E. T. A. Hoffmann
Erscheinungen

 

Gedachte man der letzten Belagerung von Dresden, so wurde

Anselmus noch blässer als er schon sonst war. Er faltete die

Hände auf dem Schoß, er starrte vor sich hin, ganz verloren in

trübe Gedanken, er grollte und murmelte sich selbst an: Herr

des Himmels! fuhr ich zur rechten Zeit in die neuen Klappstiefel

hinein mit beiden Beinen, rannte ich, brennendes Stroh und ber-

stende Granaten nicht achtend, schnell hinaus über die Brücke

nach der Neustadt, so bog sich gewiß dieser, jener große Mann

aus dem Kutschenschlage und rief, mir freundlich zuwinkend:

"Steigen Sie nur getrost ein, mein Guter!" Aber so wurd ich ein-

gesperrt in den verfluchten Hamsterbau von Wällen, Parapets,

Sternschanzen, verdeckten Gängen und mußte Not und Elend

ertragen wie einer. - Kam es denn nicht so weit, daß der müßige

Magen, stieß er, zum Zeitvertreib in Roux’ Diktionär blätternd,

auf das Wort: Essen, ganz verwundert ausrief: Essen? was ist

denn das? - Leute, die sonst wohlbeleibt gewesen, knöpften ihr

eignes Fell über als breiten Brustlatz und natürlichen Spenzer,

- 0 Gott! wär nicht noch der Archivanus Lindhorst gewesen!

- Popowicz wollte mich zwar totschlagen, aber der Delphin

spritzte wunderbaren Lebensbalsam aus den silberblauen Nü-

stern. - Und Agafia! - Bei diesem Namen pflegte Anselmus vom

Stuhl aufzufahren, ein ganz klein wenig - zwei- - dreimal zu

springen und sich dann wieder zu setzen. Es blieb ganz ver-

gebens, den Anselmus zu fragen, was er eigentlich mit diesen

verwunderlichen Redensarten und Grimassen meine, er sagte

bloß: Kann ichs denn erzählen, wie alles sich begab mit Popo-

wicz und Agafia, ohne für närrisch gehalten zu werden? Alle

lächelten zweideutig, als wollten sie sagen: "Ei Lieber, das ge-

schieht ja schon ohnedem." - An einem trüben nebligen Oktober-

abend trat Anselmus, den man fern glaubte, ganz unvermutet

bei seinem Freunde zur Stubentür hinein. Er schien im tiefsten

Gemüt aufgeregt, er war freundlicher, weicher als sonst, beinahe

wehmütig, sein zu Zeiten vielleicht gar zu wild herumfahrender

Humor beugte sich gezähmt und gezügelt dem mächtigen Geist,

der sein Innerstes erfaßt. - Es war ganz finster worden, der

Freund wollte Lichter herbeischaffen, da sprach Anselmus, in-

dem er den Freund bei beiden Armen ergriff: "Willst du mir

einmal ganz zu Willen sein, so steck keine Lichter an, laß es be-

wenden bei dem matten Schein deiner Astrallampe, der dort aus

jenem Kabinett zu uns herüberschimmert. Du kannst machen,

was du willst - Tee trinken, Tabak rauchen, aber zerschmeiße

keine Tasse und wirf mir keinen brennenden Fidibus auf die

neue Weste. Beides könnte mich nicht allein kränken, sondern

auch unnützer Weise hineinlärmen in den Zaubergarten, wo ich

nun heute einmal hineingeraten bin und mich sattsam erlustiere.

