E. T.
A. Hoffmann
Das Majorat
Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der
Freiherrlich von R... schen Familie, R ... sitten genannt. Die
Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein
Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens,
wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die
nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhren-
wald, dessen ewige düstre Trauer den bunten Schmuck des Früh-
lings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der
zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze
der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden
Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötz-
lich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blü-
hende Felder, üppige Acker und Wiesen versetzt. Man erblickt
das große reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirt-
schaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches
sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer
der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nach-
folger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau
liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum
seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter
bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufent-
halt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte. Er ließ das
verfallene Gabäude, so gut es gehen wollte, herstellen und
sperrte sich darin einmit einem grämlichen Hausverwalter und
geringer Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, da-
gegen ging und ritt er oft am Meeresstrande hin und her, und
man wollte aus der Ferne bemerkt haben, wie er in die Wellen
hineinsprach und dem Brausen und Zischen der Brandung zu-
horchte, als vernehme er die antwortende Stimme des Meergei-
stes. Auf der höchsten Spitze des Wartturmes hatte er ein Kabi-
nett einrichten und mit Fernrohren - mit einem vollständigen
astronomischen Apparat versehen lassen; da beobachtete er
Tages, nach dem Meer hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich
weißbeschwingten Meervögeln am fernen Horizont vorüber-
flogen. Sternenhelle Nächte brachte er hin mit astronomischer
oder, wie man wissen wollte, mit astrologischer Arbeit, worin
ihm der alte Hausverwalter beistand. Überhaupt ging zu seinen
Lebzeiten die Sage, daß er geheimer Wissenschaft, der sogenann-
ten schwarzen Kunst, ergeben sei, und daß eine verfehlte Ope-
ration, durch die ein hohes Fürstenhaus auf das empfindlichste
gekränkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die leiseste
Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfüllte ihn mit Ent-
setzen, aber alles sein Leben Verstörende, was ihm dort gesche-
hen, schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die
Ahnenburg böslich verließen. Um für die Zukunft wenigstens
das Haupt der Familie an das Stammhaus zu fesseln, bestimmte
er es zu einem Majoratsbesitztum. Der Landesherr bestätigte die
Stiftung um so lieber, als dadurch eine an ritterlicher Tugend
reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland hinüberrank-
ten, für das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder Rode-
richs Sohn Hubert noch der jetzige Majoratsherr, wie sein Groß-
vater Roderich geheißen, mochten indessen in dem Stammschlosse
hausen, beide blieben in Kurland. Man mußte glauben, daß sie,
heitrer und lebenslustiger gesinnt als der düstre Ahnherr, die
schaurige Öde des Aufenthalts scheuten. Freiherr Roderich hatte
zwei alten unverheirateten Schwestern seines Vaters, die mager
ausgestattet in Dürftigkeit lebten, Wohnung und Unterhalt auf
dem Gute gestattet. Diese saßen mit einer bejahrten Dienerin
in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflügels, und außer
ihnen und dem Koch, der im Erdgeschoß ein großes Gemach
neben der Küche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und
Sälen des Hauptgebäudes nur noch ein abgelebter Jäger umher,
der zugleich die Dienste des Kastellans versah. Die übrige Die-
nerschaft wohnte im Dorfe bei dem Wirtschaftsinspektor. Nur
in später Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann,
und die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das öde,
verlassene Schloß lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit
seiner Gemahlin, begleitet von Verwandten, Freunden und zahl-
reichem Jagdgefolge, herüber aus Kurland. Der benachbarte
Adel, ja selbst jagdlustige Freunde aus der naheliegenden Stadt
fanden sich ein, kaum vermochten Hauptgebäude und Neben-
flügel die zuströmenden Gäste zu fassen, in allen Öfen und
Kaminen knisterten reichlich zugeschürte Feuer, vom grauen
Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender,
Trepp auf, Trepp ab liefen hunderte lustiger Leute, Herren und
Diener, dort erklangen angestoßene Pokale und fröhliche Jäger-
lieder, hier die Tritte der nach gellender Musik Tanzenden,
überall lautes Jauchzen und Gelächter, und so glich vier bis sechs
Wochen hindurch das Schloß mehr einer prächtigen, an viel-
befahmer Landstraße liegenden Herberge, als der Wohnung
des Gutsherrn. Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es
sich nur tun ließ, ernstem Geschäfte, indem er, zurückgezogen
aus dem Strudel der Gäste, die Pflichten des Majoratsherrn er-
füllte. Nicht allein, daß er sich vollständige Rechnung der Ein-
künfte legen ließ, so hörte er auch jeden Vorschlag irgend einer
Verbesserung sowie die kleinste Beschwerde seiner Untertanen
an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder Unbilligen
zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschäften stand
ihm der alte Advokat V., von Vater und Sohn vererbter Ge-
schäftsträger des R... . schen Hauses und Justitianus der in P.
liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht
Tage vor der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem
Majoratsgute abzureisen. Im Jahre 179- war die Zeit gekom-
men, daß der alte V. nach R.. . sitten reisen sollte. So lebens-
kräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch fühlte, mußte er
doch glauben, daß eine hülfreiche Hand im Geschäft ihm wohl-
tun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir:
,,Vetter!"(so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine
Vornamen erhielt) "Vetter! - ich dächte, du ließest dir einmal
etwas Seewind um die Ohren sausen und kämst mit mir nach
R.. sitten. Außerdem, daß du mir wacker beistehen kannst
in meinem manchmal bösen Geschäft, so magst du dich auch ein-
mal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen, wie, nachdem
du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben, du den
andern solch trotzigemTier, als da ist ein langbehaarter greu-
licher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge
zu schauen oder gar es mit einem tüchtigen Büchsenschuß zu
erlegen verstehest." Nicht so viel Seltsames von der lustigen
Jagdzeit in R... sitten hätte ich schon hören, nicht so mit ganzer
Seele dem herrlichen alten Großonkel anhängen müssen, um
nicht hocherfreut zu sein, daß er mich diesmal mitnehmen wolle.
Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften, wie er sie vorhatte,
versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und Sorge ab-
zunehmen. Andern Tages saßen wir in tüchtige Pelze eingehüllt
im Wagen und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter
verkündendes Schneegestöber nach R... sitten.
Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von
dem Freiherrn Roderich, der das Majorat stiftete und ihn seines
Jünglingsalters ungeachtet zu seinem Justitianus und Testa-
mentsvollzieher ernannte. Er sprach von dem rauhen wilden
Wesen, das der alte Herr gehabt, und das sich auf die ganze
Familie zu vererben schiene, da selbst der jetzige Majoratsherr,
den er als sanftmütigen, beinahe weichlichen Jüngling gekannt,
von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen werde. Er schrieb mir
vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen müßte, um in
des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die
Wohnung im Schlosse, die er ein für allemal gewählt, da sie
warm, bequem und so abgelegen sei, daß wir uns, wenn und
wie wir wollten, dem tollen Getöse der jubilierenden Gesell-
schaft entziehen könnten. In zwei kleinen, mit warmen Tapeten
behangenen Zimmern, dicht neben dem großen Gerichtssaal im
Seitenflügel, dem gegenüber, wo die alten Fräuleins wohnten,
da wäre ihm jedesmal seine Residenz bereitet. Endlich nach
schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer Nacht
nach R... sitten. Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade
Sonntag, im Krug Tanzmusik und fröhlicher Jubel, des Wirt-
schaftsinspektors Haus von unten bis oben erleuchtet, drinnen
auch Musik und Gesang; desto schauerlicher wurde die Öde, in
die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in schneidenden
Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem Zauber-
schlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer
Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen em-
por aus dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen
Tor. Aber da half kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein
Hämmern und Pochen, es war, als sei alles ausgestorben, in
keinem Fenster ein Licht sichtbar. Der Alte ließ seine starke dröh-
nende Stimme erschallen: "Franz - Franz! - Wo steckt Ihr
denn? - Zum Teufel, rührt Euch! - Wir erfrieren hier am Tor!
Der Schnee schmeißt einem ja das Gesicht blutrünstig - rührt
Euch, zum Teufel." Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein
wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlüssel
klapperten, und bald knarrten die gewichtigen Torflügel auf.
"Ei, schön willkommen, schön willkommen, Herr Justitianus, ei,
in dem unsaubern Wetter!" So rief der alte Franz, indem er die
Laterne hoch in die Höhe hob, so daß das volle Licht auf sein
verschrumpftes, zum freundlichen Lachen sonderbar verzogenes
Gesicht fiel. Der Wagen fuhr in den Hof, wir stiegen aus, und
nun gewahrte ich erst ganz des alten Bedienten seltsame, in eine
altmodische weite, mit vielen Schnüren wunderlich ausstaffierte
Jägerlivrei gehüllte Gestalt. Über die breite weiße Stirn legten
sich nur ein paar graue Löckchen, der untere Teil des Gesichts
hatte die robuste Jägerfarbe, und unerachtet die verzogenen
Muskeln das Gesicht zu einer beinahe abenteuerlichen Maske
formten, söhnte doch die etwas dümmliche Gutmütigkeit, die
aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte, alles wieder
aus. "Nun, alter Franz", fing der Großonkel an, indem er sich
im Vorsaal den Schnee vom Pelze abklopfte, "nun, alter Franz,
ist alles bereitet, sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt,
sind die Betten hineingetragen, ist gestern und heute tüchtig
geheizt worden?" "Nein", erwiderte Franz gelassen, "nein, mein
wertester Herr Justitianus, das ist alles nicht geschehen." "Herr
Gott!" fuhr der Großonkel auf, "ich habe ja zeitig genug ge-
schrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum; das ist
ja eine Tölpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen."
"Ja, wertester Herr Justitianus", sprach Franz weiter, indem
er sehr sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glim-
menden Räuber abschnippte und ihn mit dem Fuße austrat, "ja
sehn Sie, das alles, vorzüglich das Heizen hätte nicht viel ge-
holfen, denn der Wind und der Schnee, die hausen gar zu sehr
hinein durch die zerbrochenen Fensterscheiben, und da -,
"Was?" fiel der Großonkel ihm in die Rede, den Pelz weit aus-
einanderschlagend und beide Arme in die Seiten stemmend,
was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses Kastel-
fan, habt nichts machen lassen?" "Ja, wertester Herr Justitianus",
fuhr der Alte ruhig und gelassen fort, "man kann nur nicht recht
hinzu wegen des vielen Schutts und der vielen Mauersteine, die
in den Zimmern herumliegen." "Wo zum Tausend Himmel
Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer?"
schrie der Großonkel. "Zum beständigen fröhlichen Wohlsein,
mein junger Herr!" rief der Alte, sich höflich bückend, da ich
eben nieste, setzte aber gleich hinzu: "es sind die Steine und der
Kalk von der Mittelwand, die von der großen Erschütterung
einfiel." "Habt ihr ein Erdbeben gehabt?" platzte der Groß-
onkel zornig heraus. "Das nicht, wertester Herr Justitianus",
erwiderte der Alte mit dem ganzen Gesicht lächelnd, "aber vor
drei Tagen ist die schwere getäfelte Decke des Gerichtssaals mit
gewaltigem Krachen eingestürzt." "So soll doch das -" Der
Großonkel wollte, heftig und aufbrausend, wie er war, einen
schweren Fluch ausstoßen; aber indem er mit der Rechten in die
Höhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmütze von der Stirn
rückte, hielt er plötzlich inne, wandte sich nach mir um und
sprach laut auflachend: "Wahrhaftig, Vetter! wir müssen das
Maul halten, wir dürfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir
noch ärgeres Unheil, oder das ganze Schloß stürzt uns über den
Köpfen zusammen." "Aber", fuhr er fort, sich nach dem Alten
umdrehend, "aber Franz, konntet Ihr denn nicht so gescheit
sein, mir ein anderes Zimmer reinigen und heizen zu lassen?
Konntet Ihr nicht irgend einen Saal im Hauptgebäude schnell
einrichten zum Gerichtstage?" "Dieses ist auch bereits alles ge-
schehen", sprach der Alte, indem er freundlich nach der Treppe
wies und sofort hinaufzusteigen begann. "Nun seht mir doch den
wunderlichen Kauz", rief der Onkel, indem wir dem Alten
nachschritten. Es ging fort durch lange hochgewölbte Korridore,
Franzens flackerndes Licht warf einen wunderlichen Schein in
die dicke Finsternis. Säulen, Kapitäler und bunte Bogen zeigten
sich oft wie in den Lüften schwebend, riesengroß schritten unsere
Schatten neben uns her, und die seltsamen Gebilde an den Wän-
den, über die sie wegschlüpften, schienen zu zittern und zu
schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den dröhnenden Nach-
hall unserer Tritte hinein: "Weckt uns nicht, weckt uns nicht,
uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schläft!" -
Endlich öffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter finstrer
Gemächer durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes
Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimat-
lichem Gruß empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz
wohl zumute, doch der Großonkel blieb mitten im Saal stehen,
schaute ringsumher und sprach mit sehr ernstem, beinahe feier-
lichem Ton: "Also hier, dies soll der Gerichtssaal sein?" - Franz,
in die Höhe leuchtend, so daß an der breiten dunkeln Wand ein
heller Fleck, wie eine Türe groß, ins Auge fiel, sprach dumpf und
schmerzhaft: "Hier ist ja wohl schon Gericht gehalten worden!"
"Was kommt Euch ein, Alter?" rief der Onkel, indem er den
Pelz schnell abwarf und an das Kaminfeuer trat. "Es fuhr mir
nur so heraus", sprach Franz, zündete die Lichter an und öff-
nete das Nebenzimmer, welches zu unsrer Aufnahme anheimelnd
bereitet war. Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch
vor dem Kamin, der Alte trug wohlzubereitete Schüsseln auf,
denen, wie es uns beiden, dem Großonkel und mir, recht behaglich
war, eine tüchtige Schale nach echt nordischer Art gebrauten
Punsches folgte. Ermüdet von der Reise suchte der Großonkel,
sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame des Aufent-
halts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister zu
sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz räumte den Tisch
ab, schürte das Kaminfeuer zu und verließ mich mit freundlichen
Bücklingen.
Nun saß ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das
Schneegestöber hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen auf-
gehört, heitrer Himmel wars geworden, und der helle Vollmond
strahlte durch die breiten Bogenfenster, alle finstre Ecken des
wunderlichen Baues, wohin der düstre Schein meiner Kerzen und
des Kaminfeuers nicht dringen konnte, magisch erleuchtend. So
wie man es wohl noch in alten Schlössern antrifft, waren auf selt-
same altertümliche Weise Wände und Decke des Saals verziert,
diese mit schwerem Getäfel, jene mit fantastischer Bilderei und
buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den großen Ge-
mälden, mehrenteils das wilde Gewühl blutiger Bären- und
Wolfsjagden darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und
Menschenköpfe hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so daß,
zumal bei der flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers
und des Mondes, das Ganze in graulicher Wahrheit lebte. Zwi-
schen diesen Gemälden waren lebensgroße Bilder, in Jägertracht
daherschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahn-
herren, eingefugt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die
dunkle Farbe langverjährter Zeit; um so mehr fiel der helle
kahle Fleck an derselben Wand, durch die zwei Türen in Neben-
gemächer führten, auf; bald erkannte ich, daß dort auch eine
Tür gewesen sein müßte, die später zugemauert worden, und
daß eben dies neue, nicht einmal der übrigen Wand gleich ge-
malte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemäuer auf jene Art
absteche.
Wer weiß es nicht, wie ein ungewöhnlicher abenteuerlicher
Aufenthalt mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen
vermag, selbst die trägste Fantasie wird wach in dem von wun-
derlichen Felsen umschlossenen Tal - in den düstern Mauern
einer Kirche oder so - und will sonst nie Erfahrnes ahnen. Setze
ich nun noch hinzu, daß ich zwanzig Jahre alt war und mehrere
Gläser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben,
daß mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals.
Man denke sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen
des Meeres, das seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Töne
eines mächtigen, von Geistern gerührten Orgelwerks erklangen
- die vorüberfliegenden Wolken, die oft, hell und glänzend, wie
vorbeistreifende Riesen durch die klirrenden Bogenfenster zu
gucken schienen - in der Tat, ich mußte es in dem leisen Schauer
fühlen, der mich durchbebte, daß ein fremdes Reich nun sicht-
barlich und vernehmbar aufgehen könne. Doch dies Gefühl glich
dem Frösteln, das man bei einer lebhaft dargestellten Gespenster-
geschichte empfindet und das man so gern hat. Dabei fiel mir ein,
daß in keiner günstigeren Stimmung das Buch zu lesen sei, das
ich so wie damals jeder, der nur irgend dem Romantischen er-
geben, in der Tasche trug. Es war Schillers Geisterseher. Ich las
und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr und mehr. Ich
kam zu der mit dem mächtigsten Zauber ergreifenden Erzählung
von dem Hochzeitsfest bei dem Marchese von X. - Gerade wie
Jeronimos blutige Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen
Schlage die Tür auf, die in den Vorsaal führt. - Entsetzt fahre
ich in die Höhe, das Buch fällt mir aus den Händen - Aber in
demselben Augenblick ist alles still, und ich schäme mich über
mein kindisches Erschrecken! - Mag es sein, daß durch die durch-
strömende Zugluft oder auf andere Weise die Tür aufgesprengt
wurde. - Es ist nichts - meine überreizte Fantasie bildet jede
natürliche Erscheinung gespenstisch! - So beschwichtigt nehme
ich das Buch von der Erde auf und werfe mich wieder in den
Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit abgemessenen
Tritten quer über den Saal hin, und dazwischen seufzt und ächzt
es, und in diesem Seufzen, diesem Ächzen liegt der Ausdruck
des tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers -
Ha! das ist irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern
Stock. Man kennt ja die akustische Täuschung der Nacht, die
alles entfernt Tönende in die Nähe rückt - wer wird sich nur
durch so etwas Grauen erregen lassen. - So beschwichtigte ich
mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere, tiefere Seuf-
zer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot ausgestoßen,
sich hören lassen, an jenem neuen Gemäuer. - "Ja, es ist ein
armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen, ich werde
mit dem Fuß tüchtig auf den Boden stampfen, gleich wird alles
schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen natür-
lichen Tönen hören lassen!" - So denke ich, aber das Blut gerinnt
in meinen Adern - kalter Schweiß steht auf der Stirn, erstarrt
bleibe ich im Lehnstuhl sitzen, nicht vermögend aufzustehen, viel
weniger noch zu rufen. Das abscheuliche Kratzen hört endlich
auf - die Tritte lassen sich aufs neue vernehmen - es ist, als
wenn Leben und Regung in mir erwachte, ich springe auf und
trete zwei Schritte vor, aber da streicht eine eiskalte Zugluft
durch den Saal, und in demselben Augenblick wirft der Mond
sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr ernsten, beinahe
schauerlich anzusehenden Mannes, und als säusle seine war-
nende Stimme durch das stärkere Brausen der Meereswellen,
durch das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, höre ich deutlich:
- Nicht weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem ent-
setzlichen Graus der Geisterwelt! Nun fällt die Tür zu mit dem-
selben starken Schlage wie zuvor, ich höre die Tritte deutlich
auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab - die Haupttür
des Schlosses öffnet sich rasselnd und wird wieder verschlossen.
Dann ist es, als würde ein Pferd aus dem Stall gezogen und
nach einer Weile wieder in den Stall zurückgeführt- dann ist
alles still! - In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte
Großonkel im Nebengemach ängstlich seufzte und stöhnte, dies
gab mir alle Besinnung wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte
hinein. Der Alte schien mit einem bösen schweren Traume zu
kämpfen. "Erwachen Sie - erwachen Sie", rief ich laut, indem
ich ihn sanft bei der Hand faßte und den hellen Kerzenschein auf
sein Gesicht fallen ließ. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen
Ruf, dann schaute er mich mit freundlichen Augen an und sprach:
"Das hast du gut gemacht, Vetter! daß du mich wecktest. Ei, ich
hatte einen sehr häßlichen Traum, und daran ist bloß hier das
Gemach und der Saal schuld, denn ich mußte dabei an die ver-
gangene Zeit und an manches Verwunderliche denken, was hier
sich begab. Aber nun wollen wir recht tüchtig ausschlafen!" Da-
mit hüllte sich der Alte in die Decke und schien sofort einzu-
schlafen. Als ich die Kerzen ausgelöscht und mich auch ins Bette
gelegt hatte, vernahm ich, daß der Alte leise betete.
Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschafts-
inspektor kam mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die
irgend einen Streit geschlichtet, irgend eine Angelegenheit geord-
net haben wollten. Mittags ging der Großonkel mit mir herüber
in den Seitenflügel, um den beiden alten Baronessen in aller
Form aufzuwarten. Franz meldete uns, wir mußten einige
Augenblicke warten und wurden dann durch ein sechzigjähriges
gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mütterchen, die sich das
Kammerfräulein der gnädigen Herrschaft nannte, in das Heilig-
tum geführt. Da empfingen uns die alten, nach längst verjährter
Mode abenteuerlich geputzten Damen mit komischem Zeremo-
niell, und vorzüglich war ich ein Gegenstand ihrer Verwunde-
rung, als der Großonkel mich mit vieler Laune als einen jungen,
ihm beistehenden Justizmann vorstellte. In ihren Mienen lag es,
daß sie bei meiner Jugend das Wohl der R... sittenschen Unter-
tanen gefährdet glaubten. Der ganze Auftritt bei den alten
Damen hatte überhaupt viel Lächerliches, die Schauer der ver-
gangenen Nacht fröstelten aber noch in meinem Innern, ich
fühlte mich wie von einer unbekannten Macht berührt, oder es
war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis gestreift, den
zu überschreiten und rettungslos unterzugehen es nur noch eines
Schrittes bedürfte, als könne nur das Aufbieten aller mir inne-
wohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schützen, das nur
dem unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, daß
selbst die alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetürmten
Frisuren, in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und
Bändern ausstaffierten Kleidern mir statt lächerlich ganz grau-
lich und gespenstisch erschienen. In den alten gelbverschrumpf-
ten Gesichtern, in den blinzelnden Augen wollt ich es lesen, in
dem schlechten Französisch, das halb durch die eingekniffenen
blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen herausschnarrte,
wollt ich es hören, wie sich die Alten mit den unheimlichen, im
Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten Fuß ge-
setzt hätten und auch wohl selbst Verstörendes und Entsetzliches
zu treiben vermöchten. Der Großonkel, zu allem Lustigen aufge-
legt, verstrickte mit seiner Ironie die Alten in ein solches tolles
Gewäsche, daß ich in anderer Stimmung nicht gewußt hätte, wie
das ausgelassenste Gelächter in mich hineinschlucken, aber wie
gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper waren und blieben
gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere Lust bereiten
wollte, blickte mich einmal übers andere ganz verwundert an.
Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er
los: "Aber, Vetter, sag mir um des Himmels willen, was ist dir?
- Du lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst
nicht? - Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?" - Ich nahm
jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche, was
ich in voriger Nacht überstanden, ganz ausführlich zu erzählen.
Nichts verschwieg ich, vorzüglich auch nicht, daß ich viel Punsch
getrunken und in Schillers Geisterseher gelesen. "Bekennen muß
ich dies", setzte ich hinzu, "denn so wird es glaublich, daß meine
überreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die
nur innerhalb den Wänden meines Gehirns existierten. Ich
glaubte, daß nun der Großonkel mir derb zusetzen würde mit
körnichten Späßen über meine Geisterseherei, statt dessen wurde
er sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den
Kopf schnell in die Höhe und sprach, mich mit dem brennenden
Blick seiner Augen anschauend: "Ich kenne dein Buch nicht,
Vetter! aber weder seinem, noch dem Geist des Punsches hast du
jenen Geisterspuk zu verdanken. Wisse, daß ich dasselbe, was
dir widerfuhr, träumte. Ich saß so wie du (so kam es mir vor)
im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber was sich dir nur in Tönen
kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge es deutlich erfas-
send. Ja! ich erblickte den graulichen Unhold, wie er hereintrat,
wie er kraftlos an die vermauerte Tür schlich, wie er in trostloser
Verzweiflung an der Wand kratzte, daß das Blut unter den zer-
rissenen Nägeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd
aus dem Stalle zog und in den Stall zurückbrachte. Hast du es
gehört, wie der Hahn im fernen Gehöfte des Dorfes krähte? -
Da wecktest du mich, und ich widerstand bald dem bösen Spuk
des entsetzlichen Menschen, der noch vermag, das heitre Leben
grauenhaft zu verstören."
Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohl-
bedenkend, daß er mir alles aufklären werde, wenn er es gera-
ten finden sollte. Nach einer Weile, in der er tief in sich gekehrt
dagesessen, fuhr der Alte fort: "Vetter, hast du Mut genug, jetzt,
nachdem du weißt, wie sich alles begibt, den Spuk noch einmal
zu bestehen? und zwar mit mir zusammen?" Es war natürlich,
daß ich erklärte, wie ich mich jetzt dazu ganz erkräftigt fühlte.
"So wollen wir", sprach der Alte weiter, "in künftiger Nacht
zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, daß meiner
geistigen Gewalt nicht sowohl als meinem Mute, der sich auf
festes Vertrauen gründet, der böse Spuk weichen muß, und daß
es kein freveliches Beginnen, sondern ein frommes tapferes
Werk ist, wenn ich Leib und Leben daran wage, den bösen Un-
hold zu bannen, der hier die Söhne aus der Stammburg der
Ahnherrn treibt. - Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede,
denn in solch festem redlichen Sinn, in solch frommem Vertrauen,
wie es in mir lebt, ist und bleibt man ein siegreicher Held. -
Aber sollte es dennoch Gottes Wille sein, daß die böse Macht mich
anzutasten vermag, so sollst du, Vetter! es verkünden, daß ich
im redlichen christlichen Kampf mit dem Höllengeist, der hier
sein verstörendes Wesen treibt, unterlag! - Du! - halt dich
ferne! - dir wird dann nichts geschehen!"
Unter mancherlei zerstreuenden Geschäften war der Abend
herangekommen. Franz hatte, wie gestern, das Abendessen ab-
geräumt und uns Punsch gebracht, der Vollmond schien hell
durch die glänzenden Wolken, die Meereswellen brausten, und
der Nachtwind heulte und schüttelte die klirrenden Scheiben der
Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern aufgeregt, zu gleich-
gültigen Gesprächen. Der Alte hatte seine Schlaguhr auf den
Tisch gelegt. Sie schlug zwölfe. Da sprang mit entsetzlichem
Krachen die Tür auf, und wie gestern schwebten leise und lang-
sam Tritte quer durch den Saal, und das Ächzen und Seufzen
ließ sich vernehmen. Der Alte war verblaßt, aber seine Augen
erstrahlten in ungewöhnlichem Feuer, er erhob sich vom Lehn-
stuhl, und indem er in seiner großen Gestalt, hochaufgerichtet,
den linken Arm in die Seite gestemmt, den rechten weit vor-
streckend nach der Mitte des Saales, dastand, war er anzusehen
wie ein gebietender Held. Doch immer stärker und vernehm-
licher wurde das Seufzen und Ächzen, und nun fing es an ab-
scheulicher als gestern an der Wand hin und her zu kratzen. Da
schritt der Alte vorwärts gerade auf die zugemauerte Tür los
mit festen Tritten, daß der Fußboden erdröhnte. Dicht vor der
Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach
mit starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehört: "Daniel,
Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!" Da kreischte es
auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah,
wie wenn eine Last zu Boden stürzte. "Suche Gnade und Erbar-
men vor dem Thron des Höchsten, dort ist dein Platz! Fort mit
dir aus dem Leben, dem du niemals angehören kannst!" - So rief
der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein leises
Gewimmer durch die Lüfte und ersterbe im Sausen des Sturms,
der sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tür
und warf sie zu, daß es laut durch den öden Vorsaal wider-
hallte. In seiner Sprache, in seinen Gebärden lag etwas Über-
menschliches, das mich mit tiefem Schauer erfüllte. Als er sich in
den Lehnstuhl setzte, war sein Blick wie verklärt, er faltete seine
Hände, er betete im Innern. So mochten einige Minuten vergan-
gen sein, da frug er mit der milden, tief in das Herz dringenden
Stimme, die er so sehr in seiner Macht hatte: "Nun, Vetter?"
Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger Ehrfurcht und
Liebe durchbebt stürzte ich auf die Knie und benetzte die mir
dargebotene Hand mit heißen Tränen. Der Alte schloß mich in
seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drückte, sprach
er sehr weich: "Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber
Vetter!" - Es geschah auch so, und als sich in der folgenden
Nacht durchaus nichts Unheimliches verspüren ließ, gewannen
wir die alte Heiterkeit wieder, zum Nachteil der alten Baro-
nessen, die, blieben sie auch in der Tat ein wenig gespenstisch
mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch nur ergötzlichen Spuk
trieben, den der Alte auf possierliche Weise anzuregen wußte.
Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner
Gemahlin und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gäste
sammelten sich, und nun ging in dem plötzlich lebendig gewor-
denen Schlosse das laute wilde Treiben los, wie es vorhin beschrie-
ben. Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal
trat, schien er über unsern veränderten Aufenthalt auf seltsame
Weise befremdet, er warf einen düstern Blick auf die zugemauer-
te Tür, und schnell sich abwendend, fuhr er mit der Hand über
die Stirn, als wolle er irgendeine böse Erinnerung verscheuchen.
Der Großonkel sprach von der Verwüstung des Gerichtssaals
und der anstoßenden Gemächer, der Baron tadelte es, daß Franz
uns nicht besser einlogiert habe, und forderte den Alten recht
gemütlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend etwas in
dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei als das, was er
sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge. Überhaupt
war das Betragen des Barons gegen den alten Großonkel nicht
allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse kindliche
Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in verwandt-
schaftlichem Respektsverhältnis. Dies war aber auch das Einzige,
was mich mit dem rauhen gebieterischen Wesen des Barons, das
er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaßen zu versöh-
nen vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten,
er sah in mir den gewöhnlichen Schreiber. Gleich das erste Mal,
als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er etwas in der
Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und ich war
in Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der Groß-
onkel, das Wort nehmend, versicherte, daß ich denn nun ein-
mal alles recht nach seinem Sinne mache, und daß dieser doch
nur hier in gerichtlicher Verhandlung walten könne. Als wir
allein waren, beschwerte ich mich bitter über den Baron, der
mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. "Glaube
mir,Vetter!" erwiderte der Alte, "daß der Baron trotz seines
unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmütigste Mensch
von der Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon
sagte, erst seit der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde,
vorher war er ein sanfter bescheidener Jüngling. Überhaupt ist
es denn doch aber nicht mit ihm so arg, wie du es machst, und
ich möchte wohl wissen, warum er dir so gar sehr zuwider ist."
Indem der Alte die letzten Worte sprach, lächelte er recht
höhnisch, und das Blut stieg mir siedend heiß ins Gesicht. Mußte
mir nun nicht mein Innres recht klar werden, mußte ich es
nicht deutlich fühlen, daß jenes wunderliche Hassen aufkeimte
aus dem Lieben oder vielmehr aus dem Verlieben in ein Wesen,
das mir das holdeste, hochherrlichste zu sein schien, was jemals
auf Erden gewandelt? Dieses Wesen war niemand als die Baro-
nesse selbst. Schon gleich, als sie angekommen und in einem
russischen Zobelpelz, der knapp anschloß an den zierlich gebau-
ten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt, durch die Ge-
mächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein mäch-
tiger unwiderstehlicher Zauber. Ja selbst der Umstand, daß die
alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen,
als ich sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten
und ihre französischen Bewillkommungen herschnatterten, wäh-
rend sie, die Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um
sich her schaute und bald diesem, bald jenem freundlich zunickte,
bald in dem rein tönenden kurländischen Dialekt einige deutsche
Worte dazwischen flötete, schon dieses gab ein wunderbar fremd-
artiges Bild, und unwillkürlich reihte die Fantasie dies Bild an
jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse wurde der Engel
des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte beugen.
Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes
Augen. Sie mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen,
ihr Gesicht, ebenso zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der
höchsten Engelsgüte, vorzüglich lag aber in dem Blick der dunk-
len Augen ein unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondes-
strahl ging darin eine schwermütige Sehnsucht auf; so wie in
ihrem holdseligen Lächeln ein ganzer Himmel voll Wonne und
Entzücken. Oft schien sie ganz in sich selbst verloren, und dann
gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes Antlitz. Man
hätte glauben sollen, irgendein verstörender Schmerz müsse sie
befangen, mir schien es aber, daß wohl die düstere Ahnung einer
trüben, unglücksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in
solchen Augenblicken erfaßt werde, und auch damit setzte ich
auf seltsame Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklären
wußte, den Spuk im Schlosse in Verbindung. - Den andern Mor-
gen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die Ge-
sellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse
vor, und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu
geschehen pflegt, ich benahm mich unbeschreiblich albern, indem
ich auf die einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem
Schlosse gefalle u. s. w., mich in die wunderlichsten sinnlosesten
Reden verfing, so daß die alten Tanten meine Verlegenheiten
wohl lediglich dem profunden Respekt vor der Herrin zuschrie-
ben, sich meiner huldreich annehmen zu müssen glaubten und
mich in französischer Sprache als einen ganz artigen und ge-
schickten jungen Menschen, als einen garcon tres joli anpriesen.
Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr
mir ein Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten
es sprachen, worauf sie mich mit großen Augen anguckten und
die langen spitzen Nasen reichlich mit Tabak bedienten. An dem
ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu
einer andern Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort
hart an eine Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und
ich verwünschte die Alten in den Abgrund der Hölle. Die Zeit
des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in kindischer
Selbstbetörung hatte mir der alte Großonkel längst wegironiert,
und wohl merkt ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger als
noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt
hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deut-
lich und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein wür-
de, irgend eine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmög-
lichkeit einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen
und anzubeten, dessen ich mich selbst hätte schämen müssen.
Der herrlichen Frau näher zu treten, ohne ihr nur mein inneres
Gefühl ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte
einsaugen und dann fern von ihr sie lange vielleicht immerdar
im Herzen tragen, das wollte und konnte ich. Diese romantische,
ja wohl ritterliche Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht,
spannte mich dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst
auf pathetische Weis zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich
zu seufzen: "Seraphine, ach Seraphine!" so daß der Alte er-
wachte und mir zurief: "Vetter! - Vetter! ich glaube, du fanta-
sierst mit lauter Stimme! - Tus bei Tage, wenns möglich ist,
aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!" Ich war nicht wenig be-
sorgt, daß der Alte, der schon mein aufgeregtes Wesen bei der
Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehört haben
und mich mit seinem sarkastischen Spott überschütten werde, er
sagte am andern Morgen aber nichts weiter als bei dem Hinein-
gehen in den Gerichtssaal: "Gott gebe jedem gehörigen Men-
schenverstand und Sorglichkeit." Hierauf nahm er Platz an dem
großen Tisch und sprach: "Schreibe fein deutlich, lieber Vetter!
damit ichs ohne Anstoß zu lesen vermag.
Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron
meinem alten Großonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So
mußte er auch bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz
neben der Baronesse einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-,
bald dorthin, doch pflegten gewöhnlich ein paar Offiziere aus
der nahen Hauptstadt mich in Beschlag zu nehmen, um sich über
alles Neue und Lustige, was dort geschehen, recht auszusprechen
und dabei wacker zu trinken. So kam es, daß ich mehrere Tage
hindurch ganz fern von der Baronesse, am untern Ende des
Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre Nähe brachte. Als
der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet wurde, hatte
mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht mehr
ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne
Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der
Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig
erfreut war ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die
ihr freundlich zunickte. Man kann denken, daß nun alle Worte,
die ich sprach, nicht mehr der Nachbarin allein, sondern haupt-
sächlich der Baronin galten. Mag es sein, daß meine innere Span-
nung allem, was ich sprach, einen besonderen Schwung gab,
genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer,
ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets
wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ. Sie war, wie gesagt,
nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß unser Gespräch
ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die hin und
her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin
ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt ich näm-
lich, daß das Fräulein, der Baronin bedeutende Blicke zuwarf,
und daß diese sich mühte, uns zu hören. Vorzüglich war dies der
Fall, als ich, da das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller
Begeisterung von der herrlichen heiligen Kunst sprach und zu-
letzt nicht verhehlte, daß ich - trockner, langweiliger Juri-
sterei, der ich mich ergeben unerachtet - den Flügel mit ziem-
licher Fertigkeit spiele, singe und auch wohl schon manches Lied
gesetzt habe.
Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Liqueure
zu nehmen, da stand ich unversehens, selbst wußt ich nicht wie,
vor der Baronin, die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete
mich sogleich an, indem sie, doch freundlicher und in dem Ton,
wie man mit einem Bekannten spricht, jene Fragen, wie mir der
Aufenthalt im Schlosse zusage u. s. w., wiederholte. Ich ver-
sicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche Öde der Um-
gebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam gestimmt
habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches auf-
gegangen, und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die
ich nicht gewöhnt, überhoben zu sein. Die Baronin lächelte, in-
dem sie sprach: "Wohl kann ichs mir denken, daß Ihnen das
wüste Treiben in unsern Föhrenwäldern nicht eben behaglich
sein kann. - Sie sind Musiker und, täuscht mich nicht alles, ge-
wiß auch Dichter! - Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! -
ich spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R... sitten
entbehren, denn mein Mann mag es nicht, daß ich die Instru-
mente mitnehme, deren sanftes Getön schlecht sich schicken wür-
de zu dem wilden Halloh, zu dem gellenden Hörnergetöse der
Jagd, das sich hier nur hören lassen soll! - 0 mein Gott! wie
würde mich hier Musik erfreun!" Ich versicherte, daß ich meine
ganze Kunst aufbieten werde, ihren Wunsch zu erfüllen, da es
doch im Schlosse unbezweifelt ein Instrument, sei es auch nur ein
alter Flügel, geben werde. Da lachte aber Fräulein Adelheid (der
Baronin Gesellschafterin) hell auf und frug, ob ich denn nicht
wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse keine andern
Instrumente gehört worden als krächzende Trompeten, im Jubel
lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte
Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten. Die
Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest,
und beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie
ein leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem
Augenblick schritt der alte Franz durch den Saal. "Da haben wir
den, der für alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst
das Unerhörte und Ungesehene!" Mit diesen Worten rief ihn
Fräulein Adelheid heran, und indem sie ihm begreiflich machte,
worauf es ankomme, horchte die Baronin mit gefalteten Händen,
mit vorwärts gebeugtem Haupt dem Alten mit mildem Lächeln
ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen wie ein
holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu
gern schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weit-
läufigten Manier mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum
es denn schier unmöglich sei, in der Geschwindigkeit solch ein
rares Instrument herbeizuschaffen, strich sich endlich mit behag-
lichem Schmunzeln den Bart und sprach: "Aber die Frau Wirt-
schaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz ungemein ge-
schickt das Clavizimbel oder wie sie es jetzt nennen mit dem
ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel,
daß einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man
hüpfen möchte mit beiden Beinen -, "Und besitzt ein Forte-
piano!" fiel Fräulein Adelheid ihm in die Rede. "Ei freilich",
fuhr der Alte fort, "direkt aus Dresden ist es gekommen - ein -
"0 das ist herrlich", unterbrach ihn die Baronin - "ein schönes
Instrument", sprach der Alte weiter, "aber ein wenig schwäch-
lich, denn als der Organist neulich das Lied: ,In allen meinen
Taten" darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Bo-
den, so daß -, "0 mein Gott", riefen beide, die Baronin und
Fräulein Adelheid, "so daß", fuhr der Alte fort, "es mit
schweren Kosten nach R - geschafft und dort repariert werden
mußte." "Ist es denn nun wieder hier?" frug Fräulein Adelheid
ungeduldig. "Ei freilich, gnädiges Fräulein! und die Frau Wirt-
schaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen -" In diesem
Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie befremdet
nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der
Baronin zu: "Muß Franz wieder guten Rat erteilen?" Die Ba-
ronin schlug errötend die Augen nieder, und der alte Franz
stand erschrocken abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die
herabhängenden Arme dicht an den Leib gedrückt, in soldati-
scher Stellung da.
Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf
uns zu und entführten die Baronin. Ihr folgte Fräulein Adelheid.
Ich war wie bezaubert stehengeblieben. Entzücken, daß ich nun
ihr, der Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich
nahen werde, kämpfte mit düsterm Mißmut und Ärger über den
Baron, der mir als ein rauher Despot erschien. War er dies nicht,
durfte dann wohl der alte eisgraue Diener so sklavisch sich be-
nehmen? - "Hörst du, siehst du endlich?" rief der Großonkel,
mir auf die Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Ge-
mach. "Dränge dich nicht so an die Baronin", sprach er, als wir
angekommen, "wozu soll das, überlaß es den jungen Gecken,
die gern den Hof machen, und an denen es ja nicht mangelt." -
Ich erzählte, wie alles gekommen, und forderte ihn auf, mir nun
zu sagen: ob ich seinen Vorwurf verdiene; er erwiderte aber
darauf nichts als: "Hm hm" - zog den Schlafrock an, setzte sich
mit angezündeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach von den
Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend über meine Fehl-
schüsse. Im Schlosse war es still geworden, Herren und Damen
beschäftigten sich in ihren Zimmern mit dem Putz für die Nacht.
