E. T. A. Hoffmann
Das Majorat

 

Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der

Freiherrlich von R... schen Familie, R ... sitten genannt. Die

Gegend ist rauh und öde, kaum entsprießt hin und wieder ein

Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und statt des Gartens,

wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt, schließt sich an die

nackten Mauern nach der Landseite hin ein dürftiger Föhren-

wald, dessen ewige düstre Trauer den bunten Schmuck des Früh-

lings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens der

zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze

der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden

Möwen widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötz-

lich die Natur. Wie durch einen Zauberschlag ist man in blü-

hende Felder, üppige Acker und Wiesen versetzt. Man erblickt

das große reiche Dorf mit dem geräumigen Wohnhause des Wirt-

schaftsinspektors. An der Spitze eines freundlichen Erlenbusches

sind die Fundamente eines großen Schlosses sichtbar, das einer

der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte. Die Nach-

folger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau

liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum

seinen Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter

bauen, da seinem finstern, menschenscheuen Wesen der Aufent-

halt in dem alten, einsam liegenden Schlosse zusagte. Er ließ das

verfallene Gabäude, so gut es gehen wollte, herstellen und

sperrte sich darin einmit einem grämlichen Hausverwalter und

geringer Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, da-

gegen ging und ritt er oft am Meeresstrande hin und her, und

man wollte aus der Ferne bemerkt haben, wie er in die Wellen

hineinsprach und dem Brausen und Zischen der Brandung zu-

horchte, als vernehme er die antwortende Stimme des Meergei-

stes. Auf der höchsten Spitze des Wartturmes hatte er ein Kabi-

nett einrichten und mit Fernrohren - mit einem vollständigen

astronomischen Apparat versehen lassen; da beobachtete er

Tages, nach dem Meer hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich

weißbeschwingten Meervögeln am fernen Horizont vorüber-

flogen. Sternenhelle Nächte brachte er hin mit astronomischer

oder, wie man wissen wollte, mit astrologischer Arbeit, worin

ihm der alte Hausverwalter beistand. Überhaupt ging zu seinen

Lebzeiten die Sage, daß er geheimer Wissenschaft, der sogenann-

ten schwarzen Kunst, ergeben sei, und daß eine verfehlte Ope-

ration, durch die ein hohes Fürstenhaus auf das empfindlichste

gekränkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die leiseste

Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfüllte ihn mit Ent-

setzen, aber alles sein Leben Verstörende, was ihm dort gesche-

hen, schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die

Ahnenburg böslich verließen. Um für die Zukunft wenigstens

das Haupt der Familie an das Stammhaus zu fesseln, bestimmte

er es zu einem Majoratsbesitztum. Der Landesherr bestätigte die

Stiftung um so lieber, als dadurch eine an ritterlicher Tugend

reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland hinüberrank-

ten, für das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder Rode-

richs Sohn Hubert noch der jetzige Majoratsherr, wie sein Groß-

vater Roderich geheißen, mochten indessen in dem Stammschlosse

hausen, beide blieben in Kurland. Man mußte glauben, daß sie,

heitrer und lebenslustiger gesinnt als der düstre Ahnherr, die

schaurige Öde des Aufenthalts scheuten. Freiherr Roderich hatte

zwei alten unverheirateten Schwestern seines Vaters, die mager

ausgestattet in Dürftigkeit lebten, Wohnung und Unterhalt auf

dem Gute gestattet. Diese saßen mit einer bejahrten Dienerin

in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflügels, und außer

ihnen und dem Koch, der im Erdgeschoß ein großes Gemach

neben der Küche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und

Sälen des Hauptgebäudes nur noch ein abgelebter Jäger umher,

der zugleich die Dienste des Kastellans versah. Die übrige Die-

nerschaft wohnte im Dorfe bei dem Wirtschaftsinspektor. Nur

in später Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann,

und die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das öde,

verlassene Schloß lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit

seiner Gemahlin, begleitet von Verwandten, Freunden und zahl-

reichem Jagdgefolge, herüber aus Kurland. Der benachbarte

Adel, ja selbst jagdlustige Freunde aus der naheliegenden Stadt

fanden sich ein, kaum vermochten Hauptgebäude und Neben-

flügel die zuströmenden Gäste zu fassen, in allen Öfen und

Kaminen knisterten reichlich zugeschürte Feuer, vom grauen

Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender,

Trepp auf, Trepp ab liefen hunderte lustiger Leute, Herren und

Diener, dort erklangen angestoßene Pokale und fröhliche Jäger-

lieder, hier die Tritte der nach gellender Musik Tanzenden,

überall lautes Jauchzen und Gelächter, und so glich vier bis sechs

Wochen hindurch das Schloß mehr einer prächtigen, an viel-

befahmer Landstraße liegenden Herberge, als der Wohnung

des Gutsherrn. Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es

sich nur tun ließ, ernstem Geschäfte, indem er, zurückgezogen

aus dem Strudel der Gäste, die Pflichten des Majoratsherrn er-

füllte. Nicht allein, daß er sich vollständige Rechnung der Ein-

künfte legen ließ, so hörte er auch jeden Vorschlag irgend einer

Verbesserung sowie die kleinste Beschwerde seiner Untertanen

an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder Unbilligen

zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschäften stand

ihm der alte Advokat V., von Vater und Sohn vererbter Ge-

schäftsträger des R... . schen Hauses und Justitianus der in P.

liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht

Tage vor der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem

Majoratsgute abzureisen. Im Jahre 179- war die Zeit gekom-

men, daß der alte V. nach R.. . sitten reisen sollte. So lebens-

kräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch fühlte, mußte er

doch glauben, daß eine hülfreiche Hand im Geschäft ihm wohl-

tun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir:

,,Vetter!"(so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine

Vornamen erhielt) "Vetter! - ich dächte, du ließest dir einmal

etwas Seewind um die Ohren sausen und kämst mit mir nach

R.. sitten. Außerdem, daß du mir wacker beistehen kannst

in meinem manchmal bösen Geschäft, so magst du dich auch ein-

mal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen, wie, nachdem

du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben, du den

andern solch trotzigemTier, als da ist ein langbehaarter greu-

licher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge

zu schauen oder gar es mit einem tüchtigen Büchsenschuß zu

erlegen verstehest." Nicht so viel Seltsames von der lustigen

Jagdzeit in R... sitten hätte ich schon hören, nicht so mit ganzer

Seele dem herrlichen alten Großonkel anhängen müssen, um

nicht hocherfreut zu sein, daß er mich diesmal mitnehmen wolle.

Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften, wie er sie vorhatte,

versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und Sorge ab-

zunehmen. Andern Tages saßen wir in tüchtige Pelze eingehüllt

im Wagen und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter

verkündendes Schneegestöber nach R... sitten.

Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von

dem Freiherrn Roderich, der das Majorat stiftete und ihn seines

Jünglingsalters ungeachtet zu seinem Justitianus und Testa-

mentsvollzieher ernannte. Er sprach von dem rauhen wilden

Wesen, das der alte Herr gehabt, und das sich auf die ganze

Familie zu vererben schiene, da selbst der jetzige Majoratsherr,

den er als sanftmütigen, beinahe weichlichen Jüngling gekannt,

von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen werde. Er schrieb mir

vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen müßte, um in

des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die

Wohnung im Schlosse, die er ein für allemal gewählt, da sie

warm, bequem und so abgelegen sei, daß wir uns, wenn und

wie wir wollten, dem tollen Getöse der jubilierenden Gesell-

schaft entziehen könnten. In zwei kleinen, mit warmen Tapeten

behangenen Zimmern, dicht neben dem großen Gerichtssaal im

Seitenflügel, dem gegenüber, wo die alten Fräuleins wohnten,

da wäre ihm jedesmal seine Residenz bereitet. Endlich nach

schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer Nacht

nach R... sitten. Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade

Sonntag, im Krug Tanzmusik und fröhlicher Jubel, des Wirt-

schaftsinspektors Haus von unten bis oben erleuchtet, drinnen

auch Musik und Gesang; desto schauerlicher wurde die Öde, in

die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in schneidenden

Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem Zauber-

schlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer

Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen em-

por aus dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen

Tor. Aber da half kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein

Hämmern und Pochen, es war, als sei alles ausgestorben, in

keinem Fenster ein Licht sichtbar. Der Alte ließ seine starke dröh-

nende Stimme erschallen: "Franz - Franz! - Wo steckt Ihr

denn? - Zum Teufel, rührt Euch! - Wir erfrieren hier am Tor!

Der Schnee schmeißt einem ja das Gesicht blutrünstig - rührt

Euch, zum Teufel." Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein

wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlüssel

klapperten, und bald knarrten die gewichtigen Torflügel auf.

"Ei, schön willkommen, schön willkommen, Herr Justitianus, ei,

in dem unsaubern Wetter!" So rief der alte Franz, indem er die

Laterne hoch in die Höhe hob, so daß das volle Licht auf sein

verschrumpftes, zum freundlichen Lachen sonderbar verzogenes

Gesicht fiel. Der Wagen fuhr in den Hof, wir stiegen aus, und

nun gewahrte ich erst ganz des alten Bedienten seltsame, in eine

altmodische weite, mit vielen Schnüren wunderlich ausstaffierte

Jägerlivrei gehüllte Gestalt. Über die breite weiße Stirn legten

sich nur ein paar graue Löckchen, der untere Teil des Gesichts

hatte die robuste Jägerfarbe, und unerachtet die verzogenen

Muskeln das Gesicht zu einer beinahe abenteuerlichen Maske

formten, söhnte doch die etwas dümmliche Gutmütigkeit, die

aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte, alles wieder

aus. "Nun, alter Franz", fing der Großonkel an, indem er sich

im Vorsaal den Schnee vom Pelze abklopfte, "nun, alter Franz,

ist alles bereitet, sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt,

sind die Betten hineingetragen, ist gestern und heute tüchtig

geheizt worden?" "Nein", erwiderte Franz gelassen, "nein, mein

wertester Herr Justitianus, das ist alles nicht geschehen." "Herr

Gott!" fuhr der Großonkel auf, "ich habe ja zeitig genug ge-

schrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum; das ist

ja eine Tölpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen."

"Ja, wertester Herr Justitianus", sprach Franz weiter, indem

er sehr sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glim-

menden Räuber abschnippte und ihn mit dem Fuße austrat, "ja

sehn Sie, das alles, vorzüglich das Heizen hätte nicht viel ge-

holfen, denn der Wind und der Schnee, die hausen gar zu sehr

hinein durch die zerbrochenen Fensterscheiben, und da -,

"Was?" fiel der Großonkel ihm in die Rede, den Pelz weit aus-

einanderschlagend und beide Arme in die Seiten stemmend,

was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses Kastel-

fan, habt nichts machen lassen?" "Ja, wertester Herr Justitianus",

fuhr der Alte ruhig und gelassen fort, "man kann nur nicht recht

hinzu wegen des vielen Schutts und der vielen Mauersteine, die

in den Zimmern herumliegen." "Wo zum Tausend Himmel

Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer?"

schrie der Großonkel. "Zum beständigen fröhlichen Wohlsein,

mein junger Herr!" rief der Alte, sich höflich bückend, da ich

eben nieste, setzte aber gleich hinzu: "es sind die Steine und der

Kalk von der Mittelwand, die von der großen Erschütterung

einfiel." "Habt ihr ein Erdbeben gehabt?" platzte der Groß-

onkel zornig heraus. "Das nicht, wertester Herr Justitianus",

erwiderte der Alte mit dem ganzen Gesicht lächelnd, "aber vor

drei Tagen ist die schwere getäfelte Decke des Gerichtssaals mit

gewaltigem Krachen eingestürzt." "So soll doch das -" Der

Großonkel wollte, heftig und aufbrausend, wie er war, einen

schweren Fluch ausstoßen; aber indem er mit der Rechten in die

Höhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmütze von der Stirn

rückte, hielt er plötzlich inne, wandte sich nach mir um und

sprach laut auflachend: "Wahrhaftig, Vetter! wir müssen das

Maul halten, wir dürfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir

noch ärgeres Unheil, oder das ganze Schloß stürzt uns über den

Köpfen zusammen." "Aber", fuhr er fort, sich nach dem Alten

umdrehend, "aber Franz, konntet Ihr denn nicht so gescheit

sein, mir ein anderes Zimmer reinigen und heizen zu lassen?

Konntet Ihr nicht irgend einen Saal im Hauptgebäude schnell

einrichten zum Gerichtstage?" "Dieses ist auch bereits alles ge-

schehen", sprach der Alte, indem er freundlich nach der Treppe

wies und sofort hinaufzusteigen begann. "Nun seht mir doch den

wunderlichen Kauz", rief der Onkel, indem wir dem Alten

nachschritten. Es ging fort durch lange hochgewölbte Korridore,

Franzens flackerndes Licht warf einen wunderlichen Schein in

die dicke Finsternis. Säulen, Kapitäler und bunte Bogen zeigten

sich oft wie in den Lüften schwebend, riesengroß schritten unsere

Schatten neben uns her, und die seltsamen Gebilde an den Wän-

den, über die sie wegschlüpften, schienen zu zittern und zu

schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den dröhnenden Nach-

hall unserer Tritte hinein: "Weckt uns nicht, weckt uns nicht,

uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schläft!" -

Endlich öffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter finstrer

Gemächer durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes

Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimat-

lichem Gruß empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz

wohl zumute, doch der Großonkel blieb mitten im Saal stehen,

schaute ringsumher und sprach mit sehr ernstem, beinahe feier-

lichem Ton: "Also hier, dies soll der Gerichtssaal sein?" - Franz,

in die Höhe leuchtend, so daß an der breiten dunkeln Wand ein

heller Fleck, wie eine Türe groß, ins Auge fiel, sprach dumpf und

schmerzhaft: "Hier ist ja wohl schon Gericht gehalten worden!"

"Was kommt Euch ein, Alter?" rief der Onkel, indem er den

Pelz schnell abwarf und an das Kaminfeuer trat. "Es fuhr mir

nur so heraus", sprach Franz, zündete die Lichter an und öff-

nete das Nebenzimmer, welches zu unsrer Aufnahme anheimelnd

bereitet war. Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch

vor dem Kamin, der Alte trug wohlzubereitete Schüsseln auf,

denen, wie es uns beiden, dem Großonkel und mir, recht behaglich

war, eine tüchtige Schale nach echt nordischer Art gebrauten

Punsches folgte. Ermüdet von der Reise suchte der Großonkel,

sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame des Aufent-

halts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister zu

sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz räumte den Tisch

ab, schürte das Kaminfeuer zu und verließ mich mit freundlichen

Bücklingen.

Nun saß ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das

Schneegestöber hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen auf-

gehört, heitrer Himmel wars geworden, und der helle Vollmond

strahlte durch die breiten Bogenfenster, alle finstre Ecken des

wunderlichen Baues, wohin der düstre Schein meiner Kerzen und

des Kaminfeuers nicht dringen konnte, magisch erleuchtend. So

wie man es wohl noch in alten Schlössern antrifft, waren auf selt-

same altertümliche Weise Wände und Decke des Saals verziert,

diese mit schwerem Getäfel, jene mit fantastischer Bilderei und

buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den großen Ge-

mälden, mehrenteils das wilde Gewühl blutiger Bären- und

Wolfsjagden darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und

Menschenköpfe hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so daß,

zumal bei der flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers

und des Mondes, das Ganze in graulicher Wahrheit lebte. Zwi-

schen diesen Gemälden waren lebensgroße Bilder, in Jägertracht

daherschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahn-

herren, eingefugt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die

dunkle Farbe langverjährter Zeit; um so mehr fiel der helle

kahle Fleck an derselben Wand, durch die zwei Türen in Neben-

gemächer führten, auf; bald erkannte ich, daß dort auch eine

Tür gewesen sein müßte, die später zugemauert worden, und

daß eben dies neue, nicht einmal der übrigen Wand gleich ge-

malte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemäuer auf jene Art

absteche.

Wer weiß es nicht, wie ein ungewöhnlicher abenteuerlicher

Aufenthalt mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen

vermag, selbst die trägste Fantasie wird wach in dem von wun-

derlichen Felsen umschlossenen Tal - in den düstern Mauern

einer Kirche oder so - und will sonst nie Erfahrnes ahnen. Setze

ich nun noch hinzu, daß ich zwanzig Jahre alt war und mehrere

Gläser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben,

daß mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals.

Man denke sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen

des Meeres, das seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Töne

eines mächtigen, von Geistern gerührten Orgelwerks erklangen

- die vorüberfliegenden Wolken, die oft, hell und glänzend, wie

vorbeistreifende Riesen durch die klirrenden Bogenfenster zu

gucken schienen - in der Tat, ich mußte es in dem leisen Schauer

fühlen, der mich durchbebte, daß ein fremdes Reich nun sicht-

barlich und vernehmbar aufgehen könne. Doch dies Gefühl glich

dem Frösteln, das man bei einer lebhaft dargestellten Gespenster-

geschichte empfindet und das man so gern hat. Dabei fiel mir ein,

daß in keiner günstigeren Stimmung das Buch zu lesen sei, das

ich so wie damals jeder, der nur irgend dem Romantischen er-

geben, in der Tasche trug. Es war Schillers Geisterseher. Ich las

und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr und mehr. Ich

kam zu der mit dem mächtigsten Zauber ergreifenden Erzählung

von dem Hochzeitsfest bei dem Marchese von X. - Gerade wie

Jeronimos blutige Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen

Schlage die Tür auf, die in den Vorsaal führt. - Entsetzt fahre

ich in die Höhe, das Buch fällt mir aus den Händen - Aber in

demselben Augenblick ist alles still, und ich schäme mich über

mein kindisches Erschrecken! - Mag es sein, daß durch die durch-

strömende Zugluft oder auf andere Weise die Tür aufgesprengt

wurde. - Es ist nichts - meine überreizte Fantasie bildet jede

natürliche Erscheinung gespenstisch! - So beschwichtigt nehme

ich das Buch von der Erde auf und werfe mich wieder in den

Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit abgemessenen

Tritten quer über den Saal hin, und dazwischen seufzt und ächzt

es, und in diesem Seufzen, diesem Ächzen liegt der Ausdruck

des tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers -

Ha! das ist irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern

Stock. Man kennt ja die akustische Täuschung der Nacht, die

alles entfernt Tönende in die Nähe rückt - wer wird sich nur

durch so etwas Grauen erregen lassen. - So beschwichtigte ich

mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere, tiefere Seuf-

zer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot ausgestoßen,

sich hören lassen, an jenem neuen Gemäuer. - "Ja, es ist ein

armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen, ich werde

mit dem Fuß tüchtig auf den Boden stampfen, gleich wird alles

schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen natür-

lichen Tönen hören lassen!" - So denke ich, aber das Blut gerinnt

in meinen Adern - kalter Schweiß steht auf der Stirn, erstarrt

bleibe ich im Lehnstuhl sitzen, nicht vermögend aufzustehen, viel

weniger noch zu rufen. Das abscheuliche Kratzen hört endlich

auf - die Tritte lassen sich aufs neue vernehmen - es ist, als

wenn Leben und Regung in mir erwachte, ich springe auf und

trete zwei Schritte vor, aber da streicht eine eiskalte Zugluft

durch den Saal, und in demselben Augenblick wirft der Mond

sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr ernsten, beinahe

schauerlich anzusehenden Mannes, und als säusle seine war-

nende Stimme durch das stärkere Brausen der Meereswellen,

durch das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, höre ich deutlich:

- Nicht weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem ent-

setzlichen Graus der Geisterwelt! Nun fällt die Tür zu mit dem-

selben starken Schlage wie zuvor, ich höre die Tritte deutlich

auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab - die Haupttür

des Schlosses öffnet sich rasselnd und wird wieder verschlossen.

Dann ist es, als würde ein Pferd aus dem Stall gezogen und

nach einer Weile wieder in den Stall zurückgeführt- dann ist

alles still! - In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte

Großonkel im Nebengemach ängstlich seufzte und stöhnte, dies

gab mir alle Besinnung wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte

hinein. Der Alte schien mit einem bösen schweren Traume zu

kämpfen. "Erwachen Sie - erwachen Sie", rief ich laut, indem

ich ihn sanft bei der Hand faßte und den hellen Kerzenschein auf

sein Gesicht fallen ließ. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen

Ruf, dann schaute er mich mit freundlichen Augen an und sprach:

"Das hast du gut gemacht, Vetter! daß du mich wecktest. Ei, ich

hatte einen sehr häßlichen Traum, und daran ist bloß hier das

Gemach und der Saal schuld, denn ich mußte dabei an die ver-

gangene Zeit und an manches Verwunderliche denken, was hier

sich begab. Aber nun wollen wir recht tüchtig ausschlafen!" Da-

mit hüllte sich der Alte in die Decke und schien sofort einzu-

schlafen. Als ich die Kerzen ausgelöscht und mich auch ins Bette

gelegt hatte, vernahm ich, daß der Alte leise betete.

Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschafts-

inspektor kam mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die

irgend einen Streit geschlichtet, irgend eine Angelegenheit geord-

net haben wollten. Mittags ging der Großonkel mit mir herüber

in den Seitenflügel, um den beiden alten Baronessen in aller

Form aufzuwarten. Franz meldete uns, wir mußten einige

Augenblicke warten und wurden dann durch ein sechzigjähriges

gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mütterchen, die sich das

Kammerfräulein der gnädigen Herrschaft nannte, in das Heilig-

tum geführt. Da empfingen uns die alten, nach längst verjährter

Mode abenteuerlich geputzten Damen mit komischem Zeremo-

niell, und vorzüglich war ich ein Gegenstand ihrer Verwunde-

rung, als der Großonkel mich mit vieler Laune als einen jungen,

ihm beistehenden Justizmann vorstellte. In ihren Mienen lag es,

daß sie bei meiner Jugend das Wohl der R... sittenschen Unter-

tanen gefährdet glaubten. Der ganze Auftritt bei den alten

Damen hatte überhaupt viel Lächerliches, die Schauer der ver-

gangenen Nacht fröstelten aber noch in meinem Innern, ich

fühlte mich wie von einer unbekannten Macht berührt, oder es

war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis gestreift, den

zu überschreiten und rettungslos unterzugehen es nur noch eines

Schrittes bedürfte, als könne nur das Aufbieten aller mir inne-

wohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schützen, das nur

dem unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, daß

selbst die alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetürmten

Frisuren, in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und

Bändern ausstaffierten Kleidern mir statt lächerlich ganz grau-

lich und gespenstisch erschienen. In den alten gelbverschrumpf-

ten Gesichtern, in den blinzelnden Augen wollt ich es lesen, in

dem schlechten Französisch, das halb durch die eingekniffenen

blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen herausschnarrte,

wollt ich es hören, wie sich die Alten mit den unheimlichen, im

Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten Fuß ge-

setzt hätten und auch wohl selbst Verstörendes und Entsetzliches

zu treiben vermöchten. Der Großonkel, zu allem Lustigen aufge-

legt, verstrickte mit seiner Ironie die Alten in ein solches tolles

Gewäsche, daß ich in anderer Stimmung nicht gewußt hätte, wie

das ausgelassenste Gelächter in mich hineinschlucken, aber wie

gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper waren und blieben

gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere Lust bereiten

wollte, blickte mich einmal übers andere ganz verwundert an.

Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er

los: "Aber, Vetter, sag mir um des Himmels willen, was ist dir?

- Du lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst

nicht? - Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?" - Ich nahm

jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche, was

ich in voriger Nacht überstanden, ganz ausführlich zu erzählen.

Nichts verschwieg ich, vorzüglich auch nicht, daß ich viel Punsch

getrunken und in Schillers Geisterseher gelesen. "Bekennen muß

ich dies", setzte ich hinzu, "denn so wird es glaublich, daß meine

überreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die

nur innerhalb den Wänden meines Gehirns existierten. Ich

glaubte, daß nun der Großonkel mir derb zusetzen würde mit

körnichten Späßen über meine Geisterseherei, statt dessen wurde

er sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den

Kopf schnell in die Höhe und sprach, mich mit dem brennenden

Blick seiner Augen anschauend: "Ich kenne dein Buch nicht,

Vetter! aber weder seinem, noch dem Geist des Punsches hast du

jenen Geisterspuk zu verdanken. Wisse, daß ich dasselbe, was

dir widerfuhr, träumte. Ich saß so wie du (so kam es mir vor)

im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber was sich dir nur in Tönen

kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge es deutlich erfas-

send. Ja! ich erblickte den graulichen Unhold, wie er hereintrat,

wie er kraftlos an die vermauerte Tür schlich, wie er in trostloser

Verzweiflung an der Wand kratzte, daß das Blut unter den zer-

rissenen Nägeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd

aus dem Stalle zog und in den Stall zurückbrachte. Hast du es

gehört, wie der Hahn im fernen Gehöfte des Dorfes krähte? -

Da wecktest du mich, und ich widerstand bald dem bösen Spuk

des entsetzlichen Menschen, der noch vermag, das heitre Leben

grauenhaft zu verstören."

Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohl-

bedenkend, daß er mir alles aufklären werde, wenn er es gera-

ten finden sollte. Nach einer Weile, in der er tief in sich gekehrt

dagesessen, fuhr der Alte fort: "Vetter, hast du Mut genug, jetzt,

nachdem du weißt, wie sich alles begibt, den Spuk noch einmal

zu bestehen? und zwar mit mir zusammen?" Es war natürlich,

daß ich erklärte, wie ich mich jetzt dazu ganz erkräftigt fühlte.

"So wollen wir", sprach der Alte weiter, "in künftiger Nacht

zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, daß meiner

geistigen Gewalt nicht sowohl als meinem Mute, der sich auf

festes Vertrauen gründet, der böse Spuk weichen muß, und daß

es kein freveliches Beginnen, sondern ein frommes tapferes

Werk ist, wenn ich Leib und Leben daran wage, den bösen Un-

hold zu bannen, der hier die Söhne aus der Stammburg der

Ahnherrn treibt. - Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede,

denn in solch festem redlichen Sinn, in solch frommem Vertrauen,

wie es in mir lebt, ist und bleibt man ein siegreicher Held. -

Aber sollte es dennoch Gottes Wille sein, daß die böse Macht mich

anzutasten vermag, so sollst du, Vetter! es verkünden, daß ich

im redlichen christlichen Kampf mit dem Höllengeist, der hier

sein verstörendes Wesen treibt, unterlag! - Du! - halt dich

ferne! - dir wird dann nichts geschehen!"

Unter mancherlei zerstreuenden Geschäften war der Abend

herangekommen. Franz hatte, wie gestern, das Abendessen ab-

geräumt und uns Punsch gebracht, der Vollmond schien hell

durch die glänzenden Wolken, die Meereswellen brausten, und

der Nachtwind heulte und schüttelte die klirrenden Scheiben der

Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern aufgeregt, zu gleich-

gültigen Gesprächen. Der Alte hatte seine Schlaguhr auf den

Tisch gelegt. Sie schlug zwölfe. Da sprang mit entsetzlichem

Krachen die Tür auf, und wie gestern schwebten leise und lang-

sam Tritte quer durch den Saal, und das Ächzen und Seufzen

ließ sich vernehmen. Der Alte war verblaßt, aber seine Augen

erstrahlten in ungewöhnlichem Feuer, er erhob sich vom Lehn-

stuhl, und indem er in seiner großen Gestalt, hochaufgerichtet,

den linken Arm in die Seite gestemmt, den rechten weit vor-

streckend nach der Mitte des Saales, dastand, war er anzusehen

wie ein gebietender Held. Doch immer stärker und vernehm-

licher wurde das Seufzen und Ächzen, und nun fing es an ab-

scheulicher als gestern an der Wand hin und her zu kratzen. Da

schritt der Alte vorwärts gerade auf die zugemauerte Tür los

mit festen Tritten, daß der Fußboden erdröhnte. Dicht vor der

Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach

mit starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehört: "Daniel,

Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!" Da kreischte es

auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah,

wie wenn eine Last zu Boden stürzte. "Suche Gnade und Erbar-

men vor dem Thron des Höchsten, dort ist dein Platz! Fort mit

dir aus dem Leben, dem du niemals angehören kannst!" - So rief

der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein leises

Gewimmer durch die Lüfte und ersterbe im Sausen des Sturms,

der sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tür

und warf sie zu, daß es laut durch den öden Vorsaal wider-

hallte. In seiner Sprache, in seinen Gebärden lag etwas Über-

menschliches, das mich mit tiefem Schauer erfüllte. Als er sich in

den Lehnstuhl setzte, war sein Blick wie verklärt, er faltete seine

Hände, er betete im Innern. So mochten einige Minuten vergan-

gen sein, da frug er mit der milden, tief in das Herz dringenden

Stimme, die er so sehr in seiner Macht hatte: "Nun, Vetter?"

Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger Ehrfurcht und

Liebe durchbebt stürzte ich auf die Knie und benetzte die mir

dargebotene Hand mit heißen Tränen. Der Alte schloß mich in

seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drückte, sprach

er sehr weich: "Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber

Vetter!" - Es geschah auch so, und als sich in der folgenden

Nacht durchaus nichts Unheimliches verspüren ließ, gewannen

wir die alte Heiterkeit wieder, zum Nachteil der alten Baro-

nessen, die, blieben sie auch in der Tat ein wenig gespenstisch

mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch nur ergötzlichen Spuk

trieben, den der Alte auf possierliche Weise anzuregen wußte.

Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner

Gemahlin und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gäste

sammelten sich, und nun ging in dem plötzlich lebendig gewor-

denen Schlosse das laute wilde Treiben los, wie es vorhin beschrie-

ben. Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal

trat, schien er über unsern veränderten Aufenthalt auf seltsame

Weise befremdet, er warf einen düstern Blick auf die zugemauer-

te Tür, und schnell sich abwendend, fuhr er mit der Hand über

die Stirn, als wolle er irgendeine böse Erinnerung verscheuchen.

Der Großonkel sprach von der Verwüstung des Gerichtssaals

und der anstoßenden Gemächer, der Baron tadelte es, daß Franz

uns nicht besser einlogiert habe, und forderte den Alten recht

gemütlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend etwas in

dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei als das, was er

sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge. Überhaupt

war das Betragen des Barons gegen den alten Großonkel nicht

allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse kindliche

Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in verwandt-

schaftlichem Respektsverhältnis. Dies war aber auch das Einzige,

was mich mit dem rauhen gebieterischen Wesen des Barons, das

er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaßen zu versöh-

nen vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten,

er sah in mir den gewöhnlichen Schreiber. Gleich das erste Mal,

als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er etwas in der

Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und ich war

in Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der Groß-

onkel, das Wort nehmend, versicherte, daß ich denn nun ein-

mal alles recht nach seinem Sinne mache, und daß dieser doch

nur hier in gerichtlicher Verhandlung walten könne. Als wir

allein waren, beschwerte ich mich bitter über den Baron, der

mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. "Glaube

mir,Vetter!" erwiderte der Alte, "daß der Baron trotz seines

unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmütigste Mensch

von der Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon

sagte, erst seit der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde,

vorher war er ein sanfter bescheidener Jüngling. Überhaupt ist

es denn doch aber nicht mit ihm so arg, wie du es machst, und

ich möchte wohl wissen, warum er dir so gar sehr zuwider ist."

Indem der Alte die letzten Worte sprach, lächelte er recht

höhnisch, und das Blut stieg mir siedend heiß ins Gesicht. Mußte

mir nun nicht mein Innres recht klar werden, mußte ich es

nicht deutlich fühlen, daß jenes wunderliche Hassen aufkeimte

aus dem Lieben oder vielmehr aus dem Verlieben in ein Wesen,

das mir das holdeste, hochherrlichste zu sein schien, was jemals

auf Erden gewandelt? Dieses Wesen war niemand als die Baro-

nesse selbst. Schon gleich, als sie angekommen und in einem

russischen Zobelpelz, der knapp anschloß an den zierlich gebau-

ten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt, durch die Ge-

mächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein mäch-

tiger unwiderstehlicher Zauber. Ja selbst der Umstand, daß die

alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen,

als ich sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten

und ihre französischen Bewillkommungen herschnatterten, wäh-

rend sie, die Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um

sich her schaute und bald diesem, bald jenem freundlich zunickte,

bald in dem rein tönenden kurländischen Dialekt einige deutsche

Worte dazwischen flötete, schon dieses gab ein wunderbar fremd-

artiges Bild, und unwillkürlich reihte die Fantasie dies Bild an

jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse wurde der Engel

des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte beugen.

Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes

Augen. Sie mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen,

ihr Gesicht, ebenso zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der

höchsten Engelsgüte, vorzüglich lag aber in dem Blick der dunk-

len Augen ein unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondes-

strahl ging darin eine schwermütige Sehnsucht auf; so wie in

ihrem holdseligen Lächeln ein ganzer Himmel voll Wonne und

Entzücken. Oft schien sie ganz in sich selbst verloren, und dann

gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes Antlitz. Man

hätte glauben sollen, irgendein verstörender Schmerz müsse sie

befangen, mir schien es aber, daß wohl die düstere Ahnung einer

trüben, unglücksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in

solchen Augenblicken erfaßt werde, und auch damit setzte ich

auf seltsame Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklären

wußte, den Spuk im Schlosse in Verbindung. - Den andern Mor-

gen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die Ge-

sellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse

vor, und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu

geschehen pflegt, ich benahm mich unbeschreiblich albern, indem

ich auf die einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem

Schlosse gefalle u. s. w., mich in die wunderlichsten sinnlosesten

Reden verfing, so daß die alten Tanten meine Verlegenheiten

wohl lediglich dem profunden Respekt vor der Herrin zuschrie-

ben, sich meiner huldreich annehmen zu müssen glaubten und

mich in französischer Sprache als einen ganz artigen und ge-

schickten jungen Menschen, als einen garcon tres joli anpriesen.

Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr

mir ein Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten

es sprachen, worauf sie mich mit großen Augen anguckten und

die langen spitzen Nasen reichlich mit Tabak bedienten. An dem

ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu

einer andern Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort

hart an eine Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und

ich verwünschte die Alten in den Abgrund der Hölle. Die Zeit

des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in kindischer

Selbstbetörung hatte mir der alte Großonkel längst wegironiert,

und wohl merkt ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger als

noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt

hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deut-

lich und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein wür-

de, irgend eine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmög-

lichkeit einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen

und anzubeten, dessen ich mich selbst hätte schämen müssen.

Der herrlichen Frau näher zu treten, ohne ihr nur mein inneres

Gefühl ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte

einsaugen und dann fern von ihr sie lange vielleicht immerdar

im Herzen tragen, das wollte und konnte ich. Diese romantische,

ja wohl ritterliche Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht,

spannte mich dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst

auf pathetische Weis zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich

zu seufzen: "Seraphine, ach Seraphine!" so daß der Alte er-

wachte und mir zurief: "Vetter! - Vetter! ich glaube, du fanta-

sierst mit lauter Stimme! - Tus bei Tage, wenns möglich ist,

aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!" Ich war nicht wenig be-

sorgt, daß der Alte, der schon mein aufgeregtes Wesen bei der

Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehört haben

und mich mit seinem sarkastischen Spott überschütten werde, er

sagte am andern Morgen aber nichts weiter als bei dem Hinein-

gehen in den Gerichtssaal: "Gott gebe jedem gehörigen Men-

schenverstand und Sorglichkeit." Hierauf nahm er Platz an dem

großen Tisch und sprach: "Schreibe fein deutlich, lieber Vetter!

damit ichs ohne Anstoß zu lesen vermag.

Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron

meinem alten Großonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So

mußte er auch bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz

neben der Baronesse einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-,

bald dorthin, doch pflegten gewöhnlich ein paar Offiziere aus

der nahen Hauptstadt mich in Beschlag zu nehmen, um sich über

alles Neue und Lustige, was dort geschehen, recht auszusprechen

und dabei wacker zu trinken. So kam es, daß ich mehrere Tage

hindurch ganz fern von der Baronesse, am untern Ende des

Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre Nähe brachte. Als

der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet wurde, hatte

mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht mehr

ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne

Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der

Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig

erfreut war ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die

ihr freundlich zunickte. Man kann denken, daß nun alle Worte,

die ich sprach, nicht mehr der Nachbarin allein, sondern haupt-

sächlich der Baronin galten. Mag es sein, daß meine innere Span-

nung allem, was ich sprach, einen besonderen Schwung gab,

genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer,

ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets

wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ. Sie war, wie gesagt,

nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß unser Gespräch

ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die hin und

her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin

ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt ich näm-

lich, daß das Fräulein, der Baronin bedeutende Blicke zuwarf,

und daß diese sich mühte, uns zu hören. Vorzüglich war dies der

Fall, als ich, da das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller

Begeisterung von der herrlichen heiligen Kunst sprach und zu-

letzt nicht verhehlte, daß ich - trockner, langweiliger Juri-

sterei, der ich mich ergeben unerachtet - den Flügel mit ziem-

licher Fertigkeit spiele, singe und auch wohl schon manches Lied

gesetzt habe.

Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Liqueure

zu nehmen, da stand ich unversehens, selbst wußt ich nicht wie,

vor der Baronin, die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete

mich sogleich an, indem sie, doch freundlicher und in dem Ton,

wie man mit einem Bekannten spricht, jene Fragen, wie mir der

Aufenthalt im Schlosse zusage u. s. w., wiederholte. Ich ver-

sicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche Öde der Um-

gebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam gestimmt

habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches auf-

gegangen, und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die

ich nicht gewöhnt, überhoben zu sein. Die Baronin lächelte, in-

dem sie sprach: "Wohl kann ichs mir denken, daß Ihnen das

wüste Treiben in unsern Föhrenwäldern nicht eben behaglich

sein kann. - Sie sind Musiker und, täuscht mich nicht alles, ge-

wiß auch Dichter! - Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! -

ich spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R... sitten

entbehren, denn mein Mann mag es nicht, daß ich die Instru-

mente mitnehme, deren sanftes Getön schlecht sich schicken wür-

de zu dem wilden Halloh, zu dem gellenden Hörnergetöse der

Jagd, das sich hier nur hören lassen soll! - 0 mein Gott! wie

würde mich hier Musik erfreun!" Ich versicherte, daß ich meine

ganze Kunst aufbieten werde, ihren Wunsch zu erfüllen, da es

doch im Schlosse unbezweifelt ein Instrument, sei es auch nur ein

alter Flügel, geben werde. Da lachte aber Fräulein Adelheid (der

Baronin Gesellschafterin) hell auf und frug, ob ich denn nicht

wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse keine andern

Instrumente gehört worden als krächzende Trompeten, im Jubel

lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte

Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten. Die

Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest,

und beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie

ein leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem

Augenblick schritt der alte Franz durch den Saal. "Da haben wir

den, der für alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst

das Unerhörte und Ungesehene!" Mit diesen Worten rief ihn

Fräulein Adelheid heran, und indem sie ihm begreiflich machte,

worauf es ankomme, horchte die Baronin mit gefalteten Händen,

mit vorwärts gebeugtem Haupt dem Alten mit mildem Lächeln

ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen wie ein

holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu

gern schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weit-

läufigten Manier mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum

es denn schier unmöglich sei, in der Geschwindigkeit solch ein

rares Instrument herbeizuschaffen, strich sich endlich mit behag-

lichem Schmunzeln den Bart und sprach: "Aber die Frau Wirt-

schaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz ungemein ge-

schickt das Clavizimbel oder wie sie es jetzt nennen mit dem

ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel,

daß einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man

hüpfen möchte mit beiden Beinen -, "Und besitzt ein Forte-

piano!" fiel Fräulein Adelheid ihm in die Rede. "Ei freilich",

fuhr der Alte fort, "direkt aus Dresden ist es gekommen - ein -

"0 das ist herrlich", unterbrach ihn die Baronin - "ein schönes

Instrument", sprach der Alte weiter, "aber ein wenig schwäch-

lich, denn als der Organist neulich das Lied: ,In allen meinen

Taten" darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Bo-

den, so daß -, "0 mein Gott", riefen beide, die Baronin und

Fräulein Adelheid, "so daß", fuhr der Alte fort, "es mit

schweren Kosten nach R - geschafft und dort repariert werden

mußte." "Ist es denn nun wieder hier?" frug Fräulein Adelheid

ungeduldig. "Ei freilich, gnädiges Fräulein! und die Frau Wirt-

schaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen -" In diesem

Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie befremdet

nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der

Baronin zu: "Muß Franz wieder guten Rat erteilen?" Die Ba-

ronin schlug errötend die Augen nieder, und der alte Franz

stand erschrocken abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die

herabhängenden Arme dicht an den Leib gedrückt, in soldati-

scher Stellung da.

Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf

uns zu und entführten die Baronin. Ihr folgte Fräulein Adelheid.

