Das Leben des
Johannes vom Kreuz
(1542 ‚
1591)
Der jüngere Freund und Helfer Theresia ist in gewisser
Beziehung: als philosophischer Deuter eines verwandten Erziehens, der größere,
obschon er gerade dadurch um vieles dunkler und schwieriger ist. Verschwistert
in ähnlichen Wirkungen der Gnade, haben Nonne und Mönch, seitdem sie sich
kennen lernten, ihr Denken über göttliche Dinge sich ausgetauscht und über
Verwandtschaft wie über Verschiedenheit ihres Wesens sich klar werden können.
Beide sind psychologisch gerichtet, und beide haben den Trieb, die persönliche
religiöse Erfahrung zu einem System der mystischen Lehre abzurunden. Dem Mann
war es gegeben, der Seelenbeschreibung einen strengeren philosophischen Anhalt
am Denkgefüge der Scholastik und ihrem griechischen Unterbau zu geben. Er ist
"der tiefsinnigste, klarste und gelehrteste aller
mystischen Theologen (Jocham), "der Aquinate der Mystik" (J. Bernhart).
Dem Sohn des Seidenwebers aus verarmtem Adel war ein
hartes Schicksal beschieden, aber der Weg des Leidens und der Erniedrigung war
ihm nach Gottes Plan die Voraussetzung für das Werden seiner inneren Größe und
seiner geschichtlichen Bedeutung. Seine Neigung zur Buße hatte ihm früh die
Regel des Karmelordens, dem er sich angeschlossen,
als zu milde für sich erscheinen lassen. Die Vorsehung
kam ihm entgegen ‚ um den Preis des größeren Opfers. 1567 hatte Theresia, mit
dem kirchlichen Erlaubnisbrief in der Hand "über Zwietracht und Niedertracht
ihrer geistlichen Feinde triumphierend", die Reform des Ordens begonnen. In dem
schmächtigen, unansehnlichen Pater Johannes, der sich fleißig in Mystik und
Scholastik umgetan und dessen Feueraugen den Mann von Geist und Charakter
verrieten, erkannte die Menschenkennerin schnell ihren besten Helfer zum
weiteren Ziel: ihre Reform auch auf den männlichen Teil zu übertragen. Dem
anfänglich günstigen Erfolg stellten sich bald die gereizten Vertreter der
alten Schule, gestützt auf den päpstlichen Nuntius, mit erbittertem Zorn in den
Weg. Man muß schon geistliche Leidenschaft mit dem spanischen Inquisitionsfuror zusammenhalten, um Juans Passion vom
Jahre 1577 zu verstehen. Auf ihn fiel der ganze Ingrimm einer aufgestörten
Gewohnheit: Er hatte die Einheit zerrissen, und auf den übrigen Orden den
Schatten der Minderwertigkeit geworfen: er soll es büßen! In der Nacht zum 4.
Dezember brechen die Väter der milderen Regel in seine Hütte, binden ihn und
verbringen ihn unter Mißhandlungen, die selbst dem begleitenden Schergen ans
Herz gehen, nach Toledo. Von den üblichen Strafen eines robusten Zeitalters
bleibt ihm keine erspart. Eine stinkende Kammer ist sein Aufenthalt, die kaum
soviel Licht durch eine Ritze einläßt, daß er auf einer Band stehend sein
Brevier beten kann. Täglich empfängt er im Speisesaal die Peitschenhiebe der in
Reih und Glied stehenden "Brüder". Seine Nahrung ist Wasser und Brot. Man läßt
ihn im Schmutz verkommen. Aber das alles, auch den Spott auf seine Reformpläne
und die unflätigen Schmähungen auf seine geistliche Freundin, verwindet
Johannes in dem geheimnisvoll festlichen Lichte seines mystischen Bewußtseins.
