Gustav Meyrink
Der Mönch Laskaris
Friedrich III., der pracht- und verschwendungsliebende letzte Kurfürst von Brandenburg und erste König von Preußen, hatte im Jahre 1701 den Kurhut mit der Krone vertauscht. Die Folgen dieses Schrittes waren zuerst durchaus nicht so erfreulich, wie sie der ehrgeizige Fürst sich träumte. Verstärkte Anforderungen an Staat und Armee erschöpften rasch den Wohlstand, den sein Vorgänger, der Große Kurfürst, in seinen letzten Regierungsjahren durch vorsichtige Wirtschaft seinem Lande und seinen Kassen gewonnen hatte.
Insbesondere wirkte sich die plötzliche Umwandlung der Verhältnisse in der Hauptstadt empfindlich aus. Der Stolz der Berliner, in ihren Mauern jetzt eine königliche und nicht bloß mehr kurfürstliche Residenz zu beherbergen, musste von ihnen sehr bald bezahlt werden mit der Last immer höher und höher geschraubter Abgaben und Steuern. So war denn bald in dem noch halb ländlichen Berlin reicher Stoff für die Bürgerschaft und die hochweisen Stadtväter vorhanden, die neue Lage der Hauptstadt und des Landes nach Art der Pariser und anderer aufgeklärter, zu politischer Mündigkeit erwachter Großstädter mit scharfer Zunge zu kritisieren.
Es waren damals neben den kleinen Kutscherkneipen und Bierschenken vor allem die wenigen Apotheken der Stadt, in denen sich die diskutierenden Bürger von Reputation zu politischem Klatsch und zu tiefsinnigen Erörterungen der Staatsangelegenheiten zusammenfanden.
Die besuchteste dieser Apotheken war die "Zum Elefanten", deren Inhaber, der würdige und gelehrte Apotheker Zorn, den Ruf eines überaus weltkundigen und klugen Mannes genoss. Denn er hatte in seiner Jugend weite Reisen außer Landes gemacht, hatte zu Bologna und Prag, zu Sevilla und Paris in den Laboratorien manches berühmten Lehrers und Chemikers gearbeitet und war als ein gereifter und erfahrener Mann in großer Wohlhabenheit in seine Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. Er hatte die altrenommierte Apotheke "Zum Elefanten" erworben und darin als erstes eine Niederlage der neuesten Kolonialartikel, vor allem des besten holländischen Kaffees, eröffnet.
Vor der Tür des stattlichen Ladenraumes stand ein hölzerner Neger mit einer Krone von Tabakblättern auf dem wolligen Kopf und bot mit der einen Hand Kanaster und Fidibusse dar, während er mit der anderen Hand eine Kaffeestaude hielt. Denn damals gehörten diese Genüsse noch zu den Regalien der Apotheker.
Trat man in den geräumigen Verkaufsladen, so fand man sich zunächst eher in einer Art von Gastzimmer, als in der üblichen Umgebung hoher Topf- und Gläsergestelle, wie wir uns eine Apotheke zu denken pflegen. In der Mitte dieses Zimmers stand ein breiter Tisch, auf dem die tönernen Kaffeetässchen und die kleinen Aquavitgläser zum Gebrauch der Gäste herumstanden, und ein junger Mann von angenehmen Manieren bediente von Zeit zu Zeit die Gäste mit neuem Zuschank selbstbereiteten Kaffees, kräftiger Hausliköre und Fruchtschnäpse.
Der Apothekergehilfe, der solcherart das Amt eines Laboranten und Verkäufers mit dem eines Kellners verband, war etwa zwanzig Jahre alt, schlank, groß gewachsen und von auffallend schönen Gesichtszügen, denen die lebhaften, braunen Augen, darinnen ein feuriger und immer wachsamer Glanz war, besondere Bedeutung verliehen. Er war mit seinem freundlichen Wesen und seinem geweckten Geist nicht nur dem Apothekenbesitzer Zorn, sondern auch dessen Gästen ein fast unentbehrlicher Helfer geworden, seitdem er vor nunmehr drei Jahren aus seiner Geburtsstadt Schleiz hierher gelangt war, um bei dem Meister Zorn die Apothekerkunst zu erlernen. Friedrich, wie er gerufen wurde, zeigte sich zu allen verlangten Handreichungen, Botengängen und sonstigen Dienstleistungen immer geschickt und bereit; besonders aber erwies er sich im Laboratorium wegen seines raschen, anstelligen
und klugen Zugreifens seinem Herrn wertvoll.
An einem Herbstabend des Jahres 1702 war der Gastraum der Apotheke "Zum Elefanten" mit würdigen Politikern aus der Nachbarschaft vollbesetzt und von Lärm, Tabaksrauch und Kaffeeduft erfüllt.
"Na, hör Er mal", rief soeben ein breitbehäbiger, vollwangiger Spießbürger, seines Zeichens indessen ein Tuchhändler und ehrengeachtetes Ratsmitglied der Bürgerschaft, Herrn Zorn, dem Apotheker zu, indem er ihm mit der flachen Hand vertraulich auf die Schulter schlug.
"Hör Er mal, werter Herr, mitreden kann Er hierbei eigentlich nicht! Drücken Ihn wohl die schweren Sorgen auch, die man uns armen Bürger- und Handelsherren auferlegt hat?"
"Und warum sollten sie es etwa nicht?" fragte Herr Zorn zurück. "Glaubt er vielleicht, Herr Nachbar, dass ich meine Mixturen und Pillen aus der Luft greife und aus der hohlen Hand zusammenmischen kann?"
Die Gruppe der umstehenden Bürger lachte; jedoch der Tuchhändler ließ sich nicht irremachen. Er zwinkerte verschmitzt mit den Augen den versammelten Mitbürgern zu und sagte zum Apotheker:
"Ja, ja, Eure Mixturen, lieber, Freund, das wissen wir: die kosten freilich ein schweres Geld! Wer sollte das besser wissen als wir, die wir sie Euch bezahlen müssen! Freilich, von solchem Einkommen, mag es so hoch sein, wie es will, gehen auch Euch nur um so höhere Abgaben an die Finanzkasse verloren. Doch so war das nicht gemeint."
Und indem sich der weise Stadtvater mit komischer Wichtigkeit an den nächsten Umkreis der Gäste wandte, fuhr er mit erhobenem Daumen fort:
"Ich meine nur, wenn eben der gelehrte Herr ,Zum Elefanten seinen ,faulen Heinz nicht hätte, den feuerspeienden Chymistenofen unter dem großmächtigen Blasebalg dort hinten im Laboratorium! Aber der sprudelt ihm ja wohl wie ein Brünnlein Mosis die blanken Gold- und Silberbäche nur so hervor! Und da möchte er dann noch mit uns armen Bürgern seufzen wegen der teuren Ehre, die uns königlich gewordenen Steuerzahlern im vorigen Jahr widerfahren ist!"
"Glaubt ihm doch nur ja nicht," entgegnete der Apotheker mit sauersüßem Lächeln und in sichtlich unbehaglicher Stimmung, "mit dem ,faulen Heinz ist es nun einmal nichts! Ich habs euch oft gesagt und sag es wieder: es ist ein trügerisches und törichtes Wesen um die Alchemie, und ein jeder tut am besten, sein Eigentum nicht nutzlos in den gefräßigen Tiegeln zu verpuffen."
Eine Bewegung ging durch die gedrängte Gruppe der lachenden Mitbürger. Diese machten mit devoter Höflichkeit jetzt einem Herrn Platz, der vom Ladeneingang her, wo er soeben eingetreten, geradewegs auf den Apotheker zuschritt und mit dunkler, befehlsgewohnter Stimme zu Herrn Zorn sagte:
"Das lügt Ihr, Meister!"
Die erstaunten Blicke der Gäste sahen auf einen Mann, dessen Gestalt selbst in dem gegenwärtigen Berlin, in dem die Zahl der durchreisenden Fremden aus aller Herren Ländern in täglichem Wachsen begriffen war, auffallen musste.
Der Fremde war über Mittelgröße und erschien durch seine straffe, stolze Haltung noch ansehnlicher von Wuchs, als er war. Er trug das dunkellockige Haupt frei von Puder und Zopf. Unter der bleichen Stirne blitzten die dunklen Augen des Südländers. Die kühn geschwungene Nase, der feine Mund, der überaus wohlgebildete Körper mit den überschlanken Händen und zierlich geformten Füßen, all das bestätigte den Eindruck eines sehr vornehmen Mannes von adeliger Abstammung.
Die überraschend kühlen Worte, mit denen der fremde Herr den Apotheker so schroff begrüßt hatte, waren dennoch nicht im Tone der Beleidigung gesprochen und seltsamerweise auch von den Zuhörern nicht so aufgenommen worden. Sie hatten vielmehr feierlich geklungen
und hatten den Kreis der Bürger zum Verstummen gebracht. Herr Zorn seinerseits verbarg sein Unbehagen hinter einer ehrfürchtigen Verbeugung. Indessen fuhr der Fremde, indem er sich nicht sowohl an den Apotheker wie mit einer flüchtigen Handbewegung auch an den Kreis der Gäste zu wenden schien, in seiner Rede in sehr viel verbindlicherem Tone fort:
"Schmähet doch nicht, werter Meister, die geheimnisvolle Kraft, zu deren Ergründung Euch nur der Schlüssel fehlt. Die Kunst, meine Herren, ist überall und ewig, wie die Welt. Allein nicht jedem Auge und nicht jeder Hand eröffnet sich die geweihte Pforte. Eurem Bemühen, Herr Apotheker, erschließt sie sich vielleicht niemals, - denn das will erbeten sein. Wollen die Herren, so viele ihrer gegenwärtig sind, morgen zur selben Zeit vielleicht wieder anwesend sein. Dann solltet ihr alle wissen und schauen. Eurem Urteile, werteste Herren, mag es überlassen bleiben, ob ihr dann glauben werdet."
Der fremde Gast schritt nach diesen Worten, auf die er offenbar keine Antwort erwartete, unverzüglich an Herrn Zorn vorbei und auf die dem Eingang gegenüberliegende Tür zu, hinter der die Arbeitsräume der Apotheke lagen. Herr Zorn beeilte sich, mit diensteifriger Gebärde jene Tür vor ihm aufzureißen. Der Fremde schritt, ohne sich aufzuhalten, hindurch und verschwand in dem Heiligtum der Apotheke. Die Augen der Gäste folgten der hohen Erscheinung verblüfft und nicht ohne eine gewisse Scheu.
Friedrich, der Laborant, eilte dem vornehmen Gaste nach, und man konnte durch die unbedeckte Glastür hindurch sehen, wie er eifrig bemüht war, die Wünsche des fremden Herrn zu erfragen und dessen Befehle mit äußerster Gewandtheit zu vollziehen.
Draußen im Gästezimmer nahm der Tuchhändler zuerst wieder das Wort. "Ei", sagte er, "das ist ein wunderlicher Herr! Er scheint nach Sprache, Aussehen und Kleidung fremd. Ist das ein polnischer Edelmann?"
"Weiß nicht," entgegnete der Apotheker in schlecht verhehlter Befangenheit. "Ein Pole ist er nicht. Der Herr stammt aus Griechenland, soviel ich von ihm erfahren konnte. Er scheint schon mancherlei vorgestellt zu haben. Als ich ihn vor langen Jahren in Padua kennen lernte, trug er die Kutte eines Mönches. Er scheint die Verwandlungen zu lieben."
Ein anderer Bürger rief mit breitem Lachen dazwischen: "Also, wohl auch solch ein chymistischer Bruder?" Und ein Dritter, der seine halbkugelige, silberne Uhr aus der Hosentasche zog, bemerkte: "Gleich ist es sechs Uhr, und so werden wir denn morgen zu dieser Stunde Wissende des Geheimnisses sein."
Während dieser Reden war die Aufmerksamkeit der Anwesenden ununterbrochen auf die Glastür gerichtet. Man konnte manches von dem sehen, was dahinter vorging. Jedoch war nur ein Ab- und Zugehen des Laboranten Friedrich zu erkennen; der fremde Herr saß in einer Ecke des Apothekenraumes verborgen, und nur seine weisenden Hände schienen Befehle zu geben. Nach kurzer Zeit trat der Grieche wieder aus dem Laboratorium hervor, wandte sich zu Herrn Zorn und sagte mit leicht hingeworfenem Ton, der dennoch keinen Widerspruch zu dulden schien:
"Erlaubet, werter Meister, dass morgen früh ein Tiegel bereit sei mit der nötigen Menge an Metall; wobei ich es Euch überlasse, zu wählen, welches Ihr wollt. Ich werde morgen früh zur selben Stunde wie heute wiederkommen und Euch die Lust an so oberflächlichen Scherzen und Tadeleien zu nehmen, wie Ihr beliebt habt."
Mit kurzem Gruß schritt der Fremde wieder durch die Reihe der Gäste hindurch und verließ die Apotheke. Eine Flut neugieriger Fragen stürzte über den Apotheker und auch über Friedrich herein. Meister Zorn entzog sich dem mit ein paar mürrischen, fast finster vorgebrachten Bemerkungen über das geflissentlich herausfordernde und theatralische Betragen der angeblichen Adepten. Friedrich seinerseits schwieg lächelnd zu allen Anreden der würdigen Herren und schenkte Kaffee und Liköre bereitwillig wie zuvor und immer aufmerksam, aber in seinen Augen lag ein schwärmerischer Glanz.
Wer sich in den Geist jener Zeiten zu versetzen vermag, der wird es begreiflich finden, dass der Laden des Apothekers die Menge der Gäste, die sich am nächsten Nachmittag bei ihm versammelten, kaum fassen konnte und dass Meister Zorn selbst wie sein Laborant vollauf zu tun hatten, um das durcheinanderlärmende Begehren nach Kaffee und stärkenden Lebenswassern zu befriedigen.
Allein der Fremde betrat mit dem Glockenschlag der sechsten Stunde nicht, wie erwartet, die Apotheke. Minute um Minute verging, die Bürger wurden ungeduldig, denn zu Hause warteten die Ehefrauen mit dem Abendbrot. Es schien, als wolle der hochfahrende Fremde von gestern sein Versprechen uneingelöst lassen, und die ehrsamen Bürger empfanden bereits eine Regung jenes gehässigen Missvergnügens, das die Seelen der Neugierigen zu ergreifen pflegt, wenn ihre noch so unberechtigte Schaulust nicht befriedigt wird. Um so ärgerlicher waren sie, als es nun schien, als hätten sie den zu Hause harrenden Ehefrauen nichts von alledem heimzubringen, was sie ihnen tagsüber mit geheimnisvoller Wichtigkeit schon angekündigt hatten.
Gegen einhalb sieben Uhr trat Friedrich lächelnd zu seinem Lehrherrn und flüsterte diesem unter Hinweis auf die wachsende Unzufriedenheit bei den Gästen etwas ins Ohr. Zwar schüttelte Herr Zorn verneinend das Haupt, allein der Laborant drang lebhafter in ihn, und es schien, als wolle er ihn zu einer Mitteilung überreden. Endlich sagte der Apotheker mit einem unwirschen Seufzer: "Also, denn in Gottes Namen, tu, was du nicht lassen magst. Aber ich bitte mir aus: Schreib es nicht mir zu, wenn dich der Fluch trifft, der nun einmal auf allem zu ruhen scheint, was mit der hermetischen Kunst zusammenhängt!"
Und indem er sich zu den überraschten Gästen wandte, fuhr er fort: "Tretet zur Seite, ihr Herren, wenn es euch beliebt. Zu lange schon harren wir des Griechen, der, wie ich ihn kenne, jetzt schon vielleicht weit hinweg ist von Berlin. Das ist so die Art der reisenden Adepten. Es sind Geheimnistuer und wunderliche Leute. Um die Mittagszeit brachte mir ein Bote die versiegelten Päcklein. Der Grieche, der, wie ich euch sagen will, sich Laskaris nennt, ließ mir melden, ich möge mit dem Inhalt dieser Sendung die versprochene Probe machen, einerlei, ob in seiner Anwesenheit oder nicht. So lasset denn meinen Laboranten versuchen, was die Kraft des unscheinbaren Pulvers vermag, das ich hier in dieser kleinen Tüte bemerke."
Herr Zorn hatte unter seinem Reden das Siegel erbrochen und aus einer reichlichen Anzahl von Umhüllungen ein kleines Täschlein hervorgezogen, wie es die Apotheker zur Abfüllung zu benutzen pflegen, hatte es an einem Ende abgerissen und zeigte nun den neugierig herandrängenden Gästen zwischen dem aufgespreizten Papier das kleine Quantum einer grauen, körnigen Substanz.
Feierliche und erwartungsvolle Stille traten ein. Friedrich öffnete die Tür zum Laboratorium, und in stummem Zuge betraten die Bürger die Arbeitsstätte der Apotheke. Über einer Kohlenpfanne stand der Schmelztiegel mit schon erhitztem Quecksilber. Der junge Laborant tat mit raschen und kundigen Griffen alles Nötige und trat zurück, als das Quecksilber ins Sieden kam.
"Ein Weniges von dieser Substanz in Wachs gehüllt," so erklärte nun Apotheker Zorn, "soll nach den Worten des Herrn Laskaris genügen, um dieses Metall in gediegenes Gold zu verwandeln."
Während er so sprach und Friedrich die Tat den Worten folgen ließ, hefteten sich die Blicke der Anwesenden unverwandt auf die schimmernde Masse, die jetzt mit leichtem Zischen zerrann: wohl konnten sie mit ihren Augen den ganzen Prozess verfolgen, der jetzt eintrat, aber er blieb ihnen, den Uneingeweihten und in der Chemie Unerfahrenen, darum nicht minder unerklärlich.
Und nun geschah, was so viele Nachrichten und Zeugnisse immer wieder bestätigt haben: das Quecksilber verfärbte sich tiefdunkelrot. Es sprudelte inmitten des Metalls lebhaft auf.
Ein violettes, dann bläuliches, von Blau zu grün und dann zu Gelb übergehendes Farbenspiel überlief den Tiegel und seinen Inhalt, und bald sah man die vom Feuer genommene Masse aus rötlicher Färbung zu gelbem Glanze verblassen. Als nun Friedrich den Tiegelinhalt auf die gewöhnliche Reibschale der Apotheke ausgoss, erwies sich das Metall goldgelb durchfärbt, und als es in Wasser sich zischend ausgekühlt hatte, wird Probierstein, Salzsäure, Schwefelsäure und Königswasser herbeigebracht, und Probe nach Probe ergab, dass das erzeugte Metall nichts anderes sein konnte als bestes Gold.
Kaum hatte die anwesende Zuschauerschaft die Wahrheit und Richtigkeit der Sache ganz und gar erfasst, da stürmte plötzlich der ganze Haufe dicker und wohlhäbiger Bürger auseinander und stob nach allen Richtungen aus der Apotheke. Jeder wollte der erste sein, der das unerhörte Erlebnis nach Hause und in die Öffentlichkeit trug, und bald verbreitete sich durch alle Straßen und Gassen Berlins die neue Kunde von dem Goldmacherwunder in der Elefanten-Apotheke.
Nicht später, als die Nachricht die niedriggebauten Vorstadthäuser des aufblühenden Berlin erreicht hatte, war sie in den Gemächern König Friedrichs bekannt.
Der Apotheker blieb mit seinem Laboranten allein. Beide Arme auf die Lehnen seines Sorgenstuhles gestützt, in den er sich niedergelassen hatte, saß Herr Zorn in tiefes Sinnen versunken und blickte ab und zu immer wieder auf das gleißende Metall hinüber, während die blitzenden Augen des Laboranten vor unaussprechlicher Freude strahlten.
"Törichter Johann Friedrich, lieber, unerfahrener Geselle," sagte endlich der Apotheker und entriss sich mit Gewalt den wenig fröhlichen Gedanken, die immer wieder auf ihn einzustürmen schienen, "glaubst du am Ende auch, ich triumphiere mit dir über diesen offenbaren Sieg der geheimen Wissenschaft? Glaubst du, meine Eitelkeit sei groß genug, um Genugtuung zu empfinden über den Wunderlärm, den jetzt da die würdigen Nachbarn verüben? Ich vermag das nicht. Im Gegenteil, ich vermag nicht schwerer Sorgen Herr zu werden. Hab ich nicht meinerseits das mögliche seit vielen Jahren versucht, hab ich nicht ein gut Teil meines Vermögens und meines Einkommens durch den Schornstein gejagt, um nach den strengen Gesetzen der Natur und den Regeln meiner Kunst dieses Resultat zu erzielen, das hier vor uns liegt? Und habe ich darinnen je den geringsten Erfolg gesehen? Lieber junger Freund, ich sagte dir oftmals, auf meinem Grabstein müsse einst stehen, was auf dem Epitaphium des weiland Herrn von der Sulzburg in der Stadt Nürnberg seit mehr als vierhundert Jahren zu lesen ist: "Er hat lange gealchemeyt und viel verthan." Und so sage ich heute noch: Es ist nicht wahr, was ich gesehen habe. Es ist eitel Blendwerk. Die Metalle wechseln nicht. Es ist nicht anders, nur der böse Geist fährt hinein und webt den falschen Schein vor unsern Blicken. Was ist eine Kunst, die dem Wissen sich nicht fügt!"
Der Laborant lächelte den Meister mit ungläubigen Augen an. Wie war ihm selbst so froh und stolz zumute, dass er gewürdigt worden war, das große Werk zu sehen und selbst dabei Hand anlegen zu dürfen. Mit leisem Bedauern, dem ein Unterton von geringschätzigem Hochmut nicht fehlte, sah er seinen Herrn von der Seite an und antwortete; "Was meine Augen sehen und was Probierstein und Säure bestätigt haben, sollen mir mehr wert sein als alle Rechenkunst und noch so scharf beweisbares Nichtwissen. Die Wahrheit liegt hoch vor Euch, verehrter Meister! Was soll ich da in neidischer Selbstsucht verdammen, was ich selber noch nicht kann?"
Der finster aufhorchende Apotheker las deutlich die Gedanken hinter der jugendlichen Stirn seines Lehrlings, die viel weiter gingen als dessen Worte. Eine zornige Bitterkeit erfüllte sein Herz. Rau und unfreundlich wie nie fuhr er seinen Laboranten an: "Wunder glaubst du gesehen zu haben, und du dünkst dich wohl selbst schon ein Wundertäter zu sein, weil du den Tiegel geputzt und das Feuer angezündet hast für das Werk eines anderen? Du irrst! Das Wunder, das in dem Tiegel liegt, ich sage es dir, ist Teufelsbetrug, trotz Salz und Stein! Ein
ehrlicher Mann lässt seine Hand davon! Und ich sage es dir, zieh deinen Fuß zurück aus dem gefährlichen Netz, das dich umgarnen will, wie es mich in meinen jungen Jahren umgarnt hat. Ich glaube jetzt wohl: Dieser Laskaris ist keineswegs um meinetwillen hierher gekommen. Er hat mich seinerzeit zu Padua verführt, da er mir dort im Gewande eines Minoritenmönches diesen selben Spuk vor Augen führte und mich trieb, meine Zeit und meine Kraft hinfort dem vergeblichen Werk zu opfern. Und jetzt ergreift es dich! Und ich sage dir, die Krankheit wird dich verderben, ehe das Mannesalter deine Wangen bräunt." Meister Zorn sprang vom Stuhle auf und trat auf seinen Laboranten zu. Er fasste ihn mit beiden Händen bei den Schultern und sagte mit Nachdruck: "Mein lieber Johann Friedrich Bötticher, ich habe deinem würdigen Vater zu Schleiz versprochen, einen tüchtigen Apotheker und ehrlichen Mann aus dir zu machen. Ich habe deinem braven Vater verschwiegen, dass ich selbst dem Blendwerk der Alchemie nachgejagt habe. Bei Gott, das tut mir leid! Und um deines braven Vaters willen höre, was ich dir zum letzten Male sage: Was mir in all den Jahren half, der Verwirrung und Zerstörung Herr zu bleiben, die über diesem verfluchten Werke liegt, das fehlt dir: die besonnene Seele. Darum lass ab, bleibe bei ehrbarem Gewerbe und werde ein tüchtiger Apotheker, der dem Wohl seiner Mitmenschen dient und nicht seiner eignen Ehrsucht und Habgier."
Damit ging Meister Zorn hinaus, ließ den spöttisch blickenden Laboranten allein. Dieser griff mit rascher Hand nach dem vom Hausherrn achtlos beiseite liegengelassenen Täschchen, in welchem noch ein ansehnlicher Rest des grauen Pulvers war, wie er sich mit raschem Blick überzeugte.
Am kommenden Morgen ließ sich Bötticher in der Apotheke nicht blicken. Der junge Mann saß vielmehr auf der kleinen Kammer, die er seit seinem Eintritt in die Apotheke "Zum Elefanten" in der Nachbarschaft bewohnte, und gab sich den verführerischen Vorstellungen von künftiger Macht, Ehre und unsterblichem Ruhme hin, die der Besitz des kleinen Täschleins in ihm erweckte.
Desselben Tages schon bereitete sich das Gerücht von den Vorgängen in der Apotheke "Zum Elefanten" genügend aus, um fast zu jeder Minute die Türglocke an Meister Zorns Haus zum Klingeln aufzuregen. Herr Zorn wies aber die Gäste, die nach Wahrheit und Wiederholung des aufregenden Ereignisses fragten, mit ebenso unermüdlicher Geduld wie entschiedener und immer wiederholter Deutlichkeit ab: nicht er, sondern ein Fremder, der längst die Stadt verlassen habe, sei Urheber des Experimentes gewesen und nicht er, sondern sein Laborant Johann Friedrich Bötticher sei offenbar in Besitz des zweideutigen Geschenkes, dem er, der Apotheker, auch gar nicht weiter nachfragen wolle. Er wünsche mit der leidigen Angelegenheit, die ihm nichts als Unruhe und Verdruss ins Haus zu bringen drohe, nichts mehr zu haben, und nicht ohne einen gewissen Missmut fügte er hinzu: Wenn schon die Neugierigen noch weitere Aufklärung wünschten, so müssten sie sich schon um die Ecke in jenes Haus bemühen, in welchem sein Laborant seine Wohnung habe, da dieser ganz sichtlich einen weit größeren Spaß an solchen Sachen habe als er und darüber selbst Pflicht und Dienst vergesse.
In der Tat empfing der junge Bötticher noch im Laufe dieses Tages den mehrfachen Besuch selbst ansehnlicher und einflussreicher Bürger der Stadt und auch einiger Herren von Adel. Auf rasch zugerichtetem Herde, den er sich seit langem schon in seiner Kammer eingerichtet hatte, wiederholte er vor den Augen der Neugierigen den Prozess der Quecksilberverwandlung, und mit der größten Genugtuung konnte er sich zum Beschlusse des Tages der Gewissheit versichert halten, dass Bewunderung wie Neid einer ganzen Stadt, von der Apotheke "Zum Elefanten" abgelenkt, sich nun auf sein unternehmungslustiges Haupt versammelte. Wie eine Traumwolke umschattete sein stolzes Bewusstsein die Einbildungskraft, dass er sich selbst kaum mehr erkannte; und er, der anfangs auf die
ununterrichtete Frage manches Besuchers nach der Herkunft des Pulvers und ob er dessen Verfertiger sei, nur mit einem zweideutigen Lächeln geantwortet hatte, wagte nun immer entschiedener und unverschämter als der Urheber jener wunderbaren Substanz aufzutreten.
Noch ein weiterer Tag des Staunens und des Bewunderns von seiten der Gaffer, die ihm Tür und Zimmer belagerten, und der junge Bötticher wusste sich nicht mehr zu fassen vor Stolz und Glück über die Macht, die nun in seine Hand gelegt war. Hinaus wollte er in die große Welt, deren Genuss ihm der Grieche Laskaris schon so wünschenswert dargestellt hatte, als er an jenem Spätnachmittag während der vorbereitenden Anordnungen allein mit ihm in dem Laboratorium der Apotheke verweilte. Nun waren ihm die goldenen Schwingen gewachsen, die ihn über die engen Grenzen dieser Stadt hinwegtragen sollten, zuallererst nach dem wunderbaren Süden, wo in unbestimmter Ferne die eigentliche Heimat der Adepten in märchenhafter Schönheit und mit dem unklaren Zauber des Orients nach der Meinung seiner Einbildungskraft blühte.
Mitten in die Begeisterungsträume des sinkenden Abends dröhnte ein sehr prosaisches Klopfen an die Tür des angehenden Adepten.
Bötticher fuhr beinahe unwillig auf, doch die schon erlernten wichtigtuerischen Falten über den Augenbrauen glätteten sich augenblicklich wieder, und die im Grunde guten Kinderaugen des jungen Mannes blickten freundlich. Denn der, der seiner ungemeinen Körperlänge wegen fast gebückt über die Schwelle trat, war der Doktor Pasch, Böttichers bester Freund.
"Willkommen," rief der junge Mensch dem Älteren entgegen und fasste mit herzlicher Verehrung nach dessen Hand, "schon längst wollte ich zu Euch gehen und in mancherlei Dingen Euren Zuspruch und Euren Rat erbitten. Jetzt sehe ich Euch zu meine größten Freude bei mir. Lieber Pasch, was habe ich nicht alles erlebt, seitdem ich Euch zuletzt sah, und wie viel habe ich Euch zu erzählen."
In überstürzter Eile begann er seinen Bericht, und Pasch, der das meiste davon schon wusste, hörte geduldig zu. Nur wenn die Flut der Rede allzu stürmisch und allzu hohen Fluges einherzusegeln begann, hob er warnend den Finger. Als Bötticher schwieg, schaute Doktor Pasch mit langem gedankenvollen Blick dem jungen Freund in die Augen. Dann räusperte er sich mehrmals und wippte mit den gespreizten Händen auf der Lehne seines Stuhles auf und ab: Friedrich, mir scheint, du hast eine rechte Dummheit gemacht", sagte er dann in gedehntem Tone.
Bötticher fühlte sich betroffen und befremdet. Die freudig belebte Röte seines Gesichtes schwand, und mit kühlem Zögern fragte er: "Lieber Doktor, es scheint, Ihr tadelt mich?"
"Ich muss wohl", entgegnete Pasch. "Hast du denn gar nicht bedacht. Welche Folgen dein unbesonnenes Handeln nach sich ziehen kann? Steht dir denn die Geschichte so vieler, denen die Alchemie zum Verderben geworden ist, umsonst aufgezeichnet? Wozu dient uns die Erfahrung, wenn wir nicht von ihr lernen wollen. Du selbst konntest dir nicht genug tun, dein bedenkliches Geheimnis zu verbreiten, und doch weißt du, dass der König hier in Berlin weilt und dass ihm die Kunde von diesem Goldwunder alsbald zugetragen werden musste. Nun ist unser neugebackener König um nichts so sehr besorgt, als um den Aufschluss frischer Geldquellen für seinen erschöpften Staatsschatz. Meinst du nicht, dass er zuallererst von den unversiegbaren Quellen deines Reichtums Nutznieß ziehen möchte? Hast du dir nicht überlegt, dass seine Macht groß genug ist, um dein angebliches Geheimnis dir in Güte oder mit Gewalt abzukaufen?" Eine unbegreifliche Wolke der Verblendung, ein schwindelerregendes Gefühl des Stolzes hob die Brust und umnebelte die Augen des Jünglings. Leuchtenden Blickes trat er vor den sitzenden Pasch und rief: " Was erwatet man von mir, was soll ich leisten?"
"Friedrich Johannes," rief der andere und sprang erregt von seinem Stuhle auf, "gib mir die Hand und schau mir in die Augen und dann wiederhole bei deiner Seele Seligkeit: Kannst du
das Elixier bereiten ohne fremde Hilfe? Bist du der Herr des Geheimnisses? Du schlägst die Augen nieder, deine Hand zittert?"
Doktor Pasch stieß die Hand seines Freundes fast unwillig von sich: "Und weißt du auch, was deiner harrt, wenn Kunst und Pulver nicht dir gehört? Niemand wird die glauben, wenn du zu spät dein Unvermögen bekennst. Man wird dich in sicheren Verwahr nehmen, man wird keinen Menschen zu dir lassen, und wenn du dann den ganzen Prozess zur Bereitung des Steines nicht mit mathematischer Gewissheit und mit nachprüfbarem Erfolge darzulegen weißt, so wird man dich hängen als Betrüger."
Bötticher, durch solche Worte aus den höchsten Himmeln seiner Träume und seiner Begeisterung gerissen, wankte und hielt sich mit Mühe am Tisch aufrecht. Bleichen Gesichtes und ratlos wie ein Kind starrte er hilfesuchend den älteren Freund an. Der aber fuhr fort, indem er ihn mit rascher Überredung zu einem männlichen Entschluss zu drängen suchte:
"Du bist kein Adept. König Friedrich aber glaubt es jetzt schon, und wenn der nächste Morgen dich noch in Berlin findet, begrüßest du die Abendsonne durch das Fenster seines sicheren Kerkers. Du musst fort, sogleich weit fort von hier und darfst an keinem Orte deines künftigen Aufenthaltes ahnen lassen, welcher Verdacht auf dir ruht. Das Gefängnis, das sich hinter einem mutmaßlichen Adepten der goldbereitenden Kunst erst einmal geschlossen, wird bei seinen Lebzeiten gemeinhin nicht mehr aufgetan. Denn das Nichtkönnen wie das Können reizt die Habgier der Mächtigen zu Misstrauen und unbelehrbarem Starrsinn. Ich wünschte, du hättest jenen fremden Griechen nie gesehen, dessen Gabe in kurzem das Netz spinnen muss, das sich unzerreißbar um deinen Nacken legt."
Die Worte des Freundes erschütterten den unerfahrenen jungen Menschen aufs äußerste. Jetzt flehte er weinend den Doktor an, ihm zu helfen und ihn zu retten. Ohne viel weitere Worte zu verlieren, begann der Doktor Pasch die geringen Habseligkeiten des jungen Apothekers aus Kasten und Kommoden hervorzuräumen und Taschen und Felleisen zu füllen. Der bedrängte Bötticher vollendete das Geschäft und bat seinen Freund, noch einige kleine Angelegenheiten für ihn zu ordnen, die sich durch ein paar Gänge in den Straßen der Nachbarschaft erledigen ließen.
Mit Einbruch der Nacht bestieg Bötticher ein von Doktor Pasch besorgtes Kurierpferd und ritt zum nächstbesten Tore Berlins hinaus.
Schon in der Früh des nächsten Tages erschien ein Lakai des Königs bei dem Inhaber der Wohnung, in der Bötticher eingemietet hatte, mit dem Befehl König Friedrichs I. den Apothekergehilfen Johann Friedrich Bötticher zu sofortiger Audienz vor das Angesicht des Königs zu bringen.
Jedoch der Vogel war schon ausgeflogen, und die Botschaft des Königs fiel in ein leeres Nest.
*
Der Generalgouverneur von Kursachsen, Fürst Egon von Fürstenberg, saß in seinem Gemach und blätterte eifrig in den Depeschen, die den Marmortisch bedeckten, an dem er arbeitete. Jetzt lehnte er sich nachdenklich in seinen Sessel zurück und schloss diplomatisch bedeutsam die Lippen gegeneinander.
Eine geraume Zeit saß er so mit geschlossenen Augen. Dann endlich streckte er die krankhaft schmale und weiße Hand nach der silbernen Klingel aus, durch deren Klang er einen jungen Mann hereinrief, der im Nebenzimmer seiner Befehle harrte.
"Ist er in Wittenberg bekannt, Gelneck?" fragte der Gouverneur, dessen Augen wieder auf der letzterbrochenen Depesche hafteten.
"Zu Befehl, fürstliche Gnaden", entgegnete der Gefragte mit einer tiefen, respektvollen Verneigung. "Der Bruder meiner Mutter, Herr Jeremias Pasch, ist allda Bürgermeister."
"So", nickte der Fürst in sichtlicher Befriedigung. "Ist sein Oheim verheiratet?"
Hochrot färbten sich die Wangen des Angesprochenen, und seine kleinen Augen glimmerten unangenehm, als er erwiderte: "Mein Oheim war mit einem Fräulein von Wildung vermählt. Jetzt ist er Witwer und hat niemand um sich als eine Nichte, die ihm das Hauswesen führt."
"Er meint also, Gelneck, dass Euer Oheim, der Bürgermeister, imstande ist, wenn ich es wünsche, jemand bei sich aufzunehmen?" forschte der Gouverneur, der, noch immer in Gedanken vertieft, die Depesche bald aufnahm und überflog, bald wieder auf den Tisch niederlegte; und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:
"Lasse Er sich ein gutes Pferd satteln, Gelneck. Reite Er ohne Verzug hinüber nach Wittenberg. Je eher Er dort anlangt, desto besser. Es hält sich dort seit gestern ein fremder junger Mann auf. Man teilt mir mit: ein Flüchtling aus Preußen. Sein Name ist Friedrich Johannes Bötticher. Schreibe Er sich diesen Namen auf! Seinem Oheim meinen Gruß mit dem Befehl, diesen Bötticher aufzusuchen und ihn zu sich einzuladen. Es ist durchaus nötig, dass er es tut. Lieb wäre es mir auch, wenn er ihn ein wenig unter Aufsicht nähme, doch so, dass der Eingeladene davon nichts bemerkt. Ich gebe Ihm sechs Tage, Gelneck, um die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich verlasse mich auf Ihn. Geh Er nun."
Seine fürstliche Gnaden reichte huldvoll die Hand zum Kusse dar, der junge Mann neigte sich ehrerbietig darüber. Dann verließ er das Arbeitszimmer.
Mit gesenktem Haupte saß der hohe Herr wieder mit geschlossenen Augen, als sich leise eine Tür öffnete, derjenigen entgegengesetzt, durch die Gelneck sich entfernt hatte. Eine hochgewachsene, schlanke und jungendliche Frauengestalt erschien im Zimmer, die den Fürsten mit einem sehr freien und selbstsicheren Lächeln betrachtete. Die lebhaften, scharf und dünn gezogenen Linien ihres Gesichtes gewannen davon eine eigentümliche Anmut; verschwand dieses Lächeln aber, so war das Hervortreten eines eigentümlich raubvogelartigen Zuges in diesem Antlitz nicht zu verkennen. Da der Fürst ihr Kommen überhört zu haben schien, sagte sie endlich:
"Seid Ihr gar so sehr beschäftigt, allergnädigster Herr, dass Ihr da in Sorgen tief versunken sitzt und Jahr und Tag zu verschlafen scheint gleich dem guten Kaiser Rotbart im Kyffhäuser?"
Der Gouverneur wandte sich bei diesen im allersüßesten Tone gesprochenen Worten rasch um und entgegnete sanft: "Tritt näher, Elisabeth. Setz dich ein wenig zu mir."
Die junge Dame beeilte sich, der gnädigen Erlaubnis zu folgen, jedoch hatte sie einige Mühe, den breiten, silbergrauen, mit Wolken von rosafarbener Seide überbauschten Reifrock in den Sessel zu zwängen.
"Es ist schrecklich," sagte sie zwitschernd, "immer und immer wie der Kanarienvogel im Bauer zu leben." Dann lehnte sie sich zärtlich über des Fürsten Sessel herüber und fuhr fort: "Die Neugier plagt mich, allergnädigster Vater, sagt mir doch: ich sah Gelneck soeben über den Hof eilen zum Marstall hinüber, und sah, wie man ihm eines deiner besten Pferde herausführte." Sie stockte ein weniges; dann, indem sie zum Nebengemach zurückdeutete, dessen Tür hinter ihr offen geblieben war, fügte sie mit Schelmerei hinzu: "Ich wills nur gleich gestehen: auf dem Altan da draußen hörte ich jedes Eurer Worte, und deshalb kam ich. Es ist so unerträglich langweilig hier in Dresden, seitdem der König seine Hofhaltung nach Polen verlegt hat."