Jene Musikanten mit den heisern Geigen, mit den verstimmten
Bässen und den meckernden Hoboen, von denen Fräulein Adel-
heid gesprochen, waren nämlich angekommen, und es sollte für
die Nacht nichts Geringeres geben als einen Ball in bestmöglich-
ster Form. Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben
vorziehend, blieb in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich
eben zum Ball gekleidet, als es leise an unsere Tür klopfte und
Franz hereintrat, der mir mit behaglichem Lächeln verkündete,
daß soeben das Clavizimbel von der Frau Wirtschaftsinspektorin
in einem Schlitten angekommen und zur gnädigen Frau Baronin
getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe mich einladen, nur
gleich herüber zu kommen. Man kann denken, wie mir alle
Pulse schlugen, mit welchem innern süßen Erbeben ich das Zim-
mer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid kam mir
freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt,
saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem
die Töne schlummern sollten, die zu wecken ich berufen. Sie
stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich
keines Wortes mächtig sie anstarrte. "Nun Theodor", (nach der
gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wieder-
findet, nannte sie jeden bei seinem Vornamen) "nun, Theodor",
Hier Seite 182 einfügen!!!
innern Gefühle in Fantasien recht laut werden zu lassen, in jene
süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem Süden zu uns
herübergeklungen. Während dieser Senza di te - dieser Sen-
timi idol mio dieser Almen se non possio und hundert morir
mi sentos und Addio"s und Oh dios wurden leuchtender und
leuchtender Seraphinens Blicke. Sie hatte sich dicht neben mir an
das Instrument gesetzt, ich fühlte ihren Atem an meiner Wange
spielen; indem sie ihren Arm hinter mir auf die Stuhllehne
stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem zierlichen Ball-
kleide losgenestelt, über meine Schulter und flatterte, von mei-
nen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und
her wie ein getreuer Liebesbote! - Es war zu verwundern, daß
ich den Verstand behielt! - Als ich mich auf irgendein neues
Lied besinnend in den Akkorden herumfuhr, sprang Fräulein
Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers gesessen, herbei, kniete
vor der Baronin hin und bat, ihre beiden Hände erfassend und
an die Brust drückend: "0 liebe Baronin - Seraphinchen, nun
mußt du auch singen!" - Die Baronin erwiderte: "Wo denkst
du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor un-
serm Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hören lassen!" -
Es war lieblich anzuschauen, wie sie gleich einem frommverschäm-
ten Kinde die Augen niederschlagend und hocherrötend mit der
Lust und mit der Scheu kämpfte. - Man kann denken, wie ich
sie anfiehte, als sie kleine kurländische Volkslieder erwähnte,
nicht nachließ, bis sie mit der linken Hand herüberlangend einige
Töne auf dem Instrument versuchte wie zur Einleitung. Ich wollte
ihr Platz machen am Instrument, sie ließ es aber nicht zu, indem
sie versicherte, daß sie nicht eines einzigen Akkordes mächtig sei,
und daß eben deshalb ihr Gesang ohne Begleitung sehr mager und
unsicher klingen werde. Nun fing sie mit zarter glockenreiner, tief
aus dem Herzen tönender Stimme ein Lied an, dessen einfache
Melodie ganz den Charakter jener Volkslieder trug, die so
klar aus dem Innern herausleuchten, daß wir in dem hellen
Schein, der uns umfließt, unsere höhere poetische Natur erken-
nen müssen. Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeu-
tenden Worten des Textes, der zur Hieroglyphe des Unaus-
sprechlichen wird, von dem unsere Brust erfüllt. Wer denkt nicht
an jene spanische Kanzonetta, deren Inhalt den Worten nach
nicht viel mehr ist, als: Mit meinem Mädchen schifft ich auf dem
Meer, da wurd es stürmisch, und mein Mädchen wankte furcht-
sam hin und her. Nein! - nicht schiff ich wieder mit meinem
Mädchen auf dem Meer! - So sagte der Baronin Liedlein nichts
weiter: Jüngst tanzt ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da
fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie
mir und sprach: Wann, mein Mädchen, gehn wir wieder zur
Hochzeit? - Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in
harpeggierenden Akkorden begleitete, als ich in der Begeiste-
rung, die mich erfaßt, die Melodien der folgenden Lieder gleich
von den Lippen der Baronin wegstahl, da erschien ich ihr und
der Fräulein Adelheid wie der größte Meister der Tonkunst, sie
überhäuften mich mit Lobsprüchen. Die angezündeten Lichter
des Ballsaals im Seitenflügel brannten hinein in das Gemach der
Baronin, und ein mißtöniges Geschrei von Trompeten und Hör-
nern verkündete, daß es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln.
"Ach, nun muß ich fort", rief die Baronin, ich sprang auf vom
Instrument. "Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es
waren die heitersten Momente, die ich jemals hier in ... . sitten
verlebte." Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand;
als ich sie im Rausch des höchsten Entzückens an die Lippen
drückte, fühlte ich ihre Finger heftig pulsierend an meiner Hand
anschlagen! Ich weiß nicht, wie ich in des Großonkels Zimmer,
wie ich dann in den Ballsaal kam. - Jener Gaskogner fürchtete
die Schlacht, weil jede Wunde ihm tödlich werden müsse, da er
ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in meiner Stim-
mung gleichen! Jede Berührung wird tödlich. Der Baronin Hand,
die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete
Pfeile, mein Blut brannte in den Adern! - Ohne mich gerade
auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch bald die
Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und ich
war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und
heitrem Tone gesprochen, plötzlich sehr ernst wurde und anfing:
"Ich bitte, dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit
aller Macht ergriffen! - Wisse, daß dein Beginnen, so harmlos
wie es scheint, die entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst
in achtlosem Wahnsinn auf dünner Eisdecke, die bricht unter dir,
ehe du dich es versiehst, und du plumpst hinein. Ich werde mich
hüten, dich am Rockschoß festzuhalten, denn ich weiß, du rap-
pelst dich selbst wieder heraus und sprichst, zum Tode erkrankt:
"Das bißchen Schnupfen bekam ich im Traume"; aber ein böses
Fieber wird zehren an deinem Lebensmark, und Jahre werden
hingehen, ehe du dich ermannst. - Hoi der Teufel deine Musik,
wenn du damit nichts Besseres anzufangen weißt, als empfin-
delnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe!"
"Aber", unterbrach ich den Alten, "kommt es mir denn in den
Sinn, mich bei der Baronin einzuliebeln?" "Affe!" rief der Alte,
"wüßt ich das, so würfe ich dich hier durchs Fenster!" - Der
Baron unterbrach das peinliche Gespräch, und das beginnende
Geschäft riß mich aus der Liebesträumerei, in der ich nur Sera-
phinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin
nur dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber bei-
nahe kein Abend verging, daß nicht heimliche Botschaft kam
von Fräulein Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald
geschah es, daß mannigfache Gespräche mit der Musik wechsel-
ten. Fräulein Adelheid, die beinahe nicht jung genug war, um so
naiv und drollig zu sein, sprang mit allerlei lustigem und etwas
konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich und Seraphine uns zu
vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und Träumereien.
Aus mancher Andeutung mußt ich bald erfahren, daß der Baro-
nin wirklich irgend etwas Verstörendes im Sinn liege, wie ich es
gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen
glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir
ganz klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte ge-
schehen. Wie oft drängte es mich, Seraphinen zu erzählen, wie
mich der unsichtbare Feind berührt, und wie ihn der Alte, gewiß
für immer, gebannt habe, aber eine mir selbst unerklärliche Scheu
fesselte mir die Zunge im Augenblick, als ich reden wollte.
Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hieß,
sie kränkle und könne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend
frug man den Baron, ob das Übel von Bedeutung sei. Er lächelte
auf fatale Art, recht wie bitter höhnend, und sprach: "Nichts als
ein leichter Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun
einmal hier kein süßes Stimmchen duldet und keine andern Töne
leidet als das derbe Halloh der Jagd." - Bei diesen Worten warf
der Baron mir, der ihm schrägüber saß, einen stechenden Blick
zu. Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Fräulein
Adelheid, die neben mir saß, wurde blutrot; vor sich hin auf den
Teller starrend und mit der Gabel darauf herumkritzelnd,
lispelte sie: "Und noch heute siehst du Seraphinen, und noch
heute werden deine süßen Liederchen beruhigend sich an das
kranke Herz legen." - Auch Adelheid sprach diese Worte für
mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit der
Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhältnis, das nur mit
dem Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen könne. - Die
Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte
ich beginnen! - Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im
Schlosse blieb, unmöglich, und durfte ich auch das Schloß ver-
lassen und nach K. zurückgehen, ich vermochte es nicht. Ach!
nur zu sehr fühlt ich, daß ich nicht stark genug war, mich selbst
aufzurütteln aus dem Traum, der mich mit fantastischem Liebes-
glück neckte. Adelheid erschien mir beinahe als gemeine Kupp-
lerin, ich wollte sie deshalb verachten - und doch, mich wieder
besinnend, mußte ich mich meiner Albernheit schämen. Was ge-
schah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein
näheres Verhältnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es er-
laubten, herbeiführen konnte? Wie durfte es mir einfallen, daß
die Baronin irgend etwas für mich fühlen sollte, und doch war
ich von der Gefahr meiner Lage überzeugt!
Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wölfe
gehen sollte, die sich in dem Föhrenwalde, ganz nahe dem
Schlosse, hatten blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner
aufgeregten Stimmung, ich erklärte dem Alten, mitziehn zu
wollen, er lächelte mich zufrieden an, sprechend: "Das ist brav,
daß du auch einmal dich herausmachst, ich bleibe heim, du
kannst meine Büchse nehmen, und schnalle auch meinen Hirsch-
fänger um, im Fall der Not ist das eine gute sichere Waffe, wenn
man nur gleichmütig bleibt." Der Teil des Waldes, in dem die
Wölfe lagern mußten, wurde von den Jägern umstellt. Es war
schneidend kalt, der Wind heulte durch die Föhren und trieb mir
die hellen Schneeflocken ins Gesicht, daß ich, als nun vollends
die Dämmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir hin-
schauen konnte. Ganz erstarrt verließ ich den mir angewiesenen
Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einen
Baum, die Büchse unterm Arm. Ich vergaß die Jagd, meine Ge-
danken trugen mich fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer.
Ganz entfernt fielen Schüsse, in demselben Moment rauschte es
im Röhricht, und nicht zehn Schritte von mir erblickte ich einen
starken Wolf, der vorüberrennen wollte. Ich legte an, drückte
ab - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit glühenden Augen auf
mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht Besonnenheit genug,
das Jagdmesser herauszureißen, das ich dem Tier, als es mich
packen wollte, tief in die Gurgel stieß, so daß das Blut mir über
Hand und Arm spritzte. Einer von den Jägern des Barons, der
mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herange-
laufen, und auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle
um uns. Der Baron eilte auf mich zu: "Um des Himmels willen.
Sie bluten? - Sie bluten - Sie sind verwundet?" Ich versicherte
das Gegenteil; da fiel der Baron über den Jäger her, der mir der
nächste gestanden, und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er
nicht nachgeschossen, als ich gefehlt, und unerachtet dieser ver-
sicherte, daß das gar nicht möglich gewesen, weil in derselben
Sekunde der Wolf auf mich zugestürzt, so daß jeder Schuß mich
hätte treffen können, so blieb doch der Baron dabei, daß er mich
als einen minder erfahrnen Jäger in besondere Obhut hätte
nehmen sollen. Unterdessen hatten die Jäger das Tier aufge-
hoben, es war der größte der Art, das sich seit langer Zeit hatte
sehen lassen, und man bewunderte allgemein meinen Mut und
meine Entschlossenheit, unerachtet mir mein Benehmen sehr
natürlich schien, und ich in der Tat an die Lebensgefahr, in der
ich schwebte, gar nicht gedacht hatte. Vorzüglich bewies sich der
Baron teilnehmend, er konnte gar nicht aufhören zu fragen, ob
ich, sei ich auch nicht von der Bestie verwundet, doch nichts von
den Folgen des Schrecks fürchte. Es ging zurück nach dem
Schlosse, der Baron faßte mich wie einen Freund unter den Arm,
die Büchse mußte ein Jäger tragen. Er sprach noch immer von
meiner heroischen Tat, so daß ich am Ende selbst an meinen
Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst
dem Baron gegenüber als ein Mann von Mut und seltener Ent-
schlossenheit festgestellt fühlte. Der Schulknabe, hatte sein Ex-
amen glücklich bestanden, war kein Schulknabe mehr, und alle
demütige Ängstlichkeit des Schulknaben war von ihm gewichen.
Erworbe schien mir jetzt das Recht, mich um Seraphinens
Gunst zu mühen. - Man weiß ja, welcher albernen Zusammen-
stellungen die Fantasie eines verliebten Jünglings fähig ist. - Im
Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf blieb ich
der Held des Tages; nur der Baron selbst hatte außer mir noch
einen tüchtigen Wolf erlegt, die übrigen mußten sich begnügen,
ihre Fehlschlüsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und
grauliche Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glück und
überstandener Gefahr zu erzählen. Von dem Alten glaubte ich
nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden; mit diesem An-
spruch erzählte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und ver-
gaß nicht, das wilde, blutrünstige Ansehn der wilden Bestie mit
recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins
Gesicht und sprach. "Gott ist mächtig in den Schwachen!" -
Als ich, des Trinkens, der Gesellschaft überdrüssig, durch den
Korridor nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine
Gestalt mit dem Licht in der Hand hineinschlüpfen. In den Saal
tretend erkannte ich Fräulein Adelheid. "Muß man nicht umher-
irren wie ein Gespenst, wie ein Nachtwandler, um Sie, mein
tapferer Wolfsjäger, aufzufinden! -" So lispelte sie mir zu, in-
dem sie mich bei der Hand ergriff. Die Worte: "Nachtwandler
- Gespenst", fielen mir, hier an diesem Orte, ausgesprochen,
schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die gespensti-
schen Erscheinungen jener beiden graulichen Nächte in Sinn und
Gedanken; wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltönen
herüber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfen-
ster, und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die ge-
heimnisvolle Wand, an der sich das Kratzen vernehmen ließ. Ich
glaubte Blutflecke daran zu erkennen. Fräulein Adelheid mußte,
mich noch immer bei der Hand haltend, die Eiskälte fühlen, die
mich durchschauerte. "Was ist Ihnen, was ist Ihnen", sprach sie
leise, "Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will Sie ins Leben rufen.
Wissen Sie wohl, daß die Baronin es gar nicht erwarten kann,
Sie zu sehen? - Eher glaubt sie nicht, daß der böse Wolf Sie
wirklich nicht zerbissen hat. Sie ängstigt sich unglaublich! - Ei,
ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen!
Noch niemals habe ich sie so gesehen. - Hui - wie jetzt der Puls
anfängt zu prickeln! - wie der tote Herr so plötzlich erwacht
ist! - Nein, kommen Sie - fein leise - wir müssen zur kleinen
Baronin!" - Ich ließ mich schweigend fortziehen; die Art, wie
Adelheid von der Baronin sprach, schien mir unwürdig, und
vorzüglich die Andeutung des Verständnisses zwischen uns ge-
mein. Als ich mit Adelheid eintrat, kam Seraphine mir mit einem
leisen Ach! drei - vier Schritte rasch entgegen, dann blieb sie,
wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen, ich wagte, ihre
Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drücken. Die
Baronin ließ ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach:
"Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wölfen auf-
zunehmen? Wissen Sie denn nicht, daß Orpheus", Amphions
fabelhafte Zeit längst vorüber ist, und daß die wilden Tiere
allen Respekt vor den vortrefflichen Sängern ganz verloren ha-
ben?" Diese anmutige Wendung, mit der die Barnonin ihrer
lebhaften Teilnahme sogleich alle Mißdeutung abschnitt, brachte
mich augenblicklich in richtigen Ton und Takt. Ich weiß selbst
nicht, wie es kam, daß ich nicht wie gewöhnlich mich an das
Instrument setzte, sondern neben der Baronin auf dem Kanapee
Platz nahm. Mit dem Wort: "Und wie kamen Sie denn in Ge-
fahr?" erwies sich unser Einverständnis, daß es heute nicht auf
Musik, sondern auf Gespräch abgesehen sei. Nachdem ich meine
Abenteuer im Walde erzählt und der lebhaften Teilnahme des
Barons erwähnt mit der leisen Andeutung, daß ich ihn deren
nicht für fähig gehalten, fing die Baronin mit sehr weicher, bei-
nahe wehmütiger Stimme an: "Oh, wie muß Ihnen der Baron so
stürmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur wäh-
rend des Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern,
nur während des wilden Jagens in den öden Föhrenwäldern
ändert er sein ganzes Wesen, wenigstens sein äußeres Betragen.
Was ihn vorzüglich so ganz und gar verstimmt, ist der Gedanke,
der ihn beständig verfolgt, daß hier irgend etwas Entsetzliches
geschehen werde: daher hat ihn Ihr Abenteuer, das zum Glück
ohne üble Folgen blieb, gewiß tief erschüttert. Nicht den gering-
sten seiner Diener will er der mindesten Gefahr ausgesetzt wis-
sen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund, und ich
weiß gewiß, daß Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche ge-
lassen zu haben, wo nicht mit Gefängnis bestraft werden, doch
die beschämende Jägerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit
einem Knittel in der Hand sich dem Jagdgefolge anschließen zu
müssen. Schon, daß solche Jagden wie hier nie ohne Gefahr sind,
und daß der Baron, immer Unglück befürchtend, doch in der
Freude und Lust daran selbst den bösen Dämon neckt, bringt
etwas Zerrissenes in sein Leben, das feindlich selbst auf mich
wirken muß. Man erzählt viel Seltsames von dem Ahnherrn,
der das Majorat stiftete, und ich weiß es wohl, daß ein düsteres
Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie ein
entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur mög-
lich macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewühl
auszudauern. Aber ich! - wie einsam muß ich mich in diesem
Gewühl befinden, und wie muß mich das Unheimliche, das aus
allen Wänden weht, im Innersten aufregen! Sie, mein lieber
Freund! haben mir die ersten heitern Augenblicke, die ich hier
verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie kann ich Ihnen
denn herzlich genug dafür danken! -" Ich küßte die mir darge-
botene Hand, indem ich erklärte: daß auch ich gleich am ersten
Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Auf-
enthalts bis zum tiefsten Entsetzen gefühlt habe. Die Baronin
blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche der Bauart
des ganzen Schlosses, vorzüglich den Verzierungen im Gerichts-
saal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein,
daß Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, daß ich noch etwas
anderes meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig:
"Nein, nein - es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen
in jenem Saal, den ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwöre
Sie - sagen Sie mir alles!"
Zur Totenblässe war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah
wohl ein, daß es nun geratener sei, alles, was mir widerfahren,
getreulich zu erzählen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es
zu überlassen. Sie hörte mich an, und immer mehr und mehr stieg
ihre Benommenheit und Angst. Als ich des Kratzens an der
Wand erwähnte, schrie sie auf: "Das ist entsetzlich - ja, ja - in
dieser Mauer ist jenes fürchterliche Geheimnis verborgen! -"
Als ich dann weiter erzählte, wie der Alte mit geistiger Gewalt
und Übermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als würde sie
frei von einer schweren Last, die ihre Brust gedrückt. Sich zu-
rücklehnend hielt sie beide Hände vors Gesicht. Erst jetzt be-
merkte ich, daß Adelheid uns verlassen. Längst hatte ich geen-
det, und da Seraphine noch immer schwieg, stand ich leise auf,
ging an das Instrument und mühte mich, in anschwellenden
Akkorden tröstende Geister heraufzurufen, die Seraphinen dem
finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzählung erschlossen,
entführen sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich es vermochte,
eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani. In den weh-
mutsvollen Klängen des: Ochi, perche piangete - erwachte Sera-
phine aus düstern Träumen und horchte mild lächelnd, glän-
zende Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, daß
ich vor ihr hinkniete, daß sie sich zu mir herabbeugte, daß ich
sie mit meinen Armen umschlang, daß ein langer glühender Kuß
auf meinen Lippen brannte? - Wie geschah es denn, daß ich
nicht die Besinnung verlor, daß ich es fühlte, wie sie sanft mich
an sich drückte, daß ich sie aus meinen Armen ließ und schnell
mich emporrichtend an das Instrument trat? Von mir abgewen-
det ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster hin, dann
kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande, der
ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge blickend,
sprach sie: "Ihr Onkel ist der würdigste Greis, den ich kenne, er
ist der Schutzengel unserer Familie - möge er mich einschließen
in sein frommes Gebet!"
