E. T.
A. Hoffmann
Ritter Gluck
Der Spätherbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne
Tage. Die Sonne tritt freundlich aus dem Gewölk hervor, und
schnell verdampft die Nässe in der lauen Luft, welche durch die
Straßen weht. Dann sieht man eine lange Reihe, buntgemischt
- Elegants, Bürger mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in
Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, Referendare, Freuden-
mädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere usw.
durch die Linden nach dem Tiergarten ziehen. Bald sind alle
Plätze bei Klaus und Weber besetzt; der Mohrrüben-Kaffee
dampft, die Elegants zünden ihre Zigaros an, man spricht, man
streitet über Krieg und Frieden, über die Schuhe der Mad. Beth-
mann, ob sie neulich grau oder grün waren, über den geschlosse-
nen Handelsstaat und böse Groschen usw., bis alles in eine
Arie aus "Fanchon" zerfließt, womit eine verstimmte Harfe, ein
paar nicht gestimmte Violinen, eine lungensüchtige Flöte und
ein spasmatischer Fagott sich und die Zuhörer quälen. Dicht an
dem Geländer, welches den Weberschen Bezirk von der Heer-
straße trennt, stehen mehrere kleine runde Tische und Garten-
stühle; hier atmet man freie Luft, beobachtet die Kommenden
und Gehenden, ist entfernt von dem kakophonischen Getöse
jenes vermaledeiten Orchesters: da setzte ich mich hin, dem leich-
ten Spiel meiner Phantasie mich überlassend, die mir befreundete
Gestalten zuführt, mit denen ich über Wissenschaft, über Kunst,
über alles, was dem Menschen am teuersten sein soll, spreche.
Immer bunter und bunter wogt die Masse der Spaziergänger bei
mir vorüber, aber nichts stört mich, nichts kann meine fantastische
Gesellschaft verscheuchen. Nur das verwünschte Trio eines höchst
niederträchtigen Walzers reißt mich aus der Traumwelt. Die
kreischende Oberstimme der Violine und Flöte und des Fagotts
schnarrenden Grundbaß allein höre ich; sie gehen auf und ab,
fest aneinander haltend in Oktaven, die das Ohr zerschneiden,
und unwillkürlich, wie jemand, den ein brennender Schmerz
ergreift, ruf ich aus:
"Welche rasende Musik! die abscheulichen Oktaven!" Ne-
ben mir murmelt es:
"Verwünschtes Schicksal! schon wieder ein Oktavenjäger !"
Ich sehe auf und werde nun erst gewahr, daß, von mir unbe-
merkt, an demselben Tisch ein Mann Platz genommen hat, der
seinen Blick starr auf mich richtet, und von dem nun mein Auge
nicht wieder loskommen kann.
Nie sah ich einen Kopf, nie eine Gestalt, die so schnell einen
so tiefen Eindruck auf mich gemacht hätten. Eine sanft gebogene
Nase schloß sich an eine breite, offene Stirn, mit merklichen
Erhöhungen über den buschigen, halbgrauen Augenbrauen,
unter denen die Augen mit beinahe wildem, jugendlichem Feuer
(der Mann mochte über fünfzig sein) hervorblitzten. Das weich-
geformte Kinn stand in seltsamem Kontrast mit dem geschlosse-
nen Munde, und ein skurriles Lächeln, hervorgebracht durch das
sonderbare Muskelspiel in den eingefallenen Wangen, schien sich
aufzulehnen gegen den tiefen, melancholischen Ernst, der auf der
Stirn ruhte. Nur wenige graue Löckchen lagen hinter den gro-
ßen, vom Kopfe abstehenden Ohren. Ein sehr weiter, moderner
Überrock hüllte die große hagere Gestalt ein. So wie mein Blick
auf den Mann traf, schlug er die Augen nieder und setzte das
Geschäft fort, worin ihn mein Ausruf wahrscheinlich unterbro-
chen hatte. Er schüttete nämlich aus verschiedenen kleinen Tüten
mit sichtbarem Wohlgefallen Tabak in eine vor ihm stehende
große Dose und feuchtete ihn mit rotem Wein aus einer Viertels-
flasche an. Die Musik hatte aufgehört; ich fühlte die Notwen-
digkeit, ihn anzureden.
