen.

Darüber hatte er alles andere vergessen, der König war fast

vorüber; jetzt drängte er sich nach, ein Schweizer aber stieß ihn

mit der Partisane zurück, er drang noch einmal verzweifelt vor.

Da bemerkt ihn Dürande, er stutzt einen Augenblick, dann,

schnell gesammelt, faßt er den Zudringlichen rasch an der Brust

und übergibt ihn der herbeieilenden Wache. Der König über

dem Getümmel wendet sich fragend. - "Ein Wahnsinniger",

entgegnet Dürande.

Unterdes hatten die Soldaten den Unglücklichen umringt, die

neugierige Menge, die ihn für verrückt hielt, wich scheu zurück,

so wurde er ungehindert abgeführt. Da hörte er hinter sich die

Fontänen noch rauschen, dazwischen das Lachen und Plaudern

der Hofleute in der lauen Luft; als er einmal zurückblickte,

hatte sich alles schon wieder nach dem Garten hingekehrt, nur

ein bleiches Gesicht aus der Menge war noch zurückgewandt und

funkelte ihm mit scharfen Blicken nach. Er glaubte schaudernd

den prophetischen Fremden aus des Vetters Schenke wiederzu-

erkennen.

*

Der Mond bescheint das alte Schloß Dürande und die tiefe

Waldesstille am Jägerhaus, nur die Bäche rauschen so geheimnis-

voll in den Gründen. Schon blühts in manchem tiefen Tal, und

nächtliche Züge heimkehrender Störche hoch in der Luft verkün-

den in einzelnen halbverlornen Lauten, daß der Frühling gekom-

men. Da fahren plötzlich Rehe, die auf der Wiese vor dem

Jägerhaus gerastet, erschrocken ins Dickicht, der Hund an der

Tür schlägt an, ein Mann steigt eilig von den Bergen, bleich,

wüst, die Kleider abgerissen, mit wildverwachsenem Bart - es

ist der Jäger Renald.

Mehrere Monate hindurch war er in Paris im Irrenhause ein-

gesperrt gewesen; je heftiger er beteuert, verständig zu sein, für

desto toller hielt ihn der Wärter; in der Stadt aber hatte man

jetzt Wichtigeres zu tun, niemand bekümmerte sich um ihn. Da

ersah er endlich selbst seinen Vorteil, die Hinterlist seiner ver-

rückten Mitgesellen half ihm treulich aus Lust an der Heimlich-

keit. So war es ihm gelungen, in einer dunklen Nacht mit Lebens-

gefahr sich an einem Seil herabzulassen und in der allgemeinen

Verwirrung der Zeit unentdeckt aus der Stadt durch die Wälder,

von Dorf zu Dorfe bettelnd, heimwärts zu gelangen. Jetzt be-

merkte er erst, daß es von fern überm Walde blitzte, vom stillen

Schloßgarten her schlug schon eine Nachtigall, es war ihm, als ob

ihn Gabriele riefe. Als er aber mit klopfendem Herzen auf dem

altbekannten Fußsteig immer weiter ging, öffnete sich bei dem

Hundegebell ein Fensterchen im Jägerhaus. Es gab ihm einen

Stich ins Herz; es war Gabrielens Schlafkammer, wie oft hatte

er dort ihr Gesicht im Mondschein gesehen. Heut aber guckte ein

Mann hervor und fragte barsch, was es draußen gäbe. Es war

der Waldwärter; der heimtückische Rotkopf war ihm immer zu-

wider gewesen. "Was macht Ihr hier in Renalds Haus?" sagte er,

"ich bin müde, ich will hinein." Der Waldwärter sah ihn von

Kopf bis zu den Füßen an, er erkannte ihn nicht mehr. "Mit dem

Renald ists lange vorbei", entgegnete er dann, "er ist nach Paris

gelaufen und hat sich dort mit verdächtigem Gesindel und Re-

bellen eingelassen, wir wissens recht gut, jetzt habe ich seine

Stelle vom Grafen." Drauf wies er Renald am Waldesrand den

Weg zum Wirtshause und schlug das Fenster wieder zu. "Oho,

stehts so!" dachte Renald. Da fielen seine Augen auf sein Gärt-

chen, die Kirschbäume, die er gepflanzt, standen schon in voller

Blüte, es schmerzte ihn, daß sie in ihrer Unschuld nicht wußten,

für wen sie blühten. Währenddes hatte sein alter Hofhund sich

gewaltsam vom Stricke losgerissen, sprang liebkosend an ihm

herauf und umkreiste ihn in weiten Freudensprüngen; er herzte

sich mit ihm wie mit einem alten treuen Freunde. Dann aber

wandte er sich rasch zum Hause; die Tür war verschlossen, er

stieß sie mit einem derben Fußtritt auf. Drin hatte der Wald-

wärter unterdes Feuer gepinkt. "Herr Jesus!" rief er erschrocken,

da er, entgegentretend, plötzlich beim Widerschein der Lampe

den verwilderten Renald erkannte. Renald aber achtete nicht

darauf, sondern griff nach der Büchse, die überm Bett an der

Wand hing. "Lump", sagte er, "das schöne Gewehr so verstau-

ben zu lassen!" Der Waldwärter, die Lampe hinsetzend und auf

dem Sprunge, durchs Fenster zu entfliehen, sah den furchtbaren

Gast seitwärts mit ungewissen Blicken an. Renald bemerkte, daß

er zitterte. "Fürcht dich nicht", sagte er, "dir tu ich nichts, was

kannst du dafür; ich hol mir nur die Büchse, sie ist vom Vater,

sie gehört mir und nicht dem Grafen, und so wahr der alte Gott

noch lebt, so hol ich mir auch mein Recht, und wenn sie s im

Turmknopf von Dürande versiegelt hätten, das sag dem Grafen

und wer’s sonst wissen will." Mit diesen Worten pfiff er dem

Hunde und schritt wieder in den Wald hinaus, wo ihn der Wald-

wärter bei dem wirren Wetterleuchten bald aus den Augen ver-

loren hatte.

