JEAN PAUL
Leben des vergnügten Schulmeisterleins Wuz in Auenthal

 

Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du

vergnügtes Schulmeisterlein Wuz! Der stille laue Himmel eines

Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein

Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen, und dein

Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende

Blumen flattern - und schon außer dem Grabe schliefest du

sanft!

Jetzt aber, meine Freunde, müssen vor allen Dingen die Stühle

um den Ofen, der Schenktisch mit dem Trinkwasser an unsre

Knie gerückt und die Vorhänge zugezogen und die Schlafmützen

aufgesetzt werden, und an die grand monde über der Gasse drü-

ben und ans palais royal muß keiner von uns denken, bloß weil

ich die ruhige Geschichte des vergnügten Schulmeisterlein er-

zähle - und du, mein lieber Christian, der du eine einatmende

Brust für die einzigen feuerbeständigen Freuden des Lebens, für

die häuslichen, hast, setze dich auf den Arm des Großvater-

stuhls, aus dem ich heraus erzähle, und lehne dich zuweilen ein

wenig an mich! Du machst mich gar nicht irre.

Seit der Schwedenzeit waren die Wuze Schulmeister in Auen-

thal, und ich glaube nicht, daß einer vom Pfarrer oder von sei-

ner Gemeinde verklagt wurde. Allemal acht oder neun Jahre

nach der Hochzeit versahen Wuz und Sohn das Amt mit Ver-

stand - unser Maria Wuz dozierte unter seinem Vater schon in

der Woche das ABC, in der er das Buchstabieren erlernte, das

nichts taugt. Der Charakter unsers Wuz hatte, wie der Unter-

richt anderer Schulleute, etwas Spielendes und Kindisches; aber

nicht im Kummer, sondern in der Freude.

Schon in der Kindheit war er ein wenig kindisch. Denn es gibt

zweierlei Kinderspiele, kindische und ernsthafte. Die ernsthaf-

ten sind Nachahmungen der Erwachsenen, das Kaufmann-,

Soldaten-, Handwerkerspielen - die kindischen sind Nachäffun-

gen der Tiere. Wuz war beim Spielen nie etwas anders als ein

Hase, eine Turteltaube oder das Junge derselben, ein Bär, ein

Pferd oder gar der Wagen daran. Glaubt mir! ein Seraph findet

auch in unsern Kollegien und Hörsälen keine Geschäfte, sondern

nur Spiele und, wenn ers hoch treibt, jene zweierlei Spiele.

Indes hatte er auch, wie alle Philosophen, seine ernsthaftesten

Geschäfte und Stunden. Setzte er nicht schon längst - ehe die

brandenburgischen erwachsenen Geistlichen nur fünf Fäden von

buntem Überzug umtaten - sich dadurch über große Vorurteile

weg, daß er eine blaue Schürze, die seltner der geistliche Ornat

als der in ein Amt tragende Dr. Fausts Mantel guter Kandidaten

ist, vormittags über sich warf und in diesem himmelfarbigen

Meßgewand der Magd seines Vaters die vielen Sünden vorhielt,

die sie um Himmel und Hölle bringen konnten? Ja, er griff sei-

nen eignen Vater an, aber nachmittags; denn wenn er diesem

Kobers "Kabinettsprediger" vorlas, wars seine innige Freude,

dann und wann zwei, drei Worte oder gar Zeilen aus eignen

Ideen einzuschalten und diese Interpolation mit wegzulegen, als

spräche Herr Kober selbst mit seinem Vater. Ich denke, ich werfe

durch diese Personalie vieles Licht auf ihn und einen Spaß, den

er später auf der Kanzel trieb, als er auch nachmittags den Kirch-

gängern die Postille an Pfarrers Statt vorlas, aber mit so viel

hineingespielten eignen Verlagartikeln und Fabrikaten, daß er

dem Teufel Schaden tat und dessen Diener rührte. "Justel", sagt

er nachher um vier Uhr zu seiner Frau, "was weißt du unten

in deinem Stuhl, wie prächtig es einem oben ist, zumal unter

dem Kanzelliede?"

Wir könnens leicht in seinen ältern Jahren erfragen, wie er

in seinen Flegeljahren war. Im Dezember von jenen ließ er alle-

mal das Licht eine Stunde später bringen, weil er in dieser Stunde

seine Kindheit - jeden Tag nahm er einen andern Tag vor -

rekapitulierte. Indem der Wind seine Fenster mit Schneevor-

hängen verfinsterte und indem ihn aus den Ofenfugen das Feuer

anblinkte, drückte er die Augen zu und ließ auf die gefrornen

Wiesen den längst vermoderten Frühling niedertauen; da bauete

er sich mit der Schwester in den Heuschober ein und fuhr auf

dem architektonisch gewölbten Heugebirge des Wagens heim

und riet droben mit geschlossenen Augen, wo sie wohl nun füh-

ren. In der Abendkühle, unter dem Schwalbenscharmuzieren

über sich, schoß er, froh über die untere Entkleidung und das

Deshabillee der Beine, als schreiende Schwalbe herum und mau-

erte sich für sein Junges - ein hölzerner Weihnachtshahn mit

angepichten Federn wars - eine Kot-Rotunda mit einem Schna-

bel von Holz und trug hernach Bettstroh und Bettfedern zu

Nest. Für eine andere palingenesierende Winterabendstunde wur-

de ein prächtiger Trinitatis (ich wollt, es gäbe 365 Trinitatis)

aufgehoben, wo er am Morgen, im tönenden Lenz um ihn und in

ihm, mit läutendem Schlüsselbund durch das Dorf in den Garten

stolzierte, sich im Tau abkühlte und das glühende Gesicht durch

die tropfende Johannisbeerstaude drängte, sich mit dem hoch-

stämmigen Grase maß und mit zwei schwachen Fingern die Ro-

sen für den Herrn Senior und sein Kanzelpult abdrehte. An

ebendiesem Trinitatis - das war die zweite Schüssel an dem

nämlichen Dezemberabend - quetschete er, mit dem Sonnen-

schein auf dem Rücken, den Orgeltasten den Choral: "Gott in

der Höh sei Ehr" ein oder ab (mehr kann er doch nicht) und

streckte die kurzen Beine mit vergeblichen Näherungen zur Par-

terretastatur hinunter, und der Vater riß für ihn die richtigen

Register heraus. - Er würde die ungleichartigsten Dinge zu-

sammenschütten, wenn er sich in den gedachten beiden Abendstun-

den erinnerte, was er im Kindheitdezember vornahm; aber er

war so klug, daß er sich erst in einer dritten darauf besann, wie

er sonst abends sich aufs Zuketten der Fensterläden freuete, weil

er nun ganz gesichert vor allem in der lichten Stube hockte,

daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden Fenster-

scheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hineinsah; wie er

und seine Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter aus-

spionierten, unterstützten und unterbrachen, und wie er und sie

mit zugedrückten Augen und zwischen den Brustwehrschenkeln

des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich spitz-

ten und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewölbe des Uni-

versums herausgeschnittenen und hineingebauten Klosett ihrer

Stube so beschirmet waren, so warm, so satt, so wohl... Und

alle Jahre, sooft er diese Retourfuhre seiner Kindheit und des

Wolfmonats darin veranstaltete, vergaß und erstaunt er - so-

bald das Licht angezündet wurde -, daß in der Stube, die er

sich wie ein Lorettohäuschen aus dem Kindheitskanaan herüber-

holte, er ja gerade jetzt säße. - So beschreibt er wenigstens

selber diese erinnerungshohen Opern in seinen Rousseauischen

Spaziergängen, die ich da vor mich lege, um nicht zu lügen...

Allein ich schnüre mir den Fuß mit lauter Wurzelngeflecht

und Dickicht ein, wenn ichs nicht dadurch wegreiße, daß ich

einen gewissen äußerst wichtigen Umstand aus seinem männ-

lichen Alter herausschneide und sogleich jetzo aufsetze, nachher

aber soll ordentlich a priori angefangen und mit dem Schul-

meisterlein langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Al-

terstufen hinauf- und auf der andern Seite in den drei nieder-

steigenden wieder hinabgegangen werden - bis Wuz am Fuß der

tiefsten Stufe vor uns ins Grab fällt.

Ich wollte, ich hätte dieses Gleichnis nicht genommen. Sooft

ich in Lavaters Fragmenten oder in Comenii orbis pictus oder

an einer Wand das Blut- und Trauergerüste der sieben Lebens-

stationen besah - sooft ich zuschauete, wie das gemalte Geschöpf,

sich verlängernd und ausstreckend, die Ameisenpyramide auf-

klettert, drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend

auf der andern Seite niederfährt und abgekürzt umkugelt auf

die um diese Schädelstätte liegende Vorwelt - und sooft ich vor

das atmende Rosengesicht voll Frühlinge und voll Durst, einen

Himmel auszutrinken, trete und bedenke, daß nicht Jahrtau-

sende, sondern Jahrzehnte dieses Gesicht in das zusammenge-

ronnene zerknüllte Gesicht voll überlebter Hoffnungen ausge-

dorret haben ... Aber indem ich über andre mich betrübe, heben

und senken mich die Stufen selber, und wir wollen einander

nicht so ernsthaft machen!

Der wichtige Umstand, bei dem uns, wie man behauptet, so

viel daran gelegen ist, ihn vorauszuhören, ist nämlich der, daß

Wuz eine ganze Bibliothek - wie hätte der Mann sich eine kau-

fen können - sich eigenhändig schrieb. Sein Schreibzeug war

seine Taschendruckerei; jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das

Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder

gekauft; denn er setzte sich sogleich hin und machte das Produkt

und schenkt es seiner ansehnlichen Büchersammlung, die, wie

die heidnischen, aus lauter Handschriften bestand. Z.B. kaum

waren die physiognomischen Fragmente von Lavater da, so ließ

Wuz diesem fruchtbaren Kopfe dadurch wenig voraus, daß er

sein Konzeptpapier in Quarto brach und drei Wochen lang nicht

vom Sessel wegging, sondern an seinem eignen Kopfe so lange

zog, bis er den physiognomischen Fötus herausgebracht - er

bettete den Fötus aufs Bücherbrett hin - und bis er sich den

Schweizer nachgeschrieben hatte. Diese Wuzischen Fragmente

übertitelte er die Lavaterschen und merkte an: "Er hätte nichts

gegen die gedruckten; aber seine Hand sei hoffentlich ebenso

leserlich, wenn nicht besser als irgendein Mittelfrakturdruck."

Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt

und oft das meiste daraus abdruckt, sondern er nahm gar keines

zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären:

erstlich die, daß es manchmal mit ihm haperte und daß er z. B.

im ganzen Federschen "Traktat über Raum und Zeit"von nichts

handelte als vom Schiffsraum und der Zeit, die man bei Weibern

Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache: da

er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art vollgeschrieben

und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine

Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und

die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebnen; nur

das, klagt er, könn er - und böten die Leute ihm Balleien dafür

an - nicht herauskriegen, wienach und warum der Buchführer

das Gedruckte allzeit so sehr verfälsche und umsetze, daß man

wahrhaftig schwören sollte, das Gedruckte und das Geschriebne

hätten doppelte Verfasser, wüßte man es nicht sonst.

Es war einfältig, wenn etwa ihm zum Possen ein Autor sein

Werk gründlich schrieb, nämlich in Querfolio - oder witzig,

nämlich in Sedez: denn sein Mitmeister Wuz sprang den Augen-

blick herbei und legte seinen Bogen in die Quere hin oder kremp-

te ihn in Sedezimo ein.

Nur ein Buch ließ er in sein Haus, den Meßkatalog; denn die

besten Inventarienstücke desselben mußte der Senior am Rande

mit einer schwarzen Hand bestempeln, damit er sie hurtig genug

schreiben konnte, um das Ostermeßheu in die Panse des Bücher-

schranks hineinzunähen, eh das Michaelisgrummet herausschoß.