Der Gouverneur machte eine ungeduldige abweisende Handbewegung. Die junge Dame begann jedoch sofort von neuem:
"Was bedeutet Euch jener preußische Flüchtling, dass Ihr meint, Euren vertautesten Diener sechs ganze Tage lang entbehren zu können? Ist dieser interessante Fremde vielleicht ein Franzose? Ein Pole? Ein Schwede?"
"Die Sache liegt viel einfacher und harmloser, als du denkst", entgegnete der Fürst. "Wir
wussten nichts von der Flucht dieses jungen Menschen aus Berlin. Wir wussten nicht von seinem Aufenthalt in Wittenberg, und wir wussten überhaupt nichts von diesem unbedeuteten Burschen. Jedoch dieses Schreiben hier aus der Berliner Geheimkanzlei enthält eine so dringende Aufforderung, noch dazu in einem so unverkennbar befehlenden Tone, in einem Tone, den Kurbrandenburg bis jetzt noch nicht gewagt hat gegen Kursachsen anzuschlagen, wir möchten geneigtest und unverzüglich den genau beschriebenen jungen Mann ausliefern, dass es scheint, als sollte ich mir doch den über unsere Grenzen zugeflogenen Goldfinken erst einmal näher betrachten, ehe ich ihn seinem neugebackenen König zurückgebe. Dieser Bötticher."
Der Fürst streckte sich in seinem Sessel und fuhr mehrmals mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger über seine Nase weg: "Dieser Bötticher ist nämlich ein Adept und soll den Stein der Weisen besitzen."
"Sagt man das in Brandenburg?" rief Elisabeth.
"Man sagt so etwas nicht. Man liest es zwischen den Zeilen", entgegnete lächelnd der Gouverneur, und er lehnte sich lässig in seinen Stuhl zurück: "Aber ich bin entschlossen, ihn nicht auszuliefern, bis ich Befehle aus Warschau habe. Noch heute will ich dorthin berichten, und inzwischen werde ich den Befehl Seiner Majestät des Herrn Königs von Preußen abzuwarten wissen."
"Weshalb lasset Ihr den Mann nicht nach Dresden kommen, Herr Vater?" sagte die junge Dame lebhaft. "Ich möchte ihn sehr gerne sehen. Diese Adepten, so erzählt man, bezeichne ein stolzes, selbstbewusstes und fremdartiges Aussehen und Auftreten; dergleichen macht mir Freude."
Die Züge des Fürsten verfinsterten sich plötzlich. "Schweig!" rief er mit Heftigkeit. "Ich weiß, wen du meinst, und nur mit Unwillen gedenke ich jenes Mannes, von dessen Kunst ich sicheres Zeugnis besaß und dem meine Hand schon fast am Kragen war, als er verschwand. So wird es diesmal nicht mehr gehen. Das wird mir zum zweiten Male nicht passieren!"
Elisabeth warf einen schmelzenden Blick zur Decke, dann senkte sie die Stirn tief und beobachtete von unten her den Vater. Ein seltsames Licht sprühte aus ihren runden Vogelaugen, aber sie sagte nichts.
*
Die Tage, die Gelneck zur Ausführung seines Auftrages zur Verfügung standen, waren verflossen, und er kehrte zurück, munter, lebhaft devot wie immer, freilich ein wenig zerzaust von dem Wind, der ihn und sein Ross in der sächsischen Heide umspielt hatte, die stolzen Federn seines Baretts ein wenig verzerrt vom Regen und seine Kleider und Stulpstiefel beschmutzt. Doch das alles achtete er gering, auch stand es ihm als einem schneidigen Reiter nicht schlecht zu Gesicht. Übrigens hatte er selbst den kostbaren Adepten mit eigenen Augen gesehen, hatte ihn selbst in des Oheims Haus eingeführt und die anbefohlene genaue Überwachung seiner Muhme Barbara strengstens ans Herz gelegt. Dass der junge Fremde somit gut aufgehoben war, das wusste er gewiss.
Barbara von Wildung vertrat in dem Hause des Bürgermeisters Pasch die fehlende Hausfrau. Da sie der Frühverstorbenen nahe verwandt war, hatte der Witwer die Jungfrau zu sich genommen und fand in ihr eine aufmerksame und gewandte Pflegerin, die sich mit glücklichem Takt in alle seine Launen zu schicken wusste. Barbara und Hans Gelneck waren die nächstberechtigten Erben des sehr reichen Bürgermeisters und dieser nicht gleichgültige Beweggrund mochte in Vetter Hans den Entschluss geweckt und befestigt haben, Barbara dereinst zu seiner Gemahlin zu machen.
Keine leichte Aufgabe hatte der ehrgeizige Jüngling sich damit gestellt. Was er in diesem
Augenblick zu erringen schien, ging im nächsten wieder verloren, sobald des Bürgermeisters Stirn sich zu irgendeiner der Taten Hansens runzelte oder glättete, sobald ein lobendes oder ein kühles Wort über den Neffen über seine Lippen kam. Denn ausschließlich die Meinung des Bürgermeisters war das Wetterglas, nach dessen Sinken oder Steigen Jungfer Barbara ihr Verhalten einrichtete. Und wie befremdend eine solche Liebe einer Jungfrau zu ihrem voraussichtlichen Gemahl auch scheinen mochte, das diplomatische Wesen seiner Muhme, weit entfernt Hans Gelnecks Herz zu erkälten, übte vielmehr einen wunderlichen Reiz auf ihn aus, der ihn zu immer neuen Anstrengungen spornte, die wirklichen und eingebildeten Hindernisse seiner Verlobung mit ihr zu besiegen.
Er zögerte daher nicht, seiner zärtlichen Muhme in kurzer, ausdrucksvoller Rede alles dasjenige anzudeuten, was er wie sein fürstlicher Herr "zwischen den Zeilen" dieser abenteuerlichen Angelegenheit las, auch die Hoffnungen, die er auf das Gelingen der fein angesponnenen Pläne baute. Er unterließ auch nicht, mit einiger Selbstgefälligkeit von den unverkennbaren Beweisen huldvollsten Wohlwollens zu sprechen, mit denen die schöne Elisabeth von Fürstenberg ihn hin und wieder beehre, und er deutete an, dass Fürstengunst vieles, Fürstinnengunst noch viel mehr für die Laufbahn eines jungen Diplomaten bedeute.
Dass seine Gönnerin Elisabeth einst vor seinen eigenen Augen dem Griechen Laskaris noch ganz andere Blicke zugeworfen, ihn, dem unbedeuteten Hans, selbst sogar einst heimlich ein Briefchen zugesteckt hatte, das er dem interessanten Griechen übermitteln musste, das verschwieg er weislich. Denn Barbara lächelte sehr sonderbar zu allen diesen Dingen, was ihn ein wenig außer Fassung brachte.
Indessen gab er sich alle Mühe, Barbara seinen Vorteil ans Herz zu legen, und er verflocht den ihrigen so geschickt damit, wie es ihm nur möglich war. Es stand zu hoffen, dass die Muhme, aus deren schönen Augen der helle Verstand hervorleuchtete und um deren Mund immer ein unbestimmtes Lächeln schwebte, vollkommen begriff, um was es sich handelte. Auch schien zuletzt das Objekt der nächsten erfolgreichen diplomatischen Operationen, nämlich der junge Adept aus Berlin, ein ungemein leicht zu behandelndes Werkzeug aller dieser Pläne zu sein. Der junge Bötticher sprach mit kindlicher Offenheit von allen seinen Angelegenheiten, hatte selbst im Angesichte des Bürgermeisters und einem kleinen Kreise von Freunden wieder einmal eine der geheimnisvollen Verwandlungen ausgeführt, um seine Dankbarkeit für Aufnahme und Schutz im Hause des Bürgermeisters zu bekunden, und was sein Verhältnis zum schönen Geschlecht betraf, so wagte der gute Friedrich kaum einem Frauenzimmer gerade in die Augen zu schauen, errötete vielmehr gleich einem Mädchen, sobald Muhme Barbara sich mit freundlichem Blick oder Wort zu ihm wandte.
*
Der Fürst Egon von Fürstenberg saß in seinem Kabinett und arbeitete eifrig an einem ausführlichen, eigenhändigen Bericht für den damals in Polen politisch schwer bedrohten König August II.
Die steile Falte über der Stirnwurzel des Gouverneurs bedeutete einen Teil der schweren Sorgen an, die auch sein Gemüt belasteten; denn sein eigensinniger Herr verweigerte standhaft die erbetene Gnade, seinem getreuen Sachsenlande den Anblick des Herrschers wieder zu gönnen, wo jedenfalls der Kurfürstenstuhl für ihn auf sichererem Grunde stand als der Königsthron unter den widerspenstigen, polnischen Schlachzizen.
Doch selbst bei dem großen Verlust des so heiß begehrten, mit gewaltigem Opfer erkauften polnischen Diadems, und trotz der Gefahr, sich Brandenburg-Preußen zum Feinde zu machen, verweigerte nun der König entschieden die Auslieferung des beiden Herrschern aus gleichen Gründen der Geldnot so wichtigen Adepten. Und als jetzt der von Wittenberg zurückgekehrte
Gelneck dem Fürsten gemeldet wurde, empfing ihn der Gouverneur mit der gnädigsten Herablassung. Aufmerksam hörte er den Bericht, seine Stirn erheiterte sich, seine grauen Vogelaugen blickten unter den schweren Lidern wohlgefällig, und um die perfiden Lippen zuckte es wie Schadenfreude.
Als Gelneck geendet hatte, schwieg der Fürst eine kurze Zeit und schloss nach seiner Gewohnheit die Augen. Seine Hand spielte mit dem silbernen Crayon, als er sagte: "Unser gnädigster Herr hat recht. Dieser junge Mann hier" er schaute müde zu Hans Gelneck hinauf "scheint der Aufmerksamkeit seiner Majestät wert. Seine Majestät bitten mich, ihm zu sagen, dass sein Wohlgefallen auf ihm ruhe und dass er geneigt sei, ihn für den diplomatischen Dienst im Auge zu behalten. Ich hoffe, der Bürgermeister zu Wittenberg, sein Oheim, wird unseren Befehlen pünktlich nachkommen."
Schwindelig vor Glück verließ Hans Gelneck das Kabinett. Die Angelegenheit Johann Friedrich Böttichers ruhte nur scheinbar für kurze Zeit.
Neue und drohende Forderungen Preußens liefen ein, und sie ließen sogar befürchten, dass Wittenberg durch einen Handstreich preußischer Truppen genommen werden solle. Die Besatzung des gefährdeten Platzes wurde verstärkt, Bötticher unter schärfere Überwachung gestellt, deren es indessen bei dem gutgläubigen Jüngling nicht bedurfte. Denn abgesehen davon, dass er sich einbildete, die sächsische Staatsmaschine arbeite in hochherziger Selbstlosigkeit für gar nichts anderes als nur für den Schutz und das Recht seiner Person, begann auch der Umgang mit Jungfrau Barbara allbereits einen starken Zauber auf ihn auszuüben, der ihn so mächtig in ganz neue und unerhörte Erlebnisse verstrickte, dass bei ihm kein weiterer Gedanke an Flucht aufkommen konnte, selbst wenn er geahnt hätte, dass ihm auch auf sächsischem Boden Unfreundliches begegnen könne. In kaum bewusster, rasch auflodernder erster Liebe lebte Johannes Friedrich nur dem Augenblick; denn was kümmerte ihn das Morgen, wo das Heute ihn mit immer neuen Entzückungen überraschte und mit den lieblichsten Bildern umschwebte.
Mitten in das fröhliche Aufkeimen seiner ersten Liebe, in das Hangen und Bangen um einen Blick und Händedruck Barbaras blitzte eines Tages das Verhängnis in Gestalt eines summarischen Befehls, den angeblichen Adepten unverzüglich und unter starker Bedeckung nach Dresden zu senden. Nun erst begann es sich zu zeigen, wie gut das Mühmchen die Intentionen ihres lieben Vetters Hans zu treffen gewusst hatte.
Gleich wie aus eigenem Antrieb beschloss der Bürgermeister, den ihm anvertrauten Staatsgefangenen persönlich in die Hände des einflussreichen Generalgouverneurs zu übergeben. Ganz natürlich schien es, dass Barbara von Wildung ihn auf dieser Reise begleitete, denn es galt nicht nur dem Wohlbefinden des Bürgermeisters zu dienen, sondern auch die Gelegenheit zum Besuche mancher Verwandter in der Hauptstadt auszunützen, deren Gunst ihr und dem Bürgermeister mancherlei Vorteil versprach. So erhob auch der jugendliche Adept gegen seine Überführung keinen Einspruch; denn einesteils blieb er auf der Reise der Nähe Barbaras gewiss, andererseits erging er sich schon wieder in ausschweifenden Träumereien und erwartete in seiner Harmlosigkeit nichts sehnlicher als den Augenblick, da er das Wunder seines Besitzes vor König und Fürst vorweisen durfte. Es kam hinzu, dass dem Befehl recht lockende Versprechungen für den Willigen angefügt waren, und so streckte Bötticher schon die Hände aus nach dem reichen Kranz, den kühle Berechnung ihm in schimmernder Ferne zeigte. Er strebte vorwärts, indessen sich hinter ihm alle Auswege schlossen; je näher er Dresden kam, desto enger und unerbittlicher zog sich über ihm das Netz zusammen, vor dem ihn Apotheker Zorn und Doktor Pasch vergebens gewarnt hatten.
*
König August war noch immer in Polen, wo die schwedischen Truppen ihn von einer Stadt zur andern manövrierten. Er fühlte mit wachsender Deutlichkeit den polnischen Thron in seinen Grundfesten wanken. Jedoch er vermochte nicht, dem Titel der Macht zu entsagen, für deren nutzlose Verteidigung sächsisches Blut in Strömen floss. Vergebens hatte er den starrköpfigen Feind durch alle Mittel zu beugen und den hochmütigen Adel durch maßlose Versprechungen kirre zu machen versucht. Und der ihre holdesten Reize entfaltenden Aurora von Königsmark blieb andererseits das felsenharte Herz des schwedischen Karl verschlossen, als August sie zu Unterhandlungen ins schwedische Lager entsandte. König Karl verweigerte der schlauen und verführerischen Mätresse grob und deutlich die Audienz und ließ sie bedeuten, dass ihr Aufenthalt in seinem Feldlager nicht einmal einen schwedischen Musketier aufzuregen vermöge.
Jetzt hatte August sie auf einige Zeit nach Dresden zurückgeschickt, und die Spötter wollten wissen, dass die königliche Geliebte auf dem Altar, auf welchen blinde Leidenschaft sie gestellt hatte, sich ebenso wackelig zu fühlen beginne, wie ihr Anbeter auf dem polnischen Thron.
Vielleicht um diesem voreiligen Gerücht wirksam zu begegnen oder auch um des Königs Sache vor den Augen seiner Freunde günstiger darzustellen, als sie war, feierte die Gräfin Tag für Tag glänzende Feste, wie sie außer dem französischen Hofe damals nur zu Dresden gesehen wurden. In strahlendem Kerzenschmuck schimmerten die Zimmerfluchten der prächtigen Wohnung, die der Gräfin zugewiesen war. Stundenlang rollten Equipagen, reichgekleidete Diener ließen die Sänften ihrer Herren vor dem hohen Portal des Schlosses halten, und ein ununterbrochener Zug verschwenderisch schön- und reichgekleideter Masken wogte die breite Treppe hinauf und erfüllte die weiten Säle.
Es war am zehnten Tage, nachdem die befohlene kleine Gesellschaft aus Wittenberg in Dresden eingetroffen war. Zum dritten Male wiederholte sich das Maskenfest in dem Königsmarckschen Palais. Wieder waren alle Räume des Hauses von hellstem Kerzenglanz erfüllt, und das Maskenfest erreichte schon vor Mitternacht den Höhepunkt des Glanzes und des Gewühls.
Aus den bunten Wogen der Quadrillen tauchte eine seltsame, zu Beginn des Festes noch nicht gesehene Gestalt empor. An Gang und Haltung glaubte man erkennen zu können, dass der Träger der Maske von männlichem Geschlechte sein müsse, jedoch das weitere schwarze Gewand mit den großen herabhängenden Flügeln auf dem Rücken, verhüllte die Formen des menschlichen Körpers, die darunter staken, vollständig, und der abenteuerliche Kopfputz mit den langen Mäuseohren um das widerwärtige Vampirgesicht, das mit dünnen, grauen Haaren bewachsen schien, konnte ebenso gut das zarte Antlitz einer Frau wie das stachelige Gesicht eines Kriegsmannes verhüllen.
"Was für eine hässliche Dämmergestalt!" sagte halblaut eine singende Stimme im Rücken der plump einherschwankenden Fledermaus. "Seht doch, seht, wie sie ihre Arme spreitet, wie die Flügelklauen schlottern!"
Die Stimme gehörte einer Maske in griechischer Tracht, deren malerisches Kostüm die herrlichen Formen der Gestalt in der vorteilhaftesten Weise hervortreten ließ.
Die Griechin lehnte an einem Pfeiler des Saales, von welchem sich rankendes Gesträuch und Blumengirlanden herabsenkten. Der Wirbelwind des Tanzes ließ Zweige und Blüten leise hin und her wehen, und es schien, als wollten sich die Ranken der lieblichen Erscheinung ums Haupt schlingen. In geringer Entfernung beobachtete ein Mönch dies flüchtige Bild gleichfalls mit Wohlgefallen. Die Augen des Mönches brannten durch eine dunkelbraune Seidenmaske mit auffallendem Feuer.
"Ergötzt es euch?" begann die Griechin wieder mit über die Schulter zurückgewendetem Haupte zu anderen Masken zusagen, die sich herandrängten. "Ich werde euch unterweisen.
Jene strahlende Polin dort mit der kostbaren Diamantagraffe am Reiherbusch, das ist unsere allzeit liebenswürdige Gastgeberin selbst."
In diesem Augenblick schwenkte die abscheuliche Fledermaus sich mit ausgebreiteten Flughäuten herum, bewegte die Flügel auf und nieder und starrte die Griechin aus hohlen Augenöffnungen an, dass ein plötzlicher Schauer ungewisser Ahnung über die schöne Frau lief. Im nächsten Moment wälzte sich ein bunter Maskenknäuel heran, und die Dame war fortgerissen von dem unwiderstehlichen Zug der Menge. Jetzt stand die Fledermaus an der Säule.
Der Mönch, inzwischen durch das Gedränge näher herangeschoben, glaubte einen leisen Seufzer hinter der hohlen Kopfform der Fledermaus zu vernehmen. Er schaute verwundert und mit scharf forschendem Blick in das hässliche Gesicht, jedoch die Fledermaus griff plötzlich nach seiner rechten Hand, und der Mönch bemerkte, dass die Hand, die die seine hielt klein und zart war.
"Hui, hui," sagte die Fledermaus leise, "du bist ein sehr einsamer, sehr verlassener Jüngling ich sehe es an den Linien hier."
"Kannst du prophezeien? Fragte der Mönch und lachte freundlich. Am Ton seiner Stimme erwies es sich, dass er in der Tat noch recht jung war.
"Ich schaue die Zukunft wie in einem Spiegel", sprach die Maske geheimnisvoll und blickte um sich. "Du willst hinauf hüte dich das Schicksal ist neidisch. Es reißt unsere stolzesten Träume oft aus ihrem heitersten Fluge, denn sie sind leer, und mit ihnen stürzen wir und werden zerschmettert."
Die Hand des Mönches zitterte. Seine verstohlenen Blicke flogen jetzt hinüber zu einer in Gold und Silber glänzenden Gestalt, die ihm zu winken schien, und er riss sich ungestüm los. Ehe die Fledermaus ihn zurückhalten konnte, war er verschwunden.
"Hui, hui!" raunte die Fledermaus im Vorüberflattern einem grauen Pilger zu, der von einer der Fensterbrüstungen aus den Mönch mit regem Interesse zu überwachen schien und nun mit rascher Wendung im Begriff war, dem Davoneilenden nachzufolgen. "Deine Pilgerschaft, graue Seele, dient nicht deinem ewigen Heil! Möchten die Leidensstationen dich läutern, an denen du vorbei musst!" Der Pilger wandte sich heftig. In raschem Zorn griff er nach der Fledermaus, aber diese entzog sich ihm gewandt und enteilte. Der Pilger, der den Mönch nicht aus dem Auge ließ, streifte diesen jetzt halbseits vom Rücken her und flüsterte ins Ohr:
"Mönch, kennst du die Fabel vom Fuchs, der mit dem Löwen zusammen gejagt?"
Auch der Mönch fuhr herum und suchte den Pilger zu fassen. Mit einem kräftigen Stoß befreite sich dieser, entwich dem Zugriff und verschwand im Strudel der tanzenden Paare.
In einem anderen Saale, mitten im dichtesten Maskenschwarm, hielt die Griechin aufatmend still und griff sich ans Herz. Die Begegnung mit der Fledermaus hatte sie tief beunruhigt. War ihr Botschaft nahe von dem, zu dessen Ehre sie das griechische Gewand gewählt hatte? Und wenn ja warum näherte sie sich ihr in so hässlicher Gestalt? Da berührte leise eine Hand die ihrige, und als sie, schreckhaft und empfindlich geworden, den Arm zurückzog, wurde ihr ein gefaltetes Papier zwischen die Finger geschoben. Der Überbringer war nicht mehr zu sehen.
Hastig öffnete die Dame und las: "Kommt zu dem Springbrunnen, sobald Ihr nur könnt!" Höchst überrascht blickte die Dame scheu um sich her, ob kein Späher Papier und Schrift gesehen habe. Dann glitt die geschmeidige Gestalt der Griechin langsam durch die Säle hin, entschlüpfte gewandt dem Mönch, der ihr wieder entgegen kam und ihr zu folgen suchte, und lenkte endlich ein entlegenes Seitengemach, das mit der Reihe der Tanzsäle nur durch einen matt erhellten Glanz verbunden war.
Hier stand unter immergrünen Palmen eine Venusstatue in der Haltung einer Badenden über einer Muschelschale, über die in dreifacher Stufung sanftes Wassergeriesel sprudelte.
Unentschlossen blieb die Griechin an dem Becken stehen und lauschte. Da regte es sich in dem dichten Pflanzenaufbau, der im Halbkreis den Brunnen und die Liebesgöttin umgab, und eine hochgewachsene, dunkle, männliche Gestalt trat hervor, schwach beleuchtet von der blauen Deckelampel.
"Seid Ihr endlich da?" fragte eine leise Stimme.
"Und wer soll ich denn sein?" entgegnete die Griechin munter, da ihre gute Laune wiederkehrte.
"Dieser Ton verrät Euch, Elisabeth, daran erkenne ich Euch!" flüsterte die Stimme; die Hand des Mannes fasste die ihre zog sie gewaltsam näher und tiefer ins Gebüsch.
"Gnädigster Herr!" stammelte Elisabeth von Fürstenberg, aufs grausamste überrascht und erschrocken. "Jedermann wähnt aufs grausamste überrascht und erschrocken. "Jedermann wähnt Euch fern, und höchst seltsam scheint es mir, dass Ihr hier seid."
"Einige Geschäfte von Wichtigkeit führen mich her", sagte König August. "Indessen, was mir das Wichtigste ist, ich wünsche Euch zu sprechen."
"O Majestät", erwiderte die Schöne und senkte unter der Maske die blitzenden Augen zu Boden. Sie harrte und schwieg.
Leidenschaftlich ergriff jetzt der König ihre Hand und flüsterte heiße und verführerische Worte in ihr Ohr, denen sie sich, verwirrt nur mit schwachem Widerstreben entzog.
König August war nicht gewohnt, seine Wünsche auf langen Umwegen zum Herzen seiner Freundinnen zu schicken. Fast schien es daher, als fordere er nach kurzem Bitten eine Zusage von ihr. Auch wenn Elisabeths Weigerungen so unsicher und das plötzliche silberne Kichern ihrer Schämigkeit so kokett, dass an dem Ausgang des Handels nicht zu zweifeln war. Aber jetzt nahen Schritte, und Elisabeth wollte entfliehen. Jedoch der König hielt das Mädchen zurück und wiederholte mit einem Flehen, durch das schon das Drohen der Majestät klang: "Du wirst also kommen, Elisabeth?"
Sie neigte rasch das Haupt und erwiderte den Druck der königlichen Hand. August wich zurück in den Schatten der Gebüsche, und Elisabeth verließ unsicheren Schrittes das Gemach, über dessen Schwelle soeben ein Maskenpaar eintrat. Hinter diesem huschte ein Schatten vorüber: die schwarze Fledermaus. Fürstin Elisabeth floh ins Helle hinaus.
Im großen Mittelsaale wogte unvermindert die geräuschvolle Luft. Abgesondert lehnte der Mönch in einer der Fensternischen und seine suchenden Blicke schweiften immer wieder über die Menge, ohne zu finden, wonach er ausschaute. Da wieder trafen Flüsterlaute an sein Ohr:
"Versenkt Euch nicht allzu tief, junger Meister, in den dunklen Abgrund jener Augen, der schon bessere Schwimmer verschlungen hat."
Erschrocken wandte sich der Mönch um und sah die hässliche Fledermaus abermals drohend ihre schweren Flügel gegen ihn schüttelnd.
Habt Ihr Euch den Pilger zum Kammerherrn erlesen?" piepste jetzt die Fledermaus. "Er folgt Euch ja auf Schritt und Tritt, und weicht er einmal, weil ihm noch mehr obliegt, so nimmt ein anderer seine Stelle ein. Ihr habt sehr töricht gehandelt, Herr Bötticher. Doch seid getrost, die Hilfe ist nahe."
Ehe der Erstaunte einer Erwiderung fähig war, flatterte die Fledermaus hinweg; aber dicht hinter sich sah er nun plötzlich wieder den Pilger stehen, und schwer fiel ihm der Gedanke aufs Herz, dass ihm diese Maske fast bei jeder Wendung, die er tat, gegenüberstand.
Sollte er auch von hier wieder fliehen, wo sich ihm das große Leben lieblicher auftrat als sonst irgendwo in der Welt? Ließ sich der Aufenthalt in Wittenberg im Hause des Bürgermeisters denn auch nur von Ferne vergleichen mit dem Glanz und dem Zauberduft, der ihm hier alle Sinne erfüllte? Und war nicht seinem Einzug in Dresden nicht alsbald nach dem Empfang beim Fürsten Fürstenberg auf die schmeichelhafteste Weise die Einladung zu den Festen der Gräfin von Königsmarck, der allmächtigsten Freundin des Königs gefolgt?
War ihm nicht zur selben Stunde, als der dem Fürsten zu Fürstenberg seine Aufwartung machte, und ihn eine Probe seiner Kunst sehen ließ. Auch Elisabeth, hoch und fern, wie eine königliche Frau entgegengetreten und hatte in den wenigen Minuten der Begegnung sein Herz zu neuer Leidenschaft entzündet? Was war auch, verglichen mit der Fürstentochter, die ihn so hold und begierig angeblickt hatte, das immerhin anmutige Bärbchen von Widung?
Langsam verrauschte das Fest, und aus dem Gewoge der Tänze ebbte allmählich ein leerer Raum in der des großen Saales. Die Masken drängten von allen Seiten diesem neuen Mittelpunkte zu, aus dem es mit lautem und fröhlichem Lachen hervortönte und sichtlich ein besonderes Geschehen andeutete.
Bötticher, von der schaulustigen Menge vorwärts gedrängt, vermochte allmählich diesem Kreise näher zu rücken. Es schien, als führe dort die Fledermaus mit den wunderlichen Bewegungen einen seltsamen Reigen auf: mit klatschendem Flügelschlage und zwitscherndem Pfeife sauste sie dahin und dorthin, hob und senkte sich, kroch am Boden umher und erweckte durch diesen phantastischen Solotanz die Fröhlichkeit der schon halb betrunkenen Gäste zu lautem Jubel. An dem einen Ende des freigelassenen Raumes stand die pompöse Gestalt der Gräfin Königsmarck und schaute majestätisch lächelnd zu. An ihre Seite trat jetzt Elisabeth von Fürstenberg, die des Gedränges halber nicht mehr imstande gewesen war, den Saal zu verlassen, wie sie versprochen hatte.
Der Tanz der Fledermaus schien beendet. Aus den weiten Falten ihres Gewandes zog sie jetzt zwei kunstvoll gearbeitete Kästchen hervor, deren zierliche Schlüssel an seidenen Bändern schwebten, und überreichte die Kassetten mit einer Kniebeugung den beiden überraschten Frauen. Dann zog sie sich zurück, und ein Regen duftiger Blüten und Sträußlein flog aus ihren Ärmeln und Flügeln plötzlich auf die Umstehenden nieder, die sich begierig darüber hinwarfen, um sich ein Andenken an dieses seltsame Zwischenspiel des Festes zu sichern. Im Nu war dadurch das Gewühl ärger geworden denn je, und unbeachtet entschlüpfte die Fledermaus, wand sich durch mehrere Zimmer und huschte durch den dämmerigen Gang in jenes Zimmer hinüber, in dem der Springbrunnen noch leise unter der Venusstatue plätscherte.
Inzwischen hatte Aurora von Königsmarck das Kästchen geöffnet, und neugierig richteten sich die Blicke der Nächststehenden auf den Inhalt. Unter einer reichgestickten, äußerst zart gearbeiteten seidenen Decke lag in täuschender Nachbildung aus Wachs zierlich geformt, ihr Ebenbild, gehüllt in das Gewand der büßenden Magdalena. Über dem umschleierten Haupte aber zeigte sich ein schwebender Kranz, der auf dem Grunde des Kastens befestigt war und die spottende Inschrift trug: "Früh gesündigt, Tages Reue, abends Buße."
"Man fasse den Unverschämten!" rief die Gräfin zornentbrannt und riss sich zugleich die Samtmaske vom Gesicht. "Ich befehle die Verhaftung im Namen des Königs!"
"Wer ruft den König?" fragte eine mächtige Gestalt mit blitzenden Augen und trat mit breiter Kraft aus dem Maskengewühl hervor durch die freie Gasse, die sich bei dem Klang der wohlbekannten Stimme sofort öffnete.
Einen Augenblick war es, als lähme beim Anblick König Augusts die Überraschung die gewandte Zunge der beleidigten Dame. Doch schnell gefasst berichtete sie in anklagender Eile, was man ihr getan, und bat mit Tränen in den schönen Augen um Genugtuung. Sie wusste, dass diese Tränen den König noch immer besiegt hatten.
August wandte sich kurz und scharf zu Elisabeth: "Ihr auch?" ruft er ihr zu, die bebend vor ihm stand. "Es freut mich, mein Fräulein, Euch h i e r zu sehen. Euer Vater grüßt Euch von Herzen! Doch zeigt mir nun gütigst, was die verwegene Maske Euch gebracht hat."
Damit nahm August misstrauisch lächelnd und seine jähe Eifersucht kaum verbergend das Kästchen aus Elisabeths Händen, um es zu öffnen, und selbst die Gräfin vermochte trotz der erlittenen Kränkung ihre Augen nicht davon abzuwenden. Auch hier deckte eine
silbergestickte Hülle von schwarzem Samt den Inhalt. Als der König diese hinwegschob entschlüpfte den Umstehenden ein Schreckensruf. Der König erbleichte.
In dem Kästchen stand ein überaus feingearbeiteter Sarg mit glänzenden Silberbeschlägen, zu Häupten ruhte zierlich die Fürstenkrone.
"Beim Herkules," rief der König wild, "das ist zu viel für einen Scherz!"
Heftig nahm er den Deckel des Sarges ab. Drinnen lag eine weiße duftende Rose, deren Kelch die scharfe Schneide eines wunderkleinen, mit äußerster Kunst gearbeiteten Dolches durchschnitt. Um den Blütenstil schlang sich ein grün und goldenes Band mit seltsamen Zeichen bemalt: die Rautenfarben des Hauses Wettin.
Elisabeth von Fürstenberg wäre ohnmächtig zu Boden gesunken, wenn nicht die Gräfin Königsmarck und einige herzueilende Masken sie gestützt hätten. Die Ohnmacht des Mädchens schien tief, und sie wurde hinweggetragen.
In der allgemeinen Verwirrung, die hierbei entstand, hörte man doch den donnernden Befehl des Königs, den Übeltäter sofort zu ergreifen und vor sein Angesicht zu führen. Ein Zuruf aus dem Maskengewühle belehrte darüber, dass die Fledermaus zuletzt auf dem Weg nach dem Brunnenzimmer gesehen worden sei. So drängte denn der ganze Schwarm in voller Hast nach jenem Gemache hin, wo die Liebesgöttin still sich in dem blumenumgürteten Wasser spiegelte, denn dieses Gemach hatte nur den einen Ausgang, der in den Hauptgang zurückmündete. Und wahrhaftig! Dort, in der finstersten Ecke des Raumes hockte die Gestalt des Unholds, vergebens bemüht, sich hinter dem Gebüsche zu verbergen! Die Flügel hingen dem Untier schlaff am Leibe herab, und hundert Hände streckten sich aus, den Verbrecher ans Licht und vor die Füße des Königs zu ziehen. Indessen leistete die Maske Widerstand. Plötzlich aber gab sie nach und stürzte zu Boden. Die Fledermausflügel klapperten leblos über einem faltenreichen, flach ausgebreiteten Gewand zusammen, das sich auf der Erde bauschte. Die Fledermaus war mit einem Bande an einigen Oleanderstämmen befestigt gewesen das lebende Wesen, das sich des flüchtig aufgesteiften Taftes zu so boshaften Zwecken bedient hatte, war verschwunden.
Das Gebot des Königs, sofort alle Ausgänge zu schließen und die Anwesenden einer rücksichtslosen Untersuchung zu unterziehen, war zwecklos. Es war nichts Verdächtiges zu entdecken, und alsbald, nachdem der König die Erlaubnis erteilt hatte, zogen sich die Gäste zurück und verließen das unheimlich gestörte Fest.
Elisabeth von Fürstenberg war in tiefer Ohnmacht zum Hause ihres Vaters zurückgetragen worden. Dort befiel sie ein hitziges Fieber, an dem sie monatelang daniederlag.
*
Kurz vor diesem Ereignis hatte der Generalgouverneur von Fürstenberg dem jungen Bötticher die Ehre eines Besuches gewährt. Der junge Mann hatte in Gegenwart des Fürsten Proben mit verschiedenen Metallen vornehmen müssen, wobei denn jedes Mal das Ergebnis aufs wunderbarste den höchsten Erwartungen des Fürsten entsprach. Von dieser Stunde ab wurde dem vermuteten Adepten eine schöne und sehr bequeme Wohnung im Dresdner Stadtschloss selbst eingeräumt, ein Hofwagen zu seiner Verfügung gestellt und eine ganze Schar von Lakaien zu seiner Bedienung befohlen. Wenn er über die Bedeutung seiner fürstlichen Unterkunft und über den Nebenauftrag hinwegsah, der jedem seiner Bedienten eingeschärft war, wenn er also nicht bemerken wollte, dass er in einem geräumigen Gefängnis unter der Bewachung harmlos gekleideter Gefängniswärter saß, so konnte sich der leichtsinnige junge Mann kaum ein sorgloseres und prächtigeres Leben wünschen und denken als das, das er vorerst führen durfte.
Fürstenberg selbst machte sich indessen trotz Kriegslärms und unsicheren Verbindungsstraßen sofort auf, seinem königlichen Herrn die erfreuliche Kunde selbst zu
überbringen. Er hatte sich zu diesem Ende von Bötticher ein winziges Quantum des grauen Pulvers ausgebeten und reiste damit nach Warschau. Dort wurden in des Königs Gegenwart neue Versuche angestellt, jedoch sie misslangen. Zwar erwies sich das von dem Gouverneur mitgebrachte Adeptengold in allen Proben als gediegenes Metall, aber die Silbermünzen, die August mit eigenen Händen zu verwandeln wünschte, blieben unverändert. Indessen trösteten sich die hohen Herren damit, dass die Schuld des Misslingens an der mangelhaften Durchführung des Prozesses liegen möge. Um den Adepten persönlich zu sprechen und ihn mit aller Schärfe zu prüfen, verließ der König heimlich auf kurze Zeit sein Warschauer Winterquartier. Er ließ an seiner Stelle den Generalgouverneur zurück; vielleicht auch war ihm dessen Gegenwart, ungeachtet seiner Treue und Ergebenheit, in Dresden nicht ganz erwünscht. Denn der Fürst wachte streng über die Ehre seines Hauses und fühlte keinerlei Versuchung, seine schöne Tochter auf gleicher Stufe mit Aurora von Königsmarck zu erblicken.
Es bedurfte indessen seiner Nähe nicht; das unholde Geschenk der rätselhaften Maske, das nicht nur Elisabeth, sondern auch den König erschüttert hatte, durchkreuzte sattsam die Pläne des liebebedürftigen Herrschers, und alle ferneren Bemühungen von seiner Seite um Elisabeth geschahen nur mit halber Energie, erkalteten rasch und wurden endlich gänzlich abgebrochen, als es den Anschein nahm, Elisabeth werde ihrem Nervenfieber erliegen.
Desto eifriger wandte sich der König dem anderen Zwecke seiner Reise zu. Denn er bedurfte zu dem blutigen Streit um die polnische Krone immer neuer und womöglich unerschöpflicher Mittel, genau so, wie England sie dem in seiner Genügsamkeit doppelt furchtbaren Schwedenkönig Karl XII. stets gefällig anbot.
Nun sollte der junge Adept, so spröde dieser auch tat und die Enthüllung seines Geheimnisses von einem Tag zum andern verschob, ihn mit einem Male von seinen Sorgen befreien. Auch als der König, von neuen Nachrichten gedrängt, unerwartet rasch und vor Erfüllung seines Wunsches Dresden wieder verlassen musste, gelangten noch aus der Ferne die verbindlichsten königlichen Handschreiben an den kostbaren neuen Untertanen, um ihm endlich mit Güte zu entlocken, was er so beharrlich verschwieg.
Jedoch jeder dieser Gnadenbeweise verschärfte den Ernst und die herandrohende Gegenwart einer tragischen Entscheidung, vor die sich Friedrich Bötticher gestellt fand. Er begann jetzt immer deutlicher den Abgrund zu sehen, der sich vor ihm öffnete und an dessen Rand er schon stand. In kindlicher Sorglosigkeit und gedankenloser Unbefangenheit hatte er allmählich den kargen Schatz vergeudet, den der Grieche Laskaris einst zu Berlin in seine Hand gelegt hatte. Und mit Verzweiflung im Herzen sann er jetzt weniger darüber nach, wie er allenfalls den zusammengeschmolzenen Vorrat seines Elixieres ergänzen, als darüber, wie er Mittel finden könne, sich aus dieser goldenen Gefangenschaft zu befreien. Er musste bemerken, dass mit jedem Huldschreiben des Königs seine Bewegungsfreiheit sich verminderte, und die wundervolle Mischung von Abenteuer und eitler Ehrbefriedigung nahm allgemach einen bitteren Geschmack an.
*
Aurora von Königsmarck lag in ihren Gemächern auf einem Ruhebett und stützte nachdenklich das Haupt in ihre Hand. Das große Abenteuer ihres Lebens schien einem frühen und unerwünschten Ende sich entgegenzuneigen, und recht sorgenvolle Gedanken stiegen in dem Herzen des schönen Weibes auf. Fast hätte sie darüber vergessen, dass sie am heutigen Tage in geheimnisvoller Weise von einem Unbekannten um die Gunst einer Unterredung angefleht worden war. Der Fremde war ihr mit seiner athletisch gebauten Gestalt, seinem männlich gebräunten Antlitz und seinem freien und offenen Blick im ersten Augenblick sehr
wohlgefallen. Auch hatte es sie überrascht und befriedigt, dass er durch Abnahme der Maske und ehrerbietiges Betragen die fürstliche Hoheit in ihr so zwanglos geehrt hatte, worauf sie so eifersüchtig Wert legte. Was mochte dieser Mann wollen? Sie wies ihn damals mit seiner Bitte nicht zurück, wie sie es sonst wohl getan haben würde, sondern hatte ihm mit hoheitsvollem Blick Gewährung genickt.
