A.H. Petiscus
Das Wesen und die Bedeutung der Götter des klassischen Altertums

 

Lassen Sie uns, meine jungen Leser und Leserinnen, zusammen eine Wanderung machen in der sogenannten alten Welt, in dem von Dichtern vielfältig gepriesenen Lande, wo nach dem Glauben des Volkes Götter und Göttinnen und Heroen in vielerlei Art und Wesen lebten, wohnten und wirkten, die mit Allgewalt vom Olymp, der hohen Götterwohnung herab, die Erde, das Meer, das Feuer im Innern der Erde mit seinen feuerspeienden Bergen und Erderschütterungen, wie auch die nächtlichen Tiefen der Unterwelt beherrschten, dem Menschen das Leben nebst den mancherlei Gaben körperlicher und geistiger Vorzüge verliehen, aber auch in der Natur walteten, so daß der Berg, das Thal, die Quelle, der Bach, der Fluß, der stille Hain, das blumengeschmückte wie getreidereiche Gefilde, die Herden, die Hütte und auch der Palast unter der Obhut eines Gottes standen. Überall fand der religiöse Glaube jener frühen Zeit ein Götterwesen mit einem bestimmten Gebiet seiner Tätigkeit. Darum ist das einfache Wort eines deutschen Dichters über die Götter dieser Frühzeit so wahr:

"Die Götter eifern in die Wette,

Wer zur Begabung der Natur

Am meisten beizutragen hätte."

Wo also auch der Mensch sich befinden mochte, alles, die Natur außer ihm, wie er selbst, war ihm das Werk einer Gottheit, deren Wahrnehmung nichts entgehen konnte. Darum lebte in seiner Brust heilige Scheu, die ihm wehrte die Götter zu verletzen und dadurch zu erzürnen, aber ebenso lebte er in dem Glauben, daß alles durch eine Gottheit geschehe, was sich um ihn und in ihm ereignete. Darum ergab er sich auch dem Schicksal als seiner unwandelbaren Bestimmung der Weltordnung, die selbst die Götter nicht zu ändern vermochten. Frei war ihm zwar die Wahl der That aber an diese knüpfte sich das Schicksal in den Folgen des Geschehenen.

Mit diesem Glauben zog man hinaus zum feindlichen Kampf in der Feldschlacht; war doch der Gott selbst gegenwärtig. Ebenso baute der Landmann sein Feld; denn eine Gottheit hatte ja die Kunst gelehrt, Feldfrüchte zu bauen, die sie dem Menschen als eine himmlische Gabe gegeben hatte. Dem Schiffer war die Gunst der Gottheit des Meeres zur glücklichen Fahrt unentbehrlich; darum hütete er sich auch, die Gottheit zu erzürnen. Dem Dichter war seine Begeisterung zu Liedern und Gesang die Gabe einer Gottheit, und nicht minder gab dem bildenden Künstler eine Gottheit das Gelingen seiner Werke. Auch die Freuden der Geselligkeit im Spiel und Gastmahl konnten nicht ohne die Gunst der Gottheit sein, der man daher den ersten Tropfen des Trunkes und beim Beginn des Gelages den Gebetruf weihte und den Lobgesang anstimmte. So war eine wahrhafte und tiefe Religiosität der alten Welt in allen Lebensverhältnissen eigen, wenngleich ihre Form die Vielgötterei ist, in der man die Götter in natürlicher und menschlicher Weise lebend und wirkend glaubte.