Ich möchte seine Meisterstücke nicht schreiben. Den größten

Schaden hatte der Mann davon - Verstopfung zu halben Wochen

und Schnupfen auf der andern Seite - wenn der Senior (sein

Friedrich Nikolai) zu viel Gutes, das er zu schreiben hatte, an-

strich und seine Hand durch die gemalte anspornte; und sein

Sohn klagte oft, daß in manchen Jahren sein Vater vor litera-

rischer Geburtarbeit kaum niesen konnte, weil er auf einmal

Sturms "Betrachtungen", die verbesserte Auflage, Schillers

"Räuber" und Kants "Kritik der reinen Vernunft" der Welt zu

schenken hatte. Das geschah bei Tage; abends aber mußte der

gute Mann nach dem Abendessen noch gar um den Südpol ru-

dern und konnte auf seiner Cookischen Reise kaum drei gescheite

Worte zum Sohne nach Deutschland hinaufreden. Denn da unser

Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen

Mauleselstall betreten oder die Einwohner von beiden gespro-

chen hatte: so hatt er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von beiden

und allen Ländern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern -

ich meine solche, worauf der Statistiker der Menschheitsge-

schichtschreiber und ich selber fußen können - erstlich deswe-

gen, weil auch andere Reisejournalisten häufig ihre Beschreibun-

gen ohne die Reise machen - zweitens auch weil Reisebeschrei-

bungen überhaupt unmöglich auf eine andre Art zu machen sind,

angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem

Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der

Dümmste noch aus Leihnizens vorherbestimmter Harmonie im

Kopfe, daß die Seele z. B. die Seelen eines Forsters, Brydone,

Björnstähls - insgesamt seßhaft auf dem Isolierschemel der

versteinerten Zirbeldrüse - ja nichts anderes von Südindien

oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber

erdenkt und was sie, beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke,

aus ihren fünf Kankerspinnwarzen vorspinnt und abzwirnt.

Wuz zerrete sein Reisejournal auch aus niemand anders als aus

sich.

Er schreibt über alles, und wenn die gelehrte Welt sich dar-

über wundert, daß er fünf Wochen nach dem Abdruck der

Wertherschen Leiden einen alten Flederwisch nahm und sich eine

harte Spule auszog und damit stehenden Fußes sie schrieb, die

Leiden - ganz Deutschland ahmte nachher seine Leiden nach:

so wundert sich niemand weniger über die gelehrte Welt als ich;

denn wie kann sie Rousseaus Bekenntnisse gesehen und gelesen

haben, die Wuz schrieb und die dato noch unter seinen Papieren

liegen? In diesen spricht aber J. J. Rousseau oder Wuz (das ist

einerlei) so von sich, allein mit andern Einkleidworten: "Er

würde wahrhaftig nicht so dumm sein, daß er Federn nähme und

die besten Werke machte, wenn er nichts brauchte als bloß den

Beutel aufzubinden und sie zu erhandeln. Allein er habe nichts

darin als zwei schwarze Hemdknöpfe und einen kotigen Kreu-

zer. Woll er mithin etwas Gescheites lesen, z.B. aus der prak-

tischen Arzneikunde und aus der Krankenuniversalhistorie, so

müß er sich an seinen triefenden Feuerstock setzen und den Bettel

ersinnen. An wen woll er sich wenden, um den Hintergrund des

Freimaurergeheimnisses auszuhorchen, an welches Dionysius’

Ohr, mein er, als an seine zwei eignen? Auf diese an seinen eig-

nen Kopf angeöhrten hör er sehr, und indem er die Freimaurer-

reden, die er schreibe, genau durchlese und zu verstehen trachte,

so merk er zuletzt allerhand Wunderdinge und komme weit

und rieche im ganzen genommen Lunten. Da er von Chemie und

Alchemie so viel wisse wie Adam nach dem Fall, als er alles ver-

gessen hatte: so sei ihm ein rechter Gefallen geschehen, daß er

sich den annulus Platonis geschmiedet, diesen silbernen Ring um

den Bleisaturn, diesen Gygesring, der so vielerlei unsichtbar

mache, Gehirne und Metalle; denn aus diesem Buche dürft er,

sollt ers nur einmal ordentlich begreifen, frappant wissen, wo

Barthel Most hole." - Jetzt wollen wir wieder in seine Kind-

heit zurück.

Im zehnten Jahre verpuppte er sich in einen mulattenfarbi-

gen Alumnus und obern Quintaner der Stadt Scheerau. Sein Exa-

minator muß mein Zeuge sein, daß es keine weiße Schminke ist,

die ich meinen Helden anstreiche, wenn ichs zu berichten wage,

daß er nur noch ein Blatt bis zur vierten Deklination zurückzu-

legen hatte und daß er die ganze Geschlechtausnahme thorax

caudex pulexque vor der Quinta wie ein Wecker abrollte -

bloß die Regel wußt er nicht. Unter allen Nischen des Alum-

neums war nur eine so gescheuert und geordnet, gleich der

Prunkküche einer Nrnbergerin: das war seine; denn zufriedene

Menschen sind die ordentlichsten. Er kaufte sich aus seinem Beu-

tel für zwei Kreuzer Nägel und beschlug seine Zelle damit, um

für alle Effekten besondere Nägel zu haben - er schlichtete

seine Schreibbücher so lange, bis ihre Rücken so bleirecht aufein-

anderlagen wie eine preußische Fronte, und er ging beim Mond-

schein aus dem Bette und visierte so lange um seine Schuhe her-

um, bis sie parallel nebeneinanderstanden. - War alles metrisch,

so rieb er die Hände, riß die Achseln über die Ohren hinauf,

sprang empor, schüttelte sich fast den Kopf herab und lachte

ungemein.

Eh ich von ihm weiter beweise, daß er im Alumneum glücklich

war, will ich beweisen, daß dergleichen kein Spaß war, sondern

eine herkulische Arbeit. Hundert ägyptische Plagen hält man für

keine, bloß weil sie uns nur in der Jugend heimsuchen, wo mo-

ralische Wunden und komplizierte Frakturen so hurtig zuheilen

wie physische - grünendes Holz bricht nicht so leicht wie dürres

entzwei. Alle Einrichtungen legen es dar, daß ein Alumneum

seiner ältesten Bestimmung nach ein protestantisches Knaben-

kloster sein soll; aber dabei sollte man es lassen, man sollte ein

solches Präservationszuchthaus in kein Luftschloß, ein solches

Misanthropin in kein Philanthropin verwandeln wollen. Müssen

nicht die glücklichen Inhaftaten einer solchen Fürstenschule die

drei Klostergelübde ablegen? Erstlich das des Gehorsams, da

der Schülerguardian und Novizenmeister seinen schwarzen No-

vizen das Spornrad der häufigsten, widrigsten Befehle und Er-

tötungen in die Seite sticht. Zweitens das der Armut, da sie nicht

Kruditäten und übrige Brocken, sondern Hunger von einem

Tage zum andern aufheben und übertragen; und Carminati ver-

möchte ganze Invalidenhäuser mit dem Supernumerärmagensaft

der Konviktorien und Alumneen auszuheilen. Das Gelübde der

Keuschheit tut sich nachher von selbst, sobald ein Mensch den

ganzen Tag zu laufen und zu fasten hat und keine andern Be-

wegungen entbehrt als die peristaltischen. Zu wichtigen Ämtern

muß der Staatsbürger erst gehänselt werden. Verdient denn aber

bloß der katholische Novize zum Mönch geprügelt oder ein

elender Ladenjunge in Bremen zum Kaufmannsdiener geräuchert

oder ein sittenloser Südamerikaner zum Kaziken durch beides

und durch mehrere in meinen Exzerpten stehende Qualen appre-

tiert und sublimiert zu werden? Ist ein lutherischer Pfarrer nicht

ebenso wichtig, und sind seiner künftigen Bestimmung nicht

ebensogut solche übende Martern nötig? Zum Glück hat er sie;

vielleicht mauerte die Vorwelt die Schulpforten, deren Kon-

klavisten insgesamt wahre Knechte der Knechte sind, bloß seinet-

wegen auf: denn andern Fakultäten ist mit dieser Kreuzigung

und Radbrechung des Fleisches und Geistes zu wenig gedient.

Daher ist auch das so oft getadelte Chor-, Gassen- und Leichen-

singen der Alumnen ein recht gutes Mittel, protestantische Klo-

sterleute aus ihnen zu ziehen - und selbst ihr schwarzer Überzug

und die kanonische Mohrenenveloppe des Mantels ist etwas

Ahnliches von der Mönchkutte. Daher schießen in Leipzig um

die Thomasschüler, da doch einmal die Geistlichen die Perücken-

wammen anhängen müssen, wenigstens die Herzblätter eines

aufkapselnden Perückchens herum, das wie ein Pultdach oder

wie halbe Flügeldecken sich auf dem Kopfe umsieht. In den alten

Klöstern war die Gelehrsamkeit Strafe; nur Schuldige mußten

da lateinische Psalmen auswendig lernen oder Autores abschrei-

ben; - in guten armen Schulen wird dieses Strafen nicht vernach-

lässigt, und sparsamer Unterricht wird da stets als ein unschul-

diges Mittel angeordnet, den armen Schüler damit zu züchtigen

und zu mortifizieren...

Bloß dem Schulmeisterlein hatte diese Kreuzschule wenig an;

den ganzen Tag freuete er sich auf oder über etwas. "Vor dem

Aufstehen", sagt er, "freu ich mich auf das Frühstück, den ganzen

Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesperzeit aufs Vesperbrot

und abends aufs Nachtbrot - und so hat der Alumnus Wuz sich

stets auf etwas zu spitzen." Trank er tief, so sagt er: "Das hat

meinem Wuz geschmeckt" und strich sich den Magen. Niesete er,

so sagte er: "Helf dir Gott, Wuz!" Im fieberfrostigen Novem-

berwetter letzte er sich auf der Gasse mit der Vormalung des

warmen Ofens und mit der närrischen Freude, daß er eine Hand

um die andre unter seinem Mantel wie zu Hause stecken hatte.

War der Tag gar zu toll und windig - es gibt für uns Wichte

solche Hatztage, wo die ganze Erde ein Hatzhaus ist und wo die

Plagen wie spaßhaft gehende Wasserkünste uns bei jedem

Schritte ansprützen und einfeuchten - so war das Meisterlein so

pfiffig, daß es sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts

darum schor; es war nicht Ergebung, die das unvermeidliche

Übel aufnimmt, nicht Abhärtung, die das ungefühlte trägt, nicht

Philosophie, die das verdünnte verdauet, oder Religion, die das

belohnte verwindet: sondern der Gedanke ans warme Bette wars.

"Abends", dachte er, "lieg ich auf alle Fälle, sie mögen mich den

ganzen Tag zwicken und hetzen wie sie wollen, unter meiner

warmen Zudeck und drücke die Nase ruhig ans Kopfkissen, acht

Stunden lang." Und kroch er endlich in der letzten Stunde eines

solchen Leidentages unter sein Oberbett, so schüttelte er sich

darin, krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen

und sagte zu sich: "Siehst du, Wuz, es ist doch vorbei!"

Ein andrer Paragraph aus der Wuzischen Kunst, stets fröhlich

zu sein, war sein zweiter Pfiff: stets fröhlich aufzuwachen - und

um dies zu können, bedient er sich eines dritten und hob immer

vom Tage vorher etwas Angenehmes für den Morgen auf, ent-

weder gebackne Klöße oder ebensoviel äußerst gefährliche Blät-

ter aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer - oder auch

junge Vögel oder junge Pflanzen, an denen er am Morgen nach-

zusehen hatte, wie nachts Federn und Blätter gewachsen.

Den dritten und vielleicht durchdachtesten Paragraphen seiner

Kunst, fröhlich zu sein, arbeitete er erst aus, da er Sekundaner

ward: er wurde verliebt ! -

Eine solche Ausarbeitung wäre meine Sache ... Aber da ich

hier zum ersten Male in meinem Leben mich mit meiner Reiß-

kohle an das Blumenstück gemalter Liebe mache, so muß auf

der Stelle abgebrochen werden, damit fortgerissen werde morgen

um sechs Uhr bei weniger niedergebranntem Feuer.