Ich war wie bezaubert stehengeblieben. Entzücken, daß ich nun

ihr, der Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich

nahen werde, kämpfte mit düsterm Mißmut und Ärger über den

Baron, der mir als ein rauher Despot erschien. War er dies nicht,

durfte dann wohl der alte eisgraue Diener so sklavisch sich be-

nehmen? - "Hörst du, siehst du endlich?" rief der Großonkel,

mir auf die Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Ge-

mach. "Dränge dich nicht so an die Baronin", sprach er, als wir

angekommen, "wozu soll das, überlaß es den jungen Gecken,

die gern den Hof machen, und an denen es ja nicht mangelt." -

Ich erzählte, wie alles gekommen, und forderte ihn auf, mir nun

zu sagen: ob ich seinen Vorwurf verdiene; er erwiderte aber

darauf nichts als: "Hm hm" - zog den Schlafrock an, setzte sich

mit angezündeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach von den

Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend über meine Fehl-

schüsse. Im Schlosse war es still geworden, Herren und Damen

beschäftigten sich in ihren Zimmern mit dem Putz für die Nacht.

Jene Musikanten mit den heisern Geigen, mit den verstimmten

Bässen und den meckernden Hoboen, von denen Fräulein Adel-

heid gesprochen, waren nämlich angekommen, und es sollte für

die Nacht nichts Geringeres geben als einen Ball in bestmöglich-

ster Form. Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben

vorziehend, blieb in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich

eben zum Ball gekleidet, als es leise an unsere Tür klopfte und

Franz hereintrat, der mir mit behaglichem Lächeln verkündete,

daß soeben das Clavizimbel von der Frau Wirtschaftsinspektorin

in einem Schlitten angekommen und zur gnädigen Frau Baronin

getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe mich einladen, nur

gleich herüber zu kommen. Man kann denken, wie mir alle

Pulse schlugen, mit welchem innern süßen Erbeben ich das Zim-

mer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid kam mir

freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt,

saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem

die Töne schlummern sollten, die zu wecken ich berufen. Sie

stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich

keines Wortes mächtig sie anstarrte. "Nun Theodor", (nach der

gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wieder-

findet, nannte sie jeden bei seinem Vornamen) "nun, Theodor",

 

Hier Seite 182 einfügen!!!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

innern Gefühle in Fantasien recht laut werden zu lassen, in jene

süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem Süden zu uns

herübergeklungen. Während dieser Senza di te - dieser Sen-

timi idol mio’ dieser Almen se non poss’io und hundert morir

mi sento’s und Addio"s und Oh dio’s wurden leuchtender und

leuchtender Seraphinens Blicke. Sie hatte sich dicht neben mir an

das Instrument gesetzt, ich fühlte ihren Atem an meiner Wange

spielen; indem sie ihren Arm hinter mir auf die Stuhllehne

stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem zierlichen Ball-

kleide losgenestelt, über meine Schulter und flatterte, von mei-

nen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und

her wie ein getreuer Liebesbote! - Es war zu verwundern, daß

ich den Verstand behielt! - Als ich mich auf irgendein neues

Lied besinnend in den Akkorden herumfuhr, sprang Fräulein

Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers gesessen, herbei, kniete

vor der Baronin hin und bat, ihre beiden Hände erfassend und

an die Brust drückend: "0 liebe Baronin - Seraphinchen, nun

mußt du auch singen!" - Die Baronin erwiderte: "Wo denkst

du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor un-

serm Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hören lassen!" -

Es war lieblich anzuschauen, wie sie gleich einem frommverschäm-

ten Kinde die Augen niederschlagend und hocherrötend mit der

Lust und mit der Scheu kämpfte. - Man kann denken, wie ich

sie anfiehte, als sie kleine kurländische Volkslieder erwähnte,

nicht nachließ, bis sie mit der linken Hand herüberlangend einige

Töne auf dem Instrument versuchte wie zur Einleitung. Ich wollte

ihr Platz machen am Instrument, sie ließ es aber nicht zu, indem

sie versicherte, daß sie nicht eines einzigen Akkordes mächtig sei,

und daß eben deshalb ihr Gesang ohne Begleitung sehr mager und

unsicher klingen werde. Nun fing sie mit zarter glockenreiner, tief

aus dem Herzen tönender Stimme ein Lied an, dessen einfache

Melodie ganz den Charakter jener Volkslieder trug, die so

klar aus dem Innern herausleuchten, daß wir in dem hellen

Schein, der uns umfließt, unsere höhere poetische Natur erken-

nen müssen. Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeu-

tenden Worten des Textes, der zur Hieroglyphe des Unaus-

sprechlichen wird, von dem unsere Brust erfüllt. Wer denkt nicht

an jene spanische Kanzonetta, deren Inhalt den Worten nach

nicht viel mehr ist, als: Mit meinem Mädchen schifft ich auf dem

Meer, da wurd es stürmisch, und mein Mädchen wankte furcht-

sam hin und her. Nein! - nicht schiff ich wieder mit meinem

Mädchen auf dem Meer! - So sagte der Baronin Liedlein nichts

weiter: Jüngst tanzt ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da

fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie

mir und sprach: Wann, mein Mädchen, gehn wir wieder zur

Hochzeit? - Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in

harpeggierenden Akkorden begleitete, als ich in der Begeiste-

rung, die mich erfaßt, die Melodien der folgenden Lieder gleich

von den Lippen der Baronin wegstahl, da erschien ich ihr und

der Fräulein Adelheid wie der größte Meister der Tonkunst, sie

überhäuften mich mit Lobsprüchen. Die angezündeten Lichter

des Ballsaals im Seitenflügel brannten hinein in das Gemach der

Baronin, und ein mißtöniges Geschrei von Trompeten und Hör-

nern verkündete, daß es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln.

"Ach, nun muß ich fort", rief die Baronin, ich sprang auf vom

Instrument. "Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es

waren die heitersten Momente, die ich jemals hier in ... . sitten

verlebte." Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand;

als ich sie im Rausch des höchsten Entzückens an die Lippen

drückte, fühlte ich ihre Finger heftig pulsierend an meiner Hand

anschlagen! Ich weiß nicht, wie ich in des Großonkels Zimmer,

wie ich dann in den Ballsaal kam. - Jener Gaskogner fürchtete

die Schlacht, weil jede Wunde ihm tödlich werden müsse, da er

ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in meiner Stim-

mung gleichen! Jede Berührung wird tödlich. Der Baronin Hand,

die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete

Pfeile, mein Blut brannte in den Adern! - Ohne mich gerade

auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch bald die

Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und ich

war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und

heitrem Tone gesprochen, plötzlich sehr ernst wurde und anfing:

"Ich bitte, dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit

aller Macht ergriffen! - Wisse, daß dein Beginnen, so harmlos

wie es scheint, die entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst

in achtlosem Wahnsinn auf dünner Eisdecke, die bricht unter dir,

ehe du dich es versiehst, und du plumpst hinein. Ich werde mich

hüten, dich am Rockschoß festzuhalten, denn ich weiß, du rap-

pelst dich selbst wieder heraus und sprichst, zum Tode erkrankt:

"Das bißchen Schnupfen bekam ich im Traume"; aber ein böses

Fieber wird zehren an deinem Lebensmark, und Jahre werden

hingehen, ehe du dich ermannst. - Hoi der Teufel deine Musik,

wenn du damit nichts Besseres anzufangen weißt, als empfin-

delnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe!"

"Aber", unterbrach ich den Alten, "kommt es mir denn in den

Sinn, mich bei der Baronin einzuliebeln?" "Affe!" rief der Alte,

"wüßt ich das, so würfe ich dich hier durchs Fenster!" - Der

Baron unterbrach das peinliche Gespräch, und das beginnende

Geschäft riß mich aus der Liebesträumerei, in der ich nur Sera-

phinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin

nur dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber bei-

nahe kein Abend verging, daß nicht heimliche Botschaft kam

von Fräulein Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald

geschah es, daß mannigfache Gespräche mit der Musik wechsel-

ten. Fräulein Adelheid, die beinahe nicht jung genug war, um so

naiv und drollig zu sein, sprang mit allerlei lustigem und etwas

konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich und Seraphine uns zu

vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und Träumereien.

Aus mancher Andeutung mußt ich bald erfahren, daß der Baro-

nin wirklich irgend etwas Verstörendes im Sinn liege, wie ich es

gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen

glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir

ganz klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte ge-

schehen. Wie oft drängte es mich, Seraphinen zu erzählen, wie

mich der unsichtbare Feind berührt, und wie ihn der Alte, gewiß

für immer, gebannt habe, aber eine mir selbst unerklärliche Scheu

fesselte mir die Zunge im Augenblick, als ich reden wollte.

Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hieß,

sie kränkle und könne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend

frug man den Baron, ob das Übel von Bedeutung sei. Er lächelte

auf fatale Art, recht wie bitter höhnend, und sprach: "Nichts als

ein leichter Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun

einmal hier kein süßes Stimmchen duldet und keine andern Töne

leidet als das derbe Halloh der Jagd." - Bei diesen Worten warf

der Baron mir, der ihm schrägüber saß, einen stechenden Blick

zu. Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Fräulein

Adelheid, die neben mir saß, wurde blutrot; vor sich hin auf den

Teller starrend und mit der Gabel darauf herumkritzelnd,

lispelte sie: "Und noch heute siehst du Seraphinen, und noch

heute werden deine süßen Liederchen beruhigend sich an das

kranke Herz legen." - Auch Adelheid sprach diese Worte für

mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit der

Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhältnis, das nur mit

dem Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen könne. - Die

Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte

ich beginnen! - Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im

Schlosse blieb, unmöglich, und durfte ich auch das Schloß ver-

lassen und nach K. zurückgehen, ich vermochte es nicht. Ach!

nur zu sehr fühlt ich, daß ich nicht stark genug war, mich selbst

aufzurütteln aus dem Traum, der mich mit fantastischem Liebes-

glück neckte. Adelheid erschien mir beinahe als gemeine Kupp-

lerin, ich wollte sie deshalb verachten - und doch, mich wieder

besinnend, mußte ich mich meiner Albernheit schämen. Was ge-

schah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein

näheres Verhältnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es er-

laubten, herbeiführen konnte? Wie durfte es mir einfallen, daß

die Baronin irgend etwas für mich fühlen sollte, und doch war

ich von der Gefahr meiner Lage überzeugt!

Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wölfe

gehen sollte, die sich in dem Föhrenwalde, ganz nahe dem

Schlosse, hatten blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner

aufgeregten Stimmung, ich erklärte dem Alten, mitziehn zu

wollen, er lächelte mich zufrieden an, sprechend: "Das ist brav,

daß du auch einmal dich herausmachst, ich bleibe heim, du

kannst meine Büchse nehmen, und schnalle auch meinen Hirsch-

fänger um, im Fall der Not ist das eine gute sichere Waffe, wenn

man nur gleichmütig bleibt." Der Teil des Waldes, in dem die

Wölfe lagern mußten, wurde von den Jägern umstellt. Es war

schneidend kalt, der Wind heulte durch die Föhren und trieb mir

die hellen Schneeflocken ins Gesicht, daß ich, als nun vollends

die Dämmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir hin-

schauen konnte. Ganz erstarrt verließ ich den mir angewiesenen

Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einen

Baum, die Büchse unterm Arm. Ich vergaß die Jagd, meine Ge-

danken trugen mich fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer.

Ganz entfernt fielen Schüsse, in demselben Moment rauschte es

im Röhricht, und nicht zehn Schritte von mir erblickte ich einen

starken Wolf, der vorüberrennen wollte. Ich legte an, drückte

ab - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit glühenden Augen auf

mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht Besonnenheit genug,

das Jagdmesser herauszureißen, das ich dem Tier, als es mich

packen wollte, tief in die Gurgel stieß, so daß das Blut mir über

Hand und Arm spritzte. Einer von den Jägern des Barons, der

mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herange-

laufen, und auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle

um uns. Der Baron eilte auf mich zu: "Um des Himmels willen.

Sie bluten? - Sie bluten - Sie sind verwundet?" Ich versicherte

das Gegenteil; da fiel der Baron über den Jäger her, der mir der

nächste gestanden, und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er

nicht nachgeschossen, als ich gefehlt, und unerachtet dieser ver-

sicherte, daß das gar nicht möglich gewesen, weil in derselben

Sekunde der Wolf auf mich zugestürzt, so daß jeder Schuß mich

hätte treffen können, so blieb doch der Baron dabei, daß er mich

als einen minder erfahrnen Jäger in besondere Obhut hätte

nehmen sollen. Unterdessen hatten die Jäger das Tier aufge-

hoben, es war der größte der Art, das sich seit langer Zeit hatte

sehen lassen, und man bewunderte allgemein meinen Mut und

meine Entschlossenheit, unerachtet mir mein Benehmen sehr

natürlich schien, und ich in der Tat an die Lebensgefahr, in der

ich schwebte, gar nicht gedacht hatte. Vorzüglich bewies sich der

Baron teilnehmend, er konnte gar nicht aufhören zu fragen, ob

ich, sei ich auch nicht von der Bestie verwundet, doch nichts von

den Folgen des Schrecks fürchte. Es ging zurück nach dem

Schlosse, der Baron faßte mich wie einen Freund unter den Arm,

die Büchse mußte ein Jäger tragen. Er sprach noch immer von

meiner heroischen Tat, so daß ich am Ende selbst an meinen

Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst

dem Baron gegenüber als ein Mann von Mut und seltener Ent-

schlossenheit festgestellt fühlte. Der Schulknabe, hatte sein Ex-

amen glücklich bestanden, war kein Schulknabe mehr, und alle

demütige Ängstlichkeit des Schulknaben war von ihm gewichen.

Erworbe schien mir jetzt das Recht, mich um Seraphinens

Gunst zu mühen. - Man weiß ja, welcher albernen Zusammen-

stellungen die Fantasie eines verliebten Jünglings fähig ist. - Im

Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf blieb ich

der Held des Tages; nur der Baron selbst hatte außer mir noch

einen tüchtigen Wolf erlegt, die übrigen mußten sich begnügen,

ihre Fehlschlüsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und

grauliche Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glück und

überstandener Gefahr zu erzählen. Von dem Alten glaubte ich

nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden; mit diesem An-

spruch erzählte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und ver-

gaß nicht, das wilde, blutrünstige Ansehn der wilden Bestie mit

recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins

Gesicht und sprach. "Gott ist mächtig in den Schwachen!" -

Als ich, des Trinkens, der Gesellschaft überdrüssig, durch den

Korridor nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine

Gestalt mit dem Licht in der Hand hineinschlüpfen. In den Saal

tretend erkannte ich Fräulein Adelheid. "Muß man nicht umher-

irren wie ein Gespenst, wie ein Nachtwandler, um Sie, mein

tapferer Wolfsjäger, aufzufinden! -" So lispelte sie mir zu, in-

dem sie mich bei der Hand ergriff. Die Worte: "Nachtwandler

- Gespenst", fielen mir, hier an diesem Orte, ausgesprochen,

schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die gespensti-

schen Erscheinungen jener beiden graulichen Nächte in Sinn und

Gedanken; wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltönen

herüber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfen-

ster, und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die ge-

heimnisvolle Wand, an der sich das Kratzen vernehmen ließ. Ich

glaubte Blutflecke daran zu erkennen. Fräulein Adelheid mußte,

mich noch immer bei der Hand haltend, die Eiskälte fühlen, die

mich durchschauerte. "Was ist Ihnen, was ist Ihnen", sprach sie

leise, "Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will Sie ins Leben rufen.

Wissen Sie wohl, daß die Baronin es gar nicht erwarten kann,

Sie zu sehen? - Eher glaubt sie nicht, daß der böse Wolf Sie

wirklich nicht zerbissen hat. Sie ängstigt sich unglaublich! - Ei,

ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen!

Noch niemals habe ich sie so gesehen. - Hui - wie jetzt der Puls

anfängt zu prickeln! - wie der tote Herr so plötzlich erwacht

ist! - Nein, kommen Sie - fein leise - wir müssen zur kleinen

Baronin!" - Ich ließ mich schweigend fortziehen; die Art, wie

Adelheid von der Baronin sprach, schien mir unwürdig, und

vorzüglich die Andeutung des Verständnisses zwischen uns ge-

mein. Als ich mit Adelheid eintrat, kam Seraphine mir mit einem

leisen Ach! drei - vier Schritte rasch entgegen, dann blieb sie,

wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen, ich wagte, ihre

Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drücken. Die

Baronin ließ ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach:

"Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wölfen auf-

zunehmen? Wissen Sie denn nicht, daß Orpheus", Amphions

fabelhafte Zeit längst vorüber ist, und daß die wilden Tiere

allen Respekt vor den vortrefflichen Sängern ganz verloren ha-

ben?" Diese anmutige Wendung, mit der die Barnonin ihrer

lebhaften Teilnahme sogleich alle Mißdeutung abschnitt, brachte

mich augenblicklich in richtigen Ton und Takt. Ich weiß selbst

nicht, wie es kam, daß ich nicht wie gewöhnlich mich an das

Instrument setzte, sondern neben der Baronin auf dem Kanapee

Platz nahm. Mit dem Wort: "Und wie kamen Sie denn in Ge-

fahr?" erwies sich unser Einverständnis, daß es heute nicht auf

Musik, sondern auf Gespräch abgesehen sei. Nachdem ich meine

Abenteuer im Walde erzählt und der lebhaften Teilnahme des

Barons erwähnt mit der leisen Andeutung, daß ich ihn deren

nicht für fähig gehalten, fing die Baronin mit sehr weicher, bei-

nahe wehmütiger Stimme an: "Oh, wie muß Ihnen der Baron so

stürmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur wäh-

rend des Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern,

nur während des wilden Jagens in den öden Föhrenwäldern

ändert er sein ganzes Wesen, wenigstens sein äußeres Betragen.

Was ihn vorzüglich so ganz und gar verstimmt, ist der Gedanke,

der ihn beständig verfolgt, daß hier irgend etwas Entsetzliches

geschehen werde: daher hat ihn Ihr Abenteuer, das zum Glück

ohne üble Folgen blieb, gewiß tief erschüttert. Nicht den gering-

sten seiner Diener will er der mindesten Gefahr ausgesetzt wis-

sen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund, und ich

weiß gewiß, daß Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche ge-

lassen zu haben, wo nicht mit Gefängnis bestraft werden, doch

die beschämende Jägerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit

einem Knittel in der Hand sich dem Jagdgefolge anschließen zu

müssen. Schon, daß solche Jagden wie hier nie ohne Gefahr sind,

und daß der Baron, immer Unglück befürchtend, doch in der

Freude und Lust daran selbst den bösen Dämon neckt, bringt

etwas Zerrissenes in sein Leben, das feindlich selbst auf mich

wirken muß. Man erzählt viel Seltsames von dem Ahnherrn,

der das Majorat stiftete, und ich weiß es wohl, daß ein düsteres

Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie ein

entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur mög-

lich macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewühl

auszudauern. Aber ich! - wie einsam muß ich mich in diesem

Gewühl befinden, und wie muß mich das Unheimliche, das aus

allen Wänden weht, im Innersten aufregen! Sie, mein lieber

Freund! haben mir die ersten heitern Augenblicke, die ich hier

verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie kann ich Ihnen

denn herzlich genug dafür danken! -" Ich küßte die mir darge-

botene Hand, indem ich erklärte: daß auch ich gleich am ersten

Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Auf-

enthalts bis zum tiefsten Entsetzen gefühlt habe. Die Baronin

blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche der Bauart

des ganzen Schlosses, vorzüglich den Verzierungen im Gerichts-

saal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein,

daß Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, daß ich noch etwas

anderes meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig:

"Nein, nein - es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen

in jenem Saal, den ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwöre

Sie - sagen Sie mir alles!"

Zur Totenblässe war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah

wohl ein, daß es nun geratener sei, alles, was mir widerfahren,

getreulich zu erzählen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es

zu überlassen. Sie hörte mich an, und immer mehr und mehr stieg

ihre Benommenheit und Angst. Als ich des Kratzens an der

Wand erwähnte, schrie sie auf: "Das ist entsetzlich - ja, ja - in

dieser Mauer ist jenes fürchterliche Geheimnis verborgen! -"

Als ich dann weiter erzählte, wie der Alte mit geistiger Gewalt

und Übermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als würde sie

frei von einer schweren Last, die ihre Brust gedrückt. Sich zu-

rücklehnend hielt sie beide Hände vors Gesicht. Erst jetzt be-

merkte ich, daß Adelheid uns verlassen. Längst hatte ich geen-

det, und da Seraphine noch immer schwieg, stand ich leise auf,

ging an das Instrument und mühte mich, in anschwellenden

Akkorden tröstende Geister heraufzurufen, die Seraphinen dem

finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzählung erschlossen,

entführen sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich es vermochte,

eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani. In den weh-

mutsvollen Klängen des: Ochi, perche piangete - erwachte Sera-

phine aus düstern Träumen und horchte mild lächelnd, glän-

zende Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, daß

ich vor ihr hinkniete, daß sie sich zu mir herabbeugte, daß ich

sie mit meinen Armen umschlang, daß ein langer glühender Kuß

auf meinen Lippen brannte? - Wie geschah es denn, daß ich

nicht die Besinnung verlor, daß ich es fühlte, wie sie sanft mich

an sich drückte, daß ich sie aus meinen Armen ließ und schnell

mich emporrichtend an das Instrument trat? Von mir abgewen-

det ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster hin, dann

kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande, der

ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge blickend,

sprach sie: "Ihr Onkel ist der würdigste Greis, den ich kenne, er

ist der Schutzengel unserer Familie - möge er mich einschließen

in sein frommes Gebet!"