Als sie jetzt mitten hinein in ihren tiefen Grübeleien zufällig seiner gedachte, stieg sein Bild wieder deutlich vor ihr auf, und wieder befiel sie die Frage, woher der Unbekannte wohl kommen möge. Für ein verliebtes Abenteuer war sein Blick zu ernst gewesen, für eine Kränkung, wie sie ihr jüngst zuteil geworden war, erschien er ihr zu ehrenhaft und stolz.
Nun war der Tag, ja sogar wohl die Stunde gekommen, die er sich zur Audienz erbeten hatte.
In diesem Augenblick bewegte sich leise der Vorhang an der Tür ihres Boudoirs, ihre vertraute Zofe erschien und meldete einen Besucher, der den ergangenen Befehlen zum Trotz erklärte, von der Gräfin zu dieser Stunde erwartet zu werden.
Die Gräfin sprang auf. "Fides," sagte sie, "nimm deinen gewohnten Platz ein. Der Mann soll empfangen werden. Wenn ich ihm trauen darf, werde ich dir das Zeichen geben, dann gehst du und schließest sorgfältig das Vorzimmer."
"Nach Euren Befehlen, Herrin", erwiderte das Mädchen, neigte sich und entschlüpfte.
Nach wenigen Augenblicken erfüllte den Eingang der zierlichen Tür die gleiche hohe Gestalt, die der Gräfin auf dem Balle entgegengetreten war. Der Mann näherte sich mit freiem Stolz der gefeiertesten Schönheit ihrer Zeit. Wie verführerisch und mächtig ihm auch die Reize der immer siegreichen Frau ins Auge leuchten mussten, es schien doch der Gräfin, die ihn aus gesenkten Augenlidern hervor beobachtete, als wisse er sich recht wacker zu bezwingen.
Mit ehrfurchtsvollem Gruße sagte er leise, aber bestimmt: "Vergebt, erlauchte Frau, mein Bericht duldet keine Zeugen."
"Redet ohne Scheu," entgegnete die Gräfin mit holdseligem Lächeln, "wir sind allein."
Der Fremde zögerte und sah ihr mit großem und festem Blick in die Augen. Die Gräfin sah sich genötigt, die ihren ein wenig niederzuschlagen, und eine leichte Röte stieg ihr vom Hals auf. Indessen dehnte der Gast die Pause nicht länger; es schien, als zucke er unmerklich die Achseln, und begann dann mit gedämpfter Stimme:
"Es wird Euch nicht unbekannt sein, erhabene Frau, dass die Mauern des kurfürstlichen Schlosses einen Gefangenen bergen, der in törichtem Übermut sich mit dem Namen eine wirklichen Adepten zu schmücken wagt."
"Sprecht Ihr von Meister Bötticher, mein Herr?" unterbrach ihn die Gräfin schnell. "Und im übrigen: wer seid Ihr und woher kommt Ihr?"
Der raschen Frage folgte die ruhige und feste Antwort: "Ich komme aus Berlin, und ich bin ein Freund Friedrich Böttichers."
"Ah ", entgegnete Aurora mit einem Lächeln, das den Preußen vom Wirbel bis zur Zehe in Verachtung hüllen sollte, "ah nun, ich begreife."
"Wolle die hohe Frau geruhen, mich zu Ende zu hören", fuhr der Fremde fort.
Er hob mit ungemindertem Stolz und mit kühler Miene das braungelockte Haupt, und sein Blick ruhte inzwischen mit stets gleicher Klarheit auf dem Antlitz der Gräfin: "Ich fühle und verstehe, Erlauchteste, vollkommen den Sinn Eurer Worte. Ihr haltet mich für einen Abgesandten. Ein solcher bin ich allerdings, doch anders, als Ihr denkt. Wollt Ihr meine Beglaubigung prüfen?"
Er hielt der Gräfin ein Papier entgegen, dessen Unterschrift sie mit raschem Blick überflog. "Wie!?" rief sie. "Euch sendet Laskaris? Ihr kommt von ihm? Wo saht ihr ihn? Was vertraute er Euch? Was kümmert ihn die Sache dieses Bötticher?!"
"Sehr viel, gnädige Frau", entgegnete der Fremde. "Ihr sowohl wie Seine Majestät und Fürst Fürstenberg sind im Irrtum, wenn sie meinen, Bötticher habe den Stein der Weisen gefunden.
Der leichtfertige Jüngling betrog sich selbst und in seinem Wahn, man muss es sagen, auch den Meister. Laskaris ist es gewesen, der ihm, nicht einmal direkt, das kostbare Pulver mitgeteilt hat, durch dessen Wirkung Bötticher schon in Berlin, dann in Wittenberg und endlich hier den Prozess der Verwandlung durchgeführt hat. Er selbst vermag das Elixier nicht zu bereiten, von dem er heute kaum noch ein Stäubchen besitzt, und er wird es auch niemals können. Ihr wisst so gut wie ich, gnädige Gräfin, welches Los den Betrüger erwartet. Ihn, den er durch eine gewisse Mitschuld dem Untergang entgegentaumeln sieht, ihn zu retten, kam Laskaris noch einmal unerkannt zu uns. Er suchte einen Mann, der Selbstverleugnung genug besäße, diesen Gang für einen leichtsinnigen jungen Mann, der aber sonst nichts Böses getan hat und um den es schade wäre, zu tun."
Während der Fremde so sprach, hatte sich die Gräfin aufgerichtet. Dann erhob sie sich, verließ das Gemach, kehrte aber bald wieder zurück und nahm ihre vorige reizvolle Lage wieder ein. Hierauf begann sie:
"Und Ihr also wart es, der sich zur Ausführung dieses Auftrages erbot. Habt Ihr auch bedacht, was Ihr wagt und wie man mit Euch verfahren wird, wenn dieser Plan sich entdeckt."
"Erlauchte Frau," entgegnete der Fremde, "wer allzu viel bedenkt, wird nie zum Ziele gelangen. Durch mich wünscht Laskaris dem allerdurchlauchtigsten Kurfürsten "
"Von wem sprecht Ihr?" unterbrach die Gräfin mit strengem Blick und hob drohend den Finger.
"Ich bitte sehr um Vergebung," sagte der Fremde, der das leise Zucken eines Lächelns nicht ganz zu unterdrücken vermochte, "ich bitte um Vergebung, ich spreche von Seiner Majestät dem König." "Laskaris bietet durch Schrift und Bürgschaft Seiner Majestät dem König achtmalhunderttausend Dukaten gemünzten Goldes, wenn Seine Majestät geneigt wäre, den vorwitzigen Jüngling zu entlassen."
Er hatte nicht nötig, die Wirkung seiner Worte durch weitere Mittel der Überredung zu unterstützen. Wie die goldene Wolke einst den Herrn der Götter herabtrug in den Schoß Danaes und Schloss und Riegel weiblicher Tugend siegreich sprengte, so wich auch hier jegliches Bedenken der alles überwindenden Überredung des Goldes. Aurora von Königsmarck sprang vom Diwan auf und vergaß ganz die Erhabenheit der Bewegungen, die sie sich schuldete. In größter Erregung trat sie dicht zu dem Fremden und fasste mit derbem Griff nach seiner Hand: "Wie habt ihr gesagt?" rief sie, und der warme Hauch ihres Mundes traf sein Gesicht. "Um des Himmels willen, tut dem König nicht einen solchen Vorschlag! Nichts würde ihn mehr und unerbittlicher bestimmen, auf seinen Willen zu beharren, als das Bekenntnis, dass Bötticher achthunderttausend Dukaten wert ist! Wisset Ihr schon, dass August den jungen Mann inzwischen in den Adelsstand erhoben hat und dass soeben das Patent ausgefertigt wird?"
Der Fremde zuckte verächtlich die Schulter. "Es ist immer nur der Unterschied von Gold und Eisen," sagte er, "man hängt mit einem Adelsprädikat nicht bequemer am Galgen als mit einem bürgerlichen Namen. Indessen, hohe Frau, bedenkt es wohl: das Geld liegt bereit. Eine Bank in Amsterdam ist zur Auszahlung angewiesen. Wer es auch sein mag, der den Kerker des Unbesonnenen aufschließt und ihn in Freiheit setzt diesem, nur diesem selbstverständlich kommt der Lohn zu."
Die Gräfin, in deren beweglichem Gesicht sich schon ein Entschluss malte, raffte sich nochmals zur Hoheit auf und trat einen sachten Schritt zurück: "Nochmals, mein Herr: wer seid Ihr und wie heißt Ihr?"
"Pasch," sagte der Fremde sehr ruhig, "mein Name ist Doktor Pasch." "Pasch," wiederholte Aurora sinnend, "wo hörte ich schon diesen Namen? Ah ich erinnere mich. Seid Ihr ein Verwandter des Bürgermeisters zu Wittenberg, in dessen Hause dieser Bötticher sich aufhielt?"
"Ich bin seines Bruders Sohn," erwiderte Doktor Pasch, "doch ist mir von einem Aufenthalt Böttichers im Hause meines Oheims nichts bekannt."
"So kennt Ihr auch den Geheimschreiber des Fürsten von Fürstenberg?" fuhr die Dame fort, und Pasch bemerkte nicht ohne peinlichen Schrecken, wie ihre glühende Erregung einem immer kühleren Nachdenken Platz zu machen schien.
"Wen meint Ihr?" frug Pasch vorsichtig.
"Ich spreche von Hans Gelneck. Er ist ein Vetter oder Schwestersohn dieses Bürgermeisters Pasch. Wenn Ihr, mein Herr, mit diesem über die Sache schon gesprochen habt, so sagt es frei heraus. Ich muss das wissen, ehe ich in irgendeinem Sinne handle und handeln darf."
"Nein", sagte Pasch mit überzeugender Aufrichtigkeit in Stimme und Blick. "ich kenne den Herrn Gelneck nicht von Angesicht, sonst würde ich mich selbstverständlich zunächst durch ihn an Euch, Frau Gräfin, gewendet haben."
Die Gräfin lächelte: "Vielleicht war der Weg besser, den Ihr gegangen seid. Ich warne Euch sehr," fügte sie hinzu, "mit diesem Gelneck eine Verbindung anzuknüpfen. Diesen Geheimschreiber diesen recht ehrgeizigen jungen Mann plagt die Sehnsucht nach der Laufbahn des großen Herrn. Er ist bereit, jedermanns Rücken zur Stufe seines Aufstiegs zu machen. Es dürfte ihm auch wenig verschlagen, wenn dieser Rücken einem toten Mann angehört. Ihr seht, es ist ein einigermaßen trügerischer Boden, auf dem Ihr wandelt. Ich möchte Euch empfehlen, hier in Dresden niemand zu trauen. Ich meinerseits will Euch raten ich werde versuchen, Euch zu helfen. Geht jetzt, ich habe vielerlei zu bedenken." Die Gräfin entließ ihn mit einer Handbewegung, hielt ihn aber nochmals auf: "Wünscht Ihr Euren Freund zu sehen? Der Offizier, der die Wache kommandiert und der auch Böttichers Dienerschaft unterstellt ist, gehört zum Kreis meiner Freunde, und ich bin seiner Ergebenheit gewiss. Nehmt diesen Ring" sie zog einen einfachen Reif, auf dem ein eirunder Saphir saß, vom Finger "lasst Euch melden und sagt, Ihr wünschet den Adepten zu sprechen. Macht es klug und bringt den Ring zurück, wenn Ihr morgen, sagen wir um diese selbe Stunde, wieder bei mir seid." Die Gräfin neigte das Haupt, und Doktor Pasch war entlassen.
Nach Handkuss und tiefer Verbeugung verließ der Doktor das Palais der Gräfin in zuversichtlichster Stimmung.
Allein an diesem Hofe zu Dresden hegte ein jeder seine besonderen Geheimnisse.
In der Nacht, die dieser Unterredung folgte, schlich sich Gelneck leise aus der Stube der Kammerzofe, und Fides hielt ihn noch an der Türe in zärtlicher Umarmung fest.
"Ich habe dir sehr Großes und Wichtiges anvertraut", flüsterte sie. "Wenn dir deine Absicht gelingt, ist unser Glück gemacht."
"Ich weiß, dass ich es dir verdanke," entgegnete er mit einem Kuss, "sei weiterhin wachsam, geliebtes Mädchen, berichte mir alles, was du ferner von diesem hochverräterischen Plan erforschen kannst. Du sagst die Wahrheit. Unser Glück hängt davon ab. Du siehst es ja auch, deine Gebieterin vermag sich nicht mehr lange auf der Höhe zu behaupten, auf die sie die Leidenschaft des Königs gehoben hat. In wenigen Monaten, denk ich, ist es vorbei mit der Mätresse, und August der Unersättliche wird dem Hause Fürstenberg die Ehre erweisen. Wir müssen uns unabhängig machen, denn mit dem Glückswechsel geht es hier in Dresden allzu rasch." Damit küsste er die Zofe von neuem mit leidenschaftlichem Feuer und löschte so alle Bedenken, die in dem Mädchen vielleicht noch aufsteigen konnten.
Fides schaute dem Geheimschreiber nach, wie er durch die mondscheinerhellte Gasse lief, und schloss dann Fenster und Türe. Sie hielt jetzt die Türklinke in der Hand, auf deren Druck der kurze Gang sich öffnete, der sie in das Boudoir ihrer Herrin führen würde.
Ihre stürmischen Gedanken wurden laut und sie flüsterte: "Was würde sie mir dafür bieten? Geld, nichts als Geld und immer wieder Geld. Was ist mir an dem schmutzigen Glanz dieser Residenz gelegen? Er gibt mir seine Liebe, er wird mich heimführen ins Elternhaus droben
an der Elbe, und das Geld, das ich ihm verschaffen werde, wird genügen zu einer fröhlichen Zukunft auf eigener, reicher Scholle zwischen unschuldigen Blumen und Tieren."
Sie zog die Hand von der Türklinke zurück und entkleidete sich unter träumerischem Lächeln.
So sind die Frauenzimmer! - dachte Gelneck, als er fröstelnd unter seinem enggeschlungenen Mantel nach Hause schritt. Die dumme Gans hält ihr Glück in beiden Händen und wirft es für ein paar Küsse und einige hölzerne Redensarten weg, dass man sich des mühelosen Sieges wegen fast schämen möchte.
Und als Hans Gelneck seinerseits Haus und Bett erreicht hatte, warf er sich gähnend in die Kissen, und sein letztes Wort vor dem Einschlafen war: "Nein, solch ein Schaf!"
*
Schon dehnten sich die Schatten des Abends. In der Tiefe der Bergschlucht rauschte das Waldwasser mit starkem Brausen und aus der Ferne zogen die Krähen ihrem Nest im Tannendickicht zu. Nur auf den höchsten Punkten des Gebirges verweilte noch ein Strahl der letzten Sonne, bis auch er sich verlor und die weichen Ketten der Abendwolken, purpurgesäumt, den goldfarbenen Westhimmel emporschifften.
Mit einem sanft sich einschmiegenden Sattel streckte sich der Kamm des Gebirges. Inmitten dieser Senkung erhob sich ein starker Wehrturm mit dürftig ringsum ungesetztem Wohnbau. Schon seit Jahrzehnten diente dieses Gemäuer dem "Schwarzen Ignaz" zum sicheren Aufenthalt.
Wer von außen sich dem Tore näherte, den empfing zunächst raues Hundegeheul, denn Markus, der grobzottige Wolfshund lag tagaus, tagein auf dem bemoosten Torstein und äugte scharf und immer wachsam den Pfad hinab, der aus dem Steiltale zu der Burg heraufführte. Es war nicht zu raten, das eisenbeschlagene Tor zu betreten, bevor nicht der Pfiff des "Schwarzen Ignaz" den gewaltigen Markus in die Torstube zurückgerufen hatte. War der Weg frei, so betrat der Besucher einen mäßig großen, kiesbestreuten Hof, um den sich von drei Seiten die noch immer mächtige Mauer zog, während links beim Ziehbrunnen ein dichtes Gebüsch den jähen Absturz verhüllte, mit dem die schroffen Felsen viele Klafter tief unten im Waldboden ankerten. Weder Auf- noch Abstieg war von dieser Seite her selbst dem kühnsten Kletterer möglich.
Efeu und wilder Wein rankten an dem Strauchwerk empor, Gesträuch umklammerte die uralten Eichen, die sich um den Burghof drängten; hier und da nickten aus den breiten Rissen des Gemäuers kräftige Birken hervor, und ganze Gehänge von gelbem Ginster überbuschten die geborstenen Wände. Tiefbraunes Gestein, von Moos und Flechten behangen, ließ oft schwer erraten, ob der natürliche Fels oder gemauerte Bastionen zutage traten.
An die Mauer schloss sich eine zweistöckige, bedeckte Galerie, die mit dem Turm in Verbindung stand. Stieg man über eine hölzerne, offene Treppe, die sich an die Mauer lehnte, hinauf zum zweiten Stock dieser Galerie, die loggienartig offen gebaut war, so fand man an den Wänden schlechtgemalte Ahnenbilder längst ausgestorbener Geschlechter. Der alte Ignaz hatte sie einst vor Zerstörung gerettet, aus einer Art von Aberglauben, damit die Geister der Abgeschiedenen freundlich zu bannen. Die Türe, die aus der Galerie in den Turm hineinführte, war gleichfalls wehrhaft und nur mit riesigen Schlüsseln zu öffnen. Der Turm enthielt in dieser Höhe nichts als eine breite Wendeltreppe, die nach abwärts ins Erdgeschoss zurückführte, wo eine Anzahl hochgewölbter Zimmer den Grundriss des Turmes einnahm. Es war darunter eine Küche, die mit dem seltsamsten Alchimistengerät bis hinauf zu den Rändern des weitgebauten Kamins und bis zu allen Gesimsen der gewölbetragenden Pfeiler angefüllt war. Mehr als die halbe Höhe der Fenster war mit Mauerwerk verschlossen, so dass kein spähender Blick von außen ins Innere dieses Heiligtums dringen konnte.
In dieser Abendstunde glühte kein Kohlenfeuer auf dem riesigen Herd. Schmelztiegel und Glaskolben lagen müßig unter einer wochenlang angehäuften dünnen Staubschicht. Auf einem Schemel vor dem Blasebalg saß der "Schwarze Ignaz" und sprach mit einem anderen Manne in städtischer Tracht, der ausgestreckt auf einer hölzernen Bank lag und versonnen dem leisen Schwanken des Haifisches zusah, der oben vom Deckengewölbe herabhing. Man hätte denken mögen, das dämmerige Bild der mittelalterlichen Alchimistenküche mit der Staffage dieser beiden Männer sei für die Ewigkeit erstarrt und nichts als ein plastisches Bild romantischer Phantasie.
Unbeweglich, wie ein graues Steinbild, saß der Alte. Das Lächeln in den Zügen des Hingelagerten war leblos stehen geblieben, wie es zu geschehen pflegt, wenn ein Gedanke oder ein Gefühl, flüchtig aus dem Herzen aufgestiegen, über anderen, schwereren Überlegungen vergessen wird.
Endlich knarrte des "Schwarzen Ignaz" Stimme von dem Schemel herüber: "Haltet Ihrs für gewiss, Herr, dass Euer Freund entkam?"
Der Liegende erschrak, als habe er vergessen, dass jemand neben ihm war, der das Vermögen der Sprache besaß. Mit sichtlichem Zwang sammelte er die zerstreuten Sinne und entgegnete:
"Guter Ignaz, der ist nicht mein Freund, den ich erwarte." "Nicht Euer Freund?" erwiderte der Alte gedehnt und strich sich den grauen struppigen Bart. "Mit Verlaub, weshalb bringt Ihr ihn dann hierher?"
Ein Seufzer antwortete ihm. Mit einem Ruck erhob sich der andere und sagte halb für sich im Tone nachdenklichen Ernstes:
"Was ist denn mit meinen Freunden? Wer sind meine Freunde? Die ich kenne, sind es und sind es nicht. Wenn mir die Pflanze ihre verborgenen Kräfte weist, wenn der Stein sein Geheimnis öffnet, bin ich den Gefährten der Herr und Meister. Mit mehr Demut, als mir lieb ist, erkennen sie es an. Weiß einer von ihnen, welches Schicksal der Himmel auf meine Schultern gelegt hat? Sie lassen sich am Wunder genügen. Sie tragen es mit Rühmen und mit heimlichen Wünschen im Herzen auf den Markt hinaus und drängen sich zu den Stufen der Throne. Glücklich noch, wenn sie bleiben wie Kinder. Begierig strecken sie ihre Hände nach dem Füllhorn des unbeständigen Glückes aus; Fürstengnade scheint ihnen mehr als die Würde des inneren Lebens. Am Ende vergeuden sie als Mittel, was der Zweck sein sollte, wie ich sie immer gelehrt habe. Muss ich nicht, wenn ihr törichter Ehrgeiz sie in Gefahren stürzt, ihnen immer wieder die rettende Hand reichen? Muss ich nicht immer wieder die Bande lösen, die ihre eigene Eitelkeit herbeiwünscht und aussucht, bis die Ehrenketten sich in Halseisen verwandeln und sie zu ersticken drohen? In hundert Gestalten und im Notfall selbst als Fledermaus muss ich zu ihrer Rettung herbeifliegen! Muss ich nicht, selbst ihrem Undank und ihrer unverbesserlichen Irrtümer zum Trotz - -"
Die Worte des Sprechers unterbrach das wütende Gebell des Wolfshundes. Beide Männer standen auf und horchten.
"Ich denke, dein Wächter meldet sie an", sprach der Fremde, und der "Schwarze Ignaz" stieg zu einer Fensterluke auf kurzer Standleiter empor. Noch immer heulte draußen Markus und versuchte sich von seiner Kette loszureißen. Der "Schwarze Ignaz" öffnete das Fenster und tat einen Pfiff. Der Hund verstummte.
Jetzt eilte der Kastellan hinaus und nahm Markus ins Torhaus. Im selben Augenblick erschienen die Wanderer unter dem Hoftor, und hinter ihnen schloss Ignaz die gewaltig schwankenden Flügel und legte den Riegel vor. Als Ignaz mit den Angekommenen über den Hof schritt, erschien am Oberlichtfenster des Turmgemaches das Gesicht des Fremden, und eine wohlbekannte Stimme rief zu den Nahenden hinüber:
"So seid Ihr also für diesmal noch entronnen? Don Caétano?"
"Mit der Madonna und Eurer Hilfe, Herr!" rief Don Caétano dagegen und blieb tiefaufatmend
stehen, denn der Pfad zum Burgberg war steil und mühsam.
"Aber die Geschichte lief nicht ohne Mühe und Kampf ab, und ich entkam nicht ohne das übliche Musketengebell. Ich höre noch das Blei, das mir um die Ohren sauste! Doch solch wackere Burschen, wie Ihr sie mir gesandt habt, teurer Meister, vermögen viel, und mit ihrem Beistand bin ich hier."
Ignaz öffnete die äußere Turmpforte, und Caétano trat mit seinem Begleiter ein. Ein kräftiges Händeschütteln der Männer beschloss die Begrüßung, und noch einmal rief Don Caétano: "Großer Meister, edler Freund Laskaris, das werde ich Euch gedenken!"
Laskaris wies mit lächelnder Gebärde auf den "Schwarzen Ignaz" und indem er vertraulich die Schulter des alten Mannes berührte, sagte er:
"Danket ihm, er hat das größere Verdienst. Doch tretet nun näher, Ihr werdet der Labung bedürfen und müde sein. Es ist lange her, seit ich Euch zuletzt gesehen habe, und Ihr werdet wohl auch viel zu erzählen wissen."
Er wollte voranschreiten, Don Caétano aber hielt ihn am Ärmel zurück und flüsterte ihm zu: "Ein Wort, Laskaris! Dem Wirte hier ist doch zu trauen? Oder wie? Kennt Ihr ihn genau?"
Der Grieche wandte sich halb und entgegnete mit leisem Spott: "Wie mich selber, Don Caétano. Kommt nur."
Don Caétano ließ zögernd die Hand von dem silbernen Griff eines spanischen Dolches, der in seinem Wamse stak. Immer noch misstrauisch, sah er, wie der "Schwarze Ignaz" die Turmpforte wieder verschloss.
In einem Zimmer neben dem Laboratorium stand auf schwärzlichem Eichentisch das Mahl schon bereitet. Zinnerne Krüge, mit Ungarnwein gefüllt, entsandten einen starken Duft und als Ignaz den Deckel der irdenen Schüssel hob, stieß der Dampf von einer saftigen Hirschkeule empor. Weißes und schwarzes Brot lag verteilt. Im übrigen bot das dürftige Tafelzeug keine besonderen Reize für Augen und Gaumen. Messer und Gabeln waren von Eisen und von langem Gebrauch abgenutzt, die wenigen Löffel waren von Blech und die irdenen Teller vielfach beschädigt und gebrochen. Man legt hier auf den Schein der Welt offenbar geflissentlich keinen Wert. Dessen ungeachtet ließen sich die Gäste zu behaglicher Mahlzeit am Tische nieder. Bald danach zog sich Ignaz mit dem Begleiter Don Caétanos aus dem Speisezimmer zurück, und Meister und Schüler blieben allein.
Eine Weile schwiegen beide, und oft hob Don Caétano den Zinnbecher mit dem hitzigen Ungarnwein und schob ihn schweigend wieder auf die Tischplatte zurück. Endlich ward ihm die Stille drückend, und da ihm auch der Wein schon die Schläfen erhitzte, lehnte er sich nun mit Behagen in seinen Sessel zurück und begann mit etwas gewaltsamer Selbstgefälligkeit von seinen Abenteuern zu erzählen:
"Wer hätte denken mögen, dass solche Ehren und Auszeichnungen meiner warteten, als ich Euch vor acht Jahren zu Neapel verließ, teurer Laskaris. Durch Italien und Frankreich bin ich gezogen, über die Pyrenäen führten mich nicht immer ungefährliche Wege hinab in das immer noch bewunderungswürdige Spanien, in dem einst der wissende Orient in Europa auf Vorposten stand. Wir wissen, über welche Schätze an Gold und Wissen die Mauren geboten, und uns ist überliefert, welche großen Meister in den unterirdischen Schulen das Geheimnis des Magisteriums erforschten und lehrten. Diese Schulen sind nicht alle untergegangen. Ich versichere Euch, Laskaris, in Spanien ist die Adeptschaft nie verlorengegangen. Auch mir gelang es, dort das Geheimnis unserer Kunst wiederzufinden und den Gang des Prozesses zu entschleiern. Ich" die Stimme Don Caétanos klang für einen Augenblick belegt, und mit einem gewissen Anlauf überwand er sein Zögern -, "ich verwandelte zu Madrid vor den Augen der Majestäten und ihrer Granden sowohl Silber als auch Zinn in schweres Gold."
"Ach, was Ihr nicht sagt!" unterbrach Laskaris die prahlerische Rede. "Tatet Ihr das wirklich?"
Vor dem durchdringenden Blick des Griechen vermochten die unruhig schweifenden Augen des Süditalieners nicht standzuhalten. Er tat einen kräftigen Schluck aus seinem Becher und stieß diesen heftig auf den Tisch zurück:
"Laskaris, wollt Ihr mich Lügen strafen? Ich sag Euch Hunderte sind meine Zeugen. Kurfürst Max Emanuel berief mich nach Brüssel, weil der Ruhm meines Wissens alsbald bis zu ihm drang. Ich verließ Spanien und ward zu Brüssel empfangen wie ein Fürst."
"Er machte Euch", unterbrach Laskaris den neuen Redeschwung sehr trocken, "unverzüglich zum Kommandeur eines Regimentes, zum Gouverneur seiner Hauptstadt; ja, er ernannte Euch sogar zum Feldmarschall. Aber, ich denke, es bekam Euch schlecht. Man muss gestehen, Ihr seid ein recht wunderlicher Heiliger! Als Ihr in der apulischen Campagna statt des Marschallstabes noch den Hirtenstecken führtet "
Der Italiener unterbrach in nachlässiger Haltung und mit einer großartigen Gebärde seinen Meister; er tat, als verstehe er den Hohn nicht, und mit einer Miene voll Gleichgültigkeit und gefühllosen Hochmuts fuhr er dazwischen: "Nicht jedem ist es verliehen, sich vorsichtig in der Mitte der Bahn zu halten. Mein Gestirn geht aufwärts, und wer dürfte sich anmaßen vorherzusagen, wie hoc am Himmel es noch steigen wird!"
"Freilich, freilich!" spottete der Grieche halblaut. "Als die Tinktur erschöpft war, die ich Euch mit auf den Weg gab, da saßet Ihr ein wenig auf dem trockenen. Der Kurfürst, soviel ich gehört habe, geriet in nicht geringe Wut; denn es war nun an ihm, Saatgut auf Saatgut herauszurücken, wo er nur Ernte um Ernte einzuheimsen gedacht hatte! Ich meine, Don Caétano, Ihr wäret wohl in Kürze auf der höchsten Höhe Eurer Laufbahn angekommen, wenn meine Boten Euch nicht noch zur rechten Zeit aus der Schlinge gehoben hätten, die bestimmt war, Euer Sternbild und Euch am Himmel zu vermählen! Bedenkt doch immer, es bleibt ein gefährliches Spiel, das Spiel mit dem eisernen Meilenzeiger!"
Mit kaum verhaltenem Grimm und indem er sich bemühte, den Ausdruck seiner Züge, den Klang seiner Stimme zu mäßigen, hob Don Caétano nach erneutem Trunk wieder an: "Ihr müsst ja nicht glauben, dass ich vergessen hätte, was ich Euch zu verdanken habe, Laskaris und eben jetzt vielleicht bedarf ich Eurer aufs dringendste. Denn Kaiser Leopold hat mich unlängst nach Wien eingeladen, und ich hoffe, lieber Laskaris, Ihr werdet mich nicht umsonst bitten lassen."
Der Italiener legte mit plumper Vertraulichkeit seine Hand auf die des Griechen und schaute ihm mit halbtrunkenen Blicken ebenso frech wie mit einem Ausdruck hündischen Bettelns ins Gesicht.
Laskaris stand von der Tafel auf und sagte kalt und streng: "Ich verstehe Euch nicht. Ich habe Euren Wunsch dahin verstanden, dass Ihr einige Tage an diesem stillen Zufluchtsorte Euch von den Folgen Eurer Dummdreistigkeit erholen wollt. Dieser Wunsch ist Euch erfüllt, und es wird mir ein Vergnügen gewähren, zwischen Euch und dem andern, den ich erwarte, alle Abstufungen einer überreizten Einbildungskraft spielen zu sehen."
"Von was für einem andern sprecht Ihr?" rief Don Caétano betroffen.
"Ich spreche von Herrn von Bötticher aus Dresden", erwiderte Laskaris, in dessen Stirn unwillkürlich eine leise Röte stieg. "Auch er ist in dem Wahn befangen, zu dem heiligen Werk berufen zu sein, weil ihm der Auftrag wurde, die ungläubige Trägheit der Menschen aufzurütteln. Ihn jedenfalls entschuldigt das Feuer seiner unbesonnenen Jugend."
Der Italiener fuhr mit der Hand nach seinem Dolch, indessen seine Augen Neid, Hass und Furcht zugleich sprühten. "Lasst stecken", sagte Laskaris verächtlich. "Und im übrigen höret mein letztes Wort: Ihr waret vielleicht ein guter Ziegenhirt, Ihr seid mutmaßlich auch ein tüchtiger Bandit, besonders wenn Ihr den Rücken desjenigen sehet, auf den Ihrs abgesehen habt; aber gewiss seid Ihr ein jämmerlicher Alchimist und ein Verräter des Werks, Don Dominico Manuel Caétano, Conte de Ruggiero!"
Der Grieche lachte beleidigend, und dieses Lachen versetzte Don Caétano in fast wahnsinnige Wut. Er knirschte mit den Zähnen und warf einen Blick auf den Spötter, der jeden andern aufs tiefste erschreckt haben müsste; Laskaris jedoch schaute dem Italiener mit sanftem Hochmut in die Augen und fuhr fort:
"Eure Art zu empfinden und Euch zu äußern ist durchaus würdig jener gefährlichen Umgebung und gewagter Verhältnisse, in denen Ihr Euch wohlbefindet. Legt diese abenteuerhafte Wildheit ab und gestattet, dass ich Euch einen Rat gebe, sonst werdet Ihr es niemals zu etwas bringen: Seht Euch immer den Mann an, mit dem Ihr zu tun habt, und richtet danach Euer Betragen! Das ist das mindeste, was selbst Euch die Klugheit gebietet. Doch es ist spät, und unser Schlafgemach hat der ,Schwarze Ignaz längst bereit. Kommt also, Don Caétano, solange Ihr hier verweilt, müsst Ihr den Schlafraum mit mir teilen. Im Turm ist kein anderes Zimmer zur Verfügung."
Wieder schaute Laskaris dem gefährlichen Schlafkameraden mit unverhülltem Spott ins Gesicht. Dann ergriff er eine der Kerzen, die auf dem Tische brannten, und leuchtete seinem Gast die enge Treppe hinan.
Das Zimmer, das sie betraten, war achteckig und schien die ganze Weite des Turmes einzunehmen. Tief in der Mauer lag das Fenster, zu beiden Seiten ragte je eines der mächtigen Betten empor, deren Gestell aus Eichenholz gefertigt war und die wegen der schweren Vorhänge, die sich von oben her darüber wölbten, jedes gleichsam ein Zimmer für sich bildeten. In der Mitte des Raumes schwebte von der Decke herab eine silberne Ampel, von einem Haken getragen, deren Licht indessen nur eine dämmrige Helle verbreitete.
Don Caétano warf unruhige und spähende Blicke umher, als sie schweigend ihre Mäntel abzulegen begannen. Endlich sagte er unruhig: "Herr, ich möchte lieber im Burghof oder, noch besser, im freien Walde übernachten, als an einem Ort, dessen Ausgänge ich nicht kenne! Wenn es Euch also gefällig wäre "
"Oh," entgegnete der Grieche mit sorglosem Lächeln, "unsere ganze Erde ist solch ein Ort, dessen Ausgänge wir nicht kennen, und man schläft doch ganz behaglich darauf! Wenn es Euch aber zu beruhigen vermag, so soll Euch zur Mitteilung dienen, dass für Abenteurer, die Bedenkliches im Schilde führen, dieses Fenster hier einen ganz bequemen Weg zum Entschlüpfen bietet. Es ist nur leicht verschlossen, und zur Not kann man von da aus in den Burghof hinabspringen, wo dann freilich die Mauer und das verschlossene Tor dem weiteren Entkommen einigermaßen hinderlich sind."
"Die Mauer " Don Caétano dehnte das Wort mit nachdenklicher Überlegung. "Wenn ich nicht irre, so sah ich im Zwielicht des Abends, als ich in den Hof eintrat, nur drei Seiten von der Ringmauer umgeben. Wo aber der Ziehbrunnen steht und das Gebüsch die Aussicht versperrt da scheint die Mauer wohl abgetragen oder so tief zerstört, dass sie hinter dem Gebüsch verschwindet."
"Allerdings scheint es so", entgegnete Laskaris trocken; dann nahm er wie von ungefähr eine kleine gebauchte Flasche, die mit einer seltsam leuchtenden Masse gefüllt schien, aus seiner Brusttasche und legte sie zu oberst auf die Kleidungsstücke, mit denen er inzwischen den Sessel an seinem Bett beim Entkleiden bedeckt hatte. Auch Don Caétano hatte begonnen, sich langsam seiner Kleider zu entledigen. Er pfiff dazu leise vor sich hin und tat so, als beachte er seinen Stubengenossen nicht weiter. Jedoch war ihm keine der Bewegungen des Griechen entgangen, und er sah mit einem wahren Tigerblick blitzschnell auf jenes geheimnisvolle Glasgefäß hin, dessen Form und dessen Inhalt ihm nur zu wohlbekannt waren. Diese Phiole zu besitzen, war der Inbegriff seiner gierigsten Wünsche, und kein Frevel konnte ihn abschrecken, in dessen Besitz zu gelangen, wenn sich dazu die Möglichkeit bot.
Don Caétano saß jetzt auf dem Rand seines Himmelbettes; die schweren Seidenvorhänge warfen einen tiefen Schatten auf seine Gestalt; mit einer fast lächerlichen Unbegabtheit in der
Verstellung nahm er den Ton öliger Treuherzigkeit an und sagte:
"Und wenn es nun nötig würde denn wer mag voraus zu wissen, wie seltsam die Ereignisse im Leben zu spielen vermögen -, wenn es nun vielleicht nötig würde, dass einer von uns Abenteurern eben durch jenes Fenster unerwartet rasch seinen Ausgang nehmen müsste wäre es nicht immerhin ein recht gewagter Sprung? Denn mich dünkt ich glaube mich zu erinnern, dass der Hof mit scharfen Kieselsteinen gepflastert ist."
"Zum Teufel, Herr!" rief jetzt Laskaris ungeduldig, indem er sich mit einem ordentlichen Krach in sein Bett warf. "Seht Ihr denn nicht die schweren gedrehten Schnüre an den Vorhängen Eures Bettes? Nun also!"
Schon begann offenbar die Müdigkeit den Griechen zu überwältigen; denn mit zögerndem Gähnen, eine raschen Schlaf nur noch mühsam bekämpfend, fuhr er stockend fort: "Die Schnüre sind stark genug, drei solcher Hasen zu tragen wie Ihr einer seid. - - Und nun schlaft wohl und stört mich nicht länger."
Hörbar warf sich Laskaris in den Kissen auf die Seite, und Stimme wie Gestalt verschwanden in der Hülle der weichen Federbetten.
Das olivenfarbige Gesicht des Italieners starrte noch scharf gespannt aus seinen Bettgardinen hervor. Es erschien mit dem Ausdruck bohrenden Nachdenkens wie zu Stein erstarrt. Endlich löschte auch er seine Kerze und streckte sich lautlos auf seinem Lager.
Reichlich eine Stunde oder mehr mochte verflossen sein, als es sich im Bett des Italieners regte. Der Abenteurer stützte sich vorsichtig auf und flüsterte: "Vernahmt Ihr nichts, Herr?"
Nichts antwortete als das Rauschen des Nachtwindes draußen. In der Stille waren deutlich die ruhigen Atemzüge aus dem anderen Bett herüber zu vernehmen.
"Schlaft Ihr, Herr?" fragte etwas lauter der Italiener; und zum dritten Male, vorsichtig, aber mit verschärftem Tonfall: "Vernahmt Ihr nicht auch, Laskaris "
Jedoch der Grieche warf sich mit schlaftrunkenem Murmeln auf die andere Seite, und sehr bald kehrte das ruhige Atmen des tief und traumlos Schlafenden zurück.
Lautlos schlüpfte jetzt Don Caétano aus den Vorhangfalten seines Bettes, huschte zum Fenster hinüber, öffnete es mit geübter Geräuschlosigkeit und schaute vorgebeugt zu dem dunklen Hof hinab. Es war eine finstere Nacht, und schon auf kurze Entfernung war die Dunkelheit undurchdringlich. Tiefe Stille umfing Turm und Gemäuer. Es schien sich in der Tat alles so zu verhalten, wie Laskaris gesagt hatte. Caétano lehnte den Fensterflügel leise wieder an, ohne ihn zu schließen, löste schnell und mit geschickter Hand die starke Schnur, von der die Vorhänge seines Lagers zusammengehalten wurden, eilte zum Fenster zurück und schlang das eine Ende des seidenen Stricks um das Fensterkreuz, dessen Stärke er zuvor sehr genau erprobte.