Währenddes schnurrten im Schloß Dürande die Gewichte der

Turmuhr ruhig fort, aber die Uhr schlug nicht, und der ver-

rostete Weiser rückte nicht mehr von der Stelle, als wäre die Zeit

eingeschlafen auf dem alten Hofe beim einförmigen Rauschen

der Brunnen. Draußen, nur manchmal vom fernen Wetterleuch-

ten zweifelhaft erhellt, lag der Garten mit seinen wunderlichen

Baumfiguren, Statuen und vertrockneten Bassins wie versteinert

im jungen Grün, das in der warmen Nacht schon von allen Sei-

ten lustig über die Gartenmauer kletterte und sich um die Säulen

der halbverfallenen Lusthäuser schlang, als wollt nun der Früh-

ling alles erobern. Das Hausgesinde aber stand heimlich unter-

einander flüsternd auf der Terrasse, denn man sah es hie und da

brennen in der Ferne; der Aufruhr schritt wachsend schon immer

näher über die stillen Wälder von Schloß zu Schloß. Da hielt der

kranke alte Graf um die gewohnte Stunde einsam Tafel im

Ahnensaal, die hohen Fenster waren fest verschlossen, Spiegel,

Schränke und Marmortische standen unverrückt umher wie in

der alten Zeit, niemand durfte, bei seiner Ungnade, der neuen

Ereignisse erwähnen, die er verächtlich ignorierte. So saß er, im

Staatskleide, frisiert wie eine geputzte Leiche, am reichbesetzten

Tisch vor den silbernen Armleuchtern und blätterte in alten

Historienbüchern, seiner kriegerischen Jugend gedenkend. Die

Bedienten eilten stumm über den glatten Boden hin und her, nur

durch die Ritzen der Fensterladen sah man zuweilen das Wetter-

leuchten, und alle Viertelstunde hakte im Nebengemach die Flö-

tenuhr knarrend ein und spielte einen Satz aus einer alten

Opernarie.

Da ließen sich auf einmal unten Stimmen vernehmen, drauf

hörte man jemand eilig die Treppe heraufkommen, immer lauter

und näher. "Ich muß herein!" rief es endlich an der Saaltür, sich

durch die abwehrenden Diener drängend, und bleich, verstört

und atemlos stürzte der Waldwärter in den Saal, in wilder Hast

dem Grafen erzählend, was ihm soeben im Jägerhaus mit Renald

begegnet.

Der Graf starrte ihn schweigend an. Dann, plötzlich einen

Armleuchter ergreifend, richtete er sich zum Erstaunen der Die-

ner ohne fremde Hilfe hoch auf. "Hüte sich, wer einen Dürande

fangen will!" rief er, und gespenstisch wie ein Nachtwandler mit

dem Leuchter quer durch den Saal schreitend, ging er auf eine

kleine eichene Tür los, die zu dem Gewölbe des Eckturms führte.

Die Diener, als sie sich vom ersten Entsetzen über sein grauen-

haftes Aussehen erholt, standen verwirrt und unentschlossen um

die Tafel. "Um Gottes willen", rief da auf einmal ein Jäger

herbeieilend, "laßt ihn nicht durch, dort in dem Eckturm hab

ich auf sein Geheiß heimlich alles Pulver zusammentragen müs-

sen; wir sind verloren, er sprengt uns alle mit sich in die Luft!"

Der Kammerdiener, bei dieser schrecklichen Nachricht, faßte sich

zuerst ein Herz und sprang rasch vor, um seinen Herrn zurück-

zuhalten, die andern folgten seinem Beispiel. Der Graf aber, da

er sich so unerwartet verraten und überwältigt sah, schleuderte

dem nächsten den Armleuchter an den Kopf, darauf, krank wie

er war, brach er selbst auf dem Boden zusammen.

Ein verworrenes Durcheinanderlaufen ging nun durch das

ganze Schloß; man hatte den Grafen auf sein seidenes Himmel-

bett gebracht. Dort versuchte er vergeblich, sich noch einmal

emporzurichten, zurücksinkend rief er: "Wer sagte da, daß der

Renald nicht wahnsinnig ist?" Da alles still blieb, fuhr er leiser

fort: "Ihr kennt den Renald nicht, er kann entsetzlich sein, wie

fressend Feuer - läßt man denn reißende Tiere frei aufs Feld? -

Ein schöner Löwe, wie er die Mähnen schüttelt - wenn sie nur

nicht so blutig wären!" Hier, sich plötzlich besinnend, riß er die

müden Augen weit auf und starrte die umherstehenden Diener

verwundert an.

Der bestürzte Kammerdiener, der seine Blicke allmählich ver-

löschen sah, redete von geistlichem Beistand, aber der Graf,

schon im Schatten des nahenden Todes, verfiel gleich darauf von

neuem in fieberhafte Phantasien. Er sprach von einem großen,

prächtigen Garten und einer langen, langen Allee, in der ihm

seine verstorbene Gemahlin entgegenkäme, immer näher und

heller und schöner. - "Nein, nein", sagte er, "sie hat einen Ster-

nenmantel um und eine funkelnde Krone auf dem Haupt. Wie

rings die Zweige schimmern von dem Glanz! - Gegrüßt seist du,

Maria, bitt für mich, du Königin der Ehren!" - Mit diesen Wor-

ten starb der Graf.