Ich war keines Wortes mächtig, verderbliches Gift, das ich in

jenem Kusse eingesogen, gärte und flammte in allen Pulsen, in

allen Nerven! Fräulein Adelheid trat herein - die Wut des

innern Kampfes strömte aus in heißen Tränen, die ich nicht zu-

rückzudrängen vermochte! - Adelheid blickte mich verwundert

und zweifelhaft lächelnd an - ich hätte sie ermorden können!

Die Baronin reichte mir die Hand und sprach mit unbeschreib-

licher Milde: "Leben Sie wohl, mein lieber Freund! - Leben Sie

recht wohl, denken Sie daran, daß vielleicht niemand besser als

ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Töne werden lange -

lange in meinem Innern wiederklingen." Ich zwang mir einige

unzusammenhängende alberne Worte ab und lief nach unserm

Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb

im Saal, ich stürzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den

Namen der Geliebten, kurz, ich überließ mich den Torheiten

des verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf

des über mein Toben aufgewachten Alten: "Vetter, ich glaube du

bist verrückt geworden oder balgst dich aufs neue mit einem

Wolf? - Scher dich zu Bette, wenn es dir sonst gefällig ist!" -

nur dieser Zuruf trieb mich hinein ins Gemach, wo ich mich mit

dem festen Vorsatz niederlegte, nur von Seraphinen zu träumen.

Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht einge-

schlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das

Öffnen und Zuschlagen von Türen zu vernehmen glaubte. Ich

horchte auf, da hörte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen,

die Tür des Saals wurde geöffnet, und bald klopfte es an unser

Gemach. "Wer ist da?" rief ich laut; da sprach es draußen:

"Herr Justitianus - Herr Justitianus, wachen Sie auf - wachen

Sie auf!" - Ich erkannte, Franzens Stimme, und indem ich frug:

"Brennt es im Schlosse?" wurde der Alte wach und rief: "Wo

brennt es? - wo ist schon wieder verdammter Teufelsspuk los?"

"Ach, stehen Sie auf, Herr Justitianus", sprach Franz, "stehen

Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen!" "Was will der

Baron von mir", frug der Alte weiter, "was will er von mir zur

Nachtzeit? - weiß er nicht, daß das Justitiariat mit dem Justi-

tianus zu Bette geht und ebenso gut schläft als er?" "Ach", rief

nun Franz ängstlich, "lieber Herr Justitianus", stehen Sie doch

nur auf - die gnädige Frau Baronin liegt im Sterben!" Mit einem

Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. "Offne Franzen die Tür", rief

mir der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum,

ohne Tür und Schloß zu finden. Der Alte mußte mir beistehen,

Franz trat bleich mit verstörtem Gesicht herein und zündete die

Lichter an. Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hörten

wir schon den Baron im Saal rufen: "Kann ich Sie sprechen, lie-

ber V.?" - "Warum hast du dich angezogen, Vetter, der Baron

hat nur nach mir verlangt?" frug der Alte, im Begriff heraus-

zutreten. "Ich muß hinab - ich muß sie sehen und dann ster-

ben", sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen

Schmerz. "Ja so! da hast du recht, Vetter!" Dies sprechend, warf

mir der Alte die Tür vor der Nase zu, daß die Angeln klirrten,

und verschloß sie von draußen. Im ersten Augenblick, über die-

sen Zwang empört, wollt ich die Tür einrennen, aber mich schnell

besinnend, daß dieses nur die verderblichen Folgen einer unge-

zügelten Raserei haben könne, beschloß ich, die Rückkehr des

Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es wolle, seiner Auf-

sicht zu entschlüpfen. Ich hörte den Alten heftig mit dem Baron

reden, ich hörte mehrmals meinen Namen nennen, ohne weiteres

verstehen zu können. - Mit jeder Sekunde wurde mir meine

Lage tödlicher. - Endlich vernahm ich, wie dem Baron eine Bot-

schaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte. Der Alte

trat wieder in das Zimmer - "Sie ist tot - mit diesem Schrei

stürzte ich dem Alten entgegen - "Und du bist närrisch!" fiel er

gelassen ein, faßte mich und drückte mich in einen Stuhl. "Ich

muß hinab", schrie ich, "ich muß hinab sie sehen, und sollt es

mir das Leben kosten!" - "Tue das, lieber Vetter", sprach der

Alte, indem er die Tür verschloß, den Schlüssel abzog und in die

Tasche steckte. Nun flammte ich auf in toller Wut, ich griff nach

der geladenen Büchse und schrie: "Hier vor Ihren Augen jage

ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht sogleich mir

die Tür öffnen." Da trat der Alte dicht vor mir hin und sprach,

indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge faßte:

"Glaubst du, Knabe, daß du mich mit deiner armseligen Dro-

hung erschrecken kannst? - Glaubst du, daß mir dein Leben

was wert ist, wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit

wie ein abgenutztes Spielzeug wegzuwerfen? - Was hast du mit

dem Weibe des Barons zu schaffen? - wer gibt dir das Recht,

dich wie ein überlästiger Geck da hinzudrängen, wo du nicht hin-

gehörst, und wo man dich auch gar nicht mag? - Willst du den

liebelnden Schäfer machen in ernster Todesstunde?" - Ich sank

vernichtet in den Lehnstuhl. - Nach einer Weile fuhr der Alte

mit milderer Stimme fort: "Und damit du es nur weißt, mit der

angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz

und gar nichts - Fräulein Adelheid ist denn nun gleich außer

sich über alles; wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fällt, so

schreit sie ,Welch ein schreckliches Unwetter!"- Zum Unglück

ist der Feuerlärm bis zu den alten Tanten gedrungen, die sind

unter unziemlichem Weinen mit einem ganzen Arsenal von stär-

kenden Tropfen - Lebenselexieren, und was weiß ich sonst, an-

gerückt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht" - Der

Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kämpfte.

Er ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor

mir hin, lachte recht herzlich und sprach: "Vetter, Vetter! was

treibst du für närrisches Zeug? - Nun! es ist einmal nicht

anders, der Satan treibt hier seinen Spuk auf mancherlei Weise,

du bist ihm ganz lustig in die Krallen gelaufen, und er macht

jetzt sein Tänzchen mit dir." - Er ging wieder einige Schritte

auf und ab, dann sprach er weiter: "Mit dem Schlaf ists nun ein-

mal vorbei, und da dächt ich, man rauchte eine Pfeife und brächte

so noch die paar Stündchen Nacht und Finsternis hin!" - Mit

diesen Worten nahm der Alte eine tönerne Pfeife vom Wand-

schrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam

und sorgfältig, dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein

Blatt herausriß, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte.

Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den

Zähnen: "Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf?" - Ich weiß

nicht, wie dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte.

- Es war, als sei ich gar nicht mehr in R... sitten - die Baronin

weit - weit von mir entfernt, so daß ich sie nur mit den geflügel-

ten Gedanken erreichen könne! - Die letzte Frage des Alten ver-

droß mich. "Aber", fiel ich ein, "finden Sie mein Jagdabenteuer

so lustig, so zum Bespötteln geignet?" "Mitnichten", erwiderte

der Alte, "mitnichten, Herr Vetter, aber du glaubst nicht, welch

komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie du schneidet, und

wie er sich überhaupt so possierlich dabei macht, wenn der liebe

Gott ihn einmal würdigt, was Besonderes ihm passieren zu las-

sen. - Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller, be-

sonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte

ihn, der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und

er, den die mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen

Pinsel hielten, benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlos-

senem Mute, daß alle ihn höchlich bewunderten. Aber seit der

Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleißigen besonnenen

Jünglinge wurde ein prahlhafter unausstehlicher Raufbold. Er

kommerschierte und jubelte und schlug dummer Kinderei halber

sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er

auf pöbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstieß. - Ich er-

zähle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du

willst! - Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit

zu kommen -, Es ließen sich in dem Augenblick leise Tritte auf

dem Saal hören, und mir war es, als ginge ein schauerliches

Ächzen durch die Lüfte! - "Sie ist hin!" - der Gedanke durch-

fuhr mich wie ein tötender Blitz! - Der Alte stand rasch auf und

rief laut: "Franz - Franz!" - "Ja, lieber Herr Justitianus",

antwortete es draußen. "Franz", fuhr der Alte fort, "schüre ein

wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es tunlich, so

magst du für uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es ist

verteufelt kalt", wandte sich der Alte zu mir, "und da wollen

wir uns lieber draußen am Kamine was erzählen." Der Alte

schloß die Tür auf, ich folgte ihm mechanisch. "Wie gehts

unten?", frug der Alte. "Ach", erwiderte Franz, "es hatte gar

nicht viel zu bedeuten, die gnädige Frau Baronin sind wieder

ganz munter und schieben das bißchen Ohnmacht auf einen

bösen Traum!" - Ich wollte aufjauchzen vor Freude und Ent-

zücken, ein sehr ernster Blick des Alten wies mich zur Ruhe. -

"Ja", sprach der Alte, "im Grunde genommen wärs doch besser,

wir legten uns noch ein paar Stündchen aufs Ohr - Laß es nur

gut sein mit dem Tee, Franz!" - "Wie Sie befehlen, Herr Justi-

tianus", erwiderte Franz und verließ den Saal mit dem Wunsch

einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hähne krähten.

"Höre, Vetter!" sprach der Alte, indem er die Pfeife im Kamin

ausklopfte, "höre, Vetter, gut ists doch, daß dir kein Malheur

passiert ist mit Wölfen und geladenen Büchsen!" - Ich verstand

jetzt alles und schämte mich, daß ich dem Alten Anlaß gab, mich

zu behandeln wie ein ungezogenes Kind.

"Sei so gut", sprach der Alte am andern Morgen, "sei so gut,

lieber Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der

Baronin steht. Du kannst nur immer nach Fräulein Adelheid

fragen, die wird dich denn wohl mit einem tüchtigen Bulletin

versehen." - Man kann denken, wie ich hinabeilte. Doch in dem

Augenblick, als ich leise an das Vorgemach der Baronin pochen

wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben entgegen. Er

blieb verwundert stehen und maß mich mit finsterm durchboh-

renden Blick. "Was wollen Sie hier!" fuhr es ihm heraus. Uner-

achtet mir das Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusam-

men und erwiderte mit festem Ton: "Mich im Auftrage des

Onkels nach dem Befinden der gnädigen Frau erkundigen." "0

es war ja gar nichts - ihr gewöhnlicher Nervenzufall. Sie schläft

sanft, und ich weiß, daß sie wohl und munter bei der Tafel er-

scheinen wird! - Sagen Sie das - Sagen Sie das" - Dies sprach

der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die

mir anzudeuten schien, daß er um die Baronin besorgter sei, als

er es wolle merken lassen. Ich wandte mich, um zurückzukehren,

da ergriff der Baron plötzlich meinen Arm und rief mit flam-

mendem Blick: "Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger Mann!"

- Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor mir, und mußt

ich nicht einen Auftritt befürchten, der vielleicht schmachvoll

für mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment

besann ich mich auf mein künstliches Jagdmesser, das mir der

Alte erst in R...sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche

trug. Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit

dem Entschluß keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen

sollte, unwürdig behandelt zu werden. Wir waren in des Barons

Zimmer eingetreten, dessen Tür er hinter sich abschloß. Nun

schritt er mit übereinandergeschlagenen Armen heftig auf und

ab, dann blieb er vor mir stehen und wiederholte: "Ich habe mit

Ihnen zu sprechen, junger Mann!" - Der verwegenste Mut war

mir gekommen, und ich wiederholte mit erhöhtem Tone: "Ich

hoffe, daß es Worte sein werden, die ich ungeahndet hören darf!"

Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich

nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme über den

Rücken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er

nahm eine Büchse herab und stieß den Ladestock hinein, als

wolle er versuchen, ob sie geladen sei oder nicht! - Das Blut stieg

mir in den Adern, ich faßte nach dem Messer und schritt dicht

auf den Baron zu, um es ihm unmöglich zu machen, auf mich

anzulegen. "Ein schönes Gewehr", sprach der Baron, die Büchse

wieder in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurück

und der Baron an mich heran; kräftiger auf meine Schulter

schlagend, als gerade nötig, sprach er dann: "Ich muß Ihnen

aufgeregt und verstört vorkommen, Theodor, ich bin es auch

wirklich von der in tausend Ängsten durchwachten Nacht. Der

Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefährlich, das

sehe ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schloß, in das ein

finstrer Geist gebannt ist, fürcht ich das Entsetzliche, und dann

ist es auch das erste Mal, daß sie hier erkrankte. Sie - Sie allein

sind daran schuld!" - Wie das möglich sein könne, davon hätte

ich keine Ahnung, erwiderte ich gelassen. "0", fuhr der Baron

fort, "0 wäre der verdammte Unglückskasten der Inspektorin

auf blankem Eis zerbrochen in tausend Stücke, 0 wären Sie -

doch nein! - nein! Es sollte, es mußte so sein, und ich allein bin

schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick, als Sie an-

fingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von

der ganzen Lage der Sache, von der Gemütsstimmung meiner

Frau zu unterrichten" - Ich machte Miene zu sprechen - "Las-

sen Sie mich reden", rief der Baron, "ich muß im voraus Ihnen

alles voreilige Urteil abschneiden. Sie werden mich für einen rau-

hen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin das keineswegs,

aber eine auf tiefe Überzeugung gebaute Rücksicht nötigt mich,

hier womöglich solcher Musik, die jedes Gemüt und auch das

meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie, daß mei-

ne Frau an einer Erregbarkeit kränkelt, die am Ende alle Lebens-

freude wegzehren muß. In diesen wunderlichen Mauern kommt

sie gar nicht heraus aus dem erhöhten überreizten Zustande, der

sonst nur momentan einzutreten pflegt und zwar oft als Vorbote

einer ernsten Krankheit. Sie fragen mit Recht, warum ich der zar-

ten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt, dieses wilde verwirrte

Jägerleben nicht erspare? Aber nennen Sie es immerhin Schwä-

che, genug, mir ist es nicht möglich, sie allein zurückzulassen.

In tausend Ängsten und nicht fähig Ernstes zu unternehmen

würde ich sein, denn ich weiß es, die entsetzlichsten Bilder von

allerlei verstörendem Ungemach, das ihr widerfahren, verließen

mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal. - Dann aber glaube

ich auch, daß dem schwächlichen Weibe gerade diese Wirtschaft

hier wie ein erkräftigendes Stahlbad anschlagen muß - Wahr-

haftig, der Seewind, der nach seiner Art tüchtig durch die Föhren

saust, das dumpfe Gebell der Doggen, der keck und munter

schmetternde Hörnerklang muß hier siegen, über die verweich-

lenden, schmachtenden Pinseleien am Klavier, das so kein Mann

spielen sollte, aber Sie haben es darauf angelegt, meine Frau

methodisch zu Tode zu quälen!" - Der Baron sagte dies mit

verstärkter Stimme und wildfunkelnden Augen - das Blut stieg

mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit der

Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er ließ mich nicht zu

Worte kommen. "Ich weiß, was Sie sagen wollen", fing er an,

"ich weiß es und wiederhole es, daß Sie auf dem Wege waren,

meine Frau zu töten, und daß ich Ihnen dies auch nicht im min-

desten zurechnen kann, wiewohl Sie begreifen, daß ich dem

Dinge Einhalt tun muß. - Kurz! - Sie exaltieren meine Frau

durch Spiel und Gesang, und als sie in dem bodenlosen Meere

träumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik wie ein

böser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer um-

herschwimmt, drücken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Er-

zählung eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal

geneckt haben soll. Ihr Großonkel hat mir alles erzählt, aber ich

bitte Sie, wiederholen Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht

sahen - hörten - fühlten - ahnten." Ich nahm mich zusam-

men und erzählte ruhig, wie es sich damit begeben, von Anfang

bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und wann einzelne Wor-

te, die sein Erstaunen ausdrückten, dazwischen. Als ich darauf

kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk entgegen-

gestellt und ihn gebannt habe mit kräftigen Worten, schlug er

die Hände zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und

rief begeistert: "Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! - ruhen

soll in der Gruft der Ahnen seine sterbliche Hülle!" - Ich hatte

geendet. "Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!"

murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit übereinander

geschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. "Weiter war

es also nichts, Herr Baron?" frug ich laut, indem ich Miene mach-

te mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum,

faßte freundlich mich bei der Hand und sprach: "Ja - lieber

Freund, meine Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu

wollen, die müssen Sie wieder herstellen - Sie allein können

das." Ich fühlte mich errötend, und stand ich dem Spiegel gegen-

über, so erblickte ich gewiß in ihm ein sehr albernes verdutztes

Gesicht. Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu wei-

den, er blickte mir unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen

ironischen Lächeln. "Wie in aller Welt sollte ich es anfangen?"

stotterte ich endlich mühsam heraus. "Nun, nun", unterbrach

mich der Baron, "sie haben es mit keiner gefährlichen Patientin

zu tun. Ich nehme jetzt ausdrücklich Ihre Kunst in Anspruch.

Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den Zauberkreis

Ihrer Musik, und sie plötzlich herauszureißen, würde töricht

und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur

Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkom-

men sein. Aber gehen Sie nach und nach über zu kräftigerer

Musik, verbinden Sie geschickt das Heitere mit dem Ernsten -

und dann, vor allen Dingen, wiederholen Sie die Erzählung von

dem unheimlichen Spuk recht oft. Die Baronin gewöhnt sich

daran, sie vergißt, daß der Spuk hier in diesen Mauern hauset,

und die Geschichte wirkt nicht stärker auf sie als jedes andere

Zaubermärchen, das in irgend einem Roman, in irgend einem

Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun Sie, lieber

Freund!" - Mit diesen Worten entließ mich der Baron - Ich

ging - Ich war vernichtet in meinem eignen Innern, herabge-

sunken zum bedeutungslosen, törichten Kinde! - Ich Wahnsin-

niger, der ich glaubte, Eifersucht könne sich in seiner Brust re-

gen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er selbst sieht in mir

nur das willenlose Mittel, das er braucht und wegwirft, wie es

ihm beliebt! - Vor wenig Minuten fürchtete ich den Baron, es

lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewußtsein der

Schuld, aber diese Schuld ließ mich das höhere, herrlichere Le-

ben deutlich fühlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken

in schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in

kindischer Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den

heißen Kopf stülpte, für echtes Gold gehalten. - Ich eilte zum

Alten, der schon auf mich wartete. "Nun Vetter, wo bleibst du

denn, wo bleibst du denn?" rief er mir entgegen. "Ich habe mit

dem Baron gesprochen", warf ich schnell und leise hin, ohne den

Alten anschauen zu können. "Tausend Sapperlot!" - sprach der

Alte wie verwundert, "Tausend Sapperlot, dachte ichs doch

gleich! - der Baron hat dich gewiß herausgefordert, Vetter?"

- Das schallende Gelächter, das der Alte gleich hinterher auf-

schlug, bewies mir, daß er auch dieses Mal, wie immer, ganz und

gar mich durchschaute. - Ich biß die Zähne zusammen - ich

mochte kein Wort erwidern, denn wohl wußt ich, daß es dessen

nur bedurfte, um sogleich von den tausend Neckereien über-

schüttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen schwebten.

Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das,

blendend weiß, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt

aus und abgespannt, doch als sie nun leise und melodisch spre-

chend die dunklen Augen erhob, da blitzte süßes, sehnsüchtiges

Verlangen aus düsterer Glut, und ein flüchtiges Rot überflog das

lilienblasse Antlitz. Sie war schöner als jemals. - Wer ermißt

die Torheiten eines Jünglings mit zu heißem Blut im Kopf und

Herzen! - Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt,

trug ich über auf die Baronin. Alles erschien mir wie eine heil-

lose Mystifikation, und nun wollt ich beweisen, daß ich gar sehr

bei vollem Verstande sei und über die Maßen scharfsichtig. -

Wie ein schmollendes Kind vermied ich die Baronin und ent-

schlüpfte der mich verfolgenden Adelheid, so daß ich, wie ich

gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden Offizieren

meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann. Beim

Nachtisch stießen wir fleißig diese Gläser zusammen, und, wie

es in solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewöhn-

lich laut und lustig. Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf

dem einige Bonbons lagen, mit den Worten: "von Fräulein

Adelheid". Ich nahm und bemerkte bald, daß auf einem der

Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: "Und Seraphine?" -

Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin nach

Adelheid, die sah mich an mit überaus schlauer, verschmitzter

Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken.

