Joseph Freiherr von Eichendorff
Aus dem Leben eines Taugenichts

 

1. Kapitel

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon

wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die

Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß

auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen;

mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat

der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in

der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe,

der sagte zu mir: "Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wie-

der und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich

alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern.

Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt

und erwirb dir selber dein Brot." - "Nun", sagte ich, "wenn ich

ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen

und mein Glück machen." Und eigentlich war mir das recht lieb,

denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu

gehn, da ich die Goldammer, welche im Herbste und Winter

immer betrübt an unserem Fenster sang: "Bauer, miet mich,

Bauer, miet mich!" nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz

stolz und lustig vom Baume rufen hörte: "Bauer, behalt deinen

Dienst!" - Ich ging also in das Haus hinein und holte meine

Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab

mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlen-

derte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine

heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und

Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und

immerdar zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah,

während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen

Leuten nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu,

aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie

ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie

Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte

und sang, auf der Landstraße fortgehend:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt,

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot.

Sie wissen nur vom Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl’ und frischer Brust?

Den lieben Gott laß ich nur walten;

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld

Und Erd und Himmel will erhalten,

Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

Indem, wie ich mich so umsehe, kömmt ein köstlicher Reise-

wagen ganz nahe an mich heran, der mochte wohl schon einige

Zeit hinter mir drein gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil

mein Herz so voller Klang war, denn es ging ganz langsam, und

zwei vornehme Damen steckten die Köpfe aus dem Wagen und

hörten mir zu. Die eine war besonders schön und jünger als die

andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als ich nun

aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich

holdselig an: "Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lie-

der zu singen." Ich nicht faul dagegen: "Euer Gnaden aufzu-

warten, wüßt ich noch viel schönere." Darauf fragte sie mich

wieder: "Wohin wandert Er denn schon so am frühen Morgen?"

Da schämte ich mich, daß ich das selber nicht wußte, und sagte

dreist: "Nach Wien"; nun sprachen beide miteinander in einer

fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die jüngere schüttelte

einige Male mit dem Kopfe, die andere lachte aber in einem fort

und rief mir endlich zu: "Spring Er nur hinten mit auf, wir

fahren auch nach Wien." Wer war froher als ich! Ich machte

eine Reverenz und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen,

der Kutscher knallte, und wir flogen über die glänzende Straße

fort, daß mir der Wind am Hute pfiff.

Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter,

vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf, unter mir Saaten,

Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige

Lerchen in der klaren blauen Luft - ich schämte mich, laut zu

schreien, aber innerlich jauchzte ich und strampelte und tanzte auf

dem Wagentritt herum, daß ich bald meine Geige verloren hätte,

die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die Sonne immer höher

stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstie-

gen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und

schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern, da

fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere

Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem schattigen Wei-

her, und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war da-

bei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren; ich steckte

meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Ge-

danken auf den Wagentritt hin und schlief ein.

Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen

Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säu-

len in ein prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume

sah ich die Türme von Wien. Die Damen waren, wie es schien,

längst ausgestiegen, die Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr,

da ich auf einmal so allein saß, und sprang geschwind in das

Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem Fenster Lachen.

In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich

mich in der weiten, kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir je-

mand mit dem Stocke auf die Schulter. Ich kehre mich schnell

um, da steht ein großer Herr in Staatskleidern, ein breites Ban-

delier von Gold und Seide bis an die Hüften übergehängt, mit

einem oben versilberten Stabe in der Hand und einer außer-

ordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesichte,

breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt,

was ich hier will. Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck

und Erstaunen nichts hervorbringen. Darauf kamen mehrere

Bediente die Treppe herauf und herunter gerannt, die sagten gar

nichts, sondern sahen mich nur von oben bis unten an. Sodann

kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte) gerade auf

mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die

gnädige Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtner-

bursche dienen wollte? Ich griff nach der Weste; meine paar

Groschen, weiß Gott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem

Wagen aus der Tasche gesprungen sein, waren weg, ich hatte

nichts als mein Geigenspiel, für das mir überdies auch der Herr

mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn sagte, nicht einen

Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu

der Kammerjungfer: "Ja"; noch immer die Augen von der Seite

auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der

Perpendikel einer Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte

und eben wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hinter-

grunde heraufgezogen kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner,

brummte was von Gesindel und Bauernlümmel unterm Bart

und führte mich nach dem Garten, während er mir unterwegs

noch eine lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und

arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren, keine brotlosen

Künste und unnützes Zeug treiben solle, da könnt ich es mit der

Zeit noch einmal zu was Rechtem bringen. Es waren noch mehr

sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nur seitdem

fast alles wieder vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar

nicht recht, wie doch alles so gekommen war, ich sagte nur im-

merfort zu allem: "Ja" - denn mir war wie einem Vogel, dem

die Flügel begossen worden sind. - So war ich denn, Gott sei

Dank, im Brote.

In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes

Essen vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur

hatte ich leider ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben

und schönen grünen Gänge, das gefiel mir alles recht gut, wenn

ich nur hätte ruhig drin herumspazieren können und vernünftig

diskurrieren, wie die Herren und Damen, die alle Tage dahin

kamen. So oft der Gärtner fort und ich allein war, zog ich so-

gleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich hin und

sann auf schöne höfliche Redensarten, wie ich die eine junge

schöne Dame, die mich in das Schloß mitbrachte, unterhalten

wollte, wenn ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier herum-

ginge. Oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf den

Rücken hin, wenn alles so still war, daß man nur die Bienen

sumsen hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken nach meinem

Dorfe zu flogen und die Gräser und Blumen sich hin und her

bewegten, und gedachte an die Dame, und da geschah es denn

oft, daß die schöne Frau mit der Gitarre oder einem Buche in

der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und

freundlich wie ein Engelsbild, so daß ich nicht recht wußte, ob

ich träumte oder wachte.

So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur

Arbeit vorbeiging, für mich hin:

Wohin ich geh und schaue,

In Feld und Wald und Tal,

Vom Berg ins Himmelsblaue,

Vielschöne gnäd’ge Fraue,

Grüß ich dich tausendmal.

Da seh ich aus dem dunkelgrünen Lusthause zwischen den

halbgeöffneten Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei

schöne, junge, frische Augen hervorfunkeln. Ich war ganz er-

schrocken, ich sang das Lied nicht aus, sondern ging, ohne mich

umzusehen, fort an die Arbeit.

Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand

eben in der Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im

Gartenhause am Fenster und dachte noch an die funkelnden

Augen, da kommt auf einmal die Kammerjungfer durch die

Dämmerung dahergestrichen. "Da schickt Euch die vielschöne

gnädige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken.

Eine gute Nacht auch!"

Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs Fenster und

war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken ver-

schwunden wie eine Eidechse.

Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und

wußte nicht, wie mir geschehen war. Und hatte ich vorher lustig

die Geige gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und

sang das Lied von der schönen Frau ganz aus und alle meine

Lieder, die ich nur wußte, bis alle Nachtigallen draußen erwach-

ten und Mond und Sterne schon lange über dem Garten standen.

Ja, das war einmal eine gute, schöne Nacht!

Es wird keinem an der Wiege gesungen, was künftig aus ihm

wird, eine blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer

zuletzt lacht, lacht am besten, unverhofft kommt oft, der Mensch

denkt und Gott lenkt, so meditiert ich, als ich am folgenden

Tage wieder mit meiner Pfeife im Garten saß und es mir dabei,

da ich so aufmerksam an mir heruntersah, fast vorkommen

wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. - Ich stand

nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr

zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter

rührten. Da war es so wunderschön draußen im Garten. Die

Blumen, die Springbrunnen, die Rosenbüsche und der ganze

Garten funkelten von der Morgensonne wie lauter Gold und

Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch so

still, kühl und andächtig wie in einer Kirche, nur die Vögel flat-

terten und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, ge-

rade unter den Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein

blühender Strauch. Dorthin ging ich dann immer am frühesten

Morgen und duckte mich hinter die Äste, um so nach den Fen-

stern zu sehen, denn mich im Freien zu produzieren, hatt ich

keine Courage. Da sah ich nun allemal die allerschönste Dame

noch heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleide an das

offne Fenster hervortreten. Bald flocht sie sich die dunkelbrau-

nen Haare und ließ dabei die anmutig spielenden Augen über

Busch und Garten ergehen, bald bog und band sie die Blumen,

die vor ihrem Fenster standen, oder sie nahm auch die Gitarre

in den weißen Arm und sang dazu so wundersam über den Gar-

ten hinaus, daß sich mir noch das Herz umwenden will vor Weh-

mut, wenn mir eins von den Liedern bisweilen einfällt - und

ach, das alles ist schon lange her!

So dauerte das wohl über eine Woche. Aber das eine Mal, sie

stand gerade wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher,

fliegt mir eine fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an

ein erschreckliches Niesen, das gar nicht enden will. Sie legt sich

weit zum Fenster hinaus und sieht mich Ärmsten hinter dem

Strauche lauschen. - Nun schämte ich mich und kam viele Tage

nicht hin.

Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal

zu, ich saß vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber

sie kam nicht wieder ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang,

ich faßte mir ein Herz und ging nun alle Morgen frank und frei

längs dem Schlosse unter allen Fenstern hin. Aber die liebe,

schöne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke weiter

sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehn. Ich hatte

sie sonst so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig

recht schön rot und dick und gar prächtig und hoffärtig anzu-

sehn, wie eine Tulipane. Ich machte ihr immer ein tiefes Kom-

pliment, und, ich kann nicht anders sagen, sie dankte mir jedes-

mal und nickte und blinzelte mit den Augen dazu ganz außer-

ordentlich höflich. Nur ein einziges Mal glaub ich gesehen zu

haben, daß auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine

stand und versteckt hervorguckte.

Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie

kam nicht mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster.

Der Gärtner schalt mich einen faulen Bengel, ich war verdrüß-

lich, meine eigene Nasenspitze war mir im Wege, wenn ich in

Gottes freie Welt hinaussah.

So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte

mich, wie ich so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hin-

aussah, daß ich mich nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und

mich also morgen nicht auch wenigstens auf einen blauen Mon-

tag zu freuen hätte. Die andern Burschen waren indes alle wohl

ausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen Vorstadt hinaus-

gezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in der

warmen Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden

Leierkasten schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine

Rohrdommel im Schilfe eines einsamen Weihers im Garten und

schaukelte mich auf dem Kahne, der dort angebunden war, wäh-

rend die Vesperglocken aus der Stadt über den Garten herüber-

schallten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben mir

hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange.

Währenddes hörte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges

Durcheinandersprechen und Lachen, immer näher und näher,

dann schimmerten rote und weiße Tücher, Hüte und Federn

durchs Grüne, auf einmal kommt ein heller, lichter Haufen von

jungen Herren und Damen vom Schlosse über die Wiese auf

mich los, meine beiden Damen mitten unter ihnen. Ich stand auf

und wollte weggehen, da erblickte mich die ältere von den schö-

nen Damen. "Ei, das ist ja wie gerufen", rief sie mir mit lachen-

dem Munde zu, "fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer über

den Teich!""Die Damen stiegen nun eine nach der andern vor-

sichtig und furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen da-

bei und machten sich ein wenig groß mit ihrer Kühnheit auf dem

Wasser. Als sich darauf die Frauen alle auf die Seitenbänke ge-

lagert hatten, stieß ich vom Ufer. Einer von den jungen Herren,

der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu schaukeln. Dann

wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige schrien

gar. Die schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß

dicht am Bord des Schiffleins und sah stillächelnd in die klaren

Wellen hinunter, die sie mit der Lilie berührte, so daß ihr gan-

zes Bild zwischen den widerscheinenden Wolken und Bäumen

im Wasser noch einmal zu sehen war, wie ein Engel, der leise

durch den tiefen blauen Himmelsgrund zieht.

Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällts auf einmal der andern

lustigen Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr wäh-

rend der Fahrt eins singen. Geschwind dreht sich ein sehr zier-

licher, junger Herr mit einer Brille auf der Nase, der neben ihr

saß, zu ihr herum, küßt ihr sanft die Hand und sagt: "Ich danke

Ihnen für den sinnigen Einfall! Ein Volkslied, gesungen vom

Volke in freiem Felde und Walde, ist ein Alpenröslein auf der

Alpe selbst - die Wunderhörner sind nur Herbarien - ist die

Seele der Nationalseele." Ich aber sagte, ich wisse nichts zu sin-

gen, was für solche Herrschaften schön genug wäre. Da sagte die

schnippische Kammerjungfer, die mit einem Korbe voll Tassen

und Flaschen hart neben mir stand, und die ich bis jetzt noch gar

nicht bemerkt hatte: "Weiß Er doch ein recht hübsches Liedchen

von einer vielschönen Fraue." "Ja, ja, das sing Er nur recht

dreist weg", rief darauf sogleich die Dame wieder. Ich wurde

über und über rot. Indem blickte auch die schöne Frau auf ein-

mal vom Wasser auf und sah mich an, daß es mir durch Leib un

Seele ging. Da besann ich mich nicht lange, faßt ein Herz und

sang so recht aus voller Brust und Lust:

wohin ich geh und schaue,

In Feld und Wald und Tal,

Vom Berg hinab in die Aue:

Vielschöne, hohe Fraue,

Grüß ich dich tausendmal.

In meinem Garten find ich

Viel Blumen, schön und fein,

Viel Kränze wohl draus wind ich,

Und tausend Gedanken bind ich

Und Grüße mit darein.

I h r darf ich keinen reichen,

Sie ist zu hoch und schön,

Die müssen alle verbleichen,

Die Liebe nur ohnegleichen

Bleibt ewig im Herzen stehn.

Ich schein wohl froher Dinge

Und schaffe auf und ab,

Und ob das Herz zerspringe,

Ich grabe fort und singe

Und grab mir bald mein Grab.

Wir stießen ans Land, die Herrschaften stiegen alle aus, viele

von den jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, wäh-

rend ich sang, mit listigen Mienen und Flüstern verspottet vor

den Damen. Der Herr mit der Brille faßte mich im Weggehen

bei der Hand und sagte mir, ich weiß selbst nicht mehr was, die

ältere von meinen Damen sah mich sehr freundlich an. Die schö-

ne Frau hatte während meines ganzen Liedes die Augen nieder-

geschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. Mir

aber standen die Tränen in den Augen schon, wie ich noch sang,

das Herz wollte mir zerspringen von dem Liede vor Scham und

vor Schmerz, es fiel mir jetzt auf einmal alles recht ein, wie s i e

so schön ist und ich so arm bin und verspottet und verlassen von

der Welt - und als sie alle hinter den Büschen verschwunden

waren, da konnt ich mich nicht länger halten, ich warf mich in

das Gras hin und weinte bitterlich.

 

2. Kapitel

Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vor-

über, nur durch eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein

gar sauberes Zollhäuschen mit rotem Ziegeldache war da erbaut

und hinter demselben ein kleines, buntumzäumtes Blumengärt-

chen, das durch eine Lücke in der Mauer des Schloßgartens hin-

durch an den schattigsten und verborgensten Teil des letzteren

stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das alles

sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch

im tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und

rief mich schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich ge-

schwind an und schlenderte hinter dem lustigen Schreiber her,

der unterwegs bald da, bald dort eine Blume abbrach und vorn

an den Rock steckte, bald mit seinem Spazierstöckchen künstlich

in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in den Wind hinein-

parlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die Augen

und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat,

wo es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter

einem ungeheuren Tintenfasse und Stößen von Papier und Bü-

chern und einer ansehnlichen Perücke, wie die Eule aus ihrem

Neste, auf mich und hob an: "Wie heißt Er? Woher ist Er? Kann

Er schreiben, lesen und rechnen?" Da ich das bejahte, versetzte

er: "Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in Betrachtung Seiner

guten Aufführung und besondern Meriten, die ledige Einneh-

merstelle zugedacht." Ich überdachte in der Geschwindigkeit für

mich meine bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte

gestehen, ich fand am Ende selber, daß der Amtmann recht hatte.

Und so war ich denn wirklich Zolleinnehmer, ehe ich michs versah.

Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kur-

zer Zeit eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften ge-

funden, die der selige Einnehmer seinem Nachfolger hinterlas-

sen, unter andern einen prächtigen roten Schlafrock mit gelben

Punkten, grüne Pantoffeln, eine Schlafmütze und einige Pfeifen

mit langen Röhren. Das alles hatte ich mir schon einmal ge-

wünscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer unseren Pfar-

rer so bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte

ich weiter nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem

Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem

längsten Rohre, das ich von dem seligen Einnehmer vorgefun-

den hatte, und sah zu, wie die Leute auf der Landstraße hin und

her gingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer, daß auch

einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die immer sagten, aus

mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und mich

so sehen möchten. Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte,

und überhaupt das alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn

da und dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfang

schwer ist, wie das vornehmere Leben doch eigentlich recht be-

quem sei, und faßte heimlich den Entschluß, nunmehr alles Rei-

sen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die andern und es mit der

Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwi-

schen vergaß ich über meinen Entschlüssen, Sorgen und Geschäf-

ten die allerschönste Frau keineswegs.

Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem klei-

nen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den

auserlesensten Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse

mit der großen kurfürstlichen Nase, der, seitdem ich hier wohn-

te, oft zu mir kam und mein intimer Freund geworden war, be-

denklich von der Seite ansah und mich für einen hielt, den sein

plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ mich das

nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen

Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die

meiner schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des

dichten Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle

Tage einen Strauß von den schönsten Blumen, dich ich hatte,

stieg jeden Abend, wenn es dunkel wurde, über die Mauer und

legte ihn auf einen steinernen Tisch hin, der dort inmitten einer

Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den neuen Strauß

brachte, war der alte von dem Tische fort.

Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die

Sonne ging eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz

und Schimmer, die Donau schlängelte sich prächtig wie von lau-

ter Gold und Feuer in die weite Ferne, von allen Bergen bis tief

ins Land hinein sangen und jauchzten die Winzer. Ich saß mit

dem Portier auf dem Bänkchen vor meinem Hause und freute

mich in der lauen Luft, wie der lustige Tage so langsam vor uns

verdunkelte und verhallte. Da ließen sich auf einmal die Hörner

der zurückkehrenden Jäger von ferne vernehmen, die von den

Bergen gegenüber einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort

gaben. Ich war recht im innersten Herzen vergnügt und sprang

auf und rief wie bezaubert und verzückt vor Lust: "Nein, das

ist mir doch ein Metier, die edle Jägerei!" Der Portier aber

klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte: "Das denkt Ihr Euch

just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient sich kaum die

Sohlen, die man sich abläuft, und Husten und Schnupfen wird

man erst gar nicht los, das kommt von den ewig nassen Füßen."

Ich weiß nicht, mich packte da ein närrischer Zorn, daß ich

ordentlich am ganzen Leibe zitterte. Mir war auf einmal der

ganze Kerl mit seinem langweiligen Mantel, die ewigen Füße,

sein Tabaksschnupfen, die große Nase und alles abscheulich. Ich

faßte ihn, wie außer mir, bei der Brust und sagte: "Portier, jetzt

schert Ihr Euch nach Hause, oder ich prügle Euch hier sogleich

durch!" Den Portier überfiel bei diesen Worten seine alte Mei-

nung, ich wäre verrückt geworden. Er sah mich bedenklich und

mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein Wort zu spre-

chen, von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir

zurückblickend, mit langen Schritten nach dem Schlosse, wo er

atemlos aussagte, ich sei nun wirklich rasend geworden.

Ich aber mußte am Ende laut auflachen und war herzlich froh,

den superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die

Zeit, wo ich den Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pfleg-

te. Ich sprang auch heute schnell über die Mauer und ging eben

auf das steinerne Tischchen los, als ich in einiger Entfernung

Pferdetritte vernahm. Entspringen konnt ich nicht mehr, denn

schon kam meine schöne gnädige Frau selber, in einem grünen

Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam

und, wie es schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten.