Als der Tag anbrach, war der ganze Himmel gegen Morgen

dunkelrot gefärbt; gegenüber aber stand das Gewitter bleifar-

ben hinter den grauen Türmen des Schlosses Dürande, die Sterbe-

glocke ging in einzelnen abgebrochenen Klängen über die stille

Gegend, die fremd und wie verwandelt in der seltsamen Be-

leuchtung heraufblickte. - Da sahen einige Holzhauer im Walde

den wilden Jäger Renald mit seiner Büchse und dem Hunde eilig

in die Morgenglut hinabsteigen; niemand wußte, wohin er sich

gewendet.

*

Mehrere Tage waren seitdem vergangen, das Schloß stand wie

verzaubert in öder Stille, die Kinder gingen abends scheu vor-

über, als ob es drin spuke. Da sah man eines Tages plötzlich dro-

ben mehrere Fenster geöffnet, buntes Reisegepäck lag auf dem

Hof umher, muntere Stimmen schallten wieder auf den Treppen

und Gängen, die Türen flogen hallend auf und zu, und vom

Turm fing die Uhr trostreich wieder zu schlagen an. Der junge

Graf Dürande war, auf die Nachricht vom Tode seines Vaters,

rasch und unerwartet von Paris zurückgekehrt. Unterweges war

er mehrmals verworrenen Zügen von Edelleuten begegnet, die

schon damals flüchtend die Landstraßen bedeckten. Er aber hatte

keinen Glauben an die Fremde und wollte ehrlich Freud und

Leid mit seinem Vaterlande teilen. Wie hatte auch der erste

Schreck aus der Ferne alles übertrieben! Er fand seine nächsten

Dienstleute ergeben und voll Eifer und überließ sich gern der

Hoffnung, noch alles zum Guten wenden zu können.

In solchen Gedanken stand er an einem der offenen Fenster,

die Wälder rauschten so frisch herauf, das hatte er so lange nicht

gehört, und im Tale schlugen die Vögel und jauchzten die Hir-

ten von den Bergen, dazwischen hörte er unten im Schloßgarten

singen:

Wärs dunkel, ich läg im Walde,

Im Walde rauschts so sacht,

Mit ihrem Sternenmantel

Bedecket mich da die Nacht.

Da kommen die Bachlein gegangen:

Ob ich schon schlafen tu?

Ich schlaf nicht, ich hör noch lange

Den Nachtigallen zu,

Wenn die Wipfel über mir schwanken,

Es klinget die ganze Nacht,

Das sind im Herzen die Gedanken,

Die singen, wenn niemand wacht.

Jawohl, gar manche stille Nacht, dachte der Graf, sich mit

der Hand über die Stirn fahrend. - "Wer sang da?" wandte er

sich dann zu den auspackenden Dienern; die Stimme schien ihm

so bekannt. Ein Jäger meinte, es sei wohl der neue Gärtnerbursch

aus Paris, der habe keine Ruhe gehabt in der Stadt; als sie fort-

gezogen, so sei er ihnen zu Pferde nachgekommen. "Der?" sagte

der Graf - er konnte sich kaum auf den Burschen besinnen. Über

den Zerstreuungen des Winters in Paris war er nicht oft in den

Garten gekommen; er hatte den Knaben nur selten gesehn und

wenig beachtet, um so mehr freute ihn seine Anhänglichkeit.

Indes war es beinahe Abend geworden, da hieß der Graf noch

sein Pferd satteln, die Diener verwunderten sich, als sie ihn bald

darauf so spät und ganz allein noch nach dem Walde hinreiten

sahen. Der Graf aber schlug den Weg zu dem nahen Nonnen-

kloster ein, und ritt in Gedanken rasch fort, als gält es, ein lange

versäumtes Geschäft nachzuholen; so hatte er in kurzer Zeit das

stille Waldkloster erreicht. Ohne abzusteigen, zog er hastig die

Glocke am Tor. Da stürzte ein Hund ihm entgegen, als wollte er

ihn zerreißen, ein langer, bärtiger Mann trat aus der Kloster-

pforte und stieß den Köter wütend mit den Füßen; der Hund

heulte, der Mann fluchte, eine Frau zankte drin im Kloster, sie

konnte lange nicht zu Worte kommen. Der Graf, befremdet von

dem seltsamen Empfang, verlangte jetzt schleunig die Priorin

zu sprechen. Der Mann sah ihn etwas verlegen an, als schämte er

sich. Gleich aber wieder in alter Roheit gesammelt, sagte er, das

Kloster sei aufgehoben und gehöre der Nation; er sei der Päch-

ter hier. Weiter erfuhr nun der Graf noch, wie ein Pariser Kom-

missar das alles so rasch und klug geordnet. Die Nonnen sollten

nun in weltlichen Kleidern hinaus in die Städte, heiraten und

nützlich sein; da zogen alle in einer schönen stillen Nacht aus

dem Tal, für das sie so lange gebetet, nach Deutschland hinüber,

wo ihnen in einem Schwesternkloster freundliche Aufnahme an-

geboten worden.

Der überraschte Graf blickte schweigend umher, jetzt be-

merkte er erst, wie die zerbrochenen Fenster im Winde klappten;

aus einer Zelle unten sah ein Pferd schläfrig ins Grün hinaus,

die Ziegen des Pächters weideten unter umgeworfenen Kreuzen

auf dem Kirchhof, niemand wagte es, sie zu vertreiben; dazwi-

schen weinte ein Kind im Kloster, als klagte es, daß es geboren

in dieser Zeit. Im Dorfe aber war es wie ausgekehrt, die Bauern

guckten scheu aus den Fenstern, sie hielten den Grafen für einen

Herrn von der Nation. Als ihn aber nach und nach einige wie-

dererkannten, stürzte auf einmal alles heraus und umringte ihn,

hungrig, zerlumpt und bettelnd. Mein Gott, mein Gott, dachte

er, wie wird die Welt so öde! - Er warf alles Geld, das er bei

sich hatte, unter den Haufen, dann setzte er rasch die Sporen ein

und wandte sich wieder nach Hause.