Demnach haben wir es bei unserer Wanderung mit dem Heiligsten eines Volkes, mit dem religiösen Glauben desselben zu thun, und dringen in einer genaueren Betrachtung desselben in die tiefsten Geheimnisse der Vergangenheit. Wir lernen hier in den Vorstellungen der Götter ihren Ursprung und ihre Verehrung kennen. Die Götter wurden von den Künstlern in menschlicher Gestalt in der höchsten künstlerischen Vollkommenheit, je nachdem wie eine Gottheit im Volksglauben lebte, dargestellt und dann der öffentlichen Verehrung geweiht. Dem Volksglauben war ein Götterbild nicht ein bloßes Werk des Künstlers; er sah darin die leibhaftige Gottheit sich vergegenwärtigt und betrachtete das Götterbild als die irdischen Blicken allein sichtbare Hülle, in der die Gottheit selbst geistig anwesend war. Deshalb konnte der Anblick eines Götterbildes nicht gleichgültig lassen, in dem man sich in der Nähe der Gottheit sah und fühlte. Dies ist der Umstand, welcher die Kunde von dem Götterglauben des Altertums für das Verständnis der Geschichte der Entwicklung der Menschheit so bedeutsam macht. Die Zeit, wo jener Götterglaube noch in den Völkern lebte, ist schon seit Jahrhunderten dahingeschwunden, auch die Völker selbst sind nicht mehr, und der Glaube an diese Götter ist längst in der Wurzel erstorben. Man kennt ihn nur aus den Schriften jener Zeit, sowie aus den in der Zerstörung übrig gebliebenen Götterbildern, nach denen die unter uns bekannten Abbildungen gemacht werden. Mit den verlassenen Göttern zerfielen auch die Prachtbauten ihrer Tempel, die aber noch in den Ruinen von ihrer einstigen Größe zeugen und das Staunen der Nachwelt erregen.

Schauen wir, ein um Jahrtausende jüngeres Geschlecht, zurück in jene Vergangenheit der Menschheit, so gewährt uns dieser Blick nicht bloß Neues und Unterhaltung in Mußestunden, sondern er gewährt auch bildende Belehrung, durch die Vergleichung zweier Zeitalter, die durch Jahrtausende voneinander getrennt sind.

Seien wir dabei dessen eingedenk, daß diese Götterlehre das heilige Eigentum, die Religion von Völkern war, die sich zu einer Bildung in der Litteratur, der Wissenschaft, der Kunst und dem Staatswesen erhoben, welche sie bis jetzt noch in mehrfacher Hinsicht als unsere Vorbilder und zum Teil als unübertroffene Meister erscheinen läßt. Wem wären, dem Namen nach wenigstens, unbekannt ihre Werke der Poesie (Homer, Pindar, Anakreon, Theokrit u. a.), des Dramas (Äschylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes u. a.), der Redekunst (Demosthenes, Äschines u. a.), Geschichtschreibung (Herodot, Thukydides, Xenophon u. a.), der Philosophie (Plato, Aristoteles u. a.), der Mathematik (Archimedes, Euklid) von den Griechen, und von den Römern, die eines Cicero, Horaz, Virgil, Ovid, Livius Tacitus, Juvenal u. a.? Wer hätte nicht von der unendlich großen Zahl der griechischen Bildhauer und Maler wenigstens den Namen eines Praxiteles, Phidias, Apelles und Zeuxis kennen gelernt? Namentlich waren es die Griechen, die in ihrer natürlichen Religiosität die heiligen Stätten, Tempel und Altäre mit dem Schönsten schmückten. Dadurch war hier ein Reichtum an Weihegeschenken und Kunstwerken aller Art entstanden, den man unermeßlich nennen kann, wie die Nachrichten darüber bezeugen.

So war der religiöse Glaube, als das Edelste und Heiligste eines Volkes, auch damals die Quelle der Bildung. Beide entsprachen sich natürlich. Man wird in beiden das Großartigste, Edle, Hohe und Schöne nicht verkennen können, aber trotzdem bemerken wir, daß der religiöse Glaube sich doch nicht von der äußeren Natur, in der er größtenteils seine ursprüngliche Wurzel hatte, so loszureißen vermochte, daß man nur ein höchstes Wesen als den alleinigen Lenker unserer Schicksale geistig erkannte, und als geistiges Wesen angebetet hätte.

Fehlte demnach auch jenen Völkern das spätere Licht der christlichen Offenbarung, so waren sie doch glücklich in ihrem aus der Natur geschöpften Glauben. In diesem Sinne ist der große Unterschied der ehemaligen Anschauung aufzufassen, die unser großer Dichter in poetischem Gewande also deutet:

"Da ihr noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!"