"Es ist gut, daß die Musik schweigt", sagte ich; "das war ja
nicht auszuhalten."
Der Alte warf mir einen flüchtigen Blick zu und schüttete die
letzte Tüte aus.
"Es wäre besser, daß man gar nicht spielte"; nahm ich noch-
mals das Wort. "Sind Sie nicht meiner Meinung?"
"Ich bin gar keiner Meinung", sagte er. "Sie sind Musiker und
Kenner von Profession" ...
"Sie irren; beides bin ich nicht. Ich lernte ehemals Klavier-
spielen und Generalbaß wie eine Sache, die zur guten Erziehung
gehört, und da sagte man mir unter anderm, nichts mache einen
widrigem Effekt, als wenn der Baß mit der Oberstimme in Ok-
taven fortschreite. Ich nahm das damals auf Autorität an und
habe es nachher immer bewährt gefunden."
"Wirklich?" fiel er mir ein, stand auf, und schritt langsam
und bedächtig nach den Musikanten hin, indem er öfters, den
Blick in die Höhe gerichtet, mit flacher Hand an die Stirn
klopfte wie jemand, der irgendeine Erinnerung wecken will.
Ich sah ihn mit den Musikanten sprechen, die er mit gebietender
Würde behandelte. Er kehrte zurück, und kaum hatte er sich ge-
setzt, als man die Ouverture der "Iphigenia in Aulis" zu spielen
begann.
Mit halbgeschlossenen Augen, die verschränkten Arme auf
den Tisch gestützt, hörte er das Andante; den linken Fuß leise
bewegend, bezeichnete er das Eintreten der Stimmen: jetzt erhob
er den Kopf - schnell warf er den Blick umher - die linke Hand
mit auseinandergespreizten Fingern ruhte auf dem Tische, als
greife er einen Akkord auf dem Flügel, die rechte Hand hob er in
die Höhe: es war ein Kapellmeister, der dem Orchester das Ein-
treten des andern Tempos angibt - die rechte Hand fällt und das
Allegro beginnt! - Eine brennende Röte fliegt über die blassen
Wangen; die Augenbrauen fahren zusammen auf der gerunzel-
ten Stirn, eine innere Wut entflammt den wilden Blick mit einem
Feuer, das mehr und mehr das Lächeln wegzehrt, das noch um
den halbgeöffneten Mund schwebte. Nun lehnt er sich zurück,
hinauf ziehen sich die Augenbrauen, das Muskelspiel auf den
Wangen kehrt wieder, die Augen erglänzen, ein tiefer innerer
Schmerz löst sich auf in Wollust, die alle Fibern ergreift und
krampfhaft erschüttert - tief aus der Brust zieht er den Atem,
Tropfen stehen auf der Stirn; er deutet das Eintreten des Tutti
und andere Hauptstellen an; seine rechte Hand verläßt den
Takt nicht, mit der linken holt er sein Tuch hervor und fährt
damit über das Gesicht. - So belebte er das Skelett, welches jene
paar Violinen von der Ouverture gaben, mit Fleisch und Farben.
Ich hörte die sanfte, schmelzende Klage, womit die Flöte empor-
steigt, wenn der Sturm der Violinen und Bässe ausgetobt hat,
und der Donner der Pauken schweigt; ich hörte die leise anschla-
genden Töne der Violoncelle, des Fagotts, die das Herz mit un-
nennbarer Wehmut erfüllen: das Tutti kehrte wieder, wie ein
Riese hehr und groß schreitet das Unisono fort, die dumpfe Kla-
ge erstirbt unter seinen zermalmenden Tritten. -
Die Ouverture war geendigt; der Mann ließ beide Arme
herabsinken und saß mit geschlossenen Augen da wie jemand,
den eine übergroße Anstrengung entkräftet hat. Seine Flasche
war leer: ich füllte sein Glas mit Burgunder, den ich unterdessen
hatte geben lassen. Er seufzte tief auf, er schien aus einem
Traume zu erwachen. Ich nötigte ihn zum Trinken; er tat es
ohne Umstände, und indem er das volle Glas mit einem Zuge
hinunterstürzte, rief er aus: "Ich bin mit der Aufführung zu-
frieden! Das Orchester hielt sich brav!"