Ich war keines Wortes mächtig, verderbliches Gift, das ich in
jenem Kusse eingesogen, gärte und flammte in allen Pulsen, in
allen Nerven! Fräulein Adelheid trat herein - die Wut des
innern Kampfes strömte aus in heißen Tränen, die ich nicht zu-
rückzudrängen vermochte! - Adelheid blickte mich verwundert
und zweifelhaft lächelnd an - ich hätte sie ermorden können!
Die Baronin reichte mir die Hand und sprach mit unbeschreib-
licher Milde: "Leben Sie wohl, mein lieber Freund! - Leben Sie
recht wohl, denken Sie daran, daß vielleicht niemand besser als
ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Töne werden lange -
lange in meinem Innern wiederklingen." Ich zwang mir einige
unzusammenhängende alberne Worte ab und lief nach unserm
Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb
im Saal, ich stürzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den
Namen der Geliebten, kurz, ich überließ mich den Torheiten
des verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf
des über mein Toben aufgewachten Alten: "Vetter, ich glaube du
bist verrückt geworden oder balgst dich aufs neue mit einem
Wolf? - Scher dich zu Bette, wenn es dir sonst gefällig ist!" -
nur dieser Zuruf trieb mich hinein ins Gemach, wo ich mich mit
dem festen Vorsatz niederlegte, nur von Seraphinen zu träumen.
Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht einge-
schlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das
Öffnen und Zuschlagen von Türen zu vernehmen glaubte. Ich
horchte auf, da hörte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen,
die Tür des Saals wurde geöffnet, und bald klopfte es an unser
Gemach. "Wer ist da?" rief ich laut; da sprach es draußen:
"Herr Justitianus - Herr Justitianus, wachen Sie auf - wachen
Sie auf!" - Ich erkannte, Franzens Stimme, und indem ich frug:
"Brennt es im Schlosse?" wurde der Alte wach und rief: "Wo
brennt es? - wo ist schon wieder verdammter Teufelsspuk los?"
"Ach, stehen Sie auf, Herr Justitianus", sprach Franz, "stehen
Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen!" "Was will der
Baron von mir", frug der Alte weiter, "was will er von mir zur
Nachtzeit? - weiß er nicht, daß das Justitiariat mit dem Justi-
tianus zu Bette geht und ebenso gut schläft als er?" "Ach", rief
nun Franz ängstlich, "lieber Herr Justitianus", stehen Sie doch
nur auf - die gnädige Frau Baronin liegt im Sterben!" Mit einem
Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. "Offne Franzen die Tür", rief
mir der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum,
ohne Tür und Schloß zu finden. Der Alte mußte mir beistehen,
Franz trat bleich mit verstörtem Gesicht herein und zündete die
Lichter an. Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hörten
wir schon den Baron im Saal rufen: "Kann ich Sie sprechen, lie-
ber V.?" - "Warum hast du dich angezogen, Vetter, der Baron
hat nur nach mir verlangt?" frug der Alte, im Begriff heraus-
zutreten. "Ich muß hinab - ich muß sie sehen und dann ster-
ben", sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen
Schmerz. "Ja so! da hast du recht, Vetter!" Dies sprechend, warf
mir der Alte die Tür vor der Nase zu, daß die Angeln klirrten,
und verschloß sie von draußen. Im ersten Augenblick, über die-
sen Zwang empört, wollt ich die Tür einrennen, aber mich schnell
besinnend, daß dieses nur die verderblichen Folgen einer unge-
zügelten Raserei haben könne, beschloß ich, die Rückkehr des
Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es wolle, seiner Auf-
sicht zu entschlüpfen. Ich hörte den Alten heftig mit dem Baron
reden, ich hörte mehrmals meinen Namen nennen, ohne weiteres
verstehen zu können. - Mit jeder Sekunde wurde mir meine
Lage tödlicher. - Endlich vernahm ich, wie dem Baron eine Bot-
schaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte. Der Alte
trat wieder in das Zimmer - "Sie ist tot - mit diesem Schrei
stürzte ich dem Alten entgegen - "Und du bist närrisch!" fiel er
gelassen ein, faßte mich und drückte mich in einen Stuhl. "Ich
muß hinab", schrie ich, "ich muß hinab sie sehen, und sollt es
mir das Leben kosten!" - "Tue das, lieber Vetter", sprach der
Alte, indem er die Tür verschloß, den Schlüssel abzog und in die
Tasche steckte. Nun flammte ich auf in toller Wut, ich griff nach
der geladenen Büchse und schrie: "Hier vor Ihren Augen jage
ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht sogleich mir
die Tür öffnen." Da trat der Alte dicht vor mir hin und sprach,
indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge faßte:
"Glaubst du, Knabe, daß du mich mit deiner armseligen Dro-
hung erschrecken kannst? - Glaubst du, daß mir dein Leben
was wert ist, wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit
wie ein abgenutztes Spielzeug wegzuwerfen? - Was hast du mit
dem Weibe des Barons zu schaffen? - wer gibt dir das Recht,
dich wie ein überlästiger Geck da hinzudrängen, wo du nicht hin-
gehörst, und wo man dich auch gar nicht mag? - Willst du den
liebelnden Schäfer machen in ernster Todesstunde?" - Ich sank
vernichtet in den Lehnstuhl. - Nach einer Weile fuhr der Alte
mit milderer Stimme fort: "Und damit du es nur weißt, mit der
angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz
und gar nichts - Fräulein Adelheid ist denn nun gleich außer
sich über alles; wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fällt, so
schreit sie ,Welch ein schreckliches Unwetter!"- Zum Unglück
ist der Feuerlärm bis zu den alten Tanten gedrungen, die sind
unter unziemlichem Weinen mit einem ganzen Arsenal von stär-
kenden Tropfen - Lebenselexieren, und was weiß ich sonst, an-
gerückt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht" - Der
Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kämpfte.
Er ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor
mir hin, lachte recht herzlich und sprach: "Vetter, Vetter! was
treibst du für närrisches Zeug? - Nun! es ist einmal nicht
anders, der Satan treibt hier seinen Spuk auf mancherlei Weise,
du bist ihm ganz lustig in die Krallen gelaufen, und er macht
jetzt sein Tänzchen mit dir." - Er ging wieder einige Schritte
auf und ab, dann sprach er weiter: "Mit dem Schlaf ists nun ein-
mal vorbei, und da dächt ich, man rauchte eine Pfeife und brächte
so noch die paar Stündchen Nacht und Finsternis hin!" - Mit
diesen Worten nahm der Alte eine tönerne Pfeife vom Wand-
schrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam
und sorgfältig, dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein
Blatt herausriß, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte.
Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den
Zähnen: "Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf?" - Ich weiß
nicht, wie dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte.
- Es war, als sei ich gar nicht mehr in R... sitten - die Baronin
weit - weit von mir entfernt, so daß ich sie nur mit den geflügel-
ten Gedanken erreichen könne! - Die letzte Frage des Alten ver-
droß mich. "Aber", fiel ich ein, "finden Sie mein Jagdabenteuer
so lustig, so zum Bespötteln geignet?" "Mitnichten", erwiderte
der Alte, "mitnichten, Herr Vetter, aber du glaubst nicht, welch
komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie du schneidet, und
wie er sich überhaupt so possierlich dabei macht, wenn der liebe
Gott ihn einmal würdigt, was Besonderes ihm passieren zu las-
sen. - Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller, be-
sonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte
ihn, der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und
er, den die mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen
Pinsel hielten, benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlos-
senem Mute, daß alle ihn höchlich bewunderten. Aber seit der
Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleißigen besonnenen
Jünglinge wurde ein prahlhafter unausstehlicher Raufbold. Er
kommerschierte und jubelte und schlug dummer Kinderei halber
sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er
auf pöbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstieß. - Ich er-
zähle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du
willst! - Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit
zu kommen -, Es ließen sich in dem Augenblick leise Tritte auf
dem Saal hören, und mir war es, als ginge ein schauerliches
Ächzen durch die Lüfte! - "Sie ist hin!" - der Gedanke durch-
fuhr mich wie ein tötender Blitz! - Der Alte stand rasch auf und
rief laut: "Franz - Franz!" - "Ja, lieber Herr Justitianus",
antwortete es draußen. "Franz", fuhr der Alte fort, "schüre ein
wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es tunlich, so
magst du für uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es ist
verteufelt kalt", wandte sich der Alte zu mir, "und da wollen
wir uns lieber draußen am Kamine was erzählen." Der Alte
schloß die Tür auf, ich folgte ihm mechanisch. "Wie gehts
unten?", frug der Alte. "Ach", erwiderte Franz, "es hatte gar
nicht viel zu bedeuten, die gnädige Frau Baronin sind wieder
ganz munter und schieben das bißchen Ohnmacht auf einen
bösen Traum!" - Ich wollte aufjauchzen vor Freude und Ent-
zücken, ein sehr ernster Blick des Alten wies mich zur Ruhe. -
"Ja", sprach der Alte, "im Grunde genommen wärs doch besser,
wir legten uns noch ein paar Stündchen aufs Ohr - Laß es nur
gut sein mit dem Tee, Franz!" - "Wie Sie befehlen, Herr Justi-
tianus", erwiderte Franz und verließ den Saal mit dem Wunsch
einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hähne krähten.
"Höre, Vetter!" sprach der Alte, indem er die Pfeife im Kamin
ausklopfte, "höre, Vetter, gut ists doch, daß dir kein Malheur
passiert ist mit Wölfen und geladenen Büchsen!" - Ich verstand
jetzt alles und schämte mich, daß ich dem Alten Anlaß gab, mich
zu behandeln wie ein ungezogenes Kind.
"Sei so gut", sprach der Alte am andern Morgen, "sei so gut,
lieber Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der
Baronin steht. Du kannst nur immer nach Fräulein Adelheid
fragen, die wird dich denn wohl mit einem tüchtigen Bulletin
versehen." - Man kann denken, wie ich hinabeilte. Doch in dem
Augenblick, als ich leise an das Vorgemach der Baronin pochen
wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben entgegen. Er
blieb verwundert stehen und maß mich mit finsterm durchboh-
renden Blick. "Was wollen Sie hier!" fuhr es ihm heraus. Uner-
achtet mir das Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusam-
men und erwiderte mit festem Ton: "Mich im Auftrage des
Onkels nach dem Befinden der gnädigen Frau erkundigen." "0
es war ja gar nichts - ihr gewöhnlicher Nervenzufall. Sie schläft
sanft, und ich weiß, daß sie wohl und munter bei der Tafel er-
scheinen wird! - Sagen Sie das - Sagen Sie das" - Dies sprach
der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die
mir anzudeuten schien, daß er um die Baronin besorgter sei, als
er es wolle merken lassen. Ich wandte mich, um zurückzukehren,
da ergriff der Baron plötzlich meinen Arm und rief mit flam-
mendem Blick: "Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger Mann!"
- Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor mir, und mußt
ich nicht einen Auftritt befürchten, der vielleicht schmachvoll
für mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment
besann ich mich auf mein künstliches Jagdmesser, das mir der
Alte erst in R...sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche
trug. Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit
dem Entschluß keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen
sollte, unwürdig behandelt zu werden. Wir waren in des Barons
Zimmer eingetreten, dessen Tür er hinter sich abschloß. Nun
schritt er mit übereinandergeschlagenen Armen heftig auf und
ab, dann blieb er vor mir stehen und wiederholte: "Ich habe mit
Ihnen zu sprechen, junger Mann!" - Der verwegenste Mut war
mir gekommen, und ich wiederholte mit erhöhtem Tone: "Ich
hoffe, daß es Worte sein werden, die ich ungeahndet hören darf!"
Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich
nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme über den
Rücken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er
nahm eine Büchse herab und stieß den Ladestock hinein, als
wolle er versuchen, ob sie geladen sei oder nicht! - Das Blut stieg
mir in den Adern, ich faßte nach dem Messer und schritt dicht
auf den Baron zu, um es ihm unmöglich zu machen, auf mich
anzulegen. "Ein schönes Gewehr", sprach der Baron, die Büchse
wieder in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurück
und der Baron an mich heran; kräftiger auf meine Schulter
schlagend, als gerade nötig, sprach er dann: "Ich muß Ihnen
aufgeregt und verstört vorkommen, Theodor, ich bin es auch
wirklich von der in tausend Ängsten durchwachten Nacht. Der
Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefährlich, das
sehe ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schloß, in das ein
finstrer Geist gebannt ist, fürcht ich das Entsetzliche, und dann
ist es auch das erste Mal, daß sie hier erkrankte. Sie - Sie allein
sind daran schuld!" - Wie das möglich sein könne, davon hätte
ich keine Ahnung, erwiderte ich gelassen. "0", fuhr der Baron
fort, "0 wäre der verdammte Unglückskasten der Inspektorin
auf blankem Eis zerbrochen in tausend Stücke, 0 wären Sie -
doch nein! - nein! Es sollte, es mußte so sein, und ich allein bin
schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick, als Sie an-
fingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von
der ganzen Lage der Sache, von der Gemütsstimmung meiner
Frau zu unterrichten" - Ich machte Miene zu sprechen - "Las-
sen Sie mich reden", rief der Baron, "ich muß im voraus Ihnen
alles voreilige Urteil abschneiden. Sie werden mich für einen rau-
hen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin das keineswegs,
aber eine auf tiefe Überzeugung gebaute Rücksicht nötigt mich,
hier womöglich solcher Musik, die jedes Gemüt und auch das
meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie, daß mei-
ne Frau an einer Erregbarkeit kränkelt, die am Ende alle Lebens-
freude wegzehren muß. In diesen wunderlichen Mauern kommt
sie gar nicht heraus aus dem erhöhten überreizten Zustande, der
sonst nur momentan einzutreten pflegt und zwar oft als Vorbote
einer ernsten Krankheit. Sie fragen mit Recht, warum ich der zar-
ten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt, dieses wilde verwirrte
Jägerleben nicht erspare? Aber nennen Sie es immerhin Schwä-
che, genug, mir ist es nicht möglich, sie allein zurückzulassen.
In tausend Ängsten und nicht fähig Ernstes zu unternehmen
würde ich sein, denn ich weiß es, die entsetzlichsten Bilder von
allerlei verstörendem Ungemach, das ihr widerfahren, verließen
mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal. - Dann aber glaube
ich auch, daß dem schwächlichen Weibe gerade diese Wirtschaft
hier wie ein erkräftigendes Stahlbad anschlagen muß - Wahr-
haftig, der Seewind, der nach seiner Art tüchtig durch die Föhren
saust, das dumpfe Gebell der Doggen, der keck und munter
schmetternde Hörnerklang muß hier siegen, über die verweich-
lenden, schmachtenden Pinseleien am Klavier, das so kein Mann
spielen sollte, aber Sie haben es darauf angelegt, meine Frau
methodisch zu Tode zu quälen!" - Der Baron sagte dies mit
verstärkter Stimme und wildfunkelnden Augen - das Blut stieg
mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit der
Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er ließ mich nicht zu
Worte kommen. "Ich weiß, was Sie sagen wollen", fing er an,
"ich weiß es und wiederhole es, daß Sie auf dem Wege waren,
meine Frau zu töten, und daß ich Ihnen dies auch nicht im min-
desten zurechnen kann, wiewohl Sie begreifen, daß ich dem
Dinge Einhalt tun muß. - Kurz! - Sie exaltieren meine Frau
durch Spiel und Gesang, und als sie in dem bodenlosen Meere
träumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik wie ein
böser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer um-
herschwimmt, drücken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Er-
zählung eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal
geneckt haben soll. Ihr Großonkel hat mir alles erzählt, aber ich
bitte Sie, wiederholen Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht
sahen - hörten - fühlten - ahnten." Ich nahm mich zusam-
men und erzählte ruhig, wie es sich damit begeben, von Anfang
bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und wann einzelne Wor-
te, die sein Erstaunen ausdrückten, dazwischen. Als ich darauf
kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk entgegen-
gestellt und ihn gebannt habe mit kräftigen Worten, schlug er
die Hände zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und
rief begeistert: "Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! - ruhen
soll in der Gruft der Ahnen seine sterbliche Hülle!" - Ich hatte
geendet. "Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!"
murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit übereinander
geschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. "Weiter war
es also nichts, Herr Baron?" frug ich laut, indem ich Miene mach-
te mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum,
faßte freundlich mich bei der Hand und sprach: "Ja - lieber
Freund, meine Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu
wollen, die müssen Sie wieder herstellen - Sie allein können
das." Ich fühlte mich errötend, und stand ich dem Spiegel gegen-
über, so erblickte ich gewiß in ihm ein sehr albernes verdutztes
Gesicht. Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu wei-
den, er blickte mir unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen
ironischen Lächeln. "Wie in aller Welt sollte ich es anfangen?"
stotterte ich endlich mühsam heraus. "Nun, nun", unterbrach
mich der Baron, "sie haben es mit keiner gefährlichen Patientin
zu tun. Ich nehme jetzt ausdrücklich Ihre Kunst in Anspruch.
Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den Zauberkreis
Ihrer Musik, und sie plötzlich herauszureißen, würde töricht
und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur
Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkom-
men sein. Aber gehen Sie nach und nach über zu kräftigerer
Musik, verbinden Sie geschickt das Heitere mit dem Ernsten -
und dann, vor allen Dingen, wiederholen Sie die Erzählung von
dem unheimlichen Spuk recht oft. Die Baronin gewöhnt sich
daran, sie vergißt, daß der Spuk hier in diesen Mauern hauset,
und die Geschichte wirkt nicht stärker auf sie als jedes andere
Zaubermärchen, das in irgend einem Roman, in irgend einem
Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun Sie, lieber
Freund!" - Mit diesen Worten entließ mich der Baron - Ich
ging - Ich war vernichtet in meinem eignen Innern, herabge-
sunken zum bedeutungslosen, törichten Kinde! - Ich Wahnsin-
niger, der ich glaubte, Eifersucht könne sich in seiner Brust re-
gen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er selbst sieht in mir
nur das willenlose Mittel, das er braucht und wegwirft, wie es
ihm beliebt! - Vor wenig Minuten fürchtete ich den Baron, es
lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewußtsein der
Schuld, aber diese Schuld ließ mich das höhere, herrlichere Le-
ben deutlich fühlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken
in schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in
kindischer Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den
heißen Kopf stülpte, für echtes Gold gehalten. - Ich eilte zum
Alten, der schon auf mich wartete. "Nun Vetter, wo bleibst du
denn, wo bleibst du denn?" rief er mir entgegen. "Ich habe mit
dem Baron gesprochen", warf ich schnell und leise hin, ohne den
Alten anschauen zu können. "Tausend Sapperlot!" - sprach der
Alte wie verwundert, "Tausend Sapperlot, dachte ichs doch
gleich! - der Baron hat dich gewiß herausgefordert, Vetter?"
- Das schallende Gelächter, das der Alte gleich hinterher auf-
schlug, bewies mir, daß er auch dieses Mal, wie immer, ganz und
gar mich durchschaute. - Ich biß die Zähne zusammen - ich
mochte kein Wort erwidern, denn wohl wußt ich, daß es dessen
nur bedurfte, um sogleich von den tausend Neckereien über-
schüttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen schwebten.
Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das,
blendend weiß, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt
aus und abgespannt, doch als sie nun leise und melodisch spre-
chend die dunklen Augen erhob, da blitzte süßes, sehnsüchtiges
Verlangen aus düsterer Glut, und ein flüchtiges Rot überflog das
lilienblasse Antlitz. Sie war schöner als jemals. - Wer ermißt
die Torheiten eines Jünglings mit zu heißem Blut im Kopf und
Herzen! - Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt,
trug ich über auf die Baronin. Alles erschien mir wie eine heil-
lose Mystifikation, und nun wollt ich beweisen, daß ich gar sehr
bei vollem Verstande sei und über die Maßen scharfsichtig. -
Wie ein schmollendes Kind vermied ich die Baronin und ent-
schlüpfte der mich verfolgenden Adelheid, so daß ich, wie ich
gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden Offizieren
meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann. Beim
Nachtisch stießen wir fleißig diese Gläser zusammen, und, wie
es in solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewöhn-
lich laut und lustig. Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf
dem einige Bonbons lagen, mit den Worten: "von Fräulein
Adelheid". Ich nahm und bemerkte bald, daß auf einem der
Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: "Und Seraphine?" -
Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin nach
Adelheid, die sah mich an mit überaus schlauer, verschmitzter
Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken.