Unsere Wanderung in die sogenannte alte Welt versetzt uns nach Griechenland und Latium. Die Alt-Griechen wohnten seit uralter Zeit in dem heutigen Griechenland, auf den Inseln im Archipel, auf der Westküste Kleinasiens, sowie auch in den Kolonien angesiedelt an den Küsten des Schwarzen Meeres nordwärts bis gegen die Mündung der Wolga, dann aber auch in Kolonieen auf der Insel Sicilien und in einigen Städten in Süd-Italien, sowie auf der Südküste von Frankreich. In diesem Ländergebiete treffen wir in Thessalien den götterbewohnten Berg Olympos, das schöne Thal Tempe, die lachenden Ufer des Peneios, in der Landschaft Phokis den heiligen Hain zu Delphi, wo die Priesterin des schicksalskundigen Gottes vom Dreifuß herab die Orakel verkündete, das stille Gebirgsland Arkadien mit seinen einfachen Hirten, das weite olympische Gefilde mit seinen unzähligen Tempeln, Götterbildern und Schatzhäusern der Weihegeschenke, das reiche und meerbeherrschende Korinth, Athen, die Stadt der Athene, Theben, mit der uralten Burg des Kadmos, Eleusis, die Apollon heilige Insel Delos, die Inseln Ägina, Lemnos, Chios, Naxos, Rhodos u. a. — Der alten Römer Stammsitz war Rom in der Landschaft Latium, an den Ufern der Tiber. Von hier breiteten sie erobernd ihre Herrschaft über Europa, Asien und Afrika aus.

Lassen Sie mich jedoch, ehe ich Sie in das Gebiet der Vorzeit weiter einführe und mit dem religiösen Glauben der Völker in Griechenland und Italien näher bekannt mache, einiges voranschicken, wozu ich mir um so mehr Ihre Aufmerksamkeit erbitte, weil es zum klaren Verständnis und zur richtigen Beurteilung des Nachfolgenden ebenso wichtig als nötig ist.

Vor allem ist die Bemerkung über die Bedeutung des Wortes Mythologie notwendig. Das Wort besteht aus der Zusammensetzung der beiden griechischen Wörter Mythos (Sage) und Logos (Erzählung, Lehre), heißt demnach wörtlich "Sagenlehre", und man versteht darunter die Lehre oder Erzählung von den Sagen, in denen die Alten die Wirksamkeit ihrer Götter, ihr Wesen, ihre Entstehung und die Entstehung der ganzen sichtbaren Welt, wie sie dieselbe sich vorstellten, geschildert haben. Der bei uns gewöhnliche Begriffe einer Fabel, welche im Griechischen auch "Mythos" genannt wird, findet hier keine Anwendung, da Fabeln oder Märchen von niemandem als eine Thatsache geglaubt werden, der Mythos bei den Alten aber der poetische Ausdruck ihres wirklichen religiösen Glaubens war, daher man Mythologie auch Götterlehre genannte hat.

Kein Volk war von seinem Ursprung an so gebildet, als es in der Zeit seiner späteren Bildung erscheint. Wie der Mensch nicht unterrichtet, gebildet und erfahren aus den Händen der Natur hervorgeht, sondern eine Kindheit verlebt, und eine Jugend, in welcher die Anlagen seines Geistes und die Triebe seines Herzens sich allmählich entwickeln, in welcher seine Phantasie (Einbildungskraft) ihr Spiel treibt, bis durch Entfaltung seiner Vorstellung und durch Berichtigung seiner Begriffe eine bessere Erkenntnis von den ihn umgebenden Dingen und das Verstehen ernster Wahrheiten in ihm begründet werden; wie der Mensch nur allmählich von der Herrschaft der Phantasie, die ihn in der Jugend oft irre leitet, losgemacht und dahin geführt wird, das, was Irrtum war, zu erkennen und der Wahrheit zu huldigen; wie er erst dann lernt seine Gedanken auf höhere Gegenstände dauernd hinrichten und seine Kräfte zu guten und nützlichen Zwecken anwenden: ähnlich ist’s bei ganzen Völkern, die ja doch aus einzelnen Menschen in großer Anzahl vereint bestehen. Wie wir daher verschiedene Zustände der Verstandes- und Herzensbildung an dem einzelnen Menschen, von seiner Jugend an bis zu seinem Alter, unterscheiden müssen, so auch in ganzen Völkern.