Wenn Venedig, Rom und Wien und die Luststädtebank sich

zusammentäten und mich mit einem solchen Karneval beschen-

ken wollten, das dem beikäme, welches mitten in der schwarzen

Kantorstube in Joditz war, wo wir Kinder von acht Uhr bis

eilf forttanzten (so lange währte unsre Faschingszeit, in der wir

den Appetit zur Fastnachthirse versprangen): so machten sich

jene Residenzstädte zwar an etwas Unmögliches und Lächerli-

ches - aber doch an nichts so Unmögliches, wie dies wäre, wenn

sie dem Alumnus Wuz den Fastnachtmorgen mit seinen Karne-

vallustbarkeiten wiedergeben wollten, als er als unterer Sekun- daner auf Besuch in der Tanz- und Schulstube seines Vaters am

Morgen gegen zehn Uhr ordentlich verliebt wurde. Eine solche

Faschinglustbarkeit - trautes Schulmeisterlein, wo denkst du

hin? - Aber er dachte an nichts hin als zu Justina, die ich selten

oder niemals, wie die Auenthaler, Justel nennen werde. Da der

Alumnus unter dem Tanzen (wenige Gymnasiasten hätten mit-

getanzt, aber Wuz war nie stolz und immer eitel) den Augen-

blick weghatte, was - ihn nicht einmal eingerechnet - an der

Justel wäre, daß sie ein hübsches, gelenkiges Ding und schon im

Briefschreiben und in der Regeldetri, in Brüchen und die Patin

der Frau Seniorin und in einem Alter von fünfzehn Jahren und

nur als eine Gasttänzerin mit in der Stube sei: so tat der Gast-

tänzer seines Orts, was in solchen Fällen zu tun ist; er wurde, wie

gesagt, verliebt - schon beim ersten Schleifer flogs wie Fieberhitze

an ihn - unter dem Ordnen zum zweiten, wo er stillstehend die

warme Inlage seiner rechten Hand bedachte und befühlte, stiegs

unverhältnismäßig - er tanzte sich augenscheinlich in die Liebe

und in ihre Garne hinein. - Als sie noch dazu die roten Hauben-

bänder auseinanderfallen und sie ungemein nachlässig um den

nackten Hals zurückflattern ließ: so vernahm er die Baßgeige

nicht mehr - und als sie endlich gar mit einem roten Schnupftuch

sich Kühlung vorwedelte und es hinter und vor ihm fliegen ließ:

so war ihm nicht mehr zu helfen, und hätten die vier großen und

die zwölf kleinen Propheten zum Fenster hineingepredigt. Denn

einem Schnupftuch in einer weiblichen Hand erlag er stets auf

der Stelle ohne weitere Gegenwehr, wie der Löwe dem gedrehten

Wagenrade und der Elephant der Maus. Dorfkoketten machen

sich aus dem Schnupftuch die nämliche Feldschlange und Kriegs-

maschine, die sich die Stadtkoketten aus dem Fächer machen;

aber die Wellen eines Tuchs sind gefälliger als das knackende

Truthahnradschlagen der bunten Streitkolbe des Fächers.

Auf alle Fälle kann unser Wuz sich damit entschuldigen, daß

seines Wissens die Örter öffentlicher Freude das Herz für alle

Empfindungen, die viel Platz bedürfen, für Aufopferung, für

Mut und auch für Liebe weiter machen; freilich in den engen

Amt- und Arbeitstuben, auf Rathäusern, in geheimen Kabinetten

liegen unsre Herzen wie auf ebenso vielen Welkboden und Darr-

ofen und runzeln ein.

Wuz trug seinen mit dem Gas der Liebe aufgefüllten und

emporgetriebnen Herzballon freudig ins Alumneum zurück,

ohne jemand eine Silbe zu melden, am wenigsten der Schnupf-

tuchfahnenjunkerin selber - nicht aus Scheu, sondern weil er nie

mehr begehrte als die Gegenwart, er war nur froh, daß er selber

verliebt war, und dachte an weiter nichts...

Warum ließ der Himmel gerade in die Jugend das Lustrum

der Liebe fallen? Vielleicht weil man gerade da in Alumneen,

Schreibstuben und andern Gifthütten keucht: da steigt die Liebe

wie aufblühendes Gesträuch an den Fenstern jener Marter-

kammern empor und zeigt in schwankenden Schatten den großen

Frühling von außen. Denn Er und ich, mein Herr Präfektus und

auch Sie, verdiente Schuldiener des Alumneums, wir wollen mit-

einander wetten, Sie sollen über den vergnügten Wuz ein Hären-

hemd ziehen (im Grund hat er eines an). Sie sollen ihn Ixions

Rad und Sisyphus’ Stein der Weisen und den Laufwagen Ihres

Kindes bewegen lassen - Sie sollen ihn halbtot hungern oder

prügeln lassen - Sie sollen einer so elenden Wette wegen (welches

ich Ihnen nicht zugetraut hätte) gegen ihn ganz des Teufels sein:

Wuz bleibt doch Wuz und praktizieret sich immer sein bißchen

verliebter Freude ins Herz, vollends in den Hundtagen!

Seine Kanikularferien sind aber vielleicht nirgends deutlicher

beschrieben als in seinen "Werthers Freuden", die seine Lebens-

beschreiber fast nur abzuschreiben brauchen. - Er ging da Sonn-

tags nach der Abendkirche heim nach Auenthal und hatte mit

den Leuten in allen Gassen Mitleiden, daß sie dableiben mußten.

Draußen dehnte sich seine Brust mit dem aufgebaueten Himmel

vor ihm aus, und halbtrunken im Konzertsaal aller Vögel horcht

er doppelselig bald auf die gefiederten Sopranisten, bald auf

seine Phantasien. Um nur seine über die Ufer schlagende Lebens-

kräfte abzuleiten, galoppierte er oft eine halbe Viertelstunde

lang. Da er immer kurz vor und nach Sonnenuntergang ein ge-

wisses wollüstiges trunknes Sehnen empfunden hatte - die

Nacht aber macht wie ein längerer Tod den Menschen erhaben

und nimmt ihm die Erde: - so zauderte er mit seiner Landung

in Auenthal so lang, bis die zerfließende Sonne durch die letzten

Kornfelder vor dem Dorfe mit Goldfäden, die sie gerade über

die Ähren zog, sein blaues Röckchen stickte und bis sein Schat-

ten an den Berg über den Fluß wie ein Riese wandelte. Dann

schwankte er unter dem wie aus der Vergangenheit herüber-

klingenden Abendläuten ins Dorf hinein und war allen Men-

schen gut, selbst dem Präfektus. Ging er dann um seines Vaters

Haus und sah am oberen Kappfenster den Widerschein des

Monds und durch ein Parterrefenster seine Justina, die da alle

Sonntage einen ordentlichen Brief setzen lernte... 0 wenn er

dann in dieser paradiesischen Viertelstunde seines Lebens auf

funfzig Schritte die Stube und die Briefe und das Dorf von sich

hätte wegsprengen und um sich und um die Briefstellerin bloß

ein einsames dämmerndes Tempetal hätte ziehen können - wenn

er in diesem Tale mit seiner trunknen Seele, die unterweges um

alle Wesen ihre Arme schlug, auch an sein schönstes Wesen hätte

fallen dürfen und er und sie und Himmel und Erde zurückge-

sunken und zerflossen wären vor einem flammenden Augenblick

und Brennpunkte menschlicher Entzückung...

Indessen tat ers wenigstens nachts um eilf Uhr; und vorher

gings auch nicht schlecht. Er erzählte dem Vater, aber im Grunde

Justinen, seinen Studienplan und seinen politischen Einfluß; er

setzte sich dem Tadel, womit sein Vater ihre Briefe korrigierte,

mit demjenigen Gewicht entgegen, das ein solcher Kunstrichter

hat, und er war, da er gerade warm aus der Stadt kam, mehr

als einmal mit Witz bei der Hand - kurz, unter dem Einschla-

fen hörte er in seiner tanzenden, taumelnden Phantasie nichts

als Sphärenmusik.

- Freilich du, mein Wuz, kannst Werthers Freuden aufsetzen,

da allemal deine äußere und deine innere Welt sich wie zwei

Muschelschalen aneinanderlöten und dich als ihr Schaltier ein-

fassen; aber bei uns armen Schelmen, die wir hier am Ofen sit-

zen, ist die Außenwelt selten der Ripienist und Chorist unserer

innern fröhlichen Stimmung; - höchstens dann, wenn an uns

der ganze Stimmstock umgefallen und wir knarren und brum-

men; oder in einer andern Metapher: wenn wir eine verstopfte

Nase haben, so setzt sich ein ganzes mit Blumen überwölbtes

Eden vor uns hin, und wir mögen nicht hineinriechen.

Mit jedem Besuche machte das Schulmeisterlein seiner Johan-

na-Therese-Charlotte-Mariana-Klarissa-Heloise-Justel auch ein

Geschenk mit einem Pfefferkuchen und einem Potentaten; ich

will über beide ganz befriedigt sein.

Die Potentaten hatt er in seinem eignen Verlage; aber wenn

die Reichshofratskanzlei ihre Fürsten und Grafen aus ein wenig

Tinte, Pergament und Wachs macht, so verfertigte er seine Po-

tentaten viel kostbarer, aus Ruß, Fett und zwanzig Farben.

Im Alumneum wurde nämlich mit den Rahmen einer Menge

Potentaten eingeheizet, die er sämtlich mit gedachten Materia-

lien so zu kopieren und zu repräsentieren wußte, als wär er ihr

Gesandter. Er überschmierte ein Quartblatt mit einem Endchen

Licht und nachher mit Ofenruß - dieses legte er mit der schwar-

zen Seite auf ein andres mit weißen Seiten - oben auf beide

Blätter tat er irgendein fürstliches Porträt - dann nahm er eine

abgebrochene Gabel und fuhr mit ihrer drückenden Spitze auf

dem Gesichte und Leibe des regierenden Herrn herum--die-

ser Druck verdoppelte den Potentaten, der sich vom schwarzen

Blatt aufs weiße überfärbte. So nahm er von allem, was unter

einer europäischen Krone saß, recht kluge Kopien; allein ich

habe niemals verhehlet, daß seine Okuliergabel die russische Kai-

serin (die vorige) und eine Menge Kronprinzen dermaßen auf-

kratzte und durchschnitt, daß sie zu nichts mehr zu brauchen

waren als dazu, den Weg ihrer Rahmen zu gehen. Gleichwohl

war das rußige Quartblatt nur die Bruttafel und Arzwiege glor-

würdiger Regenten, oder auch der Streich- oder Laichteich der-

selben - ihr Streckteich aber oder die Appreturmaschine der

Potentaten war sein Farbkästchen; mit diesem illuminierte er

ganze regierende Linien, und alle Muscheln kleideten einen ein-

zigen Großfürsten an, und die Kronprinzessinnen zogen aus

derselben Farbmuschel Wangenröte, Schamröte und Schminke.

- - Mit diesen regierenden Schönen beschenkte er die, die ihn

regierte und die nicht wußte, was sie mit dem historischen Bilder-

saale machen sollte.

Aber mit dem Pfefferkuchen wußte sie es in dem Grade, daß

sie ihn aß. Ich halt es für schwer, einer Geliebten einen Pfeffer-

kuchen zu schenken, weil man ihn oft kurz vor der Schenkung

selber verzehrt. Hatte nicht Wuz die drei Kreuzer für den er-

sten schon bezahlt? Hatt er nicht das braune Rektangulum schon

in der Tasche und war damit schon bis auf eine Stunde vor

Auenthal und vor dem Adjudikationtermin gereiset? Ja, wurde

die süße Votivtafel nicht alle Viertelstunde aus der Tasche ge-

hoben, um zu sehen, ob sie noch viereckig sei? Dies war eben

das Unglück; denn bei diesem Beweis durch Augenschein, den

er führte, brach er immer wenige und unbedeutende Mandeln

aus dem Kuchen; - dergleichen tat er öfters - darauf machte

er sich (statt an die Quadratur des Zirkels) an das Problem,

den gevierteten Zirkel wieder rein herzustellen, und biß sauber

die vier rechten Winkel ab und machte ein Achteck, ein Sechzehn-

eck - denn ein Zirkel ist ein unendliches Vieleck - darauf war

nach diesen mathematischen Ausarbeitungen das Vieleck vor kei-

nem Mädchen mehr zu produzieren - darauf tat Wuz einen

Sprung und sagte: "Ach! ich freß ihn selber", und heraus war

der Seufzer und hinein die geometrische Figur. Es werden weni-

ge schottische Meister, akademische Senate und Magistranden

leben, denen nicht ein wahrer Gefallen geschähe, wenn man ihnen

zu hören gäbe, durch welchen Maschinengott sich Wuz aus der

Sache zog - - durch einen zweiten Pfefferkuchen tat ers, den

er allemal als einen Wand- und Taschennachbar des ersten mit

einsteckte. Indem er den einen aß, landete der andre ohne Läsio-

nen an, weil er mit dem Zwilling wie mit Brandmauer und Kron-

wache den andern beschützte. Das aber sah er in der Folge selber

ein, daß er - um nicht einen bloßen Torsooder Atom nach

Auenthal zu transportieren - die Krontruppen oder Pfeffer-

kuchen von Woche zu Woche vermehren müsse.

Er wäre Primaner geworden, wäre nicht sein Vater aus un-

serm Planeten in einen andern oder in einen Trabanten gerückt.