- Ich setze mich hier ins Sofa!" - Er tat das. Nach einer ziemlich

langen Pause fing er an: "Morgen früh um acht Uhr sind es ge-

rade zwei Jahre her, als der Graf von der Lobau mit zwölftau-

send Mann und vierundzwanzig Kanonen aus Dresden auszog,

um sich nach den Meißner Bergen hin durchzuschlagen-" "Nun,

das muß ich gestehen", rief der Freund laut lachend, "mit wah-

rer Andacht hab ich gewartet auf irgendeine himmlische Erschei-

nung, die deinem Zaubergarten entschweben würde, und nun! -

Was geht mich der Graf von der Lobau und sein Ausfall an? -

und daß du es behalten hast, daß es gerade zwölftausend Mann

und vierundzwanzig Kanonen waren! Seit wann kleben denn

kriegerische Ereignisse fest in deinem Kopfe?" - "Ist dir denn",

sprach Anselmus, "ist dir denn die so kurz vergangene verhäng-

nisvolle Zeit schon so fremd geworden, daß du es nicht mehr

weißt, wie das geharnischte Ungetüm uns alle erreichte und er-

faßte? - Das: Noli turbare rettet uns nicht mehr vor eigner

Gewaltanstrengung, und wir wollten nicht gerettet sein, denn in

jedes Brust schnitt der Dämon tiefe Wunden, und, aufgereizt

von wildem Schmerz, ergriff jedes Faust die ungewohnte Waffe,

nicht nur zum Schutz, nein, zum Trutz, damit die heillose

Schmach gebüßt und gerächt werde im Tode. - Lebendig gestal-

tet in Fleisch und Blut, tritt mich eben heute die Macht an, wel-

che in jenen dunklen Tagen waltete und mich forttrieb von

Kunst und Wissenschaft in das wilde blutige Getümmel. - War

es mir denn möglich, am Schreibtisch sitzen zu bleiben? - Ich

trieb mich auf den Gassen umher, ich lief den ausziehenden

Truppen nach, soweit ich durfte, nur um selbst zu schauen und

aus dem, was ich geschaut, Hoffnung zu schöpfen, erbärmliche

prahlhafte Anschlagszettel und Nachrichten nicht achtend. Als

nun vollends jene Schlacht aller Schlachten geschlagen war, als

ringsumher alles hoch aufjauchzte im entzückenden Gefühl wie-

dergewonnener Freiheit, und wir noch gefesselt in Sklavenketten

lagen, da wollte mir die Brust zerspringen. Es war mir, als

müsse ich durch irgendeine entsetzliche Tat mir und allen, die

mir gleich an die Stange gekettet, Luft und Freiheit verschaffen.

- Es mag dir jetzt und so, wie du mich überhaupt zu kennen

glaubst, abenteuerlich, spaßhaft vorkommen, aber ich kann es

dir sagen, daß ich mich mit dem wahnsinnigen Gedanken trug,

irgendein Fort, das der Feind, wie ich wußte, mit starken Pul-

vervorräten versehen, anzuzünden und in die Luft zu sprengen."