Der ursprüngliche Zustand eines Volkes ist der der Roheit, wo dasselbe weder sich selbst, seine höheren Kräfte und seine Bestimmung erkennt, noch die es umgebenden Dinge und die Welt, in der es lebt, recht zu beurteilen versteht. Die Phantasie ist dann besonders rege, je weniger die Vernunft, — das innere heilige Licht des Menschen — bereits zur vollen Klarheit gelangt, — und der Verstand, — das Urteilsvermögen, — ausgebildet ist. Indessen fühlt auch der rohe Mensch, daß er von tausend äußeren Dingen umgeben ist, die, mächtiger als er, ihren Einfluß auf ihn ausüben, z. B. die Kräfte der Natur, und daß sich tausend Dinge in der Welt befinden, denen er nicht das Dasein gegeben, die ihm unbegreiflich sind, und über die er keine Gewalt hat. Allmählich kam er dahin, sich die natürliche Frage aufzuwerfen: Woher kommt dies alles, was du um dich her wahrnimmst? wer hat es hervorgebracht? und je weniger er sich diese Fragen beantworten kann, desto tiefer empfindet er seine Schwäche. Sein noch ungeübtes Nachdenken gestattet ihm nicht, in den innern Zusammenhang der Dinge einzudringen; sein noch ungebildeter Verstand versagt ihm die Mittel und Wege zu einer richtigen Beurteilung, zu einem beruhigenden Erkennen. In diesem beschränkten geistigen Zustande läßt er nun seiner Phantasie einen um so freieren Spielraum, und bildet sich, — indem er eine höhere Kraft, von deren schöpferischen Wirken alles Vorhandene ausging, in der tiefsten Brust ahnet, — ein höheres Wesen aus nach seiner menschlichen Art und Anschauung.

Denn weil der Mensch kein absolut höheres Wesen, als er selbst ist, begreifen, geschweige denn in seiner Phantasie erschaffen kann, und da er sich andererseits seine Gottheit als das höchste und vollkommenste Wesen vorstellt, das er zu begreifen vermag, so denkt er sich dieselbe menschenartig und legt ihr, der eigenen Empfindung gemäß, alle menschlichen Eigenschaften und Kräfte bei, jedoch in einem weit höheren Grade, als er solche selbst besitzt. Dieses Gebilde seiner Phantasie fängt ihn, je mehr er es selbst ausstattet, zu befriedigen an, und da er von keiner Seite her seinen Irrtum als solchen erkennen lernt und eines Besseren belehrt wird, so glaubt er bald, was er sich einbildet, und hält die Schöpfungen seiner Phantasie für Wahrheit.

Da er jedoch in der Vielartigkeit der Naturdinge zu Mannigfaltiges um sich her erblickt, da er eine Vielheit von Kräften wahrnimmt, die scheinbar unabhängig voneinander sowohl, wie von einem obersten Gesetze, ja die gegeneinander wirken und sich einander aufheben, so muß ihn seine Phantasie zur Vorstellung einer Vielheit von Göttern (zum Polytheismus) treiben. Er bildet sich also nicht ein Wesen höherer Art, sondern so viele, als er verschiedene sein Leben und Dasein beherrschende Kräfte bemerkt, und legt ihnen, je nachdem sie ihm groß und herrlich oder minder gewaltig und schön erscheinen, eine verschiedene Hoheit, Gewalt und Würde bei, ja selbst in dem Schrecklichen und Furchterregenden, sofern dasselbe ihm als eine Macht erscheint, von der er abhängt und die ihn vernichten kann, ahnt er etwas Göttliches, das er zu versöhnen und günstig für sich zu stimmen suchen muß.