Hierauf schlich er leise und gewandt wie ein Raubtier zu dem Bett seines Stubengenossen, maß die Lage des Schlummernden mit geübten Augen, löschte die Lampe, die von der Decke herabschwankte, mit sicher gezieltem starken Pusten und führte dann sofort mit Blitzesschnelle einen zwei drei Stöße unter dem gelüpften Vorhang durch nach der Brust des Schlafenden. Caétano war gewiss, dass seine Klinge niemals fehlte!
Alsbald auch zog ein leises Stöhnen durch das Gemach darauf folgte Todesstille.
"M a l e d e t t o !" rief der Italiener in halblautem Triumph. "Der Bandit wäre gerächt!"
Er prüfte den Dolch in seiner Hand. Er war feucht und klebrig von Blut. Mehr festzustellen war in der tiefen Finsternis nicht möglich und auch unnötig. Übung und ausgezeichneter Ortssinn ließen den Italiener kaum sekundenlang umhertasten, bis seine Hand die Phiole berührte, die er inbrünstig an sein Herz und an seine Lippen presste. Er steckte den Dolch in die Scheide, ergriff Mantel und Hut und schwang sich zum Fenster hinaus. Mit Hilfe des Seiles erreichte er geräuschlos den Hof. Kaum aber berührten sine Füße den Boden, als auch schon Markus ein wütend heulendes Gebell erhob, und eben noch gelang es dem Fliehenden,
quer über den Hof zu eilen, sich hinter den Ziehbrunnen zu ducken und mit einem kräftigen Sprung sich in das Gebüsch zu stürzen, als auch schon Fackelglanz aus den unteren Toröffnungen hervorleuchtete und der "Schwarze Ignaz" mit seinem Gefährten herauseilte.
*
In derselben Nacht schritt Friedrich Johannes Bötticher, jetzt durch kurfürstlich sächsische Gnade zum Junker von Bötticher gemacht, in seinen Appartements zu Dresden geängstigt auf und ab.
Wie sehr hatte sich der junge Mann verändert, nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem Innern! Tiefe Blässe deckte die jugendlichen Wangen, die von jenem bitteren Zug durchfurcht waren, den frühe Enttäuschung und unbarmherzige Erfahrungen zu zeichnen pflegen.
Als er von Berlin entwich, sprosste ihm kaum der erste Flaum um Mund und Kinn, und seine freundlichen und immer zur Begeisterung bereiten Kinderaugen strahlten groß geöffnet in feuchtem Glanze. Nun aber loderte unter der sorgenvollen Stirn mit den eingefallenen Schläfen ein unstetes und seltsam düsteres Feuer.
Es war jetzt soweit. Er sollte fliehen. Diese Nacht war dazu bestimmt, und es ging um Tod oder Befreiung. Aber auch die wiedergewonnene Freiheit konnte ihm keine Freude mehr bringen, denn nur sein Leib würde seinen Rettern folgen an den Zufluchtsort, den ihre Sorgfalt ihm bereitet hielt. Seine Seele, seine Wünsche, sein ganzer Wille blieben gefesselt! Nicht umsonst hatte der junge Mensch von den beiden gefährlichen Taumelkelchen des Lebens gekostet:
Hier lagen sie vor ihm, seine huldvollen Schreiben des polnischen Königs, in denen ihm verheißen wurde, was ein gnädiger Fürst nur zu verleihen vermag an reichem Lohn, Titeln und schwindelhohen Ehrenstellen. Und da in seiner Brusttasche steckten die zwei rosenfarbenen Billette, die ihm noch in diesen Tagen von der erhabensten Erscheinung, die seine Jünglingsphantasie kaum zu träumen gewagt hätte, zugekommen waren. Die junge Fürstin Elisabeth hatte sie, kaum genesen, geschrieben, und dem kleinen Apothekergesellen Bötticher schien die Hand nicht mehr unerreichbar zu sein, die einer Fürstin angehörte, wenn er bedachte, das sein königlicher Herr ihn zu jeder Höhe erheben konnte und zu erheben bereit war, wenn nur er selbst ihn dafür mit dem Geheimnis des grauen Pulvers beschenken konnte!
"Was kümmert mich Kerker, was Gefahr des Lebens, wenn ich das Mittel fände, das Mittel, da mich am Ende über Gefahr und Schicksal erhöht! Gebt mir das Mittel," rief er voll Verzweiflung in sich hinein, "gebt mir das Mittel, o all ihr irdischen und himmlischen Mächte, die ihr mich hierher geführt habt, gebt mir das Wunderelixier! Und ich bin glücklich!"
Indessen eben die magischen Worte fehlten ihm, ohne deren Kraft und Wirkung schlechtes Metall nichts anderes war und werden konnte als eben eine glanzlos schlechte Masse, ohne welche auch die köstlichsten Gefühle nicht wagen durften, das Glück der Erfüllung zu greifen.
Alle Vorbereitungen zur Flucht waren aufs beste getroffen. Die Wache war gewonnen, hier im Schloss wie draußen am Stadttor. Ein schnelles Pferd, war ihm gesagt, harre seiner in der kleinen Nebengasse, die fast unter seinen Fenstern hinlief. Um Mitternacht sollte Doktor Pasch das Zeichen geben, wenn das Aufblitzen einer roten Flamme in Böttichers Zimmer ihm verkündete, dass der Gefangene allein und unbeobachtet sei. In einem kleinen Schälchen am Fenster lag das Pulver zur Entzündung bereit, das die bengalische Flamme zu liefern hatte. Dann sollte noch in der Nacht elbaufwärts der Weg nach Böhmen führen, dorthin, wo im Waldgebirge der "Schwarze Ignaz" als Hüter des festen Turmes ihrer harrte.
Beklommen drückte Friedrich die gerungenen Hände immer wieder auf die schweratmende Brust und schaute hinüber zu dem Häusergewirr, aus dem der fürstenbergische Palast sich in die Nacht emporhob.
"Elisabeth, Elisabeth, - o Elisabeth, Stern meiner Träume, Stern meines Lebens, ich soll dich verlassen! Dunklere Nacht, als die mich jetzt von dir trennt, wird mich umgeben, wo ich dich nicht finde, und kein freundlicher Strahl des Glücks wird mehr auf dem einsamen Pfade dem Heimatlosen leuchten, wenn ich dich verloren habe! Wann, ach wann wird mein Auge dich, du Göttliche, du Unerreichbare, du Liebliche, wiedersehen, und wann wird mein Fuß die Schwelle wieder berühren dürfen, an der du gestanden hast, als mein Mund den kühlen Duft deiner Hand berührte!"
So klagte, wimmerte und knirschte der junge Bötticher in sich hinein, und seine Hände gruben sich bald in die Fülle seiner braunen Locken, bald in die Stäbe des Fensterkreuzes, an dessen kalte Scheiben er seine Stirn presste und zum fürstenbergischen Palast hinüberstarrte. Jetzt endlich rasselte ein Wagen unter seinem Fenster vorbei. Bötticher deutete das auf den Beginn des Unternehmens. Schon war er im Begriff, das Leuchtpulver zu entzünden, da klirrten Schritte im Vorplatz heran, und das Ohr des erschreckten Lauschers vernahm deutlich das Aufstoßen der Musketen auf dem Estrich. Dann flog die Tür weit auf, Waffen blitzten herein, und ein Offizier betrat die Schwelle. Es war eine sehr kräftige und kriegerische Gestalt, die sich mit straffem, militärischem Gruß knapp vor dem Herrn von Bötticher verneigte. Unter dem Eisenhut hervor traf den entsetzten Jüngling ein begütigender Blick.
"Herr Johannes Friedrich von Bötticher," sagte der Offizier mit sehr höflicher Stimme., "im Namen unseres gnädigen Landesherrn ersuche ich, mir zu folgen!"
Starr sah der Gefangene nach ihm hin, und der Offizier musste zweimal seine Aufforderung wiederholen, ehe diese offenbar verstanden wurde.
"Wollt Ihr mich morden?" stieß Bötticher endlich tonlos hervor, und ein flüchtiger Schwächeanfall zwang ihn, sich an den Kamin zu lehnen. "Führt Ihr mich zum Tode?"
Der Offizier zuckte kaum merklich die Achseln. Mit unverminderter Höflichkeit antwortete er: "Mein Auftrag enthält nicht mehr, als ich mitzuteilen schon die Ehre hatte. Ich habe nur den Willen des Königs zu vollziehen. Wolle der Herr also gutwillig folgen, ich möchte nur ungern Gewalt gebrauchen."
Bötticher raffte sich auf. Der Offizier schritt ihm voran durch den Vorsaal, wo eine doppelte Reihe von Musketieren stand, die gemessenen Schrittes den Zug wieder abschloss. Am Fuße der Treppe und des Haustors hielt ein Wagen, und Bötticher war gezwungen, ihn zu besteigen. Zu ihm setzte sich der Offizier, auf dem Kutschbock und dem Rücktritt des Wagens nahmen je zwei Soldaten Platz, und so ging es in schwerfälligem Trab durch die mitternächtige Stadt zum Tor hinaus, die Landstraße entlang, elbaufwärts, desselben Weges, den Bötticher zur selben Stunde, nur in ganz anderem Geleite, nehmen sollte. In erster grauender Morgenstunde bog die Kutsche von dieser Straße ab und fuhr hinüber zur Feste Königstein.
Ein feiner Staubregen, mehr ein dicker Nebel, rieselte herab, und das Hintergässchen, das an Böttichers Wohnung vorbeistrich, lag öde und finster. Kaum mochte eine halbe Stunde nach Böttichers Abfahrt verflossen sein, als langsam und vorsichtig zwei Männer, unkenntlich in ihre Mäntel gehüllt, sich der Wohnung Böttichers näherten. Nun hielten sie lauschend an, schauten zu den dunklen Fenstern empor, und der eine sagte:
"Seid Ihr auch sicher, dass alles so vorbereitet ist, wie ich es gefordert habe?"
"Alles, Herr!" entgegnete der andere und sah misstrauisch umher. "ich wünschte, es wäre schon alles hinter uns. Deutet es mir nicht übel, wenn ich wunderliche Gedanken zu hegen scheine. Denn manches sehe und beobachte ich, wovon Ihr Euch nichts träumen lasst: Kurz gesagt, Herr, die Sterne sind Eurem Unternehmen nicht günstig; schiebt die Sache auf!"
"Habt Ihr Verdacht geschöpft?" flüsterte jener und blickte trotz der Finsternis dem zaudernden Warner aufmerksam ins Gesicht. "Ist irgend ein Grund vorhanden, um an einem glücklichen Ausgang zu zweifeln? Ich bitte Euch, rückt frei mit der Sprache heraus.
"Grund?" fragte der Mann mit ungewissem Tone dagegen und schüttelte den Kopf. "Einen Grund weiß ich nicht; aber eine Art von Vorgefühl lässt mich fürchten, es möchte Euch reuen, wenn Ihr unzeitig gehandelt hättet. Mein Rat ist: wartet bis morgen oder bis übermorgen; nur heute geht nicht an das gefährliche Wagstück, das Euch Freiheit und Leben kosten kann."
Lächelnd sagte der andere: "Wie oft schon habe ich Euch nachgegeben, und auch jetzt wieder zögert Ihr? Was müsste die Gräfin, was soll Laskaris von uns denken, wenn wir im entscheidenden Augenblick feig zurückweichen wollten? Geht also lieber und seht Euch nach unseren Pferden um und macht mich nicht kleinmütig."
Der Mann brummte etwas Unverständliches und verschwand um die Ecke der Gasse. Nachdenklich verfolgte der Zurückgebliebene ihn mit den Blicken; dann war wieder tiefe Stille. Das Fenster des gefangenen Bötticher, aus dem das verabredete Zeichen hervorblitzen sollte, war das dritte in der Reihe. Es war trotz der Dunkelheit leicht abzuzählen, und der Lauscher richtete nun seine Beobachtungen hierauf. Er hatte nur wenige Augenblicke seine Aufmerksamkeit dem Fenster gewidmet, als der rote Blitz emporflammte. Rasch legte er die Finger an die Lippen, und ein leiser Pfiff erklang. Bald darauf bemerkte er, wie man versuchte, das Fenster zu öffnen, aber das Gitter schien den Anstrengungen von innen nicht sogleich nachzugeben, und ein Ton drang herab, als ob eine Feile oder Stahlsäge durch Eisen gehe. Die Aufmerksamkeit des Untenstehenden richtete sich gespannt auf den Fortgang dieses Geräusches. Melancholisch tropfte der Regen, und ein Nachtwind kam mit hohen Stößen die enge Gasse herab. So kam es, dass der Lauscher die gedämpften Schritte nicht vernahm, die sich von beiden Seiten her näherten.
Jetzt aber hörte er sie, blickte verwirrt umher, nach einem schützenden Hausvorsprung, nach einer Türöffnung aber nichts als glatte Mauern zeigten sich ringsum, und nicht die geringste Türlaibung bot Schatten und Schutz. Der Lärm der Schritte wurde rasch lauter, und jetzt rückte es an in militärischem Doppelschritt, ein dunkler Kordon, die ganze Breite der Gasse füllend, bis der Ratlose die beiden Absperrungskolonnen fast mit den Händen berühren konnte. Von beiden Seiten erschallte das Kommando: "Halt!" Vor der front der Bewaffneten kreuzten sich die Strahlen mehrerer Blendlaternen, und der Umzingelte stand im vollen Licht.
"Er ist der Doktor Pasch aus Preußen?" rief ein Offizier ihn an. "Der bin ich", tönte es zurück, und Pasch richtete sich in seiner ganzen Größe unerschrocken auf. "Was will man von mir?"
"Im Namen des Königs! Er ist mein Arrestant!" sagte der Offizier barsch, und Doktor Pasch fühlte seine Arme von derben Soldatenhänden gepackt. Mit einer leichten Wendung entzog sich Pasch den eisernen Griffen und sagte mit ruhiger Stimme zu dem Hauptmann: "Ich bin ein Fremder und königlich preußischer Untertan. Mit welchem Recht werde ich verhaftet?"
Nichts als ein höhnisches Lachen war die Antwort; er wurde aufs neue gepackt, überwältigt und stand nun mit auf dem Rücken gebundenen Händen. Dann trieben ihn die Soldaten mit Kolbenstößen vor sich her bis zur nächsten Straßenecke. Ein Wagen rasselte heran; Pasch wurde gewaltsam hineingeschoben und die Türe sorgfältig verschlossen. Ein Reitertrupp umringte die Kutsche. An die Spitze des Zuges setzte sich der Führer der beiden Streifenkolonnen und gab den Befehl zum Abmarsch. Laut und deutlich hörte Doktor Pasch den Hauptmann einem seiner Leutnants zurufen: "Wir müssen vor dem Morgengrauen auf dem Sonnenstein entreffen, also scharfer Trab!" Und kaum war dieser Befehl erteilt, als die Kutsche mit schwerfälligen Sprüngen über das holprige Pflaster dahinzustolpern begann und unter dem Hufschlag der Pferde die Funken stoben.
Dieser zweite Gefangenentransport folgte dem ersten auf derselben Straße in einem Zeitabstand von kaum einer halben Stunde.
*
Vergeblich hatte der "Schwarze Ignaz" mit seinen Gefährten den Hof nach allen Richtungen durchspäht, als das Geheul des Wolfshundes die Flucht Don Caétanos meldete. Jetzt erst nahm er sich Zeit, Markus von der Kette zu lösen, und mit gesträubten Rückenhaaren stürzte der Hund zum Ziehbrunnen. Nach kurzem Stöbern verbellte er das verdächtige Gebüsch, durch das der Italiener verschwunden war. Die Männer traten herzu, und der "Schwarze Ignaz" sagte: "Da drinnen muss etwas stecken; aber wer es auch sei, der sich hier im Weißdorn verbirgt, er hat sich keinen angenehmen Schlupfwinkel ausgesucht. Es genügt vollkommen, dass wir Markus hier die Wache überlassen; heraus kommt da keiner, und hinunter über die Felsen entkommt nicht einmal ein Wiesel. Zum Überfluss mag einer von euch bei Markus bleiben. Inzwischen will ich nach dem Herrn sehen, es sollte mich wundern, wenn er nicht aufgewacht wäre über dem Lärm, den mein Grauer gemacht hat." Mit diesen Worten klopfte er dem immer noch knurrenden Markus die Flanke und ging hinweg.
Wider alles Erwarten folgte ihm der zottige Hund mit eigentümlichem Winseln, sprang dann voraus und schaute aufmerksam zum Fenster empor. Dem Alten fiel das Benehmen des Hundes auf, und er folgte ihm. Da erblickte er das Seil, das aus dem Schlafzimmer des Herrn herabhing. Was bedeutet das? Ignaz erschrak, wandte sich zur Galerie und sprang hastig die Treppe hinauf. Über die Galerie erreichte er die Turmtüre, die er rasch aufschloss. Er gelangte von hier aus durch eine geheime Tapetentüre zu dem Schlafzimmer, und als er eintrat, überblickte er im Schein der Blendlaterne, die er trug, rasch die zerwühlten beiden Lagerstätten, bemerkte, dass die Ampel erloschen war, und beschaute die am Boden verstreuten Kleidungsstücke.
"Heilige Mutter Gottes," rief er, "was ist hier geschehen?! Blutflecken an der Kleidung des Herrn "
"Ignaz!" ließ sich plötzlich eine unwirkliche Stimme vernehmen, die geisterhaft aus der Wand hervorzudringen schien. "Schließe Tür und Fenster, wenn du so gut sein willst, und komm dann zu mir!"
Jetzt wusste Ignaz Bescheid. Er hatte die Stimme seines Herrn gehört und wusste, wo dieser war. Er tat zunächst, wie ihm befohlen war, und ging dann auf das Bett zu, in dem Laskaris geschlafen hatte. Er bemerkte aufs neue die große Unordnung, die hier durch rasches und gewalttätiges Geschehen entstanden sein musste. Mit einem erschreckten Aufschrei fand er Kissen und Leintuch des Bettes zerfetzt und mit Blut überspritzt, zugleich auch eine Blutlache auf der Matratze und die Überreste einer zerschnittenen Schweinsblase. Im nächsten Augenblick sah er das Tafelwerk der inneren Mauer, gegen die das Bett gerückt stand, rolltürartig zurückgeschoben und die ihm bekannte Geheimnische offen. Der alte Ignaz stieg über das Bett hinweg und fand da drinnen seinen Herrn, geruhig eine holländische Tabakspfeife schmauchend und in ziemlich unvollständiger Bekleidung an dem kleinen Tisch sitzend, auf dem ein erwärmender Grog dampfte.
Laskaris lächelte ihm entgegen und sagte: "Ein etwas kühler Aufenthalt, nicht wahr, Ignaz, zu dieser fortgeschrittenen Jahreszeit! Aber immer noch besser als in der heißen Nähe südländischer Leidenschaft! Rasch, erwärme dich mit einem Glas Punsch und lass dir die späte Störung erklären."
Ignaz rief sofort: "Wo in aller Welt, lieber Herr, ließet Ihr Euren Gefährten? Was ist mit dem Manne geschehen? Und was bedeutet das Blut?!"
"Er ist fort," entgegnete Laskaris, "ich fürchte sogar, er ist sehr weit von hier. Nachdem er sich meiner Phiole bemächtigt und die Lampe gelöscht hatte, entfloh er durchs Fenster, und da ihm kein Ort sicher genug ist, dessen Ausgänge er nicht kennt, so hege ich Besorgnis, dass er selbst diese unsere liebe Erde inzwischen verlassen haben könnte, deren Ausgänge von so zweifelhafter Art sind. Wir werden morgen früh sehen, was unter dem Fenster übrig von ihm ist. Inzwischen, armer Ignaz, hast du ja wohl gemerkt, wie schwer sich sein Banditenmesser
an deinem treu behüteten Gut und dem stolz deiner Truhen versündigt hat!" mit wehmütigem Lächeln deutete Laskaris hinaus auf das zerfetzte Linnen des Bettes. Ignaz hob mit zitternden Händen das Punschglas, stürzte den heißen Inhalt in einem Zug hinunter, schüttelte sich, es wäre schwer zu sagen gewesen, ob infolge der angenehmen inneren Erwärmung oder aus neu aufgruselndem Entsetzen und rief: "Ihr lieben Heiligen! Und solch einen Mordbuben, solch einen Wäscheverderber und Schweinsblasenstecher ließet Ihr entkommen?! Ihr wusstet doch, dass Eure Klingelzüge am Bett uns lautlos herbeizurufen vermocht hätten? Er wäre uns nicht entgangen! Allein, mich bedünkt, er ist noch nicht so weit fort, als Ihr meint. Ich glaube, er steckt vielmehr in unserer nächsten Nähe, nämlich im Gebüsch hinter dem Ziehbrunnen. Markus wird dort bis zum Morgen Wache halten. Wenn es Euch aber recht ist, so werden wir sofort das Gebüsch durchsuchen."
Der "schwarze Ignaz" eilte zur Tür, jedoch ein Zuruf seines Herrn hielt ich zurück. "Es hat keine Eile, Ignaz, ich denke, lebt er dann, so flattert er wie der Vogel am Bande des Vogelstellers!" spottete Laskaris. "Aber das gebührt ihm, Gott weiß es, hätte ich nur einen Tropfen rechtschaffenen Blutes in ihm verspürt, ich hätte ihm so nicht mitgespielt. Übrigens bin ich mit deinen Anordnungen ganz einverstanden, und es soll dabei bleiben. Markus und einer von euch wird den Ziehbrunnen schon gut bewachen. Es muss jetzt weit über Mitternacht hinaus sein, und ich möchte jetzt wirklich gerne schlafen gehen. Nimm also die Schnur vom Fenster, zünde die Ampel wieder an und mach mir ein sauberes Bett zurecht."
Der alte Ignaz beeilte sich, die Befehle seines Herrn zu befolgen, räumte rasch die beschädigte und beschmutzte Bettwäsche fort, kam alsbald mit neuem Linnenzeug zurück und richtete die Lagerstatt wieder auf. Sodann stieg Laskaris durch die Wandvertäfelung wieder herein, und das fehlende Stück der Wand schob sich an seinen Ort zurück.
Aus der Behaglichkeit seines Bettes hervor fragte Laskaris noch den Alten: "Die Türe des Turmes ist doch gut geschlossen, Ignaz?" "Alles ist fest", erwiderte dieser. "Schlafet in Gottes Namen, nur wenn Ihr könnt, lieber Herr "
"Wenn ich was kann?" fragte der Adept lachend dagegen.
"- so bringt uns nie wieder einen solchen Schelm ins Haus!" fuhr es dem "Schwarzen Ignaz" über die Lippen. "Da wäre mir ja schon jeder Buschklepper im Walde draußen eine angenehmere Begegnung!"
Laskaris dehnte sich behaglich in den Kissen. Indem er sich bis an die Nase in die Daunendecke vergrub, rief er noch dem alten Diener zu: "In wenigen Tagen erwarte ich zwei, die du gut behüten musst vor jedem Buschklepper, denn ich fürchte, dass ihnen unbarmherzige Verfolger scharf auf den Fersen sein werden."
Fast hätte Ignaz sich bekreuzt bei dieser Rede seines Herrn, und er schwur sich im stillen die teuersten Eide, die Angekündigten auf eine solche Weise zu bewachen, dass sie keinen Schaden bringen könnten in der Art, wie etwa der flüchtige Graf von Ruggiero ihn anzurichten gewillt gewesen war. Mit verhaltenem Unwillen und Kopfschütteln verließ er das Zimmer, schloss die Türe sanft zu und flüsterte: "Ich wollte, das ganze Schmarotzergeschmeiß bräche sich das Genick, wie ich denn gern hoffe, der tückische Italiener werde morgen früh am Fuße des Burgfelsens zu finden sein!"
Wenige Minuten darauf lag Laskaris in tiefem Schlummer vergraben.
*
Elisabeth von Fürstenberg saß an einem schönen Herbstmorgen zum ersten Male wieder auf dem Altan, der es ihr so gut ermöglichte, die Gespräche zu vernehmen, die in ihres Vaters Kabinett stattfanden. Die Morgensonne wehte goldene Lichter um ihr bleiches, durch die überstandene Krankheit eigenartig verschöntes Gesicht. Sie lehnte das Haupt müde an die
Wangen eines hohen Sessels, und ihre überzarten Hände spielten nachlässig mit den Schleifen ihres Morgengewandes.
Da ertönte von drinnen die bekannte silberne Klingel des Vaters, und Elisabeth sah den Geheinschreiber eintreten.
Inzwischen schien sich Elisabeth wenig um das zu kümmern, was von dem Gespräch zu ihr drang. Bald aber berührte ihr Ohr ein Wort gleich einem elektrischen Schlage, das sie zur Zusammenraffung aller ihrer Sinne zwang.
"Herr von Gelneck," hörte sie den Fürsten sagen, "des Königs Majestät hat sich in Ansehung Eurer treuen und aufopfernden Dienste gewogen befunden, Euch zu seinem Geheimen Rate zu ernennen. Nehmt meinen Glückwunsch, so ungern ich Euch entlasse, denn ich weiß in der Tat kaum, wie ich Euch ersetzen soll."
Was der so angenehm Überraschte in seinem Dankgefühl stammelte, entging der Lauscherin. Gelneck schien lange und eifrig zu sprechen. Der Fürst saß mit geschlossenen Augen und hörte unbewegt zu. Mit einem Male fuhr er aus seinem Stuhl empor und unterbrach den Geheimschreiber mit ungewohnter Lebhaftigkeit:
"Wie sagt Ihr? Er war es? Jener Abenteurer sollte es wagen, nochmals hier zu erscheinen, wo er kaum mit dem Leben davonkommen wird, wenn man ihn erkennt? Ihr müsst Euch irren es ist nicht möglich!"
Wieder ergriff Gelneck das Wort, stand aber so, dass Elisabeth trotz geschärftester Aufmerksamkeit ihn nicht verstehen konnte. Schon erhob sich Elisabeth, um etwaigen Enthüllungen zuvorzukommen, von denen sie Gefahr befürchten mochte; allein die Schwäche ihrer Glieder war zu groß, und sie sank wider Willen in ihren Sessel zurück. Sie bedeckte den Mund mit ihrem stark parfümierten Tüchlein und hauchte vor sich hin: "Dieser Elende! Oh, ich fürchtete es schon längst, er weiß alles! Und dieser Streber versteht es meisterhaft, seine Geheimnisse zu gutem Preise zu verkaufen!"
Infolge der Bewegung, die sie ergriffen hatte, war ihr die Erwiderung des Fürsten entgangen. Sie beugte sich von neuem lauschend vor, es schien aber da drinnen eine längere Gesprächspause eingetreten zu sein. Noch weiter beugte sie sich vor: Nein, sie irrte Gelneck hatte das Kabinett verlassen. Jetzt sah sie, wie der Fürst sich erhob, sich wandte, und zu dem Altan herüberschritt. Elisabeth lehnte sich teilnahmslos in ihrem Stuhl zurück.
"Elisabeth!" sagte der Gouverneur in scharfem Ton, den er aber augenblicklich mäßigte, als er die durchsichtige Blässe auf den Wangen seiner Tochter sah, und bedeutend sanfter fuhr er fort: "Unsere Vettern in der Pfalz haben mir Boten gesandt mit freundlichsten Grüßen und mit einer Einladung für dich. Es würde mir lieb sein, wenn du sie anzunehmen vermöchtest. Wer weiß, wie das unsichere Kriegsglück sich plötzlich wenden kann und Sachsen zum Schauplatz unerfreulicher Ereignisse machen könnte."
"Ist denn jetzt die Pfalz um so vieles sicherer?" sagte Elisabeth, und sie bemühte sich vergebens, ein hörbares Beben ihrer Stimme zu bemeistern. "Ich möchte Euch bitten, Herr Vater, wenn Ihr nicht sehen wollt, dass ich mir den Tod holen soll lasset mich hier, unter Eurer Obhut. Euer persönlicher Schutz genügt mir."
Fürst Fürstenberg erwiderte nichts. Er schob sich einen Sessel neben den Stuhl Elisabeths, ließ sich wortlos nieder, schloss nach seiner Gewohnheit die Augen und ließ die Daumen umeinander kreisen. So saß er lange, und Elisabeth wusste, dass dies ausdruckslose Gesicht ihres Vaters stets das sicherste Zeichen dafür war, dass tief und scharf kombinierendes Nachdenken den Fürsten abwesend machte. Elisabeth war unbehaglich zumute. Mehr als einmal zuckten ihre ausgebleichten Hände nervös nach der Seitenlehne des Stuhles und nach dem Arm des Vaters. Die hellblauen, scharf blickenden Vogelaugen, die sie vom Vater geerbt hatte, überflogen scheu prüfend die undurchdringlichen Gesichtszüge des Gouverneurs. Sie wagte trotzdem nicht, seine Gedankengänge zu stören.
Viele Minuten vergingen in lautloser Stille; endlich hob der Fürst die schweren Augenlider, so dass ein schmaler Spalt sich zu Elisabeth hinüber öffnete, darunter ein träger Blick sie streifte. Der Fürst sagte leise:
"Seit gestern ist Bötticher zurück von dem Königstein. Er hat versprochen, sich dem Willen Seiner Majestät endlich zu fügen. Er tut wohl daran, sich dareinzufinden, dass die Macht Seiner Majestät das Recht hat, von ihm zu fordern, was sie will. Wer ein Geheimnis bewahrt, das den Staatsinteressen zuwiderläuft, belastet sich unnötig mit gefährlichem Reisegepäck."
"Das ist ein Satz, dessen Richtigkeit Euer neugebackener Junker von Gelneck zu erweisen sich rechte Mühe gegeben hat," sagte Elisabeth schwach und mit einem bitteren Lächeln um die Mundwinkel. "Schade nur, dass Eure väterliche Weisheit so mannigfacher Auslegung zugänglich ist."
"Elisabeth!" drohte der Gouverneur mit erhobenem Zeigefinger und mit scharfem Blick; indessen fuhr er sehr gehalten fort: "Seit ich fern war, ist hier vieles geschehen, was meiner Vergebung und was des Vergessens bedarf. Ich will, dass es vergessen werde. Deshalb, ma chère, wirst du nach der Pfalz gehen und dort deine extravaganten Launen gleichfalls vergessen lernen, und ich wünsche, dass Herr von Gelneck dich geleite."
Damit erhob sich der Fürst, küsste flüchtig die Hand seiner Tochter und schritt hinaus.
Elisabeth seufzte tief. Ihre hageren Hände zerdrückten in zorniger Erregung das dufttragende Tüchlein, das zugleich dazu dienen musste, einige Tränen aus ihren Augen zu nehmen. Wenige Augenblicke danach sah sie drunten den verhassten Geheimschreiber stolz erhobenen Hauptes und einigermaßen geckenhaften Schrittes den Palast verlassen. Sie knüllte ihr Tüchlein in der Faust, und ihre Stimme zischte: "Dieser Geck! Ein Glück, dass ich weiß, welches seine Karten sind und um welchen Preis er spielt. Und bei Gott! Er soll die Partie nicht gewinnen!"
Am Abend desselben Tages saß der neue Geheime Rat von Gelneck in dem kleinen, abgelegenen Zimmer, in welchem er bisher die bescheidene Laufbahn eines Geheimschreibers in fürstenbergischen Diensten verfolgt hatte, und die Ehre, mit der König August den hoffnungsvollen Intriganten zu belohnen wusste, bestürmte den jungen Mann mit berauschenden Vorstellungen.
So entging ihm eine leise Regung im Vorzimmer und ein schüchternes Pochen an seiner Tür. Als diese sich leise öffnete, fuhr Gelneck aus süßesten Zukunftsträumen empor, und es lag ein harter Missklang in seinen Worten, als er ausrief: "Ach, du bist es Fides! Nun, ich freue mich, dich zu sehen."
Mit affektierter Höflichkeit bot er dem Mädchen, das ihm an die Brust fliegen wollte, den gesteiften Arm und führte sie zu einem Sessel.
Fides erblasste; ihre braunen Augen blickten erschrocken und füllten sich sofort mit Tränen. Stockend begann sie: "Ich habe von deinem Glück, von deiner wunderbaren Erhöhung schon gehört. Meiner Gräfin entschlüpften darüber einige wenige recht zornige Worte. Du musst wissen, sie misstraut dir. Es wird nicht lange mehr dauern, und dieses Misstrauen ereilt auch mich es wird also Zeit, meinst du nicht auch, Hans, dass du mich unter deinen Schutz nimmst oder besser dass wir gehen."
"Was kann dir die Gräfin schaden?" rief Gelneck mit gleichgültigem Spott. "Ihre Tage in Dresden sind gezählt. Ihr Absturz wäre schon Ereignis, wenn nicht immerhin, das tut nichts zur Sache! Ich hörte, der König erwäge, sie einem Nonnenkloster zu übergeben, damit man dort den Versuch mache, ihr die Sünden abzuwaschen."
Er lachte kurz und böse. Dieses Lachen, kalt, herzlos und überheblich, drang fremd und erschreckend zum Herzen des Mädchens. Ihre Mienen verrieten ihr Gefühl.
Gelneck lenkte ein: "Mein gutes Kind, du hast unrecht getan, zu dieser Stunde zu mir zu kommen. Du bis unvorsichtig, wir sind hier durchaus nicht sicher vor Störungen. Es würde
ein äußerst nachteiliges Licht auf mich werfen, wenn dich jemand auf dem Wege hierher beobachtet hätte. Es ist besser, du gehst jetzt nach Hause zurück. Ich werde zu dir kommen, morgen übermorgen kurz, sobald ich Zeit habe."
Fides stand auf. Ihr Wesen war plötzlich in einer Art verändert, dass dem Herrn Geheimen Rat unbehaglich zumute ward.
"Nein," sagte Fides, "o nein! Ich habe nun schon umsonst drei lange Nächte auf dich gewartet. Du wirst auch weder heute noch morgen kommen. Ich bin nicht so töricht, wie der Herr Geheime Rat vielleicht denkt. Ich bin nicht gewillt, mich quälen zu lassen."
Gelneck setzte jetzt die Miene des Gekränkten auf und trat mit theatralischer Gebärde einen Schritt zurück. Fides sah es, und die Angst drang ihr aus dem Herzen zur Kehle empor.
"Hans, lieber Hans, sprich doch zu mir wie sonst. Lass mich die Stimme wieder hören, die zu mir von Glück und Frieden und stiller Zufriedenheit sprach. Sprich wieder zu mir wie damals, als ich in deiner Nähe nichts fühlte und nichts sah als dich und deinen guten Blick. Sprich", fuhr sie in zunehmender Leidenschaft fort und ergriff hastig seinen Arm, "und sag mir, dass du halten willst, was du mir versprochen hast! Um deinetwillen hab ich die Gräfin betrogen, habe gehorcht, gelogen und verraten! Um deinetwillen habe ich meine Herrin, die zu mir nur immer gut und mütterlich war, betrogen! Ich habe ihr Vertrauen getäuscht soll ich damit bestraft werden, dass auch mein Vertrauen getäuscht wird?! Ich flehe dich an: Zieh mich empor aus dem Schmutz, in den du mich gestoßen hast! Reinige mich von der Schande durch die Liebe, die du mir hundertmal geschworen hast! Ich will nicht mehr bitten, ich fordere meine Ehre von der deinigen!" Gelneck versuchte aufzubrausen und sich die Beleidigungen zu verbitten, die seine Liebe nur töten können. Da er aber sah, dass aus den sanften Augen des Mädchens eine verzweifelte Entschlossenheit hervorleuchtete, der alles mögliche zuzutrauen war, fand er es alsbald geraten, die eingeschlagene Taktik zu ändern.
"Gutes Kind," sagte er in sanftem überredendem Tone, "so wenig vermagst du die Ausdrücke deiner blinden Aufregung durch Überlegungen zu zügeln, wie sie aus den Verhältnissen unmittelbar selbst sich ergeben müssen! Wie vermöchte ich dein Geschick in diesem Augenblick mit dem meinigen in eine öffentliche Beziehung zu setzen! Welchen Gefahren würde dein Mangel an Selbstbeherrschung mich aussetzen! Und auch dich, natürlich auch dich", fügte er hinzu, als er die Wirkung seiner Worte auf Fides bemerkte.
"Oh," rief die arme Fides erschrocken, "niemals soll ein Zucken meiner Wimpern, niemals soll auch nur ein einziges Wort von mir dich verraten! Sage mir nur, dass du nicht nur dich, sondern auch mich aus den Gefahren dieser von Heimtücke und Hinterlist aller Art übersponnenen Residenz retten willst!"
"Wohlan," sagte Gelneck, indem er sich zu einer Liebkosung zwang und die tränenfeuchten Haare aus dem fieberheißen Gesicht der Zofe strich, "so höre also zu und sammle deine zerstreuten Sinne! Auch mir wird es sehr schwer, mich fürs erste von dir zu trennen; aber wie eine Eingebung des Himmels kommt mir ein rettender Gedanke. Die Ansprüche, die mein neuer Stand an mich stellt, sind groß, und ich werde ihnen nicht anders begegnen können, als" Gelneck seufzte -, "als durch eine reiche Vermählung. Erschrick nicht, mein Kind, höre mich weiter! Welche Dame es auch sein möge, deren Wahl mir die Klugheit gebietet, so soll sie doch von keiner anderen umgeben sein, als von dir! Du staunst? Liebes Kind, ich bin entzückt von dieser Vorstellung. Du sollst ihr alles sein, Kammerfrau, Vertraute bemerkst du nicht, wie herrlich sich unsere Liebe in diesen Plan einfügt?"
Eine Schwäche, die vor den Augen des Mädchens alles umher in einen tollen Wirbel riss, erlaubte dem ausgezeichneten Diplomaten, bis zu diesem Punkte seine Ansichten zu entwickeln. Jetzt aber erschrak er zum andern Male, und heftiger als zuvor, an der Veränderung, die er an Fides wahrnahm. Umsonst bemerkte er, dass er für heute zu weit gegangen war, und suchte einzulenken:
"Mein Plan ist hiermit natürlich nicht zu Ende. Sobald meine Stellung genügend befestigt sein wird, werden sich die Wege finden, dich selbst in geeigneter Weise eines gesellschaftlichen Ranges teilhaftig zu machen. Dann mag es den Gewohnheiten der großen Welt anheimgegeben sein, unsere Geschicke so zu lenken, dass deine zukünftige Gebieterin auf meine Hand verzichtet und diese für die deine frei wird "
Jetzt schnellte Fides empor wie eine Schlange, die vom Fuße eines unvorsichtigen Wanderers getreten wurde. Furchtbar war die Verwandlung ihres ausdrucksvollen Gesichtes und erschreckte selbst den gefühllosen Gelneck.
"Rühr mich nicht noch einmal an," sagte sie mit leiser Stimme. Ihre Augen glühten. "Berühre mich nicht! Wenn ich dich ansehe, weiß ich, wie die Hölle aussieht. Wenn ich diesem Geheimen Rat begegne, weiß ich, wie es ist, wenn man einem ehrlosen und feigen Verräter in die Quere kommt! Verflucht bin ich schon, ich weiß es, verflucht ist, wer deinen Worten traut! Aber verflucht ist jeder Mörder warum nicht du, der meine unsterbliche Seele ermordet hat?! Du wirst die Folgen dieses Fluches zu spüren bekommen, Geheimes Rätlein, bevor der Morgen heraufkommt, und du kannst dich vorbereiten auf die Rache, die der Zorn meiner betrogenen Herrin dir bereitet."