Daher dacht er die Melioration seines Vaters nachzumachen und

wollte von der Sekundanerbank auf den Lehrstuhl rutschen. Der

Kirchenpatron, Herr von Ebern, drängte sich zwischen beide

Gerüste und hielt seinen ausgedienten Koch an der Hand, um

ihn in ein Amt einzusetzen, dem er gewachsen war, weil es in

diesem ebensogut wie in seinem vorigen Spanferkel totzupeit-

schen und zu appretieren, obwohl nicht zu essen gab. Ich hab

es schon in der Revision des Schulwesens in einer Note erinnert

und H. Gedikens Beifall davongetragen, daß in jedem Bauer-

jungen ein unausgewachsener Schulmeister stecke, der von ein

paar Kirchenjahren groß zu paraphrasieren sei - daß nicht bloß

das alte Rom Weltkonsule, sondern auch heutige Dörfer Schul-

konsule vom Pfluge und aus der Furche ziehen könnten - daß

man ebensogut von Leuten seines Standes hier unterrichtet als

in England gerichtet werden könne und daß gerade der, dem

jeder das meiste Scibile verdanke, ihm am ähnlichsten sei, näm-

lich jeder sich selber - daß, wenn eine ganze Stadt (Nortia an

dem apenninischen Gebirg) nur von vier ungelehrten Magistrat-

mitgliedern (gli quatri illiterati) sich beherrschen lassen will,

doch eine Dorfjugend von einem einzigen ungelehrten Mann

werde zu regieren und zu prügeln sein - und daß man nur be-

denken möchte, was ich oben im Texte sagte. Da hier die Note

selber der Text ist, so will ich nur sagen, daß ich sagte: eine Dorf-

schule sei hinlänglich besetzt. Es ist da 1. der Gymnasiarch oder

Pastor, der von Winter zu Winter den Priesterrock umhängt

und das Schulhaus besucht und erschreckt - 2. steht in der Stube

das Rektorat, Konrektorat und Subrektorat, das der Schulhalter

allein ausmacht - 3. als Lehrer der untern Klassen sind darin

angestellt die Schulmeisterin, der, wenn irgendeinem Menschen,

die Kallipädie der Töchterschule anvertrauet werden kann, ihr

Sohn als Tertius und Lümmel zugleich, dem seine Zöglinge al-

lerhand legieren und spendieren müssen, damit er sie ihre Lek-

tion nicht aufsagen lässet, und der, wenn der Regent nicht zu

Hause ist, oft das Reichsvikariat des ganzen protestantischen

Schulkreises auf den Achseln hat - 4. endlich ein ganzes Raupen-

nest Kollaboratores, nämlich Schuljungen selber, weil daselbst,

wie im hallischen Waisenhause, die Schüler der obern Klasse

schon zu Lehrern der untern groß gewachsen sind. - Da man

bisher aus so vielen Studierstuben heraus nach Realschulen schrie:

so hörten es Gemeinden und Schulhalter und taten das Ihrige

gern. Die Gemeinden lasen für ihre Lehrstühle lauter solche

pädagogische Steiße aus, die schon auf Weber-, Schneider-, Schu-

sterschemeln seßhaft waren und von denen also etwas zu erwar-

ten war - und allerdings setzen solche Männer, indem sie vor

dem aufmerksamen Institute Röcke, Stiefel, Fischreusen und al-

les machen, die Nominalschule leicht in eine Realschule um, wo

man Fabrikate kennenlernt. Der Schulmeister treibts noch wei-

ter und sinnt Tag und Nacht auf Realschulhalten; es gibt wenige

Arbeiten eines erwachsenen Hausvaters oder seines Gesindes, in

denen er seine Dorfstoa nicht beschäftigt und übt, und den gan-

zen Morgen sieht man das expedierende Seminanum hinaus und

hinein jagen, Holz spalten und Wasser tragen usw., so daß er

außer der Realschule fast gar keine andre hält und sich sein

bißchen Brot sauer im Schweiße seines - Schulhauses verdient...

Man braucht mir nicht zu sagen, daß es auch schlechte und ver-

säumte Landschulen gebe; genug, wenn nur die größere Zahl

alle die Vorzüge wirklich aufweiset, die ich ihr jetzt zugeschrie-

ben.

Ich mag meine Fixsternabirrung mit keinem Wort entschul-

digen, das eine neue wäre. Herr von Ebern hätte seinen Koch

zum Schulmeister investieret, wenn ein geschickter Nachfahrer

des Kochs wäre zu haben gewesen; es war aber keiner aufzu-

treiben, und da der Gutsherr dachte, es sei vielleicht gar eine

Neuerung, wenn er die Küche und die Schule durch Ein Subjekt

versehen ließe - wiewohl vielmehr die Trennung und Verdopp-

lung der Schul- und der Herrendiener eine viel größere und

ältere war; - denn im neunten Säkulum mußte sogar der Pfar-

rer der Patronatkirche zugleich dem Kirchenschiffpatron als Be-

dienter aufwarten und satteln usw., und beide Ämter wurden

erst nachher, wie mehre, voneinander abgerissen - so behielt er

den Koch und vozierte den Alumnus, der bisher so gescheit ge-

wesen, daß er verliebt geblieben.

Ich steuere mich ganz auf die rühmlichen Zeugnisse, die ich

in Händen habe und die Wuz vom Superintendenten auswirkte,

weil sein Examen vielleicht eines der rigorösesten und glück-

lichsten war, wovon ich in neueren Zeiten noch gehöret. Mußte

nicht Wuz das griechische Vaterunser vorbeten, indes das Ex-

aminationkollegium seine samtnen Hosen mit einer Glasbürste

auskämmte; - und hernach das lateinische Symbolum Athanasii?

Konnte der Examinandus nicht die Bücher der Bibel richtig und

Mann für Mann vorzählen, ohne über die gemalten Blumen und

Tassen auf dem Kaffeebrette seines frühstückenden Examinators

zu stolpern? Mußt er nicht einen Betteljungen, der bloß auf

einen Pfennig aufsah, herumkatechetisieren, obgleich der Junge

gar nicht wie sein Unterexaminator bestand, sondern wie ein

wahres Stückchen Vieh? Mußt er nicht seine Fingerspitzen in

fünf Töpfe warmes Wasser tunken und den Topf aussuchen,

dessen Wasser warm und kalt genug für den Kopf eines Täuf-

lings war? Und mußt er nicht zuletzt drei Gulden und 36 Kreu-

zer erlegen?

Am 13. Mai ging er als Alumnus aus dem Alumneum heraus

und als öffentlicher Lehrer in sein Haus hinein, und aus der zer-

sprengten schwarzen Alumnuspuppe brach ein bunter Schmetter-

ling von Kantor ins Freie hinaus.

Am 9. Julius stand er vor dem Auenthaler Altar und wurde

kopuliert mit der Justel.

Aber der elysäische Zwischenraum zwischen dem 13. Mai und

dem 9. Julius! - Für keinen Sterblichen fällt ein solches goldnes

Alter von acht Wochen wieder vom Himmel, bloß für das Mei-

sterlein funkelte der ganze niedergetauete Himmel auf gestirn-

ten Auen der Erde. - Du wiegest im Äther dich und sahest durch

die durchsichtige Erde dich rund mit Himmel und Sonnen um-

zogen und hattest keine Schwere mehr; aber uns Alumnen der

Natur fallen nie acht solche Wochen zu, nicht eine, kaum ein

ganzer Tag, wo der Himmel über und in uns sein reines Blau

mit nichts bemalt als mit Abend- und Morgenrot - wo wir über

das Leben wegfliegen und alles uns hebt wie ein freudiger Traum

- wo der unbändige stürzende Strom der Dinge uns nicht auf

seinen Katarakten und Strudeln zerstößet und schüttelt und rä-

dert, sondern auf blinkenden Wellen uns wiegt und unter hinein-

gebognen Blumen vorüberträgt - ein Tag, zu dem wir den Bru-

der vergeblich unter den verlebten suchen und von dem wir am

Ende jedes andern klagen, seit ihm war keiner wieder so.

Es wird uns allen sanft tun, wenn ich diese acht Wonnewochen

oder zwei Wonnemonate weitläufig beschreibe. Sie bestanden

aus lauter ähnlichen Tagen. Keine einzige Wolke zog hinter den

Häusern herauf. Die ganze Nacht stand die rückende Abend-

röte unten am Himmel, an welchem die untergehende Sonne

allemal wie eine Rose glühend abgeblühet hatte. Um ein Uhr

schlugen schon die Lerchen, und die Natur spielte und phan-

tasierte die ganze Nacht auf der Nachtigallenharmonika. In sei-

ne Träume tönten die äußern Melodien hinein, und in ihnen

flog er über Blütenbäume, denen die wahren vor seinem offnen

Fenster ihren Blumenatem liehen. Der tagende Traum rückte

ihn sanft, wie die lispelnde Mutter das Kind, aus dem Schlaf

ins Erwachen über, und er trat mit trinkender Brust in den

Lärm der Natur hinaus, wo die Sonne die Erde von neuem er-

schuf und wo beide sich zu einem brausenden Wollustweltmeer

ineinander ergossen. Aus dieser Morgenflut des Lebens und

Freuens kehrte er in sein schwarzes Stübchen zurück und suchte

die Kräfte in kleinern Freuden wieder. Er war da über alles

froh, über jedes beschienene und unbeschienene Fenster, über

die ausgefegte Stube, über das Frühstück, das mit seinen Amts-

revenüen bestritten wurde, über sieben Uhr, weil er nicht in die

Sekunda mußte, über seine Mutter, die alle Morgen froh war,

daß er Schulmeister geworden und sie nicht aus dem vertrauten

Hause fort gemußt.

Unter dem Kaffee schnitt er sich, außer den Semmeln, die Fe-

dern zur Messiade, die er damals, die drei letzten Gesänge aus-

genommen, gar aussang. Seine größte Sorgfalt verwandte er

darauf, daß er die epischen Federn falsch schnitt, entweder wie

Pfähle oder ohne Spalt oder mit einem zweiten Extraspalt, der

hinaus niesete; denn da alles in Hexametern, und zwar in sol-

chen, die nicht zu verstehen waren, verfasset sein sollte, so mußte

der Dichter (da ers durch keine Bemühung zur geringsten Un-

verständlichkeit bringen konnte - er fassete allemal den Augen-

blick, jede Zeile und jeden Fuß und pes) aus Not zum Einfall

greifen, daß er die Hexameter ganz unleserlich schrieb, was

auch gut war. Durch diese poetische Freiheit bog er dem Ver-

stehen ungezwungen vor.

Um eilf Uhr deckte er für seine Vögel und dann für sich und

seine Mutter den Tisch mit vier Schubladen, i n welchem mehr

war als a u f ihm. Er schnitt das Brot und seiner Mutter die

weiße Rinde vor, ob er gleich die schwarze nicht gern aß. 0

meine Freunde, warum kann man denn im Hotel de Baviere

und auf dem Römer nicht so vergnügt speisen als am Wuzischen

Ladentisch? - Sogleich nach dem Essen machte er nicht Hexa-

meter, sondern Kochlöffel, und meine Schwester hat selber ein

Dutzend von ihm. Während seine Mutter das wusch, was er

schnitzte, ließen beide ihre Seelen nicht ohne Kost; sie erzählte

ihm die Personalien von sich und seinem Vater vor, von deren

Kenntnis ihn seine akademische Laufbahn zu entfernt gehalten

- und er schlug den Operationsplan und Bauriß seiner künftigen

Haushaltung bescheiden vor ihr auf, weil er sich an dem Ge-

danken, ein Hausvater zu sein, gar nicht satt käuen konnte.

"Ich richte mir" - sagte er - "Mein Haushalten ganz vernünf-

tig ein - ich stell mir ein Saugschweinchen ein auf die heiligen

Feiertage, es fallen so viele Kartoffeln- und Rübenschalen ab,

daß mans mit fett macht, man weiß kaum wie - und auf den

Winter muß mir der Schwiegervater ein Füderchen Büschel

(Reisholz) einfahren, und die Stubentür muß total gefüttert und

gepolstert werden - denn, Mutter! unsereins hat seine päda-

gogischen Arbeiten im Winter, und man hält da keine Kälte aus."

- Am 29. Mai war noch dazu nach diesen Gesprächen eine

Kindtaufe - es war seine erste - sie war seine erste Revenüe,

und ein großes Einnahmebuch hatte er sich schon auf dem Alum-

neum dazu geheftet - er besah und zählte die paar Groschen

zwanzigmal, als wären sie andere. Am Taufstein stand er in

ganzer Parüre, und die Zuschauer standen auf der Empor und

in der herrschaftlichen Loge im Alltagschmutz. - "Es ist mein

saurer Schweiß", sagte er eine halbe Stunde nach dem Aktus und

trank vom Gelde zur ungewöhnlichen Stunde ein Nösel Bier. -

Ich erwarte von seinem künftigen Lebensbeschreiber ein paar

pragmatische Fingerzeige, warum Wuz bloß ein Einnahme- und

kein Ausgabebuch sich nähte und warum er in jenem oben Louis-

dor, Groschen, Pfennige setzte, ob er gleich nie die erste Münz-

sorte unter seinen Schulgefällen hatte.