Beinahe willkürlos murmelte ich still: "Seraphine", nahm mein
Glas und leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr,
ich gewahrte, daß sie auch in dem Augenblick getrunken hatte
und ihr Glas eben hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen,
und ein schadenfroher Teufel raunte es mir in die Ohren: "Unse-
liger! - Sie liebt dich doch!"- Einer der Gäste stand auf und
brachte nordischer Sitte gemäß die Gesundheit der Frau vom
Hause aus - Die Gläser erklangen im lauten Jubel - Entzük-
ken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut des
Weins flammte in mir auf alles drehte sich in Kreisen, es war, als
müßte ich vor aller Augen" hinstürzen zu ihren Füßen und mein
Leben aushauchen! - "was ist Ihnen, lieber Freund?" Diese
Frage meines Nachbarn gab mir die Besinnung wieder, aber
Seraphine war verschwunden. - Die Tafel wurde aufgehoben.
Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie sprach allerlei, ich
hörte, ich verstand kein Wort - sie faßte mich bei beiden Hän-
den und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie von
der Starrsucht gelähmt blieb ich stumm und regungslos. Ich weiß
nur, daß ich endlich mechanisch ein Glas Likör aus Adelheids
Hand nahm und es austrank, daß ich mich einsam in einem Fen-
ster wiederfand, daß ich dann hinausstürzte aus dem Saal, die
Treppe hinab, und hinauslief in den Wald. In dichten Flocken
fiel der Schnee herab, die Föhren seufzten vom Sturm bewegt;
wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen und
lachte und schrie wild auf: "Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der
Teufel macht sein Tänzchen mit dem Knaben, der zu speisen
gedachte total verbotene Früchte!" - Wer weiß, wie mein tolles
Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen laut in den Wald
hineinrufen gehört. Das Wetter hatte nachgelassen, der Mond
schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hörte Doggen an-
schlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir näherte.
Es war der alte Jäger. "Ei, ei, lieber Herr Theodor!" fing er an,
"wie haben Sie sich denn verirrt in dem bösen Schneegestöber,
der Herr Justitianus warten auf Sie mit vieler Ungeduld!" -
Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Großonkel im Ge-
richtssaal arbeitend. "Das hast du gut gemacht", rief er mir ent-
gegen, "das hast du sehr gut gemacht, daß du ein wenig ins Freie
gingst, um dich gehörig abzukühlen. Trinke doch nicht so viel
Wein, du bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht." - Ich
brachte kein Wort hervor, schweigend setzte ich mich hin an den
Schreibtisch. "Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn
eigentlich der Baron von dir?" - Ich erzählte alles und schloß
damit, daß ich mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften
Kur, die der Baron vorgeschlagen. "Würde auch gar nicht ange-
hen", fiel der Alte mir in die Rede, "denn wir reisen morgen in
aller Frühe fort, lieber Vetter!" - Es geschah so, ich sah Sera-
phinen nicht wieder! -
Kaum angekommen in K., klagte der alte Großonkel, daß er
mehr als jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen
fühle. Sein mürrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen
Ausbrüchen der übelsten Laune, verkündete die Rückkehr sei-
ner podagristischen Zufälle. Eines Tages wurde ich schnell hingeru-
fen, ich fand den Alten, vom Schlage getroffen, sprachlos auf
dem Lager, einen zerknitterten Brief in der krampfhaft ge-
schlossenen Hand. Ich erkannte die Schriftzüge des Wirtschafts-
inspektors aus R...sitten, doch, von dem tiefsten Schmerz durch-
drungen, wagte ich es nicht, den Brief dem Alten zu entreißen,
ich zweifelte nicht an seinem baldigen Tod. Doch, noch ehe der
Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die wunderbar
kräftige Natur des siebzigjährigen Greises widerstand dem töd-
lichen Anfall, noch desselben Tages erklärte ihn der Arzt außer
Gefahr. Der Winter war hartnäckiger als jemals, ihm folgte ein
rauher, düsterer Frühling, und so kam es, daß nicht jener Zufall
sowohl als das Podagra, von dem bösen Klima wohl gehegt, den
Alten für lange Zeit auf das Krankenlager warf. In dieser Zeit
beschloß er, sich von jedem Geschäft ganz zurückzuziehen. Er
trat seine Justitiariate an andere ab, und so war mir jede Hoff-
nung verschwunden, jemals wieder nach R. . .sitten zu kommen.
Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er unter-
halten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerz-
losen Stunden seine Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an
derben Späßen nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten
kam und ich jeden Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie
ich den greulichen Wolf mit dem Jagdmesser erlegte, würde her-
halten müssen: niemals - niemals erwähnte er unseres Aufent-
halts in R. . . sitten, und wer mag nicht einsehen, daß ich aus
natürlicher Scheu mich wohl hütete, ihn geradezu darauf zu
bringen. - Meine bittere Sorge, meine stete Mühe um den Al-
ten hatte Seraphinens Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie
des Alten Krankheit nachließ, gedachte ich lebhafter wieder jenes
Moments im Zimmer der Baronin, der mir wie ein leuchtender,
auf ewig für mich untergegangener Stern erschien. Ein Ereignis
rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es mich zugleich
wie eine Erscheinung aus der Geisterwelt mit eiskalten Schauern
durchbebte! - Als ich nämlich eines Abends die Brieftasche, die
ich in R... sitten getragen, öffne, fällt mir aus den aufgeblätter-
ten Papieren eine dunkle, mit einem weißen Bande umschlun-
gene Locke entgegen, die ich augenblicklich für Seraphinens Haar
erkenne! aber als ich das Band näher betrachte, sehe ich deutlich
die Spur eines Blutstropfens! - Vielleicht wußte Adelheid in
jenen Augenblicken des bewußtlosen Wahnsinns, der mich am
letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken geschickt zuzustellen,
aber warum der Blutstropfen, der mich Entsetzliches ahnen ließ
und jenes beinahe zu schäfermäßige Pfand zur schauervollen
Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten konn-
te, hinaufsteigerte? - Das war jenes weiße Band, das mich, zum
erstenmal Seraphinen nahe, wie im leichten losen Spiel umflat-
terte, und dem nun die dunkle Macht das Wahrzeichen der Ver-
letzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der Knabe mit der
Waffe, deren Gefährlichkeit er nicht ermißt! -
Endlich hatten die Frühlingsstürme zu toben aufgehört, der
Sommer behauptete sein Recht, und war erst die Kälte uner-
träglich, so wurde es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der
Alte erkräftigte sich zusehends und zog, wie er sonst zu tun
pflegte, in einen Garten der Vorstadt. An einem stillen lauen
Abende saßen wir in der duftenden Jasminlaube, der Alte war
ungewöhnlich heiter und dabei nicht, wie sonst, voll sarkasti-
scher Ironie, sondern mild, beinahe weich gestimmt. "Vetter",
fing er an, "ich weiß nicht, wie mir heute ist, ein ganz besonderes
Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefühlt, durchdringt
mich mit gleichsam elektrischer Wärme. Ich glaube, das verkün-
det mir einen baldigen Tod." Ich mühte mich, ihn von dem
düstern Gedanken abzubringen. "Laß es gut sein, Vetter", sprach
er, "lange bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir
noch eine Schuld abtragen! - Denkst du noch an die Herbstzeit
in R... sitten?" - Wie ein Blitz durchfuhr mich diese Frage des
Alten, noch ehe ich zu antworten vermochte, fuhr er weiter fort:
"Der Himmel wollte es, daß du dort auf ganz eigne Weise ein-
tratst und wider deinen Willen eingeflochten wurdest in die tief-
sten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der Zeit, daß du
alles erfahren mußt. Oft genug, Vetter! haben wir über Dinge
gesprochen, die du mehr ahntest als verstandest. Die Natur stellt
den Zyklus des menschlichen Lebens in dem Wechsel der Jahres-
zeiten symbolisch dar, das sagen sie alle, aber ich meine das auf
andere Weis als alle. Die Frühlingsnebel fallen, die Dünste des
Sommers verdampfen, und erst des Herbstes reiner Äther zeigt
deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden versinkt in die
Nacht des Winters. - Ich meine, daß im Hellsehen des Alters
sich deutlicher das Walten der unerforschlichen Macht zeigt. Es
sind Blicke vergönnt in das gelobte Land, zu dem die Pilger-
fahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode. Wie wird mir in diesem
Augenblick so klar das dunkle Verhängnis jenes Hauses, dem
ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu schlingen
vermag, verknüpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor
meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor
mir sehe, das Eigentliche, das kann ich dir nicht mit Worten
sagen, keines Menschen Zunge ist dessen fähig. Höre, mein Sohn,
das, was ich dir nur wie eine merkwürdige Geschichte, die sich
wohl zutragen konnte, zu erzählen vermag. Bewahre tief in
deiner Seele die Erkenntnis, daß die geheimnisvollen Beziehun-
gen, in die du dich vielleicht nicht unberufen wagtest, dich ver-
derben konnten! - doch - das ist nun vorüber!" -
Die Geschichte des R... schen Majorats, die der Alte jetzt er-
zählte, trage ich so treu im Gedächtnis, daß ich sie beinahe mit
seinen Worten (er sprach von sich selbst in der dritten Person;)
zu wiederholen vermag.
*
In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein
entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitläufige Schloß in
tausend Trümmer zusammen, das Hausgesinde in R... sitten aus
tiefem Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden
angezündet, Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht,
keuchte der Hausverwalter mit den Schlüsseln herbei, aber nicht
gering war jedes Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der
das pfeifende Gerassel der mühsam geöffneten Schlösser, jeder
Fußtritt recht schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gänge,
Säle, Zimmer fort und fort wandelte. Nirgends die mindeste
Spur irgendeiner Verwüstung. Eine finstere Ahnung erfaßte den
alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den großen Rittersaal,
in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v. R. zu ruhen
pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt. Eine
zwischen der Tür dieses und eines andern Kabinetts angebrachte
Pforte führte durch einen engen Gang unmittelbar in den astro-
nomischen Turm. Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter
geheißen) diese Pforte öffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich
heulend und sausend, Schutt und zerbröckelte Mauersteine ent-
gegen, so daß er vor Entsetzen weit zurückprallte und, indem
er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd verlöschten, an die
Erde fallen ließ, laut aufschrie! "0 Herr des Himmels! der Ba-
ron ist jämmerlich zerschmettert!" - In dem Augenblick ließen
sich Klagelaute vernehmen, die aus dem Schlafkabinett des Frei-
herrn kamen. Daniel fand die übrigen Diener um den Leichnam
ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet als
jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesicht fanden sie ihn
sitzend in dem großen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er
aus von gewichtiger Arbeit. Es war aber der Tod, in dem er aus-
ruhte. Als es Tag geworden, gewahrte man, daß die Krone des
Turms in sich eingestürzt. Die großen Quadersteine hatten Decke
und Fußboden des astronomischen Zimmers eingeschlagen, nebst
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kam. Der Baron vollendete sein Geschäft mit Ruhe, indem er das
letzte Stückchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen,
mit dem Fuße sorglich austrat. Dann warf er noch einen düstern
Blick auf den Vater und eilte mit schnellen Schritten zum Saal
hinaus.
Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich
geschehenen Verwüstung des Turmes bekannt und schilderte
mit vielen Worten, wie sich überhaupt alles in der Todesnacht
des alten seligen Herrn zugetragen, indem er damit endete, daß
es wohl geraten sein würde, sogleich den Turm herstellen zu
lassen, da, stürzte er noch mehr zusammen, das ganze Schloß in
Gefahr stehe, wo nicht zertrümmert, doch hart beschädigt zu
werden.
"Den Turm herstellen?" fuhr der Freiherr den alten Diener
funkelnden Zorn in den Augen an, "den Turm herstellen? -
Nimmermehr! - Merkst du denn nicht", fuhr er dann gelasse-
ner fort, ,,merkst du denn nicht, Alter, daß der Turm nicht so
ohne weitern Anlaß einstürzen konnte? - Wie, wenn mein Va-
ter selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine unheimliche Stern-
deuterei trieb, gewünscht, wie, wenn er selbst gewisse Vorrich-
tungen getroffen hätte, die es ihm möglich machten, die Krone
des Turms, wenn er wollte, einstürzen und so das Innere des
Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle
und mag auch das ganze Schloß zusammenstürzen, mir ist es
recht. Glaubt ihr denn, daß ich in dem abenteuerlichen Eulen-
neste hier hausen werde? - Nein! jener kluge Ahnherr, der in
dem schönen Talgrunde die Fundamente zu einem neuen Schloß
legen ließ, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich folgen." "Und
so werden", sprach Daniel kleinlaut, "dann auch wohl die alten
treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen müssen."
"Daß ich", erwiderte der Freiherr, mich nicht von unbehülflichen
schlotterbeinigten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich
von selbst, aber verstoßen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch
das Gnadenbrot gut genug schmecken." "Mich", rief der Alte
voller Schmerz, "mich, den Hausverwalter, so außer Aktivität-"
Da wandte der Freiherr, der dem Alten den Rücken gekehrt im
Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich plötzlich um, blutrot
im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt,
schritt er auf den Alten zu und schrie mit fürchterlicher Stimme:
Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten
Vater das unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie
ein Vampir an sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahn-
sinn verbrecherisch nützte, um in ihm die höllischen Entschlüsse
zu erzeugen, die mich an den Rand des Abgrunds brachten -
Dich sollte ich hinausstoßen wie einen räudigen Hund!" - Der
Alte war vor Schreck über diese entsetzlichen Reden dicht neben
dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es ge-
schehen, daß dieser, indem er vielleicht unwillkürlich, wie denn
im Zorn oft der Körper dem Gedanken mechanisch folgt und
das Gedachte mimisch ausführt, bei den letzten Worten den
rechten Fuß vorschleuderte, den Alten so hart an der Brust traf,
daß er mit einem dumpfen Schrei umstürzte. Er raffte sich müh-
sam in die Höhe, und indem er einen sonderbaren Laut gleich
dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod wunden Tieres
ausstieß, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick, in dem
Wut und Verzweiflung glühten. Den Beutel mit Geld, den ihm
der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, ließ er unberührt
auf dem Fußboden liegen. -
Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen näch-
sten Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk
wurde der alte Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche
von R... sitten befindlich, beigesetzt, und nun, da die gelade-
nen Gäste sich wieder entfernt, schien der neue Majoratsherr,
von der düstern Stimmung verlassen, sich des erworbenen Besitz-
tums recht zu erfreuen. Mit V., dem Justitianus des alten Frei-
herrn, dem er gleich, nachdem er ihn nur gesprochen, sein volles
Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt bestätigte, hielt er
genaue Rechnung über die Einkünfte des Majorats und über-
legte, wieviel davon verwandt werden könne zu Verbesserungen
und zum Aufbau eines neuen Schlosses. V. meinte, daß der alte
Freiherr unmöglich seine jährlichen Einkünfte aufgezehrt haben
könne, und daß, da sich unter den Briefschaften nur ein paar
unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die
in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler
nur um weniges überstiege, gewiß irgendwo noch Geld verbor-
gen sein müsse. Wer anders konnte davon unterrichtet sein als
Daniel, der störrisch und eigensinnig, wie er war, vielleicht nur
darauf wartete, daß man ihn darum befrage. Der Baron war
nicht wenig besorgt, daß Daniel, den er schwer beleidigt, nun
nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem kinder-
losen Greise, der im Stammschlosse R... sitten sein Leben zu
enden wünschte, die größte Summe Geldes helfen, als vielmehr,
um Rache zu nehmen für den erlittenen Schimpf, irgendwo ver-
steckte Schätze lieber vermodern lassen, als ihm entdecken werde.
Er erzählte V. den ganzen Vorfall mit Daniel umständlich und
schloß damit, daß nach mehreren Nachrichten, die ihm zugekom-
men, Daniel allein es gewesen sei, der in dem alten Freiherrn
einen unerklärlichen Abscheu, seine Söhne in R ...sitten wieder-
zusehen, zu nähren gewußt habe. Der Justitianus erklärte diese
Nachrichten durchaus für falsch, da kein menschliches Wesen
auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn Ent-
schlüsse nur einigermaßen zu lenken, viel weniger zu bestim-
men, und übernahm es übrigens, dem Daniel das Geheimnis we-
gen irgend in einem verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes
zu entlocken. Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der
Justitianus an: "Aber wie kommt es denn, Daniel, daß der alte
Herr so wenig hares Geld hinterlassen?" so erwiderte Daniel mit
widrigem Lächeln: "Meinen Sie die lumpichten paar Taler, Herr
Justitianus, die Sie in dem kleinen Kästchen fanden? - das
übrige liegt ja im Gewölbe neben dem Schlafkahinett des alten
gnädigen Herrn! - "Aber das Beste", fuhr er dann fort, indem
sein Lächeln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blut-
rotes Feuer in seinen Augen funkelte, "aber das Beste, viele
tausend Goldstücke liegen da unten im Schütt vergraben!" -
Der Justitianus rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab
sich in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rückte Daniel
an dem Getäfel der Wand, und ein Schloß wurde sichtbar. Indem
der Freiherr das Schloß mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber
Anstalt machte, die Schlüssel, welche an dem großen Bunde
hingen, das er mit vielem Geklapper mühsam aus der Tasche ge-
zerrt, an dem glänzenden Schlosse zu versuchen, stand Daniel
da hochaufgerichtet und wie mit hämischen Stolz herabblickend
auf den Freiherrn, der sich niedergebückt hatte, um das Schloß
besser in Augenschein zu nehmen. Den Tod im Antlitz, mit
behender Stimme sprach er dann: "Bin ich ein Hund, hochgnä-
diger Freiherr! - so bewahr ich auch in mir des Hundes Treue."
Damit reichte er dem Baron einen blanken stählernen Schlüssel
hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand riß und
die Tür mit leichter Mühe öffnete. Man trat in ein kleines nied-
riges Gewölbe, in welchem eine große eiserne Truhe mit geöff-
netem Deckel stand. Auf den vielen Geldsäcken lag ein Zettel.
Der alte Freiherr hatte mit seinen wohlbekannten großen alt-
väterischen Schriftzügen darauf geschrieben:
Einmal hundert und fünfzig tausend Reichstaler in alten
Friedrichsdor erspartes Geld von den Einkünften des Majorats-
gutes R... sitten, und ist diese Summe hestimmt zum Bau des
Schlosses. Es soll ferner der Majoratsherr, der mir folgt im Be-
Sitztum, von diesem Gelde auf dem höchsten Hügel, östlich ge-
legen dem alten Schloßturm, den er eingestürzt finden wird,
einen hohen Leuchtturm zum Besten der Seefahrer aufführen
und allnächtlich feuern lassen.
R ... sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760.
Roderich Freiherr von R.
Erst als der Freiherr, die Beutel, einen nach dem andern, ge-
hoben und wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergötzend an
dem klirrenden Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem
alten Hausverwalter, dankte ihm für die bewiesene Treue und
versicherte, daß nur verleumderische Klätschereien schuld daran
wären, daß er ihm anfangs übel begegnet. Nicht allein im Schlos-
se sondern in vollem Dienst als Hausverwalter mit verdoppeltem
Gehalt solle er bleiben. "Ich bin dir volle Entschädigung schul-
dig, willst du Gold, so nimm dir einen von jenen Beuteln!" -
So schloß der Freiherr seine Rede, indem er mit niedergeschla-
genen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach dem
Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und
die Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat plötzlich glühende
Röte ins Gesicht, und er stieß jenen entsetzlichen, dem heulen-
den Gewimmer eines auf den Tod wunden Tiers ähnlichen Laut
aus, wie ihn der Freiherr dem Justitianus beschrieben. Dieser
erbebte, denn was der Alte nun zwischen den Zähnen murmelte,
klang wie: "Blut für Gold!" - Der Freiherr, vertieft in dem
Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht das Mindeste be-
merkt; Daniel, den es wie im krampfichten Fieberfrost durch
alle Glieder geschüttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in
demütiger Stellung dem Freiherrn, küßte ihm die Hand und
sprach mit weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch
sich über die Augen fuhr, als ob er Tränen wegwische: "Ach,
mein lieber gnädiger Herr, was soll ich armer kinderloser Greis
mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an
mit Freuden und will mein Amt verwalten rüstig und unver-
drossen!"
Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten
geachtet, ließ nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, daß
das ganze Gewölbe krachte und dröhnte, und sprach dann, in-
dem er die Truhe verschloß und die Schlüssel sorgfältig auszog,
schnell hingeworfen: "Schon gut, schon gut, Alter! - Aber du
hast noch", fuhr er fort, nachdem sie schon in den Saal getreten
waren, "aber du hast noch von vielen Goldstücken gesprochen,
die unten im zerstörten Turm liegen sollen?" Der Alte trat
schweigend an die Pforte und schloß sie mit Mühe auf. Aber so-
wie er die Flügel aufriß, trieb der Sturm dickes Schneegestöber
in den Saal; aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und
krächzend umher, schlug mit den schwarzen Schwingen gegen
die Fenster und stürzte sich, als er die offene Pforte wieder ge-
wonnen, in den Abgrund. Der Freiherr trat hinaus in den Korri-
dor, bebte aber zurück, als er kaum einen Blick in die Tiefe
geworfen. "Abscheulicher Anblick - Schwindel", stotterte er
und sank wie ohnmächtig dem Justitianus in die Arme. Er raffte
sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den Alten mit
scharfen Blicken erfassend: "Und da unten?" - Der Alte hatte
indessen die Pforte wieder verschlossen, er drückte nun noch mit
ganzer Leibeskraft dagegen, so daß er keuchte und ächzte, um
nur die großen Schlüssel aus den ganz verrosteten Schlössern
loswinden zu können. Dies endlich zustande gebracht, wandte
er sich um nach dem Baron und sprach, die großen Schlüssel in
der Hand hin und her schiebend, mit seltsamem Lächeln: "Ja,
da unten liegen tausend und tausend - alle schönen Instrumente
des seligen Herrn - Teleskope, Quadranten - Globen - Nacht-
spiegel - alles liegt zertrümmert im Schutt zwischen den Steinen
und Balken!" - "Aber, bares Geld, bares Geld", fiel der Frei-
herr ein, "du hast von Goldstücken gesprochen, Alter?" - "Ich
meinte nur", erwiderte der Alte, "Sachen, welche viele tausend
Goldstücke gekostet." - Mehr war aus dem Alten nicht heraus-
zubringen. -
Der Baron zeigte sich hoch erfreut, nun mit einemmal zu allen
Mitteln gelangt zu sein, deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan
ausführen, nämlich ein neues prächtiges Schloß aufbauen zu
können. Zwar meinte der Justitianus, daß nach dem Willen des
Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem völligen Ausbau
des alten Schlosses, die Rede sein könne, und daß in der Tat
jeder neue Bau schwerlich die ehrwürdige Größe, den ersten ein-
fachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der
Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, daß in sol-
chen Verfügungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sank-
tioniert worden, der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen
müsse. Er gab dabei zu verstehen, daß es seine Pflicht sei, den
Aufenthalt in R... sitten so zu verschönern, als es nur Klima,
Boden und Umgebung zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit
als sein innig geliebtes Weib ein Wesen heimzuführen, die in je-
der Hinsicht der größten Opfer würdig sei.
Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich über das viel-
leicht schon insgeheim geschlossene Bündnis äußerte, schnitt dem
Justitianus jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch
die Entscheidung des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich
in seinem Streben nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte
Person das schönere Vaterland, dem sie entsagen mußte, ganz ver-
gessen zu lassen, als eigentlichen Geiz finden wollte. Für geizig,
wenigstens für unausstehlich habsüchtig mußte er sonst den
Baron halten, der im Golde wühlend, die alten Friedrichsdor
beäugelnd sich nicht enthalten konnte, mürrisch aufzufahren:
"Der alte Halunke hat uns gewiß den reichsten Schatz verschwie-
gen, aber künftigen Frühling laß ich den Turm ausräumen unter
meinen Augen." -
Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitläufig über-
legte, wie mit dem Bau am zweckmäßigsten zu verfahren sei.
Er verwarf Zeichnung auf Zeichnung, keine Architektur war
ihm reich, großartig genug. Nun fing er an, selbst zu zeichnen,
und aufgeheitert durch diese Beschäftigungen, die ihm beständig
das sonnenhelle Bild der glücklichsten Zukunft vor Augen stell-
ten, erfaßte ihn eine frohe Laune, die oft an Ausgelassenheit
anstreifte, und die er allen mitzuteilen wußte. Seine Freigebig-
keit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte wenigstens jeden
Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz jenen Tort,
der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich still und
demütig gegen den Freiherrn, der ihn des Schatzes in der Tiefe
halber oft mit mißtrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen
wunderbar vorkam, war, daß der Alte sich zu verjüngen schien
von Tage zu Tage. Es mochte sein, daß ihn der Schmerz um den
alten Herrn tief gebeugt hatte und er nun den Verlust zu ver-
schmerzen begann, wohl aber auch, daß er nun nicht wie sonst
kalte Nächte schlaflos auf dem Turm zubringen und bessere
Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel, genießen durfte, genug, aus
dem Greise schien ein rüstiger Mann werden zu wollen mit
roten Wangen und wohlgenährtem Körper, der kräftig auftrat
und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spaß gab. - Das
lustige Leben in R... sitten wurde durch die Ankunft eines Man-
nes unterbrochen, von dem man hätte denken sollen, er gehöre
nun gerade hin. Wolfgangs jüngerer Bruder Hubert war dieser
Mann, bei dessen Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen
Tod, laut aufschrie: "Unglücklicher, was willst du hier!" -
Hubert stürzte dem Bruder in die Arme, dieser faßte ihn aber
und zog ihn mit sich fort und hinauf in ein entferntes Zimmer,
wo er sich mit ihm einschloß. Mehrere Stunden blieben beide zu-
sammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstörtem Wesen
und nach seinen Pferden rief. Der Justitianus trat ihm in den
Weg, er wollte vorüber; V., von der Ahnung ergriffen, daß viel-
leicht gerade hier ein tödlicher Bruderzwist enden könne, bat
ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und in dem
Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: "Bleibe
hier, Hubert! - Du wirst dich besinnen!" - Huberts Blicke
heiterten sich auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen
Leibpelz, den er schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten
zuwarf, nahm er Vs Hand und sprach, mit ihm in die Zimmer
schreitend, mit einem verhöhnenden Lächeln: "Der Majoratsherr
will mich doch also hier leiden." V. meinte, daß gewiß sich jetzt
das unglückliche Mißverständnis lösen werde, welches nur bei
getrenntem Leben habe gedeihen können. Hubert nahm die
stählerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem
er damit ein astiges dampfendes Stück Holz auseinander klopfte
und das Feuer besser aufschürte, sprach er zu V.: "Sie merken,
Herr Justitianus, daß ich ein gutmütiger Mensch bin und ge-
schickt zu allerlei häuslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll
der wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals." -
V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhältnis der Brüder
einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein
Ton den durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen
Menschen ganz deutlich zeigte.
Um des Freiherrn Entschlüsse in irgend einer das Majorat be-
treffenden Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am späten
Abend hinauf in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme
über den Rücken zusammengeschränkt, ganz verstört mit großen
Schritten das Zimmer maß. Er blieb stehen, als er endlich den
Justitianus erblickte, faßte seine beiden Hände, und düster ihm
ins Auge schauend, sprach er mit gebrochener Stimme: "Mein
Bruder ist gekommen! - Ich weiß", fuhr er fort, als V. kaum
den Mund zur Frage geöffnet, "ich weiß, was Sie sagen wollen.
Ach, Sie wissen nicht". Sie wissen nicht, daß mein unglücklicher
Bruder - ja unglücklich nur will ich ihn nennen - daß er wie
ein böser Geist mir überall in den Weg tritt und meinen Frieden
stört. An ihm liegt es nicht, daß ich nicht unaussprechlich elend
wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollte es nicht.
- Seit der Zeit, daß die Stiftung des Majorats bekannt wurde,
verfolgt er mich mit tödlichem Haß. Er beneidet mich um das
Besitztum, das in seinen Händen wie Spreu verflogen wäre. Er ist
der wahnsinnigste Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast
übersteigt bei weitem die Hälfte des freien Vermögens in Kur-
land, die ihm zufällt, und nun, verfolgt von Gläubigern, die ihn
quälen, eilt er her und bettelt um Geld." - "Und Sie, der Bru-
der, verweigern" - wollte ihm V. in die Rede fallen, doch der
Freiherr rief, indem er Vs Hände fahren ließ und einen starken
Schritt zurücktrat, laut und heftig: "Halten Sie ein! - ja! ich
verweigere! Von den Einkünften des Majorats kann und werde
ich keinen Taler verschenken! - Aber hören Sie, welchen Vor-
schlag ich dem Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens
machte, und dann richten Sie über mein Pflichtgefühl. Das freie
Vermögen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die mir
zufallende Hälfte wollt ich verzichten, aber zugunsten seiner
Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schönes armes
Fräulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die
Güter sollen administriert, aus den Revenüen ihm die nötigen
Gelder zum Unterhalt angewiesen, die Gläubiger vermöge Ab-
kommens befriedigt werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges sor-
genfreies Leben, was gilt ihm Frau und Kind! - Geld, bares Geld
in großen Summen will er haben, damit er in verruchtem Leicht-
sinn es verprassen könne! - Welcher Dämon hat ihm das Ge-
heimnis mit den einhundert und fünfzigtausend Talern verraten,
davon verlangt er die Hälfte nach seiner wahnsinnigen Weise,
behauptend, dies Geld sei, getrennt vom Majorat, als freies
Vermögen zu achten. - Ich muß und werde ihm dies verweigern,
aber mir ahnt es, mein Verderben brütet er aus im Innern!" -
So sehr V. sich auch bemühte, dem Freiherrn den Verdacht wider
seinen Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht
in die näheren Verhältnisse, mit ganz allgemeinen moralischen,
ziemlich flachen Gründen behelfen mußte, so gelang ihm dies
doch ganz und gar nicht. Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit
dem feindseligen geldgierigen Hubert zu unterhandeln. V. tat
dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur möglich war, und freute
sich nicht wenig, als Hubert endlich erklärte: "Mag es dann sein,
ich nehme die Vorschläge des Majoratsherrn an, doch unter der
Bedingung, daß er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch
die Härte meiner Gläubiger Ehre und guten Namen auf immer
zu verlieren, tausend Friedrichsdor bar vorschieße und erlaube,
daß ich künftig, wenigstens einige Zeit hindurch, meinen Wohn-
sitz in dem schönen R... sitten bei dem gütigen Bruder nehme."
- "Nimmermehr!" schrie der Freiherr auf, als ihm V. diese
Vorschläge des Bruders hinterbrachte, "nimmermehr werde ichs
zugeben, daß Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause
verweile, sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein
teurer Freund, sagen Sie dem Friedenstörer, daß er zweitausend
Friedrichsdor haben soll, nicht als Vorschuß, nein als Geschenk,
nur fort - fort!" V. wußte nun mit einem Male, daß der Frei-
herr sich ohne Wissen des Vaters schon verheiratet hatte, und
daß in dieser Heirat auch der Grund des Bruderzwistes liegen
mußte. Hubert hörte stolz und gelassen den Justitianus an und
sprach, nachdem er geendet, dumpf und düster: "Ich werde mich
besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier bleiben!" -
V. bemühte sich, dem Unzufriedenen darzutun, daß der Freiherr
doch in der Tat alles tue, ihn durch die Abtrennung des freien Ver-
mögens soviel als möglich zu entschädigen, und daß er über ihn
sich durchaus nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen
müsse, daß jede Stiftung, die den Erstgebornen so vorwiegend
begünstigte und die andern Kinder in den Hintergrund stelle,
etwas Gehässiges habe. Hubert riß wie einer, der Luft machen
will der beklemmten Brust, die Weste von oben bis unten auf;
die eine Hand in die offne Busenkrause begraben, die andere in
die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer raschen Tänzer-
bewegung auf einem Fuße um und rief mit schneidender Stimme:
"Pah! - das Gehässige wird geboren vom Haß" - dann schlug
er ein gellendes Gelächter auf und sprach: "Wie gnädig doch der
Majoratsherr dem armen Bettler seine Goldstücke zuzuwerfen
gedenkt." - V. sah nun wohl ein, daß von völliger Aussöhnung
der Brüder gar nicht die Rede sein könne.
Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seiten-
flügeln des Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Ver-
druß auf recht langes Bleiben ein. Man bemerkte, daß er oft
und lange mit dem Hausverwalter sprach, ja daß dieser sogar
zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog. Sonst ließ er sich wenig
sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein zusammen zu
kommen, welches diesem eben ganz recht war. V. fühlte das
Drückende dieses Verhältnisses, ja er mußte sich es selbst geste-
hen, daß die ganz besondere unheimliche Manier Huberts in
allem, was er sprach und tat, in alle Lust recht geflissentlich zer-
störend eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder
eintreten sah, war ihm nun ganz erklärlich.
V. saß allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert
eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmütiger
Stimme sprach: "Ich nehme auch die letzten Vorschläge des Bru-
ders an, bewirken Sie, daß ich die zweitausend Friedrichsdor
noch heute erhalte, in der Nacht will ich fort - zu Pferde -
ganz allein." - "Mit dem Gelde?" frug V. - "Sie haben recht",
erwiderte Hubert, "ich weiß, was Sie sagen wollen - Die Last!
- Stellen Sie es in Wechsel auf Isak Lazarus in K.! - Noch in
dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von hier fort,
der Alte hat seine bösen Geister hier hineingehext!" - "Sprechen
Sie von Ihrem Vater, Herr Baron?" frug V. sehr ernst. Huberts
Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht umzusin-
ken, dann aber, sich plötzlich ermannend, rief er: "Also noch
heute, Herr Justitiarius", und wankte nicht ohne Anstrengung
zur Tür hinaus. "Er sieht jetzt ein, daß keine Täuschungen mehr
möglich sind, daß er nichts vermag gegen meinen festen Willen",
sprach der Freiherr, indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in
K. ausstellte. Eine Last wurde seiner Brust entnommen durch die
Abreise des feindlichen Bruders, lange war er nicht so froh ge-
wesen als bei der Abendtafel. Hubert hatte sich entschuldigen las-
sen, alle vermißten ihn recht gern. -
V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster
nach dem Schloßhofe herausgingen. In der Nacht fuhr er plötz-
lich auf aus dem Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes
klägliches Wimmern ihn aus dem Schlafe geweckt. Mochte er
aber auch horchen, wie er wollte, es blieb alles totenstill, und so
mußte er jenen Ton, der ihm in die Ohren geklungen, für die
Täuschung eines Traums halten. Ein ganz besonderes Gefühl
von Grauen und Angst bemächtigte sich seiner aber so ganz und
gar, daß er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und trat
ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schloßtor ge-
öffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand
trat heraus und schritt über den Schloßhof! V. erkannte in der
Gestalt den alten Daniel und sah, wie er die Stalltür öffnete, in
den Stall hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd her-
ausbrachte. Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt her-
vor, wohl eingehüllt in einen Pelz, eine Fuchsmütze auf dem
Kopf. V. erkannte Hubert, der mit Daniel einige Minuten hin-
durch heftig sprach, dann aber sich zurückzog. Daniel führte das
Pferd wieder in den Stall, verschloß diesen und ebenso die Tür
des Schlosses, nachdem er über den Hof, wie er gekommen, zu-
rückgekehrt. - Hubert hatte wegreiten wollen und sich in dem
Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso
aber auch, daß Hubert gewiß mit dem alten Hausverwalter in
irgend einem gefährlichen Bündnisse stand. V. konnte kaum den
Morgen erwarten, um den Freiherrn von den Ereignissen der
Nacht zu unterrichten. Es galt nun wirklich, sich gegen An-
schläge des bösartigen Hubert zu waffnen, die sich, wie V. jetzt
überzeugt war, schon gestern in seinem verstörten Wesen kund
getan.
Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen
pflegte, vernahm V. ein Hin- und Herrennen. Türauf-, Tür-
zuschlagen, ein verwirrtes Durcheinanderreden und Schreien.
Er trat hinaus und stieß überall auf Bediente, die, ohne auf ihn
zu achten, mit leichenblassen Gesichtern ihm vorbei - Trepp auf - Trepp ab - hinaus - hinein durch die Zimmer rannten. End-
lich erfuhr er, daß der Freiherr vermißt und schon stundenlang
vergebens gesucht werde. - In Gegenwart des Jägers hatte er sich
ins Bette gelegt, er mußte dann aufgestanden sein und sich im
Schlafrock und Pantoffeln mit dem Armleuchter in der Hand
entfernt haben, denn eben diese Stücke wurden vermißt. V. lief,
von düsterer Ahnung getrieben, in den verhängnisvollen Saal,
dessen Seitenkabinett gleich dem Vater Wolfgang zu seinem
Schlafgemach gewählt hatte. Die Pforte zum Turm stand weit
offen, tief entsetzt schrie V. laut auf: "Dort in der Tiefe liegt er
zerschmettert!" - Es war dem so. Schnee war gefallen, so daß
man von oben herab nur den zwischen den Steinen hervor-
ragenden starren Arm des Unglücklichen deutlich wahrnehmen
konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern gelang,
mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzu-
steigen und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im
Krampf der Todesangst hatte der Baron den silbernen Arm-
leuchter festgepackt, die Hand, die ihn noch festhielt, war der
einzige unversehrte Teil des ganzen Körpers, der sonst durch das
Anprallen an die spitzen Steine auf das gräßlichste zerschellt
worden.
Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz stürzte Hubert her-
bei, als die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal gerade
an der Stelle auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor weni-
gen Wochen der alte Roderich lag. Niedergeschmettert von dem
gräßlichen Anblick, heulte er: "Bruder - 0 mein armer Bruder
- nein, das hab ich nicht erfleht von den Teufeln, die über mir
waren!" - V. erbebte vor dieser verfänglichen Rede, es war ihm
so, als müsse er zufahren auf Hubert als den Mörder seines
Bruders. - Hubert lag von Sinnen auf dem Fußboden, man
brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er stärkende
Mittel gebraucht, ziemlich bald. Sehr bleich, düstern Gram im
halb erloschnen Auge trat er dann bei V. ins Zimmer und
sprach, indem er vor Mattigkeit nicht fähig zu stehen sich lang-
sam in einen Lehnstuhl niederließ: "Ich habe meines Bruders
Tod gewünscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes
zugewandt durch eine törichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod
gefunden auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber
mein Herz ist zermalmt, ich kann, ich werde niemals glücklich
sein. Ich bestätige Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten
Vollmachten rücksichts der Verwaltung des Majorats, auf dem
ich nicht zu hausen vermag!" - Hubert verließ das Zimmer und
war in ein paar Stunden schon auf dem Wege nach K. Es schien,
daß der unglückliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden war
und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek
aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er
die Tür öffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und stürzte
hinab. Diese Erklärung enthielt indessen immer viel Erzwunge-
nes. Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch
aus der Bibliothek holen, um zu lesen, so schloß dieses alle
Schlaftrunkenheit aus, aber nur so war es möglich, die Tür des
Kabinetts zu verfehlen und statt dieser die Pforte zu öffnen.
Überdem war diese fest verschlossen und mußte erst mit vieler
Mühe aufgeschlossen werden. "Ach", fing endlich, als V. diese
Unwahrscheinlichkeit vor versammelter Dienerschaft entwickelte,
des Freiherrn Jäger, Franz geheißen an, "ach, lieber Herr
Justitianus, so hat es wohl sich nicht zugetragen" - "Wie denn
anders?" fuhr ihn V. an. Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der
seinem Herrn hätte ins Grab folgen mögen, wollte aber nicht
vor den andern mit der Sprache heraus, sondern behielt sich vor,
das, was er davon zu sagen wisse, dem Justitianus allein zu ver-
trauen. V. erfuhr nun, daß der Freiherr zu Franz sehr oft von
den vielen Schätzen sprach, die da unten in dem Schutt begraben
lägen, und daß er oft, wie vom bösen Geist getrieben, zur Nacht-
zeit noch die Pforte, zu der den Schlüssel ihm Daniel hatte geben
müssen, öffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe
nach den vermeintlichen Reichtümern. Gewiß war es nun wohl
also, daß in jener verhängnisvollen Nacht der Freiherr, nach-
dem ihn der Jäger schon verlassen, noch einen Gang nach dem
Turm gemacht und ihn dort ein plötzlicher Schwindel erfaßt
und herabgestürzt hatte. Daniel, der von dem entsetzlichen Tode
des Freiherrn auch sehr erschüttert schien, meinte, daß es gut
sein würde, die gefährliche Pforte fest vermauern zu lassen,
welches denn auch gleich geschah. Freiherr Hubert von R., jetzi-
ger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich wieder in R... sitten sehen
zu lassen, nach Kurland zurück. V. erhielt alle Vollmachten, die
zur unumschränkten Verwaltung des Majorats nötig waren. Der
Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen soviel möglich das
alte Gebäude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere
Jahre verflossen, als Hubert zum erstenmal zur späten Herbst-
zeit sich in R... sitten einfand und, nachdem er mehrere Tage mit
V. in seinem Zimmer eingeschlossen zugebracht, wieder nach
Kurland zurückging. Bei seiner Durchreise durch K. hatte er bei
der dortigen Landesregierung sein Testament niedergelegt.