Allmählich jedoch, mit fortschreitender Dauer der Haft, erstirbt die
Leidensseligkeit, die Engel der Tröstung nehmen Abschied, sein Gebet wird flau,
und alles in ihm wird bare Finsternis. "War es nicht Selbstbetrug, sich für
einen Freund Gottes zu halten? Und ist alles vermeinte Wirken zu Ehre Gottes
nicht doch Blendwerk des Satans?" Johannes zahlt die Gnaden des heiligen
Übermenschen, wie mancher vor und nach ihm, mit der Stunde der
Gottverlassenheit. Aber Mitternacht schwingt wieder um gen Morgen. Wieder tauen
ihm die Sinne für das Übersinnliche; er sieht Licht, das nicht von der Sonne
ist, und hört Stimmen im Schweigen seines Gemaches. Neues Vertrauen zieht ein,
und er glaubt sogar wieder an seine Befreiung, just zur Stunde, wo ihm der
Prior versichert, er werde nie wieder einen Altar betreten. In einer schwülen
Sommernacht wagt er die Flucht, durchs Fenster hinab an zerschnittenen Tüchern,
hinweg über hohe Mauern.
An sein verlassenes Werk zurückgekehrt, gründet er
weiter, wird Prior und benutzt die Stunden gesammelter Andacht, der Harfe der
mystischen Lyrik, die im Gefängnis erstmals erklungen, glühende Weisen zu
entlocken, in denen sich seine seelischen Erfahrungen zur Aussprache drängen.
Dem "Geistlichen Wechselgesang zwischen der Seele und ihrem Bräutigam Christus"
folgen "Der Aufstieg zum Berge Kamel" und "Die dunkle Nacht", jenes die
Darstellung mehr des menschlichen Tuns, dieses des göttlichen in dem Prozeß der
mystischen Reinigung, Erleuchtung, Einigung. In späteren Jahren, da der Heilige
wieder, wegen seines Eintretens für die Seelenleitung der Nonnen, bei der
herrschenden Mehrheit der Brüder in Ungnade gefallen, fand er nochmals
Gelegenheit zur Ergänzung und Zusammenfassung seines "Systems": im Kommentar
zum "Wechselgesang" und in der "Lebendigen Liebesflamme". Auch seine letzten
Wochen waren noch einmal durch Mißhandlungen und schwere Leiden gekennzeichnet.
Er verschied im 49. Jahr.
Juans Größe liegt in der Verbindung von persönlichster
Erfahrung mit der mystischen Literatur. Schon als Student hatte er sich mit
Gregor, Dionysius, Thomas vertraut gemacht. Auch seine hervorragende Gabe für
das Psychologische trat schon damals hervor. Gerade dieses gibt seiner Mystik
wie der seiner geistlichen Freundin den Eindruck des Neuen, Überscholastischen.
Und doch steht er mit beiden Füßen in der klassischen Überlieferung. Er
verbindet lebendiges Gefühl mit nüchternem Moralismus, die Glut eines
spanischen Liebesdichters mit der Kühle eines Scholastikers, um nicht zu sagen
Stoikers (den "kleinen Seneca" nannte ihn schelmisch die große Freundin) ‚ die
starke künstlerische Gestaltungskraft mit dem mystisch-asketischen Drang, immer
wieder das symbolisch Vertretende niederzureißen (im Sinne der "verneinenden
Theologie" des Dionysius) vor der Majestät der unsagbaren, schlechthin
jenseitigen Gottheit.
Nur ein solcher konnte das großartige,
echt dionysische Gedicht vom "höchsten Willen" (summo
saber) verfassen ‚ nur ein solcher jenes wundervolle
"Ich weiß nicht was", dessen Vorspruch lautet:
"Alle Schönheit auf der Welt
wird mein Herz niemals gewinnen,
sondern nur ‚ ich weiß nicht was,
das sich wohl noch einmal findet."
Sein Grundprinzip ist das alte: Selbstentblößung des
Menschen, daß Gott die geschöpfliche Leere fülle und
die passive Energie der Seele Stoff der göttlichen Formkraft werde. Ziel ist
die "Teilnahme am göttlichen Leben" durch Gnade, wie es die Alten verstanden.