"Und doch", nahm ich das Wort- "doch wurden nur schwa-
che Umrisse eines mit lebendigen Farben ausgeführten Meister-
werks gegeben."
"Urteile ich richtig? Sie sind kein Berliner!"
"Ganz richtig; nur abwechselnd halte ich mich hier auf."
"Der Burgunder ist gut: aber es wird kalt."
"So lassen Sie uns ins Zimmer gehen und dort die Flasche lee-
ren."
"Ein guter Vorschlag. - Ich kenne Sie nicht: dafür kennen Sie
mich aber auch nicht. Wir wollen uns unsere Namen nicht ab-
fragen: Namen sind zuweilen lästig. Ich trinke Burgunder, er
kostet mich nichts, wir befinden uns wohl beieinander, und da-
mit gut."
Er sagte dies alles mit gutmütiger Herzlichkeit. Wir waren
ins Zimmer getreten; als er sich setzte, schlug er den Überrock
auseinander, und ich bemerkte mit Verwunderung, daß er unter
demselben eine gestickte Weste mit langen Schößen, schwarz-
samtne Beinkleider und einen ganz kleinen silbernen Degen trug.
Er knöpfte den Rock sorgfältig wieder zu.
"Warum fragten Sie mich, ob ich ein Berliner sei?" begann ich.
"Weil ich in diesem Falle genötigt gewesen wäre, Sie zu ver-
lassen."
"Das klingt rätselhaft."
"Nicht im mindesten, sobald ich Ihnen sage, daß ich - nun,
daß ich ein Komponist bin."
"Noch immer errate ich Sie nicht."
"So verzeihen Sie meinen Ausruf vorhin: denn ich sehe, Sie
verstehen sich ganz und gar nicht auf Berlin und auf Berliner."
Er stand auf und ging einigemal heftig auf und ab; dann trat
er ans Fenster und sang kaum vernehmlich den Chor der Prie-
sterinnen aus der "Iphigenia in Tauris", indem er dann und
wann bei dem Eintreten der Tutti an die Fensterscheiben klopfte.
Mit Verwundern bemerkte ich, daß er gewisse andere Wendun-
gen der Melodien nahm, die durch Kraft und Neuheit frappier-
ten. Ich ließ ihn gewähren. Er hatte geendigt und kehrte zurück
zu seinem Sitz. Ganz ergriffen von des Mannes sonderbarem
Benehmen und den fantastischen Äußerungen eines seltenen mu-
sikalischen Talents, schwieg ich. Nach einer Weile fing er an:
"Haben Sie nie komponiert?"
"Ja;ich habe mich in der Kunst versucht; nur fand ich alles,
was ich, wie mich dünkte, in Augenblicken der Begeisterung ge-
schrieben hatte, nachher matt und langweilig; da ließ ichs denn
bleiben."
"Sie haben unrecht getan; denn schon, daß Sie eigne Versuche
verwarfen, ist kein übles Zeichen Ihres Talents. Man lernt Musik
als Knabe, weils Papa und Mama so haben wollen; nun wird
darauflos geklimpert und gegeigt: aber unvermerkt wird der
Sinn empfänglicher für Melodie. Vielleicht war das halb verges-
sene Thema eines Liedchens, welches man nun anders sang, der
erste eigne Gedanke, und dieser Embryo, mühsam genährt von
fremden Kräften, genas zum Riesen, der alles um sich her auf-
zehrte und in sein Mark und Blut verwandelte! - Ha, wie ist
es möglich, die tausenderlei Arten, wie man zum Komponieren
kommt, auch nur anzudeuten! - Es ist eine breite Heerstraße,
da tummeln sich alle herum und jauchzen und schreien: wir sind
Geweihte! wir sind am Ziel! - Durch das elfenbeinerne Tor
kommt man ins Reich der Träume; wenige sehen das Tor ein-
mal, noch wenigere gehen durch! - Abenteuerlich sieht es hier
aus. Tolle Gestalten schweben hin und her, aber sie haben Cha-
rakter - eine mehr wie die andere. Sie lassen sich auf der Heer-
straße nicht sehen, nur hinter dem elfenbeinernen Tor sind sie
zu finden. Es ist schwer, aus diesem Reiche zu kommen; wie vor
Alzinens Burg versperren die Ungeheuer den Weg - es wirbelt
- es dreht sich - viele verträumen den Traum im Reiche der
Träume - sie zerfließen im Traum - sie werfen keinen Schat-
ten mehr, sonst würden sie am Schatten gewahr werden den
Strahl, der durch dies Reich fährt; aber nur wenige, erweckt aus
dem Traume, steigen empor und schreiten durch das Reich der
Träume - sie kommen zur Wahrheit - der höchste Moment ist
da: die Berührung mit dem Ewigen, Unaussprechlichen! - Schaut
die Sonne an, sie ist der Dreiklang, aus dem die Akkorde, Ster-
nen gleich, herabschießen und Euch mit Feuerfaden umspinnen.