Nach dem Aktus und nach der Verdauung ließ er sich den

Tisch hinaus unter den Weichselbaum tragen und setzte sich

nieder und bossierte noch einige unleserliche Hexameter in seiner

Messiade. Sogar während er seinen Schinkenknochen als sein

Abendessen abnagte und abfeilte, befeilt er noch einen und den

andern epischen Fuß, und ich weiß recht gut, daß des Fettes

wegen mancher Gesang ein wenig geölet aussiehet. Sobald er

den Sonnenschein nicht mehr auf der Straße, sondern an den

Häusern liegen sah: so gab er der Mutter die nötigen Gelder

zum Haushalten und lief ins Freie, um sich es ruhig auszumalen,

wie ers künftig haben werde im Herbst, im Winter, an den drei

heiligen Festen, unter den Schulkindern und unter seinen

eignen. -

Und doch sind das bloß Wochentage; der Sonntag aber brennt

in einer Glorie, die kaum auf ein Altarblatt geht. Überhaupt

steht in keinen Seelen dieses Jahrhunderts ein so großer Begriff

von einem Sonntage als in denen, welche in Kantoren und Schul-

meistern hausen; mich wundert es gar nicht, wenn sie an einem

solchen Kurtage nicht vermögen bescheiden zu verbleiben. Selber

unser Wuz konnte sichs nicht verstecken, was es sagen will, unter

tausend Menschen allein zu orgeln - ein wahres Erbamt zu ver-

sehen und den geistlichen Krönungsmantel dem Senior überzu-

henken und sein Valet de fantaisie und Kammermohr zu sein -

über ein ganzes von der Sonne beleuchtetes Chor Territorial-

herrschaft zu exerzieren, als amtierender Chormaire auf seinem

Orgelfürstenstuhl die Poesie eines Kirchsprengels noch besser zu

beherrschen, als der Pfarrer die Prose desselben kommandiert -

und nach der Predigt über das Geländer hinab völlige fürstliche

Befehle sans facon mit lauter Stimme weniger zu geben als ab-

zulesen... Wahrhaftig, man sollte denken, hier oder nirgends

tät es not, daß ich meinem Wuz zuriefe: "Bedenke, was du vor

wenig Monaten warest! Überlege, daß nicht alle Menschen Kan-

tores werden können, und mache dir die vorteilhafte Ungleich-

heit der Stände zunutze, ohne sie zu mißbrauchen und ohne dar-

um mich und meine Zuhörer am Ofen zu verachten." -- Aber

nein! auf meine Ehre, das gutartige Meisterlein denkt ohnehin

nicht daran; die Bauern hätten nur so gescheit sein sollen, daß

sie dir schnakischem, lächelndem, trippelndem, händereibendem

Dinge ins gallenlose, überzuckerte Herz hineingesehen hätten:

was hätten sie da ertappt? Freude in deinen zwei Herzkammern,

Freude in deinen zwei Herzohren. Du numeriertest bloß oben

im Chore, gutes Ding! daß ich je länger je lieber gewinne, deine

künftigen Schulbuben und Schulmädchen in den Kirchstühlen

zusammen und setztest sie sämtlich voraus in deine Schulstube

und um deine winzige Nase herum und nahmest dir vor, mit

der letzten täglich vormittags und nachmittags einmal zu niesen

und vorher zu schnupfen, nur damit dein ganzes Institut wie

besessen aufführe und zuriefe: Helf Gott, Herr Kanmer! Die

Bauern hätten ferner in deinem Herzen die Freude angetroffen,

die du hattest, ein Setzer von Folioziffern zu sein, so lang wie

die am Zifferblatt der Turmuhr, indem du jeden Sonntag an der

schwarzen Liedertafel in öffentlichen Druck gabst, auf welcher

Pagina das nächste Lied zu suchen sei - wir Autores treten mit

schlechterem Zeuge im Drucke auf; - ferner die Freude hätte

man gefunden, deinem Schwiegervater und deiner Braut im Sin-

gen vorzureiten; und endlich deine Hoffnung, den Bodensatz des

Kommunionweins einsam auszusaufen, der sauer schmeckte. Ein

höheres Wesen muß dir so herzlich gut gewesen sein wie das

referierende, da es gerade in deinem achtwöchentlichen Eden-

lustrum deinen gnädigen Kirchenpatron kommunizieren hieß:

denn er hatte doch so viel Einsicht, daß er an die Stelle des Kom-

munionweins, der Christi Trank am Kreuz nicht unglücklich

nachbildete, Christi Tränen aus seinem Keller setzte; aber welche

Himmel dann nach dem Trank des Bodensatzes in alle deine

Glieder zogen... Wahrlich, jedesmal will ich wieder in Aus-

rufungen verfallen; - aber warum macht doch mir und vielleicht

euch dieses schulmeisterlich vergnügte Herz so viel Freude? -

Ach, liegt es vielleicht daran, daß wir selber sie nie so voll be-

kommen, weil der Gedanke der Erdeneitelkeit auf uns liegt und

unsern Atem drückt und weil wir die schwarze Gottesackererde

unter den Rasen- und Blumenstücken schon gesehen haben, auf

denen das Meisterlein sein Leben verhüpft?

Der gedachte Kommunionwein moussierte noch abends in sei-

nen Adern; und diese letzte Tagzeit seines Sabbats hab ich noch

abzuschildern. Nur am Sonntag durft er mit seiner Justine spa-

zierengehen. Vorher nahm er das Abendessen beim Schwieger-

vater ein, aber mit schlechtem Nutzen; schon unter dem Tisch-

gebet wurde sein Hundshunger matt und unter den Allotriis

darauf gar unsichtbar. Wenn ich es lesen könnte, so könnt ich

das ganze Konterfei dieses Abends aus seiner Messiade haben,

in die er ihn, ganz wie er war, im sechsten Gesang hineingefloch-

ten, so wie alle großen Skribenten ihren Lebenslauf, ihre Weiber,

Kinder, Acker, Vieh in ihre opera omnia stricken. Er dachte, in

der gedruckten Messiade stehe der Abend auch. In seiner wird es

episch ausgeführet sein, daß die Bauern auf den Rainen wateten

und den Schuß der Halme maßen und ihn über das Wasser her-

über als ihren neuen wohlverordneten Kantor grüßten - daß

die Kinder auf Blättern schalmeiten und in Batzenflöten stießen

und daß alle Büsche und Blumen- und Blütenkelche vollstimmig

besetzte Orchester waren, aus denen allen etwas heraussang oder

summte oder schnurrte - und daß alles zuletzt so feierlich wurde,

als hätte die Erde selber einen Sonntag, indem die Höhen und

Wälder um diesen Zauberkreis rauchten und indem die Sonne

gen Mitternacht durch einen illuminierten Triumphbogen hin-

unter- und der Mond gen Mittag durch einen blassen Triumph-

bogen heraufzog. 0 du Vater des Lichts! mit wieviel Farben

und Strahlen und Leuchtkugeln fassest du deine bleiche Erde ein!

- Die Sonne kroch jetzt ein zu einem einzigen roten Strahle, der

mit dem Widerscheine der Abendröte auf dem Gesichte der Braut

zusammenkam; und diese, nur mit stummen Gefühlen bekannt,

sagte zu Wuz, daß sie in ihrer Kindheit sich oft gesehnet hätte,

auf den roten Bergen der Abendröte zu stehen und von ihnen

mit der Sonne in die schönen rotgemalten Länder hinunterzu-

steigen, die hinter der Abendröte lägen. Unter dem Gebetläuten

seiner Mutter legt er seinen Hut auf die Knie und sah, ohne die

Hände zu falten, an die rote Stelle am Himmel, wo die Sonne

zuletzt gestanden, und hinab in den ziehenden Strom, der tiefe

Schatten trug; und es war ihm, als läutete die Abendglocke die

Welt und noch einmal seinen Vater zur Ruhe - zum ersten und

letzten Male in seinem Leben stieg sein Herz über die irdische

Szene hinaus - und es rief, schien ihm, etwas aus den Abend-

tönen herunter, er werde jetzo vor Vergnügen sterben... Hef-

tig und verzückt umschlang er seine Braut und sagte: "Wie lieb

hab ich dich, wie ewig lieb!" Vom Flusse klang es herab wie Flö-

tengetön und Menschengesang und zog näher; außer sich drückt

er sich an sie an und wollte vereinigt vergehen und glaubte, die

Himmelstöne hauchten ihre beiden Seelen aus der Erde weg und

dufteten sie wie Taufunken auf den Auen Edens nieder. Es sang:

O wie schön ist Gottes Erde

Und wert, darauf vergnügt zu sein!

Drum will ich, bis ich Asche werde,

Mich dieser schönen Erde freun.

Es war aus der Stadt eine Gondel mit einigen Flöten und

singenden Jünglingen. Er und Justine wanderten am Ufer mit

der ziehenden Gondel und hielten ihre Hände gefaßt, und Justine

suchte leise nachzusingen; mehre Himmel gingen neben ihnen.

Als die Gondel um eine Erdzunge voll Bäume herumschiffte,

hielt Justine ihn sanft an, damit sie nicht nachkämen, und da

das Fahrzeug darhinter verschwunden war, fiel sie ihm mit dem

ersten errötenden Kusse um den Hals ... 0 unvergeßlicher erster

Julius! - schreibt er. - Sie begleiteten und belauschten von

weitem die schiffenden Töne, und Träume spielten um beide, bis

sie sagte: "Es ist spät, und die Abendröte hat sich schon weit her-

umgezogen, und es ist alles im Dorfe still. Sie gingen nach Hause;

er öffnete die Fenster seiner mondhellen Stube und schlich mit

einem leisen gute Nacht bei seiner Mutter vorüber, die schon schlief.

Jeden Morgen schien ihn der Gedanke wie Tageslicht an, daß

er dem Hochzeitstage, dem neunten Julius, sich um eine Nacht

näher geschlafen; und am Tage lief die Freude mit ihm herum,

daß er durch die paradiesischen Tage, die sich zwischen ihn und

sein Hochzeitbett gestellet, noch nicht durch wäre. So hielt er, wie

der metaphysische Esel, den Kopf zwischen beiden Heubündeln,

zwischen der Gegenwart und Zukunft; aber er war kein Esel

oder Scholastiker, sondern grasete und rupfte an beiden Bündeln

auf einmal ... Wahrhaftig, die Menschen sollten niemals Esel

sein, weder indifferentistische noch hölzerne noch bileamische,

und ich habe meine Gründe dazu ... Ich breche hier ab, weil ich

noch überlegen will, ob ich seinen Hochzeittag abzeichne oder

nicht. Musivstifte habe ich übrigens dazu ganze Bündel. -

Aber wahrhaftig, ich bin weder seinem Ehrentage beigewohnet

noch einem eignen; ich will ihn also bestens beschreiben und mir

- ich hätte sonst gar nichts - eine Lustpartie zusammen machen.

Ich weiß überhaupt keinen schicklichern Ort oder Bogen als

diesen dazu, daß die Leser bedenken, was ich ausstehe: die ma-

gischen Schweizergegenden, in denen ich mich lagere - die Apol-

los und Venusgestalten, denen sich mein Auge ansaugt - das

erhabne Vaterland, für das ich das Leben hingebe, das es vorher

geadelt hat - das Brautbett, in das ich einsteige, alles das ist von

fremden oder eignen Fingern bloß - gemalt mit Tinte oder

Druckerschwärze; und wenn nur du, du Himmlische, der ich

treu bleibe, die mir treu bleibt, mit der ich in arkadischen Julius-

nächten spazierengehe, mit der ich vor der untergehenden Sonne

und vor dem aufsteigenden Monde stehe und um deren willen

ich alle deine Schwestern liebe, wenn nur du - wärest; aber du

bist ein Altarblatt, und ich finde dich nicht.

Dem Nil, dem Herkules und andern Göttern brachte man

zwar auch wie mir nur nachbossierte Mädchen dar; aber vorher

bekamen sie doch reelle.