In der Anwendung entwickelt er eine durch nichts zu beirrende Logik, in der
sprachlichen Darstellung eine Kraft, das Erlebnis in immer unerhörteren
Steigerungen hervorzukehren, wobei ihm "Dionysius" wie die Lyrik des "Hohen
Liedes" auf ihre Weise entgegenkommen. So wird ihm (wie wir schon bei dem
dionysischen Meister annehmen dürfen) die "dunkle Nacht" zugleich zum Aufgang
des göttlichen Lichts, die Entblößung zum göttlichen Haben, das passive
Empfangen himmlischer Gaben zu Entfaltung stärkster persönlicher Tätigkeit.
1. Die Nacht der Sinne
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m zum Stande der Vollkommenheit zu gelangen, muß die Seele gewöhnlich zwei verschiedene Nächte durchwandeln, die bei den Geisteslehrern Reinigungen oder Läuterungen heißen. Ich nenne sie Nächte, weil die Seele sowohl in der einen wie in der andern wie zur Nachtzeit im Finstern wandelt. Die erste Läuterung ist die Nacht des sinnlichen Teiles, die zweite des geistigen Teiles der Seele.
In den ersten Anfängen, da die Seele sich mit Entschiedenheit zum Dienste Gottes wendet, pflegt Gott sie geistigerweise so zu hegen und zu liebkosen wie eine liebende Mutter ihr zartes Kindlein. Sie wärmt es an ihrer Mutterbrust, nährt es mit süßer Milch und weicher, wohlschmeckender Speise, nimmt es in ihre Arme und pflegt es. Je mehr es aber heranwächst, um so mehr entzieht ihm die Mutter solche Pflege, indem sie ihre Zartheit verbirgt und ihre süße Brust mit etwas Bitterem bestreicht. Sie nimmt es nicht mehr auf ihre Arme, sondern läßt es auf eigenen Füßen stehen, damit es die Eigenheiten des Säuglings ablegt und sich größeren, wesentlicheren Dingen zuwendet.
So macht es auch die Gnade Gottes, diese zärtlich liebende Mutter, wenn sie eine Seele zu neuem Leben und zum Eifer im Dienst Gottes wiedergeboren hat. Sie läßt sie, ohne alle Mühe ihrerseits, in allen geistlichen Dingen eine süße und wohlschmeckende Milch und große Freude an den geistlichen Übungen finden. Die Seele findet ihre Wonne daran, lange Zeit, ja ganze Nächte dem Gebete zu widmen. Bußübungen sind ihr ein Vergnügen, Fasten eine Freude, der Empfang der Sakramente und geistliche Gespräche ihr Trost. Und doch äußern sich dabei nicht selten bedeutende Schwächen und Unvollkommenheiten. Man läßt sich zu diesen geistlichen Übungen und Beschäftigungen durch den Trost und die Ergötzung bestimmen, die man darin findet. Und da man in hartem Kampfe noch nicht erprobt und in der Tugend noch nicht befestigt ist, so sind die geistlichen Übungen meist mit vielen Fehlern und Unvollkommenheiten durchsetzt.
Immerhin übt sich die Seele eine Zeitlang auf diese Weise auf dem Wege der Tugend, und wenn sie in der Betrachtung und im Gebete sich treu erweist und durch die Süßigkeit und den Genuß, den sie empfindet, sich freimacht von der Anhänglichkeit und Liebe zu den Dingen dieser Welt, so gewinnt sie doch endlich einige geistige Kraft in Gott, um das Gelüste nach dem Geschöpflichen zu bezähmen und um Gottes willen einige Beschwerden und geistige Trockenheiten ertragen zu können.
In dieser Zeit beginn Gott, ihnen all dieses Licht zu verdunkeln. Er verschließt ihnen die Türe und verstopft ihnen die Quelle des süßen Wassers des Geistes, aus der sie bisher immer, sooft es ihnen beliebte, getrunken hatten. Sie können nun in keiner Weise mehr betrachten, wie sie es vorher gewohnt waren. Denn die inneren Sinne sind schon in Nacht versenkt und in solche Trockenheit versetzt, daß ihnen die geistlichen Dinge und frommen Übungen, an denen sie ehedem ihre Freude und Wonne fanden, saftlos und geschmacklos erscheinen, ja sogar Widerwillen und Verdrießlichkeit verursachen.