- Verpuppt im Feuer liegt Ihr da, bis sich Psyche emporschwingt
in die Sonne. -
Bei den letzten Worten war er aufgesprungen, warf den Blick,
warf die Hand in die Höhe. Dann setzte er sich wieder und
leerte schnell das ihm eingeschenkte Glas. Es entstand eine Stille,
die ich nicht unterbrechen mochte, um den außerordentlichen
Mann nicht aus dem Geleise zu bringen. Endlich fuhr er bcruhig-
ter fort:
"Als ich im Reich der Träume war, folterten mich tausend
Schmerzen und Ängste! Nacht wars, und mich schreckten die
grinsenden Larven der Ungeheuer, welche auf mich einstürmten
und mich bald in den Abgrund des Meeres versenkten, bald hoch
in die Lüfte emporhoben. Da fuhren Lichtstrahlen durch die
Nacht, und die Lichtstrahlen waren Töne, welche mich umfingen
mit lieblicher Klarheit. - Ich erwachte von meinen Schmerzen
und sah ein großes, helles Auge, das blickte in eine Orgel, und
wie es blickte, gingen Töne hervor und schimmerten und um-
schlangen sich in herrlichen Akkorden, wie ich sie nie gedacht
hatte. Melodien strömten auf und nieder, und ich schwamm in
diesem Strom und wollte untergehen: da blickte das Auge mich
an und hielt mich empor über den brausenden Wellen. - Nacht
wurde es wieder, da traten zwei Kolosse in glänzenden Harni-
schen auf mich zu: Grundton und Quinte! sie rissen mich empor,
aber das Auge lächelte: Ich weiß, was deine Brust mit Sehnsucht
erfüllt; der sanfte, weiche Jüngling Terz wird unter die Kolosse
treten; du wirst seine süße Stimme hören, mich wiedersehen,
und meine Melodien werden dein sein."
Er hielt inne.
"Und Sie sahen das Auge wieder?"
"Ja, ich sah es wieder! - Jahrelang seufzt ich im Reich der
Träume - da - ja da! Ich saß in einem herrlichen Tal und hörte
zu, wie die Blumen miteinander sangen. Nur eine Sonnenblume
schwieg und neigte traurig den geschlossenen Kelch zur Erde.
Unsichtbare Bande zogen mich hin zu ihr - sie hob ihr Haupt -
der Kelch schloß sich auf, und aus ihm strahlte mir das Auge ent-
gegen. Nun zogen die Töne wie Lichtstrahlen aus meinem Haup-
te zu den Blumen, die begierig sie einsogen. Größer und größer
wurden der Sonnenblume Blätter - Gluten strömten aus ihnen
hervor - sie umflossen mich - das Auge war verschwunden und
ich im Kelche."
Bei den letzten Worten sprang er auf und eilte mit raschen,
jugendlichen Schritten zum Zimmer hinaus. Vergebens wartete
ich auf seine Zurückkunft: ich beschloß daher, nach der Stadt zu
gehen.
Schon war ich in der Nähe des Brandenburger Tores, als ich
in der Dunkelheit eine lange Figur hinschreiten sah und alsbald
meinen Sonderling wiedererkannte. Ich redete ihn an:
"Warum haben Sie mich so schnell verlassen?"
"Es wurde zu heiß, und der Euphon fing an zu klingen."
"Ich verstehe Sie nicht!"
"Desto besser."
"Desto schlimmer, denn ich möchte Sie gern ganz verstehen."
"Hören Sie denn nichts?"