Es war schon völlig Nacht, als er in Dürande ankam. Da be-

merkte er mit Erstaunen im Schlosse einen unnatürlichen Auf-

ruhr, Lichter liefen von Fenster zu Fenster, und einzelne Stim-

men schweiften durch den dunklen Garten, als suchten sie je-

mand. Er schwang sich rasch vom Pferde und eilte ins Haus.

Aber auf der Treppe stürzte ihm schon der Kammerdiener mit

einem versiegelten Blatte atemlos entgegen: es seien Männer

unten, die es abgegeben und trotzig Antwort verlangten. Ein

Jäger, aus dem Garten hinzutretend, fragte ängstlich den Gra-

fen, ob er draußen dem Gärtnerburschen begegnet? der Bursch

habe ihn überall gesucht, der Graf möge sich aber hüten vor ihm,

er sei in der Dämmerung verdächtig im Dorf gesehen worden,

ein Bündel unterm Arm, mit allerlei Gesindel sprechend, nun sei

er gar sprulos verschwunden.

Der Graf, unterdes oben im erleuchteten Zimmer angelangt,

erbrach den Brief und las in schlechter, mit blasser Tinte müh-

sam gezeichneter Handschrift:

Im Namen Gottes verordne ich hiermit, daß der Graf Hip-

polyt von Dürande auf einem, mit dem graflichen Wappen be-

siegelten Pergament die einzige Tochter des verstorbenen För-

sters am Schloßberg, Gabriele Dubois, als seine rechtmäßige

Braut und künftiges Gemahl bekennen und annehmen soll. Die-

ses Gelöbnis soll heute bis elf Uhr nachts in dem Jägerhause ab-

geliefert werden. Ein Schuß aus dem Schloßfenster aber bedeutet:

Nein. Renald.

"Was ist die Uhr?" fragte der Graf. "Bald Mitternacht", er-

widerten einige, sie hätten ihn solange im Walde und Garten

vergeblich gesucht. "Wer von euch sah den Renald, wo kam er

her?" fragte er von neuem. Alles schwieg. Da warf er den Brief

auf den Tisch. "Der Rasende!" sagte er, und befahl für jeden

Fall die Zugbrücke aufzuziehen, dann öffnete er rasch das Fen-

ster und schoß ein Pistol, als Antwort, in die Luft hinaus. Da gab

es einen wilden Widerhall durch die stille Nacht, Geschrei und

Rufen und einzelne Flintenschüsse, bis in die femsten Schlünde

hinein, und als der Graf sich wieder wandte, sah er in dem Saal

einen Kreis verstörter Gesichter lautlos um sich her.

Er schalt sie Hasenjäger, denen vor Wölfen graute. "Ihr habt

lange genug Krieg gespielt im Walde", sagte er, "nun wendet

sich die Jagd, wir sind jetzt das Wild, wir müssen durch. Was

wird es sein! Ein Tollhaus mehr ist wieder aufgeriegelt, der ra-

sende Veitstanz geht durchs Land, und der Renald geigt ihnen

vor. Ich hab nichts mit dem Volk, ich tat ihnen nichts als Gutes,

wollen sie noch Besseres, sie sollens ehrlich fordern, ich gäbs

ihnen gern, abschrecken aber laß ich mir keine Hand breit mei-

nes alten Grund und Bodens; Trotz gegen Trotz!"

So trieb er sie in den Hof hinab, er selber half die Pforten,

Luken und Fenster verrammen. Waffen wurden rasseind von

allen Seiten herbeigeschleppt, sein fröhlicher Mut belebte alle.

Man zündete mitten im Hofe ein großes Feuer an, die Jäger la-

gerten sich herum und gossen Kugeln in den roten Widerscheinen,

die lustig über die stillen Mauern liefen - sie merkten nicht, wie

die Raben, von der plötzlichen Helle aufgeschreckt, ächzend über

ihnen die alten Türme umkreisten. - Jetzt brachte ein Jäger mit

großem Geschrei den Hut und die Jacke des Gärtnerburschen,

die er zu seiner Verwunderung beim Aufsuchen der Waffen im

Winkel eines abgelegenen Gemaches gefunden. Einige meinten,

das Bürschchen sei vor Angst aus der Haut gefahren, andere

schworen, er sei ein Schleicher und Verräter, während der alte

Schloßwart Nicolo, schlau lächelnd, seinem Nachbar heimlich

etwas ins Ohr flüsterte. Der Graf bemerkte es. "Was lachst du?"

fuhr er den Alten an; eine entsetzliche Ahnung flog plötzlich

durch seine Seele. Alle sahen verlegen zu Boden. Da faßte er den

erschrockenen Schloßwart am Arm und führte ihn mit fort in

einen entlegenen Teil des Hofes, wohin nur einige schwankende

Schimmer des Feuers langten. Dort hörte man beide lange Zeit

lebhaft miteinander reden, der Graf ging manchmal heftig an

dem dunklen Schloßflügel auf und ab, und kehrte dann immer

wieder fragend und zweifelnd zu dem Alten zurück. Dann sah

man sie in den offenen Stall treten, der Graf half selbst eilig den

schnellsten Läufer satteln, und gleich darauf sprengte Nicolo

quer über den Schloßhof, daß die Funken stoben, durchs Tor in

die Nacht hinaus. "Reit zu", rief ihm der Graf noch nach, "frag,

suche bis ans Ende der Welt!"