Es gibt gewisse Zeichen, an denen man erkennen kann, ob diese geistliche Trockenheit tatsächlich mit der genannten Läuterung zusammenhängt oder andere, fehlerhafte Ursachen hat. Das erste Zeichen besteht darin, daß die Seele ebenso wenig an Geschöpflichem Geschmack und Trost gewinnt wie an göttlichen Dingen; zweitens, daß sie für gewöhnlich mit peinlicher Angst und Sorge an Gott denkt und Ihm nicht zu dienen, sondern rückwärts zu gehen fürchtet, weil sie eben keine Freude an göttlichen Dingen in sich wahrnimmt; drittens, daß die Seele nicht mehr betrachten und nachsinnen kann und trotz aller Anstrengung mit der Einbildungskraft nichts mehr zuwege bringt, um sie für die Betrachtung zu gebrauchen.
Diese Nacht oder Läuterung der Gelüste ist überaus wertvoll für die Seele, wenn es ihr auch scheint, sie verliere dadurch große Güter und Vorteile. Der erste Nutzen ist die Erkenntnis seiner selbst und seines Elends; sodann eine weit größere Ehrfurcht und Bescheidenheit im Verkehr mit Gott, wie es sich dem Allerhöchsten gegenüber immer geziemt. Auch nimmt die Seele in der Trockenheit und Leere dieser Sinnennacht an innerer Demut zu, wird unterwürfig und gehorsam. Denn wenn man sich so elend sieht, hört man nicht bloß gerne die Belehrungen anderer an, sondern wünscht sogar, es möchte uns jeder Wegweiser sein und sagen, was wir zu tun hätten. Und so sind noch mancherlei andere Vorteile, die diese Nacht der Sinne in der Seele hervorbringt.
2. Die Nacht des Geistes
So geht eine Zeitlang vorüber, es fließen Jahre dahin, und die Seele, den Stand der Anfänger hinter sich, wandelt auf den Wegen der Fortschreitenden. Wie einem dunklen Kerker entflohen, kann sie sich in dieser Zeit mit viel größerer Befriedigung und Freiheit göttlichen Dingen hingeben und findet darin eine weit reichere und tiefere Wonne als ehedem, vor ihrem Eintritt in die dunkle Nacht. Ihre Vorstellungskraft und ihre Seelenkräfte überhaupt sind nicht mehr an das nachforschende Betrachten und an gewisse Vorschriften des geistlichen Lebens gebunden. Ohne sich mit Nachdenken Mühe zu geben, wird ihrem Geist sogleich eine beruhigende und liebende Beschauung und geistige Wonne zuteil. Denn da die Sinne schon mehr geläutert sind, so besitzen sie eine größere Fähigkeit, die Süßigkeiten des Geistes zu kosten, wenigstens nach ihrer Art. Freilich, da der sinnliche Teil der Seele zu schwach ist, um die starke Kraft des Geistes in sich aufzunehmen, so erleiden solche Fortschreitenden, zufolge dieser Verbindung des Geistes mit dem sinnlichen Teil, gar manche Schwächen und Störungen leiblicher Art, erleiden Entrückungen, Herzkrämpfe, Verrenkungen der Glieder ‚ Dinge, die immer eintreten, wenn die Heimsuchungen Gottes nicht rein geistiger Art sind, also nicht dem Geiste allein widerfahren, wie es bei Vollkommenden der Fall ist, nachdem sie bereits durch die zweite Nacht, des Geistes nämlich, gereinigt sind. Gar vielen begegnen in diesem Läuterungsstande gewisse Erscheinungen sinnlicher und geistiger Art, und zwar in Verbindung mit süßen Wonnegefühlen, wobei der böse Feind und die eigene Phantasie in den meisten Fällen allerlei Blendwerk in der Seele hervorrufen, wenn man nicht alle Vorsicht anwendet und alle diese Gesichte und Wahrnehmungen ruhig über sich ergehen läßt und stark im Glauben sich dagegen wehrt.
