E. T. A. Hoffmann
Die Geliebte

 

Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem

Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eis-

zapfen in die glutdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut

und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! -

Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr

ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr

wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunklen

Abgrund. - Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und

Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit

aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein

wogendes tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die

mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann

es nicht erwarten - ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr

über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wah-

ren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust

jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnitzwerk

in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelsgesichter an,

und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus

weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: "denn es ist uns

ein Kind geboren!" - Aber nach dem Feste ist alles verhallt,

erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und

mehr Blüten fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch

auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den

verdorrten Ästen. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche

Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit

hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. "Siehe", lispelts mir

in die Ohren, "siehe, wieviel Freuden schieden in diesem Jahr

von dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist du auch klüger

geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde

Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann - gänz-

lich ohne Freude." Für den Silvester-Abend spart mir der Teu-

fel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im rich-

tigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle

in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut,

das ihr entquillt. Hülfe findet er überall, so wie gestern der

Justizrat ihm wacker zur Hand ging. Bei d e m (dem Justizrat,

meine ich) gibt es am Silvester-Abend immer große Gesellschaft,

und dann will er zum lieben Neujahr jedem eine besondere

Freude bereiten, wobei er sich so ungeschickt und täppisch an-

stellt, daß alles Lustige, was er mühsam ersonnen, untergeht in

komischem Jammer. - Als ich ins Vorzimmer trat, kam mir der

Justizrat schnell entgegen, meinen Eingang ins Heiligtum, aus

dem Tee und feines Räucherwerk herausdampfte, hindernd. Er

sah überaus wohlgefällig und schlau aus, er lächelte mich ganz

seltsam an, sprechend: "Freundchen, Freundchen, etwas Köst-

liches wartet Ihrer im Zimmer - eine Überraschung sonder-

gleichen am lieben Silvester-Abend - erschrecken Sie nur nicht!"

- Das fiel mir aufs Herz, düstre Ahnungen stiegen auf, und es

war mir ganz beklommen und ängstlich zu Mute. Die Türen

wurden geöffnet, rasch schritt ich vorwärts, ich trat hinein, aus

der Mitte der Damen auf dem Sofa strahlte mir i h r e Gestalt

entgegen. S i e war es - S i e selbst, die ich seit Jahren nicht ge-

sehen, die seligsten Momente des Lebens blitzten in e i n e m

mächtigen zündenden Strahl durch mein Innres - kein tötender

Verlust mehr - vernichtet der Gedanke des Scheidens! - Durch

welchen wunderbaren Zufall sie hergekommen, welches Ereignis

sie in die Gesellschaft des Justizrats, von dem ich gar nicht wuß-

te, daß er sie jemals gekannt, gebracht, an das alles dachte ich

nicht - ich hatte sie wieder! - Regungslos, wie von einem Zau-

berschlag plötzlich getroffen, mag ich dagestanden haben; der

Justizrat stieß mich leise an: "Nun, Freundchen - Freundchen?"

Mechanisch trat ich weiter, aber nur S i e sah ich, und der gepreß-

ten Brust entflohen mühsam die Worte: "Mein Gott - mein

Gott, Julie hier?" Ich stand dicht am Teetisch, da erst wurde

mich Julie gewahr. Sie stand auf und sprach in beinahe fremdem

Ton: "Es freuet mich recht sehr, Sie hier zu sehen - Sie sehen

recht wohl aus!" und damit setzte sie sich wieder und fragte die

neben ihr sitzende Dame: "Haben wir künftige Woche inter-

essantes Theater zu erwarten?" - Du nahst dich der herrlichen

Blume, die in süßen heimischen Düften dir entgegenleuchtet, aber

sowie du dich beugst, ihr liebliches Antlitz recht nahe zu schauen,

schießt aus den schimmernden Blättern heraus ein glatter, kal-

ter Basilisk und will dich töten mit feindlichen Blicken! - D a s

war mir jetzt geschehen! - Täppisch verbeugte ich mich gegen

die Damen, und damit dem Giftigen auch noch das Alberne

hinzugefügt werde, warf ich, schnell zurücktretend, dem Ju-

stizrat, der dicht hinter mir stand, die dampfende Tasse Tee

aus der Hand in das zierlich gefaltete Jabot. Man lachte über

des Justizrats Unstern und wohl noch mehr über meine Tölpel-

haftigkeit. So war alles zu gehöriger Tollheit vorbereitet, aber

ich ermannte mich in resignierter Verzweiflung. Julie hatte nicht

gelacht, meine irren Blicke trafen sie, und es war, als ginge ein

Strahl aus herrlicher Vergangenheit, aus dem Leben voll Liebe

und Poesie zu mir herüber. Da fing einer an im Nebenzimmer

auf dem Flügel zu fantasieren, das brachte die ganze Gesellschaft

in Bewegung. Es hieß, jener sei ein fremder großer Virtuose,

namens Berger, der ganz göttlich spiele und dem man aufmerk-

sam zuhören müsse. "Klappre nicht so gräßlich mit den Tee-

löffeln, Minchen", rief der Justizrat und lud, mit sanft gebeug-

ter Hand nach der Tür zeigend und einem süßen: Eh bien! die

Damen ein, dem Virtuosen näher zu treten. Auch Julie war auf-

gestanden und schritt langsam nach dem Nebenzimmer. Ihre

ganze Gestalt hat etwas Fremdartiges angenommen, sie schien

mir größer, herausgeformter in fast üppiger Schönheit, als sonst.