Wir müssen schon am Sonnabend ins Schul- und Hochzeit-

haus gucken, um die Prämissen dieses Rüsttags zum Hochzeittag

ein wenig vorher wegzuhaben: am Sonntag haben wir keine Zeit

dazu; so ging auch die Schöpfung der Welt (nach den ältern

Theologen) darum in sechs Tagwerken und nicht in Einer Minu-

te vor, damit die Engel das Naturbuch, wenn es allmählich auf-

geblättert würde, leichter zu übersehen hätten. Am Sonnabend

rennt der Bräutigam auffallend in zwei corporibus piis aus und

ein, im Pfarr- und im Schulhaus, um vier Sessel aus jenem in

dieses zu schaffen. Er borgte diese Gestelle dem Senior ab, um

den Kommodator selbst darauf zu weisen als seinen Fürstbischof

und die Seniorin als Frau Patin der Braut und den Subpräfektus

aus dem Alumneum und die Braut selbst. Ich weiß so gut als

andre, inwieweit dieser mietende Luxus des Bräutigams nicht

in Schutz zu nehmen ist; allerdings papillotierten die gigantischen

Mietstühle (Menschen und Sessel schrumpfen jetzt ein) ihre fal-

schen Rindhaartouren an Lehne und Sitz mit blauem Tuche,

Milchstraßen von gelben Nägeln sprangen auf gelben Schnüren

als Blitze herum, und es bleibt gewiß, daß man so weich auf den

Rändern dieser Stühle aufsaß, als trüge man einen Doppelsteiß

- wie gesagt, diesen Steißluxus des Gläubigers und Schuldners

hab ich niemals zum Muster angepriesen; aber auf der andern

Seite muß doch jeder, der in den "Schulz von Paris" hineinge-

sehen, bekennen, daß die Verschwendung im Palais royal und

an allen Höfen offenbar größer ist. Wie werd ich vollends solche

Methodisten von der strengen Observanz auf die Seite des Groß-

vater- oder Sorgestuhls Wuzens bringen, der mit vier hölzernen

Löwentatzen die Erde ergreift, welche mit vier Querhölzern -

den Sitzkonsolen munterer Finken und Gimpel - gesponselt sind

und dessen Haarchignon sich mit einer geblümten ledernen

Schwarte mehr als zu prächtig besohlet und welcher zwei höl-

zerne behaarte Arme, die das Alter, wie menschliche, dürrer ge-

macht, nach einem Insaß ausstreckt?... (Dieses Fragzeichen kann

manchen, weil er die lange Periode vergessen, frappieren.)

Das zinnene Tafelservice, das der Bräutigam noch von seinem

Fürstbischof holte, kann das Publikum beim Auktionproklama-

tor, wenn es anders versteigert wird, besser kennenlernen als

bei mir: so viel wissen die Hochzeitgäste, die Saladiere, die

Sauciere, die Assiette zu Käse und die Senfdose war ein einziger

Teller, der aber vor jeder Rolle einmal abgescheuert wurde.

Ein ganzer Nil und Alpheus schoß über jedes Stubenbrett,

wovon gute Gartenerde wegzuspülen war, an jede Bettpfoste

und an den Fensterstock hinan und ließ den gewöhnlichen Bo-

densatz der Flut zurück - Sand. Die Gesetze des Romans würden

verlangen, daß das Schulmeisterlein sich anzöge und sich auf eine

Wiese unter ein wogendes Zudeck von Gras und Blumen streckte

und da durch einen Traum der Liebe nach dem andern hindurch-

sänke und bräche - allein, er rupfte Hühner und Enten ab,

spaltete Kaffee- und Bratenholz und die Braten selbst, kredenzte

am Sonnabend den Sonntag und dekretierte und vollzog in der

blauen Schürze seiner Schwiegermutter funfzig Küchenverord-

nungen und sprang, den Kopf mit Papilloten gehörnt und das

Haar wie einen Eichhörnchenschwanz emporgebunden, hinten

und vornen und überall herum: "denn ich mache nicht alle Sonn-

tage Hochzeit", sagt er.

Nichts ist widriger, als hundert Vorläufer und Vorreiter zu

einer winzigen Lust zu sehen und zu hören; nichts ist aber süßer,

als selber mit vorzureiten und vorzulaufen; die Geschäftigkeit,

die wir nicht bloß sehen, sondern teilen, macht nachher das Ver-

gnügen zu einer von uns selbst gesäeten, besprengten und aus-

gezognen Frucht; und obendrein befällt uns das Herzgespann

des Passens nicht.

Ach, lieber Himmel, ich brauchte einen ganzen Sonnabend,

um diesen nur zu rapportieren: denn ich tat nur einen vorbei-

fliegenden Blick in die Wuzische Küche - was das zappelt! was

da raucht! - Warum ist sich Mord und Hochzeit so nahe wie

die zwei Gebote, die davon reden? Warum ist nicht bloß eine

fürstliche Vermählung oft für Menschen, warum ist auch eine

bürgerliche für Geflügel eine Parisische Bluthochzeit?

Niemand brachte aber im Hochzeithaus diese zwei Freuden-

tage mißvergnügter und fataler zu als zwei Stechfinken und drei

Gimpel: diese inhaftierte der reinliche und vogelfreundliche

Bräutigam sämtlich - vermittelst eines Treibjagens mit Schürzen

und geworfnen Nachtmützen - und nötigte sie, aus ihrem Tanz-

saale in ein paar Drahtkarthausen zu fahren und an der Wand,

in Mansarden springend, herabzuhängen.

Wuz berichtet sowohl in seiner "Wuzischen Urgeschichte" als

in seinem "Lesebuch für Kinder mittlern Alters", daß abends

um sieben Uhr, da der Schneider dem Hymen neue Hosen und

Gilet und Rock anprobierte, schon alles blank und metrisch und

neugeboren war, ihn selber ausgenommen. Eine unbeschreibliche

Ruhe sitzt auf jedem Stuhl und Tisch eines neugestellten brillan-

tierten Zimmers! In einem chaotischen denkt man, man müsse

noch diesen Morgen ausziehen aus dem aufgekündigten Loge-

ment.

Über seine Nacht (sowie über die folgende) fliegen ich und die

Sonne hinüber, und wir begegnen ihm, wenn er am Sonntage,

gerötet und elektrisiert vom Gedanken des heutigen Himmels,

die Treppe herabläuft in die anlachende Hochzeitstube hinein,

die wir alle gestern mit so vieler Mühe und Tinte aufgeschmückt

haben, vermittelst Schönheitswasser - mouchoir de Venus und

Schminklappen (Waschlappen) - Puderkasten (Topf mit Sand)

und anderm Toilettenschliff und Geschirr. Er war in der Nacht

siebenmal aufgewacht, um sich siebenmal auf den Tag zu freuen,

und zwei Stunden früher aufgestanden, um beide Minute für

Minute aufzuessen. Es ist mir, als ging ich mit dem Schulmeister

zur Tür hinein, vor dem die Minuten des Tages hinstehn wie

Honigzellen - er schöpft eine um die andre aus, und jede Minute

trägt einen weitern Honigkelch. Für eine Pension auf lebenlang

ist dennoch der Kantor nicht vermögend, sich auf der ganzen

Erde ein Haus zu denken, in dem jetzo nicht Sonntag, Sonnen-

schein und Freude wäre; nein! - Das zweite, was er unten nach

der Türe auftat, war ein Oberfenster, um einen auf- und nieder-

wallenden Schmetterling - einen schwimmenden Silberflitter,

eine Blumenfolie und Amors Ebenbild - aus Hymens Stube fort-

zulassen. Dann fütterte er seine Vogelkapelle in den Bauern zum

voraus auf den lärmenden Tag und fiedelte auf der väterlichen

Geige die Schleifer zum Fenster hinaus, an denen er sich aus der

Fastnacht an die Hochzeit herangetanzt. Es schlägt erst fünf Uhr,

mein Trauter, wir haben uns nicht zu übereilen! Wir wollen

die zwei Ellen lange Halsbinde (die du dir ebenfalls, wie früher

die Braut, antanzest, indem die Mutter das andre Ende hält) und

das Zopfband glatt umhaben, noch zwei völlige Stunden vor

dem Läuten. Gern gäbe ich den Großvaterstuhl und den Ofen,

dessen Assessor ich bin, dafür, wenn ich mich und meine Zuhörer-

schaft jetzt zu transparenten Sylphiden zu verdünnen wüßte,

damit unsere ganze Brüderschaft dem zappelnden Bräutigam ohne

Störung seiner stillen Freude in den Garten nachflöge, wo er

für ein weibliches Herz, das weder ein diamantnes noch ein wel-

sches ist, auch keine Blumen, die es sind, abschneidet, sondern

lebende - wo er die blitzenden Käfer und Tautropfen aus den

Blumenblättern schüttelt und gern auf den Bienenrüssel wartet,

den zum letzten Male der mütterliche Blumenbusen säuget - wo

er an seine Knabensonntagmorgen denkt und an den zu engen

Schritt über die Beete und an das kalte Kanzelpult, auf welches

der Senior seinen Strauß auflegte. Gehe nach Haus, Sohn deines

Vorfahrers, und schaue am neunten Julius dich nicht gegen

Abend um, wo der stumme sechs Fuß dicke Gottesacker über

manchen Freunden liegt, sondern gegen Morgen, wo du die Son-

ne, die Pfarrtüre und deine hineinschlüpfende Justine sehen

kannst, welche die Frau Patin nett ausfrisieren und einschnüren

will. Ich merk es leicht, daß meine Zuhörer wieder in Sylphiden

verflüchtigt werden wollen, um die Braut zu umflattern; aber sie

siehts nicht gern.

Endlich lag der himmelblaue Rock - die Livreefarbe der Mül-

ler und Schulmeister - mit geschwärzten Knopflöchern und die

plättende Hand seiner Mutter, die alle Brüche hob, am Leibe des

Schulmeisterleins, und es darf nur Hut und Gesangbuch nehmen.

Und jetzt - ich weiß gewiß auch, was Pracht ist, fürstliche bei

fürstlichen Vermählungen, das Kanonieren, Illuminieren, Exer-

zieren und Frisieren dabei; aber mit der Wuzischen Vermählung

stell ich doch dergleichen nie zusammen: sehet nur dem Mann

hintennach, der den Sonnen- und Himmelweg zu seiner Braut

geht und auf den andern Weg drüben nach dem Alumneum

schauet und denkt: "Wer hätts vor vier Jahren gedacht": ich

sage, sehet ihm nach! Tut es nicht auch die Auenthaler Pfarr-

magd, ob sie gleich Wasser trägt, und henkt einen solchen präch-

tigen vollen Anzug bis auf jede Franse in ihren Gehirn- und

Kleiderkammern auf? Hat er nicht eine gepuderte Nasen- und

Schuhspitze? Sind nicht die roten Torflügel seines Schwieger-

vaters aufgedreht und schreitet er nicht durch diese ein, indes

die von der Haarkräuslerin abgefertigte Verlobte durch das

Hoftürchen schleicht? Und stoßen sie nicht so möbliert und über-

pudert aufeinander, daß sie das Herz nicht haben, sich guten

Morgen zu bieten? Denn haben beide in ihrem Leben etwas

Prächtigeres und Vornehmeres gesehen als sich einander heute?

Ist in dieser verzeihlichen Verlegenheit nicht der lange Span ein

Glück, den der kleine Bruder zugeschnitzt und den er der Schwe-

ster hinreckt, damit sie darum wie um einen Weinpfahl die Blu-

menstaude und Geruchquaste für des Kantors Knopfloch winde

und gürte? Werden neidsüchtige Damen meine Freunde bleiben,

wenn ich meinen Pinsel eintunke und ihnen damit vorfärbe die

Parüre der Braut, das zitternde Gold statt der Zitternadel im

Haar, die drei goldnen Medaillons auf der Brust mit den Minia-

türbildern der deutschen Kaiser und tiefer die in Knöpfe zer-

gossenen Silberbarren?... Ich könnt aber den Pinsel fast jemand

an den Kopf werfen, wenn mir beifällt, mein Wuz und seine

gute Braut werden mir, wenns abgedruckt ist, von den Koket-

ten und anderem Teufelszeuge gar ausgelacht: glaubt ihr denn

aber, ihr städtischen distillierten und tätowierten Seelenverkäu-

ferinnen, die ihr alles an Mannspersonen messet und liebt, ihr

Herz ausgenommen, daß ich oder meine meisten Herren Leser

dabei gleichgültig bleiben könnten oder daß wir nicht alle eure

gespannten Wangen, eure zuckenden Lippen, eure mit Witz und

Begierde sengenden Augen und eure jedem Zufall gefügigen

Arme und selber eure empfindsamen Deklamatorien mit Spaß

hingäben für einen einzigen Auftritt, wo die Liebe ihre Strah-

len in dem Morgenrot des Schämens bricht, wo die unschuldige

Seele sich vor jedem Aug entkleidet, ihr eignes ausgenommen,

und wo hundert innre Kämpfe das durchsichtige Angesicht be-

seelen, und kurz, worin mein Brautpaar selbst agierte, da der

alte lustige Kauz von Schwiegervater beider gekräuselten und

weißblühenden Köpfe habhaft wurde und sie gescheit zu einem

Kuß zusammenlenkte? Dein freudiges Erröten, lieber Wuz! -

und dein verschämtes, liebe Justine! -

Wer wird überhaupt diesen und dergleichen Sachen kurz vor

seinen Sponsalien schärfer nachdenken und nachher delikater

spielen als gegenwärtiger Lebensbeschreiber selber?