- Der Freund mußte unwillkürlich ein wenig lächeln über den

wilden Heroismus des friedfertigen Anselmus, der konnte das

aber nicht bemerken, da es finster war, und fuhr, nachdem er

einige Augenblicke geschwiegen, in folgender Art fort: "Ihr

habt es ja alle oft gesagt, daß ein eigner Stern, der über mir

waltet, mir in wichtigen Momenten fabelhaftes Zeug dazwischen

schiebt, woran niemand glaubt, und das mir selbst oft wie aus

meinem eignen innern Wesen hervorgegangen erscheint, uner-

achtet es sich dann auch wieder außer mir als mystisches Symbol

des Wunderbaren, das uns im Leben überall entgegentritt, ge-

staltet. - So ging es mir heute vor zwei Jahren in Dresden. -

Der ganze Tag verstrich in dumpfer ahnungsvoller Stille, vor

den Toren blieb alles ruhig, kein Schuß fiel. Spät abends, es

mochte beinahe zehn Uhr sein, schlich ich nach einem Kaffee-

hause auf dem Altmarkt, wo in einem entlegenen Hinterstüb-

chen, das keiner der verhaßten Fremden betreten durfte, gleich-

gesinnte Freunde sich einander in Trost und Hoffnung ermutig-

ten. Dort war es, wo, allen Lügen zum Trotz, die wahren Be-

richte der Schlachten an der Katzbach, bei Kulm usw. mitgeteilt

wurden, wo unser R. schon zwei Tage nachher den Triumph bei

Leipzig verkündete, den er, Gott weiß auf welche geheimnis-

volle Art, erfahren. Mein Weg führte mich bei dem Brühlschen

Palast in welchem der Marschall wohnte, vorüber, und es fiel

mir die ganz besonders helle Beleuchtung der Säle, so wie das

rege Getümmel im Flur des Hauses auf. Eben sagte ich dies den

Freunden mit der Bemerkung, daß gewiß etwas bei dem Feinde

im Werke sein müsse, als R. ganz erhitzt und außer Atem schnell

eintrat. "Hört das Neueste", fing er sogleich an, "soeben hielt man

bei dem Marschall großen Kriegsrat. Der General Mouton (Graf

von der Lobau) will sich mit zwölftausend Mann und vierund-

zwanzig Kanonen nach Meißen hin durchschlagen. Morgen früh

geschieht der Ausfall." Vieles wurde nun hin und her geredet,

und man pflichtete endlich R.s Meinung bei, daß dieser Anschlag,

der bei der regen Wachsamkeit unserer Freunde draußen sehr

leicht dem Feinde verderblich werden könnte, vielleicht früher

den Marschall zur Kapitulation zwingen und unser Elend enden

würde. "Wie kann R. in demselben Augenblick des Beschlusses

erfahren haben, was beschlossen worden", dachte ich, als ich um

Mitternacht zurückkehren wollte in mein Haus, aber bald ver-

nahm ich, wie es durch die Grabesstille der Nacht dumpf zu

rasseln begann. Geschütz und Pulverwagen, reichlich mit Fou-

rage bepackt, zogen langsam bei mir vorüber nach der Eibbrücke

zu. "R. hat doch recht", so mußt ich mir selbst sagen. Ich folgte

dem Zuge und kam bis auf die Mitte der Brücke an den damals

gesprengten Bogen, der durch hölzerne Gerüste ersetzt war. Von

beiden Seiten des Gerüsts, hüben und drüben, befand sich auf

der Brücke eine starke Verschanzung von hohen Palisaden und

Erdwällen. Hier vor der Verschanzung drückte ich mich dicht an

das Geländer der Brücke, um nicht bemerkt zu werden. Da war

es mir, als finge eine der hohen Palisaden an, sich hin und her

zu bewegen und sich herabzubeugen zu mir, dumpfe unverständ-

liche Worte murmelnd. Die dicke Finsternis der neblichten Nacht

ließ mich nichts deutlich erkennen, aber als nun das Geschütz

vorüber und es totenstill auf der Brücke worden, als ich tiefe

schwere Atemzüge, ein leises, ahnungsvolles Gewimmer dicht

neben mir vernahm, als sich der dunkle Holzblock höher und

höher aufrichtete, da überlief mich eiskaltes Grauen und, wie

vom schweren Traum geängstigt, vermochte ich, in Bleiangeln

festgefußt, mich nicht zu regen. Der Nachtwind erhob sich und

trieb den Nebel über die Berge, der Mond warf bleiche Strahlen

durch die zerrissenen Wolken. Da gewahrte ich unfern von mir

die Gestalt eines hohen Greises mit silberweißem Haupthaar

und langem Bart. Er hatte den knapp über die Hüften reichen-

den Mantel in vielen dicken Falten um Brust und Schultern ge-

worfen, einen weißen langen Stab hielt er, den nackten Arm

weit vorgestreckt, über den Strom hinaus. Er war es, der so

wimmerte und murmelte. In dem Augenblick sah ich von der

Stadt her Gewehre blinken und hörte Tritte. Ein französisches

Bataillon marschierte in tiefem Schweigen über die Brücke. Da

kauerte der Alte nieder und fing an mit kläglicher Stimme zu

jammern, indem er den Vorüberziehenden eine Mütze hinhielt,

wie um Almosen bettelnd. Ein Offizier rief lachend: "Voila` St.