Während seines Aufenthalts in R... sitten sprach der Freiherr,
der in seinem tiefsten Wesen ganz geändert schien, viel von
Ahnungen eines nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfül-
lung; denn er starb schon das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er
Hubert geheißen, kam schnell herüber von Kurland, um das
reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm folgten Mutter und
Schwester. Der Jüngling schien alle bösen Eigenschaften der Vor-
fahren in sich zu vereinen; er bewies sich als stolz, hochfahrend,
ungestüm, habsüchtig gleich in den ersten Augenblicken seines
Aufenthalts in R... sitten. Er wollte auf der Stelle vieles ändern
lassen, welches ihm nicht bequem, nicht gehörig schien; den Koch
warf er zum Hause hinaus; den Kutscher versuchte er zu prü-
geln, welches aber nicht gelang, da der baumstarke Kerl die
Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im besten
Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V.
ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt ver-
sichernd: Kein Stuhl solle hier gerückt werden, keine Katze das
Haus verlassen, wenn es ihr noch sonst gefalle, vor Eröffnung
des Testaments. "Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn"
fing der Baron an. V. ließ den vor Wut schäumenden Jüngling
jedoch nicht ausreden, sondern sprach, indem er ihn mit durch-
bohrenden Blicken maß: "Keine Übereilung, Herr Baron! -
Durchaus dürfen Sie hier nicht regieren wollen vor Eröffnung
des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier Herr und werde
Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. - Erinnern Sie sich,
daß ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des väterlichen
Testaments, kraft der getroffenen Verfügungen des Gerichts be-
rechtigt bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R... sitten zu versagen,
und ich rate Ihnen, um das Unangenehme zu verhüten, sich
ruhig nach K. zu begeben." Der Ernst des Gerichtshalters, der
entschiedene Ton, mit dem er sprach, gab seinen Worten gehö-
rigen Nachdruck, und so kam es, daß der junge Baron, der mit
gar zu spitzigen Hörnern anlaufen wollte wider den festen Bau,
die Schwäche seiner Waffen fühlte, und für gut fand, im Rück-
zuge seine Beschämung mit einem höhnischen Gelächter auszu-
gleichen.
Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an
dem nach dem Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo
es niedergelegt worden, eröffnet werden sollte. Außer den Ge-
richtspersonen, dem Baron und V. befand sich noch ein junger
Mensch von edlem Ansehen in dem Gerichtssaal, den V. mitge-
bracht, und den man, da ihm ein eingeknöpftes Aktenstück aus
dem Busen hervorragte, für V.s Schreiber hielt. Der Baron sah
ihn, wie er es beinahe mit allen übrigen machte, über die Achsel
an und verlangte stürmisch, daß man die langweilige überflüs-
sige Zeremonie nur schnell und ohne viel Worte und Schreiberei
abmachen solle. Er begreife nicht, wie es überhaupt in dieser
Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein
Testament ankommen könne, und werde, insofern hier irgend
etwas verfügt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhän-
gen, das zu beachten oder nicht. Hand und Siegel des verstor-
benen Vaters erkannte der Baron an, nachdem er einen flüch-
tigen mürrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der Ge-
richtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments an-
schickte, schaute er gleichgültig nach dem Fenster hin, den rech-
ten Arm nachlässig über die Stuhllehne geworfen, den linken
Arm gelehnt auf den Gerichtstisch und auf dessen grüner Decke
mit den Fingern trommelnd. Nach einem kurzen Eingange erklärte
der verstorbene Freiherr Hubert von R., daß er das Majorat
niemals als wirklicher Majoratsherr besessen, sondern dasselbe
nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen Freiherrn Wolf-
gang von R., nach einem Großvater Roderich geheißen, verwal-
tet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensuccession
durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten
Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, über den vorzufin-
denden Bestand usw. würde man in seinem Nachlaß finden. Wolf-
gang von R., so erzählte Hubert in dem Testament, lernte auf
seinen Reisen in Genf das Fräulein Julie von St. Val kennen und
faßte eine solche heftige Neigung zu ihr, daß er sich nie mehr von
ihr zu trennen beschloß. Sie war sehr arm, und ihre Familie,
unerachtet von gutem Adel, gehörte eben nicht zu den glänzend-
sten. Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten
Roderich, dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus
auf alle nur mögliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte
es dennoch, von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken;
was aber vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte be-
stimmt erklärte, daß er schon selbst die Braut für den Majorats-
herrn erkoren und von einer andern niemals die Rede sein
könne.
Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinüberzuschif-
fen, kehrte unter dem Namen Born nach Genf zurück und ver-
mählte sich mit Julien, die ihm nach Verlauf eines Jahres den
Sohn gebar, der mit dem Tode Wolfgangs Majoratsherr wurde.
Darüber, daß Hubert, von der ganzen Sache unterrichtet, so
lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr gerierte, waren
verschiedene Ursachen angeführt, die sich auf frühere Verab-
redung mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus
der Luft gegriffen schienen. -
Wie vom Donner gerührt, starrte der Baron den Gerichts-
schreiber an, der mit eintöniger schnarrender Stimme alles Un-
heil verkündete. Als er geendet, stand V. auf, nahm den jungen
Menschen, den er mitgebracht, bei der Hand und sprach, indem
er sich gegen die Anwesenden verbeugte: "Hier, meine Herren,
habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich von R., Ma-
joratsherrn von R... sitten, vorzustellen!" Baron Hubert blickte
den Jüngling, der wie vom Himmel gefallen ihn um das reiche
Majorat, um die Hälfte des freien Vermögens in Kurland
brachte, verhaltenen Grimm im glühenden Auge, an, drohte
dann mit geballter Faust und rannte, ohne ein Wort hervor-
bringen zu können, zum Gerichtssaal hinaus. Von den Gerichts-
personen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich die
Urkunden hervor, die ihn als die Person, für die er sich ausgab,
legitimieren sollten. Er überreichte den beglaubigten Auszug aus
den Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin
bezeugt wurde, daß an dem und dem Tage der Kaufmann Wolf-
gang Born, gebürtig aus K., mit dem Fräulein Julie von St. Val
in Gegenwart der genannten Personen durch priesterliche Einseg-
nung getraut worden. Ebenso hatte er seinen Taufishein (er war
in Genf als von dem Kaufmann Born mit seiner Gemahlin Julie,
geb. von St. Val, in gültiger Ehe erzeugtes Kind getauft worden),
verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon längst verstorbene
Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet waren.
Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch
einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei
der Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf
nichts weniger antrug, als sofort die Übergabe des Majorats
R...sitten an ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst,
sagte der Advokat, daß weder testamentarisch, noch auf irgend
eine andere Weise der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe
über das Majorat verfügen können. Jenes Testament sei also
nichts anders, als die aufgeschriebene und gerichtlich übergebene
Aussage, nach welcher der Freiherr Wolfgang von R. das Ma-
jorat an einen Sohn vererbt haben solle, der noch lebe, die keine
höhere Beweiskraft als jede andere irgend eines Zeugen haben
und also unmöglich die Legitimation des angeblichen Freiherrn
Roderich von R. bewirken könne. Vielmehr sei es die Sache
dieses Prätendenten, sein vorgebliches Erbrecht, dem hiermit
ausdrücklich widersprochen werde, im Wege des Prozesses dar-
zutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht der Succes-
sion dem Baron Hubert von R. zugefallen, zurückzufordern. Durch
den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn über-
gegangen; es habe keiner Erklärung über den Erbschaftsantritt
bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden könne, mit-
hin dürfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitz nicht durch
ganz illiquide Ansprüche turbiert werden. Was der Verstorbene
für Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn aufzustel-
len, sei ganz gleichgültig, nur werde bemerkt, daß er selbst, wie
aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewie-
sen werden könne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe,
und so sei vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne in einer
verbotenen Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue
das reiche Majorat zuwenden wollen. -
So sehr auch die Wahrscheinlichkeit für die im Testament be-
haupteten Umstände sprach, so sehr auch die Richter haupt-
sächlich die letzte Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute,
den Verstorbenen eines Verbrechens anzuklagen, empörte, so
blieb doch die Ansicht der Sache, wie sie aufgestellt worden, die
richtige, und nur den rastlosen Bemühungen V.s, der bestimm-
ten Versicherung, daß der die Legitimation des Freiherrn Ro-
derich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das bün-
digste geführt werden solle, konnte es gelingen, daß die Über-
gabe des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Admi-
nistration bis nach entscheidener Sache verfügt wurde.
V. sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden würde, sein
Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten
Roderich durchstöbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst
eines Aufsatzes zu finden, der Bezug auf jenes Verhältnis Wolf-
gangs mit dem Fräulein von St. Val gehabt hätte. Gedankenvoll
saß er in R. sitten in dem Schlafkabinett des alten Roderich,
das er ganz durchsucht, und arbeitete an einem Aufsatz für den
Notar in Genf, der ihm als ein scharfsinniger tätiger Mann
empfohlen worden und der ihm einige Notizen schaffen sollte, die
in die Sache des jungen Freiherrn Licht und Klarheit bringen
konnten.
Es war Mitternacht geworden, der Vollmond schien hell hinein
in den anstoßenden Saal, dessen Tür offen stand. Da war es, als
schritte jemand langsam und schwer die Treppe herauf und
klirre und klappere mit Schlüsseln. V. wurde aufmerksam, er
stand auf, ging in den Saal und vernahm nun deutlich, daß
jemand sich durch den Flur der Türe des Saals nahte. Bald darauf
wurde diese geöffnet, und ein Mensch mit leichenblassem ent-
stellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen Hand den Arm-
leuchter mit brennenden Kerzen, in der andern das große
Schlüsselbund, trat langsam hinein. V. erkannte augenblicklich
den Hausverwalter und war im Begriff, ihm zuzurufen, was er
so spät in der Nacht wolle, als ihn in dem ganzen Wesen des
Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas Unheimliches, -
Gespenstisches mit Eiskälte anhauchte. Er erkannte, daß er einen
Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen
Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte
Tür, die ehemals zum Turm führte. Dicht vor derselben blieb
er stehen und stieß aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus,
der so entsetzlich in dem ganzen Saale widerhallte, daß V. er-
bebte vor Grauen. Dann, den Armleuchter auf den Fußboden
gestellt, den Schlüsselbund an den Gürtel gehängt, fing Daniel
an, mit beiden Händen an der Mauer zu kratzen, daß bald das
Blut unter den Nägeln hervorquoll, und dabei stöhnte er und
ächzte wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual. Nun
legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas erlau-
schen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwich-
tigend, bückte sich, den Armleuchter wieder vom Boden auf-
hebend, und schlich mit leisen gemessenen Schritten nach der
Türe zurück. V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der
Hand. Es ging die Treppe herab, der Alte schloß die große
Haupttür des Schlosses auf, V. schlüpfte geschickt hindurch; nun
begab er sich nach dem Stall, und nachdem er zu Vs tiefem
Erstaunen den Armleuchter so geschickt hingestellt hatte, daß
das ganze Gebäude genügsam erhellt wurde ohne irgend eine
Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rüstete mit großer
Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbügel hinaufschnallend,
ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe. Nachdem er
noch ein Büschel Haare über den Stimriemen weg durch die
Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der
einen Hand ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zügel und
führte es heraus. Draußen im Hofe blieb er einige Sekunden
stehen in der Stellung, als erhalte er Befehle, die er kopf-
nickend auszuführen versprach. Dann führte er das Pferd zurück
in den Stall, sattelte es wieder ab und band es an die Krippe.
Nun nahm er den Armleuchter, verschloß den Stall, kehrte in
das Schloß zurück und verschwand endlich in sein Zimmer, das
er sorgfältig verriegelte. V. fühlte sich von diesem Auftritt im
Innersten ergriffen, die Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob
sich vor ihm wie ein schwarzes höllisches Gespenst, das ihn nicht
mehr verließ. Ganz erfüllt von der bedrohlichen Lage seines
Schützlings, glaubte er wenigstens das, was er gesehen, nützen
zu müssen zu seinem Besten. Andern Tages, es wollte schon die
Dämmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um irgend
eine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen.
Da faßte ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zu-
traulich in den Sessel niederdrückte: "Höre, alter Freund Daniel!
lange habe ich dich fragen wollen, was hältst du denn von dem
verworrenen Kram, den uns Huberts sonderbares Testament
über den Hals gebracht hat? - Glaubst du denn wohl, daß der
junge Mensch wirklich Wolfgangs in rechtsgültiger Ehre erzeug-
ter Sohn ist?" Der Alte, sich über die Lehne des Stuhls weg-
beugend und Vs starr auf ihn gerichteten Blicken ausweichend,
rief mürrisch: "Pah! - er kann es sein; er kann es auch nicht
sein. Was schierts mich, mag nun hier Herr werden, wer da will."
"Aber ich meine", fuhr V. fort, indem er dem Alten näherrückte
und die Hand auf seine Schulter legte, "aber ich meine, da du
des alten Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er
dir gewiß nicht die Verhältnisse seiner Söhne. Er erzählte dir
von dem Bündnis, das Wolfgang wider seinen Willen geschlos-
sen?" "Ich kann mich auf dergleichen gar nicht besinnen", er-
widerte der Alte, indem er auf ungezogene Art laut gähnte. "Du
bist schläfrig, Alter", sprach V., "hast du vielleicht eine unruhige
Nacht gehabt?" "Daß ich nicht wüßte", entgegnete der Alte
frostig, "aber ich will nun gehen und das Abendessen bestellen."
Hiemit erhob er sich schwerfällig vom Stuhl, indem er sich den
gekrümmten Rücken rieb und abermals und zwar noch lauter
gähnte als zuvor. "Bleibe doch noch, Alter", rief V., indem er
ihn bei der Hand ergriff und zum Sitzen nötigen wollte, der
Alte blieb aber vor dem Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit
beiden Händen stemmte, den Leib übergebogen nach V. hin, und
mürrisch fragend: "Nun was solls denn, was schiert mich das
Testament, was schiert mich der Streit um das Majorat -"
"Davon", fiel ihm V. in die Rede, "wollen wir auch gar nicht
mehr sprechen: von ganz etwas anderm" lieber Daniel! - Du
bist mürrisch, du gähnst, das alles zeugt von besonderer Ab-
spannung, und nun möcht ich beinahe glauben, daß du es wirk-
lich gewesen bist in dieser Nacht." "Was bin ich gewesen in
dieser Nacht?" frug der Alte, in seiner Stellung verharrend.
"Als ich", sprach V. weiter, "gestern Mitternacht dort oben in
dem Kabinett des alten Herrn neben dem großen Saal saß,
kamst du zur Türe herein, ganz starr und bleich, schrittest auf
die zugemauerte Tür los, kratztest mit beiden Händen an der
Mauer und stöhntest, als wenn du große Qualen empfändest.
Bist du denn ein Nachtwandler, Daniel?" Der Alte sank zurück
in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er gab keinen Laut
von sich, die Dämmerung ließ sein Gesicht nicht erkennen, V.
bemerkte nur, daß er kurz Atem holte und mit den Zähnen
klapperte. - "Ja", fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, "ja es
ist ein eignes Ding mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen
sie von diesem sonderbaren Zustande, von allem, was sie wie
in vollem Wachen begonnen haben, nicht das allermindeste." -
Daniel blieb still. - "Ähnliches", sprach V. weiter, "wie gestern
mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen Freund, der stellte
so wie du, trat der Vollmond ein, regelmäßig nächtliche Wan-
derungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb Briefe.
Am merkwürdigsten war es aber, daß, fing ich an, ihm ganz
leise ins Ohr zu flüstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen
zu bringen. Er antwortete gehörig auf alle Fragen, und selbst
das, was er im Wachen sorglich verschwiegen haben würde,
floß nun unwillkürlich, als könne er der Kraft nicht widerstehen,
die auf ihn einwirkte, von seinen Lippen. - Der Teufel! ich
glaube, verschwiege ein Mondsüchtiger irgendeine begangene
Untat noch so lange, man könnte sie ihm abfragen in dem selt-
samen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat wie
wir beide, guter Daniel, wir können schon immer Nachtwandler
sein, uns wird man kein Verbrechen abfragen. - Aber höre,
Daniel, gewiß willst du herauf in den astronomischen Turm,
wenn du so abscheulich an der zugemauerten Türe kratzest? -
Du willst gewiß laborieren wie der alte Roderich? - Nun, das
werd ich dir nächstens abfragen!" - Der Alte hatte, während
V. dieses sprach, immer stärker und stärker gezittert, jetzt flog
sein ganzer Körper von heillosem Krampf hin und hergeworfen,
und er brach aus in ein gellendes unverständiges Geplapper. V.
schellte die Diener herauf. Man brachte Lichter, der Alte ließ
nicht nach, wie ein willkürlos bewegtes Automat hob man ihn
auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem beinahe eine Stunde die-
ser heillose Zustand gedauert, verfiel er in tiefen Ohnmacht ähn-
lichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein zu trinken,
und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der bei
ihm wachen wollte, fort und verschloß sich wie gewöhnlich in sein
Zimmer. V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen,
in dem Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl
er sich selbst gestehen mußte, einmal, daß Daniel, vielleicht erst
jetzt von seiner Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde,
ihm zu entgehen, dann aber, daß Geständnisse, in diesem Zu-
stande abgelegt, eben nicht geeignet sein würden, darauf weiter
fortzubauen. Demunerachtet begab er sich gegen Mitternacht
in den Saal, hoffend, daß Daniel, wie es in dieser Krankheit
geschieht, gezwungen werden würde, willkürlos zu handeln. Um
Mitternacht erhob sich ein großer Lärm auf dem Hofe. V. hörte
deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte herab, und als er die
Gänge durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen,
der, wie er bald gewahrte, aus dem geöffneten Zimmer des Haus-
verwalters herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr her-
ausgetragen, um ihn in einem andern Zimmer ins Bette zu
legen. Um Mitternacht wurde ein Knecht, so erzählten die Die-
ner, durch ein seltsames dumpfes Pochen geweckt, er glaubte, dem
Alten sei etwas zugestoßen, und schickte sich an aufzustehen, um
ihm zu Hülfe zu kommen, als der Wächter auf dem Hofe laut
rief: "Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters brennts
lichterloh!" - Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener
bei der Hand, aber alles Mühen, die Tür des Zimmers einzu-
brechen, blieb umsonst. Nun eilten sie heraus auf den Hof, aber
der entschlossene Wächter hatte schon das Fenster des niedrigen,
im Erdgeschosse befindlichen Zimmers eingeschlagen und die
brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar hinein-
gegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich löschten. Den
Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde
liegend in tiefer Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter
in der Hand, dessen brennende Kerzen die Gardinen erfaßt und
so das Feuer veranlaßt hatten. Brennende herabfallende Lappen
hatten dem Alten die Augenbraunen und ein gut Teil Kopfhaare
weggesengt. Bemerkte der Wächter nicht das Feuer, so hätte der
Alte hülflos verbrennen müssen. Zu nicht geringer Verwunde-
rung fanden die Diener, daß die Tür des Zimmers von innen
durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch den Abend
vorher nicht dagewesen, verwahrt war. V. sah ein, daß der Alte
sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer unmöglich
machen wollen; widerstehen konnte er dem blinden Triebe
nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht,
er nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklam-
mert von einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen
sich der Tod malte, vor sich hin. V. glaubte, daß der Alte von
dem Lager nicht erstehen werde. Alles, was sich für seinen
Schützling tun ließ, hatte V. getan, er mußte ruhig den Erfolg
abwarten und wollte deshalb nach K. zurück. Die Abreise war
für den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spät abends seine
Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die
Hände, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und
mit der Aufschrift: "Nach Eröffnung meines Testaments zu
lesen" zugestellt, und das er unbegreiflicherweise noch nicht
beobachtet hatte. Er war im Begriff dieses Paket zu entsiegeln,
als die Tür aufging und mit leisen gespenstischen Schritten Da-
niel hereintrat. Er legte eine schwarze Mappe, die er unter dem
Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem tiefen Todes-
seufzer auf beide Knie sinkend, Vs Hände mit den seinen
krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf wie aus tiefem
Grabe: "Auf dem Schafott stürb ich nicht gern! - der dort oben
richtet!" - dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen müh-
sam auf und verließ das Zimmer, wie er gekommen.