Es war mir nicht anders zumute, als da ich sonst in den alten

Büchern bei meinem Vater von der schönen Magelone gelesen,

wie sie so zwischen den immer näher schallenden Waldhorn-

klängen und wechselnden Abendlichtern unter den hohen Bäu-

men hervorkam - ich konnte nicht vom Fleck. Sie aber erschrak

heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt fast un-

willkürlich still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen

und großer Freude, und da ich bemerkte, daß sie wirklich mei-

nen Blumenstrauß von gestern an der Brust hatte, konnte ich

mich nicht länger halten, sondern sagte ganz verwirrt: "Schön-

ste gnädige Frau, nehmt auch noch diesen Blumenstrauß von

mir und alle Blumen aus meinem Garten und alles, was ich habe.

Ach, könnt ich nur für Euch ins Feuer springen!" Sie hatte mich

gleich anfangs so ernsthaft und fast böse angeblickt, daß es mir

durch Mark und Bein ging, dann aber hielt sie, solange ich rede-

te, die Augen tief niedergeschlagen. Soeben ließen sich einige

Reiter und Stimmen im Gebüsche hören. Da ergriff sie schnell

den Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu

sagen, am andern Ende des Bogenganges verschwunden.

Seit dem Abende hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es

war mir beständig zumute wie sonst immer, wenn der Frühling

anfangen sollte, so unruhig und fröhlich, ohne daß ich es wußte,

warum, als stünde mir ein großes Glück oder sonst etwas Außer-

ordentliches bevor. Besonders das fatale Rechnen wollte mir nun

erst gar nicht mehr von der Hand, und ich hatte, wenn der Son-

nenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster grüngol-

den auf die Ziffern fiel und so fix vom Transporte bis zum La-

tus und wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedan-

ken dabei, so daß ich manchmal ganz verwirrt wurde und wahr-

haftig nicht bis drei zählen konnte. Denn die Acht kam mir

immer vor wie meine dicke, enggeschnürte Dame mit dem brei-

ten Kopfputze, die böse Sieben war gar wie ein ewig rückwärts

zeigender Wegweiser oder Galgen. Am meisten Spaß machte mir

noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah, lustig als

Sechs auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein Fragezei-

chen so pfiffig dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll das

am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne s i e, diese

schlanke Eins und Alles, bleibst du doch ewig nichts!

Auch das Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr

behagen. Ich nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Sche-

mel mit heraus und streckte die Füße darauf, ich flickte ein altes

Parasol vom Einnehmer und steckte es gegen die Sonne wie ein

chinesisches Lusthaus über mich. Aber es half nichts. Es schien

mir, wie ich so saß und rauchte und spekulierte, als würden mir

allmählich die Beine immer länger vor Langerweile, und die Nase

wüchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr her-

untersah. Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch

eine Extrapost vorbeikam, und ich trat halb verschlafen in die

kühle Luft hinaus, und ein niedliches Gesichtchen, von dem man

in der Dämmerung nur die funklenden Augen sah, bog sich neu-

gierig zum Wagen hervor und bot mir freundlich einen guten

Morgen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die Hähne so

frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen

den Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne

zu früh erwachte Lerchen, und der Postillon nahm dann sein

Posthorn und fuhr weiter und blies und blies - da stand ich

lange und sah dein Wagen nach, und es war mir nicht anders, als

müßt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in die Welt.

Meine Blumensträuße legte ich indes immer noch, sobald die

Sonne unterging, auf den steinernen Tisch in der dunkeln Laube.

Aber das war es eben: damit war es nun aus seit jenem Abende.

Kein Mensch kümmerte sich darum: so oft ich des Morgens früh-

zeitig nachsah, lagen die Blumen noch immer da wie gestern und

sahen mich mit ihren verwelkten, niederhängenden Köpfchen

und daraufstehenden Tautropfen ordentlich betrübt an, als ob

sie weinten. Das verdroß mich sehr. Ich band gar keinen Strauß

mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben,

wie es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehen und wachsen,

bis der Wind die Blätter verwehte. War mirs doch ebenso wild

und bunt und verstört im Herzen.

In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal,

als ich eben zu Hause im Fenster liege und verdrüßlich in die

leere Luft hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die

Straße dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte,

schnell zu mir ein und blieb am Fenster stehen. "Der gnädige

Herr ist gestern von seiner Reise zurückgekommen", sagte sie

eilfertig. "So?" entgegnete ich verwundert - denn ich hatte mich

schon seit einigen Wochen um nichts bekümmert und wußte nicht

einmal, daß der Herr auf Reisen war - "da wird seine Tochter,

die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt haben." Die

Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so daß

ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes

gesagt hätte. "Er weiß aber auch gar nichts", sagte sie endlich

und rümpfte das kleine Näschen. "Nun", fuhr sie fort, "es soll

heute abend dem Herrn zu Ehren Tanz im Schlosse sein und

Maskerade. Meine gnädige Frau wird auch maskiert sein, als

Gärtnerin - versteht Er auch recht - als Gärtnerin. Nun hat die

gnädige Frau gesehen, daß Er besonders schöne Blumen hat in

Seinem Garten." - Das ist seltsam, dachte ich bei mir selbst, man

sieht doch jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut. Sie aber

fuhr fort: "Da nun die gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem

Anzuge braucht, aber ganz frische, die eben vom Beete kommen,

so soll Er ihr welche bringen und damit heute abend, wenn’s

dunkel geworden ist, unter dem großen Birnbaum im Schloß-

garten warten, da wird sie dann kommen und die Blumen ab-

holen."

Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht und

lief in meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer

hinaus.

"Pfui, der garstige Schlafrock!" rief diese aus, da sie mich auf

einmal so in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich,

ich wollte auch nicht dahinter bleiben in der Galantene und

machte einige artige Kapriolen, um sie zu erhaschen und zu küs-

sen. Aber unglücklicherweise verwickelte sich mir dabei der

Schlafrock, der mir viel zu lang war, unter den Füßen, und ich

fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich wieder zusam-

menraffte, war die Kammerjungfer schon weit fort, und ich

hörte sie noch von fern lachen, daß sie sich die Seiten halten

mußte.

Nun aber liatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. S i e

dachte ja noch immer an mich und meine Blumen! Ich ging in

mein Gärtchen und riß hastig alles Unkraut von den Beeten und

warf es hoch über meinen Kopf weg in die schimmernde Luft,

als zög ich alle Übel und Melancholie mit der Wurzel heraus.

Die Rosen waren nun wieder wie i h r Mund, die himmelblauen

Winden wie i h r e Augen, die schneeweiße Lilie mit ihrem

schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie s i e. Ich legte

alle sorgfältig in einem Körbchen zusammen. Es war ein stiller,

schöner Abend und kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne

traten schon am Firmamente hervor, von weitem rauschte die

Donau über die Felder herüber, in den hohen Bäumen im herr-

schaftlichen Garten neben mir sangen unzählige Vögel lustig

durcheinander. Ach, ich war so glücklich!

Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen

an den Arm und machte mich auf den Weg nach dem großen

Garten. In dem Körbchen lag alles so bunt und anmutig durch-

einander, weiß, rot, blau und duftig, daß mir ordentlich das

Herz lachte, wenn ich hineinsah.

Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mond-

schein durch die stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gänge über

die kleinen weißen Brücken, unter denen die Schwän e einge-

schlafen auf dem Wasser saßen, an den zierlichen Lauben und

Lusthäusern vorüber. Den großen Birnbaum hatte ich gar bald

aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem ich sonst, als ich

noch Gärtnerbursche war, an schwülen Nachmittagen gelegen.

Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und

flüsterte mit Ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlos-

se schallte manchmal die Tanzmusik herüber. Auch Menschen-

stimmen hörte ich zuweilen im Garten, die kamen oft ganz nahe

an mich heran, dann wurde es auf einmal wieder ganz still.

Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zu-

mute, als wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand die lange Zeit

stockstilll an den Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten da

aber immer niemand kam, konnte ich es nicht länger aushalten.

Ich hing mein Körbchen an den Arm und kletterte schnell auf

den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft zu schöpfen.

Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die

Wipfel entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in

die hellerleuchteten Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten

sich die Kronleuchter langsam wie Kränze von Sternen, unzäh-

lige geputzte Heren und Damen wie in einem Schattenspiele,

wogten und walzten und wirrten da bunt und unkenntlich

durcheinander, manchmal legten sich welche ins Fenster und sa-

hen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber wa-

ren der Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen

Lichtern aus dem Saale wie vergoldet, so daß ordentlich die Blu-

men und die Vögel aufzuwachen schienen. Weiterhin um mich

herum und hinter mir lag der Garten so schwarz und still.

Da tanzte s i e nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir

selber, und hat gewiß dich und deine Blumen wieder ver-

gessen. Alles ist so fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch.

Und so geht es mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen

auf der Erde ausgesteckt, hat seinen warmen Ofen, seine Tasse

Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend und ist so recht zu-

frieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen Haut.

Mir ist’s nirgends recht. Es ist, als wär ich überall eben zu spät

gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet.

Wie ich eben so philosophiere, höre ich auf einmal unten im

Grase etwas einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz

nahe und leise miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige

in dem Gesträuche auseinander, und die Kammerjungfrau steckte

ihr kleines Gesichtchen, sich nach allen Seiten umsehend, zwi-

schen der Laube hindurch. Der Mondschein funkelte recht auf

ihren pfiffigen Augen, wie sie hervorguckten. Ich hielt den Atem

an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch nicht

lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so wie mir sie die

Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bäu-

men heraus. Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber

hatte eine Larve vor und sah sich, wie mir schien, verwundert

auf dem Platze um. Da wollts mir vorkommen, als wäre sie gar

nicht recht schlank und niedlich. Endlich trat sie ganz nahe an

den Baum und nahm die Larve ab. - Es war wahrhaftig die

andere ältere gnädige Frau!

Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt

hatte, daß ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller

Welt, dachte ich, kommt d i e nur jetzt hierher? Wenn nun die

liebe, schöne, gnädige Frau die Blumen abholt - das wird eine

schöne Geschichte werden! Ich hätte am Ende weinen mögen vor

Ärger über den ganzen Spektakel.

Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: "Es ist so stik-

kend heiß droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig

abzukühlen in der freien, schönen Natur." Dabei fächelte sie

sich mit der Larve in einem fort und blies die Luft von sich. Bei

dem hellen Mondscheine konnt ich deutlich erkennen, wie ihr die

Flechsen am Halse ordentlich aufgeschwollen waren; sie sah

ganz erbost aus und ziegelrot im Gesichte. Die Kammerjungfer

suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als hätte sie eine

Stecknadel verloren.

"Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner

Maske", fuhr die Gärtnerin von neuem fort, "wo er auch stecken

mag!" Die Kammerjungfer suchte und kicherte dabei immerfort

heimlich in sich selbst hinein. "Sagtest du was, Rosette?" fragte

die Gärtnerin spitzig. "Ich sage, was ich immer gesagt habe",

erwiderte die Kammerjungfer und machte ein ganz ernsthaftes,

treuherziges Gesicht, "der ganze Einnehmer ist und bleibt ein

Lümmel, er liegt gewiß irgendwo hinter einem Strauche und

schläft."

Mir zuckte es in allen meinen Gliedern, herunterzuspringen

und meine Reputation zu retten - da hörte man auf einmal ein

großes Pauken und Musizieren und Lärmen vom Schlosse her.

Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. "Da bringen die

Menschen", fuhr sie verdrüßlich auf, "dem Herrn das Vivat.

Komm, man wird uns vermissen!" Und hiermit steckte sie die

Larve schnell vor und ging wütend mit der Kammerjungfe

nach dem Schlosse zu fort. Die Bäume und Sträucher wiesen ku-

rios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr drein, der

Mondschein tanzte noch fix, wie über eine Klaviatur, über ihre

breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich

auf dem Theater manchmal die Sängerinnen gesehen, unter Trom-

peten und Pauken schnell ihren Abzug.

Ich aber wußte in meinem Baume droben eigentlich gar nicht

recht, wie mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen un-

verwandt auf das Schloß hin; denn ein Kreis hoher Windlichter

unten an den Stufen des Eingangs warf dort einen seltsamen

Schein über die blitzenden Fenster und weit in den Garten hin-

ein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer jungen Herrschaft

ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der prächtig

aufgeputzte Portier wie ein Staatsminister vor einem Notenpul-

te und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab.

Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schönen Serenade

zuzuhören, gingen auf einmal oben auf dem Balkone des Schlos-

ses die Flügeltüren auf. Ein hoher Herr, schön und stattlich in

Uniform und mit vielen funkelnden Sternen, trat auf den Bal-

kon heraus und an seiner Hand - die schöne junge gnädige Frau,

in ganz weißem Kleide, wie eine Lilie in der Nacht oder wie

wenn der Mond über das klare Firmament zöge.

Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Gar-

ten, Bäume und Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie

so wundersam beleuchtet von den Fackeln hoch und schlank da-

stand und bald anmutig mit dem schönen Offizier sprach, bald

wieder freundlich zu den Musikanten herunternickte. Die Leute

unten waren außer sich vor Freude, und ich hielt mich am Ende

auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften Vivat mit.

Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon verschwand,

unten eine Fackel nach der andern verlöschte und die Noten-

pulte weggeräumt wurden und nun der Garten ringsumher auch

wieder finster wurde und rauschte wie vorher - da merkt ich

erst alles - da fiel es mir auf einmal aufs Herz, daß mich wohl

eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt hatte, daß die

Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist, und

daß ich selber ein großer Narr war.

Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nach-

sinnen. Ich wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln mei-

ner eignen Gedanken zusammen: vom Schlosse schallte die Tanz-

musik nur noch seltner herüber. Und so saß ich auf dem Baume

droben wie die Nachteule, in den Ruinen meines Glückes die

ganze Nacht hindurch.

Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träu-

mereien. Ich erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich

her blickte. Musik und Tanz waren lange vorbei, im Schlosse und

rings um das Schloß herum auf dem Rasenplatze und den stei-

nernen Stufen und Säulen sah alles so still, kühl und feierlich

aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange plätscherte ein-

sam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir er-

wachten schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und

sahen, die kleinen Flügel dehnend, neugierig und verwundert

ihren seltsamen Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Mor-

genstrahlen funkelten über den Garten weg auf meine Brust.

Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer

Zeit zum ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land

hinaus, wie da schon einzelne Schiffe auf der Donau zwischen

den Weinbergen herabfuhren und die noch leeren Landstraßen

wie Brücken über das schimmernde Land sich fern über die Berge

und Täler hinausschwangen.

Ich weiß nicht, wie es kam - aber mich packte da auf einmal

wieder meine ehemalige Reiselust; alle die alte Wehmut und

Freude und große Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie

nun die schöne Frau droben auf dem Schlosse zwischen Blumen

und unter seidnen Decken schlummerte und ein Engel bei ihr auf

dem Bette säße in der Morgenstille. - Nein, rief ich aus, fort

muß ich von hier, und immerfort, so weit, als der Himmel blau

ist! Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die

Luft, so daß es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen

zwischen den Zweigen und auf dem grünen Rasen unten bunt

umherlagen. Dann stieg ich selber schnell herunter und ging

durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu. Gar oft blieb

ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst wohl

einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.

In und um mein Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es

gestern verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst,

im Zimmer drin lag noch das große Rechnungsbuch aufgeschla-

gen, meine Geige, die ich schon fast ganz vergessen hatte, hing

verstaubt an der Wand. Ein Morgenstrahl aber aus dem gegen-

überstehenden Fenster fuhr gerade blitzend über die Saiten. Das

gab einen rechten Klang in meinem Herzen. Ja, komm nur her,

du getreues Instrument! Unser Reich ist nicht von dieser Welt!

Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ Rechnungs-

buch, Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wan-

derte, arm wie ich gekommen war, aus meinem Häuschen und

auf der glänzenden Landstraße von dannen.

Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zumute, so

traurig und doch auch wieder so überaus fröhlich, wie ein Vogel,

der aus seinem Käfig ausreißt. Und als ich schon eine weite

Strecke gegangen war, nahm ich draußen im Freien meine Geige

vor und sang:

Den lieben Gott laß ich nur walten;

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld

Und Erd und Himmel tut erhalten,

Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

Das Schloß, der Garten und die Türme von Wien waren schon

hinter mir im Morgenduft versunken, über mir jubilierten un-

zählige Lerchen hoch in der Luft; so zog ich zwischen den grünen

Bergen und an lustigen Städten und Dörfern vorbei gen Italien

hinunter.

 

3. Kapitel

Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran ge-

dacht, daß ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war

ringsumher kein Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde,

den ich hätte fragen können, und nicht weit von mir teilte sich

die Landstraße in viele neue Landstraßen, die gingen weit, weit

über die höchsten Berge fort, als führten sie aus der Welt hinaus,

so daß mir ordentlich schwindelte, wenn ich recht hinsah.

Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach

der Kirche ging, da es heut eben Sonntag war, in einem alt-

modischen Überrock mit großen, silbernen Knöpfen und einem

langen spanischen Rohr mit einem sehr massiven silbernen Stock-

knopfe darauf, der schon von weitem in der Sonne funkelte.

Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: "Können Sie mir

nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?" Der Bauer blieb

stehen, sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener

Unterlippe und sah mich wieder an. Ich sagte noch einmal: "Nach

Italien, wo die Pomeranzen wachsen." "Ach, was gehn mich Sei-

ne Pomeranzen an!" sagte der Bauer da und schritt wacker wie-

der weiter. Ich hätte dem Manne mehr Konduite zugetraut, denn

er sah recht stattlich aus.

Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf

zurückgehn? Da hätten die Leute mit den Fingern auf mich ge-

wiesen, und die Jungen wären um mich herumgesprungen: Ei,

tausend willkommen aus der Welt! wie sieht es denn aus in der

Welt? hat er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus der Welt?

Der Portier mit der kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt viele

Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir:

"Wertgeschätzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land,

da sorgt der liebe Gott für alles, da kann man sich im Sonnen-

schein auf den Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen ins

Maul, und wenn einen die Tarantel beißt, so tanzt man mit un-

gemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch sonst nicht tanzen ge-

lernt hat. " - Nein, nach Italien, nach Italien! rief ich voller Ver-

gnügen aus und rannte, ohne an die verschiedenen Wege zu den-

ken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam.

Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von

der Straße einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne

so lustig zwischen den Stämmen und Wipfeln hindurchschim-

merte, daß es aussah, als wäre der Rasen mit goldenen Tep-

pichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte, stieg ich über

den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich unter

einem Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager

auf dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man

weit ins Land hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen

bis aus der weitesten Ferne Glockenklänge über die stillen Felder

herüber, und geputzte Landleute zogen überall zwischen Wiesen

und Büschen nach der Kirche. Ich war recht fröhlich im Herzen,

die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an meine Mühle

und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie das alles

nun so weit, weit lag - bis ich zuletzt einschlummerte. Da

träumte mir, als käme die schöne Frau aus der prächtigen Ge-

gend unten zu mir gegangen oder eigentlich langsam geflogen,

zwischen den Glockenklängen, mit langen weißen Schleiern, die

im Morgenrote wehten. Dann war es wieder, als wären wir gar

nicht in der Fremde, sondern bei meinem Dorfe an der Mühle

in den tiefen Schatten. Aber da war alles still und leer, wie wenn

die Leute sonntags in der Kirche sind und nur der Orgelklang

durch die Bäume herüberkommt, daß es mir recht im Herzen

weh tat. Die schöne Frau aber war sehr gut und freundlich, sie

hielt mich an der Hand und ging mit mir und sang in einem fort

in dieser Einsamkeit das schöne Lied, das sie damals immer früh-

morgens am offenen Fenster zur Gitarre gesungen hatte, und ich

sah dabei ihr Bild in dem stillen Weiher, noch viel tausendmal

schöner, aber mit sonderbaren großen Augen, die mich so starr

ansahen, daß ich mich beinahe gefürchtet hätte. Da fing auf ein-

mal die Mühle, erst in einzelnen langsamen Schlägen, dann im-

mer schneller und heftiger an zu gehen und zu brausen, der

Weiher wurde dunkel und kräuselte sich, die schöne Fraue wurde

ganz bleich, und ihre Schleier wurden immer länger und länger

und flatterten entsetzlich in langen Spitzen wie Nebelstreifen

hoch am Himmel empor; das Sausen nahm immer mehr zu, oft

war es, als bliese der Portier auf seinem Fagott dazwischen, bis

ich endlich mit heftigem Herzklopfen aufwachte.

Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir

durch den Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte,

war weder die Mühle noch der Portier, sondern derselbe Bauer,

der mir vorhin den Weg nach Italien nicht zeigen wollte. Er

hatte aber seinen Sonntagsstaat ausgezogen und stand in einem

weißen Kamisol vor mir. "Na", sagte er, da ich mir noch den

Schlaf aus den Augen wischte, "will Er etwa hier Poperenzen

klauben, daß Er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt in

die Kirche zu gehen, Er Faulenzer!" Mich ärgerte es nur, daß

mich der Grobian aufgeweckt hatte. Ich sprang ganz erbost auf

und versetzte geschwind: "Was, Er will mich hier ausschimpfen?

Ich bin Gärtner gewesen, eh Er daran dachte, und Einnehmer,

und wenn Er zur Stadt gefahren wäre, hätte Er die schmierige

Schlafmütze vor mir abnehmen müssen, und hatte mein Haus

und meinen roten Schlafrock mit gelben Punkten." Aber der

Knollfink scherte sich gar nichts darum, sondern stemmte beide

Arme in die Seiten und sagte bloß: "Was will Er denn? he! he!"

Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer, stämmiger, krumm-

beiniger Kerl war und vorstehende glotzende Augen und eine

rote, etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts wei-

ter sagte als "he!-he!" und dabei jedesmal einen Schritt näher

auf mich zukam, da überfiel mich auf einmal eine so kuriose

grausliche Angst, daß ich mich schnell aufmachte, über den Zaun

sprang und, ohne mich umzusehen, immerfort querfeldein lief,

daß mir die Geige in der Tasche klang.

Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war

der Garten und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand

in einem schönen Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht,

denn jetzt ärgerte mich das Spektakel erst recht, und daß der

Kerl mich immer Er nannte, und ich schimpfte noch lange im

stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich rasch fort und kam

immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das Gebirge

hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf,

und ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig

vor mir. Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu ver-

nehmen. Sonst aber war es recht anmutig zu gehen, die Wipfel

der Bäume rauschten, und die Vögel sangen sehr schön. Ich be-

fahl mich daher Gottes Führung, zog meine Violine hervor und

spielte alle meine liebsten Stücke durch, daß es recht fröhlich in

dem einsamen Walde erklang.

Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stol-

perte dabei jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln,

auch fing mich zuletzt an zu hungern, und der Wald wollte noch

immer gar kein Ende nehmen. So irrte ich den ganzen Tag her-

um, und die Sonne schien schon schief zwischen den Baumstäm-

men hindurch, als ich endlich in ein kleines Wiesental hinauskam,

das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber

Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im Abend-

golde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt

wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und

ein Hirt lag drüben im hohen Grase und blies so melancholisch

auf seiner Schalmei, daß einem das Herz vor Wehmut hätte zer-

springen mögen. Ja, dachte ich bei mir, wer es so gut hätte wie

so ein Faulenzer! Unsereiner muß sich in der Fremde herum-

schlagen und immer attent sein. - Da ein schönes, klares Flüß-

chen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so rief

ich ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ

sich aber nicht stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig

aus dem Grase hervor, wies mit seiner Schalmei auf den andern

Wald hin und blies ruhig wieder weiter.

Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu

dämmern. Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht

hatten, als die letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schim-

merten, wurden auf einmal still, und mir fing beinahe an angst

zu werden in dem ewigen einsamen Rauschen der Wälder. End-

lich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich schritt rascher fort,

der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald darauf sah

ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen, grünen

Platz, auf dem viele Kinder lärmten und sich um eine große

Linde herumtummelten, die recht in der Mitte stand. Weiterhin

an dem Platze war ein Wirtshaus, vor dem einige Bauern um

einen Tisch saßen und Karten spielten und Tabak rauchten. Von

der andern Seite saßen junge Burschen und Mädchen vor der Tür,

die die Arme in die Schürzen gewickelt hatten und in der Kühle

miteinander plauderten.

Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche

und spielte schnell einen lustigen Ländler auf, während ich aus

dem Walde hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Al-

ten lachten, daß es weit in den Wald hineinschallte. Als ich aber

so bis zu der Linde gekommen war und mich mit dem Rücken

dranlehnte und immerfort spielte, da ging ein heimliches Ru-

moren und Gewisper unter den jungen Leuten rechts und links,

die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg, jeder nahm

sich die Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge

Bauernvolk tüchtig um mich herum, die Hunde bellten, die Kit-

tel flogen, und die Kinder standen um mich im Kreise und sahen

mir neugierig ins Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix da-

mit hantierte.

Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen,

wie eine gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernbur-

schen, die sich vorher, die Pfeifen im Munde, auf den Bänken

reckten und die steifen Beine von sich streckten, waren nun auf

einmal wie umgetauscht, ließen ihre bunten Schnupftücher vorn

am Knopfloch lang herunterhängen und kapriolten so artig um

die Mädchen herum, daß es eine rechte Lust anzuschauen war.

Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt, haspelte

lange in seiner Westentasche, damit es die andern sehen sollten,

und brachte endlich ein kleines Silberstück heraus, das er mir in

die Hand drücken wollte. Mich ärgerte das, wenn ich gleich da-

zumal kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur

seine Pfennige behalten, ich spielte nur so aus Freude, weil ich

wieder bei Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein schmuk-

kes Mädchen mit einer großen Stampe Wein zu mir. "Musikan-

ten trinken gern", sagte sie und lachte mich freundlich an, und

ihre perlweißen Zähne schimmerten recht scharmant zwischen

den roten Lippen hindurch, so daß ich sie wohl hätte darauf

küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen in den Wein, wobei

ihre Augen über das Glas weg auf mich herüberfunkelten, und

reichte mir drauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf

den Grund aus und spielte dann wieder von frischem, daß sich

alles lustig um mich herumdrehte.

Die Alten waren unterdes von ihrem Spiele aufgebrochen, die

jungen Leute fingen auch an müde zu werden und zerstreuten

sich, und so wurde es nach und nach ganz still und leer vor dem

Wirtshause. Auch das Mädchen, das mir den Wein gereicht hatte,

ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging sehr langsam und sah

sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte. Endlich blieb

sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah wohl, daß

sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir zu-

rückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich

sprang also geschwind herzu und sagte: "Haben Sie etwas ver-

loren, schönste Mamsell?" "Ach nein", sagte sie und wurde über

und über rot, "es war nur eine Rose - will Er sie haben?" Ich

dankte und steckte die Rose ins Knopfloch. Sie sah mich sehr

freundlich an und sagte: "Er spielt recht schön." "Ja", versetzte

ich, "das ist so eine Gabe Gottes." "Die Musikanten sind hier in

der Gegend sehr rar", hub das Mädchen dann wieder an und

stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen. "Er

könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen - auch mein

Vater spielt etwas die Geige und hört gern von der Fremde er-

zählen - und mein Vater ist sehr reich." Dann lachte sie auf und

sagte: "Wenn Er nur nicht immer solche Grimassen machen möch-

te mit dem Kopfe beim Geigen!" "Teuerste Jungfer", erwiderte

ich, "erstlich: Nennen Sie mich nur nicht immer Er; sodann mit

dem Kopftremulenzen, das ist einmal nicht anders, das haben

wir Virtuosen alle so an uns." "Ach so!" entgegnete das Mäd-

chen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf

einmal ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustür

ging mit großem Gekrache auf, und ein dünner Kerl kam wie

ein ausgeschossener Ladestock herausgeflogen, worauf die Tür

sogleich wieder hinter ihm zugeschlagen wurde.

Das Mädchen war bei dem ersten Geräusche wie ein Reh da-

vongesprungen und im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der

Tür aber raffte sich hurtig wieder vom Boden auf und fing nun

an, mit solcher Geschwindigkeit gegen das Haus loszuschimpfen,

daß es ordentlich zum Erstaunen war. "Was!" schrie er, "ich be-

soffen? ich die Kreidestriche an der verräucherten Tür nicht be-

zahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Hab ich euch nicht erst

gestern übern Kochlöffel barbiert und in die Nase geschnitten,

daß ihr mir den Löffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren

macht einen Strich - Kochlöffel, wieder einen Strich - Pflaster

auf die Nase, noch ein Strich - wieviel solche hundsföttische Stri-

che wollt ihr denn noch bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich

lasse das ganze Dorf, die ganze Welt ungeschoren. Lauft meinet-

wegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott am Jüngsten Tage

nicht weiß, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt euch an

euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären!´"Hier brach

er auf einmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz er-

bärmlich durch die Fistel fort: "Wasser soll ich saufen wie ein

elender Fisch? Ist das Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und

ein ausgelernter Feldscher? Ach, ich bin heute so in der Rage!

Mein Herz ist voller Rührung und Menschenliebe!" Bei diesen

Worten zog er sich nach und nach zurück, da im Hause alles still

blieb. Als er mich erblickte, kam er mit ausgebreiteten Armen

auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte mich embrassie-

ren. Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er weiter, und

ich hörte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die Fin-

sternis mit sich diskutieren.

Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die

mir vorhin die Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich -

ich konnte da mein Glück machen, eh man die Hand umkehrte.

Und Hammel und Schweine, Puter und fette Gänse mit Apfeln

gestopft - ja, es war mir nicht anders, als sähe ich den Portier auf

mich zukommen: "Greif zu, Einnehmer, greif zu! Jung gefreit,

hat niemand gereut, wers Glück hat, führt die Braut heim,

bleibe im Lande und nähre dich tüchtig." In solchen philosophi-

schen Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz

einsam war, auf einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus an-

zuklopfen traute ich mich nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte.

Der Mond schien prächtig, von den Bergen rauschten die Wälder

durch die stille Nacht herüber, manchmal schlugen im Dorfe die

Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und Mondschein

wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da ein-

zelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manch-

mal ein Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dacht ich,

scheint der Mond auch über meines Vaters Mühle und auf das

weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun auch schon alles lange still,

die gnädige Frau schläft, und die Wasserkünste und Bäume im

Garten rauschen noch immerfort wie damals, und allen ist`s

gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben. -

Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß

vor, und ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgrunde

hätte weinen mögen.

Wie ich noch immer so dasitze, höre ich auf einmal aus der

Ferne Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte,

da kam es immer näher und näher, und ich konnte schon die

Pferde schnauben hören. Bald darauf kamen auch wirklich zwei

Reiter unter den Bäumen hervor, hielten aber am Saume des

Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig miteinander, wie

ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über den Mond-

beglänzten Platz vorschossen und mit langen, dunklen Armen

bald dahin, bald dorthin wiesen. Wie oft, wenn mir zu Hause

meine verstorbene Mutter von wilden Wäldern und martia-

lischen Räubern erzählte, hatte ich mir sonst immer heimlich ge-

wünscht, eine solche Geschichte selbst zu erleben. Da hatte ichs

nun auf einmal für meine dummen, frevelmütigen Gedanken!

Ich streckte mich nun an dem Lindenbaum, unter dem ich ge-

sessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich nur konnte, bis ich

den ersten Ast erreicht hatte und mich geschwinde hinaufschwang

Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe über dem Aste und

wollte soeben auch meine Beine nachholen, als der eine von der

Reitern rasch hinter mir über den Platz dahertrabte. Ich drückte

nun die Augen fest zu in dem dunklen Laube und rührte und

regte mich nicht. - "Wer ist da?" rief es auf einmal dicht hin-

ter mir. "Niemand!" schrie ich aus Leibeskräften vor Schreck,

daß er mich doch noch erwischt hatte. Insgeheim mußte ich aber

doch bei mir lachen, wie die Kerls sich schneiden würden, wenn

sie mir die leeren Taschen umdrehten. "Ei, ei", sagte der Räuber

wieder, "wem gehören denn aber die zwei Beine, die da her-

unterhängen?" Da half nichts mehr. "Nichts weiter", versetzte

ich, "als ein Paar arme verirrte Musikantenbeine", und ließ mich

rasch wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch,

länger wie eine zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen.

Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume

herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: "Nun,

wir sind auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dächte

also, du hälfest uns ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es

soll dein Schade nicht sein." Ich hatte nun gut beteuern, daß ich

gar nicht wüßte, wo B. läge, daß ich lieber hier im Wirtshause

fragen oder sie in das Dorf hinunterführen wollte. Der Kerl

nahm gar keine Räson an. Er zog ganz ruhig eine Pistole aus

dem Gurte, die recht hübsch im Mondschein funkelte. "Mein

Liebster", sagte er dabei sehr freundschaftlich zu mir, während

er bald den Lauf der Pistole abwischte, bald wieder prüfend an

die Augen hielt, "mein Liebster, du wirst wohl so gut sein, selber

nach B. vorauszugehen."

Da war ich nun recht übel dran. Traf ich den Weg, so kam

ich gewiß zu der Räuberbande und bekam Prügel, da ich kein

Geld bei mir hatte; traf ich ihn nicht - so bekam ich auch Prügel.

Ich besann mich also nicht lange und schlug den ersten besten

Weg ein, der an dem Wirtshaus vorüber vom Dorfe abführte.

Der Reiter sprengte schnell zu seinem Begleiter zurück, und bei-

de folgten mir dann in einiger Entfernung langsam nach. So

zogen wir eigentlich recht närrisch auf gut Glück in die mond-

helle Nacht hinein. Der Weg lief immerfort im Walde an einem

Bergeshange fort. Zuweilen konnte man über die Tannenwipfel,

die von unten herauflangten und sich dunkel rührten, weit in

die tiefen, stillen Täler hinaussehen, hin und her schlug eine

Nachtigall, Hunde bellten in der Ferne in den Dörfern. Ein

Fluß rauschte beständig aus der Tiefe und blitzte zuweilen im

Mondscheine auf. Dabei das einförmige Pferdegetrappel und das

Wirren und Schwirren der Reiter hinter mir, die unaufhörlich

in einer fremden Sprache miteinander plauderten, und das helle

Mondlicht und die langen Schatten der Baumstämme, die wech-

selnd über die beiden Reiter wegflogen, daß sie mir bald schwarz,

bald hell, bald klein, bald wieder riesengroß vorkamen. Mir

verwirrten sich ordentlich die Gedanken, als läge ich in einem

Traum und könnte gar nicht aufwachen. Ich schritt immer stramm

vor mich hin. - Wir müssen, dachte ich, doch am Ende aus dem

Walde und aus der Nacht herauskommen.

Endlich flogen hin und wieder schon lange, rötliche Scheine

über den Himmel, ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel

haucht, auch eine Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale.

Da wurde mir auf einmal ganz klar im Herzen bei dem Morgen-

gruße, und alle Furcht war vorüber. Die beiden Reiter aber

streckten sich und sahen sich nach allen Seiten um und schienen

nun erst gewahr zu werden, daß wir doch wohl nicht auf dem

rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich

merkte wohl, daß sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als

finge der eine sich vor mir zu fürchten an, als könnt ich wohl

gar so ein heimlicher Schnapphahn sein, der sie im Walde irre-

führen wollte. Das machte mir Spaß, denn je lichter es ringsum

wurde, je mehr Courage kriegt ich, zumal da wir soeben auf

einen schönen, freien Waldplatz herauskamen. Ich sah mich da-

her nach allen Seiten ganz wild um und pfiff dann ein paarmal

auf den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich einander

Signale geben wollen.

"Halt!" rief auf einmal der eine von den Reitern, daß ich or-

dentlich zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abge-

stiegen und haben ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der

eine kommt aber rasch auf mich los, sieht mir ganz starr ins

Gesicht und fängt auf einmal ganz unmäßig an zu lachen. Ich

muß gestehen, mich ärgerte das unvernünftige Gelächter. Er

aber sagte: "Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen: Ein-

nehmer vom Schloß!"

Ich sah ihn groß an, wußte mich aber seiner nicht zu erinnern,

hätt auch viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Her-

ren hätte ansehen wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten.

Er aber fuhr mit ewigem Gelächter fort: "Das ist prächtig! Du

vakierst, wie ich sehe, wir brauchen eben einen Bedienten, bleib

bei uns, da hast du ewige Vakanz." Ich war ganz verblüfft und

sagte endlich, daß ich soeben auf einer Reise nach Italien begrif-

fen wäre. "Nach Italien?" entgegnete der Fremde; "eben dahin

wollen auch wir!" "Nun, wenn das ist!" rief ich aus und zog

voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die

Vögel im Walde aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind

den andern Herrn und walzte mit ihm wie verrückt auf dem

Rasen herum.

Dann standen sie plötzlich still. "Bei Gott!" rief der eine, "da

seh ich schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald

unten sein." Er zog seine Uhr heraus und ließ sie repetieren,

schüttelte mit dem Kopfe und ließ noch einmal schlagen. "Nein",

sagte er, "das geht nicht, wir kommen so zu früh hin, das könnte

schlimm werden!"

Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und

Weinflaschen, breiteten eine schöne, bunte Decke auf dem grü-

nen Rasen aus, streckten sich darüber hin und schmausten sehr

vergnüglich teilten auch mir von allem sehr reichlich mit, was

mir gar wohlbekam, da ich seit einigen Tagen schon nicht mehr

vernünftig gespeist hatte. "Und daß du`s weißt", sagte der eine

zu mir, "aber du kennst uns doch nicht?" Ich schüttelte mit

dem Kopfe. "Also, daß du`s weißt: Ich bin der Maler Leonhard,

und das dort ist - wieder ein Maler - Guido geheißen."

Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgen-

dämmerung. Der eine, Herr Leonhard, war groß, schlank,

braun, mit lustigen, feurigen Augen. Der andere war viel jünger,

kleiner und feiner, auf altdeutsche Mode gekleidet, wie es der

Portier nannte, mit weißem Kragen und bloßem Halse, um den

die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft aus dem hüb-

schen Gesichte wegschütteln mußte. Als dieser genug gefrüh-

stückt hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf

den Boden gelegt hatte, setzte sich damit auf einen abgehauenen

Baumast und klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er

dazu so hell wie ein Waldvögelein, daß es mir recht durchs ganze

Herz klang:

Fliegt der erste Morgenstrahl

Durch das stille Nebeltal,

Rauscht erwachend Wald und Hügel:

Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft

Wirft der Mensch vor Lust und ruft:

Hat Gesang doch auch noch Schwingen,

Nun, so will ich fröhlich singen!

Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über

sein etwas blasses Gesicht und die schwarzen, verliebten Augen.

Ich aber war so müde, daß sich mir die Worte und Noten, wäh-

rend er so sang, immer mehr verwirrten, bis ich zuletzt fest ein-

schlief.

Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich

wie im Traume die beiden Maler noch immer neben mir sprechen

und die Vögel über mir singen, und die Morgenstrahlen schim-

merten mir durch die geschlossenen Augen, daß mirs innerlich

so dunkelhell war, wie wenn die Sonne durch rotseidene Gar-

dinen scheint. Come e` bello! hörte ich da dicht neben mir aus-

rufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen Maler,

der im funkelnden Morgenlichte über mich hergebeugt stand,

so daß beinah nur die großen, schwarzen Augen zwischen den

herabhängenden Locken zu sehen waren.

Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag ge-

worden. Der Herr Leonhard schien verdrüßlich zu sein, er hatte

zwei zornige Falten auf der Stirn und trieb hastig zum Auf-

bruche. Der andere Maler aber schüttelte seine Locken aus dem

Gesichte und trällerte, während er sein Pferd aufzäumte, ruhig

ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt plötzlich laut

auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem Rasen

stand, und den Rest in die Gläser einschenkte. "Auf eine glück-

liche Ankunft!" rief er aus; sie stießen mit den Gläsern zusam-

men, es gab einen schönen Klang. Darauf schleuderte Leonhard

die leere Flasche hoch ins Morgenrot, daß es lustig in der Luft

funkelte.

Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte

frisch wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unübersehliches

Tal, in das wir nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und Jubilieren! Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollte ich von dem Berg in die prächtige Gegend hinausfliegen.