"So geh nur gleich, törichte Dirne," unterbrach sie Gelneck mit hochmütigem Hohn. "Geh nur, bitte, und säe deine Saat, wie dir die Liebe gebietet! Bei der Gräfin willst du mich verklagen? Sie wird die Lauscherin, die Spionin, die Verräterin zu schätzen wissen! Mich, den Geheimen Rat von Gelneck, den Vertrauten Seiner Majestät, wird sie schon zu behandeln wissen wie einen Feind, mit dem man rechnet!"
"Es ist genug," sagte das unglückliche Mädchen mit unerwarteter Würde. "Es mag sein, der Herr Geheime Rat von Gelneck behält recht. Sein Rock mach ihn klug, und ich weiß, man ist in solcher Uniform sehr häufig wohlgeborgen vor seiner eigenen Schlechtigkeit. Es mag darum sein, wie es will, ich entgehe dem Schicksal nicht, das ich verdient habe. Für dich aber, Hans Gelneck, ist dies mein letztes Wort: ein Mädchen, das geliebt hat wie ich, weiß allein, wie ich dich jetzt hasse. Lasse mich ergreifen und unschädlich machen, sobald du kannst, denn mein Hass wird dich, so Gott will, vernichten, so früh er es vermag. Und hast du mich getötet, so triumphiere nicht zu sehr, denn wenn mir eine unsterbliche Seele gehört, so will ich nach meinem Tode nichts anderes, nicht Fegefeuer noch Seligkeit, als zuerst deinen Untergang. Hier und drüben gehört die meine Rache! Strebe, erraffe, steige, heirate! Verdorren soll dein Stamm, bevor er die erste Blüte treibt! Und wenn du abstürzest von der Höhe, die du auf allen vieren erkrochen hast, so verschließe dir der Himmel seine Gnade hier und drüben!"
Fides verschwand aus dem Zimmer früher, als der Klang ihrer Stimme verhallt war.
Gelneck stand inmitten des Raumes und sah mit einem erstarrten Grinsen vor sich hin. Endlich hob seine Schultern ein verächtliches Zucken, und mit einem bösen Lächeln wandte er sich zu seinem Schreibtisch. Er ließ sich davor nieder und ergriff die Feder, aber er vermochte nicht, sich eines Schauers zu erwehren. Die Hand, die einen raschen Plan zur Unschädlichmachung der Kammerzofe entwerfen sollte, versagte, und eine unerklärliche, unwiderstehliche Gewalt des Entsetzens überdrang ihn. Die Flüche und Verwünschungen des Mädchens zitterten, bis zu seinen Lebenstiefen hinab, in ihm nach. Es bedurfte schon geraumer Zeit, bis er die Härte seines Gemütes, die kalte Entschlossenheit seines Verstandes wiederfand, und ohne die Feder eingetaucht zu haben, erhob er sich mühsam und ging zu Bett.
*
Es war an einem schwülen Frühsommertag des Jahres 1704, als Mann und Ross, von der Reise erschöpft, das Leipziger Tor der kleinen Stadt Wittenberg erreichten und über die alte Zugbrücke in die gerade und freundliche Hauptstraße einlenkten.
Vor dem Gasthof "Zum grünen Rautenkranz" hielt der Reiter an, warf die Zügel dem herbeieilenden Hausknecht zu und forderte ein Zimmer, um sich den Reisestaub abzuwaschen. Sonst pflegte der Wirt diesen Gast mit schallendem Handschlag zu empfangen; heut aber stand er vor dem Steinportal seines Hauses mit ehrerbietig gelüpftem Käppchen, dienerte und sprach: "Gestrenger Herr Geheimer Rat, Euer Oheim, der Bürgermeister, ist, Eurer Nachfrage zu dienen, wohl und munter. Munterer sogar als damals, wo meinem geringen Hause die Ehre widerfuhr, Euch zum ersten Male aufzunehmen."
Dazu lächelte der Mann und schlug immerhin in einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet sah, mit einem seltsamen Ausdruck seine Augen gen Himmel empor.
Der Herr Geheime Rat von Gelneck nickte nur vornehm mit dem Kopf und stieg die steinerne Treppe hinan, durch den kühlen Gastflur hinauf in das ihm vom vorauseilenden Kellner bezeichnete Gemach.
Als er nach geraumer Weile wieder heraustrat und vor dem Gasthof "Zum grünen Rautenkranz" stand, sah er sehr stattlich drein. Er prüfte das Wetter mit der Hand und schritt dann mit hoher Würde die Straße entlang, bis auf den Markt, wo des Bürgermeisters Haus in seinem schönsten Schmucke prangte, denn es war neu gestrichen und gemalt. Ein riesengroßer Rosenstrauch, sehr natürlich mit seinem Stamm und vielverzweigten Geäst aufsteigend und sich über die ganze vordere Hausfläche ausbreitend, war dargestellt und machte auf den Ankömmling, dem diese herrliche Bemalung neu war, den angenehmsten Eindruck. In den Rosenzweigen waren die Allianzwappen des bürgermeisterlichen Hauses zierlich verteilt, und am größten und schönsten leuchtete dem entzückten Geheimrat das eigene, neu verliehene Adelswappen entgegen.
Als der messingne Klopfer ertönte, wurde alsbald geöffnet, und eine braune Dirne erschien, den Fremden einzulassen. Der Bürgermeister war drüben auf dem Rathaus, doch wurde er schon längst zurückerwartet. Jungfer Barbara von Wildung hatte in dem großen Baumgarten vor dem Hause Schutz vor der Sonne gesucht. Als er ihr gemeldet war und sie ihn zu sich in den Garten bitten ließ, kam dieser Umstand dem Gast wie gerufen; er ging also mit raschen Schritten durch die Diele und den Laubengang hinaus und sah sich im Garten um.
"Mitten unter den herrlichsten Blumen und Bäumen finde ich Euch," rief Herr von Gelneck der Jungfrau entgegen, " und sie alle, wie ich sehe, wetteifern in ihrer stolzen Sommerpracht vergebens mit dem Glanze Eurer Schönheit, teuerste Muhme! Ja, Euer Liebreiz, überstrahlt sogar die köstlichen Rosen, und es bleibt diesen Kindern Floras nichts übrig, als jeden Morgen die hoffnungslosen Tränen ihrer Niederlage zu weinen, wenn Ihr Euren Garten betretet."
"Sind dies die neuesten Formen der Begrüßung, wie man sie jetzt von Frankreich herüber in die Pfalz importiert hat?" lautete die spitze Gegenrede Barbaras. "Wahrhaftig, Vetter, Ihr beschämt uns württembergische Pfahlbürgerinnen mit so überaus schön gedrechselten Reden. Wir sind ganz außerstande, dergleichen von ähnlicher Kunst hervorzubringen. Schade nur, dass ich hier auf meiner Gänseblümchenwiese allein genieße, was einen ganzen Hof satt machen könnte."
"Dafür ist es eben auch nur für Euch allein bestimmt, was mich mein ehrliches Herz zu sagen antreibt", erwiderte Gelneck, ohne der Stacheln achten zu wollen, mit denen jedes Wort von Barbaras Rosenlippen besetzt zu sein schien. "Mehr noch, gütigste Muhme! Wollte ich meiner Zunge freien Lauf lassen, so, wie mein Herz es befiehlt, Ihr würdet erstaunen über die Flut zärtlicher und uneigennütziger Empfindungen, die ich für Euch ergießen möchte."
"Ich weiß, ich weiß", unterbrach Barbara von Wildung diese neue, mit absichtlicher Zweideutigkeit ironisch gefärbte Rede und neigte das Haupt mit süß spottendem Lächeln. "Ich weiß in der Tat, dass Euer Herz zuweilen zärtlicher Empfindungen fähig ist. Aber wollet mir doch, sehr hoher und gestrenger Herr, sagen verträgt sich solche jugendliche Schwäche
mit der Würde Eures Standes, von dessen Erhabenheit uns wunderbare Gerüche zugekommen sind?"
Gelneck sonnte sich in dem Wortgeplänkel mit großer Selbstzufriedenheit. "Ach," entgegnete er, "es ist wahr, der König wendet mir seine Gnade in ungewöhnlichem Maße zu. Er erhob mich vor wenigen Tagen erst in den Freiherrenstand und ergänzte meinen Titel zu dem eines Wirklichen Geheimen Rates. Alles lässt mich hoffen, dass damit der Weg noch nicht beendigt ist, den Seine Majestät für mich voraussieht. Jedoch, was bedeuten zuletzt die äußeren Ehrungen der Welt? Was mich zu Euch führt, liebwerte Muhme Barbara, ist nicht, Euch den Jugendfreund unter der Bürde der Ämter und ihrer Ehren vorzuführen. Was sind alle diese Ehren anderes al, wenn es hoch kommt, bescheidene Zweige, die ich zu einem einzigen Kranze zusammenzuflechten gedenke, um ihn Euch, holde Barbara, zu Füßen zu legen! Ihr schweigt Ihr errötet -? O teuerste Freundin meiner Jugendtage!"
Indem er so sprach, streckte sein Arm sich aus, um das Kleinod zu umfangen, an das so wichtige und reiche Besitzungen geknüpft waren, und eine ehrliche Freude des Sieges leuchtete aus seinen Augen.
Aber Jungfrau Barbara wich geschickt aus und sprach sehr sanft:
"Hoher Herr, Ihr treibt Euren Scherz mit mir. Wie sollte Eure Wahl auf mich arme Waise gefallen sein, da Ihr doch die Wahl habt unter den reichsten Familien des Landes die stolze und schöne Elisabeth von Fürstenberg nicht ausgenommen! Wie solltet Ihr, dem alle Herzen sich in heimlichem Pochen zuwenden von der stolzen Gräfin an, die unseren allergnädigsten Kurfürsten in den Banden zarter Liebe hält, bis hinab zu der Kammermagd, der drallen, ländlich gefundenen Fides -, wie solltet Ihr da Euch hingezogen fühlen, ich sage es nochmals, zu dem armen, verbindungslosen Mädchen, zu der Protestantin aus zwar edlem, aber mit mir erlöschendem Stamme? Sehet, ich, der letzte Spross dieses Hauses, habe nichts von ihm ererbt als den schlichten Wahlspruch unseres Wappens, das in Krieg und Frieden unverletzt blieb. Ihr wisset, der Wahlspruch derer von Wildung lautet: D i e E h r e ü b e r a l l e s.
Was möchte Euch diese abgelebte Devise, das einzige Erbstück, über das ich unumschränkt verfüge, wie ich wiederhole, wohl nützen? Ich denke wirklich, mein sehr vornehmer Herr und Vetter," fuhr Barbara unbarmherzig fort, ohne auf die Blässe achten zu wollen, die des Mannes Wangen mit gelblichem Schein überlief, "Ihr kehret am besten an den Hof zurück, wo so viele beglückenswerte Schöne Eurer Huld ungeduldig harren; mir aber lasset das bescheidene Los, das ich mir erwählt habe und das in wenigen Tagen mit dem heiligem Segen der Kirche besiegelt werden soll. Denn sehet, soeben betritt Euer Oheim dort den Garten; gehet ihm entgegen, mein Herr, und wünschet ihm Glück zu seinem Verlobungsfeste mit mir."
Das war zu viel selbst für den gewandten und schwer zu verwundenen Gelneck.
Während Barbara an ihm vorüberschwebte, dem Bürgermeister entgegen, den sie traulich begrüßte, gewann der Enttäuschte nur mühsam die nötige Fassung, um einen Glückwunsch zu stammeln, der nun ebenso gedrechselt herauskam wie die Ansprache des Werbers an das Fräulein, nur dass der Drechsler im Herzen des Sprechers nicht mehr Siegeszuversicht, sondern Katzenjammer hieß. Der Herr Oheim verstand es, die schlechte Verfassung, in der er den hochmögenden Neffen fand, auf die Anstrengungen der Reise zu schieben. Erst nach einer qualvollen Stunde gelang es Gelneck, sich der zeremoniellen Visite zu entwinden; wie vom bösen Feinde getrieben, eilte er nach dem Gasthof zurück, ließ sich ein frisches Pferd geben, befahl dem Diener, das seinige nachzuführen, und jagte mit donnerndem Hufschlag durch das Leipziger Tor wieder hinaus.
Dies war die erste Flucherfüllung, die sich an die Verwünschungen der betrogenen Fides knüpfte.
*
An dem Weg, der von dem Städtchen Pirna in gewundener Linie hinaufführt zu der Feste Sonnenstein, saß ein junges schwarzgekleidetes Mädchen unter der Bank vor einem Muttergottesbilde. Indem sie voll Andacht mit der Heiligen beschäftigt war, vernahm ihr leichtempfängliches Ohr Schritte. Sie streckte den Kopf vor und bemerkte einen Soldaten von der Besatzung, der die täglichen Bedürfnisse an Tabak und sonstigen Luxusgegenständen für seinen Offizier in Pirna einzuholen pflegte. Es war das dritte- oder viertemal, dass der Offiziersbursche die fromme Wallfahrerin vor dem Bildstock antraf.
"Gott zum Gruß", sagte der Soldat und setzte den leeren Besorgungskorb bedächtig auf das Ende der Steinbank.
"Dank Euch", entgegnete die Jungfrau, der ein neckischer Windhauch das rote Kopftuch lüftete.
Die feurigen Augen des Mannes, dessen gebogene Nase und dunkelstraffes Haar sarmatische Abkunft verrieten, schauten in das lieblichste Angesicht, das er je gesehen zu haben vermeinte.
"Ihr habt ein Gelübde getan, Jungfer?" begann er. "Aber ich möchte Euch warnen, so jung und schön, wie Ihr seid, ist es gefährlich auf dieser Bank allzu lange und allzu oft auszuruhen. Denn selbst die Nähe der allerheiligsten Jungfrau vermag hier am Sonnenstein nichts über die begehrlichen Augen meiner Kameraden."
"Oh, Ihr erschreckt mich!" rief das Mädchen und erschrak dazu in der Tat auf eine sehr zierliche Weise. Aber Ihr, Ihr, Herr Soldat, würdet mich schützen?" fügte sie mit naiver Vertraulichkeit hinzu.
"Mit meinem Leben, wenn es sein müsste!" stotterte der Mann in freudiger Überraschung. "Euretwegen, schönes Kind, würde ich jedem die Gurgel abdrehen, auf den Ihr deutet!" Ein unaussprechlich süßes Lächeln belohnte den Ausdruck solcher Ergebenheit, und die Pilgerin fuhr fort:
"Wie möget ihr denken, ich könnte Euch einen Menschen zum Erwürgen anbefehlen? Aber auch sonst sind die Männer mit dem Versprechen, einem armen Kinde zu helfen, gern bereit; jedoch kommt es darauf an, so sieht man sich meistens betrogen."
"Das solltet Ihr nicht von mir sagen dürfen!" erhitzte sich der leidenschaftliche Halbasiate, der das Deutsche untermischt mit Brocken seiner polnischen Heimat sprach.
"Was bewegt Euch? Was führt Euch immer wieder zu dieser Bank?" fuhr der Soldat in drängendem Ton fort. "Sprecht frei, gutes Kind! Mir könnt Ihr vertrauen. Die heilige Jungfrau soll mich zu sich nehmen, wenn ich es nicht ehrlich mit Euch meine." Und der polnische Söldner sah ihr dabei so zärtlich, feurig und zugleich mit so unerschrockener Bravheit in die Augen, dass sie endlich zögernd begann:
"Freilich ist es ein Gelübde, das mich zum Besuche dieses Gnadenbildes verpflichtet. Da droben schmachtet ein Gefangener, dessen Freiheit der Wunsch meines Lebens ist."
Sie hielt inne, wie um die Wirkung ihrer Worte abzuwarten. Der Mann auf der Bank machte ein finsteres Gesicht, und mit soldatischer Grobheit fragte er: "Euer Liebhaber vielleicht?"
"Nein," rief das Mädchen, "was denkt Ihr! Der Gefangene auf dem Sonnenstein, für dessen Freiheit mein Leben feil ist, kennt mich kaum, und mit seiner Liebe habe ich nichts zu tun." Zugleich rückte sie zu dem trotzigen Mann sachte hinüber, und er fühlte alsbald ihre bedrohliche Nähe, obwohl er ihr noch halb den Rücken wandte. Inzwischen hob sie die rechte Hand leise zu seiner Schulter empor und fuhr fort:
"Hört mich an. Der Gefangene, den ich meine, ist ein Ausländer. Er ist ein Preuße. Das kann Euch vollkommen gleichgültig sein. Aber Ihr seid ein Pole, das sehe ich Euch an. Preußen und Polen haben gar nichts miteinander zu tun. Wenn Ihr mir also helfen würdet, so übet Ihr als Pole in Hinsicht auf einen Gefangenen, der ein Preuße ist, nichts Unrechtes aus. Sehet, ein elender Bub betrog mich mit gleisnerischen Worten, dass ich, ohne es zu ahnen, ein Spiel
mischte, das einen wackeren, unschuldigen Mann in vielleicht lebenslängliche Kerkerhaft begrub. Als ich dieses furchtbaren Verhängnisses inne ward, schwur ich einen Eid, einen heiligen, unumstößlichen Eid, dass ich in meinem ganzen Leben nur dem Manne angehören wolle, der mir seine Hilfe darböte, um diese schwere Schuld zu sühnen. Ist nur einmal der Gefangene frei, dann vermöchte auch ich einem solchen treuen Helfer weit von hier und außer aller Gefahr eine sichere Zuflucht und Zukunft zu gewähren, wo er in sorglosem Genusse nicht geringer Güter mit mir, als seiner dankbaren Ehefrau leben könnte, solange es Gott gefällt."
Erschöpft von dem heftigen Überdrang dieser leidenschaftlichen Rede, lehnte sich das hübsche Mädchen noch fester gegen die Brust des Polen, und ihr warmer Körper ließ den rasch entflammten Mann in allen Gliedern elektrische Wellen empfinden. Jäh wandte sich der Soldat und schloss das kaum widerstrebende und leise aufseufzende Ding in seine kräftigen Arme. Er sah ihr errötendes, zu ihm auflächelndes Antlitz und bedeckte es mit stürmischen Küssen.
"So sollst du mein werden," rief er, "und wenn die ganze Hölle dagegen aufsteht. Die Mutter Gottes von Czenstochau helfe mir! Sprich, wer ist er, den du retten musst, ehe du dein Gelübde erfüllen kannst?"
Sie lächelte aufs neue. "Doktor Pasch", hauchte sie. "Ist das der, der dem Goldzauberer forthelfen wollte?" fragte der Pole eifrig.
"Eben dieser," flüsterte das Mädchen.
"Bei den sieben Schwestern Mariä," rief der Pole, "das ist ein wunderbares Zusammentreffen. Ich hab den braven Herrn oft im Gefängnishof gesehen, wenn er an die Luft geführt wird. Der Mann hat mir gefallen! So grenadiermässig stattlich und so stolz, und so ein elendes Ende! - - Hier hast du meine Hand darauf, ich werde sehen, was sich machen lässt. Wie heißest du, mein Schatz?"
"Fides", sagte das Mädchen "Und ich heiße Michael, Michael Sandor," entgegnete der Pole. "Die zwei Namen geben zusammen einen guten Klang. Jetzt muss ich weiter zur Stadt, denn mein Offizier schaut auf die Uhr. Wo treffe ich dich wieder und wann?"
"Hier," erwiderte sie. "Ich warte immer, bis du kommst."
Nochmals ein hitziger Kuss, und der Pole entfernte sich eilig den Weg hinab, der nach Pirna führt.
*
Don Caétano hatte in jener denkwürdigen Nacht auf eine wunderbar beflügelte Weise den Grund der Talschlucht erreicht, die sich am Fuße der steilen Burgfelsen mit dichten Moospolstern dehnte, und Wunder über Wunder, er war unverletzt davongekommen.
"Was den Galgen zieren soll, muss mit unbeschädigtem Genick zur Stelle sein," sagte der "Schwarze Ignaz", der am nächsten Morgen vergebens den gefährlichen Absturz durchspähte und dem Markus den Ort des unsanften Aufpralls im zerwühlten Moos unverkennbar nachwies. Verdrießlich kehrte Ignaz in den Turm zurück, um seinem Herrn die Flucht des Verbrechers zu melden.
Als der Flüchtige nach tagelanger, mühseliger Wanderung durch die Schluchten des Böhmischen Waldes, gespeist und zurechtgewiesen von Holzfällern, das ebene Land erreicht hatte, begann er sogleich in der ersten größeren Stadt, die er betrat, die Zauberkraft der Phiole zu prüfen. Der Erfolg sicherte ihn ja nicht nur gegen Mangel, sondern gab ihm die reichlichsten Mittel, um zu Prag in einem glänzenden Aufzuge zu erscheinen. Zu Leitmeritz in der Apotheke "Zum schwarzen Mohren" kehrte der Abenteurer an und erbat sich als reisender Chemiker und Verfertiger von Wunderpillen die Erlaubnis, in dem Laboratorium des Besitzers einige Rezepte ausführen zu dürfen.
Dass reisende Quacksalber mit solchem Ansinnen bei den Apothekern kleinerer Städte
vorsprachen, war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches, und es bestanden für derartige zeitweise Mietungen von chemischen Küchen seitens der Drogisten und Apotheker geradezu feste Taxen.
Es war darum auch der Inhaber der Apotheke "Zum schwarzen Mohren" in Leitmeritz keineswegs sonderlich überrascht von der Einkehr des durchreisenden Fremden bei ihm. Er nannte seine Tagesgebühr, und da sein Laboratorium gerade nicht gebraucht wurde, konnte Caétano sofort seine Versuche beginnen, zu deren Durchführung er sowieso nur einen Tag der Küchenbenutzung sich erbeten hatte.
Das Experiment hinter verschlossenen Türen verlief sehr eigentümlich.
Caétano hatte bei seiner Flucht aus Brüssel nur einen geringen Geldbetrag zu sich zu stecken vermocht. Auch sein kurzer Aufenthalt bei Laskaris war nicht dazu geeignet gewesen, seinen Barbestand an Geldmitteln aufzubessern. Er entnahm also seinem schmalen Beutel zwei kursächsische Speziestaler und schmolz das schlechte Polensilber im Tiegel. Gewohnt, im Gebrauche des grauen Pulvers, das ihm Laskaris einst zur Verfügung gestellt hatte, subtil zu verfahren, entnahm er nun der neuerworbenen Phiole eine nur geringe Menge ihres Inhalts. Er war immerhin erstaunt, ein Pulver von anderer Beschaffenheit vor sich zu sehen, als er es bisher gekannt hatte. Der Inhalt des Glases war von glimmerartiger Beschaffenheit, und die winzigen Plättchen zeigten einen purpurn irisierenden, metallartigen Glanz. Diese ungewohnte Beschaffenheit des Steines bewirkte jenes sonderbare purpurne Leuchten, das dem Abenteurer schon in der Schlafkammer des Laskaris aufgefallen war. Indessen hoffte er, dass diese Farbe, als die des echten "roten Löwen", von noch größerer Wirksamkeit sein möchte als das graue Pulver.
Er bediente sich übrigens der Versuchsportion nach den Vorschriften des Prozesses und fand an dessen Ende im Tiegel eine Masse von merkwürdiger Beschaffenheit. Unter schlackenartig zusammengebackenem Ruß, der sich nur schwer abkratzen ließ, entdeckte er eine verhältnismäßig geringe Menge guten Goldes. Der Wert seiner geopferten Taler hatte sich auf diese Weise kaum vervierfacht. Jedoch schrieb er den eigentümlich mangelhaften Erfolg der höchst unreellen und dadurch ungünstigen Silbermischung der polnischen Taler zu, mit denen zu experimentieren er genötigt gewesen war.
Ohne sich darum weitere Gedanken zu machen, verkaufte er das gewonnene Gold und stattete sich von dem Erlös leidlich neu aus. Zugleich ließ er es nicht daran fehlen, das Gerücht von seinem Auftreten und seinen neuen Wundertaten auf geschickte Weise nach Prag vorauseilen zu lassen, wohin er sich schon am nächsten Tage auf den Weg machte.
Kaiser Leopold hatte inzwischen Prag verlassen, und der Graf Ruggiero folgte ihm daher auf dem Fuße nach Wien. Der Kaiser empfing ihn dort auf das leutseligste.
Leider aber zog fast zugleich mit dem Abenteurer ein anderer, im Verwandlungsprozess niemals fehlgreifender Alchimist in die Kaiserburg ein, der es unternahm, die kostbare Substanz des Monarchen selbst zu jenen ursprünglichen Bestandteilen zurückzuführen, aus denen der Schöpfer aller Dinge ihn genommen hatte.
Kaiser Leopold erlag der Transmutation des Todes, und Don Caétano, der seinen neuen Schauplatz wieder als Graf Ruggiero beschritten hatte, sah seine hochstrebenden Pläne vorerst in Nichts zerrinnen.
Glücklicherweise war der Verblichene nicht der einzige Fürst, der am Schmelztiegel sich von den Beschwerden des Lebens zu erholen suchte.
Es lebte damals zu Wien Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, der den verwaisten Adepten mit der Großmut eigennütziger Hoffnungen aufnahm.
Mit hochtönenden Worten versprach der Herr Graf, goldene Berge aus den verachtetsten Metallen zu schaffen. Zu Beginn seines Zauberwerkes ließ er sich zunächst gegen zweitausend Dukaten von seinem hohen Beschützer auszahlen, wofür er binnen sechs
Wochen zweiundsiebzig Millionen Taler besten Goldes hervorzubringen versprach.
Als aber die letzte Woche anbrach und der Graf Ruggiero sich dazu herbeiließ, mit seinen Prozessen zu beginnen, entdeckte er zu seiner peinlichsten Überraschung, dass der purpur leuchtende Inhalt der Phiole sehr viel an Glanz eingebüßt hatte und viel geneigter war, sich selber in Ruß zu verwandeln, als Blei in Gold zu transmutieren. Er fasste sich daher, nach einer Nacht der fürchterlichsten Flüche und Verwünschungen, kurz und entwich in der Dämmerstunde des darauffolgenden Tages aus Wien.
Bei der großen Eile vergaß er, dem Kurfürsten seine Dukaten wieder zuzustellen.
Dieser glänzende Komet am Alchimistenhimmel des achtzehnten Jahrhunderts schwang sich, ungeachtet der bedenklich entkräfteten Phiole, im Vertrauen auf die Leichtgläubigkeit des menschlichen Geschlechtes und auf die Habgier der Fürsten auf den Flügeln seines Ruhmes von Hof zu Hof und zog endlich im Jahre 1705 unter dem Namen eines Grafen Caétano da der Graf Ruggiero immerhin etwas anrüchig geworden war in die Hauptstadt des Königs von Preußen ein.
Ehe er indessen dorthin gelangte, trug sich eine andere, nicht minder wichtige Begebenheit zu.
Aus sicherer Entfernung zwar, doch mit geschickten Händen leitete Laskaris die Befreiung des Doktor Pasch aus der Feste Sonnenstein, wobei die unversöhnliche Fides die allerbesten Dienste leistete. Sie hatte vermöge der Beziehungen ihrer Herrin, der Gräfin Königsmarck, zu einem flüchtigen Auftreten des Griechen in Dresden ihrerseits Laskaris vor einigen Jahren persönlich gesehen. Die Laune des sonderbaren Griechen hatte damals sie flüchtig zu bemerken geruht, und einige freundliche Beweise väterlicher Zuneigung hatten das Herz der Kammerzofe aus gutbürgerlichem Hause dem interessanten Wundermanne zugewendet. Als dann Gelneck ihr Herz gewann und sich dadurch auch ihres Tuns bemächtigte, war jene freundliche Begegnung aus ihrer Erinnerung weggelöscht. Als aber jetzt Laskaris sich durch Mittelsmänner bei ihr in Erinnerung brachte, knüpfte sie mit größter Bereitwilligkeit die Verbindung aufs neue an, zumal, wie man sie erkennen ließ, ihre Hilfe dazu dienen sollte, die Rettung des wackeren Mannes aus dem Sonnenstein zu fördern.
Die lange vorbereitete und ersehnte Gelegenheit war endlich da, als der Gardist Michael Sandor an der Reihe war, den entscheidenden Posten auf Feste Sonnenstein zu beziehen, von dem die Möglichkeit einer Flucht des Doktor Pasch abhing.
Dunkel und stürmisch war diese Nacht, nicht unähnlich jener, in der der Doktor gefangen worden war. Gegen Mitternacht sanken die Regenschauer immer dichter herab, und in wilden Stößen heulte der Herbstwind. Mit angstvollem Blick suchte Michael, der schon vor einer Stunde die Wache angetreten hatte, aus dem schützenden Torgang der Kasematte hervor das Massiv des Gefangenengebäudes mit den Augen ab. Endlich sah er eine dunkle, schwankende Gestalt sich dort herabbewegen. Doch das Seil, an welchem Doktor Pasch herniederschwebte, mochte unter der Unbill des tagelangen schlechten Wetters, wo es in ungeschütztem Versteck gelegen hatte, morsch geworden sein. Es entglitt plötzlich den Händen des Herabkletternden, dieser stürzte auf die innere Umwallung, deren schlüpfrige Glätte seinen erstarrten Gliedmaßen keinen Anhalt gewährte, und jetzt fiel ein anscheinend lebloser Körper zu den Füßen des entsetzten Soldaten nieder.
Aber Michael verlor keinen Augenblick. Mit Riesenkraft hob er die vor ihm liegende Gestalt auf, schlich am Torweg und an der vollbesetzten Wachstube vorbei, in der noch das Wachkommando beim Würfelspiel lärmte, und erreichte glücklich das sogenannte Offizierspförtchen, das durch einen abkürzenden Kasemattengang ins Freie führte und dessen Schlüssel er mit verwegenster Schlauheit an sich zu bringen gewusst hatte. Draußen empfing ihn ein handfester Helfer, den der "Schwarze Ignaz" gesandt hatte. Fides, gleichfalls in männlicher Kleidung, harrte bei den Pferden. Es war unmöglich zu entscheiden, ob der
Gefangene noch lebe oder nicht. Sie hüllten ihn also rasch in mitgebrachte Decken, luden ihn auf das stärkste unter den Pferden und wandten sich mit tunlichster Beschleunigung dem Gebirge zu. Denn nur in den verborgenen Steiltälern und Wäldern des böhmischen Grenzlandes konnten sie hoffen, unentdeckt zu bleiben, und so geschah es. Die veränderte Richtung, die sie eingeschlagen hatten, entfernte sie auf das glücklichste von ihren Verfolgern.
Als die Wachen des Sonnensteins abgelöst wurden, entdeckte man sofort das Fehlen des wichtigsten Postens, und nach einer kurzen Durchsuchung der Festungswerke zeigte sich, dass die jedem Nichtoffizier unzugängliche kleine Pforte offen stand. Alsbald krachte der gefürchtete Kanonenschuss, welcher der erschrockenen Bürgerschaft in Pirna die Desertion eines Soldaten kundtat. Man wusste, dass nun unverzüglich nach allen Seiten die schwer bewaffneten Kuriere hinausjagten, und manches Stoßgebet erhob sich in die Nacht, denn das Schicksal eines wieder eingebrachten Deserteurs war erbarmungswert und grausam.
Noch vor Tagesgrauen wurde auch die Flucht des preußischen Gefangenen festgestellt, und ein neuer Reitertrupp folgte dem ersten mit strengsten Befehlen, die Ausreißer zu ereilen, es koste, was es wolle, ehe sie die Landesgrenze überschreiten konnten, und sie tot oder lebend zurückzubringen.
Indessen zogen die Flüchtigen ungehindert weiter, wenn auch das Tempo, in dem sie vorwärts kamen, wider alle Berechnung langsam war. Schon zwischen den ersten Felsblöcken des schützenden Gebirgswaldes hielten sie an.
"Wir müssen absteigen," unterbrach der Abgesandte des Griechen das peinliche Schweigen. "Wenn der Doktor noch lebt, ist es Zeit, zu untersuchen, wie es mit ihm steht. Auch ist es ratsam, die Pferde zu schonen. Folgt mir also, Herr Soldat, und achtet genau auf jede Wendung, die ich nehme, damit die ermüdeten Tiere nicht fehltreten. Wir werden ihrer hoffentlich noch bedürfen."
Mit diesen Worten schwang sich der Knecht aus dem böhmischen Turm vom Sattel und wandte sich dem Beipferd zu, das noch immer den regungslosen Körper des Geretteten trug. Er leitete es vorsichtig in eine schmale Talsenkung, die allmählich bis auf den Grund eines versteckten Felsenkessels führte. An einem mächtig überhängenden Steinblock, der eine Art von trockenem Unterschlupf bildete, hielt er an und hob mit Hilfe des Polen Doktor Pasch vom Rücken des Pferdes. Dann raffte er in der stockfinsteren Regennacht einiges Gestrüpp zusammen, das unter dem Felsen lag, und entzündete ein recht armseliges Feuer, bei dessen Schein er den Leblosen zu entkleiden und an allen Stellen seines Körpers kunstgerecht zu untersuchen begann.
Er fand keine der Glieder gebrochen, sondern führte den bedenklichen Zustand des Ohnmächtigen auf eine innere Verletzung zurück, die er sich bei dem Falle zugezogen haben mochte. Unverweilt ließ er sich aus der Satteltasche seines Pferdes ein Lederfutteral von Fides herabreichen, das ein Fläschchen mit dunkelgelber Flüssigkeit enthielt. Mit ihr befeuchtete er die Schläfen des Scheintoten, öffnete den festgeschlossenen Mund und flößte ihm einige Tropfen der Arznei ein, die gleichfalls aus der unfehlbaren Küche des Laskaris hervorgegangen war.
Die Wirkung des Trankes und der Einreibung war beinahe plötzlich. Pasch stöhnte schwer auf, jedoch seine Augen blieben geschlossen, und eine schwarze Blutmasse drang aus den bläulich verfärbten Lippen. Sanft emporgehoben von dem Arm seines Helfers, reinigte sich die Mundhöhle des Verletzten beinahe von selbst; erleichtert sank der Kranke zurück und fiel alsbald in schweren Schlaf, während ihn Michael und Fides lautlos und angstvoll beobachteten.
Als der Horizont sich mit einem dämmernden Lichtstreif zu gürten begann, ließ der Regen nach. Die Morgensonne tauchte rötlich empor aus den zerrissenen, immer noch düsteren
Wolkenmassen, und ihre ersten Strahlen schimmerten hoffnungserweckend auf den Spitzen der alten Tannen, die aus der Schlucht aufragten.
Fides hatte mit Besorgnis die zunehmende Helle betrachtet, die den Verfolgern, sobald sie sich dem Gebirge zuwendeten, mit Leichtigkeit den Weg verraten konnten. Jetzt mochte sie nicht länger schweigen und flüsterte:
"Höret, Wenzel, sind wir nicht noch immer in gefährlicher Nähe des Sonnensteines? Es wäre wohl Zeit, aufzubrechen!"
Der Knecht Wenzel warf einen flüchtigen Blick auf die Sprecherin.
"Habt Ihr einen guten Ortssinn?" fragte er kurz. Und als Fides lebhaft bejahte, fuhr er fort: "Ich darf den Kranken nicht verlassen, aber es ist zu wünschen, dass vorerst einmal die Pferde in Sicherheit gebracht werden. Gebt nun wohl acht auf das, was ich Euch sage: Ihr müsset genau denselben Weg mit den Pferden zurückgehen, den wir gekommen sind. Der Hohlweg, der bis zum Rande der Schlucht hinaufführt, ist nicht zu verfehlen. Dort wendet Ihr Euch scharf nach Südosten und umschreitet diesen Felsenkessel hier in einem Halbkreis; Ihr werdet dann ein Föhrenwäldchen finden. An diesem Gehölz entlang gehet weiter. Nach ungefähr einer Stunde schließt sich daran ein Bestand von hohen und starken Laubbäumen. Dort achtet genau, dass Ihr die hohe, vielhundertjährige Eiche findet, deren dürrer Wipfel über die anderen Stämme und Baumkronen wie ein Landzeichen emporragt. Der Weiser, den Ihr am Stamme reingeschnitten findet, führt Euch von Baum zu Baum, bald rechts, bald links, tief in das Dickicht hinein, zu einer verfallenen Hütte. Ihr müsset das Zeichen, das wie ein Halbmond geformt ist, genau beachten, dass Ihr Euch nicht verirrt. Saget dem Köhler, den Ihr dort finden werdet, der Wenzel bitte um eine Tragbahre und er warte im kleinen Kessel. Im übrigen vertraut Euch unbesorgt dem Manne und seiner Leitung an und tut genau, was er Euch sagt. Eilet so rasch Ihr könnt, Ihr habt recht, die steigende Sonne lockt uns die Verfolger auf den Hals. Seid Ihr erst dort, wohin ich Euch sende, so gleicht die Spur, die wir hinterlassen auf ein Haar der Spur des Fisches im Wasser."
*
König Friedrich I. von Preußen ruhte in seinem Armsessel und lauschte aufmerksam der Erzählung eines hochgewachsenen, bleichen Mannes, der vor ihm stand.
"Setz Er sich, lieber Pasch," unterbrach der König den Vortrag des Doktors, "ich sehe, Er fühlt sich noch recht angegriffen."
Der Erzähler dankte dem König mit leichter Verbeugung und ließ sich, sichtlich ermüdet, auf einen Stuhl nieder. Er fuhr fort:
"Ich erwachte aus meiner Ohnmacht durch die Strahlen der Sonne, vielleicht auch infolge einer würzigen Essenz, die meine Begleiter mir an die Schläfen rieben. Ich fand mich auf einer Bahre von zwei Männern getragen. Diese Männer hielten an, als sie mein Erwachen bemerkten. Auf meine verwirrten Fragen wandte sich der Führer zu mir um, und ich erkannte in ihm augenblicklich den Böhmen wieder, den mir Laskaris zu Böttichers Befreiung seinerzeit zugeschickt hatte. ,Dank der heiligen Jungfrau, dass Ihr lebt, rief er mir zu. ,Wir bringen Euch bald in bessere Pflege, haltet Euch nur ruhig und traget Euer Missgeschick mit Geduld. Ihr werdet über alles Warum und Wohin, das Euch jetzt sichtlich die Sinne noch betäubt, sehr bald alles Nötige erfahren, sobald wir nur erst an Ort und Stelle sind. Für jetzt beruhigt Euch und lasset Euch genügen, dass Ihr lebt, dass Ihr aus der Festung heraus und gerettet seid und dass Ihr zu guten Freunden kommt. Geben Euch Mühe, tief zu atmen, die würzige Waldluft wird Euch stärken.
Mit diesen Worten hoben sie wieder die Bahre und zogen mit mir weiter. Nach mancherlei Kreuz- und Querzügen, denen ich nur mit halbem Bewusstsein und geringer Aufmerksamkeit
folgte, erreichten wir eine Hütte, wie sie die Köhler zu errichten pflegen, und dort traten mir die zwei braven Menschen entgegen, deren entschlossener Hilfe ich die Freiheit verdanke: der Pole Michael Sandor und die tapfere Fides Breitenbach, die ehemalige Kammerzofe der Gräfin Königsmarck, die Tochter wohlbegüterter Eltern, die einen großen Hof und ein ansehnliches Gasthaus an der Elbe bei Schandau bewirtschaften. Der böhmische Wenzel gestattete uns indessen keine Minute Zeit zum Austausch von Begrüßungen und Danksagungen. Wie es geschah, weiß ich nicht die Hütte begann sich plötzlich im rechten Winkel um sich selbst zu drehen und zeigte eine geräumige Öffnung, in die ich mit Hilfe starker Seile hinabgelassen wurde. Dann folgten die anderen an einer Strickleiter hinab, und ich sah, auf meiner Bahre aufwärtsblickend, wie das Holzhäuschen durch eine abermalige Drehung sich über uns wie Deckel schloss.