So wacker sich auch fortschreitende Seelen halten mögen, es findet sich keine einzige, die nicht manche dieser natürlichen Neigungen und gewohnheitsmäßigen Unvollkommenheiten an sich trüge, die erst verschwinden müssen, wenn man zur göttlichen Vereinigung gelangen will. Deshalb muß die Seele die zweite Nacht des Geistes durchmachen, Sinne und Geist von allen sinnlichen Vorstellungen und Gefühlen entblößt werden. Die Seele muß im dunklen, reinen Glauben wandeln, dem geeignetsten und passendsten Mittel zur Vereinigung mit Gott, wie es bei Oseas heißt: "Ich will dich mir verloben im Glauben".
Diese dunkle Nacht des Geistes ist eine Einwirkung Gottes auf die Seele, die bei den Gottesgelehrten "eingegossene Beschauung" oder "mystische Gottesweisheit" heißt. In ihr belehrt Gott die Seele in geheimnisvoller Weise in der vollkommenen Liebe, ohne daß diese selber etwas tut noch auch versteht, wie diese eingegossene Beschauung vor sich geht.
Warum aber rede ich von "dunkler Nacht", da es doch ein göttliches Licht ist, das die Seele erleuchtet und von ihrem Unwissen reinigt? Ich antworte, aus zwei Ursachen ist die göttliche Weisheit nicht nur Nacht und Finsternis für die Seele, sondern geradezu eine Pein und Qual. Die erste Ursache liegt in der Erhabenheit der göttlichen Weisheit, die die Fassungskraft der Seele übersteigt und insofern eine Finsternis ist für sie; die zweite liegt in der Niedrigkeit und Unreinheit der Seele selbst, und darum ist dies Licht für die Seele etwas Peinliches, Schmerzliches und Dunkles. Darum nennen auch St. Dionysius und andere mystische Theologen diese eingegossene Beschauung einen "Strahl der Finsternis". Das Licht und die Weisheit dieser Beschauung an sich ist überaus hell und rein; aber die Seele, in die es fällt, ist finster und unrein.
Wenn also dieses reine Licht in die Seele strömt, um deren Unreinheit zu vertreiben, fühlt sie sich so unsauber und elend, daß es ihr scheint, als sei sie Gottes Feind und Gott der ihre. Sie hält sich Gottes und aller Geschöpfe für vollkommen unwürdig. Und was ihr am schmerzlichsten fällt, das ist die Furcht, daß sie nie Gottes würdig werde und alle ihre Gnadenschätze eingebüßt habe. Die Ursache davon ist die tiefe Versenkung des Geistes in die Erkenntnis und das Gefühl ihrer Sünden und ihres Elends. Denn das göttliche Lichtdunkel offenbart gar deutlich das ganze Sündenelend, und die Seele sieht klar, daß sie aus sich nichts anderes haben könne. Am empfindlichsten ist der Gedanke, Gott habe sie offenbar verstoßen und als verabscheuungswürdiges Geschöpf in die Finsternis gestürzt; und dieser Glaube, von Gott verlassen zu sein, ist eine überaus schwere, erbarmungswürdige Pein. Manchmal nimmt die Seele ihre Verwerflichkeit so lebendig wahr, daß es ihr vorkommt, sie sehe die Hölle und ihr Verderben offen vor sich.
Dazu kommt noch, daß die Seele infolge der Einsamkeit und Verlassenheit, die diese dunkle Nacht in ihr verursacht, weder an einer Belehrung noch an einem geistlichen Führer Trost und Stütze finden kann. Mag man ihr auch die mannigfachen Trostgründe vor Augen führen, wodurch sie sich aufrichten könnte (im Hinblick auf die Güter, die ihr aus diesem Leiden erwachsen), sie kann es doch nimmer glauben. Sie ist so tief durchdrungen und eingenommen vom Gefühl dieser Übel, die ihr das eigene Elend aufs grellste offenbaren, daß sie meint, andere sehen nicht, was sie sehe, und fühlten oder redeten nur so, ohne davon Kenntnis zu haben. Und statt des Trostes wird sie mit neuem Schmerz erfüllt, da es nach ihrer Ansicht keine Abhilfe gibt gegen ihren üblen Zustand. Und es ist auch in der Tat so. Denn solange der Herr die Reinigung nicht auf eine Weise vollzogen hat, wie es Ihm gefällt, findet sich weder Mittel noch Arznei, ihren Schmerz zu lindern.