 

4. Kapitel

Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir

der Wind am Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte

und Weingärten vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte;

hinter mir die beiden Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit

einem prächtigen Postillion, ich hoch oben auf dem Kutschbocke,

daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog.

Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt

schon am Dorfe ein langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen

Flauschrock uns entgegen, macht viele Bücklinge vor den Herrn

Malern und führt uns in das Dorf hinein. Da stand unter den

hohen Linden vor dem Posthause schon ein prächtiger Wagen

mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte unter-

wegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher ge-

schwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte

einen ganz neuen, schönen Frack und Weste anziehen, die mir sehr

vornehm zu Gesicht standen, nur, daß mir alles zu lang und weit

war und ordentlich um mich herumschlotterte. Auch einen ganz

neuen Hut bekam ich, der funkelte in der Sonne, als wäre er mit

frischer Butter überschmiert. Dann nahm der fremde, grämliche

Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler sprangen

in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort,

als eben der Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster

guckte. Der Postillion blies lustig auf dem Horne, und so ging

es frisch nach Italien hinein.

Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben wie der

Vogel in der Luft und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen.

Zu tun hatte ich auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem

Bocke zu sitzen und bei den Wirtshäusern manchmal Essen und

Trinken an den Wagen herauszubringen, denn die Maler spra-

chen nirgends ein, und bei Tage zogen sie die Fenster am Wa-

gen so fest zu, als wenn die Sonne sie erstechen wollte. Nur zu-

weilen steckte der Herr Guido sein hübsches Köpfchen zum Wa-

genfenster heraus und diskurrierte freundlich mit mir und lachte

dann den Herrn Leonhard aus, der das nicht leiden wollte und

jedesmal über die langen Diskurse böse wurde. Ein paarmal

hätte ich bald Verdruß bekommen mit meinem Herrn. Das eine

Mal, wie ich bei schöner, sternklarer Nacht droben auf dem

Bocke die Geige zu spielen anfing, und sodann späterhin wegen

des Schlafes. Das war aber auch ganz zum Erstaunen! Ich wollte

mir doch Italien recht genau besehen und riß die Augen alle

Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so vor

mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten sich mir die

sechzehn Pferdefüße vor mir wie Filet so hin und her und übers

Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt

geriet ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schla-

fen, daß gar kein Rat mehr war. Da mocht es Tag und Nacht,

Regen oder Sonnenschein, Tirol oder Italien sein, ich hing bald

rechts, bald links, bald rücklings über den Bock herunter, ja

manchmal tunkte ich mit solcher Vehemenz mit dem Kopfe nach

dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe flog und der

Herr Guido im Wagen laut aufschrie.

So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland,

das sie dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an

einem schönen Abende vor einem Wirtshause auf dem Lande

stillhielten. Die Postpferde waren in dem daranstoßenden Sta-

tionsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die Herrn Maler

stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer füh-

ren, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben.

Ich aber war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich

in die Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe

und Kommodität zu essen und zu trinken. Da sah es ziemlich

liederlich aus. Die Mägde gingen mit zerzottelten Haaren herum

und hatten die offenen Halstücher unordentlich um das gelbe

Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die Knechte vom

Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotz-

ten mich zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke

Haarzöpfe und sahen so recht vornehm wie die jungen Herrlein

aus.-Da bist du nun, dachte ich bei mir und aß fleißig fort, da

bist du nun endlich in dem Lande, woher immer die kuriosen

Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen mit Mausefallen und

Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht alles er-

fährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!

Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Männlein,

das bis jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase

Wein gesessen hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine

Spinne auf mich los. Er war ganz kurz und bucklicht, hatte aber

einen großen grauslichen Kopf mit einer langen römischen Ad-

lernase und sparsamen roten Backenbart, und die gepuderten

Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der Sturm-

wind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen,

verschossenen Frack, kurze, plüschene Beinkleider und ganz ver-

gelbte seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen

und dachte wunder wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich

zu mir und frug bald das, bald jenes, während er immerfort

Tabak schnupfte: Ob ich der Servitore sei? Wenn wir arriware?

Ob wir nach Roma gehn? Aber das wußte ich alles selber nicht

und konnte auch sein Kauderwelsch garnicht verstehen. "Parlez-

vous francais?"sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er

schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb,

denn ich konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles

nichts. Er hatte mich einmal recht aufs Korn genommen, er frug

und frug immer wieder; je mehr wir parlierten, je weniger ver-

stand einer den andern, zuletzt wurden wir beide schon hitzig,

so daß mirs manchmal vorkam, als wollte der Signor mit seiner

Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde, die den baby-

lonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig auslach-

ten. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die

Haustür hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht

anders, als wäre ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter

tief ins Meer versenkt, und allerlei unbekanntes Gewürm rin-

gelte sich und rauschte da in der Einsamkeit um mich her und

glotzte und schnappte nach mir.

Draußen war eine warme Sommernacht, so recht, um gassatim

zu gehen. Weit von den Weinbergen herüber hörte man noch

zuweilen einen Winzer singen, dazwischen blitzte es manchmal

von ferne, und die ganze Gegend zitterte und säuselte im Mond-

schein. Ja, manchmal kam es mir vor, als schlüpfte eine lange,

dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem Hause

vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal

wieder still. Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des

Wirtshauses heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr ge-

schickt auf einer Zither, die er im Hause gefunden haben mußte,

und sang dann dazu wie eine Nachtigall:

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewußt,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn

ich hatte mich auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und

schlief in der lauen Nacht vor großer Ermüdung fest ein.

Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als

mich ein Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine

Träume hineinblies, ehe ich mich völlig besinnen konnte. Ich

sprang endlich auf, der Tag dämmerte schon an den Bergen, und

die Morgenkühle rieselte mir durch alle Glieder. Da fiel mir erst

ein, daß wir ja um diese Zeit schon wieder weit fort sein wollten.

Aha, dachte ich, heut ist einmal das Wecken und Auslachen an

mir. Wie wird der Herr Guido mit dem verschlafenen Locken-

kopfe herausfahren, wenn er mich draußen hört! So ging ich in

den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine

Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot

hinein und sang fröhlichen Mutes:

Wenn der Hoppevogel schreit,

Ist der Tag nicht mehr weit,

Wenn die Sonne sich auftut,

Schmeckt der Schlaf noch so gut!

 

Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der

Nachtwind ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das

Fenster hineinstreckten. "Nun, was soll denn das wieder be-

deuten?" rief ich voll Erstaunen aus und lief in das Haus und

durch die stillen Gänge nach der Stube zu. Aber da gab es mir

einen rechten Stich ins Herz. Denn wie ich die Tür aufreiße, ist

alles leer, darin kein Frack, kein Hut, kein Stiefel. Nur die

Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der

Wand, auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schöner voller

Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher

ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand wahrhaftig

mit großen Buchstaben darauf: Für den Herrn Einnehmer!

Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lusti-

gen Herrn nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe

Rocktasche, das plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es

mich ordentlich hintenüber zog. Dann rannte ich hinaus, mach-

te einen großen Lärm und weckte alle Knechte und Mägde im

Hause. Die wußten gar nicht, was ich wollte, und meinten, ich

wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten sie sich nicht

wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte etwas

von meinen Herren. Nur die eine Magd - wie ich aus ihren

Zeichen und Gestikulationen zusammenbringen konnte - hatte

bemerkt, daß der Herr Guido, als er gestern abends auf dem

Balkone sang, auf einmal laut aufschrie und dann geschwind

zu dem andern Herrn in das Zimmer zurückstürzte. Als sie

hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie draußen Pfer-

degetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und sah

den buckligen Signor, der gestern so viel mit mir gesprochen

hatte, auf einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld ga-

loppieren, daß er immer ellenhoch überm Sattel in die Höhe

flog und die Magd sich bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst,

das auf einem dreibeinigen Pferde reitet. Da wußt ich nun gar

nicht, was ich machen sollte.

Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür

angespannt, und der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß

er hätte bersten mögen, denn er mußte zur bestimmten Stunde

auf der nächsten Station sein, da alles durch Laufzettel bis auf die

Minute vorausbestellt war. Ich rannte noch einmal um das ganze

Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab Antwort, die

Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an, der

Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft,

springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht

schlägt die Tür hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings

mit mir fort in die weite Welt hinein.

 

5. Kapitel

 

Wir fuhren nun über Berg und Tal, Tag und Nacht immerfort.

Ich hatte gar nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hin-

kamen, standen die Pferde angeschirrt, ich konnte mit den Leu-

ten nicht sprechen, mein Demonstrieren half also nichts; oft,

wenn ich im Wirtshause eben beim besten Essen war, blies der

Postillion, ich mußte Messer und Gabel wegwerfen und wieder

in den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar nicht, wo-

hin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindig-

keit fortreisen sollte.

Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie

auf einem Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke

des Wagens und lernte Menschen und Länder kennen, und wenn

wir durch die Städte fuhren, lehnte ich mich auf beide Arme zum

Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die höflich vor

mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den

Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr ver-

wunderten und mir noch lange neugierig nachguckten.

Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem ge-

fundenen Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gast-

wirten mußte ich überall viel bezahlen, und ehe ich michs ver-

sah, war der Beutel leer. Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir

durch einen einsamen Wald führen, schnell aus dem Wagen zu

springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir wieder leid,

nun den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich sonst

wohl noch bis ans Ende der Welt fortgefahren wäre.

Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch

ein, als es auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich

schrie zum Wagen heraus auf den Postillion: Wohin er denn

fahre? Aber ich mochte sprechen, was ich wollte, der Kerl sagte

immer bloß: "Si, si, Signore!" und fuhr immer über Stock und

Stein, daß ich aus einer Ecke des Wagens in die andere flog.

Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße

lief gerade durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende

Sonne zu, wohl wie in ein Meer von Glanz und Funken. Von der

Seite aber, wohin wir uns gewendet hatten, lag ein wüstes Ge-

birge vor uns mit grauen Schluchten, zwischen denen es schon

lange dunkel geworden war. Je weiter wir fuhren, je wilder und

einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond hinter den

Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die Bäume

und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehn war.

Wir konnten nur langsam fahren in den engen, steinichten

Schluchten, und das einförmige, ewige Gerassel des Wagens

schallte an den Steinwänden weit in die stille Nacht, als führen

wir in ein großes Grabgewölbe hinein. Nur von vielen Wasser-

fällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein unaufhörliches

Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der

Ferne immerfort: "Komm mit, komm mit!" Dabei kam es mir

vor, als wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine

Uniform hatte und kein Postillion war, sich einigemal unruhig

umsähe und schneller zu fahren anfing, und wie ich mich recht

zum Wagen herauslegte, kam plötzlich ein Reiter aus dem Ge-

büsche hervor, sprengte dicht vor unseren Pferden quer über den

Weg und verlor sich sogleich wieder auf der andern Seite im

Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem hellen

Mondscheine erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männ-

lein auf seinem Schimmel, das in dem Wirtshause mit der Adler-

nase nach mir gehackt hatte. Der Kutscher schüttelte den Kopf

und lachte laut auf über die närrische Reiterei, wandte sich aber

dann rasch zu mir um, sprach sehr viel und sehr eifrig, wovon

ich leider nichts verstand, und fuhr dann noch rascher fort.

Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schim-

mern sah. Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter,

sie wurden immer größer und heller, und endlich kamen wir an

einigen verräucherten Hütten vorüber, die wie Schwalbennester

auf dem Felsen hingen. Da die Nacht warm war, so standen die

Türen offen, und ich konnte darin die hellerleuchteten Stuben

und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie dunkle Schatten

um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch die

stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg

hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende

Sträucher den ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal

wieder das ganze Firmament und in der Tiefe die weite, stille

Runde von Bergen, Wäldern und Tälern übersehen. Auf dem

Gipfel des Berges stand ein großes, altes Schloß mit vielen Tür-

men im hellsten Mondschein. "Nun Gott befohlen!" rief ich aus

und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin

sie mich da am Ende noch bringen würden.

Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich

auf dem Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen brei-

ten, runden Turm hinein, der oben schon ganz verfallen war.

Der Kutscher knallte dreimal, daß es weit in dem alten Schlosse

widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen ganz erschrocken

plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit gro-

ßem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in

den langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren

Hufeisen Feuer auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte,

der Wagen donnerte zwischen den gewölbten Wänden, die Doh-

len schrien noch immer dazwischen - so kamen wir mit einem

entsetzlichen Spektakel in den engen, gepflasterten Schloßhof.

Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen still

stand. Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und

ein alter, langer Mann mit einer kleinen Laterne sah mich unter

seinen dicken Augenbrauen grämlich an. Er faßte mich dann un-

ter den Arm und half mir, wie einem großen Herrn, aus dem

Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine alte, sehr

häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer wei-

ßen Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer

Schnipper bis an die Nase herunterhing. Sie hatte an der einen

Hüfte einen großen Bund Schlüssel hängen und hielt in der an-

dern einen altmodischen Armleuchter mit zwei brennende

Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an, tiefe Knickse

zu machen und sprach und frug sehr viel durcheinander. Ich ver-

stand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor

ihr, und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute.

Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen

von allen Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den

Kopf, als er nirgend einen Koffer oder Bagage fand. Der Kut-

scher fuhr darauf, ohne Trinkgeld von mir zu fordern, den Wa-

gen in einen alten Schuppen, der auf der Seite des Hofes schon

offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich durch aller-

lei Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren Wachs-

kerzen durch einen langen, schmalen Gang und dann eine kleine

steinerne Treppe hinauf. Als wir an der Küche vorbeigingen,

streckten ein paar junge Mädchen neugierig die Köpfe durch die

halbgeöffnete Tür und guckten mich so starr an und winkten

und nickten einander heimlich zu, als wenn sie in ihrem Leben

noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte machte endlich

oben eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz ver-

blüfft. Denn es war ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer

mit goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wänden

hingen prächtige Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blu-

men. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen,

Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß einem recht das Herz im

Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing ein ungeheurer

Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.

Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein

paarmal und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf

und ab. Dann konnt ich aber doch nicht widerstehen, mich ein-

mal in einem so großen Spiegel zu besehen. Das ist wahr, die

neuen Kleider von Herrn Leonhard standen mir recht schön,

auch hatte ich in Italien so ein gewisses, feuriges Auge bekom-

men, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu

Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein

paar Flaumfedern.

Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen

Munde, daß es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen,

herunterhängenden Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich

zum Sitzen, streichelte mir mit ihren dürren Fingern das Kinn,

nannte mich poverinal! wobei sie mich aus den roten Augen so

schelmisch ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel bis an die

halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem tiefen

Knicks zur Tür hinaus

Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine

junge, hübsche Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu be-

dienen. Ich knüpfte allerlei galanten Diskurs mit ihr an, sie ver-

stand mich aber nicht, sondern sah mich immer ganz kurios von

der Seite an, weil mir`s so gut schmeckte, denn das Essen war

delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm die Magd

ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer.

Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit

grünseidenen Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich

da hineinlegen sollte? Sie nickte zwar: "Ja", aber das war denn

doch nicht möglich, denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen.

Endlich holte ich mir noch ein großes Glas Wein aus der Tafel-

stube herein und rief ihr zu: "felicissima notte!" denn so viel

hatt ich schon Italienisch gelernt. Aber wie ich das Glas so auf

einmal ausstürzte, bricht sie plötzlich in ein verhaltenes Kichern

aus, wird über und über rot, geht in die Tafelstube und macht

die Tür hinter sich zu. Was ist da zu lachen? dachte ich ver-

wundert, ich glaube, die Leute in Italien sind alle verrückt.

Ich hatte nun immer nur Angst vor dem Postillion, daß der

gleich wieder zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster,

aber es war alles still draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog

mich aus und legte mich in das prächtige Bett. Das war nicht

anders, als wenn man in Milch und Honig schwämme! Vor den

Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe, zuweilen fuhr noch

eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich voller Ver-

gnügen einschlief.

 

6. Kapitel

Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgen-

strahlen an den grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich

gar nicht besinnen, wo ich eigentlich wäre. Es kam mir vor, als

führe ich noch immerfort im Wagen, und es hätte mir von einem

Schlosse im Mondschein geträumt und von einer alten Hexe und

ihrem blassen Töchterlein.

Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und

sah mich dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da be-

merkte ich eine kleine Tapetentür, die ich gestern gar nicht ge-

sehen hatte. Sie war nur angelehnt, ich öffnete sie und erblickte

ein kleines, nettes Stübchen, das in der Morgendämmerung recht

heimlich aussah. Über einen Stuhl waren Frauenkleider recht un-

ordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag das

Mädchen, das mir gestern abend bei der Tafel aufgewartet hatte.

Sie schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen

bloßen Arm gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen.

Wenn die wüßte, daß die Tür offen war! sagte ich zu mir selbst

und ging in mein Schlafzimmer zurück, während ich hinter mir

wieder schloß und verriegelte, damit das Mädchen nicht erschrek-

ken und sich schämen sollte, wenn sie erwachte.

Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh-

erwachtes Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem

Strauch, der aus der Mauer herauswuchs, und sang schon sein

Morgenlied. "Nein", sagte ich, "du sollst mich nicht beschämen

und allein so früh und fleißig Gott loben!" Ich nahm schnell

meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen gelegt hatte, und

ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill, und es dauerte

lange, ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie herausfand.

Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen

Garten, der auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer

war als die andere, bis auf den halben Berg herunterging. Aber

das war eine liederliche Gärtnerei. Die Gänge waren alle mit

hohem Grase bewachsen, die künstlichen Figuren von Buchs-

baum waren nicht beschnitten und streckten wie Gespenster lange

Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft hinaus, daß

man sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten

mögen. Auf einige zerbrochene Statuen über einer vertrockneten

Wasserkunst war gar Wäsche aufgehängt, hin und wieder hatten

sie mitten im Garten Kohl gebaut, dann kamen wieder ein paar

ordinäre Blumen, alles unordentlich durcheinander und von

hohem, wildem Unkraut überwachsen, zwischen dem sich bunte

Eidechsen schlängelten. Zwischen den alten hohen Bäumen hin-

durch aber war überall eine weite, einsame Aussicht, eine Berg-

koppe hinter der anderen, so weit das Auge reichte.

Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch

die Wildnis umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse

unter mir einen langen, schmalen, blassen Jüngling in einem

langen, braunen Kaputrock, der mit verschränkten Armen und

großen Schritten auf und ab ging. Er tat, als sähe er mich nicht,

setzte sich bald darauf auf eine steinerne Bank hin, zog ein Buch

aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er predigte, sah dabei zu-

weilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz melancho-

lisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde

ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so absonderliche

Grimassen machte, und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben

einen tiefen Seufzer ausgestoßen und sprang erschrocken auf, als

ich ankam. Er war voller Verlegenheit, ich auch, wir wußten

beide nicht, was wir sprechen sollten, und machten immerfort

Komplimente voreinander, bis er endlich mit langen Schritten

in das Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne über

dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und

strich vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Täler her-

unterschallte. Die Alte mit dem Schlüsselbunde, die mich schon

ängstlich im ganzen Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte,

erschien nun auf der Terrasse über mir und verwunderte sich,

daß ich so artig auf der Geige spielen konnte. Der alte grämliche

Mann vom Schlosse fand sich dazu und verwunderte sich eben-

falls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles blieb oben

voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte

meinen Fiedelbogen immer künstlicher und hurtiger und spielte

Kadenzen und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde.

Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein

Mensch dachte da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar

kein Wirtshaus, sondern gehörte, wie ich von der Magd erfuhr,

einem reichen Grafen. Wenn ich mich dann manchmal bei der

Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er wohne? da schmun-

zelte sie immer bloß, wie den ersten Abend, da ich auf das Schloß

kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu, als

wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem

heißen Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die

Mägde gewiß, wenn sie die andere brachten, und als mich dann

gar einmal nach einer Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch

Zeichen beschrieb, was ich wollte, da brachen alle in ein großes,

unvernünftiges Gelächter aus. - Am verwunderlichsten war mir

eine Nachtmusik, die sich oft und gerade immer in den finster-

sten Nächten unter meinem Fenster hören ließ. Es griff auf einer

Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise Klänge.

Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten

"pst! pst!" heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bette

und mit dem Kopfe aus dem Fenster. "Holla! Heda! Wer ist da

draußen?" rief ich hinunter. Aber es antwortete niemand, ich

hörte nur etwas sehr schnell durch die Gesträuche fortlaufen.

Der große Hund im Hofe schlug über meinen Lärm ein paar-

mal an, dann war auf einmal alles wieder still, und die Nacht-

musik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen.

Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sich`s ein Mensch nur immer

in der Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl,

was er sprach, wenn er immer zu sagen pflegte, daß in Italien

einem die Rosinen von selbst in den Mund wüchsen. Ich lebte

auf dem einsamen Schlosse wie ein verwunschener Prinz. Wo

ich hintrat, hatten die Leute eine große Ehrerbietung vor mir,

obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen Heller in der

Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: "Tischlein, deck dich!" so

standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und

Parmesankäse da. Ich ließ mir`s wohlschmecken, schlief in dem

prächtigen Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte

und half wohl auch manchmal in der Gärtnerei nach. Oft lag ich

auch stundenlang im Garten im hohen Grase, und der schmale

Jüngling (es war ein Schüler und Verwandter der Alten, der

eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit seinem langen Kaput-

rocke in weiten Kreisen um mich herum und murmelte dabei wie

ein Zauberer aus seinem Buche, worüber ich dann auch jedesmal

einschlummerte. - So verging ein Tag nach dem andern, bis ich

am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melan-

cholisch zu werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen

Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken, und es war mir, als

würde ich vor Faulheit noch ganz auseinanderfallen.

In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittage

im Wipfel eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und

wiegte mich auf den Ästen langsam über dem stillen tiefen Tale.

Die Bienen summten zwischen den Blättern um mich herum,

sonst war alles wie ausgestorben, kein Mensch war zwischen den

Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen Waldwiesen ruh-

ten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem kam

der Klang eines Posthornes über die waldigen Gipfel herüber,

bald kaum vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir

fiel dabei auf einmal ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch

zu Hause auf meines Vaters Mühle von einem wandernden

Handwerksburschen gelernt hatte, und ich sang:

Wer in die Fremde will wandern,

Der muß mit der Liebsten gehn,

Es jubeln und lassen die andern

Den Fremden alleine stehn.

Was wisset ihr, dunkele Wipfel,

Von der alten schönen Zeit?

Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,

Wie liegt sie von hier so weit!

Am liebsten betracht ich die Sterne,

Die schienen, wenn ich ging zu ihr,

Die Nachtigall hör ich so gerne,

Sie sang vor der Liebsten Tür.

Der Morgen, das ist meine Freude!

Da steig ich in stiller Stund

Auf den höchsten Berg in die Weite,

Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der

Ferne begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den

Bergen immer näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf

dem Schloßhofe schallen hörte. Ich sprang rasch vom Baume her-

unter. Da kam mir auch schon die Alte mit einem geöffneten

Pakete aus dem Schlosse entgegen. "Da ist auch etwas für Sie

mitgekommen", sagte sie und reichte mir aus dem Pakete ein

kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach

es schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Ge-

sichte so rot wie eine Päonie, und das Herz schlug mir so heftig,

daß es die Alte merkte, denn das Briefchen war von - meiner

schönen Frau, von der ich manches Zettelchen bei dem Herrn

Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb darin ganz kurz: "Es ist

alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Ich benutze heim

lich diese Gelegenheit, um die erste zu sein, die Ihnen diese freu-

dige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie zurück. Es ist so öde

hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von uns fort sind."

- Aurelie

Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und

Schreck und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten

Weibe, die mich wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie

ein Pfeil bis in den allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort

warf ich mich unter den Haselnußsträuchern ins Gras hin und

las das Briefchen noch einmal, sagte die Worte, auswendig für

mich hin und las dann wieder und immer wieder, und die Son-

nenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den

Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blü-

ten vor meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar

nicht verheiratet gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier

damals vielleicht ihr Herr Bruder, oder ist er nun tot, oder bin

ich toll, oder - "Das ist alles einerlei!" rief ich endlich und

sprang auf, "nun ists ja klar, sie liebt mich ja, sie liebt mich!"

Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die

Sonne zum Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen

lustig in allen Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber

in meinem Herzen war es noch vieltausendmal schöner und

fröhlicher!

Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen

in den Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte

grämliche Mann, die Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich

mit mir unter dem Baume an den gedeckten Tisch setzen. Ich

zog meine Geige hervor und spielte und aß und trank dazwi-

schen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich seine gräm-

lichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem an-

dern aus, die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die

Mägde fingen an, auf dem Rasen miteinander zu tanzen. Zu-

letzt kam auch noch der blasse Student neugierig hervor, warf

einige verächtliche Blicke auf das Spektakel und wollte ganz vor-

nehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu faul, sprang ge-

schwind auf, erwischte ihn, eh er sich`s versah, bei seinem langen

Überrocke und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte sich

nun an, recht zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so

emsig und künstlich, daß ihm der Schweiß vom Gesichte her-

unterfloß und die langen Rockschöße wie ein Rad um uns herum-

flogen. Dabei sah er mich aber manchmal so kurios mit verdreh-

ten Augen an, daß ich mich ordentlich vor ihm zu fürchten an-

fing und ihn plötzlich wieder losließ.

Die Alte hätte nun gar zu gerne erfahren, was in dem Briefe

stand, und warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig

war. Aber das war ja viel zu weitläufig, um es ihr auseinander-

setzen zu können. Ich zeigte bloß auf ein paar Kraniche, die

eben hoch über uns durch die Luft zogen, und sagte: ich müßte

nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne! Da riß sie

die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein Basilisk

bald auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte

ich, wie die beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, so oft

ich mich wegwandte, und sehr eifrig miteinander sprachen und

mich dabei zuweilen von der Seite ansahen.

Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir

vorhaben möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war

auch schon lange untergegangen, und so wünschte ich allen gute

Nacht und ging nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.

Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange

im Zimmer auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind

schwere, schwarze Wolken über den Schloßturm weg, man

konnte kaum die nächsten Bergkoppen in der dicken Finsternis

erkennen. Da kam es mir vor, als wenn ich im Garten, unten

Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte mich ans

Fenster. Die Stimmen schienen näherzukommen, sprachen aber

sehr leise miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, wel-

che die eine Gestalt unterm Mantel trug, einen langen Schein.

Ich erkannte nun den grämlichen Schloßverwalter und die alte

Haushälterin. Das Licht blitzte über das Gesicht der Alten, das

mir noch niemals so gräßlich vorgekommen war, und über ein

langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich sehen,

daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann

schlug der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es

war bald alles wieder finster und still.

Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im

Garten? Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschich-

ten ein, die ich in meinem Leben gehört hatte, von Hexen und

Räubern, welche Menschen abschlachten, um ihre Herzen zu

fressen. Indem ich noch so nachdenke, kommen Menschentritte,

erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gang ganz leise,

leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen Stim-

men heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das

andere Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald

sich etwas rührte, vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf

die Tür losrennen wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen

Stuhl um, daß es ein entsetzliches Gepolter gab. Da wurde es

auf einmal ganz still draußen. Ich lauschte hinter dem Tische

und sah immerfort nach der Tür, als wenn ich sie mit den Augen

durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen zum Kopfe

herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig ver-

halten hatte, daß man die Fliegen an der Wand hätte können

gehen hören, vernahm ich, wie jemand von draußen ganz leise

einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit

meinem Tische losfahren, da drehte es den Schlüssel langsam

dreimal in der Tür um, zog ihn vorsichtig wieder heraus und

schnurrte dann sachte über den Gang und die Treppe hinun-

ter.

Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich

eingesperrt, damit sie`s kommode haben, wenn ich erst fest ein-

geschlafen bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war rich-

tig, sie war fest verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der

die hübsche, bleiche Magd schlief. Das war noch niemals gesche-

hen, solange ich auf dem Schlosse wohnte.

Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau

stand nun wohl an ihrem Fenster und sah über den stillen Gar-

ten nach der Landstraße hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäus-

chen mit meiner Geige dahergestrichen komme, die Wolken flo-

gen rasch über den Himmel, die Zeit verging - und ich konnte

nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im Herzen, ich wußte

gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mir`s auch immer,

wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden

knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür

heimlich hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem

langen Messer durchs Zimmer.

Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal

seit langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern.

Bei dem ersten Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als

wenn mir ein Morgenstrahl plötzlich durch die Seele führe. Ich

riß das Fenster auf und rief leise hinunter, daß ich wach sei.

"Pst, pst!" antwortete es von unten. Ich besann mich nun nicht

lange, steckte das Briefchen und meine Geige zu mir, schwang

mich aus dem Fenster und kletterte an der alten zersprungenen

Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den Sträu-

chern, die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche

Ziegel gaben nach, ich kam ins Rutschen, es ging immer rascher

und rascher mit mir, bis ich endlich mit beiden Füßen auf-

plumpte, daß mir`s im Gehirnkasten knisterte. Kaum war ich auf

diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich je-

mand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie.

Der gute Freund aber hielt mir schnell die Finger auf den

Mund, faßte mich bei der Hand und führte mich dann aus dem

Gesträuche ins Freie hinaus. Da erkannte ich mit Verwunderung

den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem brei-

ten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. Ich beschrieb

ihm nun in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hin-

aus wollte. Er schien aber das alles schon lange zu wissen und führ-

te mich auf allerlei verdeckten Umwegen zu dem untern Tore in

der hohen Gartenmauer. Aber da war nun auch das Tor wieder fest

verschlossen! Doch der Student hatte auch das schon vorbedacht,

er zog einen großen Schlüssel hervor und schloß behutsam auf.

Als wir nun in den Wald hinaustraten, und ich ihn eben noch

um den besten Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er

plötzlich vor mir auf ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch

in die Höhe und fing an zu fluchen und zu schwören, daß es ent-

setzlich anzuhören war. Ich wußte gar nicht, was er wollte, ich

hörte nur immerfort: Idio und cuore und amore und furore!

Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien schnell und

immer näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal

ganz grauslich, ich merkte wohl, daß er verrückt war, und rann-

te, ohne mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein.

Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein

schreien. Bald darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom

Schlosse her Antwort. Ich dachte mir nun wohl, daß sie mich

aufsuchen würden. Der Weg war mir unbekannt, die Nacht fin-

ster, ich konnte ihnen leicht wieder in die Hände fallen. Ich klet-

terte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne hinauf, um bes-

sere Gelegenheit abzuwarten.

Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme

nach der andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich

oben und warfen ihre wilden, roten Scheine über das alte Ge-

mäuer des Schlosses und weit vom Berge in die schwarze Nacht

hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben Gott, denn das ver-

worrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich immer

mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel

unter meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im

Winde nachflogen. Dann schienen sich alle nach und nach auf

eine andere Seite des Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten

immer ferner und ferner, und der Wind rauschte wieder durch

den stillen Wald. Da stieg ich schnell von dem Baume herab und

lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht hinaus.

 

7. Kapitel

Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir

lange in den Ohren, als kämen die von dem Berge mit ihrem

Rufen, mit Fackeln und langen Messern noch immer hinter mir

drein. Unterwegs erfuhr ich, daß ich nur noch ein paar Meilen

von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor Freude. Denn

von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind

viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an

Sonntagnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles

ringsum so stille war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden

Wolken über mir, mit wundersamen Bergen und Abgründen am

blauen Meere und goldenen Toren und hohen, glänzenden Tür-

men, von denen Engel in goldenen Gewändern sangen. Die

Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond

schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde

heraustrat und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah.

Das Meer leuchtete von weitem, der Himmel blitzte und fun-

kelte unübersehbar mit unzähligen Sternen, darunter lag die

heilige Stadt, von der man nur einen langen Nebelstreif erken-

nen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der stillen Erde,

und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn bewach-

ten.

Ich kam nun zuerst auf eine große einsame Heide, auf der es

so grau und still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein

altes verfallenes Gemäuer oder ein trockener, wunderbar ge-

wundener Strauch; manchmal schwirrten Nachtvögel durch die

Luft, und mein eigener Schatten strich immerfort lang und dun-

kel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, daß hier eine

uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die alten

Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei

stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren.

Aber ich ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten.

Denn die Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir

herauf, und die hohen Burgen und Tore und goldenen Kuppeln

glänzten so herrlich im hellen Mondschein, als ständen wirklich

die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und sängen

durch die stille Nacht herüber.

So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann

durch ein prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der

Mond schien zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber

die Straßen waren schon alle leer, nur hin und wieder lag ein

lumpiger Kerl wie ein Toter in der lauen Nacht auf den Mar-

morschwellen und schlief. Dabei rauschten die Brunnen auf den

stillen Plätzen, und die Gärten an der Straße säuselten dazwi-

schen und erfüllten die Luft mit erquickenden Düften.

Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergnügen,

Mondschein und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich

wenden soll, läßt sich tief aus dem einen Garten eine Gitarre

hören. Mein Gott, denk ich, da ist mir wohl der tolle Student

mit dem langen Überrocke heimlich nachgesprungen! Darüber

fing eine Dame in dem Garten an, überaus lieblich zu singen.

Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme der schö-

nen gnädigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar

oft zu Hause am offenen Fenster gesungen hatte.

Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt

aufs Herz, daß ich bitterlich hätte weinen mögen, der stille Gar-

ten vor dem Schlosse in früher Morgenstunde, und wie ich da

hinter dem Strauche so glückselig war, ehe mir die dumme Fliege

in die Nase flog. Ich konnte mich nicht länger halten. Ich klet-

terte auf den vergoldeten Zieraten über das Gittertor und

schwang mich in den Garten hinunter, woher der Gesang kam.

Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern hin-

ter einer Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich

über das Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell

durch den dunklen Garten nach dem Hause zuflog, daß man sie

im Mondscheine kaum füßeln sehen konnte. "Das war sie selbst!"

rief ich aus, und das Herz schlug mir vor Freude, denn ich er-

kannte sie gleich an den kleinen geschwinden Füßchen wieder.

Es war nur schlimm, daß ich mir beim Herunterspringen vom

Gartentore den rechten Fuß etwas vertreten hatte, ich mußte

daher erst ein paarmal mit dem Beine schlenkern, eh ich zu dem

Hause nachspringen konnte. Aber da hatten sie unterdes Tür

und Fenster fest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an,

horchte und klopfte wieder. Da war es nicht anders, als wenn es

drinnen leise flüsterte und kicherte, ja einmal kam es mir vor,

als wenn zwei helle Augen zwischen den Jabusien im Mond-

schein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder alles still.

Sie weiß nur nicht, daß i c h es bin, dachte ich, zog die Geige,

die ich allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem

Gange vor dem Hause auf und nieder und spielte und sang das

Lied von der schönen Frau und spielte voll Vergnügen alle meine

Lieder durch, die ich damals in den schönen Sommernächten im

Schloßgarten oder auf der Bank vor dem Zollhause gespielt

hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses hinüberklang.

Aber es half alles nichts, es rührte und regte sich niemand im

ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein

und legte mich auf die Schwelle vor der Haustür hin, denn ich

war sehr müde von dem langen Marsch. Die Nacht war warm,

die Blumenbeete vor dem Hause dufteten lieblich, eine Wasser-

kunst weiter unten im Garten plätscherte immerfort dazwi-

schen. Mir träumte von himmelblauen Blumen, von schönen

dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und

Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich end-

lich fest einschlief.

Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder.

Die Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäu-

men um mich herum, als ob sie mich fürn Narren haben wollten.

Ich sprang rasch auf und sah mich nach allen Seiten um. Die

Wasserkunst im Garten rauschte noch immerfort, aber in dem

Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte durch die grünen

Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa und ein

großer runder Tisch, mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle

standen alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden

herum; von außen aber waren die Jalousien an allen Fenstern

heruntergelassen, als wäre das ganze Haus schon seit vielen Jah-

ren unbewohnt. Da überfiel mich ein ordentliches Grausen vor

dem einsamen Hause und Garten und vor der gestrigen weißen

Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, durch die stillen

Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem Gar-

tentore hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich

auf einmal von dem hohen Gitterwerke in die prächtige Stadt

hinuntersah. Da blitzte und funkelte die Morgensonne weit

über die Dächer und in die langen, stillen Straßen hinein, daß

ich laut aufjauchzen mußte und voller Freude auf die Straße

hinuntersprang.

Aber wohin sollt ich mich wenden in der großen, fremden

Stadt? Auch ging mir die konfuse Nacht und das welsche Lied

der schönen gnädigen Frau von gestern noch immer im Kopfe

hin und her. Ich setzte mich endlich auf den steinernen Spring-

brunnen, der mitten auf dem einsamen Platze stand, wusch mir

in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:

Wenn ich ein Vöglein wär,

Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,

Und auch zwei Flüglein hätt,

Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!

"Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten

Morgenstrahl!" sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der

während meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir

aber, da ich so unverhofft deutsch sprechen hörte, war es nicht

anders im Herzen, als wenn die Glocke aus meinem Dorfe am

stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu mir herüberklänge. "Gott

willkommen, bester Herr Landsmann!" rief ich aus und sprang

voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der junge

Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. "Aber was

treibt Ihr denn eigentlich hier in Rom?"fragte er endlich. Da

wußte ich nun nicht gleich, was ich sagen sollte, denn daß ich so-

eben der schönen gnädigen Frau nachspränge, mocht ich ihm

nicht sagen. "Ich treibe", erwiderte ich, "mich selbst ein bißchen

herum, um die Welt zu sehen." "So, so!" versetzte der junge

Mann und lachte laut auf, "da haben wir ja ein Metier. Das tu

ich eben auch, um die Welt zu sehen und hinterdrein abzu-

malen." "Also ein Maler!"rief ich fröhlich aus, denn mir fiel

dabei Herr Leonhard und Guido ein. Aber der Herr ließ mich

nicht zu Worte kommen. "Ich denke", sagte er, "du gehst mit

und frühstückst bei mir, da will ich dich selbst abkonterfeien,

daß es eine Freude sein soll!" Das ließ ich mir gern gefallen und

wanderte nun mit dem Maler durch die leeren Straßen, wo nur

hin und wieder erst einige Fensterladen aufgemacht wurden und

bald ein paar weiße Arme, bald ein verschlafnes Gesichtchen in

die frische Morgenluft hinausguckte.

Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser,

enger und dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verräu-

chertes Haus hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstere

Treppe hinauf, dann wieder eine, als wenn wir in den Himmel

hineinsteigen wollten. Wir standen nun unter dem Dache vor

einer Tür still, und der Maler fing an, in allen Taschen vorn und

hinten mit großer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er hatte heute

früh vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube ge-

lassen. Denn er war, wie er mir unterwegs erzählte, noch vor

Tagesanbruch vor die Stadt hinausgegangen, um die Gegend bei

Sonnenaufgang zu betrachten. Er schüttelte nur mit dem Kopfe

und stieß die Tür mit dem Fuße auf.

Das war eine lange, lange, große Stube, daß man darin hätte

tanzen können, wenn nur nicht auf dem Fußboden alles voll-

gelegen hätte. Aber da lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umge-

worfene Farbentöpfe, alles durcheinander; in der Mitte der

Stube standen große Gerüste, wie man zum Birnenabnehmen

braucht, ringsum an der Wand waren große Bilder angelehnt.

Auf einem langen, hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf

neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche

Wein stand daneben.

"Nun eßt und trinkt erst, Landsmann!"rief mir der Maler

zu. Ich wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmie-

ren, aber da war wieder kein Messer da. Wir mußten erst lange

in den Papieren auf dem Tische herumrascheln, ehe wir es unter

einem großen Pakete endlich fanden. Darauf riß der Maler das

Fenster auf, daß die frische Morgenluft fröhlich das ganze Zim-

mer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht weit über die

Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig die

weißen Landhäuser und Weingärten beschien. "Vivat unser

kühlgrünes Deutschland da hinter den Bergen!""rief der Maler

aus und trank dazu aus der Weinflasche, die er mir dann hin-

reichte. Ich tat ihm höflich Bescheid und grüßte in meinem Her-

zen die schöne Heimat in der Ferne noch viel tausendmal.