Im Lichte zweier Blendlaternen bewegte sich der Zug durch einen mäßig hohen und trockenen Gang weiter fort. Der nicht allzu lange Weg mündete in eine geräumige Tropfsteinhöhle, in der sich zu meinem Erstaunen schon unsere Pferde befanden. Diesen klopfte Michael Sandor lachend die breiten Hälse, hing ihnen Hafersäcke um und erklärte uns, dies sei unser kostbarstes Besitztum für die weitere Flucht. Sobald ich mich so weit erholt haben würde, um mich im Sattel halten zu können, sollte der Weg fortgesetzt werden."
Pasch hielt erschöpft inne, und auf einen Wink des Königs erschien ein Lakai mit gutem Wein. Lächelnd rückte der König seinen Stuhl zu dem des Doktors und stieß mit ihm auf baldige Genesung an. Der feurige Tokaier ließ eine schwache Röte in dem Gesicht des Doktors aufsteigen.
Friedrich hob freundlich drohend den Finger und sagte: "Er nippt ja nur wie eine Jungfer. Tue Er immerhin einen herzhaften Zug, der Wein sollte ihm gut tun. Der Große Kurfürst bekam ihn zum Dank für Hilfe in der Ungarnschlacht gegen die Türken!"
Pasch legte die Hand auf seine Brust, aus der der Atem mit leisem Rasseln stieg: "Majestät, ich darf so viel nicht trinken. Ein ganzes Glas des starken Weines würde mein Blut zu sehr erhitzen. Ich fürchte, es würde sich gewaltsam Bahn machen wie in jener Schreckensnacht nach meinem Sturz."
"Dann red er heut nicht mehr," unterbrach der König schnell und legte seine Hand liebreich auf den Arm des Doktors. "Er mag mir morgen den Schluss seiner Erzählungen mitteilen."
Doktor Pasch sah seinen König mit sonderbaren Augen an. Er sagte leise: "Das Morgen ist für einen Mann wie mich eine allzu unsichere Zukunft. Es ist besser, heute zu reden, weil mein Zustand zu keiner Stunde Gewissheit gibt, ob ich nicht morgen ein stiller Mann bin. Wollen Majestät also die Gnade haben, zu Ende zu hören, so bitte ich um die Erlaubnis, fortfahren zu dürfen."
Der König nickte erschrocken, und sein Gesicht zeigte ehrliche Rührung.
"Es war ein recht wohlangelegter Felsenkeller," fuhr Doktor Pasch fort, "in dem wir uns befanden. Ein schmaler Spalt ließ das Licht des Tages gedämpft hereinfallen. Von außen war unsere Zufluchtsstätte, wie man mir sagte, vollkommen unzugänglich, denn über und unter uns stieg die Felswand schroff empor, so dass unsere Höhle in mittlerer Höhe der Wand ins Freie mündete.
Wochen vergingen hier in diesem Aufenthalt. Meine spärlichen Kräfte kehrten sehr langsam zurück. Laskaris schickte Arznei über Arznei, doch das Zerstörte kann auch seine Tinktur nicht wieder gesund machen. Ich glaube, es war Wunders genug, dass ich mich bis zu dem Grade erholt habe, wie Ihr mich heute vor Euch seht.
Endlich erachtete mich der böhmische Wenzel für tüchtig genug, aufs Pferd gehoben, in langsamen Tagereisen den Böhmischen Wald zu erreichen. Niemand verfolgte uns mehr; der Kurfürst von Sachsen hatte dem Gerücht Glauben geschenkt, das zu ihm gedrungen war: wir seien nach Böhmen entkommen. Wir durchzogen das Böhmische Gebirge mit
Gemächlichkeit. Einige Tage nahm mich Laskaris in einem alten Burgsitz freundlich auf, den er sich mitten im Wald für seinen besonderen Zweck dort zurechtgemacht zu haben scheint. An der schlesischen Grenze trennten sich Michael und Fides von mir, und unter dem Geleit des treuen Wenzel erreichte ich Eurer Majestät Lande, und nach einigen Tagesreisen Berlin, wo mich Wenzel dem Schutz meines allergnädigsten Königs unterstellt wusste. Die ausgezeichnete Arznei, deren stärkende Kraft mein fliehendes Leben bis heute gefristet hat, ließ er mir zurück, und ich fühle an jedem Tage die schmerzhaften Krisen meiner zerrissenen Lunge durch deren Gebrauch bedeutend gelindert, wenngleich selbst Laskaris mir nicht zu verheimlichen vermochte, dass meine Lebenstage gezählt sind und dass es gegen solche Verletzungen, wie ich sie in mir trage, kein Heilkraut gibt."
Doktor Pasch lehnte sich sichtlich erschöpft in seinem Stuhl zurück. Auch der König schwieg tiefbewegt. Nach einer nachdenklichen Pause hob der König noch einmal den Kopf und fragte zu Doktor Pasch hinüber:
"Nun sag er mir für heute noch eins, wertester Doktor. Hält er diesen Bötticher für einen Adepten oder nicht? Und wie denkt Er als ein verständiger Mann über die Quinta essentia?"
Den hell auf ihn gerichteten fragenden Augen des Monarchen begegnete Doktor Pasch mit ebenso klarem, weit ausschauendem Blick:
"Diese Quinta essentia, Majestät, ist ein Trugbild menschlicher Einbildungskraft, von Habsucht und Eitelkeit mit den lebendigsten Farben ausgestattet und von der betrügerischen Sage absichtlich genug mit Wundergeschichten aller Art umkleidet. Wer daran glaubt, tut nicht besser als der, den die Fabelgestalten des Homerus dazu verleiten, große Reisen zu unternehmen, um das Land des Polyphem oder die Inseln der Sirenen zu suchen.
Es ist unwahr, dass die Kraft eines Pulvers die Urbestandteile der Natur umzugestalten vermag, deren Unveränderlichkeit feststeht. Es ist daher unwahr, dass irgendeine der berühmtgewordenen Transmutationen wirklich stattgefunden haben. Daher vermag auch Bötticher selbstverständlich nichts auf dem Felde dieser eingebildeten Kunst."
"Und Laskaris?" unterbrach der König lebhaft.
Doktor Pasch lächele undurchdringlich: "Selbst die in der Tat wunderbar kräftigende Essenz, die ich aus der Hand des geheimnisvollen Laskaris empfing, beruht nur auf einer Zusammensetzung von heilsamen Kräutern, wie sie in den Gebirgen wachsen und die von den Umwohnern seit alters als bewährte Mittel gegen bestimmte Übel angewendet werden. Ich leugne natürlich nicht, dass es Laskaris gelungen sein mag, durch Auswahl, Zusammensetzung und kräftigsten Auszug, dessen Rezept sein Geheimnis sein mag, eine Tinktur von ungewöhnlicher Wirkungskraft herzustellen. Indessen wäre es lächerlich, von einem solchen Lebenselixier zu erwarten, dass es zerstörte Organe ersetzen oder regenerieren könne. Und so wenig diese Tropfen meine zerfressenen Lungen in gesunde zu verwandeln vermögen, so wenig vermögen sie Blei in Gold zu transmutieren. Befehlen Majestät einen Versuch mit diesem purpurroten Elixier in meiner Hand? Ich bürge mit den wenigen Tagen, die mir noch übrig sind, dass sie kein Quecksilber zu Gold verwandeln werden."
Doktor Pasch hielt dem König die kleine Phiole mit wehmütigem Lachen entgegen.
"Behüte Gott," rief der König überrascht und darum in augenblicklicher Verwirrung abwehrend, "dass ich Ihm entziehen sollte, was sein Leben stärkt, um meine Neugier zu befriedigen, die Er kindisch nennt."
Jedoch war den Mienen des Königs deutlich anzumerken, dass er nur widerstrebend seinen heimlichen Glauben preiszugeben vermochte. Er fragte daher aufs neue und mit einem gewissen Zögern:
"So hält Er also auch nichts von dem Wundermann, der sich uns vorzustellen wünscht und der seit einigen Tagen in unserer Hauptstadt angelangt ist, von diesem angeblichen Grafen Caétano?"
"Nein, Majestät!" entgegnete Pasch geradezu. "Dieser Italiener ist ein abgefeimter Betrüger, wie ich von vornherein anzunehmen geneigt wäre, wie mir aber zu allem Überflusse der böhmische Wenzel erzählt hat, der ihn und seine zweifelhafte Vergangenheit zu kennen behauptet."
"Nun, nun," rief der König, und ein leichter Schatten des Missmutes überfiel seine Stirn, "wir werden ja sehen! Er muss doch zeigen dürfen, was er kann!"
Doktor Pasch Miene wurde von neuem undurchsichtig. Er vermied eine Entgegnung.
Der Winter hatte das Land mit weißen Flocken bedeckt und manche Hoffnung zu Grabe getragen.
Auf dem Berliner Friedhof war ein Stein errichtet, dessen goldene Inschrift meldete, dass hier der Doktor Pasch seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
In der Geheimkanzlei König Friedrichs aber schloss der Geheimschreiber Schmitt den dünnen Faszikel mit einer kunstvollen Schnörkel ab, auf dessen Deckel stand:
"In Sachen Graf Caétano, apulischen Viehknechts, Erzbetrügers und Erzschelmen. Causa finita."
*
Die schöne Elisabeth von Fürstenberg war zu Besuch auf dem Stammgut des alten Geschlechtes der Grafen von Erbach im Odenwald eingetroffen. Fürst Egon von Fürstenberg, ihr Vater, wünschte sie dort mit Eberhard, dem ältesten Sohne des regierenden Reichsgrafen, zu vermählen. Doch trug Elisabeth kein Verlangen, sich dem erwählten Gatten zu verbinden. Vielleicht lebte in ihrer Erinnerung noch allzu frisch das Andenken an jene Ballnacht und jenes Geschenk, das die Maske mit den Fledermausflügeln ihr dargereicht hatte. Neue und dringende Anmahnungen ihres Vaters versetzten sie immer wieder in eine bittere Stimmung, und sie schaute aus dem Fenster ihres Zimmers unmutig hinab in den wirbelnden Winterschnee, der den engen Schlosshof zu Erbach zu füllen begann und dessen Spiel mit ihrem eigenen, unstet durcheinanderwirbelnden Gedanken in seltsam beruhigendem Einklang war.
Ein Diener des Grafen Erbach unterbrach das Grübeln der jungen Fürstin. Sie erbleichte, als sie ein Kästchen in seinen Händen erblickte, das auf das genaueste jenem anderen glich, das ihr im Palast der Gräfin Königsmarck die Todesdrohung gebracht hatte. Als der schweigsame Lakai es sachte auf ein Tischchen niedersetzte und mit halblauter Meldung hinzufügte: ein fremder Kurier habe es zu sofortiger Ablieferung an die Fürstin übergeben, besaß sie kaum noch Kraft genug, den Diener durch ein Zeichen zu entlassen. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und überließ sich einem fassungslosen Ausbruch eines ihr selbst unverständlichen Schmerzes.
Endlich folgte den Tränen eine Aufwallung trotzigster Entschlossenheit. Sie ergriff das Kästchen, um es zu öffnen. Sie sah ein zierliches Schloss, jedoch der Schlüssel fehlte. Elisabeth erinnerte sich, dass der kleine Schlüssel, der an dem ersten Geschenk gehangen hatte, noch in ihrer Verwahrung sich befand, und suchte ihn hervor. Ihre Vermutung betrog sie nicht, der Schlüssel passte auch zu dem neuen Geschenk. Mit unruhigen Händen öffnete sie, und ein glänzendes Geschmeide, mit seltenen Steinen besetzt, funkelte ihr entgegen. Ein zusammengerollter Brief, den eine goldgrün gedrehte seidene Schnur umspannte, versprach Aufklärung. Sie entfaltete das Papier zitternd, und je mehr sie dessen Inhalt begriff, desto höher röteten sich ihre Wangen, desto seltsamer leuchtete ihr noch von Tränen befangener Blick.
Sie warf sich in ihrem Sessel zurück. "Nein, nein," rief sie aus und ballte das Papier in ihrer Hand, "ich liebe ihn noch, immer noch, aber es ist doch ganz unmöglich, dass ich ihm folge! Was ist das für eine Wahl, vor die er mich stellt! Wie eine fahrende Dirne soll ich um
Mitternacht am Schlosstor da drunten auf ihn warten, soll mit ihm fliehen, soll ins ungewisse hinaus, soll die phantastische Reise in seine unbekannte Heimat wagen, soll auf weiß Gott welchen ziegenbewohnten griechischen Inseln die Beherrscherin schmutziger und zerlumpter Schafhirten werden und soll ihm aufs Wort glauben, dass sein Blut, dem meinen ebenbürtig und noch um vieles älter, mir auch künftig fürstlichen Rang gewährleistet!?! . . . Elisabeth von Fürstenberg als Königin kleinasiatischer Banditen! Wer ist er denn? Hat er mir je mit deutlichen Worten berichtet, woher er stammt, an welcher Grenze dieser unbekannten Welt seine Herrschaft beginnt und an welche Seeklippe sie endigt? Nannte er mir je einen anderen Namen als den Willkürnamen eines Abenteurers? Er nennt sich einen Fürsten Laskaris jedoch aus welchem Hause? Er nennt sich einen Abkömmlich griechischer Kaiser, jedoch mit welchem Recht? Was ihn kühn macht, fürchte ich, ist weniger der zuverlässige Adel seiner Abkunft als meine Schwäche, die er kennt. - - Und besinne ich mich, mache ich auch nur noch den Einwand einer einzigen Frage, entschließe ich mich nicht bis zur dritten Mitternacht, so ist ihm der Wille meines Vaters Gesetz, und er verspricht, aus meinem Leben gänzlich zu verschwinden! Er wünscht dann dem Grafen Erbach Glück zur fürstenbergischen Gemahlin!" So klagte, zürnte und zweifelte die schöne Elisabeth und fand weder Rat noch Entschluss.
Zur selben Zeit begaben sich zu Dresden sehr wunderliche Dinge.
Dort hatte ein neuer Sendbote des mächtigen Griechen, der nicht nur alle geheimen Kräfte der Natur, sondern auch die entschlossensten und fähigsten Diener zu beherrschen schien, eine neue Flucht Böttichers vorbereitet, und diesmal sollte und musste sie gelingen. Die verlockende Aussicht auf königlich reichen Gewinn verblendete selbst den klug berechnenden Gelneck, der zögernd seine Mitwirkung in dem neuen Entführungsdrama zugesagt hatte, weil er sich nach allen Seiten hin für gedeckt und sicher hielt.
Der Tag brach an, der zur Ausführung des ungemein geistreich entworfenen Planes bestimmt war: jedoch ein ungünstiges Gestirn beschien das Schicksal des jungen Alchimisten. Ein geheimnisvoller Warner benachrichtigte König August wenige Stunden zuvor den dem Verlust, der ihn bedrohte, und vereitelte so das Unternehmen. Gelneck wusste zwar den Anschuldigungen, die sich gegen ihn richteten, mit eiserner Stirn und Erklärungen, die die Sache für ihn günstig darzustellen mussten, zu begegnen, jedoch er vermochte es trotzdem nicht, den einmal erweckten Verdacht aus der Seele seines überaus misstrauischen Herrn wieder zu verdrängen.
König August, der so manchen ernüchternden Blick hinter die Schleier getan haben mochte, die das wahre Wesen seines Geheimen Rates verbargen, entließ kurze Zeit darauf den ehemaligen Günstling in Gnaden. Das geringe Jahresgehalt, das ihm ausgesetzt blieb, wurde in jenen unruhigen Zeitläuften nur unregelmäßig und kümmerlich bezahlt, und der intrigante Streber erachtete es für angemessen, aus dem unfruchtbar gewordenen Dresdner Kreise zu verschwinden, um an weitentferntem Orte eine neue Laufbahn zu beginnen.
Nur einmal bei den abenteuerlichen Umschwingungen seines Schicksals traf er nochmals auf bekannte Züge inmitten des wunderbaren Getriebes, das man den Lauf der Welt zu nennen pflegt.
Es war in einer norddeutschen Stadt, in einem Augenblick seines Lebens, da die launische Schicksalsgöttin das Rad seines Glückes bis auf den tiefsten Punkt inneren und äußeren Elends in den Kot hinabgedrückt hatte, als er der ehemaligen Freundin, der Gattin des Michael Sandor, begegnete. Der Pole durchzog mit seiner Gemahlin die Länder als ein ausgesandter Apostel der gewaltigen Scheidekunst, deren wahrer Beherrscher nach seiner Gewohnheit ihn freigebig mit dem wunderwirkenden Pulver ausgestattet hatte.
Niemand hätte in dem reichgekleideten, vornehmen Mann, der sich Baron Dierbach nannte und das Patent eines Obersten der österreichischen Armee vorzuweisen vermochte, den
ehemaligen Soldaten von der Feste Sonnenstein wiedererkannt, der einst, mit dem Speisekorb seines Offiziers beladen, zwischen Pirna und der Festung Botengänge getan hatte. Auch Fides hatte es verstanden, die im höfischen Dienst zu Dresden erlernten Formen der großen Welt auf eine nicht unsympathische Art und Weise mit der ehrbaren Gesinnung und den zuverlässigen Grundsätzen ihres gutbürgerlichen Elternhauses zu verbinden. Sie erschein als Baronin Dierbach äußerlich wohl als große Dame von Welt, verleugnete jedoch niemals ihre Herkunft, bezauberte durch die Anmut und die echte Bescheidenheit ihres Wesens ihre eigenen Diener nicht weniger als die hohen Herren, mit denen sie in Berührung kam, und war dazu allezeit die treue Kameradin ihres Mannes geblieben.
Wie tief musste der stolze Geheimrat von Gelneck gesunken sein, dass er die volle Börse, die Fides im Vorübergehen ihm zuwarf, wie ein Almosen aufhob und mit den abgeschabten Manieren des entgleisten Höflings ihr die Hände küsste, während ein verzeihender Widerwille das Gesicht der schönen jungen Frau überzuckte. In ihre Augen traten bei dieser Begegnung zwei Tränen, die für immer, soviel an ihnen lag, die ferneren Wirkungen ihres einstmaligen Fluches fortschwemmten.
*
Der unglückliche Bötticher ergab sich nach dem Misslingen dieses letzten Fluchtversuches in sein Schicksal. Der aufgebrachte Kurfürst ließ sich nur mit Mühe davon abhalten, gegen seinen Gefangenen mit Körperstrafen vorzugehen. Bötticher bewies in diesen kritischen Tagen zum ersten Male Klugheit und männliche Haltung. Er trat dem in seiner Ungnade wie in seiner Gnade gleich maßlosen und gefürchteten August dem Starken mit Würde entgegen und betonte, dass nicht er es gewesen sei, der seiner Majestät mit unerfüllbaren Anerbietungen Zeit und Geld gestohlen habe; soweit er sich entsinne, sei es der Herr Generalgouverneur von Fürstenberg gewesen, der ihn wider Recht und Billigkeit als einen Landflüchtigen, der sich im Schutze der Landeshoheit Seiner Majestät geborgen gemeint habe, zu Wittenberg kurzerhand habe ausheben lassen. Seine Überführung nach Dresden sei unter Anwendung von Gewalt erfolgt; und unter Anwendung von Gewalt und Drohungen seien ihm die Experimente mit dem Reste einer geheimnisvollen Substanz abgedrungen worden, die er selbst nicht hergestellt habe und deren Bereitung er nicht kenne. Niemals habe er das Gegenteil behauptet, niemals habe er Seine Majestät durch lügnerische Versprechungen hingehalten und geschädigt. Das einzige Versprechen, dessen er sich schuldig halte, sei der jungendliche Leichtsinn, mit dem er gehandelt habe, und zwar sowohl in Verwendung der gefährlichen Gabe, die ihm geworden sei, als auch die Rücksicht seiner Vertrauensseligkeit gegenüber Treulosigkeiten der Behörden.
Von König August barsch befragt, aus wessen Hand ihm jenes graue Pulver gekommen sei, erklärte Bötticher wahrheitsgemäß, dass er Name und Herkunft jenes Mannes nicht kenne, der in der Apotheke "Zum Elefanten" in Berlin mit ihm während einer einzigen Stunde Wahrheit und Durchführung des Prozesses besprochen habe. Er könne dazu nur so viel sagen, dass jener Unbekannte ein Ausländer und nach den Andeutungen des Apothekers Zorn mutmaßlich ein Grieche gewesen sei.
Bei Erwähnung dieses Umstandes überfiel das Gesicht des Königs eine tiefe Röte, und es war ungewiss, ob es Zorn oder Betretenheit war, was ihn die Unterlippe nagen ließ. Jedenfalls war er von diesem Augenblick ab milder und gnädiger gegen Bötticher als je zuvor.
Bötticher erfasste rasch die günstige Wendung des Augenblicks, Er setzte nun dem König in besonnen Worten auseinander, wessen er sich fähig halte und welche Versprechungen er seinem Herrn machen könne. Er bestritt keineswegs, eine gute Schule der Alchimie durchgemacht zu haben und von jenem Griechen mit Winken versehen worden zu sein, die es ihm nicht ausgeschlossen erscheinen ließen, durch selbständige Arbeit den Weg des Prozesses
vielleicht noch zu finden. Wenn also Seine Majestät darauf bestehe, ihn fernerhin zu seinen Diensten zu halten, so erbitte er sich die Frist von zwei Jahren, ein mit allen notwenigen Einrichtungen und Materialien wohlausgestattetes Laboratorium und ungestörte Freiheit des Arbeitens. Versprechen könne und wolle er nichts als Treue und Fleiß und die Aufwendung allen Scharfsinns, um den König durch Erreichung des erhofften Zieles zu befriedigen.
König August hörte diese Worte seines gewesenen Hofalchimisten mit nachdenklicher Miene. Er sah lange zu Boden, warf dann einen seiner durchdringenden Blicke auf Bötticher, winkte kurz und verließ das Kabinett, in dem die Audienz stattgefunden hatte.
Bötticher wurde nicht ins Gefängnis, sondern in seine vorige schöne Wohnung zurückgeführt und harrte dort der königlichen Entscheidung.
Der Grieche Laskaris beschloss nach einer langen und sorgfältigen Überlegung mit seinen Getreuen, seinen Schützling Bötticher einstweilen den Gefahren neuer Befreiungsversuche nicht mehr auszusetzen. Er wusste, dass das System der Bewachung, am sächsischen Hofe sowieso zur größten Vollkommenheit ausgebildet, für die nächste Zeit selbst ihm jede Möglichkeit des Eingreifens unratsam machen werde.
Er schlug daher einen anderen Weg ein, der, wenn auch nicht so rasch, zuletzt doch zum Ziele zu führen versprach.
Zur selben Zeit, als König August in Dresden die Maßnahmen erwog, die er nun in der Angelegenheit des jugendlichen Geheimrats von Bötticher ergreifen wolle, ritt aus dem Böhmer Wald ein neuer Bote über die sächsische Grenze, der einen eigenhändigen Brief des Griechen wohlverwahrt im Sattelknopf trug. Der Reiter vermied die Stadt Dresden. Er wandte sich nach Meißen und stieg dort in einem bescheidenen Gasthof ab.
Zwei Tage darauf erbat sich der Graf Ehrenfried von Tschirnhausen, Schlossherr auf Kieslinkswalde, geheime Audienz bei König August.
Der Graf war dem Herrscher besonders wert wegen der außerordentliche glücklichen Industrieunternehmungen, die er, größtenteils zum Nutzen des sächsischen Staates, mit größtem Geschick und bestem Erfolg begründet hatte. Tschirnhausen hatte vor Kurzem die dritte Glashütte in sächsischen Landen eröffnet, und seine vorzüglich eingerichtete Mühle zum Schleifen großer Brennspiegel, wie sie in solcher Güte selbst in Holland nicht hergestellt werden konnten, versprochen, Gewerbefleiß und guten Ruf des Landes aufs glücklichste zu fördern.
Tschirnhausen galt zu alledem als ein tiefgründiger Kenner der Alchimie und genoss in dieser Hinsicht das unbedingte Vertrauen des Königs. Er war selbstverständlich mit der Angelegenheit des Goldmachers Bötticher des öfteren schon befasst worden, und der Graf war es gewesen, der den König schon zu mehreren Malen zur Mäßigung veranlasst hatte. Er durchschaute von Anfang an die Rolle, die der unselige Bötticher übernommen hatte. Er war es zuletzt auch gewesen, der den König davon überzeugte, dass der junge Apotheker keinesfalls im Besitze des großen Geheimnisses sein könne. Es kam hinzu, dass Tschirnhausen bei dem kurzen Besuche des geheimnisvollen Griechen in Dresden mit diesem mehrere Tage auf seinem Schlosse Kieslinkswalde verweilt und also Grund zu seiner Andeutung hatte, dass er Können und die Absichten des geheimnisvollen Griechen ziemlich durchschaue. Man konnte nicht behaupten, dass der Graf in seiner Mitteilung je allzu deutlich geworden wäre. Auch er bediente sich des bequemen Mittels vornehm ironischer Zweideutigkeit und wusste geschickt den Glauben von sich fernzuhalten, dass er ein überzeugter Schüler der königlichen Kunst, geschweige denn ihr wissender Adept sei.
Graf Tschirnhausen also erschien in Dresden beim König und erwirkte im Laufe einer stundenlangen, vertraulichen Besprechung von Seiner Majestät die Verfügung, dass der Geheimrat von Bötticher zu entlassen und unter die persönliche und verantwortliche Obhut des Grafen Tschirnhausen zu stellen sei.
Dieser Befehl brachte die glücklichste Wendung im Leben des unfreiwilligen Adepten, die diesem noch beschieden war. Er verließ Dresden und sein glänzendes Gefängnis in Begleitung des Grafen wenige Tage darauf; und nun hielt den frühgereiften und vorzeitig gealterten Mann auch keine Sehnsucht des Herzens mehr in der ihm verhasst gewordenen Stadt. Elisabeth von Fürstenberg hatte ja längst die sächsische Hauptstadt, und wie es schien, für immer verlassen.
Bötticher fand in dem Stadthaus des Grafen zu Meißen behagliche Unterkunft. Schwur und Handschlag nicht nur, sondern bald auch persönliche Anhänglichkeit und Dankbarkeit für den Grafen, der sich dem schicksalsgeprüften Bötticher als ein wahrhaft fürsorglicher Vater erwies, banden ihn freiwillig an dieses Haus, in welchem er hinfort frei und unbewacht ein und aus ging. Monatelang arbeitete er mit dem Grafen gemeinsam in dem trefflich ausgestatten und von König August freigiebig mit allen angeforderten Hilfsmitteln versehenen Laboratorium. Nach Jahresfrist erhielt er sogar von Landesherrn die ausdrückliche Erlaubnis, den Grafen auf sein Landgut Kieslinkswalde zu begleiten und dort in der Stille und Behaglichkeit eines wohltätigen Landaufenthaltes ungleich mit seiner Arbeit die Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit zu fördern.
Indessen führten alle Experimente und gemeinsame Bemühungen Böttichers und seines freundlichen Gastgebers nicht zum Ziel.. Ein Jahr der bedungenen Frist war schon verstrichen, und die kaum gewonnene Gemütsruhe des jungen Hofalchimisten drohte neuer Verwirrung und Sorge um die Zukunft zu erliegen. Die wechselnde Laune Königs August hatte schon mehrfach Botschaft an Tschirnhausen gelangen lassen, die mit Ungeduld und erneutem Groll nach dem Erfolg der unter so begünstigten Umständen wieder aufgenommenen Arbeiten sich erkundigte. Drohend stand dem Staatsgefangenen ein erneuter Ausbruch des Misstrauens und des Zornes der Majestät vor Augen, und das Ende von alledem war ungewiss und zermürbte infolge der andauernden Angstvorstellungen vollends die Lebenskraft des Unglücklichen.
Es war genau ein Jahr seit der Abreise Böttichers aus Dresden verflossen, und die letzten Arbeitstage in der Küche des Schlosses zu Kieslinkswalde hatten wieder mit einem Misserfolg und zugleich mit einem gesundheitlichen Zusammenbruch Böttichers geendigt. Da trat am folgenden Morgen der Graf Tschirnhausen an das Bett seines Gastes und weckte den Übermüdeten mit freundlichem Lächeln. Als Bötticher emporfuhr, sah er hinter dem Grafen einen bestaubten Mann stehen, der soeben von einem scharfen Ritte aus großer Ferne gekommen zu sein schien. Der Graf hielt in der Hand ein kleines Täschchen aus Pergament von derselben Art wie jenes, das der Grieche Laskaris in der Apotheke Zorns zu Berlin hinterlassen hatte. Tschirnhausen sagte: "Dies sendet Ihnen Laskaris, der nicht nur mein Freund, sondern auch der Ihrige ist."
Bötticher griff mit gieriger Hast nach dem Beutelchen, über dessen Inhalt kein Zweifel sein konnte. Aber wie er nun das ersehnte kostbare Pulver in seiner Hand wog, hielt er, im Begriff, den Rand der Tüte abzureißen, plötzlich, wie von einer Eingebung betroffen, inne. Eine tiefe Trauer, er wusste nicht weshalb, stieg in seinem Innern auf, Tränen traten ihm schwer und langsam in die Augen, und er schüttelte leise den Kopf. Dann sah er zu seinem Beschützer auf und sagte: "Was soll mir der Schatz, dessen rechtmäßiger Besitzer ich doch niemals sein werde? Ich halte ein Geheimnis in meiner Hand, dessen Wesen mir darum nicht weniger verschlossen bleibt. Ich habe keine Freude mehr an dem Spiel mit dem Wissen anderer. Ich habe gefehlt, als ich meine Bewunderung für die erhabenen Geheimnisse der Natur mit meiner eigenen Natur und Eitelkeit vermengte. Mein Schicksal hat mich belehrt und mich zu der Weisheit erzogen, deren diese meine Natur vielleicht allein fähig ist: den Wert wahrhafter Bescheidenheit zu erkennen." Mit diesen Worten reichte er dem Grafen die kleine Pergamenttasche uneröffnet zurück und weigerte sich entgegen allen Vorstellungen des
Grafen mit Entschiedenheit, sich des Pulvers, sei es zu welchem Zweck auch immer, zu bedienen.
Graf Tschirnhausen ließ sich von den Einwänden seines jungen Freundes überzeugen und erkannte mit Rührung die tiefen Wendung, die sich im Wesen seines Schützlings vollzogen hatte. Er lobte ihn zuletzt herzlich wegen seines Entschlusses und gab auch seinerseits dem Boten das Päcklein uneröffnet zurück.
Mit einem Briefe von der Hand des Grafen, in dem dieser dem Griechen alle Umstände und Gründe der Ablehnung seiner Gabe freundschaftlich auseinander setzte, ritt der Abgesandte wieder von dannen.
Von diesem Tage an war das vertrauliche Verhältnis zwischen dem alten Grafen und dem jungen Bötticher zu treuester Freundschaft befestigt.
Es mag dahingestellt bleiben, ob Böttichers Ablehnung der wunderbaren Gabe, deren Wert für ihn ja immerhin nach Lage der Dinge recht zweifelhaft war, ausschließlich verursacht war durch die demütige Einsicht in seine Unwürdigkeit. Der weitere Verlauf der Dinge lässt die Vermutung zu, dass Bötticher, nicht ohne eigenen Ehrgeiz und natürlichem Stolz, die Hoffnung nicht verloren hatte, auf eigenen Wegen zu einem selbsterarbeiteten Ziele zu gelangen.
In dem heißen Bemühen, aus der Bedrängnis einen Ausweg zu finden, in die ihn die Ansprüche des Königs versetzten, hatte Bötticher schon zu Dresden nach allen Richtungen hin seine Aufmerksamkeit und sowohl Erwägungen wie Versuche gelenkt, und es war ihm so auch nicht unbekannt geblieben, dass die im Bett der Elbe lagernden Kiesgeschiebe ebenso wie die den Elbstrand unterhalb Dresdens bildende Tonerde in mutmaßlich nicht geringem Grade goldhaltig sei. Schon in Meißen hatte er neben der Küche des Grafen eine vorläufige Wäscherei eingerichtet gehabt und hatte im Elbsand Schlämmversuche vorgenommen. Er kehrte nun mit dem Herbst nach Meißen zurück, entschlossen, auch die kaolinhaltigen Tonerde jener Gegend einer Probe zu unterziehen. Mit dem Beginn des Winters wurden die Anlagen im Hause des Grafen, die der Goldwäscherei dienten, nicht unbeträchtlich erweitert. Auch der nüchterne Sinn des Schlossherrn war solchen berechenbaren Erfolg versprechenden Versuchen geneigter als den zweifelhaften Arbeiten am alchimistischen Feuer.
Mit Eifer also wurde die neue Arbeit aufgenommen, und es gelang in der Tat, aus der Kieselerde Gold "zu machen". Jedoch blieb das Ergebnis unbefriedigend im Vergleich zu der aufgewendeten Mühe und zu der Höhe der Gestehungskosten.
Bötticher wandte nun alle Mühe und allen Scharfsinn darauf, das Verfahren dieser Art von Goldgewinnung möglichst zu vereinfachen und zu verbilligen. Er geriet daher unter anderem auch auf den Gedanken der Ausschmelzung des Goldes, die ihm den großen Apparat der Wäscherei zu ersparen versprach. Tschirnhausen ging auf alle Vorschläge seines Gehilfen mit Vergnügen ein, da dessen geniale Erfindungs- und Kombinationsgabe desto deutlicher zutage trat, je mehr er sich endlich von den Fesseln alchimistischer Vorurteile frei machte und dem ureignen Schwung seiner Begabung und seiner Einfälle zu folgen begann.
Noch vor Weihnachten war der Schmelzofen nach den Angaben Böttichers vollendet, und es begannen zunächst die Versuche mit der Meißner Kaolinerde.
Tschirnhausen war in diesen Tagen in Dresden abwesend und fand über den Ansprüchen des Hoflebens erst am Tage nach Neujahr wieder die Zeit, nach seinem fleißigen Mitarbeiter in Meißen zu sehen. Als er sein Haus betrat, kam ihm Bötticher, im Innersten bewegt und sichtlich seiner flackernden Erregung kaum mächtig, schon auf der Treppe entgegen. Auf geäußerte Verwunderung und Frage des Grafen antwortete er nur mit einem kräftigen Händedruck und führte den Hausherrn stumm zu den Werkstätten, die im Hinterhause untergebracht waren. Dort wies er dem Grafen eine Anzahl kleiner Schalen von rötlich brauner Färbung, ausgezeichnetem Brand und feinster Glasur.
Der Graf nahm verwundert die zierlichen Dinger in die Hand und wusste zunächst nicht, was er von der Sache halten sollte. Aber Bötticher, vor Erregung kaum der Sprache mächtig, griff nach einer der kostbaren chinesischen Tassen, die der Graf aus Holland mitgebracht und in einer Vitrine seines Arbeitszimmers aufgestellt hatte. Bötticher hatte das Exemplar schon zuvor herbeigeholt, und Tschirnhausen verglich nun die chinesische Schale mit dem Erzeugnis von Böttichers Hand. Es erwies sich, dass, von der verschiedenen Färbung abgesehen, Böttichers Produkt an Zartheit der Materie, rosenblattartiger Dünne der Wandung und namentlich an durchscheinender Klarheit der Gefäßwandung dem chinesischen Originale kaum etwas nachgab. Bötticher hingegen ergriff mit gepressten Lippen eines seiner Schälchen und zerschlug es mit sachtem Aufschlag an einem Basalttiegel. Wertlos zeigte er die Bruchflächen dem Grafen. Tschirnhausens Erstaunen wich allmählich aufdämmerndem Verständnis. Er sah von den Scherben zu Bötticher und von Bötticher wieder auf die Scherben und sagte dann mit hochgezogenen Augenbrauen und vor aufquellender Bewegung tonloser Stimme nur das eine Wort: "Porzellan!" "Porzellan!" wiederholte Bötticher krampfte seine Hand um ein zweites Schälchen, das mit glashellem Klang in seiner Hand zerklirrte.
Tschirnhausen gab keine Antwort, sondern vertiefte sich in eine genaue Prüfung des neuen Produktes. Aber er mochte die Probe anstellen, wie er wollte, das hellbraune Material, das aus Böttichers Brennofen hervorgegangen war, zeigte alle Eigenschaften des echten Porzellans.
Um zu ermessen, welche Bedeutung diese Erfindung Böttichers gerade in jenen Jahren besaß, muss man sich vergegenwärtigen, dass wenige Jahrzehnte zuvor die große Mode der Porzellanliebhaberei über England und Holland nach Europa gekommen war. Die Wertschätzung und Bewunderung der wunderbaren Erzeugnisse uralter chinesischer Porzellanfabrikation galt geradezu für ein Zeichen der Bildung und des vornehmen Geschmacks. Diese Wertschätzung stieg von Jahr zu Jahr, je hoffnungsloser sich die Versuche erwiesen, die man in Italien, in Frankreich, zu Wien, wie drüben zu Mannheim in der Pfalz machte, um das Geheimnis des chinesischen Porzellans zu ergründen und die plumpe Steingutindustrie, die man in Hülle und Fülle besaß, zur Porzellanerzeugung zu veredeln. Der Wettstreit unter den fürstlichen Manufakturen fast aller europäischer Länder, zuerst den Ruhm der Entdeckung des chinesischen Geheimnisses zu erwerben, hatte schon Unsummen Geldes verschlungen, und es zeigte sich nicht die geringste Hoffnung, der Lösung des Problems näherzukommen.
Chinesische Porzellanschalen wurden daher bald buchstäblich mit Gold aufgewogen. Die wenigen ostasiatischen Händler, die gelegentlich englische und holländische Häfen mit Kisten ihres kostbaren Gutes besuchten, bewahrten mit der unerschütterlichen Schweigsamkeit des Ostens das einträgliche Geheimnis, sofern sie ihrerseits überhaupt in dessen Besitz waren.
Bötticher wie Tschirnhausen waren sich daher zum Beschlusse dieses Schicksalstages vollkommen klar darüber, dass es gelungen war, auf sächsischem Bode eine Transmutation zu vollbringen, die in Wahrheit viel kostbarer und bedeutsamer war, als die vollendetste Umwandlung von Quecksilber in Gold es gewesen wäre.
Porzellan w a r Gold! Mehr als Gold.
Tschirnhausen meldete daher zum ersten Neujahrsfeiertage König August mit einem kurzen Billet: "Eure Majestät Geheimer Rat von Bötticher hat das vortrefflichste Goldmacherrezept gefunden, das es gibt."
Vierundzwanzig Stunden später erschien Bötticher in Begleitung seines Beschützers im Königlichen Schlosses zu Dresden und hielt Vortrag.
Der König hörte den Bericht schweigend an und zog sich mit Tschirnhausen zu einer kurzen Besprechung in eine Nische seines Kabinetts zurück. Es gelang Tschirnhausen, dem scharfsichtigen Herrn die Tragweite dieser Angelegenheit mit wenigen Worten vollends klarzumachen. August war der Mann dazu, die Sache rasch und voll zu erfassen. Mit dem
Ausdruck hoher Befriedigung in seinen Mienen trat er aus der Fensternische wieder hervor und reichte seinem Hofalchimisten beide Hände hin.
Bötticher erlebte die Stunde seiner höchsten Rechtfertigung, seines tiefsten Stolzes und des ehrlich verdienten Glückes größter königlicher Gnade. August bestätigte ihn durch Kabinettsorder zum Direktor aller künftiger Porzellanfabriken in den sächsischen Landen.