V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die
schwarze Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau
zusammen und bestimmte von selbst die weitern Maßregeln, die
nun zu ergreifen. Sowie V. in K. angekommen, begab er sich
zum Freiherrn Hubert von R., der ihn mit rauhem Stolz emp-
fing. Die merkwürdige Folge einer Unterredung, welche mittags
anfing und bis spät in die Nacht hinein ununterbrochen fort-
dauerte, war aber, daß der Freiherr andern Tages vor Gericht
erklärte, daß er den Prätendenten des Majorats dem Testa-
mente seines Vaters gemäß für den in rechtsgültiger Ehe von
dem ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von
R., mit dem Fräulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin
für den rechtsgültig legitimierten Majorats-Erben anerkenne.
Als er von dem Gerichtssaal herabstieg, stand sein Wagen mit
Postpferden vor der Türe, er reiste schnell ab und ließ Mutter
und Schwester zurück. Sie würden ihn vielleicht nie wiedersehen,
hatte er ihnen mit andern rätselhaften Äußerungen geschrieben.
Roderichs Erstaunen über diese Wendung, die die Sache nahm,
war nicht gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklären, wie
dies Wunder habe bewirkt werden können, welche geheimnis-
volle Macht im Spiele sei. V. vertröstete ihn indessen auf künf-
tige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz genommen haben würde
von dem Majorat. Die Übergabe des Majorats konnte nämlich
deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht befriedigt
durch jene Erklärung Huberts, außerdem die vollständige Legi-
timation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Woh-
nung in R. sitten an und setzte hinzu: daß Huberts Mutter und
Schwester, durch seine schnelle Abreise in augenblickliche Ver-
legenheit gesetzt, den stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der
geräuschvollen teuren Stadt vorziehen würden. Das Entzücken,
womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin und
ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu
wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde
anmutige Kind, auf ihn gemacht hatte. Inder Tat wußte der Frei-
herr seinen Aufenthalt in R... sitten so gut zu benutzen, daß
er, wenige Wochen waren vergangen, Seraphinens innige Liebe
und der Mutter beifällig Wort zur Verbindung mit ihr gewon-
nen hatte. Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs
Legitimation als Majoratsherr von R ...sitten noch immer zwei-
felhaft geblieben. Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllen-
leben auf dem Schlosse. Hubert hatte sich gar nicht auf den Gü-
tern sehen lassen, sondern war unmittelbar nach Petersburg ge-
gangen, dort in Militärdienste getreten und stand jetzt im Felde
gegen die Perser, mit denen Rußland gerade im Kriege begriffen.
Dies machte die schnelle Abreise der Baronin mit ihrer Tochter
nach den Gütern, wo Unordnung und Verwirrung herrschte, nö-
tig. Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrach-
tete, unterließ nicht, die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da
V. ebenfalls nach K. zurückkehrte, das Schloß einsam wie vor-
her. Des Hausverwalters böse Krankehit wurde schlimmer und
schlimmer, so daß er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein
Amt wurde einem alten Jäger, Wolfgangs treuem Diener,
Franz geheißen, übertragen. Endlich nach langem Harren er-
hielt V. die günstigsten Nachrichten aus der Schweiz. Der Pfar-
rer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war längst gestorben,
indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand no-
tiert, daß derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem
Fräulein Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Frei-
herr Wolfgang von R., ältesten Sohn des Freiherrn Roderich
von R. auf R...sitten, vollständig legitimiert habe. Außerdem
wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein
alter französischer Kapitän, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt,
denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen
Aussagen bekräftigen den Vermerk des Pfarrers im Kirchen-
buche. Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlun-
gen in der Hand führte nun V. den vollständigen Nachweis der
Rechte seines Machtgebers, und nichts stand der Übergabe des
Majorats im Wege, die im künftigen Herbst erfolgen sollte.
Hubert war gleich in der ersten Schlacht, der er beiwohnte, ge-
blieben, ihn hatte das Schicksal seines jüngern Bruders, der ein
Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im Felde blieb, getroffen;
so fielen die Güter in Kurland der Baronesse Seraphine von R.
zu und wurden eine schöne Mitgift für den überglücklichen Ro-
derich.
Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich
mit seiner Braut in R...sitten anlangte. Die Übergabe des Majo-
rats erfolgte und dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen.
Manche Woche verging im Taumel der Lust, bis endlich die über-
sättigten Gäste nach und nach das Schloß verließen zur großen
Zufriedenheit Vs, der von R. sitten nicht scheiden wollte,
ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste einzuweihen
in alle Verhältnisse des neuen Besitztums. Mit der strengsten
Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen über Ein-
nahme und Ausgabe geführt, so daß, da Roderich nur eine ge-
ringe Summe jährlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die
Überschüsse der Einnahme jenes bare Kapital, das man in des
alten Freiherrn Nachlaß vorfand, einen bedeutenden Zuschuß
erhielt. Nur in den ersten drei Jahren hatte Hubert die Ein-
künfte des Majorats in seinem Nutzen verwandt, darüber aber
ein Schuldinstrument ausgestellt und es auf den ihm zustehen-
den Anteil der Güter in Kurland versichern lassen.
V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler er-
schien, das Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohn-
zimmer gewählt, um desto sicherer das erlauschen zu können,
was ihm Daniel nachher freiwillig offenbarte. So kam es, daß
dies Gemach und der anstoßende große Saal der Ort blieb, wo
der Freiherr mit V. im Geschäft zusammenkam. Da saßen nun
beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem großen Tische, V.
mit der Feder in der Hand, die Summen notierend, und den
Reichtum des Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemm-
tem Arm hineinblinzelnd in die aufgeschlagenen Rechnungs-
bücher, in die gewichtigen Dokumente. Keiner vernahm das
dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der Möwen, die das
Unwetter verkündend im Hin- und Herflattern an die Fenster-
scheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der um Mitternacht
heraufgekommen in wildem Tosen das Schloß durchsauste, so
daß alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gängen
erwachten und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als
endlich nach einem Windstoß, vor dem der ganze Bau erdröhnte,
plötzlich der ganze Saal im düstern Feuer des Vollmonds stand,
rief V.: "Ein böses Wetter!" - Der Freiherr, ganz vertieft in die
Aussicht des Reichtums, der ihm zugefallen, erwiderte gleich-
gültig, indem er mit zufriedenem Lächeln ein Blatt des Ein-
nahmebuchs umschlug: "In der Tat, sehr stürmisch." Aber wie
fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berührt, in die
Höhe, als die Tür des Saals aufsprang und eine bleiche gespen-
stische Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hinein-
schritt. Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit
ohnmächtig daliegend nicht für fähig hielt ein Glied zu rühren,
war es, der abermals von der Mondsucht befallen seine nächt-
liche Wanderung begonnen. Lautlos starrte der Freiherr den
Alten an, als dieser nun aber unter angstvollen Seufzern der
Todesqual an der Wand kratzte, da faßte den Freiherrn tiefes
Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit emporgesträubtem
Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung zu auf den
Alten und rief mit starker Stimme, daß der Saal erdröhnte:
"Daniel! - Daniel! - was machst du hier zu dieser Stunde!"
Da stieß der Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus,
gleich dem Todeslaut des getroffenen Tiers, wie damals, als ihm
Wolfgang Gold für seine Treue bot, und sank zusammen. V. rief
die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche, ihn zu
beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie außer
sich: "Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehört, daß
Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein können, wenn man
sie beim Namen ruft? - Ich! - Ich Unglückseligster - ich habe
den armen Greis erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine
ruhige Stunde mehr!" - V., als die Bedienten den Leichnam
fortgetragen und der Saal leer geworden, nahm den immerfort
sich anklagenden Freiherrn bei der Hand, führte ihn in tiefem
Schweigen vor die zugemauerte Tür und sprach: "Der hier tot
zu Ihren Füßen niedersank, Freiherr Roderich, war der ver-
ruchte Mörder Ihres Vaters!" - Als säh er Geister der Hölle,
starrte der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: "Es ist nun wohl
an der Zeit, Ihnen das gräßliche Geheimnis zu enthüllen, das
auf diesem Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den
Stunden des Schlafs umhertrieb. Die ewige Macht ließ den Sohn
Rache nehmen an dem Mörder des Vaters. - Die Worte, die Sie
dem entsetzlichen Nachtwandler in die Ohren donnerten, waren
die letzten, die Ihr unglücklicher Vater sprach" - Bebend, un-
fähig ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V., der sich
vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt
des Aufsatzes an, den Hubert für V. zurückgelassen, und den er
erst nach Eröffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert
klagte sich mit Ausdrücken, die von der tiefsten Reue zeugten,
des unversöhnlichen Hasses an, der in ihm gegen den ältern
Bruder Wurzel faßte von dem Augenblick, als der alte Roderich
das Majorat gestiftet hatte. Jede Waffe war ihm entrissen, denn
wär es ihm auch gelungen auf hämische Weise, den Sohn mit dem
Vater zu entzweien, so blieb dies ohne Wirkung, da Roderich
selbst nicht ermächtigt war, dem ältesten Sohn die Rechte der
Erstgeburt zu entreißen, und es, wandte sich auch sein Herz und
Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundsätzen nimmer-
mehr getan hätte. Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhält-
nis mit Julien von St. Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder
verderben zu können. Da fing die Zeit an, in der er im Einver-
ständnisse mit Daniel auf bübische Weise den Alten zu Ent-
schlüssen nötigen wollte, die den Sohn zur Verzweiflung bringen
mußten.
Er wußte, daß nur die Verbindung mit einer der ältesten
Familien des Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den
Glanz des Majorats auf ewige Zeiten begründen konnte. Der
Alte hatte diese Verbindung in den Gestirnen gelesen, und jedes
freveliche Zerstören der Konstellation konnte nur Verderben
bringen über die Stiftung. Wolfgangs Verbindung mit Julien er-
schien in dieser Art dem Alten ein verbrecherisches Attentat,
wider Beschlüsse der Macht gerichtet, die ihm beigestanden im
irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien, die wie ein
dämonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu verderben,
gerechtfertigt. Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn strei-
fende Liebe zu Julien, ihr Verlust mußte ihn elend machen, viel-
leicht töten, und um so lieber wurde er tätiger Helfershelfer bei
den Plänen des Alten, als er selbst sträfliche Neigung zu Julien
gefaßt und sie für sich zu gewinnen hoffte. Eine besondere
Schickung des Himmels wollte es, daß die giftigsten Anschläge
an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja daß es ihm ge-
lang, den Bruder zu täuschen. Für Hubert blieb Wolfgangs
wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Ge-
heimnis. Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten
Roderich zugleich der Gedanke, daß Wolfgang jene ihm feind-
liche Julie geheiratet habe; in dem Briefe, der dem Sohn befahl,
am bestimmten Tage nach R...sitten zu kommen, um das Majo-
rat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene Verbindung
zerreißen werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der
Leiche des Vaters.
An Hubert schrieb der Alte, daß Wolfgang Julien geheiratet
habe, er werde aber diese Verbindung zerreißen. Hubert hielt
dies für die Einbildung des träumerischen Vaters, erschrak aber
nicht wenig, als Wolfgang in R... sitten selbst mit vieler Frei-
mütigkeit die Ahnung des Alten nicht allein bestätigte, sondern
auch hinzufügte, daß Julie ihm einen Sohn geboren, und daß
er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis jetzt für den Kaufmann
Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines Standes und sei-
nes reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst wolle er hin
nach Genf, um das geliebte Weib zu holen. Noch ehe er diesen
Entschluß ausführen konnte, ereilte ihn der Tod. Hubert ver-
schwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe mit
Julien erzeugten Sohnes bekannt, und riß so das Majorat an
sich, das diesem gebührte. Doch nur wenige Jahre waren ver-
gangen, als ihn tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an
seine Schuld auf fürchterliche Weise durch den Haß, der zwi-
schen seinen beiden Söhnen mehr und mehr emporkeimte. "Du
bist ein armer dürftiger Schlucker", sagte der älteste, ein zwölf-
jähriger Knabe, zu dem jüngsten, "aber ich werde, wenn der
Vater stirbt, Majoratsherr von R... sitten, und da mußt du
demütig sein und mir die Hand küssen, wenn ich dir Geld geben
soll zum neuen Rock." Der jüngste, in volle Wut geraten über
des Bruders höhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in
der Hand hatte, nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode.
Hubert, großes Unglück fürchtend, schickte den jüngsten fort
nach Petersburg, wo er später als Offizier unter Suwarow wider
die Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis
seines unredlichen betrügerischen Besitzes kund zu tun, davon
hielt ihn die Scham, die Schande, die über ihn gekommen, zu-
rück, aber entziehen wollte er dem rechtmäßigen Besitzer keinen
Groschen mehr. Er zog Erkundigungen ein in Genf und erfuhr,
daß die Frau Born, trostlos über das unbegreifliche Verschwin-
den ihres Mannes, gestorben, daß aber der junge Roderich Born
von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen, erzogen
werde. Da kündigte sich Hubert unter fremdem Namen als Ver-
wandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an
und schickte Summen ein, die hinreichten, den jungen Majorats-
herrn sorglich und anständig zu erziehen. Wie er die Überschüsse
der Einkünfte des Majorats sorgfältig sammelte; wie er dann
testamentarisch verfügte, ist bekannt. Über den Tod seines Bru-
ders sprach Hubert in sonderbaren rätselhaften Ausdrücken, die
so viel erraten ließen, daß es damit eine geheimnisvolle Be-
wandtnis haben mußte, und daß Hubert wenigstens teilnahm
an einer gräßlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klärte
alles auf. Der verräterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel
lag ein Blatt bei, das Daniel beschrieben und unterschrieben
hatte. V. las ein Geständnis, vor dem sein Innerstes erbebte. Auf
Daniels Veranlassung war Hubert nach R...sitten gekommen,
Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfunfzig-
tausend Reichstalern geschrieben. Man weiß, wie Hubert von
dem Bruder aufgenommen wurde, wie er getäuscht in allen sei-
nen Wünschen und Hoffnungen fort wollte, wie ihn V. zurück-
hielt. In Daniels Innern kochte blutige Rache, die er zu nehmen
hatte an dem jungen Menschen, der ihn hatte ausstoßen wollen
wie einen räudigen Hund. Der schürte und schürte an dem
Brande, von dem der verzweifelte Hubert verzehrt wurde.
Im Föhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestö-
ber wurden sie einig über Wolfgangs Verderben. "Wegschaffen"
- murmelte Hubert, indem er seitwärts wegblickte und die
Büchse anlegte. "Ja, wegschaffen", grinste Daniel, "aber nicht so,
nicht so." - Nun vermaß er sich hoch und teuer, er werde den
Freiherrn ermorden, und kein Hahn solle darnach krähen.
Hubert, als er endlich Geld erhalten, tat der Anschlag leid, er
wollte fort, um jeder weitern Versuchung zu widerstehen. Da-
niel selbst sattelte in der Nacht das Pferd und führte es aus dem
Stalle, als aber der Baron sich aufschwingen wollte, sprach Da-
niel mit schneidender Stimme: "Ich dächte, Freiherr Hubert, du
bliebst auf dem Majorat, das dir in diesem Augenblick zugefal-
len, denn der stolze Majoratsherr liegt zerschmettert in der
Gruft des Turms!" - Daniel hatte beobachtet, daß, von Gold-
durst geplagt, Wolfgang oft in der Nacht aufstand, vor die Tür
trat, die sonst zum Turme führte, und mit sehnsüchtigen Blicken
hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels Versicherung noch
bedeutende Schätze bergen sollte. Darauf gefaßt stand in jener
verhängnisvollen Nacht Daniel vor der Tür des Saals. Sowie er
den Freiherrn die zum Turme führende Tür öffnen hörte, trat
er hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde
stand. Der Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruch-
ten Diener, dem der Mord schon aus den Augen blitzte, ge-
wahrte, entsetzt: "Daniel, Daniel, was machst du hier zu dieser
Stunde!" Aber da kreischte Daniel wild auf: "Hinab mir dir, du
räudiger Hund" und schleuderte mit einem kräftigen Fußstoß
den Unglücklichen hinunter in die Tiefe! - Ganz erschüttert von
der gräßlichen Untat fand der Freiherr keine Ruhe auf dem
Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging auf seine Güter nach
Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit nach R... sit-
ten. Franz, der alte Franz, behauptete, daß Daniel, dessen Ver-
brechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und
beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. später erfuhr und
bannte. - Die Entdeckung dieser Umstände, welche das Anden-
ken des Vaters schändeten, trieben auch den jungen Freiherrn
Hubert fort in die Welt. - -
So hatte der Großonkel alles erzählt, nun nahm er meine
Hand und sprach, indem ihm volle Tränen in die Augen traten,
mit sehr weicher Stimme: "Vetter - Vetter - auch sie, die hol-
de Frau, hat das böse Verhängnis, die unheimliche Macht, die
dort auf dem Stammschlosse hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem
wir R... sitten verlassen, veranstaltete der Freiherr zum Beschluß
einer Schlittenfahrt. Er selbst fährt seine Gemahlin, doch, als es
talabwärts geht, reißen die Pferde plötzlich, auf unbegreifliche
Weise scheu geworden, aus in vollem wütenden Schnauben und
Toben. "Der Alte - der Alte ist hinter uns her", schreit die Baro-
nin auf mit schneidender Stimme! In dem Augenblick wird sie
durch den Stoß, der den Schlitten umwirft, weit fortgeschleudert.
- Man findet sie leblos - sie ist hin! - Der Freiherr kann sich
nimmer trösten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! - Nimmer
kommen wir wieder nach R... sitten, Vetter!" -
Der alte Großonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrisse-
nem Herzen, und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den
tiefen Schmerz lindern, in dem ich vergehen zu müssen glaubte.
*
Jahre waren vergangen. V. ruhte längst im Grabe, ich hatte
mein Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges,
der verwüstend über ganz Deutschland hinbrauste, in den Nor-
den hinein, fort nach Petersburg. Auf der Rückreise, nicht mehr
weit von K., fuhr ich in einer finstern Sommernacht an dem Ge-
stade der Ostsee entlang, als ich vor mir am Himmel einen gro-
ßen funkelnden Stern erblickte. Näher gekommen, gewahrte
ich wohl an der roten flackernden Flamme, daß das, was ich für
einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein müsse, ohne zu be-
greifen, wie es so hoch in den Lüften schweben könne. "Schwa-
ger! was ist das für ein Feuer dort vor uns?" frug ich den Po-
stillon. "Ei", erwiderte dieser, "ei, das ist kein Feuer, das ist
der Leuchtturm von R... sitten." R...sitten! - sowie der Postil-
lon den Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener
verhängnisvollen Herbsttage hervor, die ich dort verlebte. Ich
sah den Baron - Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen
Tanten, mich selbst mit blankem Milchgesicht, schön frisiert und
gepudert, in zartes Himmelblau gekleidet - ja mich, den Ver-
liebten, der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied auf seiner
Liebsten Braue! - In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte,
flackerten wie bunte Lichterchen Vs derbe Späße auf, die mir
nun ergötzlicher waren als damals. So von Schmerz und wun-
derbarer Lust bewegt, stieg ich am frühen Morgen in R... sitten
aus dem Wagen, der vor der Postexpedition hielt. Ich erkannte
das Haus des Okonomieinspektors, ich frug nach ihm. "Mit
Verlaub", sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus dem
Munde nahm und an der Nachtmütze rückte, "mit Verlaub, hier
ist kein Ökonomieinspektor, es ist ein königliches Amt, und der
Herr Amtsrat belieben noch zu schlafen." Auf weiteres Fragen
erfuhr ich, daß schon vor sechzehn Jahren der Freiherr Roderich
von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne Deszendenten gestor-
ben und das Majorat der Stiftungsurkunde gemäß dem Staate
anheimgefallen sei. - Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag
in Ruinen zusammengestürzt. Man hatte einen großen Teil der
Steine zu dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer,
der aus dem Föhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Ge-
spräch einließ. Der wußte auch noch von dem Spuk zu erzählen,
wie er auf dem Schlosse gehaust haben sollte, und versicherte,
daß noch jetzt sich oft, zumal beim Vollmonde, grauenvolle Kla-
gelaute in dem Gestein hören ließen.
Armer alter, kurzsichtiger Roderich! welche böse Macht be-
schworst du herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel
für die Ewigkeit zu pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen
zum Tode vergiftete.