"Nein."
Es ist vorüber! - Lassen Sie uns gehen. Ich liebe sonst nicht
eben die Gesellschaft; aber - Sie komponieren nicht - Sie sind
kein Berliner."
"Ich kann nicht ergründen, wasSie so gegen die Berliner ein-
nimmt? Hier, wo die Kunst geachtet und in hohem Maße aus-
geübt wird, sollt ich meinen, müßte einem Manne von Ihrem
künstlerischen Geiste wohl sein!"
"Sie irren! - Zu meiner Qual bin ich verdammt, hier wie ein
abgeschiedener Geist im öden Raume umherzuirren. "
"Im öden Raume, hier in Berlin?"
"Ja, öde ists um mich her, denn kein verwandter Geist tritt
auf mich zu. Ich stehe allein."
"Aber die Künstler! die Komponisten!"
"Weg damit! Sie kritteln und kritteln - verfeinern alles bis
zur feinsten Meßlichkeit; wühlen alles durch, um nur einen arm-
seligen Gedanken zu finden; über dem Schwatzen von Kunst,
von Kunstsinn und was weiß ich - können Sie nicht zum Schaffen
kommen, und wird ihnen einmal so zu Mute, als wenn sie ein
paar Gedanken ans Tageslicht befördern müßten: so zeigt die
furchtbare Kälte ihre weite Entfernung von der Sonne - es ist
lappländische Arbeit."
"Ihr Urteil scheint mir viel zu hart. Wenigstens müssen Sie
die herrlichen Aufführungen im Theater befriedigen."
"Ich hatte es über mich gewonnen, einmal wieder ins Theater
zu gehen, um meines jungen Freundes Oper zu hören - wie heißt
sie gleich? - Ha, die ganze Welt ist in dieser Oper! Durch das
bunte Gewühl geputzter Menschen ziehen die Geister des Orkus
- alles hat hier Stimme und allmächtigen Klang - Teufel, ich
meine ja Don Juan! - Aber nicht die Ouverture, welche prestis-
simo, ohne Sinn und Verstand abgesprudelt wurde, konnt ich
überstehen; und ich hatte mich bereitet dazu durch Fasten und
Gebet, weil ich weiß, daß der Euphon von diesen Massen viel
zu sehr bewegt wird und unrein anspricht!"
"Wenn ich auch eingestehen muß, daß Mozarts Meisterwerke
größtenteils auf eine kaum erklärliche Weise hier vernachlässigt
werden, so erfreuen sich doch Glucks Werke gewiß einer würdi-
gen Darstellung."
"Meinen Sie? - Ich wollte einmal "Iphigenia in Tauris" hören.
Als ich ins Theater trete, höre ich, daß man die Ouverture der
"Iphigenia in Aulis`" spielt. Hm - denke ich, ein Irrtum; man gibt
diese "Iphigenia"! Ich erstaune, als nun das Andante eintritt,
womit die "Iphigenia in Tauris" anfängt, und der Sturm folgt.
Zwanzig Jahre liegen dazwischen! Die ganze Wirkung, die gan-
ze wohlberechnete Exposition des Trauerspiels geht verloren.
Ein stilles Meer - ein Sturm - die Griechen werden ans Land
geworfen, die Oper ist da! - Wie? hat der Komponist dieOuver-
ture ins Gelag hineingeschrieben, daß man sie, wie ein Trom-
peterstückchen, abblasen kann, wie und wo man will?"
"Ich gestehe den Mißgriff ein. Indessen, man tut doch alles,
um Glucks Werke zu heben."
"Ei ja!" sagte er kurz und lächelte dann bitter und immer
bittrer. Plötzlich fuhr er auf, und nichts vermochte ihn aufzu-
halten. Er war im Augenblick wie verschwunden, und mehrere
Tage hintereinander suchte ich ihn im Tiergarten vergebens.--
Einige Monate waren vergangen, als ich an einem kalten reg-
nichten Abende mich in einem entfernten Teile der Stadt verspä-
tet hatte und nun nach meiner Wohnung in der Friedrichstraße
eilte. Ich mußte bei dem Theater vorbei; die rauschende Musik,
Trompeten und Pauken erinnerten mich, daß gerade Glucks "Ar-
mida" gegeben wurde, und ich war im Begriff hineinzugehen,
als ein sonderbares Selbstgespräch dicht an den Fenstern, wo
man fast jeden Ton des Orchesters hört, meine Aufmerksamkeit
erregte.