Es blieb nicht bei leeren Titulaturen. Die Tatkraft und das wirklich großzügige Vertrauen, das König August nun zufolge der Ratschläge des Grafen Tschirnhausen Bötticher entgegentrug, ließen in wenigen Monaten bedeutende Fabrikationsanlagen bei Meißen entstehen. Bötticher übernahm ungesäumt die Leitung des neuen Unternehmens, und die erstaunte Welt nahm schon hach kurzer Zeit die ersten Erzeugnisse der neuen Porzellanmanufaktur entgegen.
Sachsen gewann und behielt den Ruhm, das leidenschaftlich umstrittene Geheimnis des Porzellans zuerst entdeckt zu haben und in Meißen das erste europäische Porzellan zu erzeugen. Die Produkte der Meißner Manufaktur erzielten, schon um der Kuriosität willen, die sie darstellten, anfangs fast höhere Preise, als die echten chinesischen Porzellane. Wenn auch die Zeit der ersten Sensation vorüberging und die Bewertung der sächsischen Produkte einer gewissen Revision unterlag, so war doch andererseits Bötticher vom ersten Tage seiner Berufung an die Spitze des Industrieunternehmens an mit der ganzen Energie seines Erfindergenies darauf bedacht, die anstößige hellbraune Färbung seiner Erzeugnisse zu beseitigen und mit der Gewinnung der milchweißen oder milchblauen Töne der chinesischen Porzellane den letzten Schritt zur Gleichwertigkeit mit diesen zu tun.
Auch dieser Erfolg war ihm noch bis zu einem gewissen Grade beschieden. Es gelang ihm, sein Porzellan bis zu gelblichen und bläulichweißen Tönungen aufzuklären.
Böttichers Stellung in Sachsen schien gefestigt. Seine Verbindungen mit dem Grafen Tschirnhausen waren durch die Erfindung des Porzellans und durch deren industrielle Verwertung nur noch enger geworden. Dennoch gewann der frühgealterte Mann Gesundheit und Lebensfreude nicht mehr zurück. Auch jetzt war bei aller äußeren Ehrung und bei aller Würde seiner amtlichen Stellung nichts geändert an dem Zustand heimlicher Unfreiheit, die ihn auf sächsischem Boden festhielt. Der Porzellanmacher war für König August nicht weniger wertvoll und unersetzlich als der Goldmacher. Es bestand daher für den Herrscher kein Anlass, sein Verhalten gegenüber dem ehemaligen Hofalchimisten zu verändern; das peinigende Misstrauen des selbstsüchtigen Monarchen hatte im Gegenteil neue, aufs beste begründete Nahrung gefunden. Bötticher blieb, was die Freiheit seiner Entschlüsse und seiner Bewegung anging, nach wie vor sächsischer Staatsgefangener. Was ihn freiwillig an Sachsen und die Hauptstadt hätte fesseln können, war für alle Zeit entschwunden und verloren. Bald erreichte ihn die Nachricht von der Verehelichung der Fürstin Elisabeth von Fürstenberg mit dem Erbgrafen Friedrich Karl von Erbach.
Der Traum seiner überschäumenden Jünglingsjahre war ausgeträumt.
Auch der Brief, den er kurz nach seiner Ernennung zum Direktor der sächsischen Porzellanindustrie erhalten hatte und der ihm Glückwünsche und die weisheitsvollen Tröstungen des großen Adepten Laskaris überbrachte, entlockte ihm nur ein trübes Lächeln.
Gewiss durfte Laskaris sich schmeicheln, der bittere Urheber des großen Lebenserfolges geworden zu sein, dessen sich der ehemalige kleine Apothekergehilfe des Herrn Zorn in Berlin mit Stolz rühmen durfte; gewiss war so Laskaris zum Begründer des unsterblichen Ruhmes geworden, der den Namen Johann Friedrich Bötticher dem Gedächtnis der Menschheit überlieferte; aber konnte Laskaris dem kranken Manne die schöne Unbefangenheit der Jugend, die verlorenen Jahre der Gefangenschaft wieder ersetzen? Konnte er die Bitternisse seiner Seele, die brutalen Misshandlungen und die Zerstörung seiner Gesundheit wieder gutmachen, die alle zusammengenommen das Leben des hochgeehrten Manufakturdirektors zu vorzeitigem Ende verurteilten? Der geheimnisvolle Grieche mochte
glauben, durch das launische Ausstreuen der Gaben seiner geheimnisvollen Kunst den Glauben und die Sehnsucht der Menschen nach einem höheren Wissen wachzuhalten, und er mochte die unfreiwilligen Apostel seiner Weisheit dazu missbrauchen; das Verdienst, durch die schicksalhafte Verflechtung seiner erteilten Aufträge mit den verzweifelten Anstrengungen der ins Netz habgieriger Fürsten gegangenen Beauftragten, diesen Netzen sich wieder zu entziehen und der daraus allenfalls geborenen glücklichen Fügungen, kam ihm nicht zu.
Bötticher konnte den Verlust seiner persönlichen Freiheit nicht verwinden. König August musste davon Kenntnis erhalten haben. Denn nach Jahren verhältnismäßiger Unbelästigtheit sah sich allmählich der Manufakturdirektor wieder unter schärferer Aufsicht genommen.
Tschirnhausen starb 1708. Damit war der beste Freund und der stärkste Rückhalt, den Bötticher in Sachsen besaß, ihm geraubt. Er gewann einen solchen Freund nicht wieder. In den nächsten Jahren erreichten ihn mehrfach geheime Botschaften aus Berlin, von wo aus König Friedrich mit Eifersucht und Indignation die Erfolge der sächsischen Porzellanindustrie verfolgte. Der König konnte es nicht verwinden, dass ein Untertan seines Landes, vom sächsischen Hofe ihm hinterlistig weggefangen, den ihm allein rechtmäßig zustehenden Ruhm und Gewinn seiner großartigen Entdeckung einem auch politisch mit Missgunst beobachteten Nachbarstaate überlassen musste. Die alten Rivalitäten zwischen Preußen und Sachsen verschärften sich durch diesen Tatbestand nicht unwesentlich.
Mehrmals hatte Bötticher, durch Erfahrungen gewitzigt und wenig geneigt, seine gebrechliche Gesundheit nochmals gefährlichen Unternehmungen auszusetzen, die Beantwortung der preußischen Briefe teils abgelehnt, teils unverfängliche, ausweichende und im ganzen ablehnende Antworten gegeben.
Im Frühjahr des Jahres 1716 aber erhielt er unter gutem Vorwand und in unverdächtiger Weise den Besuch eines vertrauten Abgesandten des preußischen Königs, der ihm derartig vorteilhafte Anerbietungen zu machen und die Bedenken Böttichers derartig zu entkräften wusste, dass dieser schwankend wurde. Ihn lockte vor allem die Aussicht auf den Wiedergewinn der mit verzehrender Sehnsucht erhofften Freiheit. Die Bedingungen des Königs von Preußen waren derart, dass Bötticher, als Administrator der gesamten preußischen Ton- und Porzellanindustrie mit dem Range eines Ministers, mit Aufenthaltswahl nach freiem Belieben und mit Zubilligung beliebiger Studienreisen ins Ausland, verpflichtet werden sollte. Ein alter Traum Böttichers, die Manufakturen von Faenca und Florenz kennenzulernen, schien dadurch der Erfüllung nahegerückt.
Bötticher besaß die Unvorsichtigkeit, die Verhandlungen mit König Friedrich schriftlich fortzusetzen. Die Korrespondenz wurde entdeckt und Bötticher auf der Stelle gefänglich eingezogen. Es stand ihm nun kein einflussreicher Freund mehr zur Verfügung, der das Ohr des Königs besessen hätte. Der alte Groll und die misstrauische Habgier des Königs konnten sich ungehindert auswirken. Er wurde nach Dresden übergeführt, verblieb dort wenige Wochen unter strenger Bewachung und erhielt in den ersten Märztagen 1719 die Mitteilung, dass seine Einschließung auf der Feste Sonnenstein beschlossen sei. Aber er erlebte diese zweite Überführung in sein ehemaliges Gefängnis nicht mehr. Am 13. März starb er in seinem Gefängnis zu Dresden, nachdem er kaum sein fünfunddreißigstes Lebensjahr vollendet hatte.
Von den vielen schmachvollen Flecken auf dem Charakter Königs August des Starken, die im Gedächtnis der Geschichte aufbewahrt sind, ist einer der hässlichsten sein Betragen gegen den unglücklichen Erfinder des Porzellans.
Johann Friedrich Bötticher, der einzige Alchimist, der seinen Tyrannen, ohne ihm zuvor in betrügerischer Weise Geld und Vorschuss abgeschwindelt zu haben und ohne mit unerfüllbaren Versprechungen Jahre und Jahre lang seinen Herrn an der Nase herumgeführt zu haben, unendlich reich gemacht hat, beendigte sein brutal misshandeltes Lebe, früh an
Körper und Seele gebrochen, weil er den Verlust der persönlichen Freiheit auf die Dauer nicht zu ertragen vermochte. Mit gleisnerischen Titeln und Würden überschüttet, starb er, seit seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre ein Gefangener.
*
Einige Jahre vor dem Tode des weltberühmt gewordenen, ehemaligen Laboranten Meisters Zorn zog an einem Wintermorgen an der Apotheke "Zum Elefanten" in Berlin ein unheimlicher Aufzug vorüber und wankte in der Richtung des Brandenburger Tores aus dem Stadtbereich.
Meister Zorn, dessen Angesicht nicht nur die Zeit, sondern vielmehr noch Sorge und Unzufriedenheit mit sich selbst mit tiefen Furchen gezeichnet hatte (denn seine Alchimistenküche wirbelte noch immer vergebens die Überschüsse seines Gewerbes in Rauchgestalt zum Schornstein hinaus), stand unter der Tür und schaute zusammen mit seinen Stammgästen, die vor Neugierde die Hälse reckten, unverwandten Blickes auf den Mann im goldflitterbesetzten Gewande, der in einem Zuge von Bewaffneten und Henkersknechten vorbeischritt.
"Ja, ja!" rief er und streckte sine säureverbrannte Hand den Dahinziehenden nach. "Gehet nur und trommelt euer neues Opfer zum Galgen hinaus! Die Torheit der Menschen höret nimmer auf, und auf diesem Boden sind Radegast, dem Wendengott, nicht mehr Menschenopfer dargebracht worden, als hier noch der Urwald rauschte, wie jetzt dem Götzen der Alchimie, dem Stein der Weisen, jährlich neue fallen! Und wie der Wendengott seine Schlachtopfer in feurigem Bauche aufnahm, so würgt dein Geist, du höllischer Trismegistus, alle, die sich dir nahen, sei es heute oder morgen."
"Herr Nachbar," fragte nähertretend der dick gewordene Tuchhändler, "verdrieß es Ihn denn gar so sehr, dass einem Betrüger sein Recht geschieht?"
Meister Zorn erwiderte mit bösem Lächeln: "Dem gönne ich es nicht weniger als jedem anderen. Soll es mich aber nicht betrüben, wenn ich denkende Wesen, Gottes Ebenbilder, so ohne alle Vernunft sich ins Unglück stürzen sehe? Ich habe auch den Friedrich nicht vergessen in all den Jahren, seitdem er nach Wittenberg entwich!"
"Oh!" rief der Dicke verwundert aus. "Wie mag Er nur den großen Herrn Bötticher zu Dresden mit jenem armen Sünder dort vergleichen wollen? Dieser Caétano, oder wir er sonst heißen mag, ist ein Gauner, der unserm gnädigsten König und Herrn die ungeheuerlichsten Lügen glaubte vormachen zu können. Hat er sich nicht als einen päpstlichen Grafen ausgegeben und hat sich hohe Ehren dafür erweisen lassen und nicht minder so hohe Vorschüsse darauf, dass er dem König binnen zwei Monaten für sechs Millionen Taler Silber aus schlechtem Blei hervorzuzaubern versprach? Und suchte er nicht, sich vor den Folgen solcher schwindelhaften Anmaßung unter Mitnahme unserer sauren Spargroschen, die wir Steuerzahler dem Fürsten abliefern müssen, durch die Flucht zu salvieren? Nun sie ihn wieder gefangen haben und der Schurke einmal durchaus nichts von dem leisten kann, was er versprochen hat, so ist er jetzt mit Recht vergoldet worden, und im Festungshofe zu Küstrin kann er ein paar Wochen lang den Galgen von seinem Fenster aus bewundern, an dem er hangen wird, wenn er bis dahin den Stein der Weisen nicht findet."
"Den hat noch niemand gefunden," sagte der Apotheker zu sich selbst. "Dieser nicht und auch der Friedrich nicht!"
"Nun," wandte der Tuchhändler ein, "Friedrich Johannes Bötticher oder, mit Respekt zu sagen, der Herr Geheime Rat von Bötticher ist doch ein großer Herr geworden. Man hat zwar freilich nie davon gehört, dass er in der Folge habe noch einmal Gold machen können, so wie er es uns hier gezeigt hat. Aber meiner Base Schwiegersohn zu Dresden hat mirs in einem
Brief geschrieben, dass dem jungen Alchimisten eine über die Maßen wichtige Entdeckung gelungen sei. Ihm soll sich das Geheimnis der gelben Chinesen offenbart haben, mit dessen Hilfe die Zopfträger das köstliche Porzellan gewinnen. Und ist ein solches Geheimnis, wie mich dünkt, völlig ebenbürtig dem Geheimnis unserer Adepten. Denn man kauft zu Amsterdam eine Teeschale derer Chinesen nicht ums Geld wie andere Ware, sondern man leget sie auf eine Goldwaage und gibt ihr Gewicht in gutem Golde für Zahlung. Da mag denn freilich Euer ehemaliger Lehrling, Meister Zorn, bald ein großer Mann werden! Auch glaube ich gerne, dass dem kursächsischen Afterkönig das Herz im Leibe mag gelacht haben, als ihm statt Goldes solche Köstlichkeit aus den Tiegeln Eures tüchtigen Lehrlings entgegenleuchtete. Jetzt bauen sie in Sachsen eine Fabrik, und der Herr von Bötticher ist der Direktor davon und wird bald ganz Europa ausbeuten mit seinem neuen Porzellan.
"Mag sein," brummte missmutig der Apotheker, "dass sie ihm die Kette, die sie um den Fuß geschmiedet haben, ein wenig vergolden. Bei alledem bleibt er dennoch ein Gefangener in den Krallen des starken August, und ich an meinem Orte will lieber niemals einen Gewinn aus meiner Küche ziehen, als an seiner Stelle sein."
"Er muss über alles seine Lauge gießen!" versetzte der dicke Tuchhändler ärgerlich, kehrte dem Apotheker den Rücken und schritt mit den Herrn Gevattern seiner Haustüre zu, denn von dem Zug des Delinquenten im flittergoldenen Kleide war nichts mehr zu sehen, und die Trommeln waren verklungen.
*
Es war in den Morgenstunden des 19. Juli 1716, als in dem Palaste des Generalfeldzeugmeisters Grafen von Rappach, des Kommandanten von Wien, sich eine erlauchte Versammlung zusammenfand. Anwesend waren: der preußische Gesandte Staatsrat Ernst; der brandenburgisch-kulmbachische Gesandte Geheimer Rat Wolf; zwei Grafen von Metternich und endlich der österreichische Vizekanzler Graf Josef von Würben-Freudenthal als Stellvertreter seines kaiserlichen Herrn Karl VI., dem ein Unbekannter im Namen des griechischen Fürsten Laskaris ein geringes Pergamentpäcklein zum Angebinde übermittelt hatte. Der beigelegte kurze Brief enthielt knappe Anweisung über die Verwendung inliegenden grauen Pulvers. Auf der Tafel, an welcher der fürstlich schwarzburgische Hofrat Pantzer saß und dem das Amt eines Protokollführers bei diesem merkwürdigen Akte übertragen war, lag das winzige Pergamentpäcklein, das der Gegenstand der sofort einzuleitenden Untersuchung sein sollte. Hofrat Pantzer riss mit Sorgfalt die Tüte auf und überreichte dem Feldzeugmeister den Inhalt, nachdem er ihn auf ein kleines Silbertablett ausgeschüttet hatte. Es waren einige Körnlein grauer Substanz, einem feinen Salze vergleichbar, die sorgfältig an ein dünnes Wachsplättchen geklebt waren.
Eine Handvoll Kupfermünzen, wie sie im Wiener Armenhause ausgeteilt zu werden pflegten, wurden geschmolzen, das Wachs daraufgelegt und das Metall alsdann in Wasser abgelöscht Der Prozess hatte das Kupfer in vierzehnlötiges Silber verwandelt. Eine Wiederholung des Experimentes ergab das gleiche Resultat.
Die Tinktur hatte nicht allein ihre veredelnde Kraft an dem Metalle bewährt, sondern auch dessen Gewicht um den achten Teil erhöht.
Der wichtige Vorgang wurde genau protokolliert, und von den anwesenden Herren wurde dieses Protokoll unterschrieben und siebenfach gesiegelt.
Auch diesmal war es die einzige Absicht des rätselhaften Laskaris gewesen, den bloßen Beweis von der Möglichkeit der Elementarverwandlung zu erbringen. Das Gerücht von dem aufsehenerregenden Ereignis durchflog schnell genug die deutschen Fürstenhöfe und darüber hinaus halb Europa.
Im folgenden Jahre empfing der Landgraf von Hessen auf gleich mysteriöse Weise ein ähnliches Päckchen, das diesmal in winzigen Gaben Proben einer roten und einer weißen, trockenen Tinktur enthielt.
In seinem Laboratorium versuchte der alchimiebeflissene Fürst beide Substanzen nacheinander mit dem glücklichsten Erfolg. Von dem Golde, das er aus Blei gewann, ließ er Dukaten und von dem Silber jene hessischen Speziestaler prägen, deren Umschrift lautete: "Sic Deo placuit in tribulationibus" ein Stoßseufzer, wie er beim Anblick leerer Staatsschatullen einem so wirksamen Zauberstein gegenüber nur allzu gerechtfertigt erscheint.
*
Das Todesjahr Johann Friedrich Böttichers brachte einen heißen Sommer.
An einem schwülen Juliabend verließ die regierende Gräfin zu Erbach das hochgewölbte Hoftor des Schlosses und erging sich am Ufer des breiten Erlbaches, der, von Weiden umsäumt, in schönen Windungen Park und Wiesen durchlief. Der gepflegte Wald erstreckte sich bis dicht unter die Mauern des Schlosses; und wo er aus den Schatten der Buchen auf einen breiten Rasenplatz hervortrat, teilte er sich vor einer Eichengruppe, die er, eine kleine Insel bildend, von beiden Seiten umfloss. Auf diesem Bauminselchen erhob sich ein rundtempelartiges Denkmal mit kupferbelegtem Dach auf ionischen Säulen. Die Zwischenräume zwischen den Säulen waren mit kunstvoll geschmiedetem und vergoldetem Gitter abgeschlossen.
In der Richtung auf dieses Denkmal zu lenkte die Gräfin ihre Schritte, als sie plötzlich, von dem Geräusch brechender Zweige überrascht, stehenblieb. Dicht vor ihr teilte sich das Gebüsch, und mit einem gewandten Sprunge erreichte ein Mann den Kiesweg, dessen Anblick unter solchen Umständen für die Gräfin befremdend genug war.
Der Mann, von mehr als Mittelgröße, schlanken und geschmeidigen Wuchses, schien aufs beste gekleidet, und seine Bewegungen waren auch in diesem Augenblick, obschon hastig, nicht ohne edlen Anstand. Sichtlich war der Fremde in peinlicher Flucht begriffen; sein feiner Tuchrock, die hellseidenen Strümpfe und die schnallenbesetzten Schuhe waren mit Tannennadeln behangen und mit Sumpfwasser bespritz; sein dunkel wallendes Haupthaar schien vom Durchkriechen durch allerlei Gestrüpp zerzaust, und seine Hand zerknüllte ein blutbeflecktes Taschentuch, das notdürftig eine Risswunde bedecken sollte.
Der Mann bemerkte in seinem raschen Lauf die Dame nicht. Da ihr aber unwillkürlich ein kurzer Schreckensruf entfuhr, wandte sich der Flüchtige, erblickte sie, stutzte, schien sich zu besinnen und wandte sich dann, einer Eingebung folgend, mäßigte seinen Schritt, trat auf die Gräfin zu und begrüßte sie mit vollendet höfischer Verbeugung.
"Ich habe Grund zu der Vermutung, hochedle Frau," bat er leise, aber dringend, "die regierende Gräfin zu Erbach vor mir zu sehen. Ich bitte gräfliche Gnaden vielmals um Verzeihung, wenn die Ungebührlichkeit meines Erscheinens und Betragens Sie erschreckt haben sollte. Ich wage trotzdem die Kühnheit, hohe Frau, Euch um Euern besonderen Schutz zu bitten. Ich befinde mich in der widersinnigen Lage, plötzlicher ungerechtfertigter Verfolgung ausgesetzt zu sein, und ich sehe Gefahr, erschossen, mindestens aber einer sehr widrigen und unerwünschten Auseinandersetzung ausgeliefert zu werden. Ich stelle mich unter den Schutz Eurer hochgräflichen Gnaden."
Die dunklen und fast befehlend blickenden Augen des Fremden, seine edlen Züge, die weiße, auffallend zarte Hand, die er nach der zierlichen Gepflogenheit der Zeit an seine Brust legte, und nicht zuletzt der eigentümlich einschmeichelnde, überredende und dennoch einen Widerspruch kaum duldende Tonfall seiner Stimme machten auf die Gräfin einen sehr
lebhaften Eindruck. Ohne sich zu besinnen, streckte sie ihre Rechte nach dem nahen Tempelbau auf der Weideninsel aus und sagte: "Wenn Sie meines Schutzes bedürfen, mein Herr, eilen Sie dorthinein, Sie finden die Gittertüre offen, die Sie hinter sich schließen mögen."
Der Fremde verbeugte sich nochmals tief und begab sich mit raschen Schritten an den angewiesenen Zufluchtsort, den er über eine leichte Brücke erreichte.
In demselben Augenblick brachen die Verfolger zwischen den Bäumen hervor, sahen sich wilden Blickes ringsum und bemerkten eben noch das Verschwinden dessen, dessen Spuren sie gefolgt waren, in dem kleinen Inseltempel. Im Begriff, ihm unverzüglich dahin zu folgen, vertrat ihnen die Gräfin den Weg. Sie sah, dass sie zwei Jäger der benachbarten Gutsherrschaft, des Freiherrn von Reichling, vor sich hatte. Zwei mächtige Bluthunde waren in ihrer Begleitung, die jetzt mit wütendem Gekläff die Brücke, die über den Erlbach führte, verbellten.
Beim Anblick der Gräfin Erbach, die ihnen von Ansehen wohlbekannt war, hielten die beiden Forstleute inne und grüßten nach ihrer atemlosen Jagd nur recht mangelhaft die Dame.
"Wollen Euer Gnaden vergeben," keuchte der eine der Jäger, "hat nicht soeben ein Mann diesen Weg überquert und nahm er nicht die Richtung zu jenem Bauwerk dort!"
"Wer seid ihr?" herrschte die Gräfin die beiden Diener des Freiherrn an. "Und was sucht ihr hier auf Erbachschem Grund?"
"Wir verfolgen einen Wilddieb, gnädige Frau!" rief der andere und trat mit seiner Jagdflinte so nahe an die Herrin heran, dass diese unwillkürlich zurückwich- Es mochte sein, dass dieser Mann nicht wusste, wen er vor sich hatte, denn er wagte mit ziemlich rauer Stimmer hinzuzufügen: "Wollte uns ohne Umstände sagen, wo der Bursche steckt, sonst wären wir genötigt " Er konnte seinen Satz nicht vollenden, denn sein Kamerad riss ihn heftig am Rockärmel zurück und bedeutete ihm zu schweigen.
Die Gräfin hob zornig das Haupt und sagte mit Hoheit: "Ich gebiete euch, unverzüglich aus meinem Besitz zu weichen."
"Erlaubt," begann jener, dessen ehrerbietige Anrede erkennen ließ, dass er besser als sein Kamerad wusste, wen er vor sich hatte aber die Gräfin schnitt ihm die Rede ab, erhob gebieterisch die Hand und rief in strengem Ton:
"Ihr seid im Gebiet des Grafen Erbach mit Waffen in der Hand von mir betroffen worden, und eure Hunde belästigen mein Ohr. Verlasst sofort diesen Grund und Boden, wenn euch daran gelegen ist, meiner Güte den Erlass schwerer Bestrafung zu verdanken. Ich befehle euch, dass ihr sofort eure Hunde zurückruft, die mit ihrem Gebell jenen Aufenthalt der Toten dort entweihen, und wehe euch, wenn ich euch wieder begegne, wo ihr kein Recht habt zu jagen oder zu verfolgen." Zugleich ergriff die Gräfin eine kleine silberne Pfeife, die ihr am Halse hing, und gab damit ein schrilles Signal. Der Pfiff war kaum verklungen, als vom Schloss herbeieilende Dienerschaft sichtbar wurde.
Hätten die Jäger es noch wagen wollen, den Worten der Gräfin irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen, so sahen sie jetzt die Unmöglichkeit ein, gegen die Zahl der herbeilaufenden Diener irgendetwas auszurichten; sie pfiffen daher mit Mühe ihre Hunde zurück und verschwanden nach gestammelten Entschuldigungen und verschiedentlichen Bücklingen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Noch vor ihren Auen verließ der verfolgte Mann den Rundtempel und betrat wieder das Brücklein, das die Insel mit der Wiese verband. Ein winkender Befehl der Gräfin genügte, um den Fremden, geleitet von den zwei stärksten Männern der Dienerschaft, in Richtung auf das Schloss sich entfernen zu lassen. Langsam folgte die Schlossherrin, und die dichter einfallende Dämmerung legte ihre Abendnebel über die Ufer des Erlbachs in so ungestörte Stille, als ob hier nie Lärm und Gebell eine aufregende Minute lang getobt hätten.
Am nächsten Morgen wurde der fremde Gast, der Abend und Nacht in sicherem, aber höflich angewiesenem und bequem ausgestattetem Gewahrsam verbracht hatte, in das Kabinett der Gräfin Anna Sophie von Erbach, der Gemahlin des derzeitigen regierenden Grafen Friedrich Karl, befohlen. Anna Sophie vertraute durchaus ihrem klaren Verstand und dem sicheren Urteil ihres vortrefflichen Herzens und war gewiss, den sonderbaren Fall dieser Verfolgung in kurzem Verhör aufzuklären.
Als ein Diener die Türe öffnete und den Fremden auf die Schwelle des kleinen, behaglich eingerichteten Gemaches treten ließ, heftete die Gräfin einen langen, durchdringenden Blick auf diesen, der diesen Blick mit einer ehrfurchtsvollen Neigung seines Hauptes erwiderte.
Der Fremde stand im Lichte der Morgensonne voll beleuchtet, und die Züge seines geistvollen Gesichtes erschienen noch schärfer und bestimmter geprägt, als der gestrige Abend erkennen ließ. Über der kühngeschwungenen Nase wölbte sich die hohe, von tiefgegrabenen Linien durchfurchte Stirn. Die Augen blickten feurig und streng, wie gestern, und den feingeschlossenen Mund umspielte ein Lächeln, das fast hochmütig zu nennen gewesen wäre, wenn ihm nicht zugleich ein Ausdruck freundlicher Bereitschaft beigemischt gewesen wäre, ein gutes Wort mit guten Worten zu erwidern.
Die Gräfin sah in länger an, als ihr selbst zum Bewusstsein kam. Sie schrak wie aus tiefen Gedanken empor, als sie sagte: "Wo sah ich Euch schon?"
Auch der Fremde schaute ernst und nachdenklich die Dame an jedoch ihm fehlte die Erinnerung, und er erwiderte: "Meine Wege, gnädigste Frau, waren vielverschlungen und mein Schicksal ruhelos. Vielleicht täuscht eine Ähnlichkeit, vielleicht "
Die Gräfin warf ungeduldig ihr schönes Haupt zurück: "Nein, nein," rief sie, "auch die Stimme klingt mir bekannt doch setzt Euch, mein Herr, hier in meiner Nähe, auf diesen Stuhl." Der Fremde war ihr nun ganz nahe. Sie prüfte nochmals sein Gesicht. Endlich begann sie zögernd: "Und weshalb verfolgten Euch die Diener des Freiherrn von Reichling? Was habt Ihr getan?"
Der Fremde lächelte. "Darf ich erwarten, gnädigste Frau, dass Ihr meinen Worten Glauben schenken werdet, so unwahrscheinlich auch klingen mag, was ich zu erzählen habe?
Ich wandte mich in diese Gegend zu einem flüchtigen Besuch, um jedoch der Grund tut nichts zur Sache. Jedenfalls, der gestrige Tag war heiß, und meine Wanderung am Ende ein wenig ermüdend. Ich lagerte mich daher im Walde, ohne mich vorzusehen, auf welches Herrn Gebiet ich mich befand. Es ist dies mein Vergnügen. Ich habe manche Nacht im Walde und unter dem freien Sternenhimmel zugebracht. Ich hatte mir soeben nach meiner Gewohnheit ein kleines Feuer aus zusammengetragenem Reisig angezündet, weniger in der überflüssigen Absicht, mich zu erwärmen, als deshalb, weil ich gern in die lodernden Flammen blicke, die meine Gedanken anregen, als ein junger Bursche von ganz munterem Ansehen zu mir herantrat, dem ein feister Rehbock von den breiten Schultern herabhing.
,Heda, Waldkamerad, rief er mich an, ,ist da noch ein Platz an Eurem Feuer? Das wäre mir gelegen. Ich teile auch meinen Braten mit Euch.
,So ist uns beiden geholfen, entgegnete ich und lud ihn ein, Platz zu nehmen, denn die Laune überkam mich, wieder einmal, wie in den rauen Waldbergen des Balkan, eine weidgerechte Mahlzeit zu halten. Der flinke Bursche, mit einem Ausdruck von offener Ehrlichkeit im Gesicht, der mich nichts Arges vermuten ließ, warf seine Last ab und löste mit geschickten Handgriffen eine saftige Keule von seiner Jagdbeute. Während er die Bratgabeln spitzte und alles zur Herrichtung seiner einfachen Küche tat, erzählte er mir, wie er, der Sohn eines reichen Freibauern dieser Gegend, mein Feuer habe durch die Bäume schimmern sehen und wie ihn just eine ähnliche Lust überkommen habe, im freien Walde bei einbrechender Nacht ein anspruchloses Jägermahl zu halten. Dazu nahm er die tüchtige Feldflasche vom Gurt, die sich mit anständigem Wein gefüllt zeigte, und der Zinnbecher wechselte von Mund zu Mund.
Plötzlich geschah der Überfall. Die beiden fremden Jäger stürzten sich mit dem Rufe: ,Herbei, da haben wir die Wilderer! Steht! Ergebet euch! über uns her. Mit überraschender Gewandtheit sprang mein liebenswürdiger Gastgeber und Feuergast vom Moospolster auf, und ich weiß nicht, wie es zuging, im nächsten Augenblick überließ er mich und den Rest seiner Beute der misslichsten Verantwortung. Ich überblickte unschwer meine peinliche Lage, ich sah die Unmöglichkeit, mich widerwärtigen Weiterungen nach Möglichkeit zu entziehen, kurz nach einen flüchtigen, durch Zufälle begünstigtem Ringen mit den Jägern entfloh ich gleichfalls. Hinter mir her krachten die Büchsen, ich hatte noch das Vergnügen, das Blei um meine Ohren surren zu hören, doch wurde ich nicht getroffen. Schon war ich erschöpft und verzweifelt, mit Anstand aus diesem Abenteuer zu kommen, als mich der günstigste Zufall Euch in den Weg warf, hohe Frau, der ich meine vorläufige Rettung und die so außerordentlich gastfreie und liebenswürdige Aufnahme in diesem Schlosse verdanke."
Der Gräfin stieg die Röte ins Gesicht, als der Fremde mit so lebhaften Dankesworten mit so lebhaften Dankesworten und zugleich so feinem Lächeln für die Aufnahme dankte, die doch auf Befehl von ihr sehr nahe an die Form einer eben noch leidlichen Gefangensetzung heranreichte. Sie überging diesen Punkt mit einem stummen Neigen des Kopfes und sagte:
"Nicht mir allein, mein Herr, verdankt Ihr den angenehmen Ablauf Eures Abenteuers und Eure rasche Rettung. Jenes Denkmal im Park, dessen eisernes Gitter Euch vor Euren Verfolgern im kritischen Augenblick beschützte, bedeckt die Grabstätte eines erlauchten Paares von dem Stamme meines Gemahls. Die Toten haben Euch Schutz gewährt."
Mit einem unwiderstehlichen Ausbruch wandte der Fremde sein lauschend zugekehrtes Haupt und mit gedämpfter Stimme fragte er: "Und welche erlauchten Glieder der gräflichen Familie sind dies, denen ich nach Euren Worten Schutz und Rettung verdanke?"
Die Gräfin, seltsam berührt, vermochte sich dem Zauber dieser Frage oder, richtiger, dieses sonderbaren Fragers nicht zu entziehen. Sie fing, ganz gegen ihre Gewohnheit und Art, beinahe wie abwesend, zu erzählen an:
"Dort ruhen Graf Eberhard und Gräfin Elisabeth von Erbach nach kurzer, wie wir denken müssen, glücklicher Ehe. Gräfin Elisabeth starb zuerst. Sie schien schon vor ihrer Ehe von einem schleichenden Fieber verzehrt, und wir haben sie leider niemals anders als bleich und ernst gesehen. Graf Eberhard hat lange um ihre Hand geworben. Als sie ihm endlich geschenkt ward, schien er der Erfüllung seiner Lebenswünsche nahe. Das Glück war nicht in dem Grade mit ihm, wie er erhofft hatte. Nach meiner Muhme Tod begann er zu kränkeln. Der Verlust traf ihn schwer. Er vermochte nicht lange ihn zu überdauern. Er hat die Gräfin Elisabeth in Erfüllung eines ihrer letzten Wünsche auf der Eicheninsel beigesetzt und ihr jenes Denkmal errichtet, das Ihr gesehen habt. Bald fügte er seinen letzten Anordnungen den Wunsch hinzu, nach seinem Tode gleichfalls dort beigesetzt und mit seiner Gemahlin wieder vereinigt zu werden. Seit mehr als Jahresfrist schlummert das erlauchte Paar in gemeinsamem Frieden auf der Eicheninsel."
Der Fremde frug sehr aufmerksam und gedämpften Tones: "So sprecht Ihr also von Gräfin Elisabeth, der Tochter des Fürsten Egon von Fürstenberg?"
"Gewiss," antwortete die Gräfin erstaunt. "Kanntet Ihr die Gräfin Elisabeth?"
Das Gesicht des Gastes überlief ein sonderbar abwesendes Lächeln. Er richtete seine Augen groß und gerade auf die Gastherrin und sagte, indessen sein Mund rasch eines verräterischen Zuckens Herr ward: "Ob ich die Fürstin kannte? Ja Elisabeth von Fürstenberg habe ich gekannt."
Gräfin Anna Sophie sprang von ihrem Stuhl auf. Sie trat nahe an ihren Gast heran, ergriff seine Hand und sagte: "So hat mein Gefühl mich nicht getäuscht, und nun weiß ich auch, wer Ihr seid. Wir sind uns in Dresden begegnet. Man hegte dort große Erwartungen von Eurer Wissenschaft, Erwartungen, die Ihr zunichte machtet durch Euer plötzliches Verschwinden."
Der Gast erhob sich und beugte sich zum Handkuss auf die Hand der Gräfin herab.
Die Gräfin fügte rasch hinzu: "Ihr seid der griechische Adept, Ihr seid der, den sie den Fürsten Laskaris nennen."
Indem er ernst zu der Gräfin aufsah, sagte der Angeredete: "Ich will nicht leugnen, dass ichs bin. Mein Gang hierher galt der Jugendfreundin. Ich wusste, dass sie tot ist, und ich wollte an ihrem Grab Abschied nehmen. Ich hätte mir eine solch wundersame Fügung des Schicksals nicht träumen lassen, dass noch die Tote meine Beschützerin sein werde, wie es die Lebende war. Mein Verschwinden aus Dresden war ihr Werk. Sie war es, die mich rechtzeitig von den hinterlistigen Anschlägen des Kurfürsten benachrichtigte. Der Gang hierher sollte der letzte Weg sein, den ich auf deutschem Boden gehe. Ich wollte ihr an ihrem Grabe sagen, dass ich meinen Frieden mit ihr gemacht habe. Das Band, das uns einmal vor Jahren zu vereinigen versprach, zerriss nicht allein durch ihre Schuld. Ich durfte hoffen, dass sie glücklich geworden sei. Ihr werdet mir, erlauchte Frau, weitere Erklärungen nun gerne erlassen. Meine Absicht, die mich hierher führte, ist erfüllt. Ich danke Euch den angenehmen Ausgang eines Abenteuers, das um ein Haar eine lächerliche und peinliche Wendung hätte nehmen können. Ich danke Euch auch die Gastfreundschaft einer angenehm verbrachten Nacht unter Eurem hochgräflichen Dache. Es ist nicht meine Art, hohe Frau, ein aufrichtiges Gefühl der Dankbarkeit nur mit Worten zu beweisen. Gestattet darum, dass ich diese letzte Gelegenheit auf deutschem Boden dazu benutze, um Euch von der Kraft und Wahrheit der heiligen Geheimnisse einen Begriff zu geben, in deren Besitz zu sein ich mich nicht unwürdig rühme. Möge solcherart ein Andenken an einen der wenigen wahren Adepten, die zu dieser Zeit gelebt haben, Euch und Eurer Familie hinterlassen bleiben. Weist mir ein leeres Zimmer an, wo neugierige Blicke mich nicht zu belauschen vermögen. Stellet mir die wenigen Gerätschaften aus der alchimistischen Küche Eures Gemahls zur Verfügung, die ich selbst bezeichnen werde. Ich weiß, dass ja auch die Grafen von Erbach den alchimistischen Studien ergeben sind."
Wiederum zuckte über das Gesicht des Adepten ein mildes, jetzt freilich fast ein höhnisches Lächeln.
"Überlasset mir dann Euer gesamtes Silbergeschirr, das Ihr in das mir bestimmte Zimmer in beliebigen Mengen verbringen lassen wollet. Und dann gestattet, dass ich die Nacht hindurch bis zum Anbruch des Morgens mich in dem Raume einschließe."
Gräfin Anna Sophie ließ nur sekundenlang einen Schatten des Misstrauens durch ihre Seele gehen. Doch selbst dieses kaum merkliche Zögern entging dem klaren Blick des Adepten nicht. Sein Lächeln untermalte sich mit einem nur fühlbaren, unfasslichen Ausdruck der Geringschätzung und versiegte sofort wieder in ruhigem Ernst. Er sagte leise: "Ich bitte Euch um die Gnade, Frau Gräfin, es wird Euch nicht gereuen."
Zum zweiten Male errötete die Gräfin an diesem Vormittag beschämt, und sie führte ihren Gast in ein geräumiges Turmzimmer, wo er alles so fand, wie er es wünschte. Im Laboratorium des Grafen waren die Geräte rasch bestimmt, die dorthin gebracht werden sollten. Und nun trugen die Diener den reichen Brautschatz der Gräfin von Erbach herbei. Und da diese ihrer Beschämung keinen anderen Ausgleich wusste, als dass sie zum Zeichen ihres vollen Vertrauens das gesamte Silberzeug des Schlosses bis zum letzten Löffel dem Adepten zu überliefern befahl, so häuften sich die Silbergeräte auf Tischen, Stühlen und auf dem Fußboden des großen Zimmers, dass kaum noch ein Platz frei blieb. Darauf schloss Laskaris die Tür hinter sich und begann sein Werk.