Der Maler aber hatte unterdes das hölzerne Gerüst, worauf

ein sehr großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster

herangerückt. Auf dem Papiere war bloß mit großen, schwarzen

Strichen eine alte Hütte gar künstlich abgezeichnet. Darin saß

die Heilige Jungfrau mit einem überaus schönen, freudigen und

doch recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen auf einem

Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber mit

großen, ernsthaften Augen. Draußen auf der Schwelle der off-

nen Hütte aber knieten zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche.

"Siehst du", sagte der Maler, "dem einen Hirtenknaben da will

ich deinen Kopf aufsetzen, so kommt dein Gesicht doch auch et-

was unter die Leute, und, wills Gott, sollen sie sich daran noch

erfreuen, wenn wir beide schon lange begraben sind und selbst

so still und fröhlich vor der Heiligen Mutter und ihrem Sohne

knien wie die glücklichen Jungen hier." Darauf ergriff er einen

alten Stuhl, von dem ihm aber, da er ihn aufheben wollte, die

halbe Lehne in der Hand blieb. Er paßte ihn geschwind wieder

zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und ich mußte mich

nun daraufsetzen und mein Gesicht etwas von der Seite nach

dem Maler zu wenden. So saß ich ein paar Minuten ganz still,

ohne mich zu rühren. Aber ich weiß nicht, zuletzt konnt ich`s

gar nicht recht aushalten, bald juckte michs da, bald juckte michs

dort. Auch hing mir gerade gegenüber ein zerbrochener halber

Spiegel, da mußte ich immerfort hineinsehen und machte, wenn

er eben malte, aus Langerweile allerlei Gesichter und Grimas-

sen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut auf und

winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein

Gesicht auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar

aus, daß ich mir ordentlich selber gefiel.

Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig

fort, während er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das

offne Fenster in die prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber

schnitt mir unterdes noch eine Butterstolle und ging damit ver-

gnügt im Zimmer auf und ab und besah mir die Bilder, die an

der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir ganz

besonders gut. "Habt Ihr die auch gemalt?" frug ich den Maler.

"Warum nicht gar!" erwiderte er, "die sind von den berühmten

Meistern Leonardo da Vinci und Guido Reni - aber da weißt

du ja doch nichts davon!" Mich ärgerte der Schluß der Rede.

"Oh", versetzte ich ganz gelassen, "die beiden Meister kenne ich

wie meine eigne Tasche."Da machte er große Augen. "Wieso?"

frug er geschwind. "Nun", sagte ich, "bin ich nicht mit ihnen

Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fuß und zu Wagen,

daß mir der Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in der

Schenke verloren und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extra-

Post immer weiter gefahren, daß der Bombenwagen immerfort

auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine flog, und -"

"Oho! Oho!" unterbrach mich der Maler und sah mich starr an,

als wenn er mich für verrückt hielte. Dann aber brach er plötz-

lich in ein lautes Gelächter aus. "Ach", rief er, "nun versteh ich

erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Guido und Leonhard

hießen?""Da ich das bejahte, sprang er rasch auf und sah mich

nochmals von oben bis unten ganz genau an. "Ich glaube gar",

sagte er, "am Ende - spielst du die Violine?" Ich schlug auf

meine Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab. "Nun

wahrhaftig", versetzte der Maler, "da war eine Gräfin aus

Deutschland hier, die hat sich in allen Winkeln von Rom nach

den beiden Malern und nach einem jungen Musikanten mit der

Geige erkundigen lassen." "Eine junge Gräfin aus Deutschland?"

rief ich voller Entzücken aus, "ist der Portier mit?" "Ja, das

weiß ich alles nicht", erwiderte der Maler, "ich sah sie nur eini-

gemal bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in der

Stadt wohnt. - Kennst du die?" fuhr er fort, indem er in einem

Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in

die Höhe hob. Da war mir`s doch nicht anders, als wenn man in

einer finsteren Stube die Laden aufmacht und einem die Morgen-

sonne auf einmal über die Augen blitzt, es war - die schöne

gnädige Frau! Sie stand in einem schwarzen Samtkleide im Gar-

ten und hob mit einer Hand den Schleier vom Gesicht und sah

still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend hinaus. Je

länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der Gar-

ten am Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise

im Winde, und unten in der Tiefe sähe ich mein Zollhäuschen

und die Landstraße weit durchs Grüne und die Donau und die

fernen blauen Berge.

"Sie ists, sie ists!" rief ich endlich, erwischte meinen Hut und

rannte rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und

hörte nur noch, daß mir der verwunderte Maler nachschrie, ich

sollte gegen Abend wiederkommen, da könnten wir vielleicht

mehr erfahren!

 

8. Kapitel

 

Ich lief mit großer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich so-

gleich wieder in dem Gartenhaus zu melden, wo die schöne Frau

gestern abend gesungen hatte. Auf den Straßen war unterdes

alles lebendig geworden, Herren und Damen zogen im Sonnen-

schein und neigten sich und grüßten bunt durcheinander, präch-

tige Karossen rasselten dazwischen, und von allen Türmen läu-

tete es zur Messe, daß die Klänge über dem Gewühle wunder-

bar in der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie be-

trunken von Freude und von dem Rumor und rannte in mei-

ner Fröhlichkeit immer gerade fort, bis ich zuletzt gar nicht

mehr wußte, wo ich stand. Es war wie verzaubert, als wäre der

stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und das Haus bloß

ein Traum gewesen und beim hellen Tageslicht alles wieder von

der Erde verschwunden.

Fragen konnte ich nicht, denn ich wußte den Namen des Plat-

zes nicht. Endlich fing es auch an sehr schwül zu werden, die

Sonnenstrahlen schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pfla-

ster, die Leute verkrochen sich in die Häuser, die Jalousien wur-

den überall wieder zugemacht, und es war auf einmal wie aus-

gestorben auf den Straßen. Ich warf mich zuletzt ganz verzwei-

felt vor einem schönen, großen Hause hin, vor dem ein Balkon

mit Säulen breiten Schatten warf, und betrachtete bald die stille

Stadt, die in der plötzlichen Einsamkeit bei heller Mittagstunde

ordentlich schauerlich aussah, bald wieder den tiefblauen, ganz

wolkenlosen Himmel, bis ich endlich vor großer Ermüdung gar

einschlummerte. Da träumte mir, ich läge bei meinem Dorfe auf

einer einsamen grünen Wiese, ein warmer Sommerregen sprühte

und glänzte in der Sonne, die soeben hinter den Bergen unter-

ging, und wie die Regentropfen auf den Rasen fielen, waren es

lauter schöne, bunte Blumen, so daß ich davon ganz überschüttet

war.

Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte und wirklich eine

Menge schöner, frischer Blumen auf und neben mir liegen sah!

Ich sprang auf, konnte aber nichts Besonderes bemerken als bloß

in dem Hause über mir ein Fenster ganz oben voll von duften-

den Sträuchern und Blumen, hinter denen ein Papagei unabläs-

sig plauderte und kreischte. Ich las nun die zerstreuten Blumen

auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß vorn ins

Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig

zu diskurrieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergol-

deten Gebauer mit allerlei Grimassen herauf und herunter stieg

und sich dabei immer ungeschickt über die große Zehe trat. Doch

ehe ich michs versah, schimpfte er mich , "furfante!" Wenn es

gleich eine unvernünftige Bestie war, so ärgerte es mich doch.

Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten endlich beide in Hitze, je

mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr gurgelte er auf italie-

nisch wieder auf mich los.

Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte

mich rasch um. Es war der Maler von heute früh. "Was stellst

du wieder für tolles Zeug an!" sagte er, "ich warte schon eine

halbe Stunde auf dich Die Luft ist wieder kühler, wir wollen in

einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst du mehrere Lands-

leute finden und vielleicht etwas Näheres von der deutschen

Gräfin erfahren."

Darüber war ich außerordentlich erfreut, und wir traten unse-

ren Spaziergang sogleich an, während ich den Papagei noch

lange hinter mir drein schimpfen hörte.

Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen, steinichten

Fußpfaden lange zwischen Landhäusern und Weingärten hinauf-

gestiegen waren, kamen wir an einen kleinen, hochgelegenen

Garten, wo mehrere junge Männer und Mädchen im Grünen um

einen runden Tisch saßen. Sobald wir hineintraten, winkten uns

alle zu, uns still zu verhalten, und zeigten auf die andere Seite

des Gartens hin. Dort saßen in einer großen, grünverwachsenen

Laube zwei schöne Frauen an einem Tische einander gegenüber.

Die eine sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden

hinter dem Tische stand ein freundlicher Mann, der mit einem

kleinen Stäbchen zuweilen den Takt schlug. Dabei funkelte die

Abendsonne durch das Weinlaub, bald über die Weinflaschen

und Früchte, womit der Tisch in der Laube besetzt war, bald

über die vollen, runden, blendendweißen Achseln der Frau mit

der Gitarre. Die andere war wie verzückt und sang auf italie-

nisch ganz außerordentlich künstlich, daß ihr die Flechsen am

Halse aufschwollen.

Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine

lange Kadenz anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobe-

nem Stäbchen auf den Augenblick paßte, wo sie wieder in den

Takt einfallen würde, und keiner im ganzen Garten zu atmen

sich unterstand, da flog plötzlich die Gartentür weit auf, und

ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein junger Mensch

mit einem feinen bleichen Gesichte stürzten in großem Gezänke

herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem aufge-

hobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich

die Sängerin schon längst den langen Triller plötzlich abge-

schnappt hatte und zornig aufgestanden war. Alle übrigen zisch-

ten den Neuangekommenen wütend an. "Barbar!" rief ihm einer

von dem runden Tische zu, " du rennst da mitten in das sinn-

reiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein, welche der

selige Hoffmann, Seite 347 des "Frauentaschenbuches für 1816",

von dem schönsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbste

1814 auf der Berliner Kunstausstellung zu sehen war. Aber das

half alles nichts. "Ach was!" entgegnete der junge Mann, "mit

euren Tableaus von Tableaus! Mein selbsterfundenes Bild für

die andern und mein Mädchen für mich allein! So will ich es

halten! 0 du Ungetreue, du Falsche!" fuhr er dann von neuem

gegen das arme Mädchen fort, "du kritische Seele, die in der

Malerkunst nur den Silberblick und in der Dichtkunst nur den

goldenen Faden sucht, und keinen Liebsten, sondern nur lauter

Schätze hat! Ich wünsche dir hinfüro, anstatt eines ehrlichen

malerischen Pinsels einen alten Duca mit einer ganzen Münz

grube von Diamanten auf der Nase und mit hellem Silberblick

auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den paar noch

übrigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den

du da vorhin vor mir versteckt hast! Was hast du wieder ange-

zettelt? Von wem ist der Wisch, und an wen ist er?"

Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die

andern den erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit

großem Lärm zu trösten und zu beruhigen suchten, desto erhitz-

ter und toller wurde er von dem Rumor, zumal das Mädchen

auch ihr Mäulchen nicht halten konnte, bis sie endlich weinend

aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich auf einmal

ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu

suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber

da die andern in dem Getümmel soeben nicht auf uns achtgaben,

kehrte sie plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte

mir mit ganz ruhigem Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr:

"Du abscheulicher Einnehmer! um dich muß ich das alles leiden.

Da, steck den fatalen Zettel geschwind zu dir, du findest darauf

bemerkt, wo wir wohnen. Also zur bestimmten Stunde, wenn

du ins Tor kommst, immer die einsame Straße rechts fort!"

Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen,

denn wie ich sie nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf ein-

mal: es war wahrhaftig die schnippische Kammerjungfer vom

Schloß, die mir damals an dem schönen Sonntagsabende die Fla-

sche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals so schön vor-

gekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, daß

die schwarzen Locken über meinen Arm herabhingen. "Aber,

verehrte Mamsell", sagte ich voller Erstaunen, "wie kommen

Sie -, "Um Gottes willen, still nur, jetzt still!" erwiderte sie

und sprang geschwind von mir fort auf die andere Seite des

Gartens, eh ich mich noch auf alles recht besinnen konnte.

Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz ver-

gessen, zankten aber untereinander recht vergnüglich weiter, in-

dem sie dem jungen Menschen beweisen wollten, daß er eigent-

lich betrunken sei, was sich für einen ehrliebenden Maler gar

nicht schicke. Der runde fixe Mann aus der Laube, der - wie

ich nachher erfuhr - ein großer Kenner und Freund von Kün-

sten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mit-

machte, hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit

seinem fetten Gesichte, das vor Freundlichkeit ordentlich glänz-

te, eifrig mitten in dem dicksten Getümmel herum, um alles zu

vermitteln und zu beschwichtigen, während er dazwischen im-

mer wieder die lange Kadenz und das schöne Tableau bedauerte,

das er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte.

Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem

glückseligen Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der

Weinflasche bis tief in die Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich

holte, da der Rumor gar kein Ende nehmen wollte, frisch meine

Violine wieder hervor und spielte, ohne mich lange zu besinnen,

einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge tanzen, und

den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte.

Da reckten alle die Köpfe in die Höh. "Bravo, bravissimo,

ein deliziöser Einfall!" rief der lustige Kenner von den Künsten

und lief sogleich von einem zum andern, um ein ländliches Di-

vertissement, wie ers nannte, einzurichten. Er selbst machte den

Anfang, indem er der Dame die Hand reichte, die vorhin in der

Laube gespielt hatte. Er begann darauf außerordentlich künst-

lich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei Buchstaben

auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Füßen und

machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge. Aber er be-

kam es bald satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer

kürzere und ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus

dem Kreise heraustrat und heftig pustete und sich mit seinem

schneeweißen Schnupftuche unaufhörlich den Schweiß abwischte.

Unterdes hatte auch der junge Mensch, der nun wieder ganz ge-

scheit geworden war, aus dem Wirtshause Kastagnetten herbei-

geholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter den Bäu-

men bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch

einige rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über

das alte Gemäuer und die von Efeu wild überwachsenen, halb

versunkenen Säulen hinten im Garten, während man von der

andern Seite tief unter den Weinbergen die Stadt Rom in den

Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie alle lieblich im Grünen

in der klaren stillen Luft, und mir lachte das Herz recht im

Leibe, wie die schlanken Mädchen und die Kammerjungfer mit-

ten unter ihnen sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische

Waldnymphen zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei

jedesmal in der Luft mit den Kastagnetten lustig dazu schnalz-

ten. Ich konnte mich nicht länger halten, ich sprang mitten unter

sie hinein und machte, während ich dabei immerfort geigte,

recht artige Figuren.

Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprun-

gen sein und merkte gar nicht, daß die andern unterdes anfin-

gen müde zu werden und sich nach und nach von dem Rasen-

platze verloren. Da zupfte mich jemand von hinten tüchtig an

den Rockschößen. Es war die Kammerjungfer. "Sei kein Narr"

sagte sie leise, "du springst ja wie ein Ziegenbock! Studiere dei-

nen Zettel ordentlich und komm bald nach, die schöne, junge

Gräfin wartet." Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung zur

Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten

verschwunden.

Mir klopfte das Herz, ich wäre am liebsten gleich nachgesprun-

gen. Zum Glück zündete der Kellner, da es schon dunkel gewor-

den war, in einer großen Laterne an der Gartentür Licht an.

Ich trat heran und zog geschwind den Zettel heraus. Da war

ziemlich kritzlich mit Bleifeder das Tor und die Straße beschrie-

ben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt hatte. Dann

stand: "Elf Uhr an der kleinen Tür."

Da waren noch ein paar lange Stunden hin! Ich wollte mich

dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte

keine Rast und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich

hierhergebracht hatte, auf mich los. "Hast du das Mädchen ge-

sprochen?" frug er, "ich seh sie nun nirgends mehr; das war das

Kammermädchen von der deutschen Gräfin." "Still, still!" er-

widerte ich, "die Gräfin ist noch in Rom." "Nun, desto besser",

sagte der Maler, "so komm und trink mit uns auf ihre Gesund-

heit!" Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte,

in den Garten zurück.

Da war es unterdes ganz öde und leer geworden. Die lustigen

Gäste wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt

zu, und man hörte sie noch durch den stillen Abend zwischen

den Weingärten plaudern und lachen, immer ferner und ferner,

bis sich endlich die Stimmen tief in dem Tale im Rauschen der

Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch mit meinem

Maler und dem Herrn Eckbrecht - so hieß der andere junge

Maler, der sich vorhin so herumgezankt hatte - allein oben zu-

rückgeblieben. Der Mond schien prächtig im Garten zwischen

die hohen, dunklen Bäume herein, ein Licht flackerte im Winde

auf dem Tische vor uns und schimmerte über den vielen vergoß-

nen Wein auf der Tafel. Ich mußte mich mit hinsetzen, und mein

Maler plauderte mit mir über meine Herkunft, meine Reise und

meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte das junge hüb-

sche Mädchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen auf

den Tisch gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr

die Gitarre in den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klim-

pern. Sie fand sich auch bald mit den kleinen Händchen zurecht,

und sie sangen dann zusammen ein italienisches Lied, einmal er,

dann wieder das Mädchen eine Strophe, was sich in dem schönen

stillen Abend prächtig ausnahm. Als das Mädchen dann weg-

gerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der Gitarre auf

die Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm

stand, und sang nun für sich allein viele herrliche deutsche und

italienische Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Da-

bei schienen die Sterne prächtig am klaren Firmamente, die

ganze Gegend war wie versilbert vom Mondschein, ich dachte an

die schöne Frau, an die ferne Heimat und vergaß darüber ganz

meinen Maler neben mir. Zuweilen mußte Herr Eckbrecht stim-

men, darüber wurde er immer ganz zornig. Er drehte und riß

zuletzt an dem Instrumente, daß plötzlich eine Saite sprang. Da

warf er die Gitarre hin und sprang auf. Nun wurde er erst ge-

wahr, daß mein Maler sich unterdes über seinen Arm auf den

Tisch gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell

einen weißen Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische

hing, besann sich aber plötzlich, sah erst meinen Maler, dann

mich ein paarmal scharf an, setzte sich darauf, ohne sich lange zu

bedenken, gerade vor mich auf den Tisch hin, räusperte sich,

rückte an seiner Halsbinde und fing dann auf einmal an, eine

Rede an mich zu halten. "Geliebter Zuhörer und Landsmann!"

sagte er, "da die Flaschen beinahe leer sind und die Moral un-

streitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die

Neige gehen, so fühle ich mich aus landsmännischer Sympathie

getrieben, dir einige Moralität zu Gemüte zu führen. - Man

könnte zwar meinen", fuhr er fort, "du seist ein bloßer Jüng-

ling, während doch dein Frack über seine besten Jahre hinaus

ist; man könnte vielleicht annehmen, du habest vorhin wunder-

liche Sprünge gemacht wie ein Satyr; ja, einige möchten wohl

behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du hier

auf dem Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich

an solche oberflächlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine

feingespitzte Nase, ich halte dich für ein vakierendes Genie."

Mich ärgerten die verfänglichen Redensarten, ich wollte ihm so-

eben recht antworten. Aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.

"Siehst du", sagte er, "wie du dich schon aufblähst von dem biß-

chen Lobe. Gehe in dich und bedenke dies gefährliche Metier!

Wir Genies - denn ich bin auch eins - machen uns aus der Welt

ebensowenig als sie sich aus uns, wir schreiten vielmehr ohne

besondere Umstände in unsern Siebenmeilenstiefeln, die wir

bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die Ewigkeit los. Oh,

höchst klägliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit dem

einen Beine in der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zu-

künftige Kindergesichter dazwischen, mit dem andern Beine

noch mitten in Rom auf der Piazza del Popolo, wo das ganze

Säkulum bei der guten Gelegenheit mit will und sich an den

Stiefel hängt, daß sie einem das Bein ausreißen möchten! Und

alle das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich für die

unsterbliche Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort

auf der Bank, der gleichfalls ein Genie ist; ihm wird die Zeit

schon zu lang, was wird er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja,

hochgeschätzter Herr Kollege, du und ich und die Sonne, wir

sind heute früh zusammen aufgegangen und haben den ganzen

Tag gebrütet und gemalt, und es war alles schön - und nun

fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt

und hat alle Farben verwischt!" Er sprach noch immerfort und

war dabei mit seinen verwirrten Haaren von dem Tanzen und

Trinken im Mondschein ganz leichenblaß anzusehen.

Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Ge-

rede, und als er sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler

herumwandte, benutzte ich die Gelegenheit, schlich, ohne daß er

es bemerkte, um den Tisch aus dem Garten heraus und stieg,

allein und fröhlich im Herzen, an dem Rebengeländer in das

weite, vom Mondschein beglänzte Tal hinunter.

Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte

ich durch die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und

manchmal die Stimmen der beiden Maler, die nun auch nach

Hause gingen, von fern herüberschallen. Ich lief daher so schnell,

als ich nur konnte, damit sie mich nicht weiter ausfragen sollten.

Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit

klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gär-

ten fort. Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem

Platze mit dem Springbrunnen herauskam, den ich heute am

Tage gar nicht hatte finden können. Da stand das einsame Gar-

tenhaus wieder im prächtigsten Mondschein, und auch die schöne

Frau sang im Garten wieder dasselbe italienische Lied wie ge-

stern abend. Ich rannte voller Entzücken erst an die kleine Tür,

dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an das große

Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst ein,

daß es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die

langsame Zeit, aber über das Gartentor klettern, wie gestern,

mochte ich wegen der guten Lebensart nicht. Ich ging daher ein

Weilchen auf dem einsamen Platze auf und ab und setzte mich

endlich wieder auf den steinernen Brunnen voller Gedanken und

stiller Erwartung hin.

Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles

leer und still, ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schö-

nen Frau zu, der zwischen dem Rauschen des Brunnens aus

dem Garten herüberklang. Da erblickt ich auf einmal eine weiße

Gestalt, die von der andern Seite des Platzes herkam und gerade

auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte durch den Mond-

flimmer recht scharf hin - es war der wilde Maler in seinem

weißen Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf,

und ehe ich mich`s versah, war er im Garten drin.

Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine ab-

sonderliche Pike wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber

geriet ich ganz außer mir vor Zorn. Das liederliche Genie ist ge-

wiß wieder betrunken, dachte ich, den Schlüssel hat er von der

Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau beschleichen, ver-

raten, überfallen. Und so stürzte ich durch das kleine, offen ge-

bliebene Pförtchen in den Garten hinein.

Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügel-

tür vom Gartenhause stand offen, ein milchweißer Lichtschein

drang daraus hervor und spielte auf dem Grase und den Blumen

vor der Tür. Ich blickte von weitem herein. Da lag in einem

prächtigen, grünen Gemache, das von einer weißen Lampe nur

wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der Gitarre im

Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld

an die Gefahren draußen zu denken.

Ich hatte aber nicht lange Zeit hinzusehen, denn ich bemerkte

soeben, daß die weiße Gestalt von der andern Seite ganz behut-

sam hinter den Sträuchern nach dem Gartenhause zu schlich. Da-

bei sang die gnädige Frau so kläglich aus dem Hause, daß es mir

recht durch Mark und Bein ging. Ich besann mich daher nicht

lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte damit gerade auf den

Weißmantel los und schrie aus vollem Halse "Mordio!", daß der

ganze Garten erzitterte.

Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah,

nahm schnell Reißaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch bes-

ser, er lief nach dem Hause zu, ich ihm nach - und ich hatt ihn

beinahe schon erwischt, da verwickelte ich mich mit den Füßen

in den fatalen Blumenstöcken und stürzte auf einmal der Länge

nach vor der Haustür hin.

"Also bist du es, Narr!" hört ich da über mir ausrufen, "hast

du mich doch fast zum Tode erschreckt." Ich raffte mich ge-

schwind wieder auf, und wie ich mir den Sand und die Erde aus

den Augen wischte, steht die Kammerjungfer vor mir, die so-

eben bei dem letzten Sprunge den weißen Mantel von der

Schulter verloren hatte. "Aber", sagte ich ganz verblüfft, "war

denn der Maler nicht hier?" "Ja freilich", entgegnete sie schnip-

pisch, "sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin

im Tor begegnete, umgehängt hat, weil mich fror." - Über dem

Geplauder war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa auf-

gesprungen und kam zu uns an die Tür. Mir klopfte das Herz

zum Zerspringen. Aber wie erschrak ich, als ich recht hinsah und

anstatt der schönen gnädigen Frau auf einmal eine ganz fremde

Person erblickte!

Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer

stolzen Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen,

so recht zum Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen,

funkelnden Augen so majestätisch an, daß ich mich vor Ehr-

furcht gar nicht zu lassen wußte. Ich war ganz verwirrt, ich

machte in einem fort Komplimente und wollte ihr zuletzt gar

die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg und sprach

dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts

verstand.

Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nach-

barschaft lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien,

zwischendurch hörte man einige Männerstimmen, die immer

näher und näher auf den Garten zukamen. Da blickte mich die

Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit feurigen Kugeln

durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem Zimmer

zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und

schmiß mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber

erwischte mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach

der Gartenpforte.

"Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht",

sagte sie unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon

giftig. "Nun, zum Teufel!" sagte ich, "habt Ihr mich denn nicht

selbst hierher bestellt?" "das ists ja eben", rief die Kammerjung-

fer, meine Gräfin meinte es so gut mit dir, wirft dir erst Blu-

men aus dem Fenster zu, singt Arien - und das ist nun ihr

Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts anzufangen; du trittst

dein Glück ordentlich mit Füßen." "Aber", erwiderte ich, "ich

meinte die Gräfin aus Deutschland, die schöne gnädige Frau."

"Ach", unterbrach sie mich, "die ist ja lange schon wieder in

Deutschland, mitsamt deiner tollen Amour. Und da lauf du nur

auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach dir, da könnt ihr

zusammen die Geige spielen und in den Mond gucken, aber daß

du mir nicht wieder unter die Augen kommst!"

Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel

hinter uns. Aus dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüp-

peln hastig über den Zaun, andere fluchten und durchsuchten

schon die Gänge, desperate Gesichter mit Schlafmützen guckten

im Mondscheine bald da, bald dort über die Hecken, es war, als

wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und Sträuchern

Gesindel heckte. Die Kammerjungfer fackelte nicht lange. "Dort,

dort läuft der Dieb!" schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei

auf die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich

schnell aus dem Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu.

Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem

stillen Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen

war. Die Wasserkunst, die mir vorhin im Mondscheine so lustig

flimmerte, als wenn Engelein darin auf und nieder stiegen,

rauschte noch fort wie damals, mir aber war unterdes alle Lust

und Freude in den Brunnen gefallen. Ich nahm mir nun fest vor,

dem falschen Italien mit seinen verrückten Malern, Pomeranzen

und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren, und wan-

derte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.

 

9. Kapitel

 

Die treuen Berg stehn auf der Wacht:

"Wer streicht bei stiller Morgenzeit

Da aus der Fremde durch die Heid?" -

Ich aber mir die Berg betracht

Und lach in mich vor großer Lust

Und rufe recht aus frischer Brust

Parol und Feldgeschrei sogleich:

Vivat Östreich!

Da kennt mich erst die ganze Rund,

Nun grüßen Bach und Vöglein zart

Und Wälder rings nach Landesart,

Die Donau blitzt aus tiefem Grund,

Der Stephansturm auch ganz von fern

Guckt übern Berg und säh mich gern,

Und ist er’s nicht, so kommt er doch gleich -

Vivat Östreich!

Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum ersten Male

nach Östreich hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude

noch mit dem Hute und sang die letzte Strophe, da fiel auf ein-

mal hinter mir im Walde eine prächtige Musik von Blasinstru-

menten mit ein. Ich dreh mich schnell um und erblicke drei junge

Gesellen in langen, blauen Mänteln, davon der eine Oboe, der

andere die Klarinette und der dritte, der einen alten Dreistutzer

auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn - die akkompagnierten

mich plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul,

ziehe meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch

mit. Da sah einer den andern bedenklich an, der Waldhornist

ließ dann zuerst seine Bausbacken wieder einfallen und setzte

sein Waldhorn ab, bis am Ende alle stille wurden und mich an-

schauten. Ich hielt verwunder t ein und sah sie auch an. - "Wir

meinten", sagte endlich der Waldhornist, "weil der Herr so

einen langen Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer,

der hier zu Fuß die schöne Natur bewundert; da wollten wir

uns ein Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist sel-

ber ein Musikant." "Eigentlich ein Einnehmer", versetzte ich;

"und komme direkt von Rom her, da ich aber seit geraumer

Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich mich unterwegs mit

der Violine durchgeschlagen." "Bringt nicht viel heutzutage!"

sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald zu-

rückgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer

anfachte, das sie dort angezündet hatten. "Da gehn die blasen-

den Instrumente schon besser", fuhr er fort. "Wenn so eine Herr-

schaft ganz ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft

in das gewölbte Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften

zu blasen an - gleich kommt ein Bedienter herausgesprungen

mit Geld oder Essen, damit sie nur den Lärm wieder loswerden.

Aber will der Herr nicht eine Kollation mit uns einnehmen?"

Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war

frisch, wir setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei

von den Musikanten nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und

auch schon Milch war, vom Feuer, holten Brot aus ihren Man-

teltaschen hervor und tunkten und tranken abwechselnd aus dem

Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es ordentlich eine Lust

war anzusehen. Der Waldhornist aber sagte: "Ich kann das

schwarze Gesöff nicht vertragen", und reichte mir dabei die eine

Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte,

dann brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. "Will der

Herr nicht auch einen Schluck?" Ich tat einen tüchtigen Zug,

mußte aber schnell wieder absetzen und das ganze Gesicht ver-

ziehn, denn er schmeckte wie Dreimännerwein. "Hiesiges Ge-

wächs", sagte der Waldhornist, "aber der Herr hat sich in Ita-

lien den deutschen Geschmack verdorben."

Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich

unter allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor,

worauf noch der Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den

Zepter in der rechten, den Reichsapfel in der linken Hand. Er

breitete sie auf dem Boden behutsam auseinander, die andern

rückten näher heran, und sie beratschlagten nun zusammen, was

sie für eine Marschroute nehmen sollten.

"Die Vakanz geht bald zu Ende", sagte der eine, "wir müssen

uns gleich von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei

guter Zeit nach Prag." - "Nun wahrhaftig!" rief der Wald-

hornist, "wem willst du da was vorpfeifen? Nichts als Wälder

und Kohlenbauern, kein geläuterter Kunstgeschmack, keine ver-

nünftige, freie Station!" "0 Narrenspossen !" erwiderte der an-

dere, "die Bauern sind mir gerade die liebsten, die wissen am

besten, wo einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau,

wenn man manchmal eine falsche Note bläst." "Das macht, du

hast kein point d`honneur", versetzte der Waldhornist, "odi

profanum vulgus et arceo, sagt der Lateiner." "Nun, Kirchen

aber muß es auf der Tour doch geben", meinte der dritte, "so

kehren wir bei den Herren Pfarrern ein."""Gehorsamster Die-

ner!" sagte der Waldhornist, "die geben kleines Geld und große

Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt herumschweifen,

sondern uns besser auf die Wissenschaften applizieren sollen, be-

sonders wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater wit-

tern. Nein, nein, Clericus clericum non decimat. Aber was gibt

es denn da überhaupt für große Not? Die Herren Professoren

sitzen auch noch im Karlsbade und halten selbst den Tag nicht

so genau ein." "Ja, distinguendum est inter et inter", erwiderte

der andere, "quod licet Jovi, non licet bovi!"

Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und be-

kam einen ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen

das Latein nur so wie Wasser von dem Munde floß.," Ist der

Herr auch ein Studierter?""fragte mich darauf der Waldhor-

nist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer besondere Lust

zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. "Das tut gar nichts",

rief der Waldhornist, "wir haben auch weder Geld noch reiche

Freundschaft. Aber ein gescheiter Kopf muß sich zu helfen wis-

sen. Aurora musis amica, das heißt zu deutsch: mit vielem Früh-

stücken sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann

die Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg

über die Stadt gehen und nun die Schüler auf einmal mit gro-

ßem Geschreie aus dem alten finstern Kollegium herausbrechen

und im Sonnenscheine durch die Gassen schwärmen - da be-

geben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater Küchenmeister

und finden unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht gedeckt,

so steht doch für jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir

nicht viel darnach und essen und perfektionieren uns dabei noch

im Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von

einem Tage zum andern fort. Und wenn dann endlich die Va-

kanz kommt und die andern fahren und reiten zu ihren Eltern

fort, da wandern wir mit unsern Instrumenten unterm Mantel

durch die Gassen zum Tore hinaus, und die ganze Welt steht

uns offen."

Ich weiß nicht, wie er so erzählte, ging es mir recht durchs

Herz, daß so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der

Welt. Ich dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht

anders ginge, und die Tränen traten mir in die Augen. Der

Waldhornist sah mich groß an. "Das tut gar nichts" fuhr er wie-

der weiter fort, "ich möchte gar nicht so reisen: Pferde und Kaf-

fee und frisch überzogene Betten und Nachtmützen und Stiefel-

knecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste, wenn wir so früh-

morgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns fortzie-

hen, daß wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns

raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch

für ein besonderes Glück begegnen kann." "Ja", sagte der an-

dere, "und wo wir hinkommen und unsere Instrumente heraus-

ziehen, wird alles fröhlich, und wenn wir dann zur Mittags-

stunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus treten und im Haus-

flur blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der Haustür,

und die Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie

die Musik drin besser hören, und durch die Lücke kommt das

Tellergeklapper und der Bratenduft in den freudenreichen

Schall herausgezogen, und die Fräuleins an der Tafel verdrehen

sich fast die Hälse, um die Musikanten draußen zu sehen."

"Wahrhaftig", rief der Waldhornist mit leuchtenden Augen aus,

"laßt die anderen nur ihre Kompendien repetieren, wir studie-

ren unterdes in dem großen Bilderbuche, das der liebe Gott uns

draußen aufgeschlagen hat! Ja, glaub nur der Herr, aus uns wer-

den gerade die rechten Kerls, die den Bauern dann was zu er-

zählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel schlagen, daß

den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das

Herz im Leibe bersten möchte."

Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinne, daß

ich gleich auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar

nicht satt hören, denn ich unterhalte mich gern mit studierten

Leuten, wo man etwas profitieren kann. Aber es konnte gar nicht

zu einem recht vernünftigen Diskurse kommen. Denn dem einen

Studenten war vorhin angst geworden, weil die Vakanz so bald

zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein Klarinett zu-

sammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte

Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus

einer Messe ein, die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zu-

rückkamen. Da saß er nun und fingerte und pfiff dazwischen

manchmal so falsch, daß es einem durch Mark und Bein ging und

man oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme:

"Topp, da hab ich es", er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte

neben ihm. Der andere ließ auf einen Augenblick von seinem

fleißigen Blasen ab und sah ihn verwundert an. "Hört", sagte

der Waldhornist, "nicht weit von Wien ist ein Schloß, auf dem

Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist mein Vetter! Teuerste

Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn Vetter un-

ser Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er

uns wieder weiter fortbringt!" Als ich das hörte, fuhr ich ge-

schwind auf. "Bläst er nicht auf dem Fagott?" rief ich, "und ist

von langer, gerader Leibesbeschaffenheit und hat eine große, vor-

nehme Nase?" Der Waldhornist nickte mit dem Kopfe. Ich aber

embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der Dreistutzer vom

Kopfe fiel, und wir beschlossen nun sogleich, alle miteinander

im Postschiffe auf der Donau nach dem Schlosse der schönen Grä-

fin hinunterzufahren.

Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt be-

reit. Der dicke Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt

hatte, stand breit und behaglich in seiner Haustür, die er ganz

ausfüllte, und ließ zum Abschied allerlei Witze und Redensarten

erschallen, während in jedem Fenster ein Mädchenkopf heraus-

fuhr und den Schiffern noch freundlich zunickte, die soeben die

letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein ältlicher Herr mit

einem grauen Überrocke und schwarzem Halstuch, der auch mit-

fahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem

jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Bein-

kleidern und knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem

prächtigen Engländer saß. Es schien mir zu meiner großen Ver-

wunderung, als wenn sie beide zuweilen nach mir hinblickten

und von mir sprächen. Zuletzt lachte der alte Herr, das schlanke

Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und sprengte, mit den

Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in die

blitzende Landschaft hinein.

Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusam-

mengeschossen. Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als

ihm der Waldhornist damit unser Fährgeld in lauter Kupfer-

stücken aufzählte, die wir mit großer Not aus allen unsern Taschen

zusammengebracht hatten. Ich aber jauchzte laut auf, als ich auf

einmal wieder die Donau so recht vor mir sah; wir sprangen ge-

schwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das Zeichen, und

so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den Ber-

gen und Wiesen hinunter.

Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klan-

gen die Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der

Luft hörte man manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem

Schiffe aber jubilierte und schmetterte ein Kanarienvogel mit

darein, daß es eine rechte Lust war.

Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit

auf dem Schiffe war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen,

von der andern Seite hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm

Arme, so saß sie ganz still für sich und sah recht zufrieden bald

auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter dem Röckchen hervorka-

men, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter, und die Mor-

gensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie

die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß

die Studenten gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen

hätten, denn sie gingen immer an ihr vorüber, und der Wald-

hornist räusperte sich dabei und rückte bald an seiner Halsbinde,

bald an dem Dreistutzer. Aber sie hatten keine rechte Courage,

und das Mädchen schlug auch jedesmal die Augen nieder, sobald

sie ihr näher kamen.

Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit

dem grauen Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes

saß, und den sie gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein

Brevier vor sich, in welchem er las, dazwischen aber oft in die

schöne Gegend von dem Buche aufsah, dessen Goldschnitt und

die vielen dareingelegten bunten Heiligenbilder prächtig im Mor-

genschein blitzten. Dabei bemerkte er auch sehr gut, was auf dem

Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an ihren Federn;

denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den Studen-

ten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm

abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.

Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des

Schiffes gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser her-

unterbaumeln und blickte, während das Schiff so fortflog und

die Wellen unter mir rauschten und schäumten, immerfort in

die blaue Ferne, wie da ein Turm und ein Schloß nach dem an-

dern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und wuchs und end-

lich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur heute Flügel

hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe Vio-

line hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich

noch zu Hause und auf dem Schloß der schönen Frau gelernt

hatte.

Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es

war der geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und

mir schon ein Weilchen zugehört hatte. "Ei", sagte er lachend zu

mir, "ei, ei, Herr ludi magister, Essen und Trinken vergißt Er."

Er hieß mich darauf meine Geige einstecken, um einen Imbiß mit

ihm einzunehmen, und führte mich zu einer kleinen, lustigen

Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken und Tannen-

bäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war.

Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studen-

ten und selbst das junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer

und Pakete ringsherum setzen.

Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und But-

terschnitten aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog

auch aus einem Futterale mehrere Weinflaschen und einen silber-

nen, innerlich vergoldeten Becher hervor, schenkte ein, kostete

erst, roch daran und prüfte wieder und reichte dann einem jeden

von uns. Die Studenten saßen ganz kerzengerade auf ihren Fäs-

sern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer Devotion.

Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher

und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studen-

ten, aber je öfter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und

nach.

Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum

ersten Male vom Hause in Kondition komme und soeben auf das

Schloß ihrer neuen Herrschaft reise. Ich wurde über und über

rot, denn sie nannte dabei das Schloß der schönen gnädigen Frau.