Pierre, qui veut pecher!", der ihm folgte, blieb stehen und sprach

sehr ernst, indem er dem Alten Geld in die Mütze warf: "Eh

bien, moi pecheur, je lui aiderai a pecher." - Mehrere Offiziere

und Soldaten, aus den Gliedern heraustretend, warfen nun still

und nur manchmal leise aufseufzend, wie in banger Todeserwar-

tung, dem Alten Geld hin, der dann jedesmal mit dem Kopf

seltsam hin und her nickte und dabei ein dumpfes Geheul aus-

stieß. Endlich sprengte ein Offizier (ich erkannte den General

Mouton) so dicht heran an den Alten, daß mir bangte, das

schäumende Roß werde ihn zertreten, und fragte, indem er mit

schneller Wendung nach dem Adjutanten hin sich den schwan-

kenden Hut auf dem Kopfe festschlug, stark und wild: "Qui est

cet homme?" - Die Reiter, die ihm folgten, blieben alle still,

aber ein alter bärtiger Sappeur, der außer Glied und Reihe mit

der Axt auf der Schulter so nebenher schlenderte, sprach ruhig

und ernst: "C`est un pauvre maniaque bien connu ici. On

l’appelle St. Pierre pecheur." Damit wogte der Zug, nicht wie

sonst wohl in faselndem Scherz und frechem Jubel, nein, in trü-

ber Unlust die Brücke entlang vorüber. Sowie der letzte Ton ver-

hallte, sowie der letzte Schein der Waffen in fernem Dunkel

verblinkte, hob sich der Alte langsam in die Höhe und stand,

das Haupt aufgerichtet, den Stab emporgestreckt, in grauen-

voller Majestät da, als wolle er, ein wundertätiger Heiliger, den

stürmenden Wellen gebieten. Mächtiger und mächtiger rausch-

ten, wie aus tiefstem Grunde bewegt, die Wogen des Stroms. Es

war mir, als vernähm ich mitten im Rauschen eine dumpfe

Stimme. "Michael Popowicz - Michael Popowicz - siehst du

noch nicht den Feuermann?" - So tönte es von unten herauf in

russischer Sprache. - Der Alte murmelte in sich hinein, er schien

zu beten. Doch plötzlich schrie er laut auf: "Agafia!" und in dem-

selben Augenblick erglänzte sein Antlitz wie in blutrotem Feuer,

das aus der Elbe herauf ihn anstrahlte. Auf den Meißner Bergen

loderten mächtige flackernde Flammen hoch in die Lüfte, ihr

Widerschein strahlte in der Elbe, in dem Antlitz des Greises.