Am frühen Morgen des nächsten Tages erwachte die Gräfin Erbach aus angenehmen Träumen, und mit einem gütigen Lächeln begegnete sie ihrer Kammerzofe und jedem, der an diesem Morgen in ihre Nähe kam. Mit Absicht bezwang sie jede Anwandlung von Neugier und unterließ jede Andeutung eines Wunsches, den Adepten aus seiner vermutlich spät
gewonnenen Nachtruhe zu wecken. Es verging Stunde auf Stunde, und der Mittag nahte heran, als die Gräfin, von leiser Unruhe allmählich doch ergriffen, mit sich kämpfte, nun endlich den Befehl zu geben, an der Tür des Zimmers anzuklopfen, in welchem der Adept sich befand. In diesem Augenblick gewahrte sie zu ihrer Überraschung den Schlüssel zum Turmzimmer, darinnen der Gast verweilen musste, auf einem Tischchen, das neben ihrem Bette stand. Niemand hatte den Schlüssel dorthin gelegt, wie Kammerzofe und Diener versicherten. Der Schlüssel musste also dort schon bei ihrem Erwachen gelegen haben, und es war nur wunderlich, dass sie ihn übersehen hatte. Jetzt aber ergriff sie ihn nicht ohne Hast und begab sich selbst in Begleitung zweier Lakaien, von widerstreitenden Gefühlen, Befürchtungen und Zweifeln bewegt, zu dem Turmzimmer. Sie fand die Tür verschlossen und klopfte an. Auch auf mehrfaches Klopfen erfolgte keine Antwort. Nun öffnete sie mit eigener Hand die Tür und blieb in äußerstem Erstaunen auf der Schwelle des Zimmers stehen, denn drinnen leuchtete es vom Fußboden herauf und von allen Tischen und Schränken herab in goldener Pracht. Und da sie nun herzutrat und die schweren Schüsseln, die noch gestern von minderem Gewicht und silbern gewesen waren, eine nach der andern zaghaft berührte, und alles, aber auch alles, und zwar nach den mannigfachsten Proben, als echtes, lauteres Gold sich erwies, wusste sie ihres Staunens, ja eines erschütterndes Gefühl der Unwürdigkeit, eine so mehr als kaiserliche Gabe verdient zu haben, kaum Herr zu werden.
Der Grieche Laskaris hatte ein wahrhaft herrliches Denkmal seiner uneigennützigen Kunst dem Stammhause der Grafen zu Erbach hinterlassen, in welchem Elisabeth von Fürstenberg die letzte Jahre ihres Lebens gelebt hatte. Man suchte im Schloss und in dessen Umgebung umsonst nach ihm. Er war und blieb spurlos verschwunden. (In Europa hörte man seitdem nichts mehr von ihm. Nun und wie stehts mit der "Aufwertung"? würden heutzutage die Neidischen fragen.)
Der Herr Graf Friedrich Karl von Erbach aber, der Gemahl der Gräfin Anna Sophie, sobald er von der denkwürdigen Verwandlung des Silberschatzes zu Heidelberg Kenntnis erhielt, wo er beim Pfalzgrafen zu Besuch war, forderte gebieterisch die Hälfte des goldenen Geschirres, da es auf seinem Grund und Boden entstanden sei. Da indessen die Gräfin solchem Verlangen nicht zu willfahren geneigt war, kam es zu einem langen und skandalösen Prozess zwischen den Ehegatten, bis schließlich beide Parteien das schiedsrichterliche Gutachten der Leipziger Juristenfakultät einholten.
Da gab es denn unter den ehrwürdigen Perücken der Hochweisen ein langandauerndes Stirnrunzeln, Bedenken und Resolvieren, und die Tabaksdosen kreisten viele Sitzungen lang um den Fakultätstisch und unter den die Gerechtigkeit erschnüffelnden Professoren hin, bis endlich nach mehreren Jahren der Entscheid getroffen war und protokolliert werden konnte, was Rechtens sei:
"Dass nämlich sotanes Silbergeschirr, weil es vor der Ehe Gräfin befunden, derselben jure facto allein zugehören möge."
Alle weiteren Einsprüche des Grafen fruchteten nichts mehr, und das Andenken an den Adepten erhielt sich somit auf die allerklarste Weise in der Familie derer von Frankenstein und nicht bei dem Erbachschen Hause.
*
In der alchimistischen Küche des verfallenen Schlosses im Böhmer Wald glühte ein mäßiges Kohlenfeuer unter den schweren gläsernen Destillierkolben. Um die wohlverwahrten Fenster des Turmes sauste der Spätherbststurm. Neben der Herdstelle lag ein Mann auf den Knien, der in das Feuer blies und sorgsam darauf achtete, dass die Flamme gleichmäßig brannte. Jetzt richtete er sein Gesicht empor, und der Feuerstein beleuchtete seine Züge. Zugleich umspielte
von oben her ein huschender Sonnenstrahl sein ergrautes Haar. Das Antlitz des Mannes war von Furchen durchrissen, wie sie lebenslanges Grübeln, hartnäckige Arbeit und weitschweifende, selten erfüllte Hoffnung zu graben pflegen und wie sie für das Gesicht eines Alchimisten zu allen Zeiten so bezeichnend waren. Von vielen Nachtwachen waren die Augen entzündet und blau umrändert, und die pergamentartig gelbe und vertrocknete Haut erzählte von Entsagungen und den Anstrengungen eines unbeugsamen Willens.
"Herr," begann er den einzigen Arbeitsgenossen anzureden, der neben ihm in der Küche stand und dessen schlanke Gestalt auffallend jugendlich erschien neben der gebeugten Erscheinung des Laboranten, "werter Meister, sollte es nicht geratener sein, mit der Arbeit so fortzufahren, wie Ihr sonst zu tun pflegtet?"
Mit untergeschlagenen Armen stand der Angeredete; dann streckte er die rechte Hand, deren Mittelfinger ein schwerer Diamantring zierte, nach dem Inhalt des Glaskolbens aus, und an der lässigen Eleganz der Bewegung allein schon wäre Laskaris zu erkennen gewesen, wenn das unsichere Abendlicht in der Küche seine Züge selbst noch tiefer im Schatten gelassen hätte.
"Die terra adamica will dir nicht recht einleuchten, wie ich sehe," sagte er mit dem gewöhnlichen, lächelnden Spott, "es verhält sich damit aber wie mit den anderen Stoffen, die wir versucht haben. Wir werden den Merkur der Weisen daraus gewinnen, den alles verschlingenden grünen Drachen, zu dem sich das Philosophengold gesellt, damit die Materie getötet werde. Fürchte nichts, die Mischung wird uns gelingen. Achte du nur genau auf das Feuer, damit es brüte, nicht entzünde. Die drei Tage meiner Wacht sind jetzt um, Antonio, und es ist Zeit, dass der alte Ignaz meine Stelle einnimmt. Du kennst genau deine Pflicht, und du wirst ihm gehorchen wir mir. Wenn du seinen Befehlen mit der gleichen Treue und Genauigkeit nachkommst wie den meinigen, so wird das herrliche Werk sich bald vollenden, und dein Lohn wird nicht ausbleiben."
"Herr Laskaris," erwiderte Antonio, der seine Arme mit einer etwas gezierten Gebärde der Verehrung über der Brust kreuzte wie ein Orientale, "wohin meine Augen mich gehen heißen, dahin eilt mein Gedanke voraus."
In diesem Augenblick öffnete der Schwarze Ignaz die Tür zum Laboratorium und trat ein.
"Es ist meine Stunde," sagte er, zu Laskaris gewandt.
Der Grieche reichte ihm die Hand, und Antonio trat herzu.
"Ich habe dir nochmals einen Italiener zugeführt," sagte Laskaris lächelnd zum Schwarzen Ignaz, "sie haben nun einmal die geschickte Hand da drunten, den besten Eifer und, wo es sein muss, die gewandteste Art im Umgang mit den Menschen. Antonio ist eine ehrliche Seele, sein Wille im Suchen nach dem Geheimnis ist durch viele Jahrzehnte erprobt, und zu Betrügereien wird er niemals die Hand reichen. Ich hoffe, der Ernst seines Bemühens, dessen Schmerzen ich erkannt habe, zeigt sich würdig der Hilfe, die ich ihm endlich zu gewähren versprach.."
Der alte Ignaz gab keine Antwort. Er musterte mit stummem Blick den unterwürfig wartenden Antonio und zuckte die Achseln. Dann reichte er dem Italiener die Hand und schüttelte sie mit so derbem Druck, dass der alte Alchimist über die entschlossene Meinung seines nunmehrigen Mitarbeiters nicht im Zweifel sein konnte.
Laskaris wandte sich zum Gehen. Der Schwarze Ignaz geleitete ihn zur Tür und brummte dort den Griechen an: "Weiber, Kinder und alte Narren verderben das Werk der Sonne, habe ich immer gehört."
Laskaris winkte begütigend mit der Hand: "Ertrag ihn nur eine Weile, er wird seine Zunge unter Verschluss halten, und er wird es lernen, bedächtig zu handeln und die Kunst der Geduld zu üben, sobald der Ernst und die Gefahr des Prozesses zum Bewusstsein gekommen sein werden."
Der Adept strich durch die Galerie, an der Mauer mit den Ahnenbildern entlang, schaute zum Abendhimmel empor und prüfte die atmosphärischen Zeichen der Stunde. Dann ging er wieder langsam zurück und begab sich in sein Schlafzimmer im Turm, aus dem einst Don Caétano nach seiner vermeintlichen Mordtat entwichen war.
Auf dem Tisch lagen alte, im Laufe von Jahrhunderten bräunlich vergilbte Pergamentrollen und dickleibige Folianten. Der Adept ließ sich in seinem Lehnstuhl nieder, stütze das Haupt in die Hand und versenkte sich in das seltsame Wirrsal gotischer Kursivschrift und geheimnisvoller Siegel und Figuren.. Er las mit tiefem Ernst, aber nach und nach begann ein wissendes Lächeln seine geschlossenen Lippen zu umspielen.
"Nimm römisches Vitriol," sprach er halblaut vor sich hin, "kalziniere ihn mit schwachem Feuer, destilliere ihn dann, und das flüssige Caput wird Merkurium ergeben. Destilliere Caput mit Wasser, dampfe es ab, so bleibt eine weiße Erde. Diese vermische mit dem Merkur und digeriere sie eine Woche lang immer wieder, bis eine Probe des Rückstandes auf glühendem Blech schnell verraucht. Anfänglich wird es grau sein, dann schwarz, endlich aber weiß. Starke Flamme entwickelt hieraus die Terra foliata. Mische diese mit dem Merkurium, bis sie zerfließen kann wie heißes Wachs. Ein Teil der Terra foliata präparata mit zehn Teilen flüssigen Goldes schafft dir den Stein der Weisen."
Laskaris schnippte mit den Fingern geringschätzig über das Pergament hinweg: "Irrtum überall! Es genügt zu lesen, um zu wissen, dass auch du, großer Meister Agrippa, nichts gewusst hast! Wie hast du so schön den weißen Schwan beschrieben, aber niemals sahest du ihn fliegen, und so starbst du im Elend."
Indem pochte es leise an die Tür. Der Adept erhob sich und öffnete. Draußen stand der Schwarze Ignaz:
"Kommt sofort noch einmal herunter," sagte er hastig, "es zeigen sich wunderbare Dinge im Kolben, und ich fürchte, er möchte zerspringen."
"Unmöglich!" rief Laskaris betroffen. "Das Ovum philosophicum ist in einer holsteinischen Glashütte gefertigt, genau in der vorgeschriebenen Form und Dicke der Wandungen, und die gleichmäßige Güte des Glases ist erprobt. Es kann nicht brechen, wenn das Feuer gleichmäßig brennt und die Glut nicht zu stark wird."
Indessen waren sie die Treppe hinabgestiegen und betraten nach wenigen Augenblicken die Küche, in der Antonio allein zurückgeblieben war. Dieser stürzte den Eintretenden in wilder Erregung entgegen.
"Seht, o seht doch, großer Meister!" Seine Stimme zitterte, seine Worte überjagten sich, und seine Augen funkelten in wahrer Wut der Erwartung. "Seht, welche Wundergebilde in dem Kolben steigen und schwinden und wiederkehren und wechseln! Eine Insel ist entstanden aus dem grauen Bodensatz der Materie, und darüber schwebt ein rötliches Gewölk, in dem es wie von Sternen und Kometen aufstrahlt, blitzt und leuchtet!"
"Um aller Heiligen willen, willst du schweigen!" fuhr Ignaz dem Laboranten flüsternd in die Rede, während er unwillkürlich dermaßen drohend die Faust erhob, dass jener erschrocken verstummte und zurückwich.
Jetzt traten die beiden näher. Sie sahen mit eigenen Augen, was Antonio geschildert hatte. Mitten in der grauen Masse, die den Kolben nur zum Teil füllte, hatte sich eine Art Land gebildet, eine schwimmende Insel mit scharf gesäumten, vielfach gebuchteten Rändern, Die Wölbung der Glaswände ließ jede Gestalt und Linie vielfach vergrößert erscheinen. Über der Insel brodelte eine dunkelrote Wolke, in der es arbeitete, als ob Tag und Nacht miteinander kämpften. Jetzt senkte sie sich herab und löste sich in einen warmen, kurzen Regen auf, unter dessen Sprühen "das Land" sich mit einem grünen Schein wie mit einem winzigen Rasen zu überziehen begann. Das feine, moosige Gebilde vergrößerte sich in den Berechnungen des Glases zu dichten Gräsern, Stauden und einer Art von zierlichen Palmen. Jetzt flogen Funken
von intensiv wechselnder Farbenglut hin und wieder, und es sah aus, als flatterten Vögel zwischen den Kronen der Bäume umher, von so wunderbarem Farbenschmelz, dass dagegen die schönsten Kolibris südamerikanischer Urwälder grau und unscheinbar hätten genannt werden müssen. Setzten sich aber diese Funken auf Halmen und Zweigen nieder, so war es, als verwandelten sie sich alsbald in ebenso herrliche Blüten, die aufsprossen, sich funkelnd entfalteten und den Besuch der winzigen Wundervögel erhielten.
Nun wiederum erhob sich aus dem grünen Teppich ein duftfeiner weißer Nebel, der, wie in leisem Zugwind bewegt, emporstieg, und aus dem sich Regenbogen über Regenbogen entwickelte. Wieder funkelte es aus dem Grünen empor wie geöffnete Drusen von Edelsteinen, und leuchtende Funkensalamander schossen darüber hin. Sterngewinde entwickelten sich über den vielfarbig durchkreuzten Regenbögen, und scharfe Blitze zuckten dazwischen. Zuweilen sank plötzlich das ganze wogende Gebilde zurück in wolkiges Grau, aus dem sich dann aber in unerschöpflichem Wechsel neue, strahlende Gebilde entwickelten, während allmählich ein immer stärker und bestimmter beharrender rosiger Schimmer, der Morgenröte gleich, in dem Kolben aufzuglühen begann.
Obwohl nur allmählich diese Wunder vor den Blicken der drei Männer sich darstellten, war es doch den in das Schauen Versunkenen, als vergingen unter dem Farbenspiel nicht Stunden, sondern Minuten. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen.
Jetzt endlich unterbrach Laskaris die große Stille.
"Ist uns dreien nicht ein großes Schicksal in glücklicher Geburtsstunde zuteil geworden?" flüsterte er mit flammenden Blicken den beiden Genossen zu. "Wer unter den Unzähligen, die der königlichen Kunst sich ergaben, konnte sich gleicher Gunst der erschlossenen Gesichte und Wunder der Natur rühmen?"
Das Antlitz des alten Ignaz leuchtete in stiller Verklärung. Antonio aber, dessen unersättliche Wissensgier und ungeduldig drängendes Verlangen ihm keine Ruhe gönnten, machte sich jetzt mit hastigen, doch sicheren Griffen wieder am Feuer zu schaffen und eilte dann mit einem Sprung in einen Winkel des Laboratoriums, wo er einen Pergamentstreifen ergriff, den er für Laskaris beiseitegelegt hatte.
"Herr," sagte auch er nun mit gedämpfter Stimme und reichte die Schrift mit stolzer Freude dem Adepten hin, "nehmt dies und lest; ich fand es vorhin beim Ausräumen der Feuerstelle unter einer gehobenen Fliese des Ofensockels. Die Schriftzeichen sind mir fremd, enthält das Blatt nicht etwas Wichtiges und Großes?"
"Du hast die Feuerstelle ausgeräumt mitten unterm Prozess?" sagte Laskaris mit geringerer Gelassenheit als gewöhnlich. "Das ist schlimmer als Leichtsinn! Hüte dich für Übereifer und Vorwitz."
Damit griff er mechanisch nach dem Pergament und betrachtete flüchtig die Schriftzeichen, obwohl seine höchste Aufmerksamkeit dem Werke galt, dessen Vollendung näher und näher rückte. Allein der flüchtige Blick, mit dem er die Schrift prüfte, befestigte sich jetzt mit düsterem Ausdruck auf dem Pergament: "Du hast das aus dem Ofen dorten genommen?" fragte er zischend.
Der gescholtene Antonio erschrak über den Ton dieser Stimme. Mit solch eisiger Strenge war ihm der Grieche noch nie begegnet. Stockend fragte er: "Hab ich übel getan, Herr?"
Der Adept antwortete nicht sogleich; es war, als versage ihm die Sprache. Endlich wandte er sich an den Schwarzen Ignaz und sagte mit ungewöhnlicher Trauer: "In dieser Stunde sollte nicht gesprochen werden. In dieser Stunde sollte kein widriger Gedanke, kein Anhauch eines feindseligen Geistes die Seele derer berühren, die ihre Hände am Werk haben. Geschrei, wie Hennengegacker beim Eierlegen, hat uns hier begrüßt, und schlimme Gedanken, böse Zeichen legen sich in unsere Hand. Antonio hat den abgeschiedenen Geist eines Verzweifelten heraufbeschworen, den lebenslange, vergebliche Arbeit Fluch über Fluch ausstoßen ließ. Der
Fetzen hier ist aus einer der Schriften des alten Thomas Garzon gerissen, und es verschlägt jetzt nichts mehr, laut zu lesen, was darauf steht:
Die Alchimie ist eine falsche und irrige Kunst, deren Bekenner Elend, deren Instrumente unnütz, deren Unkosten schädlich, Mühe vergeblich, Begierde und Hoffnung betrüglich, alle Verheißungen aber lügenhaft sind; und endlich ist der ganze Narrenpolder nichts anderes denn eine Vorbereitung zum Hospital und Armenhaus. Denn diese armen Tröpfe, mit Pech besudelt, mit Ölen gesalbt, im Rauch gebraten, im Feuer verbrannt, im Schlafen bemühet, im Wachen geschwächt, haben ihre Zeit, Hab und Intelligentiam, Mühe und Arbeit elendiglich und vergebens aufgewendet und zugebracht.
"Wie gefällt dir diese Predigt, guter Ignaz?"
Der Alte lachte spöttisch: "Führet mir den Lügner vor, so will ich ihm seine Unverschämtheit zurückgeben!"
Laskaris trat einen Schritt zurück: "Will sich denn das ganze Unheil erfüllen?! Das fehlte noch, alter Freund, dass Ihr den Abgeschiedenen anruft wie zu einer Beschwörung!"
Der Schwarze Ignaz zeigte sich sichtlich erschrocken und murmelte etwas zwischen Entschuldigung und Anrufung der Mutter Gottes und der Heiligen.
Antonio stand wortlos, mit offenem Munde und gespanntem Lauschen dabei und bekreuzigte sich jetzt, ohne recht zu wissen warum.
Laskaris fuhr fort: "Die Schrift ist älter als zweihundert Jahre, und wir müssen schon dulden, dass sie mit derben und bitteren Worten eine Wahrheit ausspricht, die älter ist als wir."
"Wahrheit?" widersetzte sich Ignaz. "Ja, lieber Herr, achtet Ihr denn das als wahr, was auf diesem Fetzen steht?"
"Wahrheit wechselt ihr Angesicht für jeden, der sie anschaut," sagte Laskaris, und schwere Trauer trat in seine Mienen. "Doch lassen wir die Toten!"
Er zerknüllte das Pergament in seiner Hand und trat mit neuer Aufmerksamkeit zu den Destillierapparaten. "Seht, meine Freunde, wie herrlich jetzt der königliche Adler seine Schwingen entfaltet! Seht die goldene Sonne durch die Masse fluten! Wir wollen nun vorsichtig den Verschluss des Kolbens lockern, damit nach und nach die äußere Luft hineindringe."
Antonio sprang eifrig hinzu. Laskaris legte mit hartem Zugriff seine Hand an die Schulter des Laboranten: "Nicht zu jäh, alter Praktikus! Wollt Ihr den Gefangenen mit Gewalt freilassen, dass er seine Kraft entfaltet wie der Riese über der Flasche? Es ist sowieso nicht allzu weit von dem, dass unsere Mühe verloren gehen könnte!"
Der Schwarze Ignaz schob den zitternden Antonio wortlos beiseite. Mit kundigem Blick und fester Hand ging er ans Werk. Antonio wischte sich den Schweiß mit vor Aufregung zitternden Händen. Jetzt senkte sich von dem gelockerten Verschlusse her ein milchiger Nebel und umschloss den festen Kern auf dem Grunde des Kolbens wie mit zartgewobenen spinnenfeinen Tüchern. Das Leuchten im Kolben hatte sein Spiel beendigt. Die Arbeit ruhte, weil nun dreimal die Sonne auf- und niedersteigen musste, ehe im Magma die letzten groben Widerstände zur Auflösung bereit waren.
Es war am Abend des nächstfolgenden Tages. Die Sichel des jungen Mondes stand scharf geschnitten am östlichen Himmel. Durchsichtige Dämpfe, die der scheidenden Abendsonne nachzogen, brodelten aus dem tiefen Moosteppich des Waldes hervor und verzogen zwischen den Wipfeln der Eichen wie irrende Gespenster. Dicht am Fuße des Burgberges, dort, wo die Felswand senkrecht zur Talmulde abstürzte, war eine versumpfte Wiese, mit Herbstzeitlosen bedeckt, zwischen denen silberweiße, bärtige Blumen auf dünnen Stängeln schwankten.
Auf diese Waldlichtung trat Laskaris mit dem Schwarzen Ignaz hinaus. Sie trugen seltsam mit Kreuzzeichen gekerbte Messer mit silbernen Klingen in den Händen und ein ehernes Gefäß, das die Blüten aufzunehmen bestimmt war, die sie hier zu sammeln gedachten. Laskaris blieb
auf der Wiese stehen und schaute nach dem Himmel. Dann, als wollten die beiden Männer die Geister der Nacht ihrem Werke geneigt machen, sprachen sie mit zeremoniellen Gebärden dunkle Worte nach allen vier Himmelsrichtungen. Jetzt begannen sie mit den zubereiteten Messern die weißen Blumen abzuschneiden, deren silbriger Glanz in dem blassen Mondlicht wunderlich leuchtete. Allein die unsichtbaren Mächte, denen die Zauberformeln gegolten haben mochten, waren dem nächtlichen Beginnen nicht günstig.
Ein pfeifender Windstoß erhob sich plötzlich und beugte die über die Felsen aufragenden Bäume, dass sie herabzubrechen drohten, warf in einem Nu die geballten Nebelwolken gegen den Nachthimmel empor, dass dieser plötzlich mit einer grauen Decke sich verhüllte, und wischte den Mond vom Himmel. Dennoch fuhren die beiden Männer im Sammeln des Silberkrautes fort, nur eiliger denn zuvor, und sie füllten das Gefäß damit bis zum Rande. Schon wandten sie sich, aufatmend, denn ihre Arbeit war getan. Sie eilten rasch den gewundenen Pfad am Fuße des Felsens entlang, der im Bogen aufwärts zum Burgtor führte. Schon sahen sie über den Mauern das Dach jetzt Stockwerk um Stockwerk des Turmes emportauchen, und endlich schimmerte ihnen das Licht aus der Turmküche entgegen, in der Antonio zur bloßen Bewachung des ruhenden Werkes zurückgelassen war, lediglich damit beauftragt, für die Gleichmäßigkeit des schwachen Feuers Sorge zu tragen.
Plötzlich, noch ehe sie den Toreingang betraten, erdröhnte ein dumpfer Schlag über ihren Häuptern. Die Erde schien zu zittern, und aus dem Turm stieg eine Feuergarbe auf. Der laute Schreckensschrei der beiden Alchimisten mischte sich in das angstvolle Gejaule des herankriechenden Markus. Laskaris fasste sich zuerst. Unbekümmert, ob der Alte ihm folge oder nicht, sprang er in schlanken Sätzen über den Hof und eilte die Treppe zur Galerie empor. Aber da lag das Mauerwerk zu Trümmern gehäuft, und die Galerie war ungangbar. Von allen Seiten knisterten und bröckelten Mauerteile herab, und der Rückzug in die freie Weite des Hofes war nicht ohne Gefahr. Nach kurzem Umblick erwies es sich, dass nur der Turm noch in eiserner Festigkeit zwischen den zerrissenen Mauern der Nebengebäude stand, und seine tiefgemauerten, schwarzen Fensterhöhlen schienen wie mitleidig herabzublicken auf den wachsenden, hellen Feuerschein, der sich ringsum verbreitete.
Der herbeigeeilte Schwarze Ignaz stieß jetzt an einen Körper, der mitten unter Mauertrümmern auf dem Pflaster nahe bei dem aufgesprengten Tor des Turmes lag. Er beugte sich nieder, und ein kurzer Zuruf unterrichtete Laskaris von dem traurigen Fund: der alte Ignaz zog an beiden Armen Antonio hervor, der bewusstlos, mit schweren Brandwunden bedeckt, von Rauch geschwärzt und von Gestein und Gebälk jämmerlich zerschunden, in seinen Armen hing.
Laskaris trat hinzu und sagte leise: "So ist es gekommen, wie ich fürchtete. Der ,Rote Löwe hat sich befreit, der Knecht, der ihn bewachen sollte, hat den Schlaf der Ungeduld geschlafen." Der Schwarze Ignaz stöhnte ingrimmig auf.
Laskaris antwortete, und schon wieder klang der sanfte Spott aus seiner Stimme: "Es ist zwecklos, zu beklagen, was unabwendbar war. Lass uns jetzt lieber nach dem vorwitzigen Adepten schauen. Er scheint mir nur betäubt zu sein. Nimm dich seiner an, ich möchte indessen gehen und die Reste meines Schatzes retten."
Laskaris wandte sich und stieg über Schutt und rauchende Trümmer hinweg zum Turm. Er erreichte die Küche, deren Decke wie vom Blitz gespalten war. Das geborstene Gewölbe hing locker und gefahrdrohend über seinem Haupte. Er bahnte sich einen Weg zum Herd und fand nur noch wenige Splitter des gewaltigen Kolbens, indessen feinster Glasstaub den Herd bedeckte. Von dem Inhalt schien nichts mehr übrig zu sein. Jedoch fand der Adept bei genauerer Umschau, dass seltsam gleißende, rotgoldene Tropfen überall am zerstörten Mauerwerk hafteten, und er begann nun, diese Tropfen mit Sorgfalt in einen unbeschädigten Steintiegel zu sammeln.
Inzwischen trug Ignaz den bewusstlosen Antonio hinauf ins Turmzimmer, das fast unbeschädigt geblieben war, und gab sich alle Mühe, den aufs Bett gelegten Italiener ins Leben zurückzurufen. Zwischendurch heulte der Wind in die Trümmer des Laboratoriums, und das von dem plötzlichen Sturm am Himmel hochgetriebene Gewölk entlud sich unter Blitz und Donner mit großen Tropfen. Ein furchtbarer Platzregen löschte das brennende Gebälk der Nebengebäude.
Als Laskaris mit großer Anstrengung und nicht ohne andauernde Lebensgefahr das Einsammeln jener letzten Überreste des ,Roten Löwen beendigt hatte, verließ er die Küche arg beschmutzten Gewandes und tief ermüdet. Bleich und gealtert, wie ihn der Schwarze Ignaz nie gesehen hatte, betrat er das Turmzimmer, wo es inzwischen den Bemühungen des alten Mannes gelungen war, den festgeschlossen Mund des Antonio zu öffnen. Laskaris strich ihm einige Tropfen einer stark duftenden Essenz auf die Lippen, die er aus dem Wandschrank des Zimmers entnahm.
Antonio atmete tief auf und erwachte aus seiner Ohnmacht. Seine Augen schweiften unstet umher, bis sie auf dem Antlitz des Griechen haften blieben, der in der Mitte des Zimmers stand und den die flackernde Glut des Kaminfeuers scharf beleuchtete. Es schien, als ob die Bilder der Ereignisse in rascher Folge durch die Seele des alten Jüngers der hermetischen Kunst hinglitten; plötzlich fuhr er von dem Lager empor, schaute wild um sich, griff sich ans Herz und rief:
"Wasser ins Feuer! Wasser, Wasser herbei! Die Flammen steigen, sie zerreißen den Kolben!"
Der Schwarze Ignaz sah mit bedeutsamem Blick den Adepten an, und dieser nickte und verstand.
Jetzt aber sprang Antonio mit einem einzigen Satz aus dem Bett und fiel vor Laskaris in die Knie nieder. Er schrie und wimmerte unverständliche Worte durcheinander, aus denen immer nur wieder Selbstanklagen und flehende Bitten hervorbrachen, ihn strafen und züchtigen zu wollen nach Belieben, ihm aber zu verzeihen und ihn nicht zu verstoßen. Der Schwarze Ignaz wusste seinen Zorn und Widerwillen kaum zu bändigen. Noch einmal brach seine ganze Empörung hervor. Er riss den Knienden an der Schulter zurück und donnerte ihn an:
"Armseliger Mixturenschmierer, der du bist! Gehe zu deiner Apotheke nach Padua zurück und bleibe der Pillendreher, der du warst und wozu du geboren bist! Die Kunst umwinseln und dann verraten und zuletzt wieder die verbrannten Finger zu dem betrogenen Meister heulend emporstrecken, das ist die rechte Schmierantenart! Wag es nicht noch einmal, das gute Herz dieses Mannes zu beschwatzen, denn du bist ein Stümper von Geburt und wirst dein Leben wie deine Sudelarbeit als ein Stümper beenden!"
Allein Laskaris streckte schützend seine Hand über den gebrochenen, alten Alchimisten aus und sagte still: "Er ist mein." In diesen Worten lag ein so eigentümlich hoheitsvoller Ausdruck, dass der Schwarze Ignaz unwillkürlich inne hielt. Laskaris frug den Knienden ruhig: "Erzähle, wie es geschah."
Antonio, den in der Nähe des großen Adepten ein wunderbares Gefühl der Geborgenheit überkam, begann mit zerrissenen Worten:
"Als Ihr hinabgestiegen waret an diesem Abend und ich, nach Eurem Befehl, allein in der Küche zurückblieb, betreute ich den Kolben gewissenhaft nach der Vorschrift. Ich versah mich keines besonderen neuen Ereignisses, denn Ihr habt mir gesagt und ich wusste es, dass das Werk für die Dauer von drei mal vierundzwanzig Stunden ruhen wolle. Vorsichtig legte ich neue Holzkohle zum Feuer, dass die Wärme auf dem Herd sich nicht verringere. Da plötzlich vernahm mein Ohr ein seltsames Tönen, und nach kurzem Lauschen war es gewiss, dass die Klänge, die dem Wehen von Äolsharfen glichen, aus dem Glaskolben hervordrangen. Dies währte kurze Zeit; ich hatte mich, um der wunderbaren Musik besser zu lauschen, nahe
an die leicht verschlossene Öffnung des Glases herangeneigt; da sah ich aus dem goldfarbenen Gewölk, das über der Masse wieder sich zu entwickeln anhub, ein Gebilde aufsteigen, wie es das Destilliergefäß zuvor nie gezeigt hatte. Es schien sich wie eine reife, herrlich gefärbte Blume spalten zu wollen das Gebilde wölbte sich dann und formte sich zu einem Throne, dessen Säulen und Flächen wie aus Edelsteinen und dem Geflecht einander durchwebender, farbiger Strahlen gefügt schienen. Jetzt brausten Nebel durcheinander, als wollten sie die Wände zertrümmern, die ihren wilden Reigen einschlossen, und es schien mir, als hörte ich von allen Seiten scharfes Trompetengeschmetter; dann ging das Toben langsam in unbeschreiblich süße Melodien über. Im Kolben verschwammen Formen und Farben, die Nebel gewannen die Überhand, und eine unsagbare Angst und Sehnsucht stieg in mir auf, es möchte das zauberhafte Schauspiel wieder in sich zusammensinken. Da zwang mich eine Gewalt, die ich nicht zu erklären weiß, mit beiden Händen in die Kohlen zu fassen und das Feuer durch Zugabe neuer Nahrung schärfer zu entfachen. Die Wirkung davon war auch ganz nach Wunsch. Kaum loderte das Feuer mit verstärkter Glut, als auch im Kolben das farbige Wesen von neuem aufstieg und in rascher Folge unbeschreibliche Bilder und Erscheinungen in flüchtigem Zauberfluge sich übereinander drängten.
Endlich enthüllte sich aus leise flutenden Schleiern eine königliche Jünglingsgestalt in rot leuchtendem, goldverbrämten Gewande. Diese Gestalt reckte ihre weiße Hand in das schwimmende Gewölk empor, und plötzlich erblickte ich eine zarte Jungfrau durch das Gewölk hinabsteigen und sich auf eine traumhafte Art dem Jüngling vermählen. Indem ich solches vor inneren Sinnen wieder zu sehen meine, versagt doch Erinnerung und Wort. Es ist mir jetzt, als sei mir all dies nicht mehr wachend begegnet, sondern in einem unentwirrbar seltsamen und unwirklichen Traum erschienen. Und so wird es wohl auch sein. Mich dünkt, ich bin am Feuer eingeschlafen, denn meiner Erinnerung fügt sich nun auch deutlich ein Augenblick, indem ich zu mir sagte: ,Nun bist du tot, und dies sind die Wege und Stufen und Erscheinungen, die zur Erlösung führen.
So kann ich nicht mehr sagen, was ich gesehen, was ich getan und was ich geträumt habe. Ich weiß auch nicht mehr, ob es ein Traum war, dass ich plötzlich in mir den Befehl vernahm, es sei Zeit, den Verschluss zu öffnen.
Mir träumte dann, eine feurige Lohe umgebe mich vom Haupt bis zu den Füßen. Ich hörte ein fernes Läuten wie von ungeheuren Kirchenglocken, das Donnern zufallender Eisentore und die Kälte der Weltennacht verlöschten mir Traum und Gefühl. Ich weiß nicht mehr, Herr, was ich getan und was ich geträumt habe."
Eine tiefe Stille erfüllte das Zimmer, als Antonio schwieg. Selbst der Schwarze Ignaz schien seinen Zorn vergessen zu haben und lauschte begierig den Worten des unglücklichen Alchimisten.
Laskaris schaute mit tiefen Sinnen vor sich hin. Endlich sagte Antonio leise: "Ist es denn nicht möglich, Meister, dass wir noch einmal das Werk beginnen und dass uns dann ein besserer Erfolg beschieden ist?"
Der Adept schüttelte verneinend das Haupt.
"Es ist ein törichter Glaube zu wähnen, ein verlorener Weg könne zum zweiten Male gegangen werden. Der Weg der Adeptschaft, alter Mann, ist ein Weg für Wachende, nicht für Träumer. Wer auf diesem Wege dem Schlafe verfällt, ist bedauernswerter als der, der den Weg niemals betrat. Es nützt dich nichts, Antonio, umzukehren. Schreite durch deinen Traum hindurch, bis dir die Vermählung des Königs mit der Jungfrau aus deinem Traumgedächtnis wieder entschwunden ist!
Ich sage dir: Bevor du nicht all dies und mehr, bevor du nicht mich und dieses Turmgemach und alles, was dir hier begegnet ist, für immer vergessen hast, tut sich dir die Pforte und der Weg nicht mehr auf, danach du strebst!"
Mit einem herzzerreißenden Jammerton schaute das gelbe, gefurchte Greisengesicht Antonios zu dem ruhigblickenden Meister empor. Aber Laskaris legte freundlich seine Hand auf das schüttere Haupthaar des alten Mannes und fuhr fort:
"Ein altes Gesetz, älter als die Welt, gebietet: Nicht mitzuteilen, was nur erlebt und erfahren werden kann, weder den Ungeweihten noch den Angenommenen. Nicht über Gebühr zu lieben und zu nutzen das Verliehene. Denselben Pfad nicht zweimal wandeln. Verfehlung gegen das Gesetz stürzt desto tiefer, je höher der Frevler gestiegen ist. Das muss auch dir genügen, Antonio, und deine Angst und dein verzweifelter Kummer sind kürzer und vergänglicher, als du zu ermessen vermagst. Bedenke deine grauen Haare und dein müdes Herz, Antonio. Du wirst rascher vergessen, was vergessen werden muss, als du jetzt denkst. Du wirst dich befreien aus dem Traum, in den du verfallen bist, und wirst, entlastet von der Bürde deiner Leidenschaften, deiner Schuld und deines Schlafes, zum Eingang wiederkehren, zu dem die unverlierbare Stimme dich treibt. Jetzt steh auf, suche dich zu fassen und denke an deine Genesung."
Antonio sah dem Meister starr ins Gesicht. Langsam, Ruck um Ruck, schien das Verständnis für den Sinn der Worte sich ihm zu öffnen, die der Meister sprach. Ein ungeheuer andringender Wechsel stürmischer Empfindungen warf den alten Mann zur Erde nieder und ließ ihn mit gerungenen Händen zu Laskaris emporflehen.
Aber langsam beruhigte sich der Schmerz in seinen Zügen. Das Flehen und Weinen um eine Milderung des Spruches begann zu versiegen. Das greisenhafte Gesicht des alten Alchimisten sammelte sich und erstarrte auf eine kurze Zeit in lauschendem Nachdenken. Endlich erhob er sich, zwar müde und zerschlagen, doch mit ruhigem Anstand und ganz verändertem Ausdruck. Er ergriff die Hand des Adepten und führte sie leise und inbrünstig an seine Lippen. Dann sagte er gefasst und mit ernstem Nachdruck:
"Ich habe Euch verstanden, Fürst Laskaris, und ich ahne, dass Ihr mir die volle Wahrheit gesagt habt. Indem Ihr mir meinen Wunsch versagen musstet, gabet Ihr mir vielleicht mehr, als ich erbeten habe. Die Frist, die mir noch bleibt, bis ich vergessen darf, sei dem Andenken an Eure gütige Weisheit gewidmet. Die Stimme, die nicht aufhören wird zu mahnen, mag sich verstärken an dem Echo Eurer Worte in mir. Das Unheil dieser Nacht, so glaube ich zu fühlen, wird mir die Zeit des Wartens gnädig verkürzen. Ich fühle mich recht unwohl."
Bei diesen Worten befiel den alten Mann ein Zittern, und er schien einer neuen Ohnmacht nahe. Der Schwarze Ignaz, zusammen mit Laskaris, fing den Taumelnden auf und legte ihn auf das Bett zurück.
Sanft streifte der Adept die seinen Arm umklammernde Hand des Ohnmächtigen von sich und verließ das Schlafgemach. Der Schwarze Ignaz setzte sich an den Bettrand und beobachtete das blutlose Gesicht des Schlafenden.
Es war, als hebe die abgelebte Brust nochmals ein tiefer Seufzer, und eine scharfe Falte trat über die Nasenwurzel des Ohnmächtigen. Dann aber lösten sich seine angespannten Züge in einem schönen, tief beruhigten Lächeln, wie es seit Kindertagen das Gesicht des wissensbegierigen Alchimisten niemals mehr berührt hatte.
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