Beinahe willkürlos murmelte ich still: "Seraphine", nahm mein

Glas und leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr,

ich gewahrte, daß sie auch in dem Augenblick getrunken hatte

und ihr Glas eben hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen,

und ein schadenfroher Teufel raunte es mir in die Ohren: "Unse-

liger! - Sie liebt dich doch!"- Einer der Gäste stand auf und

brachte nordischer Sitte gemäß die Gesundheit der Frau vom

Hause aus - Die Gläser erklangen im lauten Jubel - Entzük-

ken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut des

Weins flammte in mir auf alles drehte sich in Kreisen, es war, als

müßte ich vor aller Augen" hinstürzen zu ihren Füßen und mein

Leben aushauchen! - "was ist Ihnen, lieber Freund?" Diese

Frage meines Nachbarn gab mir die Besinnung wieder, aber

Seraphine war verschwunden. - Die Tafel wurde aufgehoben.

Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie sprach allerlei, ich

hörte, ich verstand kein Wort - sie faßte mich bei beiden Hän-

den und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie von

der Starrsucht gelähmt blieb ich stumm und regungslos. Ich weiß

nur, daß ich endlich mechanisch ein Glas Likör aus Adelheids

Hand nahm und es austrank, daß ich mich einsam in einem Fen-

ster wiederfand, daß ich dann hinausstürzte aus dem Saal, die

Treppe hinab, und hinauslief in den Wald. In dichten Flocken

fiel der Schnee herab, die Föhren seufzten vom Sturm bewegt;

wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen und

lachte und schrie wild auf: "Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der

Teufel macht sein Tänzchen mit dem Knaben, der zu speisen

gedachte total verbotene Früchte!" - Wer weiß, wie mein tolles

Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen laut in den Wald

hineinrufen gehört. Das Wetter hatte nachgelassen, der Mond

schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hörte Doggen an-

schlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir näherte.

Es war der alte Jäger. "Ei, ei, lieber Herr Theodor!" fing er an,

"wie haben Sie sich denn verirrt in dem bösen Schneegestöber,

der Herr Justitianus warten auf Sie mit vieler Ungeduld!" -

Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Großonkel im Ge-

richtssaal arbeitend. "Das hast du gut gemacht", rief er mir ent-

gegen, "das hast du sehr gut gemacht, daß du ein wenig ins Freie

gingst, um dich gehörig abzukühlen. Trinke doch nicht so viel

Wein, du bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht." - Ich

brachte kein Wort hervor, schweigend setzte ich mich hin an den

Schreibtisch. "Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn

eigentlich der Baron von dir?" - Ich erzählte alles und schloß

damit, daß ich mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften

Kur, die der Baron vorgeschlagen. "Würde auch gar nicht ange-

hen", fiel der Alte mir in die Rede, "denn wir reisen morgen in

aller Frühe fort, lieber Vetter!" - Es geschah so, ich sah Sera-

phinen nicht wieder! -

Kaum angekommen in K., klagte der alte Großonkel, daß er

mehr als jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen

fühle. Sein mürrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen

Ausbrüchen der übelsten Laune, verkündete die Rückkehr sei-

ner podagristischen Zufälle. Eines Tages wurde ich schnell hingeru-

fen, ich fand den Alten, vom Schlage getroffen, sprachlos auf

dem Lager, einen zerknitterten Brief in der krampfhaft ge-

schlossenen Hand. Ich erkannte die Schriftzüge des Wirtschafts-

inspektors aus R...sitten, doch, von dem tiefsten Schmerz durch-

drungen, wagte ich es nicht, den Brief dem Alten zu entreißen,

ich zweifelte nicht an seinem baldigen Tod. Doch, noch ehe der

Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die wunderbar

kräftige Natur des siebzigjährigen Greises widerstand dem töd-

lichen Anfall, noch desselben Tages erklärte ihn der Arzt außer

Gefahr. Der Winter war hartnäckiger als jemals, ihm folgte ein

rauher, düsterer Frühling, und so kam es, daß nicht jener Zufall

sowohl als das Podagra, von dem bösen Klima wohl gehegt, den

Alten für lange Zeit auf das Krankenlager warf. In dieser Zeit

beschloß er, sich von jedem Geschäft ganz zurückzuziehen. Er

trat seine Justitiariate an andere ab, und so war mir jede Hoff-

nung verschwunden, jemals wieder nach R. . .sitten zu kommen.

Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er unter-

halten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerz-

losen Stunden seine Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an

derben Späßen nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten

kam und ich jeden Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie

ich den greulichen Wolf mit dem Jagdmesser erlegte, würde her-

halten müssen: niemals - niemals erwähnte er unseres Aufent-

halts in R. . . sitten, und wer mag nicht einsehen, daß ich aus

natürlicher Scheu mich wohl hütete, ihn geradezu darauf zu

bringen. - Meine bittere Sorge, meine stete Mühe um den Al-

ten hatte Seraphinens Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie

des Alten Krankheit nachließ, gedachte ich lebhafter wieder jenes

Moments im Zimmer der Baronin, der mir wie ein leuchtender,

auf ewig für mich untergegangener Stern erschien. Ein Ereignis

rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es mich zugleich

wie eine Erscheinung aus der Geisterwelt mit eiskalten Schauern

durchbebte! - Als ich nämlich eines Abends die Brieftasche, die

ich in R... sitten getragen, öffne, fällt mir aus den aufgeblätter-

ten Papieren eine dunkle, mit einem weißen Bande umschlun-

gene Locke entgegen, die ich augenblicklich für Seraphinens Haar

erkenne! aber als ich das Band näher betrachte, sehe ich deutlich

die Spur eines Blutstropfens! - Vielleicht wußte Adelheid in

jenen Augenblicken des bewußtlosen Wahnsinns, der mich am

letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken geschickt zuzustellen,

aber warum der Blutstropfen, der mich Entsetzliches ahnen ließ

und jenes beinahe zu schäfermäßige Pfand zur schauervollen

Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten konn-

te, hinaufsteigerte? - Das war jenes weiße Band, das mich, zum

erstenmal Seraphinen nahe, wie im leichten losen Spiel umflat-

terte, und dem nun die dunkle Macht das Wahrzeichen der Ver-

letzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der Knabe mit der

Waffe, deren Gefährlichkeit er nicht ermißt! -

Endlich hatten die Frühlingsstürme zu toben aufgehört, der

Sommer behauptete sein Recht, und war erst die Kälte uner-

träglich, so wurde es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der

Alte erkräftigte sich zusehends und zog, wie er sonst zu tun

pflegte, in einen Garten der Vorstadt. An einem stillen lauen

Abende saßen wir in der duftenden Jasminlaube, der Alte war

ungewöhnlich heiter und dabei nicht, wie sonst, voll sarkasti-

scher Ironie, sondern mild, beinahe weich gestimmt. "Vetter",

fing er an, "ich weiß nicht, wie mir heute ist, ein ganz besonderes

Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefühlt, durchdringt

mich mit gleichsam elektrischer Wärme. Ich glaube, das verkün-

det mir einen baldigen Tod." Ich mühte mich, ihn von dem

düstern Gedanken abzubringen. "Laß es gut sein, Vetter", sprach

er, "lange bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir

noch eine Schuld abtragen! - Denkst du noch an die Herbstzeit

in R... sitten?" - Wie ein Blitz durchfuhr mich diese Frage des

Alten, noch ehe ich zu antworten vermochte, fuhr er weiter fort:

"Der Himmel wollte es, daß du dort auf ganz eigne Weise ein-

tratst und wider deinen Willen eingeflochten wurdest in die tief-

sten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der Zeit, daß du

alles erfahren mußt. Oft genug, Vetter! haben wir über Dinge

gesprochen, die du mehr ahntest als verstandest. Die Natur stellt

den Zyklus des menschlichen Lebens in dem Wechsel der Jahres-

zeiten symbolisch dar, das sagen sie alle, aber ich meine das auf

andere Weis als alle. Die Frühlingsnebel fallen, die Dünste des

Sommers verdampfen, und erst des Herbstes reiner Äther zeigt

deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden versinkt in die

Nacht des Winters. - Ich meine, daß im Hellsehen des Alters

sich deutlicher das Walten der unerforschlichen Macht zeigt. Es

sind Blicke vergönnt in das gelobte Land, zu dem die Pilger-

fahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode. Wie wird mir in diesem

Augenblick so klar das dunkle Verhängnis jenes Hauses, dem

ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu schlingen

vermag, verknüpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor

meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor

mir sehe, das Eigentliche, das kann ich dir nicht mit Worten

sagen, keines Menschen Zunge ist dessen fähig. Höre, mein Sohn,

das, was ich dir nur wie eine merkwürdige Geschichte, die sich

wohl zutragen konnte, zu erzählen vermag. Bewahre tief in

deiner Seele die Erkenntnis, daß die geheimnisvollen Beziehun-

gen, in die du dich vielleicht nicht unberufen wagtest, dich ver-

derben konnten! - doch - das ist nun vorüber!" -

Die Geschichte des R... schen Majorats, die der Alte jetzt er-

zählte, trage ich so treu im Gedächtnis, daß ich sie beinahe mit

seinen Worten (er sprach von sich selbst in der dritten Person;)

zu wiederholen vermag.

*

In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein

entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitläufige Schloß in

tausend Trümmer zusammen, das Hausgesinde in R... sitten aus

tiefem Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden

angezündet, Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht,

keuchte der Hausverwalter mit den Schlüsseln herbei, aber nicht

gering war jedes Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der

das pfeifende Gerassel der mühsam geöffneten Schlösser, jeder

Fußtritt recht schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gänge,

Säle, Zimmer fort und fort wandelte. Nirgends die mindeste

Spur irgendeiner Verwüstung. Eine finstere Ahnung erfaßte den

alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den großen Rittersaal,

in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v. R. zu ruhen

pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt. Eine

zwischen der Tür dieses und eines andern Kabinetts angebrachte

Pforte führte durch einen engen Gang unmittelbar in den astro-

nomischen Turm. Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter

geheißen) diese Pforte öffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich

heulend und sausend, Schutt und zerbröckelte Mauersteine ent-

gegen, so daß er vor Entsetzen weit zurückprallte und, indem

er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd verlöschten, an die

Erde fallen ließ, laut aufschrie! "0 Herr des Himmels! der Ba-

ron ist jämmerlich zerschmettert!" - In dem Augenblick ließen

sich Klagelaute vernehmen, die aus dem Schlafkabinett des Frei-

herrn kamen. Daniel fand die übrigen Diener um den Leichnam

ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet als

jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesicht fanden sie ihn

sitzend in dem großen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er

aus von gewichtiger Arbeit. Es war aber der Tod, in dem er aus-

ruhte. Als es Tag geworden, gewahrte man, daß die Krone des

Turms in sich eingestürzt. Die großen Quadersteine hatten Decke

und Fußboden des astronomischen Zimmers eingeschlagen, nebst

 

 

Hier Seite 204 einfügen

 

 

 

 

 

kam. Der Baron vollendete sein Geschäft mit Ruhe, indem er das

letzte Stückchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen,

mit dem Fuße sorglich austrat. Dann warf er noch einen düstern

Blick auf den Vater und eilte mit schnellen Schritten zum Saal

hinaus.

Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich

geschehenen Verwüstung des Turmes bekannt und schilderte

mit vielen Worten, wie sich überhaupt alles in der Todesnacht

des alten seligen Herrn zugetragen, indem er damit endete, daß

es wohl geraten sein würde, sogleich den Turm herstellen zu

lassen, da, stürzte er noch mehr zusammen, das ganze Schloß in

Gefahr stehe, wo nicht zertrümmert, doch hart beschädigt zu

werden.

"Den Turm herstellen?" fuhr der Freiherr den alten Diener

funkelnden Zorn in den Augen an, "den Turm herstellen? -

Nimmermehr! - Merkst du denn nicht", fuhr er dann gelasse-

ner fort, ,,merkst du denn nicht, Alter, daß der Turm nicht so

ohne weitern Anlaß einstürzen konnte? - Wie, wenn mein Va-

ter selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine unheimliche Stern-

deuterei trieb, gewünscht, wie, wenn er selbst gewisse Vorrich-

tungen getroffen hätte, die es ihm möglich machten, die Krone

des Turms, wenn er wollte, einstürzen und so das Innere des

Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle

und mag auch das ganze Schloß zusammenstürzen, mir ist es

recht. Glaubt ihr denn, daß ich in dem abenteuerlichen Eulen-

neste hier hausen werde? - Nein! jener kluge Ahnherr, der in

dem schönen Talgrunde die Fundamente zu einem neuen Schloß

legen ließ, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich folgen." "Und

so werden", sprach Daniel kleinlaut, "dann auch wohl die alten

treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen müssen."

"Daß ich", erwiderte der Freiherr, mich nicht von unbehülflichen

schlotterbeinigten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich

von selbst, aber verstoßen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch

das Gnadenbrot gut genug schmecken." "Mich", rief der Alte

voller Schmerz, "mich, den Hausverwalter, so außer Aktivität-"

Da wandte der Freiherr, der dem Alten den Rücken gekehrt im

Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich plötzlich um, blutrot

im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt,

schritt er auf den Alten zu und schrie mit fürchterlicher Stimme:

Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten

Vater das unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie

ein Vampir an sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahn-

sinn verbrecherisch nützte, um in ihm die höllischen Entschlüsse

zu erzeugen, die mich an den Rand des Abgrunds brachten -

Dich sollte ich hinausstoßen wie einen räudigen Hund!" - Der

Alte war vor Schreck über diese entsetzlichen Reden dicht neben

dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es ge-

schehen, daß dieser, indem er vielleicht unwillkürlich, wie denn

im Zorn oft der Körper dem Gedanken mechanisch folgt und

das Gedachte mimisch ausführt, bei den letzten Worten den

rechten Fuß vorschleuderte, den Alten so hart an der Brust traf,

daß er mit einem dumpfen Schrei umstürzte. Er raffte sich müh-

sam in die Höhe, und indem er einen sonderbaren Laut gleich

dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod wunden Tieres

ausstieß, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick, in dem

Wut und Verzweiflung glühten. Den Beutel mit Geld, den ihm

der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, ließ er unberührt

auf dem Fußboden liegen. -

Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen näch-

sten Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk

wurde der alte Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche

von R... sitten befindlich, beigesetzt, und nun, da die gelade-

nen Gäste sich wieder entfernt, schien der neue Majoratsherr,

von der düstern Stimmung verlassen, sich des erworbenen Besitz-

tums recht zu erfreuen. Mit V., dem Justitianus des alten Frei-

herrn, dem er gleich, nachdem er ihn nur gesprochen, sein volles

Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt bestätigte, hielt er

genaue Rechnung über die Einkünfte des Majorats und über-

legte, wieviel davon verwandt werden könne zu Verbesserungen

und zum Aufbau eines neuen Schlosses. V. meinte, daß der alte

Freiherr unmöglich seine jährlichen Einkünfte aufgezehrt haben

könne, und daß, da sich unter den Briefschaften nur ein paar

unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die

in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler

nur um weniges überstiege, gewiß irgendwo noch Geld verbor-

gen sein müsse. Wer anders konnte davon unterrichtet sein als

Daniel, der störrisch und eigensinnig, wie er war, vielleicht nur

darauf wartete, daß man ihn darum befrage. Der Baron war

nicht wenig besorgt, daß Daniel, den er schwer beleidigt, nun

nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem kinder-

losen Greise, der im Stammschlosse R... sitten sein Leben zu

enden wünschte, die größte Summe Geldes helfen, als vielmehr,

um Rache zu nehmen für den erlittenen Schimpf, irgendwo ver-

steckte Schätze lieber vermodern lassen, als ihm entdecken werde.

Er erzählte V. den ganzen Vorfall mit Daniel umständlich und

schloß damit, daß nach mehreren Nachrichten, die ihm zugekom-

men, Daniel allein es gewesen sei, der in dem alten Freiherrn

einen unerklärlichen Abscheu, seine Söhne in R ...sitten wieder-

zusehen, zu nähren gewußt habe. Der Justitianus erklärte diese

Nachrichten durchaus für falsch, da kein menschliches Wesen

auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn Ent-

schlüsse nur einigermaßen zu lenken, viel weniger zu bestim-

men, und übernahm es übrigens, dem Daniel das Geheimnis we-

gen irgend in einem verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes

zu entlocken. Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der

Justitianus an: "Aber wie kommt es denn, Daniel, daß der alte

Herr so wenig hares Geld hinterlassen?" so erwiderte Daniel mit

widrigem Lächeln: "Meinen Sie die lumpichten paar Taler, Herr

Justitianus, die Sie in dem kleinen Kästchen fanden? - das

übrige liegt ja im Gewölbe neben dem Schlafkahinett des alten

gnädigen Herrn! - "Aber das Beste", fuhr er dann fort, indem

sein Lächeln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blut-

rotes Feuer in seinen Augen funkelte, "aber das Beste, viele

tausend Goldstücke liegen da unten im Schütt vergraben!" -

Der Justitianus rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab

sich in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rückte Daniel

an dem Getäfel der Wand, und ein Schloß wurde sichtbar. Indem

der Freiherr das Schloß mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber

Anstalt machte, die Schlüssel, welche an dem großen Bunde

hingen, das er mit vielem Geklapper mühsam aus der Tasche ge-

zerrt, an dem glänzenden Schlosse zu versuchen, stand Daniel

da hochaufgerichtet und wie mit hämischen Stolz herabblickend

auf den Freiherrn, der sich niedergebückt hatte, um das Schloß

besser in Augenschein zu nehmen. Den Tod im Antlitz, mit

behender Stimme sprach er dann: "Bin ich ein Hund, hochgnä-

diger Freiherr! - so bewahr ich auch in mir des Hundes Treue."

Damit reichte er dem Baron einen blanken stählernen Schlüssel

hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand riß und

die Tür mit leichter Mühe öffnete. Man trat in ein kleines nied-

riges Gewölbe, in welchem eine große eiserne Truhe mit geöff-

netem Deckel stand. Auf den vielen Geldsäcken lag ein Zettel.

Der alte Freiherr hatte mit seinen wohlbekannten großen alt-

väterischen Schriftzügen darauf geschrieben:

Einmal hundert und fünfzig tausend Reichstaler in alten

Friedrichsd’or erspartes Geld von den Einkünften des Majorats-

gutes R... sitten, und ist diese Summe hestimmt zum Bau des

Schlosses. Es soll ferner der Majoratsherr, der mir folgt im Be-

Sitztum, von diesem Gelde auf dem höchsten Hügel, östlich ge-

legen dem alten Schloßturm, den er eingestürzt finden wird,

einen hohen Leuchtturm zum Besten der Seefahrer aufführen

und allnächtlich feuern lassen.

R ... sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760.

Roderich Freiherr von R.

Erst als der Freiherr, die Beutel, einen nach dem andern, ge-

hoben und wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergötzend an

dem klirrenden Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem

alten Hausverwalter, dankte ihm für die bewiesene Treue und

versicherte, daß nur verleumderische Klätschereien schuld daran

wären, daß er ihm anfangs übel begegnet. Nicht allein im Schlos-

se sondern in vollem Dienst als Hausverwalter mit verdoppeltem

Gehalt solle er bleiben. "Ich bin dir volle Entschädigung schul-

dig, willst du Gold, so nimm dir einen von jenen Beuteln!" -

So schloß der Freiherr seine Rede, indem er mit niedergeschla-

genen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach dem

Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und

die Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat plötzlich glühende

Röte ins Gesicht, und er stieß jenen entsetzlichen, dem heulen-

den Gewimmer eines auf den Tod wunden Tiers ähnlichen Laut

aus, wie ihn der Freiherr dem Justitianus beschrieben. Dieser

erbebte, denn was der Alte nun zwischen den Zähnen murmelte,

klang wie: "Blut für Gold!" - Der Freiherr, vertieft in dem

Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht das Mindeste be-

merkt; Daniel, den es wie im krampfichten Fieberfrost durch

alle Glieder geschüttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in

demütiger Stellung dem Freiherrn, küßte ihm die Hand und

sprach mit weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch

sich über die Augen fuhr, als ob er Tränen wegwische: "Ach,

mein lieber gnädiger Herr, was soll ich armer kinderloser Greis

mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an

mit Freuden und will mein Amt verwalten rüstig und unver-

drossen!"

Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten

geachtet, ließ nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, daß

das ganze Gewölbe krachte und dröhnte, und sprach dann, in-

dem er die Truhe verschloß und die Schlüssel sorgfältig auszog,

schnell hingeworfen: "Schon gut, schon gut, Alter! - Aber du

hast noch", fuhr er fort, nachdem sie schon in den Saal getreten

waren, "aber du hast noch von vielen Goldstücken gesprochen,

die unten im zerstörten Turm liegen sollen?" Der Alte trat

schweigend an die Pforte und schloß sie mit Mühe auf. Aber so-

wie er die Flügel aufriß, trieb der Sturm dickes Schneegestöber

in den Saal; aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und

krächzend umher, schlug mit den schwarzen Schwingen gegen

die Fenster und stürzte sich, als er die offene Pforte wieder ge-

wonnen, in den Abgrund. Der Freiherr trat hinaus in den Korri-

dor, bebte aber zurück, als er kaum einen Blick in die Tiefe

geworfen. "Abscheulicher Anblick - Schwindel", stotterte er

und sank wie ohnmächtig dem Justitianus in die Arme. Er raffte

sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den Alten mit

scharfen Blicken erfassend: "Und da unten?" - Der Alte hatte

indessen die Pforte wieder verschlossen, er drückte nun noch mit

ganzer Leibeskraft dagegen, so daß er keuchte und ächzte, um

nur die großen Schlüssel aus den ganz verrosteten Schlössern

loswinden zu können. Dies endlich zustande gebracht, wandte

er sich um nach dem Baron und sprach, die großen Schlüssel in

der Hand hin und her schiebend, mit seltsamem Lächeln: "Ja,

da unten liegen tausend und tausend - alle schönen Instrumente

des seligen Herrn - Teleskope, Quadranten - Globen - Nacht-

spiegel - alles liegt zertrümmert im Schutt zwischen den Steinen

und Balken!" - "Aber, bares Geld, bares Geld", fiel der Frei-

herr ein, "du hast von Goldstücken gesprochen, Alter?" - "Ich

meinte nur", erwiderte der Alte, "Sachen, welche viele tausend

Goldstücke gekostet." - Mehr war aus dem Alten nicht heraus-

zubringen. -

Der Baron zeigte sich hoch erfreut, nun mit einemmal zu allen

Mitteln gelangt zu sein, deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan

ausführen, nämlich ein neues prächtiges Schloß aufbauen zu

können. Zwar meinte der Justitianus, daß nach dem Willen des

Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem völligen Ausbau

des alten Schlosses, die Rede sein könne, und daß in der Tat

jeder neue Bau schwerlich die ehrwürdige Größe, den ersten ein-

fachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der

Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, daß in sol-

chen Verfügungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sank-

tioniert worden, der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen

müsse. Er gab dabei zu verstehen, daß es seine Pflicht sei, den

Aufenthalt in R... sitten so zu verschönern, als es nur Klima,

Boden und Umgebung zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit

als sein innig geliebtes Weib ein Wesen heimzuführen, die in je-

der Hinsicht der größten Opfer würdig sei.

Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich über das viel-

leicht schon insgeheim geschlossene Bündnis äußerte, schnitt dem

Justitianus jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch

die Entscheidung des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich

in seinem Streben nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte

Person das schönere Vaterland, dem sie entsagen mußte, ganz ver-

gessen zu lassen, als eigentlichen Geiz finden wollte. Für geizig,

wenigstens für unausstehlich habsüchtig mußte er sonst den

Baron halten, der im Golde wühlend, die alten Friedrichsd’or

beäugelnd sich nicht enthalten konnte, mürrisch aufzufahren:

"Der alte Halunke hat uns gewiß den reichsten Schatz verschwie-

gen, aber künftigen Frühling laß ich den Turm ausräumen unter

meinen Augen." -

Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitläufig über-

legte, wie mit dem Bau am zweckmäßigsten zu verfahren sei.

Er verwarf Zeichnung auf Zeichnung, keine Architektur war

ihm reich, großartig genug. Nun fing er an, selbst zu zeichnen,

und aufgeheitert durch diese Beschäftigungen, die ihm beständig

das sonnenhelle Bild der glücklichsten Zukunft vor Augen stell-

ten, erfaßte ihn eine frohe Laune, die oft an Ausgelassenheit

anstreifte, und die er allen mitzuteilen wußte. Seine Freigebig-

keit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte wenigstens jeden

Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz jenen Tort,

der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich still und

demütig gegen den Freiherrn, der ihn des Schatzes in der Tiefe

halber oft mit mißtrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen

wunderbar vorkam, war, daß der Alte sich zu verjüngen schien

von Tage zu Tage. Es mochte sein, daß ihn der Schmerz um den

alten Herrn tief gebeugt hatte und er nun den Verlust zu ver-

schmerzen begann, wohl aber auch, daß er nun nicht wie sonst

kalte Nächte schlaflos auf dem Turm zubringen und bessere

Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel, genießen durfte, genug, aus

dem Greise schien ein rüstiger Mann werden zu wollen mit

roten Wangen und wohlgenährtem Körper, der kräftig auftrat

und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spaß gab. - Das

lustige Leben in R... sitten wurde durch die Ankunft eines Man-

nes unterbrochen, von dem man hätte denken sollen, er gehöre

nun gerade hin. Wolfgangs jüngerer Bruder Hubert war dieser

Mann, bei dessen Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen

Tod, laut aufschrie: "Unglücklicher, was willst du hier!" -

Hubert stürzte dem Bruder in die Arme, dieser faßte ihn aber

und zog ihn mit sich fort und hinauf in ein entferntes Zimmer,

wo er sich mit ihm einschloß. Mehrere Stunden blieben beide zu-

sammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstörtem Wesen

und nach seinen Pferden rief. Der Justitianus trat ihm in den

Weg, er wollte vorüber; V., von der Ahnung ergriffen, daß viel-

leicht gerade hier ein tödlicher Bruderzwist enden könne, bat

ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und in dem

Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: "Bleibe

hier, Hubert! - Du wirst dich besinnen!" - Huberts Blicke

heiterten sich auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen

Leibpelz, den er schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten

zuwarf, nahm er V’s Hand und sprach, mit ihm in die Zimmer

schreitend, mit einem verhöhnenden Lächeln: "Der Majoratsherr

will mich doch also hier leiden." V. meinte, daß gewiß sich jetzt

das unglückliche Mißverständnis lösen werde, welches nur bei

getrenntem Leben habe gedeihen können. Hubert nahm die

stählerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem

er damit ein astiges dampfendes Stück Holz auseinander klopfte

und das Feuer besser aufschürte, sprach er zu V.: "Sie merken,

Herr Justitianus, daß ich ein gutmütiger Mensch bin und ge-

schickt zu allerlei häuslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll

der wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals." -

V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhältnis der Brüder

einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein

Ton den durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen

Menschen ganz deutlich zeigte.

Um des Freiherrn Entschlüsse in irgend einer das Majorat be-

treffenden Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am späten

Abend hinauf in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme

über den Rücken zusammengeschränkt, ganz verstört mit großen

Schritten das Zimmer maß. Er blieb stehen, als er endlich den

Justitianus erblickte, faßte seine beiden Hände, und düster ihm

ins Auge schauend, sprach er mit gebrochener Stimme: "Mein

Bruder ist gekommen! - Ich weiß", fuhr er fort, als V. kaum

den Mund zur Frage geöffnet, "ich weiß, was Sie sagen wollen.

Ach, Sie wissen nicht". Sie wissen nicht, daß mein unglücklicher

Bruder - ja unglücklich nur will ich ihn nennen - daß er wie

ein böser Geist mir überall in den Weg tritt und meinen Frieden

stört. An ihm liegt es nicht, daß ich nicht unaussprechlich elend

wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollte es nicht.

- Seit der Zeit, daß die Stiftung des Majorats bekannt wurde,

verfolgt er mich mit tödlichem Haß. Er beneidet mich um das

Besitztum, das in seinen Händen wie Spreu verflogen wäre. Er ist

der wahnsinnigste Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast

übersteigt bei weitem die Hälfte des freien Vermögens in Kur-

land, die ihm zufällt, und nun, verfolgt von Gläubigern, die ihn

quälen, eilt er her und bettelt um Geld." - "Und Sie, der Bru-

der, verweigern" - wollte ihm V. in die Rede fallen, doch der

Freiherr rief, indem er V’s Hände fahren ließ und einen starken

Schritt zurücktrat, laut und heftig: "Halten Sie ein! - ja! ich

verweigere! Von den Einkünften des Majorats kann und werde

ich keinen Taler verschenken! - Aber hören Sie, welchen Vor-

schlag ich dem Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens

machte, und dann richten Sie über mein Pflichtgefühl. Das freie

Vermögen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die mir

zufallende Hälfte wollt ich verzichten, aber zugunsten seiner

Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schönes armes

Fräulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die

Güter sollen administriert, aus den Revenüen ihm die nötigen

Gelder zum Unterhalt angewiesen, die Gläubiger vermöge Ab-

kommens befriedigt werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges sor-

genfreies Leben, was gilt ihm Frau und Kind! - Geld, bares Geld

in großen Summen will er haben, damit er in verruchtem Leicht-

sinn es verprassen könne! - Welcher Dämon hat ihm das Ge-

heimnis mit den einhundert und fünfzigtausend Talern verraten,

davon verlangt er die Hälfte nach seiner wahnsinnigen Weise,

behauptend, dies Geld sei, getrennt vom Majorat, als freies

Vermögen zu achten. - Ich muß und werde ihm dies verweigern,

aber mir ahnt es, mein Verderben brütet er aus im Innern!" -

So sehr V. sich auch bemühte, dem Freiherrn den Verdacht wider

seinen Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht

in die näheren Verhältnisse, mit ganz allgemeinen moralischen,

ziemlich flachen Gründen behelfen mußte, so gelang ihm dies

doch ganz und gar nicht. Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit

dem feindseligen geldgierigen Hubert zu unterhandeln. V. tat

dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur möglich war, und freute

sich nicht wenig, als Hubert endlich erklärte: "Mag es dann sein,

ich nehme die Vorschläge des Majoratsherrn an, doch unter der

Bedingung, daß er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch

die Härte meiner Gläubiger Ehre und guten Namen auf immer

zu verlieren, tausend Friedrichsd’or bar vorschieße und erlaube,

daß ich künftig, wenigstens einige Zeit hindurch, meinen Wohn-

sitz in dem schönen R... sitten bei dem gütigen Bruder nehme."

- "Nimmermehr!" schrie der Freiherr auf, als ihm V. diese

Vorschläge des Bruders hinterbrachte, "nimmermehr werde ichs

zugeben, daß Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause

verweile, sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein

teurer Freund, sagen Sie dem Friedenstörer, daß er zweitausend

Friedrichsd’or haben soll, nicht als Vorschuß, nein als Geschenk,

nur fort - fort!" V. wußte nun mit einem Male, daß der Frei-

herr sich ohne Wissen des Vaters schon verheiratet hatte, und

daß in dieser Heirat auch der Grund des Bruderzwistes liegen

mußte. Hubert hörte stolz und gelassen den Justitianus an und

sprach, nachdem er geendet, dumpf und düster: "Ich werde mich

besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier bleiben!" -

V. bemühte sich, dem Unzufriedenen darzutun, daß der Freiherr

doch in der Tat alles tue, ihn durch die Abtrennung des freien Ver-

mögens soviel als möglich zu entschädigen, und daß er über ihn

sich durchaus nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen

müsse, daß jede Stiftung, die den Erstgebornen so vorwiegend

begünstigte und die andern Kinder in den Hintergrund stelle,

etwas Gehässiges habe. Hubert riß wie einer, der Luft machen

will der beklemmten Brust, die Weste von oben bis unten auf;

die eine Hand in die offne Busenkrause begraben, die andere in

die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer raschen Tänzer-

bewegung auf einem Fuße um und rief mit schneidender Stimme:

"Pah! - das Gehässige wird geboren vom Haß" - dann schlug

er ein gellendes Gelächter auf und sprach: "Wie gnädig doch der

Majoratsherr dem armen Bettler seine Goldstücke zuzuwerfen

gedenkt." - V. sah nun wohl ein, daß von völliger Aussöhnung

der Brüder gar nicht die Rede sein könne.

Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seiten-

flügeln des Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Ver-

druß auf recht langes Bleiben ein. Man bemerkte, daß er oft

und lange mit dem Hausverwalter sprach, ja daß dieser sogar

zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog. Sonst ließ er sich wenig

sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein zusammen zu

kommen, welches diesem eben ganz recht war. V. fühlte das

Drückende dieses Verhältnisses, ja er mußte sich es selbst geste-

hen, daß die ganz besondere unheimliche Manier Huberts in

allem, was er sprach und tat, in alle Lust recht geflissentlich zer-

störend eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder

eintreten sah, war ihm nun ganz erklärlich.

V. saß allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert

eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmütiger

Stimme sprach: "Ich nehme auch die letzten Vorschläge des Bru-

ders an, bewirken Sie, daß ich die zweitausend Friedrichsd’or

noch heute erhalte, in der Nacht will ich fort - zu Pferde -

ganz allein." - "Mit dem Gelde?" frug V. - "Sie haben recht",

erwiderte Hubert, "ich weiß, was Sie sagen wollen - Die Last!

- Stellen Sie es in Wechsel auf Isak Lazarus in K.! - Noch in

dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von hier fort,

der Alte hat seine bösen Geister hier hineingehext!" - "Sprechen

Sie von Ihrem Vater, Herr Baron?" frug V. sehr ernst. Huberts

Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht umzusin-

ken, dann aber, sich plötzlich ermannend, rief er: "Also noch

heute, Herr Justitiarius", und wankte nicht ohne Anstrengung

zur Tür hinaus. "Er sieht jetzt ein, daß keine Täuschungen mehr

möglich sind, daß er nichts vermag gegen meinen festen Willen",

sprach der Freiherr, indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in

K. ausstellte. Eine Last wurde seiner Brust entnommen durch die

Abreise des feindlichen Bruders, lange war er nicht so froh ge-

wesen als bei der Abendtafel. Hubert hatte sich entschuldigen las-

sen, alle vermißten ihn recht gern. -

V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster

nach dem Schloßhofe herausgingen. In der Nacht fuhr er plötz-

lich auf aus dem Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes

klägliches Wimmern ihn aus dem Schlafe geweckt. Mochte er

aber auch horchen, wie er wollte, es blieb alles totenstill, und so

mußte er jenen Ton, der ihm in die Ohren geklungen, für die

Täuschung eines Traums halten. Ein ganz besonderes Gefühl

von Grauen und Angst bemächtigte sich seiner aber so ganz und

gar, daß er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und trat

ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schloßtor ge-

öffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand

trat heraus und schritt über den Schloßhof! V. erkannte in der

Gestalt den alten Daniel und sah, wie er die Stalltür öffnete, in

den Stall hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd her-

ausbrachte. Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt her-

vor, wohl eingehüllt in einen Pelz, eine Fuchsmütze auf dem

Kopf. V. erkannte Hubert, der mit Daniel einige Minuten hin-

durch heftig sprach, dann aber sich zurückzog. Daniel führte das

Pferd wieder in den Stall, verschloß diesen und ebenso die Tür

des Schlosses, nachdem er über den Hof, wie er gekommen, zu-

rückgekehrt. - Hubert hatte wegreiten wollen und sich in dem

Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso

aber auch, daß Hubert gewiß mit dem alten Hausverwalter in

irgend einem gefährlichen Bündnisse stand. V. konnte kaum den

Morgen erwarten, um den Freiherrn von den Ereignissen der

Nacht zu unterrichten. Es galt nun wirklich, sich gegen An-

schläge des bösartigen Hubert zu waffnen, die sich, wie V. jetzt

überzeugt war, schon gestern in seinem verstörten Wesen kund

getan.

Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen

pflegte, vernahm V. ein Hin- und Herrennen. Türauf-, Tür-

zuschlagen, ein verwirrtes Durcheinanderreden und Schreien.

Er trat hinaus und stieß überall auf Bediente, die, ohne auf ihn

zu achten, mit leichenblassen Gesichtern ihm vorbei - Trepp auf - Trepp ab - hinaus - hinein durch die Zimmer rannten. End-

lich erfuhr er, daß der Freiherr vermißt und schon stundenlang

vergebens gesucht werde. - In Gegenwart des Jägers hatte er sich

ins Bette gelegt, er mußte dann aufgestanden sein und sich im

Schlafrock und Pantoffeln mit dem Armleuchter in der Hand

entfernt haben, denn eben diese Stücke wurden vermißt. V. lief,

von düsterer Ahnung getrieben, in den verhängnisvollen Saal,

dessen Seitenkabinett gleich dem Vater Wolfgang zu seinem

Schlafgemach gewählt hatte. Die Pforte zum Turm stand weit

offen, tief entsetzt schrie V. laut auf: "Dort in der Tiefe liegt er

zerschmettert!" - Es war dem so. Schnee war gefallen, so daß

man von oben herab nur den zwischen den Steinen hervor-

ragenden starren Arm des Unglücklichen deutlich wahrnehmen

konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern gelang,

mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzu-

steigen und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im

Krampf der Todesangst hatte der Baron den silbernen Arm-

leuchter festgepackt, die Hand, die ihn noch festhielt, war der

einzige unversehrte Teil des ganzen Körpers, der sonst durch das

Anprallen an die spitzen Steine auf das gräßlichste zerschellt

worden.

Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz stürzte Hubert her-

bei, als die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal gerade

an der Stelle auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor weni-

gen Wochen der alte Roderich lag. Niedergeschmettert von dem

gräßlichen Anblick, heulte er: "Bruder - 0 mein armer Bruder

- nein, das hab ich nicht erfleht von den Teufeln, die über mir

waren!" - V. erbebte vor dieser verfänglichen Rede, es war ihm

so, als müsse er zufahren auf Hubert als den Mörder seines

Bruders. - Hubert lag von Sinnen auf dem Fußboden, man

brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er stärkende

Mittel gebraucht, ziemlich bald. Sehr bleich, düstern Gram im

halb erloschnen Auge trat er dann bei V. ins Zimmer und

sprach, indem er vor Mattigkeit nicht fähig zu stehen sich lang-

sam in einen Lehnstuhl niederließ: "Ich habe meines Bruders

Tod gewünscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes

zugewandt durch eine törichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod

gefunden auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber

mein Herz ist zermalmt, ich kann, ich werde niemals glücklich

sein. Ich bestätige Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten

Vollmachten rücksichts der Verwaltung des Majorats, auf dem

ich nicht zu hausen vermag!" - Hubert verließ das Zimmer und

war in ein paar Stunden schon auf dem Wege nach K. Es schien,

daß der unglückliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden war

und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek

aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er

die Tür öffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und stürzte

hinab. Diese Erklärung enthielt indessen immer viel Erzwunge-

nes. Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch

aus der Bibliothek holen, um zu lesen, so schloß dieses alle

Schlaftrunkenheit aus, aber nur so war es möglich, die Tür des

Kabinetts zu verfehlen und statt dieser die Pforte zu öffnen.

Überdem war diese fest verschlossen und mußte erst mit vieler

Mühe aufgeschlossen werden. "Ach", fing endlich, als V. diese

Unwahrscheinlichkeit vor versammelter Dienerschaft entwickelte,

des Freiherrn Jäger, Franz geheißen an, "ach, lieber Herr

Justitianus, so hat es wohl sich nicht zugetragen" - "Wie denn

anders?" fuhr ihn V. an. Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der

seinem Herrn hätte ins Grab folgen mögen, wollte aber nicht

vor den andern mit der Sprache heraus, sondern behielt sich vor,

das, was er davon zu sagen wisse, dem Justitianus allein zu ver-

trauen. V. erfuhr nun, daß der Freiherr zu Franz sehr oft von

den vielen Schätzen sprach, die da unten in dem Schutt begraben

lägen, und daß er oft, wie vom bösen Geist getrieben, zur Nacht-

zeit noch die Pforte, zu der den Schlüssel ihm Daniel hatte geben

müssen, öffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe

nach den vermeintlichen Reichtümern. Gewiß war es nun wohl

also, daß in jener verhängnisvollen Nacht der Freiherr, nach-

dem ihn der Jäger schon verlassen, noch einen Gang nach dem

Turm gemacht und ihn dort ein plötzlicher Schwindel erfaßt

und herabgestürzt hatte. Daniel, der von dem entsetzlichen Tode

des Freiherrn auch sehr erschüttert schien, meinte, daß es gut

sein würde, die gefährliche Pforte fest vermauern zu lassen,

welches denn auch gleich geschah. Freiherr Hubert von R., jetzi-

ger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich wieder in R... sitten sehen

zu lassen, nach Kurland zurück. V. erhielt alle Vollmachten, die

zur unumschränkten Verwaltung des Majorats nötig waren. Der

Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen soviel möglich das

alte Gebäude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere

Jahre verflossen, als Hubert zum erstenmal zur späten Herbst-

zeit sich in R... sitten einfand und, nachdem er mehrere Tage mit

V. in seinem Zimmer eingeschlossen zugebracht, wieder nach

Kurland zurückging. Bei seiner Durchreise durch K. hatte er bei

der dortigen Landesregierung sein Testament niedergelegt.