Soll diese Reinigung irgendwie eine ernstliche sein, so dauert sie, wie streng sie auch immer sein mag, mehrere Jahre, obschon sich in dieser Zeit manche Ruhepausen und Erleichterungen einstellen, in denen die dunkle Beschauung nach Gottes Ratschluß nicht so sehr in reinigender als in erleuchtender und wohltuender Weise auf die Seele wirkt.
Noch etwas gibt es, was in diesem Zustand die Seele überaus quält und trostlos macht. Da nämlich diese geistige Nacht die Kräfte und Neigungen der Seele so sehr unterbindet, so vermag sie nicht, wie früher ihr Herz und Gemüt zu Gott zu erheben noch auch im Gebete um etwas zu bitten. Es scheint ihr, wie einst dem Jeremias, Gott habe eine Wolke vor sich gestellt, durch die ihr Gebet nicht hindurchdringen könne. Sie kann weder beten noch den gottesdienstlichen Verrichtungen mit Aufmerksamkeit beiwohnen, noch viel weniger auf andere, zeitliche Dinge ihr Augenmerk richten. Sie leidet an solcher Geistesabwesenheit und Gedächtnisschwäche, daß viele Stunden vorübergehen, ohne daß sie weiß, was sie gedacht oder getan hat oder was sie tut und tun will.
Und doch, es ist eine selige Nacht, da sie mit dieser Verfinsterung des Geistes keinen anderen Zweck hat, als die Seele in jeder Hinsicht zu erleuchten; und nur darum macht sie niedrig und elend, um zu erheben und aufzurichten; und nur darum macht sie arm und jedes Besitzes und jeder natürlichen Neigung bar, damit sich die Seele auf göttliche Weise erheben kann zu beseligenden Genuß aller irdischen und himmlischen Dinge. Eine einzige Neigung, die zurückbliebe, eine einzelne Anhänglichkeit des Geistes an etwas Besonderes, sei es vorübergehend oder bleibend, reicht hin, daß man in seinem Gefühl und Genusse nicht teilhaft werden kann der Lieblichkeit und seligen Lust des Geistes der Liebe, der alle Süßigkeit in erhabener Weise in sich begreift.
Um so mehr beginnt die Seele von Liebe zu erglühen, je mehr sie durch dieses Feuer gereinigt und geläutert wird, wie ein Holzstück, das nach und nach vom Feuer um so lebhafter erfaßt wird, je besser es dafür vorbereitet ist. Es ist ein Entbrennen der Liebe im Geiste, wovon sich die Seele inmitten dieser finsteren Bedrängnisse mit einer gewissen Empfindung und Ahnung Gottes durchdrungen sieht, lebendig und innig erfaßt von göttlicher Liebesmacht ‚ ohne daß sie jedoch etwas im einzelnen erkennte, da sich der Verstand noch im Finsteren befindet.
Es ist also so, daß diese Nacht des dunklen Liebesfeuers, ebenso wie sie die Seele im Dunkeln reinigt, sie auch im Dunkeln entzündet. Da nämlich diese dunkle Nacht der Beschauung göttliches Licht und göttliche Liebe in sich begreift, wie das Feuer Licht und Wärme, so liegt darin kein Widerspruch, daß dies göttliche Licht bei seinem Einströmen mehr den Willen trifft und ihn mit Liebe entflammt, während es den Verstand im Dunkel läßt, ohne ihn mit seinem Licht zu berühren. Umgekehrt kann es auch den Verstand mit Licht und Erkenntnis erfüllen, während es den Willen in Trockenheit läßt. Gerade so wie man die Wärme des Feuers fühlen kann, ohne das Licht zu sehen, oder Licht sehen kann, ohne die Wärme zu empfinden. Es ist das Wirken des Herrn, der sich mitteilt, wie Er will.