"Jetzt kommt der König - sie spielen den Marsch - 0 paukt,
paukt nur zu! - s ist recht munter! ja, ja, sie müssen ihn heute
eilfmal machen - der Zug hat sonst nicht Zeit genug. - Ha Ha -
maestoso - schleppt euch, Kinderchen. - Sieh, da bleibt ein Figu-
rant mit der Schuhschleife hängen. -Richtig, zum zwölften Mal!
und immer auf die Dominante hinausgeschlagen. - 0 ihr ewigen
Mächte, das endet nimmer! Jetzt macht er sein Kompliment -
Armida dankt ergebenst. - Noch einmal? - Richtig, es fehlen
noch zwei Soldaten! Jetzt wird ins Recitativ hineingepoltert. -
Welcher böse Geist hat mich hier festgebannt?"
"Der Bann ist gelöst", rief ich. "Kommen Sie!"
Ich faßte meinen Sonderling aus dem Tiergarten - denn nie-
mand anders war der Selbstredner - rasch beim Arm und zog
ihn mit mir fort. Er schien überrascht und folgte mir schweigend.
Schon waren wir in der Friedrichstraße, als er plötzlich stillstand.
"Ich kenne Sie", sagte er. "Sie waren im Tiergarten - wir
sprachen viel - ich habe Wein getrunken - habe mich erhitzt
nachher klang der Euphon zwei Tage hindurch - ich habe viel
ausgestanden - es ist vorüber!"
"Ich freue mich, daß der Zufall Sie mir wieder zugeführt hat.
Lassen Sie uns näher miteinander bekannt werden. Nicht weit
von hier wohne ich; wie wär es...
"Ich kann und darf zu niemand gehen."
"Nein, Sie entkommen mir nicht; ich gehe mit Ihnen."
"So werden Sie noch ein paar hundert Schritte mit mir laufen
müssen. Aber Sie wollten ja ins Theater?"
"Ich wollte "Armida" hören, aber nun -"
"Sie sollen jetzt "Armida" hören! Kommen Sie!" -
Schweigend gingen wir die Friedrichstraße hinauf; rasch bog
er in eineQuerstraße ein, und kaum vermochte ich ihm zu folgen,
so schnell lief er die Straße hinab, bis er endlich vor einem un-
ansehnlichen Hause stillstand. Ziemlich lange hatte er gepocht,
als man endlich öffnete. Im Finstern tappend, erreichten wir die
Treppe und ein Zimmer im obern Stock, dessen Türe mein Füh-
rer sorgfältig verschloß. Ich hörte noch eine Türe öffnen; bald
darauf trat er mit einem angezündeten Lichte hinein und der
Anblick des sonderbar ausstaffierten Zimmers überraschte mich
nicht wenig. Altmodisch reich verzierte Stühle, eine Wanduhr
mit vergoldetem Gehäuse und ein breiter, schwerfälliger Spiegel
gab dem Ganzen das düstre Ansehn verjährter Pracht. In der
Mitte stand ein kleines Klavier, auf demselben ein großes Din-
tenfaß von Porzellan, und daneben lagen einige Bogen rastrier-
tes Papier. Ein schärferer Blick auf diese Vorrichtung zum Kom-
ponieren überzeugte mich jedoch, daß seit langer Zeit nichts ge-
schrieben sein mußte; denn ganz vergelbt war das Papier, und
dickes Spinnengewebe überzog das Dintenfaß. Der Mann trat
vor einen Schrank in der Ecke des Zimmers, den ich noch nicht
bemerkt hatte, und als er den Vorhang wegzog, wurde ich eine
Reihe schön gebundener Bücher gewahr mit goldnen Aufschrif-
ten: Orfeo, Armida, Alceste, Iphigenia usw., kurz, Glucks Mei-
sterwerke sah ich beisammen stehen.
"Sie besitzen Glucks sämtliche Werke?" rief ich.
Er antwortete nicht, aber zum krampfhaften Lächeln verzog
sich der Mund, und das Muskelspiel in den eingefallenen Backen
verzerrte im Augenblick das Gesicht zur schauerlichen Maske.