Während seines Aufenthalts in R... sitten sprach der Freiherr,

der in seinem tiefsten Wesen ganz geändert schien, viel von

Ahnungen eines nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfül-

lung; denn er starb schon das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er

Hubert geheißen, kam schnell herüber von Kurland, um das

reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm folgten Mutter und

Schwester. Der Jüngling schien alle bösen Eigenschaften der Vor-

fahren in sich zu vereinen; er bewies sich als stolz, hochfahrend,

ungestüm, habsüchtig gleich in den ersten Augenblicken seines

Aufenthalts in R... sitten. Er wollte auf der Stelle vieles ändern

lassen, welches ihm nicht bequem, nicht gehörig schien; den Koch

warf er zum Hause hinaus; den Kutscher versuchte er zu prü-

geln, welches aber nicht gelang, da der baumstarke Kerl die

Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im besten

Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V.

ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt ver-

sichernd: Kein Stuhl solle hier gerückt werden, keine Katze das

Haus verlassen, wenn es ihr noch sonst gefalle, vor Eröffnung

des Testaments. "Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn"

fing der Baron an. V. ließ den vor Wut schäumenden Jüngling

jedoch nicht ausreden, sondern sprach, indem er ihn mit durch-

bohrenden Blicken maß: "Keine Übereilung, Herr Baron! -

Durchaus dürfen Sie hier nicht regieren wollen vor Eröffnung

des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier Herr und werde

Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. - Erinnern Sie sich,

daß ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des väterlichen

Testaments, kraft der getroffenen Verfügungen des Gerichts be-

rechtigt bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R... sitten zu versagen,

und ich rate Ihnen, um das Unangenehme zu verhüten, sich

ruhig nach K. zu begeben." Der Ernst des Gerichtshalters, der

entschiedene Ton, mit dem er sprach, gab seinen Worten gehö-

rigen Nachdruck, und so kam es, daß der junge Baron, der mit

gar zu spitzigen Hörnern anlaufen wollte wider den festen Bau,

die Schwäche seiner Waffen fühlte, und für gut fand, im Rück-

zuge seine Beschämung mit einem höhnischen Gelächter auszu-

gleichen.

Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an

dem nach dem Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo

es niedergelegt worden, eröffnet werden sollte. Außer den Ge-

richtspersonen, dem Baron und V. befand sich noch ein junger

Mensch von edlem Ansehen in dem Gerichtssaal, den V. mitge-

bracht, und den man, da ihm ein eingeknöpftes Aktenstück aus

dem Busen hervorragte, für V.’s Schreiber hielt. Der Baron sah

ihn, wie er es beinahe mit allen übrigen machte, über die Achsel

an und verlangte stürmisch, daß man die langweilige überflüs-

sige Zeremonie nur schnell und ohne viel Worte und Schreiberei

abmachen solle. Er begreife nicht, wie es überhaupt in dieser

Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein

Testament ankommen könne, und werde, insofern hier irgend

etwas verfügt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhän-

gen, das zu beachten oder nicht. Hand und Siegel des verstor-

benen Vaters erkannte der Baron an, nachdem er einen flüch-

tigen mürrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der Ge-

richtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments an-

schickte, schaute er gleichgültig nach dem Fenster hin, den rech-

ten Arm nachlässig über die Stuhllehne geworfen, den linken

Arm gelehnt auf den Gerichtstisch und auf dessen grüner Decke

mit den Fingern trommelnd. Nach einem kurzen Eingange erklärte

der verstorbene Freiherr Hubert von R., daß er das Majorat

niemals als wirklicher Majoratsherr besessen, sondern dasselbe

nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen Freiherrn Wolf-

gang von R., nach einem Großvater Roderich geheißen, verwal-

tet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensuccession

durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten

Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, über den vorzufin-

denden Bestand usw. würde man in seinem Nachlaß finden. Wolf-

gang von R., so erzählte Hubert in dem Testament, lernte auf

seinen Reisen in Genf das Fräulein Julie von St. Val kennen und

faßte eine solche heftige Neigung zu ihr, daß er sich nie mehr von

ihr zu trennen beschloß. Sie war sehr arm, und ihre Familie,

unerachtet von gutem Adel, gehörte eben nicht zu den glänzend-

sten. Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten

Roderich, dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus

auf alle nur mögliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte

es dennoch, von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken;

was aber vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte be-

stimmt erklärte, daß er schon selbst die Braut für den Majorats-

herrn erkoren und von einer andern niemals die Rede sein

könne.

Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinüberzuschif-

fen, kehrte unter dem Namen Born nach Genf zurück und ver-

mählte sich mit Julien, die ihm nach Verlauf eines Jahres den

Sohn gebar, der mit dem Tode Wolfgangs Majoratsherr wurde.

Darüber, daß Hubert, von der ganzen Sache unterrichtet, so

lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr gerierte, waren

verschiedene Ursachen angeführt, die sich auf frühere Verab-

redung mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus

der Luft gegriffen schienen. -

Wie vom Donner gerührt, starrte der Baron den Gerichts-

schreiber an, der mit eintöniger schnarrender Stimme alles Un-

heil verkündete. Als er geendet, stand V. auf, nahm den jungen

Menschen, den er mitgebracht, bei der Hand und sprach, indem

er sich gegen die Anwesenden verbeugte: "Hier, meine Herren,

habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich von R., Ma-

joratsherrn von R... sitten, vorzustellen!" Baron Hubert blickte

den Jüngling, der wie vom Himmel gefallen ihn um das reiche

Majorat, um die Hälfte des freien Vermögens in Kurland

brachte, verhaltenen Grimm im glühenden Auge, an, drohte

dann mit geballter Faust und rannte, ohne ein Wort hervor-

bringen zu können, zum Gerichtssaal hinaus. Von den Gerichts-

personen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich die

Urkunden hervor, die ihn als die Person, für die er sich ausgab,

legitimieren sollten. Er überreichte den beglaubigten Auszug aus

den Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin

bezeugt wurde, daß an dem und dem Tage der Kaufmann Wolf-

gang Born, gebürtig aus K., mit dem Fräulein Julie von St. Val

in Gegenwart der genannten Personen durch priesterliche Einseg-

nung getraut worden. Ebenso hatte er seinen Taufishein (er war

in Genf als von dem Kaufmann Born mit seiner Gemahlin Julie,

geb. von St. Val, in gültiger Ehe erzeugtes Kind getauft worden),

verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon längst verstorbene

Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet waren.

Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch

einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei

der Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf

nichts weniger antrug, als sofort die Übergabe des Majorats

R...sitten an ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst,

sagte der Advokat, daß weder testamentarisch, noch auf irgend

eine andere Weise der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe

über das Majorat verfügen können. Jenes Testament sei also

nichts anders, als die aufgeschriebene und gerichtlich übergebene

Aussage, nach welcher der Freiherr Wolfgang von R. das Ma-

jorat an einen Sohn vererbt haben solle, der noch lebe, die keine

höhere Beweiskraft als jede andere irgend eines Zeugen haben

und also unmöglich die Legitimation des angeblichen Freiherrn

Roderich von R. bewirken könne. Vielmehr sei es die Sache

dieses Prätendenten, sein vorgebliches Erbrecht, dem hiermit

ausdrücklich widersprochen werde, im Wege des Prozesses dar-

zutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht der Succes-

sion dem Baron Hubert von R. zugefallen, zurückzufordern. Durch

den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn über-

gegangen; es habe keiner Erklärung über den Erbschaftsantritt

bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden könne, mit-

hin dürfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitz nicht durch

ganz illiquide Ansprüche turbiert werden. Was der Verstorbene

für Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn aufzustel-

len, sei ganz gleichgültig, nur werde bemerkt, daß er selbst, wie

aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewie-

sen werden könne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe,

und so sei vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne in einer

verbotenen Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue

das reiche Majorat zuwenden wollen. -

So sehr auch die Wahrscheinlichkeit für die im Testament be-

haupteten Umstände sprach, so sehr auch die Richter haupt-

sächlich die letzte Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute,

den Verstorbenen eines Verbrechens anzuklagen, empörte, so

blieb doch die Ansicht der Sache, wie sie aufgestellt worden, die

richtige, und nur den rastlosen Bemühungen V.’s, der bestimm-

ten Versicherung, daß der die Legitimation des Freiherrn Ro-

derich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das bün-

digste geführt werden solle, konnte es gelingen, daß die Über-

gabe des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Admi-

nistration bis nach entscheidener Sache verfügt wurde.

V. sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden würde, sein

Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten

Roderich durchstöbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst

eines Aufsatzes zu finden, der Bezug auf jenes Verhältnis Wolf-

gangs mit dem Fräulein von St. Val gehabt hätte. Gedankenvoll

saß er in R. sitten in dem Schlafkabinett des alten Roderich,

das er ganz durchsucht, und arbeitete an einem Aufsatz für den

Notar in Genf, der ihm als ein scharfsinniger tätiger Mann

empfohlen worden und der ihm einige Notizen schaffen sollte, die

in die Sache des jungen Freiherrn Licht und Klarheit bringen

konnten.

Es war Mitternacht geworden, der Vollmond schien hell hinein

in den anstoßenden Saal, dessen Tür offen stand. Da war es, als

schritte jemand langsam und schwer die Treppe herauf und

klirre und klappere mit Schlüsseln. V. wurde aufmerksam, er

stand auf, ging in den Saal und vernahm nun deutlich, daß

jemand sich durch den Flur der Türe des Saals nahte. Bald darauf

wurde diese geöffnet, und ein Mensch mit leichenblassem ent-

stellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen Hand den Arm-

leuchter mit brennenden Kerzen, in der andern das große

Schlüsselbund, trat langsam hinein. V. erkannte augenblicklich

den Hausverwalter und war im Begriff, ihm zuzurufen, was er

so spät in der Nacht wolle, als ihn in dem ganzen Wesen des

Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas Unheimliches, -

Gespenstisches mit Eiskälte anhauchte. Er erkannte, daß er einen

Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen

Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte

Tür, die ehemals zum Turm führte. Dicht vor derselben blieb

er stehen und stieß aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus,

der so entsetzlich in dem ganzen Saale widerhallte, daß V. er-

bebte vor Grauen. Dann, den Armleuchter auf den Fußboden

gestellt, den Schlüsselbund an den Gürtel gehängt, fing Daniel

an, mit beiden Händen an der Mauer zu kratzen, daß bald das

Blut unter den Nägeln hervorquoll, und dabei stöhnte er und

ächzte wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual. Nun

legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas erlau-

schen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwich-

tigend, bückte sich, den Armleuchter wieder vom Boden auf-

hebend, und schlich mit leisen gemessenen Schritten nach der

Türe zurück. V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der

Hand. Es ging die Treppe herab, der Alte schloß die große

Haupttür des Schlosses auf, V. schlüpfte geschickt hindurch; nun

begab er sich nach dem Stall, und nachdem er zu V’s tiefem

Erstaunen den Armleuchter so geschickt hingestellt hatte, daß

das ganze Gebäude genügsam erhellt wurde ohne irgend eine

Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rüstete mit großer

Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbügel hinaufschnallend,

ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe. Nachdem er

noch ein Büschel Haare über den Stimriemen weg durch die

Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der

einen Hand ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zügel und

führte es heraus. Draußen im Hofe blieb er einige Sekunden

stehen in der Stellung, als erhalte er Befehle, die er kopf-

nickend auszuführen versprach. Dann führte er das Pferd zurück

in den Stall, sattelte es wieder ab und band es an die Krippe.

Nun nahm er den Armleuchter, verschloß den Stall, kehrte in

das Schloß zurück und verschwand endlich in sein Zimmer, das

er sorgfältig verriegelte. V. fühlte sich von diesem Auftritt im

Innersten ergriffen, die Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob

sich vor ihm wie ein schwarzes höllisches Gespenst, das ihn nicht

mehr verließ. Ganz erfüllt von der bedrohlichen Lage seines

Schützlings, glaubte er wenigstens das, was er gesehen, nützen

zu müssen zu seinem Besten. Andern Tages, es wollte schon die

Dämmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um irgend

eine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen.

Da faßte ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zu-

traulich in den Sessel niederdrückte: "Höre, alter Freund Daniel!

lange habe ich dich fragen wollen, was hältst du denn von dem

verworrenen Kram, den uns Huberts sonderbares Testament

über den Hals gebracht hat? - Glaubst du denn wohl, daß der

junge Mensch wirklich Wolfgangs in rechtsgültiger Ehre erzeug-

ter Sohn ist?" Der Alte, sich über die Lehne des Stuhls weg-

beugend und V’s starr auf ihn gerichteten Blicken ausweichend,

rief mürrisch: "Pah! - er kann es sein; er kann es auch nicht

sein. Was schierts mich, mag nun hier Herr werden, wer da will."

"Aber ich meine", fuhr V. fort, indem er dem Alten näherrückte

und die Hand auf seine Schulter legte, "aber ich meine, da du

des alten Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er

dir gewiß nicht die Verhältnisse seiner Söhne. Er erzählte dir

von dem Bündnis, das Wolfgang wider seinen Willen geschlos-

sen?" "Ich kann mich auf dergleichen gar nicht besinnen", er-

widerte der Alte, indem er auf ungezogene Art laut gähnte. "Du

bist schläfrig, Alter", sprach V., "hast du vielleicht eine unruhige

Nacht gehabt?" "Daß ich nicht wüßte", entgegnete der Alte

frostig, "aber ich will nun gehen und das Abendessen bestellen."

Hiemit erhob er sich schwerfällig vom Stuhl, indem er sich den

gekrümmten Rücken rieb und abermals und zwar noch lauter

gähnte als zuvor. "Bleibe doch noch, Alter", rief V., indem er

ihn bei der Hand ergriff und zum Sitzen nötigen wollte, der

Alte blieb aber vor dem Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit

beiden Händen stemmte, den Leib übergebogen nach V. hin, und

mürrisch fragend: "Nun was solls denn, was schiert mich das

Testament, was schiert mich der Streit um das Majorat -"

"Davon", fiel ihm V. in die Rede, "wollen wir auch gar nicht

mehr sprechen: von ganz etwas anderm" lieber Daniel! - Du

bist mürrisch, du gähnst, das alles zeugt von besonderer Ab-

spannung, und nun möcht ich beinahe glauben, daß du es wirk-

lich gewesen bist in dieser Nacht." "Was bin ich gewesen in

dieser Nacht?" frug der Alte, in seiner Stellung verharrend.

"Als ich", sprach V. weiter, "gestern Mitternacht dort oben in

dem Kabinett des alten Herrn neben dem großen Saal saß,

kamst du zur Türe herein, ganz starr und bleich, schrittest auf

die zugemauerte Tür los, kratztest mit beiden Händen an der

Mauer und stöhntest, als wenn du große Qualen empfändest.

Bist du denn ein Nachtwandler, Daniel?" Der Alte sank zurück

in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er gab keinen Laut

von sich, die Dämmerung ließ sein Gesicht nicht erkennen, V.

bemerkte nur, daß er kurz Atem holte und mit den Zähnen

klapperte. - "Ja", fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, "ja es

ist ein eignes Ding mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen

sie von diesem sonderbaren Zustande, von allem, was sie wie

in vollem Wachen begonnen haben, nicht das allermindeste." -

Daniel blieb still. - "Ähnliches", sprach V. weiter, "wie gestern

mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen Freund, der stellte

so wie du, trat der Vollmond ein, regelmäßig nächtliche Wan-

derungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb Briefe.

Am merkwürdigsten war es aber, daß, fing ich an, ihm ganz

leise ins Ohr zu flüstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen

zu bringen. Er antwortete gehörig auf alle Fragen, und selbst

das, was er im Wachen sorglich verschwiegen haben würde,

floß nun unwillkürlich, als könne er der Kraft nicht widerstehen,

die auf ihn einwirkte, von seinen Lippen. - Der Teufel! ich

glaube, verschwiege ein Mondsüchtiger irgendeine begangene

Untat noch so lange, man könnte sie ihm abfragen in dem selt-

samen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat wie

wir beide, guter Daniel, wir können schon immer Nachtwandler

sein, uns wird man kein Verbrechen abfragen. - Aber höre,

Daniel, gewiß willst du herauf in den astronomischen Turm,

wenn du so abscheulich an der zugemauerten Türe kratzest? -

Du willst gewiß laborieren wie der alte Roderich? - Nun, das

werd ich dir nächstens abfragen!" - Der Alte hatte, während

V. dieses sprach, immer stärker und stärker gezittert, jetzt flog

sein ganzer Körper von heillosem Krampf hin und hergeworfen,

und er brach aus in ein gellendes unverständiges Geplapper. V.

schellte die Diener herauf. Man brachte Lichter, der Alte ließ

nicht nach, wie ein willkürlos bewegtes Automat hob man ihn

auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem beinahe eine Stunde die-

ser heillose Zustand gedauert, verfiel er in tiefen Ohnmacht ähn-

lichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein zu trinken,

und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der bei

ihm wachen wollte, fort und verschloß sich wie gewöhnlich in sein

Zimmer. V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen,

in dem Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl

er sich selbst gestehen mußte, einmal, daß Daniel, vielleicht erst

jetzt von seiner Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde,

ihm zu entgehen, dann aber, daß Geständnisse, in diesem Zu-

stande abgelegt, eben nicht geeignet sein würden, darauf weiter

fortzubauen. Demunerachtet begab er sich gegen Mitternacht

in den Saal, hoffend, daß Daniel, wie es in dieser Krankheit

geschieht, gezwungen werden würde, willkürlos zu handeln. Um

Mitternacht erhob sich ein großer Lärm auf dem Hofe. V. hörte

deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte herab, und als er die

Gänge durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen,

der, wie er bald gewahrte, aus dem geöffneten Zimmer des Haus-

verwalters herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr her-

ausgetragen, um ihn in einem andern Zimmer ins Bette zu

legen. Um Mitternacht wurde ein Knecht, so erzählten die Die-

ner, durch ein seltsames dumpfes Pochen geweckt, er glaubte, dem

Alten sei etwas zugestoßen, und schickte sich an aufzustehen, um

ihm zu Hülfe zu kommen, als der Wächter auf dem Hofe laut

rief: "Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters brennts

lichterloh!" - Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener

bei der Hand, aber alles Mühen, die Tür des Zimmers einzu-

brechen, blieb umsonst. Nun eilten sie heraus auf den Hof, aber

der entschlossene Wächter hatte schon das Fenster des niedrigen,

im Erdgeschosse befindlichen Zimmers eingeschlagen und die

brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar hinein-

gegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich löschten. Den

Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde

liegend in tiefer Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter

in der Hand, dessen brennende Kerzen die Gardinen erfaßt und

so das Feuer veranlaßt hatten. Brennende herabfallende Lappen

hatten dem Alten die Augenbraunen und ein gut Teil Kopfhaare

weggesengt. Bemerkte der Wächter nicht das Feuer, so hätte der

Alte hülflos verbrennen müssen. Zu nicht geringer Verwunde-

rung fanden die Diener, daß die Tür des Zimmers von innen

durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch den Abend

vorher nicht dagewesen, verwahrt war. V. sah ein, daß der Alte

sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer unmöglich

machen wollen; widerstehen konnte er dem blinden Triebe

nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht,

er nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklam-

mert von einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen

sich der Tod malte, vor sich hin. V. glaubte, daß der Alte von

dem Lager nicht erstehen werde. Alles, was sich für seinen

Schützling tun ließ, hatte V. getan, er mußte ruhig den Erfolg

abwarten und wollte deshalb nach K. zurück. Die Abreise war

für den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spät abends seine

Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die

Hände, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und

mit der Aufschrift: "Nach Eröffnung meines Testaments zu

lesen" zugestellt, und das er unbegreiflicherweise noch nicht

beobachtet hatte. Er war im Begriff dieses Paket zu entsiegeln,

als die Tür aufging und mit leisen gespenstischen Schritten Da-

niel hereintrat. Er legte eine schwarze Mappe, die er unter dem

Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem tiefen Todes-

seufzer auf beide Knie sinkend, V’s Hände mit den seinen

krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf wie aus tiefem

Grabe: "Auf dem Schafott stürb ich nicht gern! - der dort oben

richtet!" - dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen müh-

sam auf und verließ das Zimmer, wie er gekommen.