Aufs ganze gesehen, wirkt also diese Nacht ein doppeltes: einerseits ist sie nichts anderes als die Erleuchtung des Verstandes mit übernatürlichem Lichte, so daß der menschliche Verstand, mit Gott vereint, ein göttlicher wird. Anderseits entbrennt auch der Wille von göttlicher Liebe, und zwar so, daß er nunmehr nichts Geringeres wird als ein göttlicher Wille, nur göttlich liebend, vereinigt und eins mit dem göttlichen Willen und mit der göttlichen Liebe. Ähnlich ist es auch mit dem Gedächtnis und dem übrigen, den Neigungen und Strebungen der Seele: sie werden gottgemäß, in göttlicher Weise umgewandelt und verändert. So wird die Seele schon jetzt himmlischer Art, himmlisch und mehr göttlich als menschlich. All dies vollbringt und bewirkt Gott mittels dieser geistigen Nacht in der Seele, indem Er sie in göttlicher Weise erleuchtet, so daß sie nur mehr von Sehnsucht nach Gott und nach keinem anderen Ding außer Ihm entbrennt!
In dem Maße, wie die Beschauung einfacher wird und ein Nachdenken nicht mehr stattfindet, weiß man bloß zu sagen, daß die Seele ihre Sättigung, Ruhe und Befriedigung finde, daß sie Gott wahrnehme und daß es ihr gut gehe nach ihrem Empfinden, aber man vermag nicht mit Worten zu erklären, was die Seele besitze, außer nur in allgemeinen Ausdrücken. Anders ist es, wenn die der Seele zuteil gewordenen Gunstbezeugungen von besonderer Art sind, z. B. bei Gesichten, Erfahrungen usw., die man gewöhnlich unter einer bestimmten Gestalt empfängt, an der das sinnliche Erkenntnisvermögen beteiligt ist. Solchen Erscheinungen oder Bildern kann man auch Ausdruck geben. Aber dann liegt auch keine reine Beschauung vor. Denn für diese fehlt es, wie gesagt, an Ausdrücken, weshalb ich von einer "verborgenen" Leiter rede, auf der die Seele zur süßen, wonnevollen Liebesvereinigung mit Gott hinansteigt. Denn solche Dinge sind menschlich nicht zu begreifen. Man muß zu ihnen durch menschliches Nicht-Erkennen oder (was dasselbe ist) durch ein göttliches Nicht-Wissen gelangen. Denn mystisch gesprochen, wie ich es hier tue, werden diese hohen Dinge nicht erkannte und verstanden, wie sie sind, so lange man in ihrer Erforschung und Übung begriffen ist, sondern erst, wenn man sie gefunden und geübt hat.