Nun trat er rasch und verstört wieder zu den andern, zwei

der zuverlässigsten Leute mußten sogleich bewaffnet nach dem

Dorf hinab, um den Renald draußen aufzusuchen; wer ihn zu-

erst sähe, solle ihm sagen: er, der Graf, wolle ihm Satisfaktion

geben wie einem Kavalier und sich mit ihm schlagen, Mann ge-

gen Mann - mehr könne der Stolze nicht verlangen.

Die Diener starrten ihn verwundert an, er aber hatte unterdes

einen rüstigen Jäger auf die Zinne gestellt, wo man am wei-

testen ins Land hinaussehen konnte. "Was siehst du?" fragte er,

unten seine Pistolen ladend. Der Jäger erwiderte: die Nacht sei

zu dunkel, er könne nichts unterscheiden, nur einzelne Stimmen

höre er manchmal fern im Feld und schweren Tritt, als zögen

viele Menschen lautlos durch die Nacht, dann alles wieder still.

"Hier ists lustig oben", sagte er, "wie eine Wetterfahne im Wind

- was ist denn das?"

"Wer kommt?" fuhr der Graf hastig auf.

"Eine weiße Gestalt, wie ein Frauenzimmer", entgegnete der

Jäger, "fliegt unten dicht an der Schloßmauer hin." Er legte rasch

seine Büchse an. Aber der Graf, die Leiter hinauffliegend, war

schon selber droben und riß dem Zielenden heftig das Gewehr

aus der Hand. Der Jäger sah ihn erstaunt an. "Ich kann auch

nichts mehr sehen", sagte er dann halb unwillig und warf sich

nun auf die Mauer nieder, über den Rand hinausschauend:

"Wahrhaftig, dort an der Gartenecke ist noch ein Fenster offen,

der Wind klappt mit den Laden, dort ists hereingehuscht."

Die Zunächststehenden im Hofe wollten eben nach der be-

zeichneten Stelle hineilen, als plötzlich mehrere Diener wie

Herbstblätter im Sturm über den Hof daherflogen; die Rebellen,

hieß es, hätten im Seitenflügel eine Pforte gesprengt, andere

meinten, der rotköpfige Waldwärter habe sie mit Hilfe eines

Nachschlüssels heimlich durch das Kellergeschoß hereingeführt.

Schon hörte man Fußtritte hallend auf den Gängen und Treppen

und fremde, rauhe Stimmen da und dort, manchmal blitzte eine

Brandfackel vorüberschweifend durch das Fenster. - "Hallo,

nun gilts, die Gäste kommen, spielt auf zum Hochzeitstanze!"

rief der Graf, in niegefühlter Mordlust aufschauernd. Noch war

nur erst ein geringer Teil des Schlosses verloren; er ordnete rasch

seine kleine Schar, fest entschlossen, sich lieber unter den Trüm-

mern seines Schlosses zu begraben, als in diese rohen Hände zu

fallen.

Mitten in dieser Verwirrung aber ging auf einmal ein Ge-

flüster durch seine Leute: der Graf zeige sich doppelt im Schloß;

der eine hatte ihn zugleich im Hof und am Ende eines dunkeln

Ganges gesehen, einem andern war er auf der Treppe begegnet,

flüchtig und auf keinen Anruf Antwort gebend, das bedeutete

seit uralter Zeit dem Hause großes Unglück. Niemand hatte je-

doch in diesem Augenblick das Herz und die Zeit, es dem Grafen

zu sagen, denn soeben begann auch unten der Hof sich schon

grauenhaft zu beleben; unbekannte Gesichter erschienen überall

an den Kellerfenstern, die Kecksten arbeiteten sich gewaltsam

hervor und sanken, ehe sie sich draußen noch aufrichten konnten,

von den Kugeln der wachsamen Jäger wieder zu Boden, aber

über ihre Leichen weg kroch und rang und hob es sich immer

wieder von neuem unaufhaltsam empor, braune verwilderte

Gestalten, mit langen Vogelflinten, Stangen und Brecheisen, als

wühlte die Hölle unter dem Schlosse sich auf. Es war die Bande

des verräterischen Waldwärters, der ihnen heimtückisch die Kel-

ler geöffnet. Nur auf Plünderung bedacht, drangen sie sogleich

nach dem Marstall und hieben in der Eile die Stränge entzwei,

um sich der Pferde zu bemächtigen. Aber die edlen schlanken

Tiere, von dem Lärm und der gräßlichen Helle verstört, rissen

sich los und stürzten in wilder Freiheit in den Hof; dort mit zor-

nig-funkelnden Augen und fliegender Mähne, sah man sie bäu-

mend aus der Menge steigen und Roß und Mann verzweifelnd

durcheinander ringen beim wirren Wetterleuchten der Fackeln,

Jubel und Todesschrei und die dumpfen Klänge der Sturmglok-

ken dazwischen. Die versprengten Jäger fochten nur noch ein-

zeln gegen die wachsende Übermacht; schon umringte das Ge-

tümmel immer dichter den Grafen, er schien unrettbar verloren,

als der blutige Knäuel mit dem Aufruf: dort, dort ist er! sich plötz-

lich wieder entwirrte und alles dem andern Schloßflügel zuflog.

Der Graf, in einem Augenblick fast allein stehend, wandte

sich tiefaufatmend und sah erstaunt das alte Banner des Hauses

Dürande drüben vom Balkon wehen. Es wallte ruhig durch die

wilde Nacht, auf einmal aber schlug der Wind wie im Spiel die

Fahne zurück - da erblickte er mit Schaudern sich selbst dahinter,

in seinen weißen Reitermantel tief gehüllt, Stirn und Gesicht von

seinem Federbusch umflattert. Alle Blicke und Rohre zielten auf

die stille Gestalt, doch dem Grafen sträubte sich das Haar empor,

denn die Blicke des furchtbaren Doppelgängers waren mitten

durch den Kugelregen unverwandt auf ihn gerichtet. Jetzt be-

wegte es die Fahne, es schien ihm ein Zeichen geben zu wollen,

immer deutlicher und dringender ihn zu sich hinaufwinkend.