Der besondere Schnitt ihres weißen, faltenreichen Kleides, Brust,

Schulter und Nacken nur halb verhüllend, mit weiten bauschi-

gen, bis an die Ellbogen reichenden Armem, das vorn an der

Stirn gescheitelte, hinten in vielen Flechten sonderbar herauf-

genestelte Haar gab ihr etwas Altertümliches, sie war beinahe

anzusehen, wie die Jungfrauen auf den Gemälden von Mieris -

und doch auch wieder war es mir, als hab ich irgendwo deutlich

mit hellen Augen das Wesen gesehen, in das Julie verwandelt.

Sie hatte die Handschuhe herabgezogen, und selbst die künst-

lichen um die Handgelenke gewundenen Armgehänge fehlten

nicht, um durch die völlige Gleichheit der Tracht jene dunkle

Erinnerung immer lebendiger und farbiger hervorzurufen. Julie

wandte sich, ehe sie in das Nebenzimmer trat, nach mir herum,

und es war mir, als sei das engelschöne, jugendlich anmutige

Gesicht verzerrt zum höhnenden Spott; etwas Entsetzliches,

Grauenvolles regte sich in mir, wie ein alle Nerven durchzuk-

kender Krampf. - "0 er spielt himmlisch!" lispelte eine durch

süßen Tee begeisterte Demoiselle, und ich weiß selbst nicht, wie

es kam, daß ihr Arm in dem meinigen hing und ich sie oder viel-

mehr sie mich in das Nebenzimmer führte. Berger ließ gerade

den wildesten Orkan daher brausen; wie donnernde Meeres-

wellen stiegen und sanken die mächtigen Akkorde, das tat mir

wohl! - Da stand Julie neben mir und sprach mit süßerer, lieb-

licherer Stimme als je: "Ich wollte, du säßest am Flügel und

sängest milder von vergangener Lust und Hoffnung!" - Der

Feind war von mir gewichen, und in dem einzigen Namen Julie!

wollte ich alle Himmelsseligkeit aussprechen, die in mich ge-

kommen. - Andere dazwischentretende Personen hatten sie aber

von mir entfernt. Sie vermied mich nun sichtlich, aber es gelang

mir, bald ihr Kleid zu berühren, bald dicht bei ihr ihren Hauch

einzuatmen, um ,mir ging in tausend blinkenden Farben die

vergangene Frühlingszeit auf. - Berger hatte den Orkan aus-

brausen lassen, der Himmel war hell worden, wie kleine goldne

Morgenwölken zogen liebliche Melodien daher und verschweb-

ten im Pianissimo. Dem Virtuosen wurde reichlich verdienter

Beifall zuteil, die Gesellschaft wogte durcheinander, und so

kam es, daß ich unversehens dicht vor Julien stand. Der Geist

wurde mächtiger in mir, ich wollte sie festhalten, sie umfassen

im wahnsinnigen Schmerz der Liebe, aber das verfluchte Ge-

sicht eines geschäftigen Bedienten drängte sich zwischen uns hin-

ein, der, einen großen Präsentierteller hinhaltend, recht widrig

rief: "Befehlen Sie?" - In der Mitte der mit dampfendem

Punsch gefüllten Gläser stand ein zierlich geschliffener Pokal

voll desselben Getränkes, wie es schien. Wie der unter die ge-

wöhnlichen Gläser kam, weiß jener am besten, den ich allmäh-

lich kennen lerne; er macht, wie der Clemens im Oktavian da-

herschreitend, mit einem Fuß einen angenehmen Schnörkel und

liebt ungemein rote Mäntelchen und rote Federn. Diesen fein

geschliffenen und seltsam blinkenden Pokal nahm Julie und bot

ihn mir dar, sprechend:"Nimmst du denn noch so gern wie

sonst das Glas aus meiner Hand?" "Julia - Julia", seufzte ich

auf. Den Pokal erfassend, berührte ich ihre zarten Finger, elek-

trische Feuerstrahlen blitzten durch alle Pulse und Adern - ich

trank und trank - es war mir, als knisterten und leckten kleine

blaue Flämmchen um Glas und Lippe. Geleert war der Pokal,

und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich in dem nur von

einer Alabaster-Lampe erleuchteten Kabinett auf der Ottomane

saß - Julie - Julie neben mir, kindlich und fromm mich an-

blickend wie sonst. Berger war aufs neue am Flügel, er spielte

das Andante aus Mozarts sublimer Es-Dur-Sinfonie, und auf den

Schwanenfittichen des Gesanges regte und erhob sich alle Liebe

und Lust meines höchsten Sonnenlebens. - Ja, es war Julie -

Julie selbst, engelschön und mild - unser Gespräch, sehnsüchtige

Liebesklage, mehr Blick als Wort, ihre Hand ruhte in der meini-

gen. - "Nun lasse ich dich nimmer, deine Liebe ist der Funke,

der in mir glüht, höheres Leben in Kunst und Poesie entzündend

- ohne dich - ohne deine Liebe alles tot und starr - aber bist du

denn nicht auch gekommen, damit du mein bleibest immerdar?"

- In dem Augenblick schwankte eine tölpische, spinnbeinichte

Figur mit herausstehenden Froschaugen herein und rief, recht

widrig kreischend und dämisch lachend: "Wo der Tausend ist

denn meine Frau geblieben?" Julie stand auf und sprach mit

fremder Stimme: "Wollen wir nicht zur Gesellschaft gehen?

mein Mann sucht mich. - Sie waren wieder recht amüsant, mein

Lieber, immer noch bei Laune wie vormals, menagieren Sie sich

nur im Trinken" - und der spinnenbeinichte Kleinmeister griff

nach ihrer Hand; sie folgte ihm lachend in den Saal. - "Auf

ewig verloren!" schrie ich auf - "Ja, gewiß, Codille, Liebster!"

meckerte eine l’Hombre spielende Bestie. Hinaus - hinaus rann-

te ich in die stürmische Nacht.