Der Lärm der Kinder und Büttner auf der Gasse und der

Rezensenten in Leipzig hindern ihn hier, alles ausführlich her-

zusetzen, die prächtigen Eckenbeschläge und dreifachen Man-

schetten, womit der Bräutigam auf der Orgel jede Zeile des

Chorals versah - den hölzernen Engelfittich, woran er seinen

Kurhut zum Chor hinaushing - den Namen Justine an den Pe-

dalpfeifen - seinen Spaß und seine Lust, da sie einander vor der

Kirchenagende (der goldnen Bulle und dem Reichsgrundgesetze

des Eheregiments) die rechten Hände gaben und da er mit sei-

nem Ringfinger ihre hohle Hand gleichsam hinter einem Bett-

schirm neckte - und den Eintritt in die Hochzeitstube, wo viel-

leicht die größten und vornehmsten Leute und Gerichte des

Dorfs einander begegneten, ein Pfarrer, eine Pfarrerin, ein Sub-

präfektus und eine Braut. Es wird aber Beifall finden, daß ich

meine Beine auseinandersetze und damit über die ganze Hoch-

zeittafel und Hochzeittrift und über den Nachmittag wegschreite,

um zu hören, was sie abends angeben - einen und den andern

Tanz gibt der Subpräfektus an. Es ist im Grunde schon alles

außer sich. Ein Tobakheerrauch und ein Suppendampfbad woget

um drei Lichter und scheidet einen vom andern durch Nebel-

bänke. Der Violonzellist und der Violinist streichen fremdes

Gedärm weniger, als sie eignes füllen. Auf der Fensterbrüstung

guckt das ganze Auenthal als Galerie zappelnd herein, und die

Dorfjugend tanzt draußen, dreißig Schritte von dem Orchester

entfernt, im ganzen recht hübsch. Die alte Dorf-La Bonne schreiet

ihre wichtigsten Personalien der Seniorin vor, und diese nie-

set und hustet die ihrigen los, jede will ihre historische Notdurft

früher verrichten und sieht ungern die andre auf dem Stuhle

seßhaft. Der Senior sieht wie ein Schoßjünger des Schoßjüngers

Johannes aus, welchen die Maler mit einem Becher in der Hand

abmalen, und lacht lauter als er predigt. Der Präfektus schießet

als Elegant herum und ist von niemand zu erreichen. Mein

Maria plätschert und fährt unter in allen vier Flüssen des Para-

dieses, und des Freudenmeers Wogen heben und schaukeln ihn

allmächtig. - Bloß die eine Brautführerin (mit einer zu zar-

ten Haut und Seele für ihren schwielenvollen Stand) hört die

Freudentrommel wie von einem Echo gedämpft und wie bei

einer Königleiche mit Flor bezogen, und die stille Entzückung

spannt in Gestalt eines Seufzers die einsame Brust. - Mein Schul-

meister (er darf zweimal im Küchenstück herumstehen) tritt mit

seiner Trauunghälfte unter die Haustür, deren dessus de porte

e i n Schwalbenglobus ist, und schauet auf zu dem schweigenden

glimmenden Himmel über ihm und denkt, jede große Sonne

gucke herunter wie ein Auenthaler und zu seinem Fenster hin-

ein ... Schiffe fröhlich über deinen verdünstenden Tropfen Zeit,

du kannst es; aber wir könnens nicht alle: die eine Brautführe-

rin kanns auch nicht. - Ach, wär ich wie du an einem Hochzeit-

morgen dem ängstlichen den Blumen abgefangenen Schmetter-

ling begegnet, wie du der Biene im Blütenkelch, wie du der um

sieben Uhr abgelaufnen Turmuhr, wie du dem stummen Him-

mel oben und dem lauten unten: so hätt ich ja daran denken

müssen, daß nicht auf dieser stürmenden Kugel, wo die Winde

sich in unsre kleinen Blumen wühlen, die Ruhestätte zu suchen

sei, auf der uns ihre Düfte ruhig umfließen, oder ein Auge ohne

Staub zu finden, ein Auge ohne Regentropfen, die jene Stürme

an uns werfen - und wäre die blitzende Göttin der Freude so

nahe an meinem Busen gestanden: so hätt ich doch auf jene

Aschenhäufchen hinübergesehen, zu denen sie mit ihrer Umar-

mung, aus der Sonne gebürtig und nicht aus unsern Eiszonen,

schon die armen Menschen verkalkte; - und o wenn mich schon

die vorige Beschreibung eines großen Vergnügens so traurig zu-

rückließ: so müßt ich, wenn erst du, aus ungemessenen Höhen

in die tiefe Erde hereinreichende Hand! mir eines, wie eine Blu-

me auf einer Sonne gewachsen, herniederbrächtest, auf diese Va-

terhand die Tropfen der Freude fallen lassen und mich mit dem

zu schwachen Auge von den Menschen wegwenden...

Jetzt, da ich dieses sage, ist Wuzens Hochzeit längst vorbei,

seine Justine ist alt und er selber auf dem Gottesacker; der

Strom der Zeit hat ihn und alle diese schimmernden Tage unter

vier-, fünffache Schichten Bodensatz gedrückt und begraben; -

auch an uns steigt dieser beerdigende Niederschlag immer höher

auf; in drei Minuten erreicht er das Herz und überschichtet mich

und euch.

In dieser Stimmung sinne mir keiner an, die vielen Freuden

des Schulmeisters aus seinem Freudenmanuale mitzuteilen, be-

sonders seine Weihnacht-, Kirchweih- und Schulfreuden - es

kann vielleicht noch geschehen in einem Posthumus von Post-

skript, das ich nachliefere, aber heute nicht! Heute ists besser,

wir sehen den vergnügten Wuz zum letztenmal lebendig und

tot und gehen dann weg.

Ich hätte überhaupt - ob ich gleich dreißigmal vor seiner

Haustür vorübergegangen war - wenig vom ganzen Manne ge-

wußt, wenn nicht am 12. Mai vorigen Jahrs die alte Justine

unter ihr gestanden wäre und mich, da sie mich im Gehen meine

Schreibtafel vollarbeiten sah, angeschrien hätte. ob ich nicht

auch ein Büchermacher wäre. - "Was sonst, Liebe?" versetzt

ich, "jährlich mach ich dergleichen und schenke alles nachher dem

Publiko." - So möcht ich dann, fuhr sie fort, mich auf ein Stünd-

chen zu ihrem Alten hineinbemühen, der auch ein Buchmacher

sei, mit dem es aber elend aussehe.

Der Schlag hatte dem Alten, vielleicht weil er eine Flechte,

Talers groß, am Nacken hineingeheilet, oder vor Alter die linke

Seite gelähmt. Er saß im Bette an einer Lehne von Kopfkissen

und hatte ein ganzes Warenlager, das ich sogleich spezifizieren

werde, auf dem Deckbette vor sich. Ein Kranker tut wie ein

Reisender - und was ist er anders - sogleich mit jedem be-

kannt; so nahe mit dem Fuße und Auge an erhabnern Welten

macht man in dieser räudigen keine Umstände mehr. Er klagte,

es hätte sich seine Alte schon seit drei Tagen nach einem Bücher-

schreiber umschauen müssen, hätt aber keinen ertappt, außer

eben; er müß aber einen haben, der seine Bibliothek übernehme,

ordne und inventiere und der an seine Lebensbeschreibung, die

in der ganzen Bibliothek wäre, seine letzten Stunden, falls er sie

jetzt hätte, zur Komplettierung gar hinanstieße; denn seine Alte

wäre keine Gelehrtin und seinen Sohn hätt er auf drei Wochen

auf die Universität Heidelberg gelassen.

Seine Aussaat von Blattern und Runzeln gab seinem runden

kleinen Gesichtchen äußerst fröhliche Lichter; jede schien ein

lächelnder Mund; aber es gefiel mir und meiner Semiotik nicht,

daß seine Augen so blitzten, seine Augenbrauen und Mund-

ecken so zuckten und seine Lippen so zitterten.

Ich will mein Versprechen der Spezifikation halten. Auf dem

Deckbette lag eine grüntaftne Kinderhaube, wovon das eine

Band abgerissen war, eine mit abgegriffnen Goldflitterchen über-

pichte Kinderpeitsche, ein Fingerring von Zinn, eine Schachtel

mit Zwergbüchelchen in 128-Format, eine Wanduhr, ein be-

schmutztes Schreibbuch und ein Finkenkloben fingerlang. Es

waren die Rudera und Spätlinge seiner verspielten Kindheit.

Die Kunstkammer dieser seiner griechischen Altertümer war von

jeher unter der Treppe gewesen - denn in einem Haus, das der

Blumenkübel und Treibkasten eines einzigen Stammbaums ist,

bleiben die Sachen jahrfunfziglang in ihrer Stelle ungerückt -

und da es von seiner Kindheit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm

war, alle seine Spielwaren in geschichtlicher Ordnung aufzuhe-

ben, und da kein Mensch das ganze Jahr unter die Treppe guckte

als er: so konnt er noch am Rüsttage vor seinem Todestage diese

Urnenkrüge eines schon gestorbenen Lebens um sich stellen und

sich zurückfreuen, da er sich nicht mehr vorauszufreuen ver-

mochte. Du konntest freilich, kleiner Maria, in keinen Antiken-

tempel zu Sanssouci oder zu Dresden eintreten und darin vor

dem Weltgeiste der schönen Natur der Kunst nieder fallen; aber

du konntest doch in deine Kindheitantiken-Stiftshütte unter

der finstern Treppe gucken, und die Strahlen der auferstehen-

den Kindheit spielten, wie des gemalten Jesuskindes seine im

Stall, an den düstern Winkeln! 0 wenn größere Seelen als du

aus der ganzen Orangerie der Natur so viel süße Säfte und Düfte

sögen als du aus dem zackigen grünen Blatte, an das dich das

Schicksal gehangen: so würden nicht Blätter, sondern Gärten ge-

nossen, und die bessern und doch glücklichern Seelen verwun-

derten sich nicht mehr, daß es vergnügte Meisterlein geben kann.

Wuz sagte und bog den Kopf gegen das Bücherbrett hin:

"Wenn ich mich an meinen ernsthaften Werken matt gelesen und

korrigiert, so schau ich stundenlang diese Schnurrpfeifereien an,

und das wird hoffentlich einem Bücherschreiber keine Schande

sein.

Ich wüßt aber nicht, womit der Welt in dieser Minute mehr

gedient ist, als wenn ich ihr den räsonierenden Katalog dieser

Kunststücke und Schnurrpfeifereien zuwende, den mir der Pa-

tient zuwandte. Den zinnenen Ring hat ihm die vierjährige

Mamsell des vorigen Pastors, da sie miteinander von einem

Spielkameraden ehrlich und ordentlich kopuliert wurden, als

Ehepfand angesteckt - das elende Zinn lötete ihn fester an sie

als edlere Metalle edlere Leute, und ihre Ehe brachten sie auf

vierundfunfzig Minuten. Oft wenn er nachher als geschwärzter

Alumnus sie mit nickenden Federstandarten am dünnen Arme

eines gesprenkelten Elegant spazierengehen sah, dachte er an den

Ring und an die alte Zeit. Überhaupt hab ich bisher mir unnütze

Mühe gegeben, es zu verstecken, daß er in alles sich verliebte,

was wie eine Frau aussah; alle Fröhliche seiner Art tun dasselbe;

und vielleicht können sie es, weil ihre Liebe sich zwischen den

beiden Extremen von Liebe aufhält und beiden abborgt, so wie

der Busen Band und Kreole der platonischen und der epikun-

schen Reize ist. - Da er seinem Vater die Turmuhr aufziehen

half, wie vorzeiten die Kronprinzen mit den Vätern in die Sit-

zungen gingen: so konnte so eine kleine Sache ihm einen Wink

geben, ein lackiertes Kästchen zu durchlöchern und eine Wand-

uhr daraus zu schnitzen, die niemals ging; inzwischen hatte sie

doch, wie mehre Staatkörper, ihre langen Gewichte und ihre aus-

gezackten Räder, die man dem Gestelle nürnbergischer Pferde

abgehoben und so zu etwas Besserem verbraucht hatte. - Die

grüne Kinderhaube mit Spitzen gerändert, das einzige Über-

bleibsel seines vorigen vierjährigen Kopfes, war seine Büste und

sein Gipsabdruck vom kleinen Wuz, der jetzt zu einem großen

ausgefahren war. Alltagskleider stellen das Bild eines toten Men-

schen weit inniger dar als sein Porträt; - daher besah Wuz

das Grün mit sehnsüchtiger Wollust, und es war ihm, als schim-

mere aus dem Eis des Alters eine grüne Rasenstelle der längst

überschneieten Kindheit vor; "nur meinen Unterrock von Fla-

nell", sagte er, "sollt ich gar haben, der mir allemal unter den

Achseln umgebunden wurde!" - Mir ist sowohl das erste

Schreibbuch des Königs von Preußen als das des Schulmeisters

Wuz bekannt, und da ich beide in Händen gehabt, so kann ich

urteilen, daß der König als Mann und das Meisterlein als Kind

schlechter geschrieben. "Mutter", sagt er zu seiner Frau, "be-

tracht doch, wie dein Mann hier (im Schreibbuch) und wie er

dort (in seinem kalligraphischen Meisterstück von einem Lehn-

brief, den er an die Wand genagelt) geschrieben: ich freß mich

aber noch vor Liebe, Mutter!" Er prahlte vor niemand als vor

seiner Frau; und ich schätze den Vorteil so hoch als er wert ist,

den die Ehe hat, daß der Ehemann durch sie noch ein zweites

Ich bekommt, vor welchem er sich ohne Bedenken recht herzlich

loben kann. Wahrhaftig, das deutsche Publikum sollte ein sol-

ches zweites Ich von uns Autoren abgeben! - Die Schachtel war

ein Bücherschrank der liliputischen Traktätchen in Fingerkalen-

derformat, die er in seiner Kindheit dadurch herausgab, daß er

einen Vers aus der Bibel abschrieb, es heftete und bloß sagte:

"Abermals einen recht hübschen Kober gemacht!" Andere

Autores vermögen dergleichen auch, aber erst wenn sie heran-

gewachsen sind. Als er mir seine jugendliche Schriftstellerei re-

ferierte, bemerkte er: "Als ein Kind ist man ein wahrer Narr;

es stach aber doch schon damals der Schriftstellertrieb hervor,

nur freilich noch in einer unreifen und lächerlichen Gestalt" und

belächelte zufrieden die jetzige. - Und so gings mit dem Fin-

kenkloben ebenfalls: war nicht der fingerlange Finkenkloben,

den er mit Bier bestrich und auf dem er die Fliegen an den Bei-

nen fing, der Vorläufer des armlangen Finkenkloben, hinter dem

er im Spätherbst seine schönsten Stunden zubrachte wie auf ihm

die Finken ihre häßlichsten? Das Vogelstellen will durchaus ein

in sich selber vergnügtes stilles Ding von Seele haben.

Es ist leicht begreiflich, daß seine größte Krankenlabung ein

alter Kalender war und die abscheulichen zwölf Monatkupfer

desselben. In jedem Monat des Jahrs machte er sich, ohne vor

einem Galeneinspektor den Hut abzunehmen oder an ein Bil-

derkabinett zu klopfen, mehr malerische und artistische Lust als

andre Deutsche, die abnehmen und anklopfen. Er durchwanderte

nämlich die eilf Monatvignetten - die des Monats, worin er

wanderte, ließ er weg - und phantasierte in die Holzschnitt-

auftritte alles hinein, was er und sie nötig hatten. Es mußte ihn

freilich in gesunden und in kranken Tagen letzen, wenn er im

Jenner-Winterstück auf dem abgerupften schwarzen Baum her-

umstieg und sich (mit der Phantasie) unter den auf der Erde

aufdrückenden Wolkenhimmel stellte, der über den Winterschlaf

der Wiesen und Felder wie ein Betthimmel sich hinüberkrümmte.

-Der ganze Junius zog sich mit seinen langen Tagen und lan-

gen Gräsern um ihn herum, wenn er seine Einbildung den Junius-

Landschaftholzschnitt ausbrüten ließ, auf welchem kleine Kreuz-

chen, die nichts als Vögel sein sollten, durch das graue Druck-

papier flogen und auf dem der Holzschneider das fette Laub-

werk zu Blättergerippen mazerierte. Allein wer Phantasie hat,

macht sich aus jedem Abschnitzel eine wundertätige Reliquie,

aus jedem Eselkinnbacken eine Quelle; die fünf Sinne reichen

ihr nur die Kartons, nur die Grundstriche des Vergnügens oder

Miß vergnügens.

Den Mai überblätterte der Patient, weil der ohnehin um das

Haus draußen stand. Die Kirschblüten, womit der Wonnemond

sein grünes Haar besteckt, die Maiblümchen, die als Vorsteck-

rosen über seinem Busen duften, beroch er nicht - der Geruch

war weg - aber er besah sie und hatte einige in einer Schüssel

neben seinem Krankenbette.

Ich habe meine Absicht klug erreicht, mich und meine Zu-

hörer fünf oder sechs Seiten von der traurigen Minute wegzu-

führen, in der vor unser aller Augen der Tod vor das Bett un-

sers kranken Freundes tritt und langsam mit eiskalten Händen

in seine warme Brust hineindringt und das vergnügt schlagende

Herz erschreckt, fängt und auf immer anhält. Freilich am Ende

kommt die Minute und ihr Begleiter doch.

Ich blieb den ganzen Tag da und sagte abends, ich könnte in

der Nacht wachen. Sein lebhaftes Gehirn und sein zuckendes Ge-

sicht hatten mich fest überzeugt, in der Nacht würde der Schlag

sich wiederholen: es geschah aber nicht, welches mir und dem

Schulmeisterlein ein wesentlicher Gefallen war. Denn es hatte

mir gesagt - auch in seinem letzten Traktätchen stehts - nichts

wäre schöner und leichter, als an einem heitern Tage zu sterben,

die Seele sähe durch die geschlossenen Augen die hohe Sonne noch,

und sie fliege aus dem vertrockneten Leib in das weite blaue Licht-

meer draußen; hingegen in einer finstern, brüllenden Nacht aus

dem warmen Leibe zu müssen, den langen Fall ins Grab so ein-

sam zu tun, wenn die ganze Natur selber dasäße und die Augen

sterbend zuhätte - das wäre ein zu harter Tod.

Um eilf ein halb Uhr nachts kamen Wuzens zwei beste Ju-

gendfreunde noch einmal vor sein Bett, der Schlaf und der

Traum, um von ihm gleichsam Abschied zu nehmen. Oder bleibt

ihr länger und seid ihr zwei Menschenfreunde es vielleicht, die

ihr den ermordeten Menschen aus den blutigen Händen des To-

des holet und auf eueren wiegenden Armen durch die kalten un-

terirdischen Höhlungen mütterlich traget ins helle Land hin, wo

ihn eine neue Morgensonne und neue Morgenblumen in waches

Leben hauchen?-

Ich war allein in der Stube - ich hörte nichts als den Atem-

zug des Kranken und den Schlag meiner Uhr, die sein kurzes

Leben wegmaß. Der gelbe Vollmond hing tief und groß im Sü-

den und bereifte mit seinem Totenlichte die Maiblümchen des

Mannes und die stockende Wanduhr und die grüne Haube des

Kindes. Der leise Kirschbaum vor dem Fenster malte auf dem

Grund von Mondlicht aus Schatten einen bebenden Baumschlag

in die Stube. Am stillen Himmel wurde zuweilen eine fackelnde

Sternschnuppe niedergeworfen, und sie verging wie ein Mensch.

- Es fiel mir bei, die nämliche Stube, die jetzt der schwarz aus-

geschlagene Vorsaal des Grabes war, wurde morgen vor drei-

undvierzig Jahren am 13. Mai vom Kranken bezogen, an wel-

chem Tage seine elysischen Achtwochen angegangen. Ich sah, daß

der, dem damals dieser Kirschbaum Wohlgeruch und Träume

gab, dort im drückenden Traume geruchlos liege und vielleicht

noch heute aus dieser Stube ausziehe und daß alles, alles vor-

über sei und niemals wiederkomme... und in dieser Minute fing

Wuz mit dem ungelähmten Arme nach etwas, als wollt er einen

entfallenden Himmel erfassen--und in dieser zitternden Mi-

nute knisterte der Monatszeiger meiner Uhr und fuhr, weils

zwölf Uhr war, vom 11. Mai zum 13. über... Der Tod schien

mir meine Uhr zu stellen, ich hörte ihn den Menschen und seine

Freuden käuen, und die Welt und die Zeit schien in einem Strom

von Moder sich in den Abgrund hinabzubröckeln!...

Ich denke an diese Minute bei jedem mitternächtlichen Über-

springen meines Monatszeigers; aber sie trete nie mehr unter die

Reihe meiner übrigen Minuten.

Der Sterbende - er wird kaum diesen Namen mehr lange

haben - schlug zwei lodernde Augen auf und sah mich lange

an, um mich zu kennen. Ihm hatte geträumt, er schwankte als

ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewallet

- dieses wäre zu einer emporgehobnen Rosenwolke zusammen-

geflossen, die mit ihm durch goldne Morgenröten und über rau-

chende Blumenfelder weggezogen - die Sonne hätte mit einem

weißen Mädchenangesicht ihn angelächelt und angeleuchtet und

wäre endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Mädchens

seiner Wolke zugesunken, und er hätte sich geängstigt, daß er

den linken, gelähmten Arm nicht um und an sie bringen können.

- - Darüber wurde er wach aus seinem letzten oder vielmehr

vorletzten Traum; denn auf den langen Traum des Lebens sind

die kleinen bunten Träume der Nacht wie Phantasieblumen ge-

stickt und gezeichnet.

Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurde immer schneller

und breiter: er glaubte immer wieder, verjüngt zu sein; den

Mond hielt er für die bewölkte Sonne; es kam ihm vor, er sei

ein fliegender Taufengel, unter seinem Regenbogen an eine Dot-

terblumenkette aufgehangen, im unendlichen Bogen auf- und

niederwogend, von der vierjährigen Ringgeberin über Abgründe

zur Sonne aufgeschaukelt... Gegen vier Uhr morgens konnte

er uns nicht mehr sehen, obgleich die Morgenröte schon in der

Stube war - die Augen blickten versteinert vor sich hin - eine

Gesichtszuckung kam auf die andre - den Mund zog eine Ent-

zückung immer lächelnder auseinander - Frühlingsphantasien,

die weder dieses Leben erfahren noch jenes haben wird, spielten

mit der sinkenden Seele - endlich stürzte der Todesengel den

blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die

blühende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichen

Treibkasten voll organisierter Erde... Das Sterben ist erhaben;

hinter schwarzen Vorhängen tut der einsame Tod das stille

Wunder und arbeitet für die andre Welt, und die Sterblichen

stehen da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdi-

schen Szene...

"Du guter Vater", sagte seine Witwe, "wenn dirs jemand vor

dreiundvierzig Jahren hätte sagen sollen, daß man dich am

13. Mai, wo deine Achtwochen angingen, hinaustragen würde."

"Seine Achtwochen", sagt ich, "gehen wieder an, dauern aber

länger."

Als ich um eilf Uhr fortging, war mir die Erde gleichsam hei-

lig, und Tote schienen mir neben mir zu gehen; ich sah auf zum

Himmel, als könnt ich im endlosen Äther nur in Einer Richtung

den Gestorbenen suchen; und als ich oben auf dem Berge, wo

man nach Auenthal hineinschauet, mich noch einmal nach dem

Leidenstheater umsah, und als ich unter den rauchenden Häu-

sern bloß das Trauerhaus unbewölket dastehen und den Toten-

gräber oben auf dem Gottesacker das Grab aushauen sah, und

als ich das Leichenläuten seinetwegen hörte und daran dachte,

wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen

das Seil unten reiße: so fühlt ich unser aller Nichts und schwur,

ein so unbedeutendes Leben zu verachten, zu verdienen und zu

genießen. -

Wohl dir, lieber Wuz, daß ich - wenn ich nach Auenthal gehe

und dein verrasetes Grab aussuche und mich darüber kümmere,

daß die in dein Grab beerdigte Puppe des Nachtschmetterlings

mit Flügeln darauskriecht, daß dein Grab ein Lustlager bohren-

der Regenwürmer, rückender Schnecken, wirbelnder Ameisen

und nagender Räupchen ist, indes du tief unter allen diesen mit

unverrücktem Haupte auf deinen Hobelspänen liegst und keine

liebkosende Sonne durch deine Bretter und deine mit Leinwand

zugeleimten Augen bricht - wohl dir, daß ich dann sagen kann:

"Als er noch das Leben hatte, genoß ers fröhlicher wie wir alle."

Es ist genug, meine Freunde - es ist zwölf Uhr, der Monat-

zeiger sprang auf einen neuen Tag und erinnerte uns an den

doppelten Schlaf, an den Schlaf der kurzen und an den Schlaf

der langen Nacht...