Eine Weile starrt er hin, dann, von Entsetzen überreizt, ver-

gißt er alles andere und unerkannt den Haufen teilend, der wü-

tend nach dem Haupttor dringt, eilt er selbst dem gespenstischen

Schloßflügel zu. Ein heimlicher Gang, nur wenigen bekannt,

führt seitwärts näher zum Balkon, dort stürzt er sich hinein;

schon schließt die Pforte sich schallend hinter ihm, er tappt am

Pfeiler einsam durch die stille Halle, da hört er atmen neben

sich, es faßt ihn plötzlich bei der Hand, schauernd sieht er das

Banner und den Federbusch im Dunkeln wieder schimmern. Da,

den weißen Mantel zurückschlagend, stößt es unten rasch eine

Tür auf nach dem stillen Feld, ein heller Mondblick streift blen-

dend die Gestalt, sie wendet sich. - "Um Gottes willen, Ga-

briele!" ruft der Graf und läßt verwirrt den Degen fallen.

Das Mädchen stand bleich, ohne Hut vor ihm, die schwarzen

Locken aufgeringelt, rings von der Fahne wunderbar umgeben.

Sie schien noch atemlos. "Jetzt zaudere nicht", sagte sie, den ganz

Erstaunten eilig nach der Tür drängend, "der alte Nicolo harrt

deiner draußen mit dem Pferde. Ich war im Dorf, der Renald

wollte mich nicht wiedersehn, so rannte ich ins Schloß zurück,

zum Glück stand noch ein Fenster offen, da fand ich dich nicht

gleich und warf mich rasch in deinen Mantel. Noch merken sie

es nicht, sie halten mich für dich; bald ists zu spät, laß mich und

rette dich, nur schnell!" - Dann setzte sie leiser hinzu: "Und

grüße auch das schöne Fräulein in Paris, und betet für mich,

wenns euch wohlgeht."

Der Graf aber, in tiefster Seele bewegt, hatte sie schon fest

in beide Arme genommen und bedeckte den bleichen Mund mit

glühenden Küssen. Da wand sie sich schnell los. "Mein Gott,

liebst du mich denn noch, ich meinte, du freitest um das Fräu-

lein?" sagte sie voll Erstaunen, die großen Augen fragend zu

ihm aufgeschlagen. - Ihm wars auf einmal, wie in den Himmel

hineinzusehen. "Die Zeit fliegt heut entsetzlich", rief er aus,

"dich liebte ich immerdar, da nimm den Ring und meine Hand

auf ewig, und so verlaß mich Gott, wenn ich je von dir lasse!"

Gabriele, von Überraschung und Freude verwirrt, wollte nieder-

knien, aber sie taumelte und mußte sich an der Wand festhalten.

Da bemerkte er erst mit Schrecken, daß sie verwundet war. Ganz

außer sich riß er sein Tuch vom Halse, suchte eilig mit Fahne,

Hemd und Kleidern das Blut zu stillen, das auf einmal unauf-

haltsam aus vielen Wunden zu quellen schien. In steigender un-

säglicher Todesangst blickte er nach Hilfe ringsumher, schon

näherten sich verworrene Stimmen, er wußte nicht, ob es Freund

oder Feind. Sie hatte währenddes den Kopf müde an seine

Schulter gelehnt. "Mir flimmerts so schön vor den Augen", sagte

sie, "wie dazumal, als du durchs tiefe Abendrot noch zu mir

kamst; nun ist ja alles, alles wieder gut."

Da pfiff plötzlich eine Kugel durch das Fenster herein. "Das

war der Renald!" rief der Graf, sich nach der Brust greifend;

er fühlte den Tod im Herzen. Gabriele fuhr hastig auf. "Wie ist

dir?" fragte sie erschrocken. Aber der Graf, ohne zu antworten,

faßte heftig nach seinem Degen. Das Gesindel war leise durch

den Gang herangeschlichen, auf einmal sah er sich in der Halle

von bewaffneten Männern umringt. - "Gute Nacht, mein liebes

Weib!" rief er da; und mit letzter, übermenschlicher Gewalt das

von der Fahne verhüllte Mädchen auf den linken Arm schwin-

gend, bahnt er sich eine Gasse durch die Plünderer, die ihn nicht

kannten und verblüfft von beiden Seiten vor dem Wütenden

zurückwichen. So hieb er sich durch die offene Tür glücklich

ins Freie hinaus, keiner wagte ihm aufs Feld zu folgen, wo sie

in den schwankendenSchatten der Bäume einen heimlichen Hinter-

halt besorgten.

Draußen aber rauschten die Wälder so kühl. "Hörst du die

Hochzeitsglocken gehn?" sagte der Graf, "ich spür schon Mor-

genluft." Gabriele konnte nicht mehr sprechen, aber sie sah ihn

still und selig an. - Immer ferner und leiser verhallten unterdes

schon die Stimmen vom Schlosse her, der Graf wankte verblu-

tend, sein steinernes Wappenschild lag zertrümmert im hohen

Gras, dort stürzt’ er tot neben Gabrielen zusammen. Sie atme-

ten nicht mehr, aber der Himmel funkelte von Sternen, und der

Mond schien prächtig über das Jägerhaus und die einsamen

Gründe; es war, als zögen Engel singend durch die schöne Nacht.

Dort wurden die Leichen von Nicolo gefunden, der vor Un-

geduld schon mehrmals die Runde um das Haus gemacht hatte.