Nun fing es an ganz nahe bei mir am Gerüst der Brücke zu plät-

schern und zu plätschern, immer stärker und stärker, und ich

gewahrte, wie eine dunkle Gestalt mühsam heraufkletterte und

sich mit wunderbarer Gewandtheit über das Geländer hinüber-

schwang. - "Agafia!" schrie der Alte noch einmal. - "Mädchen,

um des Himmels willen! Dorothee, wie" - so fing ich an, aber in

dem Augenblick fühlte ich mich umfaßt und mit Gewalt fort-

gezogen. "0 um Jesus! - Sei doch nur stille, lieber Anselmus, du

bist ja sonst des Todes!" lispelte die Kleine, die nun vor mir

stand, zitternd und bebend vor Frost. Die langen schwarzen

Haare hingen triefend herab, die ganz durchnäßten Kleider

schlossen eng an den schlanken Leib. Sie sank nieder vor Mattig-

keit und klagte leise: "Ach, es ist drunten so kalt - sprich nur

nichts mehr, lieber Anselmus, sonst müssen wir ja sterben!" Der

Feuerschein glühte in ihrem Gesicht, ja es war Dorothee, das

hübsche Bauernmädchen, die sich, da ihr Dorf geplündert, ihr

Vater erschlagen, zu meinem Hauswirt geflüchtet, der sie in seine

Dienste genommen. "Das Unglück hat sie ganz stupid gemacht,

sonst wäre sie ein gutes Ding", pflegte mein Hauswirt zu sagen,

und er hatte recht, denn außerdem, daß sie beinahe gar nicht

und nur konfuses Zeug sprach, entstellte auch ein nichtssagendes

unheimliches Lächeln das sonst wunderschöne Antlitz. Sie brachte

mir jeden Morgen den Kaffee aufs Zimmer, und da bemerkte ich

denn freilich, daß ihr Wuchs, ihre Farbe, ihre Haut durchaus

sich nicht zur Bäuerin reimen wollten. "Ei", pflegte mein Wirt

dann weiter zu sagen, "ei, Herr Anselmus, sie ist ja auch eines

Pächters Tochter und noch dazu aus Sachsen." - Als nun die

Kleine triefend, bebend, halbentseelt vor mir mehr lag als kniete,

da riß ich schnell meinen Mantel herab und hüllte sie ein, indem

ich leise lispelte: "Erwärme dich doch nur, ach, erwärme dich doch

nur, liebe Dorothee! Du mußt ja sonst umkommen .- Aber was

machst du auch im kalten Strom!" - "Still doch nur", erwiderte

die Kleine, indem sie den Kragen des Mantels, der ihr übers Ge-

sicht gefallen, wegschlug und mit den Fingerchen die triefenden

Haare zurückkämmte, "still doch nur! - Komm auf jene steinere

Bank! - Vater spricht jetzt mit dem heiligen Andreas und hört

uns nicht."-Wir schlichen leise hin. Ganz erfaßt von den wun-

derbarsten Gefühlen, ganz übermannt von Graus und Entzük-

ken, schloß ich die Kleine in meine Arme, sie setzte sich ohne Um-

stände auf meinen Schoß, sie schlang ihren Arm um meinen

Hals, ich fühlte, wie das Wasser eiskalt aus ihren Haaren über

meinen Nacken hinab rann, aber wie Tropfen in flammendes

Feuer hineingespritzt die Glut nur vermehren, siedete stärker

in mir Liebe und Verlangen. "Anselmus", lispelte die Kleine,

"Anselmus, du bist doch wohl ein guter Mensch, du singst, daß

es mir recht zu Herzen geht, und bist auch sonst manierlich. Du

wirst mich nicht verraten. Wer sollte dir denn auch wohl Kaffee

kochen? - Und höre! wenn ihr bald alle hungern werdet, wenn

kein Mensch dich speisen wird, dann komm ich zu dir nachts

ganz allein, daß es niemand weiß, und backe dir im Ofen recht

schöne Piroggen - ich habe Mehl, feines Mehl versteckt in mei-

nem Kämmerlein; - dann wollen wir Hochzeitskuchen essen, so

weiß und schön!" Die Kleine lachte, aber dann fing sie an zu

schluchzen: "Ach, wie in Moskau! - 0 mein Alexei, mein Alexei,

du schöner Delphin - schwimme - schwimme auf den Fluten,

harrt denn deiner nicht die treue Braut?" - Sie neigte das Köpf-

chen, und leiser und leiser schluchzend und auf und nieder

atmend wie in sehnsuchtsvollen Seufzern, schien sie einzuschlum-

mern. Ich blickte nach dem Alten, der stand mit weit ausgespreiz-

ten Armen und sprach in tiefem hohlen Ton: "Er winkt euch! -

Er winkt euch, seht, wie mächtig er seines Flammenbarts feurige

Locken schüttelt, wie er ungeduldig die Feuersäulen, auf denen

er das Land durchwandelt, in den Boden stampft-hört ihr nicht

seine dröhnenden Tritte, fühlt ihr nicht den belebenden Atem,

der wie ein funkensprühender Heerrauch euch voraufzieht? -

heran! - heran - ihr tüchtigen Brüder!" - Des Alten Worte

waren anzuhören wie das dumpfe Brausen der heranziehenden

Windsbraut, und indem er sprach, flackerte immer lebendiger

und höher das Feuer auf den Meißner Bergen. "Hilf, heiliger

Andreas, hilf!" stöhnte die Kleine im Schlaf, dann fuhr sie auf,

wie plötzlich schreckhaft berührt, und indem sie mich fester mit

dem linken Arm umschlang, raunte sie mir ins Ohr: "Anselmus,

ich will dich doch lieber ermorden!" Ich sah in ihrer Rechten ein

Messer blinken - Entsetzt stieß ich sie zurück, indem ich laut

aufschrie: "Rasende, was beginnst du?" - Da kreischte sie auf:

"Ach, ich kann es ja doch nicht tun - aber jetzt bist du verloren."

In demselben Augenblick schrie der Alte: "Agafia! mit wem sprichst

du?" und ehe ich mich besinnen konnte, stand er dicht vor mir

und führte mit hochgeschwungenem Stabe einen entsetzlichen

Schlag, der mein Haupt zerschmettert haben würde, hätte mich

Agafia nicht von hinten erfaßt und schnell fortgerissen. Der

Stab zersplitterte auf dem Steinpflaster in tausend Stücke, der

Alte sank in die Knie! - "Allons! - Allons!" erscholl es von al-

len Seiten; ich mußte mich aufraffen und schnell auf die Seite

springen, um nicht von aufs neue heranziehenden Kanonen und

Pulverwagen gerädert zu werden. Andern Morgens trieben die

Russen den übermütigen Heerführer mit Schmach herab von den

Bergen und hinein in die Schanzen. - "Es ist eigen", sagte man,

"daß die Freunde draußen von dem Vorhaben des Feindes wuß-

ten, denn das Signalfeuer auf den Meißner Bergen zog die Trup-

pen zusammen, um mit voller Kraft da widerstehen und siegen

zu können, wo der Feind den unerwarteten Hauptstreich aus-

zuführen gedachte." - Dorothee brachte mir mehrere Tage hin-

tereinander nicht den Kaffee. Ganz erblaßt vor Schrecken, er-

zählte mir der Hauswirt, daß er Dorotheen und den wahnsinni-

gen Bettler von der Elbbrücke mit starker Wache aus dem Hause

des Marschalls nach der Neustadt führen gesehen." - "Herr des

Himmels! - sie wurden erkannt und hingerichtet!" rief hier

der Freund aus; aber Anselmus lächelte seltsam und sprach:

"Agafia wurde gerettet, aus ihren Händen empfing ich, als die

Kapitulation geschlossen, ein schönes weißes Hochzeitsbrot, das

sie selbst gebacken!" -

Mehr war aus dem störrischen Anselmus von dieser wunder-

lichen Begebenheit nicht herauszubringen.