V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die

schwarze Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau

zusammen und bestimmte von selbst die weitern Maßregeln, die

nun zu ergreifen. Sowie V. in K. angekommen, begab er sich

zum Freiherrn Hubert von R., der ihn mit rauhem Stolz emp-

fing. Die merkwürdige Folge einer Unterredung, welche mittags

anfing und bis spät in die Nacht hinein ununterbrochen fort-

dauerte, war aber, daß der Freiherr andern Tages vor Gericht

erklärte, daß er den Prätendenten des Majorats dem Testa-

mente seines Vaters gemäß für den in rechtsgültiger Ehe von

dem ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von

R., mit dem Fräulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin

für den rechtsgültig legitimierten Majorats-Erben anerkenne.

Als er von dem Gerichtssaal herabstieg, stand sein Wagen mit

Postpferden vor der Türe, er reiste schnell ab und ließ Mutter

und Schwester zurück. Sie würden ihn vielleicht nie wiedersehen,

hatte er ihnen mit andern rätselhaften Äußerungen geschrieben.

Roderichs Erstaunen über diese Wendung, die die Sache nahm,

war nicht gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklären, wie

dies Wunder habe bewirkt werden können, welche geheimnis-

volle Macht im Spiele sei. V. vertröstete ihn indessen auf künf-

tige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz genommen haben würde

von dem Majorat. Die Übergabe des Majorats konnte nämlich

deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht befriedigt

durch jene Erklärung Huberts, außerdem die vollständige Legi-

timation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Woh-

nung in R. sitten an und setzte hinzu: daß Huberts Mutter und

Schwester, durch seine schnelle Abreise in augenblickliche Ver-

legenheit gesetzt, den stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der

geräuschvollen teuren Stadt vorziehen würden. Das Entzücken,

womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin und

ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu

wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde

anmutige Kind, auf ihn gemacht hatte. Inder Tat wußte der Frei-

herr seinen Aufenthalt in R... sitten so gut zu benutzen, daß

er, wenige Wochen waren vergangen, Seraphinens innige Liebe

und der Mutter beifällig Wort zur Verbindung mit ihr gewon-

nen hatte. Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs

Legitimation als Majoratsherr von R ...sitten noch immer zwei-

felhaft geblieben. Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllen-

leben auf dem Schlosse. Hubert hatte sich gar nicht auf den Gü-

tern sehen lassen, sondern war unmittelbar nach Petersburg ge-

gangen, dort in Militärdienste getreten und stand jetzt im Felde

gegen die Perser, mit denen Rußland gerade im Kriege begriffen.

Dies machte die schnelle Abreise der Baronin mit ihrer Tochter

nach den Gütern, wo Unordnung und Verwirrung herrschte, nö-

tig. Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrach-

tete, unterließ nicht, die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da

V. ebenfalls nach K. zurückkehrte, das Schloß einsam wie vor-

her. Des Hausverwalters böse Krankehit wurde schlimmer und

schlimmer, so daß er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein

Amt wurde einem alten Jäger, Wolfgangs treuem Diener,

Franz geheißen, übertragen. Endlich nach langem Harren er-

hielt V. die günstigsten Nachrichten aus der Schweiz. Der Pfar-

rer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war längst gestorben,

indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand no-

tiert, daß derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem

Fräulein Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Frei-

herr Wolfgang von R., ältesten Sohn des Freiherrn Roderich

von R. auf R...sitten, vollständig legitimiert habe. Außerdem

wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein

alter französischer Kapitän, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt,

denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen

Aussagen bekräftigen den Vermerk des Pfarrers im Kirchen-

buche. Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlun-

gen in der Hand führte nun V. den vollständigen Nachweis der

Rechte seines Machtgebers, und nichts stand der Übergabe des

Majorats im Wege, die im künftigen Herbst erfolgen sollte.

Hubert war gleich in der ersten Schlacht, der er beiwohnte, ge-

blieben, ihn hatte das Schicksal seines jüngern Bruders, der ein

Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im Felde blieb, getroffen;

so fielen die Güter in Kurland der Baronesse Seraphine von R.

zu und wurden eine schöne Mitgift für den überglücklichen Ro-

derich.

Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich

mit seiner Braut in R...sitten anlangte. Die Übergabe des Majo-

rats erfolgte und dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen.

Manche Woche verging im Taumel der Lust, bis endlich die über-

sättigten Gäste nach und nach das Schloß verließen zur großen

Zufriedenheit V’s, der von R. sitten nicht scheiden wollte,

ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste einzuweihen

in alle Verhältnisse des neuen Besitztums. Mit der strengsten

Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen über Ein-

nahme und Ausgabe geführt, so daß, da Roderich nur eine ge-

ringe Summe jährlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die

Überschüsse der Einnahme jenes bare Kapital, das man in des

alten Freiherrn Nachlaß vorfand, einen bedeutenden Zuschuß

erhielt. Nur in den ersten drei Jahren hatte Hubert die Ein-

künfte des Majorats in seinem Nutzen verwandt, darüber aber

ein Schuldinstrument ausgestellt und es auf den ihm zustehen-

den Anteil der Güter in Kurland versichern lassen.

V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler er-

schien, das Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohn-

zimmer gewählt, um desto sicherer das erlauschen zu können,

was ihm Daniel nachher freiwillig offenbarte. So kam es, daß

dies Gemach und der anstoßende große Saal der Ort blieb, wo

der Freiherr mit V. im Geschäft zusammenkam. Da saßen nun

beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem großen Tische, V.

mit der Feder in der Hand, die Summen notierend, und den

Reichtum des Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemm-

tem Arm hineinblinzelnd in die aufgeschlagenen Rechnungs-

bücher, in die gewichtigen Dokumente. Keiner vernahm das

dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der Möwen, die das

Unwetter verkündend im Hin- und Herflattern an die Fenster-

scheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der um Mitternacht

heraufgekommen in wildem Tosen das Schloß durchsauste, so

daß alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gängen

erwachten und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als

endlich nach einem Windstoß, vor dem der ganze Bau erdröhnte,

plötzlich der ganze Saal im düstern Feuer des Vollmonds stand,

rief V.: "Ein böses Wetter!" - Der Freiherr, ganz vertieft in die

Aussicht des Reichtums, der ihm zugefallen, erwiderte gleich-

gültig, indem er mit zufriedenem Lächeln ein Blatt des Ein-

nahmebuchs umschlug: "In der Tat, sehr stürmisch." Aber wie

fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berührt, in die

Höhe, als die Tür des Saals aufsprang und eine bleiche gespen-

stische Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hinein-

schritt. Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit

ohnmächtig daliegend nicht für fähig hielt ein Glied zu rühren,

war es, der abermals von der Mondsucht befallen seine nächt-

liche Wanderung begonnen. Lautlos starrte der Freiherr den

Alten an, als dieser nun aber unter angstvollen Seufzern der

Todesqual an der Wand kratzte, da faßte den Freiherrn tiefes

Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit emporgesträubtem

Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung zu auf den

Alten und rief mit starker Stimme, daß der Saal erdröhnte:

"Daniel! - Daniel! - was machst du hier zu dieser Stunde!"

Da stieß der Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus,

gleich dem Todeslaut des getroffenen Tiers, wie damals, als ihm

Wolfgang Gold für seine Treue bot, und sank zusammen. V. rief

die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche, ihn zu

beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie außer

sich: "Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehört, daß

Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein können, wenn man

sie beim Namen ruft? - Ich! - Ich Unglückseligster - ich habe

den armen Greis erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine

ruhige Stunde mehr!" - V., als die Bedienten den Leichnam

fortgetragen und der Saal leer geworden, nahm den immerfort

sich anklagenden Freiherrn bei der Hand, führte ihn in tiefem

Schweigen vor die zugemauerte Tür und sprach: "Der hier tot

zu Ihren Füßen niedersank, Freiherr Roderich, war der ver-

ruchte Mörder Ihres Vaters!" - Als säh er Geister der Hölle,

starrte der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: "Es ist nun wohl

an der Zeit, Ihnen das gräßliche Geheimnis zu enthüllen, das

auf diesem Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den

Stunden des Schlafs umhertrieb. Die ewige Macht ließ den Sohn

Rache nehmen an dem Mörder des Vaters. - Die Worte, die Sie

dem entsetzlichen Nachtwandler in die Ohren donnerten, waren

die letzten, die Ihr unglücklicher Vater sprach" - Bebend, un-

fähig ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V., der sich

vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt

des Aufsatzes an, den Hubert für V. zurückgelassen, und den er

erst nach Eröffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert

klagte sich mit Ausdrücken, die von der tiefsten Reue zeugten,

des unversöhnlichen Hasses an, der in ihm gegen den ältern

Bruder Wurzel faßte von dem Augenblick, als der alte Roderich

das Majorat gestiftet hatte. Jede Waffe war ihm entrissen, denn

wär es ihm auch gelungen auf hämische Weise, den Sohn mit dem

Vater zu entzweien, so blieb dies ohne Wirkung, da Roderich

selbst nicht ermächtigt war, dem ältesten Sohn die Rechte der

Erstgeburt zu entreißen, und es, wandte sich auch sein Herz und

Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundsätzen nimmer-

mehr getan hätte. Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhält-

nis mit Julien von St. Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder

verderben zu können. Da fing die Zeit an, in der er im Einver-

ständnisse mit Daniel auf bübische Weise den Alten zu Ent-

schlüssen nötigen wollte, die den Sohn zur Verzweiflung bringen

mußten.

Er wußte, daß nur die Verbindung mit einer der ältesten

Familien des Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den

Glanz des Majorats auf ewige Zeiten begründen konnte. Der

Alte hatte diese Verbindung in den Gestirnen gelesen, und jedes

freveliche Zerstören der Konstellation konnte nur Verderben

bringen über die Stiftung. Wolfgangs Verbindung mit Julien er-

schien in dieser Art dem Alten ein verbrecherisches Attentat,

wider Beschlüsse der Macht gerichtet, die ihm beigestanden im

irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien, die wie ein

dämonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu verderben,

gerechtfertigt. Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn strei-

fende Liebe zu Julien, ihr Verlust mußte ihn elend machen, viel-

leicht töten, und um so lieber wurde er tätiger Helfershelfer bei

den Plänen des Alten, als er selbst sträfliche Neigung zu Julien

gefaßt und sie für sich zu gewinnen hoffte. Eine besondere

Schickung des Himmels wollte es, daß die giftigsten Anschläge

an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja daß es ihm ge-

lang, den Bruder zu täuschen. Für Hubert blieb Wolfgangs

wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Ge-

heimnis. Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten

Roderich zugleich der Gedanke, daß Wolfgang jene ihm feind-

liche Julie geheiratet habe; in dem Briefe, der dem Sohn befahl,

am bestimmten Tage nach R...sitten zu kommen, um das Majo-

rat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene Verbindung

zerreißen werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der

Leiche des Vaters.

An Hubert schrieb der Alte, daß Wolfgang Julien geheiratet

habe, er werde aber diese Verbindung zerreißen. Hubert hielt

dies für die Einbildung des träumerischen Vaters, erschrak aber

nicht wenig, als Wolfgang in R... sitten selbst mit vieler Frei-

mütigkeit die Ahnung des Alten nicht allein bestätigte, sondern

auch hinzufügte, daß Julie ihm einen Sohn geboren, und daß

er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis jetzt für den Kaufmann

Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines Standes und sei-

nes reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst wolle er hin

nach Genf, um das geliebte Weib zu holen. Noch ehe er diesen

Entschluß ausführen konnte, ereilte ihn der Tod. Hubert ver-

schwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe mit

Julien erzeugten Sohnes bekannt, und riß so das Majorat an

sich, das diesem gebührte. Doch nur wenige Jahre waren ver-

gangen, als ihn tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an

seine Schuld auf fürchterliche Weise durch den Haß, der zwi-

schen seinen beiden Söhnen mehr und mehr emporkeimte. "Du

bist ein armer dürftiger Schlucker", sagte der älteste, ein zwölf-

jähriger Knabe, zu dem jüngsten, "aber ich werde, wenn der

Vater stirbt, Majoratsherr von R... sitten, und da mußt du

demütig sein und mir die Hand küssen, wenn ich dir Geld geben

soll zum neuen Rock." Der jüngste, in volle Wut geraten über

des Bruders höhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in

der Hand hatte, nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode.

Hubert, großes Unglück fürchtend, schickte den jüngsten fort

nach Petersburg, wo er später als Offizier unter Suwarow wider

die Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis

seines unredlichen betrügerischen Besitzes kund zu tun, davon

hielt ihn die Scham, die Schande, die über ihn gekommen, zu-

rück, aber entziehen wollte er dem rechtmäßigen Besitzer keinen

Groschen mehr. Er zog Erkundigungen ein in Genf und erfuhr,

daß die Frau Born, trostlos über das unbegreifliche Verschwin-

den ihres Mannes, gestorben, daß aber der junge Roderich Born

von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen, erzogen

werde. Da kündigte sich Hubert unter fremdem Namen als Ver-

wandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an

und schickte Summen ein, die hinreichten, den jungen Majorats-

herrn sorglich und anständig zu erziehen. Wie er die Überschüsse

der Einkünfte des Majorats sorgfältig sammelte; wie er dann

testamentarisch verfügte, ist bekannt. Über den Tod seines Bru-

ders sprach Hubert in sonderbaren rätselhaften Ausdrücken, die

so viel erraten ließen, daß es damit eine geheimnisvolle Be-

wandtnis haben mußte, und daß Hubert wenigstens teilnahm

an einer gräßlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klärte

alles auf. Der verräterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel

lag ein Blatt bei, das Daniel beschrieben und unterschrieben

hatte. V. las ein Geständnis, vor dem sein Innerstes erbebte. Auf

Daniels Veranlassung war Hubert nach R...sitten gekommen,

Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfunfzig-

tausend Reichstalern geschrieben. Man weiß, wie Hubert von

dem Bruder aufgenommen wurde, wie er getäuscht in allen sei-

nen Wünschen und Hoffnungen fort wollte, wie ihn V. zurück-

hielt. In Daniels Innern kochte blutige Rache, die er zu nehmen

hatte an dem jungen Menschen, der ihn hatte ausstoßen wollen

wie einen räudigen Hund. Der schürte und schürte an dem

Brande, von dem der verzweifelte Hubert verzehrt wurde.

Im Föhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestö-

ber wurden sie einig über Wolfgangs Verderben. "Wegschaffen"

- murmelte Hubert, indem er seitwärts wegblickte und die

Büchse anlegte. "Ja, wegschaffen", grinste Daniel, "aber nicht so,

nicht so." - Nun vermaß er sich hoch und teuer, er werde den

Freiherrn ermorden, und kein Hahn solle darnach krähen.

Hubert, als er endlich Geld erhalten, tat der Anschlag leid, er

wollte fort, um jeder weitern Versuchung zu widerstehen. Da-

niel selbst sattelte in der Nacht das Pferd und führte es aus dem

Stalle, als aber der Baron sich aufschwingen wollte, sprach Da-

niel mit schneidender Stimme: "Ich dächte, Freiherr Hubert, du

bliebst auf dem Majorat, das dir in diesem Augenblick zugefal-

len, denn der stolze Majoratsherr liegt zerschmettert in der

Gruft des Turms!" - Daniel hatte beobachtet, daß, von Gold-

durst geplagt, Wolfgang oft in der Nacht aufstand, vor die Tür

trat, die sonst zum Turme führte, und mit sehnsüchtigen Blicken

hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels Versicherung noch

bedeutende Schätze bergen sollte. Darauf gefaßt stand in jener

verhängnisvollen Nacht Daniel vor der Tür des Saals. Sowie er

den Freiherrn die zum Turme führende Tür öffnen hörte, trat

er hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde

stand. Der Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruch-

ten Diener, dem der Mord schon aus den Augen blitzte, ge-

wahrte, entsetzt: "Daniel, Daniel, was machst du hier zu dieser

Stunde!" Aber da kreischte Daniel wild auf: "Hinab mir dir, du

räudiger Hund" und schleuderte mit einem kräftigen Fußstoß

den Unglücklichen hinunter in die Tiefe! - Ganz erschüttert von

der gräßlichen Untat fand der Freiherr keine Ruhe auf dem

Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging auf seine Güter nach

Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit nach R... sit-

ten. Franz, der alte Franz, behauptete, daß Daniel, dessen Ver-

brechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und

beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. später erfuhr und

bannte. - Die Entdeckung dieser Umstände, welche das Anden-

ken des Vaters schändeten, trieben auch den jungen Freiherrn

Hubert fort in die Welt. - -

So hatte der Großonkel alles erzählt, nun nahm er meine

Hand und sprach, indem ihm volle Tränen in die Augen traten,

mit sehr weicher Stimme: "Vetter - Vetter - auch sie, die hol-

de Frau, hat das böse Verhängnis, die unheimliche Macht, die

dort auf dem Stammschlosse hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem

wir R... sitten verlassen, veranstaltete der Freiherr zum Beschluß

einer Schlittenfahrt. Er selbst fährt seine Gemahlin, doch, als es

talabwärts geht, reißen die Pferde plötzlich, auf unbegreifliche

Weise scheu geworden, aus in vollem wütenden Schnauben und

Toben. "Der Alte - der Alte ist hinter uns her", schreit die Baro-

nin auf mit schneidender Stimme! In dem Augenblick wird sie

durch den Stoß, der den Schlitten umwirft, weit fortgeschleudert.

- Man findet sie leblos - sie ist hin! - Der Freiherr kann sich

nimmer trösten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! - Nimmer

kommen wir wieder nach R... sitten, Vetter!" -

Der alte Großonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrisse-

nem Herzen, und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den

tiefen Schmerz lindern, in dem ich vergehen zu müssen glaubte.

*

Jahre waren vergangen. V. ruhte längst im Grabe, ich hatte

mein Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges,

der verwüstend über ganz Deutschland hinbrauste, in den Nor-

den hinein, fort nach Petersburg. Auf der Rückreise, nicht mehr

weit von K., fuhr ich in einer finstern Sommernacht an dem Ge-

stade der Ostsee entlang, als ich vor mir am Himmel einen gro-

ßen funkelnden Stern erblickte. Näher gekommen, gewahrte

ich wohl an der roten flackernden Flamme, daß das, was ich für

einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein müsse, ohne zu be-

greifen, wie es so hoch in den Lüften schweben könne. "Schwa-

ger! was ist das für ein Feuer dort vor uns?" frug ich den Po-

stillon. "Ei", erwiderte dieser, "ei, das ist kein Feuer, das ist

der Leuchtturm von R... sitten." R...sitten! - sowie der Postil-

lon den Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener

verhängnisvollen Herbsttage hervor, die ich dort verlebte. Ich

sah den Baron - Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen

Tanten, mich selbst mit blankem Milchgesicht, schön frisiert und

gepudert, in zartes Himmelblau gekleidet - ja mich, den Ver-

liebten, der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied auf seiner

Liebsten Braue! - In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte,

flackerten wie bunte Lichterchen V’s derbe Späße auf, die mir

nun ergötzlicher waren als damals. So von Schmerz und wun-

derbarer Lust bewegt, stieg ich am frühen Morgen in R... sitten

aus dem Wagen, der vor der Postexpedition hielt. Ich erkannte

das Haus des Okonomieinspektors, ich frug nach ihm. "Mit

Verlaub", sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus dem

Munde nahm und an der Nachtmütze rückte, "mit Verlaub, hier

ist kein Ökonomieinspektor, es ist ein königliches Amt, und der

Herr Amtsrat belieben noch zu schlafen." Auf weiteres Fragen

erfuhr ich, daß schon vor sechzehn Jahren der Freiherr Roderich

von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne Deszendenten gestor-

ben und das Majorat der Stiftungsurkunde gemäß dem Staate

anheimgefallen sei. - Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag

in Ruinen zusammengestürzt. Man hatte einen großen Teil der

Steine zu dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer,

der aus dem Föhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Ge-

spräch einließ. Der wußte auch noch von dem Spuk zu erzählen,

wie er auf dem Schlosse gehaust haben sollte, und versicherte,

daß noch jetzt sich oft, zumal beim Vollmonde, grauenvolle Kla-

gelaute in dem Gestein hören ließen.

Armer alter, kurzsichtiger Roderich! welche böse Macht be-

schworst du herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel

für die Ewigkeit zu pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen

zum Tode vergiftete.