Er lud beide mit dem Banner auf das Pferd, die Wege standen

verlassen, alles war im Schloß, so brachte er sie unbemerkt in die

alte Dorfkirche. Man hatte dort vor kurzem erst die Sturm-

glocke geläutet, die Kirchtür war noch offen. Er lauschte vor-

sichtig in die Nacht hinaus, es war alles still, nur die Linden

säuselten im Winde, vom Schloßgarten hörte er die Nachtigallen

schlagen, als ob sie im Traume schluchzten. Da senkte er betend

das stille Brautpaar in die gräfliche Familiengruft und die Fahne

darüber, unter der sie noch heut zusammen ausruhn. Dann aber

ließ er mit traurigem Herzen sein Pferd frei in die Nacht hin-

auslaufen, segnete noch einmal die schöne Heimatsgegend und

wandte sich rasch nach dem Schloß zurück, um seinen bedrängten

Kameraden beizustehen; es war ihm, als könnte er nun selbst

nicht länger mehr leben.

*

Auf den ersten Schuß des Grafen aus dem Schloßfenster war

das raubgierige Gesindel, das durch umlaufende Gerüchte von

Renalds Anschlag wußte, aus allen Schlupfwinkeln hervor-

gebrochen, er selbst hatte in der offenen Tür des Jägerhauses auf

die Antwort gelauert und sprang bei dem Blitz im Fenster wie

ein Tiger allen voraus, er war der erste im Schloß. Hier, ohne

auf das Treiben der andern zu achten, suchte er mitten zwischen

den pfeifenden Kugeln in allen Gemächern, Gängen und Win-

keln unermüdlich den Grafen auf. Endlich erblickt er ihn durchs

Fenster in der Halle, er hört ihn drin sprechen, ohne Gabrielen

in der Dunkelheit zu bemerken. Der Graf kannte den Schützen

wohl, er hatte gut gezielt. Als Renald ihn getroffen taumeln sah,

wandte er sich tiefaufatmend - sein Richteramt war vollbracht.

Wie nach einem schweren, löblichen Tagewerke, durchschritt er

nun die leeren Säle in der wüsten Einsamkeit zwischen zertrüm-

merten Tischen und Spiegeln, der Zugwind strich durch alle Zim-

mer und spielte traurig mit den Fetzen der zerrissenen Tapeten.

Als er durchs Fenster blickte, verwunderte er sich über das

Gewimmel fremder Menschen im Hofe, die ihm geschäftig dien-

ten wie das Feuer dem Sturm. Ein seltsam Gelüsten funkelte ihn

da von den Wänden an aus dem glatten Getäfel, in dem der

Fackelschein sich verwirrend spiegelte, als äugelte der Teufel mit

ihm. - So war er in den Gartensaal gekommen. Die Tür stand

offen, er trat in den Garten hinaus. Da schauerte ihn in der plötz-

lichen Kühle. Der untergehende Mond weilte noch zweifelnd am

dunkeln Rand der Wälder, nur manchmal leuchtete der Strom

noch herauf, kein Lüftchen ging, und doch rührten sich die Wip-

fel, und die Alleen und geisterhaften Statuen warfen lange, un-

gewisse Schatten dazwischen, und die Wasserkünste spielten

und rauschten so wunderbar durch die weite Stille der Nacht.

Nun sah er seitwärts auch die Linde und die mondbeglänzte

Wiese vor dem Jägerhause; er dachte sich die verlorne Gabriele

wieder in der alten unschuldigen Zeit als Kind mit den langen

dunkeln Locken, es fiel ihm immer das Lied ein: Gute Nacht,

mein Vater und Mutter, wie auch mein stolzer Bruder - es wollte

ihm das Herz zerreißen, er sang verwirrt vor sich hin, halb wie

im Wahnsinn:

Meine Schwester, die spielt an der Linde. -

Stille Zeit, wie so weit, so weit!

Da spielten so schöne Kinder

Mit ihr in der Einsamkeit.

Von ihren Locken verhangen,

Schlief sie und lachte im Traum,

Und die schönen Kinder sangen

Die ganze Nacht unterm Baum.

Die ganze Nacht hat gelogen,

Sie hat mich so falsch gegrüßt,

Die Engel sind fortgeflogen

Und Haus und Garten stehn wüst.

Es zittert die alte Linde

Und klaget der Wind so schwer,

Das macht, das macht die Sünde -

Ich wollt, ich lag im Meer.

Die Sonne ist untergegangen

Und der Mond im tiefen Meer,

Es dunkelt schon über dem Lande;

Gute Nacht! seh dich nimmermehr.

"Wer ist da?" rief er auf einmal in den Garten hinein. Eine

dunkle Gestalt unterschied sich halb kenntlich zwischen den wir-

ren Schatten der Bäume; erst hielt er es für eins der Marmor-

bilder, aber es bewegte sich, er ging rasch darauf los, ein Mann

versuchte sich mühsam zu erheben, sank aber immer wieder ins

Gras zurück. "Um Gott, Nicolo, du bist’s!" rief Renald erstaunt:

"was machst du hier?" - Der Schloßwart wandte sich mit großer

Anstrengung auf die andere Seite, ohne zu antworten.

"Bist du verwundet?" sagte Renald, besorgt nähertretend,

"wahrhaftig, an dich dacht ich nicht in dieser Nacht. Du warst

mir der liebste immer unter allen, treu, zuverlässig, ohne Falsch;

ja, wär die Welt wie du! Komm nur mit mir, du sollst herr-

schaftlich leben jetzt im Schloß auf deine alten Tage, ich will dich

über alle stellen."

Nicolo aber stieß ihn zurück: "Rühre mich nicht an, deine

Hand raucht noch von Blut."