-Also das soll meine zukünftige Kammerjungfer sein! dachte

ich und sah sie groß an, und mir schwindelte fast dabei. "Auf

dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit geben", sagte dar-

auf der geistliche Herr. "Ja", erwiderte das Mädchen, die gern

von der Geschichte mehr gewußt hätte; "man sagt, es wäre schon

eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber

niemals zugeben wollen." Der Geistliche antwortete nur mit "hm,

hm", während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit be-

denklichen Mienen daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden

Armen weit über den Tisch vorgelegt, um die Unterredung recht

genau anzuhören. Der geistliche Herr bemerkte es. "Ich kanns

Euch wohl sagen", hub er wieder an, "die beiden Gräfinnen

haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon

vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat ge-

schrieben, daß er schon lange von dort fort sei." Wie er von der

Dame aus Rom anfing, wurd ich wieder rot."Kennen denn Eure

Hochwürden den Bräutigam?" fragte ich ganz verwirrt. "Nein",

erwiderte der alte Herr, "aber er soll ein lustiger Vogel sein."

"0 ja", sagte ich hastig, "ein Vogel, der aus jedem Käfige aus-

reißt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn er wieder in der

Freiheit ist." "Und sich in der Fremde herumtreibt", fuhr der

Herr gelassen fort, "in der Nacht gassatim geht und am Tage

vor den Haustüren schläft." Mich verdroß das sehr. "Ehrwür-

diger Herr", rief ich ganz hitzig aus, "da hat man Euch falsch

gerichtet. Der Bräutigam ist ein moralischer, schlanker, hoff-

nungsvoller Jüngling, der in Italien in einem alten Schlosse auf

großem Fuß gelebt hat, der mit lauter Gräfinnen, berühmten

Malern und Kammerjungfern umgegangen ist, der sein Geld

sehr wohl zu Rate zu halten weiß, wenn er nur welches hätte,

der -" "Nun, nun, ich wußte nicht, daß Ihr ihn so gut kennt",

unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich,

daß er ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen aus

den Augen rollten. "Ich hab doch aber gehört", ließ sich nun das

Mädchen wieder vernehmen, "der Bräutigam wäre ein großer,

überaus reicher Herr." "Ach Gott, ja doch, ja! Konfusion, nichts

als Konfusion!" rief der Geistliche und konnte sich noch immer

vor Lachen nicht zugute geben, bis er sich endlich ganz verhuste-

te. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob er den Becher

in die Höh und rief: "Das Brautpaar soll leben!" Ich wußte gar

nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken

sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen Geschichten,

ihm hier vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der verlorene,

glückselige Bräutigam sei.

Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche

Herr sprach dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein

jeder gut wurde und am Ende alles fröhlich durcheinandersprach.

Auch die Studenten wurden immer redseliger und erzählten von

ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich gar ihre Instrumente

holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle Wasserluft strich

dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne vergoldete

schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen,

während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten.

Und als dann der Geistliche von der Musik immer vergnügter

wurde und lustige Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie

auch er zur Vakanz über Berge und Täler gezogen und oft

hungrig und durstig, aber immer fröhlich gewesen, und wie

eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz sei zwi-

schen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit -

da tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann

frisch ein Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte.

Nach Süden nun sich lenken

Die Vöglein allzumal,

Viel Wandrer lustig schwenken

Die Hüt im Morgenstrahl.

Das sind die Herrn Studenten,

Zum Tor hinaus es geht,

Auf ihren Instrumenten

Sie blasen zum Valet:

Ade in die Läng und Breite,

0 Prag, wir ziehen in die Weite:

Et habeat bonam pacem,

Qui sedet post fornacem!

Nachts wir durchs Städtlein schweifen,

Die Fenster schimmern weit,

Am Fenster drehn und schleifen

Viel schön geputzte Leut.

Wir blasen vor den Türen

Und haben Durst genung,

Das kommt vom Musizieren,

Herr Wirt, ein’n frischen Trunk!

Und siehe, über ein kleines

Mit einer Kanne Weines

Venit ex sua domo

Beatus ille homo!

Nun weht schon durch die Wälder

Der kalte Boreas,

Wir streichen durch die Felder,

Von Schnee und Regen naß,

Der Mantel fliegt im Winde,

Zerrissen sind die Schuh,

Da blasen wir geschwinde

Und singen noch dazu:

Beatus ille homo,

Qui sedet in sua domo,

Et sedet Post fornacem

Et hahet bonam pacem!

Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein La-

tein verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers

mit ein, ich aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah

soeben von fern mein Zollhäuschen und bald darauf auch das

Schloß in der Abendsonne über die Bäume hervorkommen.

 

 

10. Kapitel

 

Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land

und verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel,

wenn das Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche

Herr nahm eiligen Abschied und ging mit großen Schritten nach

dem Schlosse zu. Die Studenten dagegen wanderten eifrig nach

einem abgelegenen Gebüsch, wo sie noch geschwind ihre Mäntel

ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden Bache waschen und

einer den andern rasieren wollten. Die neue Kammerjungfer end-

lich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel unterm

Arme nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der

Frau Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert

hatte, ein besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir aber leuchtete der schöne Abend recht durchs

Herz, und als sie sich nun alle verlaufen hatten, bedachte ich

mich nicht lange und rannte sogleich nach dem herrschaftlichen

Garten hin.

Mein Zollbaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der

alten Stelle, die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten

rauschten noch immer darüber hin, eine Goldammer, die damals

auf dem Kastanienbaume vor dem Fenster jedesmal bei Sonnen-

untergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang auch wieder, als

wäre seitdem nichts in der Welt vorgegangen. Das Fenster im

Zollbause stand offen, ich lief voller Freuden hin und steckte

den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die

Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand

am Fenster und die lange Pfeife in einem Winkel, wie damals.

Ich konnte nicht widerstehen, ich sprang durch das Fenster hin-

ein und setzte mich an den Schreibtisch vor das große Rechen-

buch hin. Da fiel der Sonnenschein durch den Kastanienbaum

vor dem Fenster wieder grüngolden auf die Ziffern in dem auf-

geschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem offenen

Fenster hin und her, die Goldammer draußen auf dem Baume

sang fröhlich immerzu. Auf einmal aber ging die Tür aus der

Stube auf, und ein alter, langer Einnehmer in meinem punktier-

ten Schlafrocke trat herein. Er blieb in der Tür stehen, wie er

mich so unversehens erblickte, nahm schnell die Brille von der

Nase und sah mich grimmig an. Ich aber erschrak nicht wenig

darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf und lief aus der

Haustür durch den kleinen Garten fort, wo ich mich noch bald

mit den Füßen in dem fatalen Kartoffelkraute verwickelt hätte,

das der alte Einnehmer nunmehr, wie ich sah, nach des Portiers

Rat statt meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich hörte noch, wie

er vor die Tür herausfuhr und hinter mir drein schimpfte, aber

ich saß schon oben auf der hohen Gartenmauer und schaute mit

klopfendem Herzen in den Schloßgarten hinein.

Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen

Vöglein; die Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten

Wipfel neigten sich im Abendwinde vor mir, als wollten sie mich

bewillkommnen, und seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte

zuweilen die Donau zwischen den Bäumen nach mir herauf. Auf

einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewußt,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch

wieder so altbekannt, als hätte ich’s irgendeinmal im Traume ge-

hört. Ich dachte lange, lange nach. - "Das ist der Herr Guido!"

rief ich endlich voller Freude und schwang mich schnell in den

Garten hinunter - es war dasselbe Lied, das er an jenem Som-

merabende auf dem Balkon des italienischen Wirtshauses sang,

wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.

Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und

Hecken dem Liede nach. Als ich nun zwischen den letzten Ro-

sensträuchern hervortrat, blieb ich plötzlich wie verzaubert ste-

hen. Denn auf dem grünen Platze am Schwanenteich, recht vom

Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige Frau, in einem

prächtigen Kleide und einem Kranze von weißen und roten Ro-

sen in dem schwarzen Haare, mit niedergeschlagenen Augen auf

einer Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reit-

gerte vor sich auf dem Rasen, geradeso wie damals auf dem Kah-

ne, da ich ihr das Lied von der schönen Frau vorsingen mußte.

Ihr gegenüber saß eine andre junge Dame, die hatte den weißen,

runden Nacken voll brauner Locken gegen mich gewendet und

sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen Weiher

langsam im Kreise herumschwammen. Da hob die schöne Frau

auf einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte.

Die andere Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die

Locken ins Gesicht flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie

in ein unmäßiges Lachen aus, sprang dann von der Bank und

klatschte dreimal mit den Händchen. In demselben Augenblick

kam eine große Menge kleiner Mädchen in blütenweißen; kurzen

Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen den Rosen-

sträuchern hervorgeschlüpft,so daß ich gar nicht begreifen konn-

te, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumen-

girlande in den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich,

tanzten um mich herum und sangen dabei:

Wir bringen dir den Jungfernkranz

Mit veilchenblauer Seide,

Wir führen dich zu Lust und Tanz

Zu neuer Hochzeitsfreude.

Schöner, grüner Jungfernkranz,

Veilchenblaue Seide.

Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen

erkannte ich nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus

dem Dorfe. Ich kneipte sie in die Wangen und wäre gern aus

dem Kreise entwischt, aber die kleinen schnippischen Dinger

ließen mich nicht heraus. Ich wußte gar nicht, was die Geschichte

eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft da.

Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung

aus dem Gebüsche hervor. Ich traute meinen Auge kaum - es

war der fröhliche Herr Leonhard! Die kleinen Mädchen öffneten

nun den Kreis und standen auf einmal wie verzaubert alle un-

beweglich auf einem Beinchen, während sie das andere in die

Luft streckten und dabei die Blumengirlanden mit beiden Armen

hoch über den Köpfen in die Höhe hielten. Der Herr Leon-

hard aber faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz

stillstand und nur manchmal auf mich herüberblickte, bei der

Hand, führte sie bis zu mir und sagte: "Die Liebe darüber sind

nun alle Gelehrten einig - ist eine der couragiösesten Eigen-

schaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von Rang und

Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt

ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein

Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten Welt

umnimmt, um nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter

zwei getrennte Verliebte voneinander wandern, in desto anstän-

digern Bogen bläst der Reisewind den schillernden Mantel hinter

ihnen auf, desto kühner und überraschender entwickelt sich der

Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar den Lie-

benden hintennach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen

kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten.

O teuerster Herr Einnehmer und Bräutigam! Obgleich Ihr in

diesem Mantel bis an die Gestade der Tiber dahinrauschtet, das

kleine Händchen Eurer gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch

am äußersten Ende der Schleppe fest, und wie Ihr zucktet und

geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in den stillen Bann

ihrer schönen Augen. Und nun denn, da es so gekommen ist, ihr

zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen Mantel

um euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht

- liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich!"

Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig,

so kam auch die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen

gesungen hatte, auf mich los, setzte mir schnell einen frischen

Myrtenkranz auf den Kopf und sang dazu sehr neckisch, wäh-

rend sie mir den Kranz in den Haaren festrückte und ihr Ge-

sichtchen dabei dicht vor mir war:

Darum bin ich dir gewogen,

Darum wird dein Haupt geschmückt,

Weil der Strich von deinem Bogen

Öfters hat mein Herz entzückt.

Da trat sie wieder ein paar Schritte zurück. "Kennst du die

Räuber noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüt-

telten?" sagte sie, indem sie einen Knicks mir machte und mich

so anmutig und fröhlich ansah, daß mir ordentlich das Herz

im Leibe lachte. Darauf ging sie, ohne meine Antwort abzuwar-

ten, rings um mich herum. "Wahrhaftig noch ganz der Alte,

ohne allen welschen Beigeschmack! Aber nein, sieh doch nur ein-

mal die dicken Taschen an!" rief sie plötzlich zu der schönen gnä-

digen Frau. "Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles

durcheinander!" Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte

sich vor Lachen gar nicht zugute geben. Die schöne gnädige Frau

war unterdes noch immer still und mochte gar nicht die Augen

aufschlagen vor Scham und Verwirrung. Oft kam es mir vor, als

zürnte sie heimlich über das viele Gerede und Spaßen. Endlich

stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie verbarg ihr

Gesicht an der Brust der andern Dame. Diese sah sie erst erstaunt

an und drückte sie dann herzlich an sich.

Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die

fremde Dame betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es

war wahrhaftig niemand anders als - der junge Herr Maler

Guido!

Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben

näher nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich

mit ihr sprach. "Weiß er denn noch nicht?" hörte ich ihn fragen.

Sie schüttelte mit dem Kopfe. Er besann sich darauf einen Augen-

blick. "Nein, nein", sagte er endlich, "er muß schnell alles er-

fahren, sonst entsteht nur neues Geplauder und Gewirre."

"Herr Einnehmer", wandte er sich nun zu mir, "wir haben

jetzt nicht viel Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich

hier in aller Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch

Fragen, Erstaunen und Kopfschütteln unter den Leuten alte Ge-

schichten aufrührst und neue Erdichtungen und Vermutungen

ausschüttelst." Er zog mich bei diesen Worten tiefer in das Ge-

büsch hinein, während das Fräulein mit der von der schönen

gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und alle

ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber

doch sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. "Nun

denn", sagte Herr Leonhard, "Fräulein Flora, die hier soeben

tun will, als hört und wüßte sie von der ganzen Geschichte

nichts, hatte in aller Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand

vertauscht. Darüber kommt ein andrer und bringt ihr mit Pro-

logen, Trompeten und Pauken wiederum sein Herz dar und

will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand, und

jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht

wiederhaben, und ihr Herz nicht wieder zurückgeben. Alle

Welt schreit - aber du hast wohl noch keinen Roman gelesen?"

Ich verneinte es. "Nun, so hast du doch einen mitgespielt. Kurz:

das war eine solche Konfusion mit den Herzen, daß der Jemand

- das heißt ich - mich zuletzt selbst ins Mittel legen mußte. Ich

schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein Roß, hob das

Fräulein als Maler Guido auf das andere, und so ging es fort

nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien

zu verbergen, bis das Geschrei wegen der Herzen vorüber wäre.

Unterwegs aber kam man uns auf die Spur, und von dem Bal-

kone des welschen Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich Wa-

che schliefst, erblickte Flora plötzlich unsere Verfolger." "Also

der buckelige Signor?" "War ein Spion. Wir zogen uns daher

heimlich in die Wälder und ließen dich auf dem vorbestellten

Postkurse allein fortfahren. Das täuschte unsere Verfolger und

zum Überflusse auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse,

welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten und mit mehr

Diensteifer als Scharfsinn dich für das Fräulein hielten. Selbst

hier auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf dem Felsen

wohne, man erkundigte sich, man schrieb an sie - hast du nicht

ein Briefchen erhalten?" Bei diesen Wort fuhr ich blitzschnell mit

dem Zettel aus der Tasche. "Also dieser Brief?" "ist an mich",

sagte Fräulein Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht-

zugeben schien, riß mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas

ihn und steckte ihn dann in den Busen. "Und nun", sagte Herr

Leonhard, "müssen wir schnell in das Schloß, da wartet schon

alles auf uns. Also zum Schlusse, wie sichs von selbst versteht

und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung, Reue,

Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und über-

morgen ist Hochzeit!"

Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsche

ein rasender Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern

und Posaunen; Böller wurden dazwischen gelöst und Vivat ge-

rufen, die kleinen Mädchen tanzten von neuem, und aus allen

Sträuchern kam ein Kopf über dem andern hervor, als wenn sie

aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und Ge-

schleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon

dunkel wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Ge-

sichter wieder. Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager

Studenten in ihren Mänteln musizierten mitten darunter, neben

ihnen fingerte der Portier wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den

so unverhofft erblickte, lief ich sogleich auf ihn zu und embras-

sierte ihn heftig. Darüber kam er ganz aus dem Konzept. "Nun

wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt reist, er ist

und bleibt ein Narr!" rief er den Studenten zu und blies ganz

wütend weiter.

Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumore heim-

lich entsprungen und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den

Rasen tiefer in den Garten hinein. Ich sah es noch zur rechten

Zeit und lief ihr eiligst nach. Die Musikanten merkten in ihrem

Eifer nichts davon, sie meinten nachher, wir wären schon nach

dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande setzte sich mit

Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf den Marsch.

Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause

angekommen, das am Abhange des Gartens stand, mit dem off-

nen Fenster nach dem weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war

schon lange untergegangen hinter den Bergen, es schimmerte nur

noch wie ein rötlicher Duft über dem warmen verschallenden

Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher heraufrauschte,

je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die schöne Grä-

fin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so daß

ich ordentlich hören konnte, wir ihr das Herz schlug. Ich wußte

nun aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich

auf einmal so allein mit ihr war. Endlich faßte ich ein Herz,

nahm ihr kleines, weißes Händchen - da zog sie mich schnell zu

sich und fiel mir um den Hals, und ich umschlang sie fest mit

beiden Armen.

Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz

verwirrt in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abend-

luft abzukühlen. "Ach", rief ich, "mir ist mein Herz recht zum

Zerspringen, aber ich kann mir noch alles nicht recht denken,

es ist mir alles noch wie ein Traum!" "Mir auch", sagte die schö-

ne gnädige Frau. "Als ich vergangenen Sommer", setzte sie nach

einer Weile hinzu, "mit der Gräfin aus Rom kam und wir das

Fräulein Flora glücklich gefunden hatten und mit zurückbrach-

ten, von dir aber dort und hier nichts hörten - da dacht ich

nicht, daß alles noch so kommen würde! Erst heut zu Mittag

sprengte der Jockei, der gute, flinke Bursche, atemlos auf den

Hof und brachte die Nachricht, daß du mit dem Postschiffe

kämst." Dann lachte sie still in sich hinein. "Weißt du noch",

sagte sie, "wie du mich damals auf dem Balkone zum letztenmal

sahst? Das war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und

Musik im Garten." "Wer ist denn eigentlich gestorben?" frug

ich hastig. "Wer denn?" sagte die schöne Frau und sah mich er-

staunt an. "Der Herr Gemahl von Ew. Gnaden", erwiderte ich,

"der damals mit auf dem Balkon stand." Sie wurde ganz rot.

"Was hat du auch für Seltsamkeiten im Kopfe!" rief sie aus,

"das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von seinen Reisen

zurückkam, und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte

er mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat be-

käme. - Aber deshalb bist du wohl damals von hier fortgelau-

fen?" "Ach Gott, freilich!" rief ich aus und schlug mit der Hand

vor die Stirn. Sie aber schüttelte das Köpfchen und lachte herzlich.

Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben

mir plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich

war so recht seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knack-

mandeln aus der Tasche, die ich noch aus Italien mitgebracht

hatte. Sie nahm auch davon, und wir knackten nun und sahen

zufrieden in die stille Gegend hinaus. - "Siehst du", sagte sie

nach einem Weilchen wieder, "das weiße Schlößchen, das da

drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt,

samt dem Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen.

Er wußt es schon lange, daß wir einander gut sind, und ist dir

sehr gewogen, denn hätt er dich nicht mitgehabt, als er das

Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte, so wären sie beide

erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der Gräfin ver-

söhnten, und alles wäre anders gekommen." "Mein Gott, schön-

ste gnädige Gräfin", rief ich aus, "ich weiß gar nicht mehr, wo

mir der Kopf steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also

der Herr Leonhard?" "Ja, ja",fiel sie mir in die Rede, "so nannte

er sich in Italien; dem gehören die Herrschaften da drüben, und

er heiratet nun unserer Gräfin Tochter, die schöne Flora. - Aber

was nennst du mich denn Gräfin?" Ich sah sie groß an. - "Ich

bin ja gar keine Gräfin", fuhr sie fort, "unsere gnädige Gräfin

hat mich nur zu sich aufs Schloß genommen, da mich mein Onkel,

der Portier, als kleines Kind und arme Waise mit hierher brachte"

Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom

Herzen fiele! "Gott segne den Portier", versetzte ich ganz ent-

zückt, "daß er unser Onkel ist! Ich habe immer große Stücke

auf ihn gehalten." "Er meint es auch gut mit dir", erwiderte sie;

"wenn du dich nur etwas vornehmer hieltest, sagt er immer.

Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden." "Oh", rief ich voller

Freuden, "englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und Spo-

ren! Und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien,

nach Rom, da gehen die schönen Wasserkünste, und nehmen

die Prager Studenten mit und den Portier!" Sie lächelte still und

sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte

immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom

Schloß durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau

rauschte dazwischen herauf - und es war alles, alles gut!

 

ENDE