Starr den düstern Blick auf mich gerichtet, ergriff er eins der
Bücher - es war "Armida" - und schritt feierlich zum Klavier
hin. Ich öffnete es schnell und stellte den zusammengelegten Pult
auf; er schien das gern zu sehen. Er schlug das Buch auf, und
- wer schildert mein Erstaunen! ich erblickte rastrierte Blätter,
aber mit keiner Note beschrieben.
Er begann: "Jetzt werde ich die Ouverture spielen! Wenden
Sie die Blätter um, und zur rechten Zeit!" Ich versprach das, und
nun spielte er herrlich und meisterhaft mit vollgriffigen Akkor-
den das majestätische Tempo di Marcia, womit die Ouverture
anhebt, fast ganz dem Original getreu: aber das Allegro war
nur mit Glucks Hauptgedanken durchflochten. Er brachte so
viele neue geniale Wendungen hinein, daß mein Erstaunen im-
mer wuchs. Vorzüglich waren seine Modulationen frappant,
ohne grell zu werden, und er wußte den einfachen Hauptgedan-
ken so viele melodiöse Melismen anzureihen, daß jene immer in
neuer, verjüngter Gestalt wiederzukehren schienen. Sein Gesicht
glühte; bald zogen sich die Augenbrauen zusammen und ein
lang verhaltener Zorn wollte gewaltsam losbrechen, bald
schwamm das Auge in Tränen tiefer Wehmut. Zuweilen sang
er, wenn beide Hände in künstlichen Melismen arbeiteten, das
Thema mit einer angenehmen Tenorstimme; dann wußte er auf
ganz besondere Weise mit der Stimme den dumpfen Ton der
anschlagenden Pauke nachzuahmen. Ich wandte die Blätter flei-
ßig um, indem ich seine Blicke verfolgte. Die Ouverture war
geendet, und er fiel erschöpft mit geschlossenen Augen in den
Lehnstuhl zurück. Bald raffte er sich aber wieder auf, und in-
dem er hastig mehrere leere Blätter des Buches umschlug, sagte
er mit dumpfer Stimme:
"Alles dieses, mein Herr, habe ich geschrieben, als ich aus dem
Reich der Träume kam. Aber ich verriet Unheiligen das Heilige,
und eine eiskalte Hand faßte in dies glühende Herz! Es brach
nicht; da wurde ich verdammt, zu wandeln unter den Unheili-
gen wie ein abgeschiedener Geist - gestaltlos, damit mich nie-
mand kenne, bis mich die Sonnenblume wieder emporhebt zu
dem Ewigen. - Ha - jetzt lassen Sie uns Armidens Szene singen!"
Nun sang er die Schlußszene der "Armida" mit einem Aus-
druck, der mein Innerstes durchdrang. Auch hier wich er merk-
lich von dem eigentlichen Originale ab: aber seine veränderte
Musik war die Glucksche Szene gleichsam in höherer Potenz.
Alles, was Haß, Liebe, Verzweiflung, Raserei in den stärksten
Zügen ausdrücken kann, faßte er gewaltig in Töne zusammen.
Seine Stimme schien die eines Jünglings, denn von tiefer Dumpf-
heit schwoll sie empor zur durchdringenden Stärke. Alle meine
Fibern zitterten - ich war außer mir. Als er geendet hatte, warf
ich mich ihm in die Arme und rief mit gepreßter Stimme: "Was
ist das? Wer sind Sie?"
Er stand auf und maß mich mit ernstem, durchdringenden
Blick; doch als ich weiter fragen wollte, war er mit dem Lichte
durch die Tür entwichen und hatte mich im Finstern gelassen.
Es hatte beinahe eine Viertelstunde gedauert; ich verzweifelte
ihn wieder zu sehen und suchte, durch den Stand des Klaviers
orientiert, die Türe zu öffnen, als er plötzlich in einem gestiek-
ten Galakleide, reicher Weste, den Degen an der Seite, mit dem
Lichte in der Hand hereintrat.
Ich erstarrte; feierlich kam er auf mich zu, faßte mich sanft bei
der Hand und sagte sonderbar lächelnd: "Ich bin der Ritter
Gluck!"