"Nun", entgegnete Renald finster, "ich meine, ihr solltet mirs

alle danken, die wilden Tiere sind verstoßen in den wüsten

Wald, es bekümmert sich niemand um sie, sie müssen sich ihr

Futter selber nehmen - bah, und was ist Brot gegen Recht?"

"Recht?" sagte Nicolo, ihn lange starr ansehend, um Gottes

willen, Renald, ich glaube gar, du wußtest nicht -"

"Was wußt ich nicht?" fuhr Renald hastig auf.

"Deine Schwester Gabriele -"

"Wo ist sie?"

Nicolo wies schweigend nach dem Kirchhof; Renald schau-

derte heimlich zusammen. "Deine Schwester Gabriele", fuhr der

Schloßwart fort, "hielt schon als Kind immer große Stücke auf

mich, du weißt es ja; heut abend nun in der Verwirrung, eh’s

noch losging, hat sie in ihrer Herzensangst mir alles anver-

traut."

Renald zuckte an allen Gliedern, als hinge in der Luft das

Richtschwert über ihm. "Nicolo", sagte er drohend, "belüg mich

nicht, denn dir, gerade dir glaube ich."

Der Schloßwart, seine klaffende Brustwunde zeigend, er-

widerte: "Ich rede die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe, vor

dem ich noch in dieser Stunde stehen werde! - Graf Hippolyt

hat deine Schwester nicht entführt."

"Hoho", lachte Renald, plötzlich wie aus unsäglicher Todes-

angst erlöst, "ich sah sie selber in Paris am Fenster in des Grafen

Haus."

"Ganz recht", sagte Nicolo, "aus Lieb ist sie bei Nacht dem

Grafen heimlich nachgezogen aus dem Kloster"-

"Nun siehst du, siehst du wohl? ich wußts ja doch. Nur weiter,

weiter", unterbrach ihn Renald; große Schweißtropfen hingen

in seinem wildverworrenen Haar.

"Das arme Kind", erzählte Nicolo wieder, "sie konnte nicht

vom Grafen lassen; um ihm nur immer nahe zu sein, hat sie ver-

kleidet als Gärtnerbursche sich verdungen im Palast, wo sie kei-

ner kannte."

Renald, aufs äußerste gespannt, hatte sich unterdes neben dem

Sterbenden, der immer leiser sprach, auf die Knie hingeworfen,

beide Hände vor sich auf die Erde gestützt. "Und der Graf",

sagte er, "der Graf, aber der Graf, was tat der? Er lockte, er

kirrte sie, nicht wahr?"

"Wie sollt ers ahnen?" fuhr der Schloßwart fort; "er lebte

wie ein loses Blatt im Sturm von Fest zu Fest. Wie oft stand sie

des Abends spät in dem verschneiten Garten vor des Grafen

Fenstern, bis er nach Hause kam, wüst, überwacht - er wußte

nichts davon bis heute abend. Da schickt er mich hinaus, sie auf-

zusuchen; sie aber hatte sich dem Tode schon geweiht, in seinen

Kleidern euch täuschend wollt sie eure Kugeln von seinem Her-

zen auf ihr eigenes wenden - 0 jammervoller Anblick - so fand

ich beide tot im Felde Arm in Arm - der Graf hatte ehrlich sie

geliebt bis in den Tod - sie beide sind schuldlos - rein - Gott

sei uns allen gnädig!"

Renald war über diese Worte ganz still geworden, er horchte

noch immer hin, aber Nicolo schwieg auf ewig, nur die Gründe

rauschten dunkel auf, als schauderte der Wald.

Da stürzte auf einmal vom Schloß die Bande siegestrunken

über Blumen und Beete daher, sie schrien vivat und riefen den

Renald im Namen der Nation zum Herrn von Dürande aus.

Renald, plötzlich sich aufrichtend, blickte wie aus einem Traum

in die Runde. Er befahl, sie sollten schleunig alle Gesellen aus

dem Schlosse treiben und keiner, bei Lebensstrafe, es wieder be-

treten, bis er sie riefe. Er sah so schrecklich aus, sein Haar war

grau geworden über Nacht, niemand wagte es, ihm jetzt zu

widersprechen. Darauf sahen sie ihn allein rasch und schweigend

in das leere Schloß hineingehen, und während sie noch überlegen,

was er vor hat und ob sie ihm gehorchen oder dennoch folgen

sollen, ruft einer erschrocken aus: "Herr Gott, der rote Hahn ist

auf dem Dach!" und mit Erstaunen sehen sie plötzlich feurige

Spitzen bald da, bald dort aus den zerbrochenen Fenstern schla-

gen und an dem trocknen Sparrwerk hurtig nach dem Dache

klettern. Renald, seines Lebens müde, hatte eine brennende Fak-

kel ergriffen und das Haus an allen vier Ecken angesteckt. -

Jetzt, mitten durch die Lohe, die der Zugwind wirbelnd faßte,

sahen sie den Schrecklichen eilig nach dem Eckturme schreiten, es

war, als schlüge Feuer auf, wohin er trat. Dort in dem Turme

liegt das Pulver! hieß es auf einmal, und voll Entsetzen stiebte

alles über den Schloßberg auseinander. Da tat es gleich darauf

einen furchtbaren Blitz, und donnernd stürzte das Schloß hinter

ihnen zusammen. Dann wurde alles still; wie eine Opferflamme,

schlank, mild und prächtig stieg das Feuer zum gestirnten Him-

mel auf, die Gründe und Wälder ringsumher erleuchtend - den

Renald sah man nimmer wieder.

Das sind die Trümmer des alten Schlosses Dürande, die wein-

umrankt in schönen Frühlingstagen von den waldigen Bergen

schauen. - Du aber hüte dich, das wilde Tier zu wecken in der

Brust, daß es nicht plötzlich ausbricht und dich selbst zerreißt.