Von einer "Leiter" redete ich, und zehn Sprossen der Liebe sind, auf denen die Seele stufenweise zu Gott emporsteigt. Die erste Sprosse macht die Seele zu ihrem Heile krank ‚ krank vor Liebe, und an keinem Ding kann sie eine Stütze , einen Geschmack, Trost und Ruhe finden. ‚ Die zweite Sprosse läßt die Seele ohne Unterlaß Gott suchen. So liebestrunken fühlt sie sich, daß sie in allen Dingen den Geliebten sucht und bei allem, was sie denkt, ihre Gedanken gleich auf den Geliebten richtet und bei allem, was sie spricht, und bei allen Geschäften, die sich ihr aufdrängen, vom Geliebten spricht und handelt. ‚ Die dritte Sprosse der Liebesleiter setzt die Seele in Tätigkeit und erfüllt sie mit Eifer, der nicht ermüden will; und dabei liegt ihr nichts ferner als eitle Ehrfurcht, Anmaßung oder Verurteilung gegen andere. ‚ Die vierte Sprosse der Leiter der Liebe verursacht in der Seele ein anhaltendes Leiden um des Geliebten willen, wobei ihre ganze Sorgfalt dahin geht, Gott zu gefallen und Ihm wenigstens in etwa zu dienen, wie Er es würdig ist und wie sie es Ihm schuldet für das, was sie von Ihm empfangen hat. ‚ Die fünfte Sprosse der Liebesleiter erregt in der Seele ein ungeduldiges Streben und Verlangen nach Gott. Da muß die liebende Seele entweder in den Besitz des Geliebten gelangen oder sterben, wie Rachel in übergroßer Sehnsucht nach Kindern zu ihrem Gemahl Jakob sprach: "Gib mir Kinder oder ich sterbe!" ‚ Die sechste Sprosse bewirkt, daß die Seele schnell Gott entgegeneilt und dessen Nähe oft fühlbar wahrnimmt. Die unermüdliche Hoffnung, von der Liebe gekräftigt, fliegt Ihm entgegen in schnellem Fluge. ‚ Die siebente Sprosse macht die Seele überaus beherzt. Da läßt sich die Liebe nicht mehr von einer Meinung leiten, um abzuwarten; sie nimmt auch keinen Rat mehr an, um sich zurückhalten zu lassen, noch vermag Beschämung sie zu hemmen. Da faßt sich die Braut ein Herz und sagt: "Er küsse mich mit seines Mundes Kusse!" ‚ Aus dieser Kühnheit und Freiheit, die Gott der Seele auf dieser Stufe verleiht, so daß sie mit ganzer Liebeskraft ohne Furcht mit Ihm verkehrt, folgt die achte Stufe, wo die Seele in den Besitz des Geliebten gelangt und Ihn festhält, ohne von Ihm zu lassen. Da wird die Sehnsucht der Seele gestillt, wenn auch noch Unterbrechungen eintreten. ‚ Die neunte Stufe der Liebe läßt die Seele vor Entzücken gar brennen. Es ist die Stufe der Vollkommenen, die glühen in süßer Liebe zu Gott. Die göttlichen Gnadenschätze und Reichtümer aber, zu deren Genuß die Seele da erhoben wird, können mit Worten nicht ausgedrückt werden. ‚ Die zehnte und letzte Sprosse der heimlichen Leiter der Liebe macht die Seele Gott vollkommen ähnlich durch die klare Anschauung Gottes, in deren Besitz sie sogleich und unmittelbar übergeht, wenn sie den Leib verläßt, nachdem sie in diesem Leben bis zur neunten Stufe gekommen war.
Es war in dunkler Nacht ‚
ich branntí vor Liebeswehen
(o Glück, das selig macht) ‚
entwich ich ungesehen
und ließ mein Haus in Ruhe stehen.
Gehüllt in dunkle Nacht,
vermummt mußtí ich entsteigen.
O Glück, das selig macht!
In heimlich dunklem Schweigen
lag still das Haus, das mir zu eigen.
In jener Nacht voll Glück,
da sich kein Augí mir wandte,
der Augen blöder Blick
kein weisend Licht erkannte,
als das, so mir im Herzen brannte.
Mit ihm fand sichrer ich
als in des Mittags Schimmer
Ihn, der geharrt auf mich,
den ich geliebt schon immer.
Ein ander Gut traf ich dort nimmer.
Du warst mir Führer, Nacht.
Nacht, süßer als der Morgen,
hast Herz zu Herz gebracht,
hast uns in Liebí geborgen:
mich im Geliebten, Ihn in mir verborgen.
An meiner selígen Brust,
die Ihm allein zu eigen,
ruhtí Er in süßer Lust.
Und ich tat liebend mich Ihm neigen,
Ihm Kühlung wehín mit Zedernzweigen.
Als schon der Morgenwind
Begann sein Haar zu spreiten,
und meinen Nacken lind
ließ Er die Rechte gleiten ‚
mir schmolz das Herz in Seligkeiten.
Ich gab, ergab mich ganz,
das Haupt am Lieb geborgen.
Es schwand der Dinge Glanz,
gestillt war all mein Sehnen
bei
Lilienduft und süßen Tränen.