So bildet er sich in der ihn umgebenden Welt eine neue, voll von selbsterschaffenen Wesen, die er je nach ihrer Art ehrt, liebt und fürchtet. Er bevölkert auf diese Weise die Luft, das Wasser, die Erde, den Wald, das Saatgefilde, den Palast und die Hütte; er findet in den Begebenheiten, die sich vor seinen Augen zutragen, die wirkende Kraft eines der mächtigen unbekannten Wesen, und sie ahnungsvoll ehrend, liebend oder fürchtend, sucht er sich mit ihnen in ein gutes Einvernehmen zu setzen, und ihre Geneigtheit und Unterstützung zu erwerben durch Diensten und Gaben, wie sie ihm selbst lieb und angenehm sind. Er errichtet ihnen vor allem heilige Stätten, Altäre und Tempel, um hier an bestimmter Stelle der Nähe des höheren Wesens gewiß zu sein. Denn die Gottheit muß ja nach seiner Vorstellung auch eine Wohnstätte haben, wie der Mensch, wenn er irgendwo weilen soll.

Aus diesem Glauben entstanden die Tempel, wie die Altäre, aber auch die Opfer von allerlei Gaben, die heiligen Gebräuche oder Ceremonieen bei diesen Handlungen, die Reinigungen, Sühneopfer, Weihungen, Festzüge und bei den Griechen die großen Volksfeste der olympischen, nemeïschen Spiele etc., ferner die Geheimdienste oder Mysterien, z. B. die eleusinischen zu Ehren der Demeter. Der einfache Naturmensch, wie es auch die Griechen — nicht so ganz die Römer — waren, fühlte sich in der Nähe der Gottheit da, wo er sie suchte oder glaubte. Dieser Glaube pflanzte sich nicht nur vom Vater zum Enkel fort, sondern erweiterte sich auch durch Vereinigung von verschiedenen Gebräuchen aus anderen Gegenden, mit der Zeit durch größere Ausbildung und Verschönerung der äußeren Zeichen.

So entstand die Mythologie, das heißt: die durch die Sage fortgepflanzten Vorstellungen von Entstehung der Welt und der Erde mit allen darauf wahrgenommenen Erscheinungen, so wie auch von den Göttern und Heroen (Helden). Je nach dem Kulturzustande der alten Völker hatten diese Vorstellungen ihr eigentümliches Gepräge.

Sie können sich, meine Leser, schon nach dem, was hier angeführt wird, nicht darüber wundern, daß widersprechendes, wunderbares, ungereimtes, ja selbst unmögliches in dieser aus Sagen entstandenen Götterlehre zum Vorschein kommt. Und dieses wird Ihnen um so erklärlicher erscheinen, wenn Sie bedenken, wie und wann diese Sagen entstanden sind. Dieselben gehören keineswegs einer und derselben Zeit, noch auch einem und demselben Orte an. Sie haben mit dem Volke die Zeiträume von Jahrtausenden durch alle Umwandlungen seiner Bildungsstufen erfahren. So hat die früheste Zeit des rauhesten Naturlebens teil daran, so gut wie die spätere Zeit der hohen Kultur. Dichter und Philosophen haben dabei mitgewirkt. Dies müssen Sie, meine Leser, bei den nachfolgenden Erzählungen nie aus den Augen verlieren, darüber nicht erstaunen und daran keinen Anstoß nehmen.

Wenn ich diese Aufforderung auch auf dasjenige ausdehne, was in der Mythologie teils uns nach dem Maßstabe unseres Sittengesetztes unsittlich und schlecht erscheint, teils nach jedem sittlichen Begriffe unsittlich und schlecht ist, gleichwohl aber von den Göttern erzählt wurde, so glaube ich dies thun zu dürfen, indem ich Sie darauf hinweise, daß, wie wir gesehen haben, die Götter Personifikationen von Naturkräften sind, daß demnach, was von ihnen unter der Form von persönlichen Thaten und Leiden berichtet wird, nur der bildliche Ausdruck für das Verhältnis der Naturkräfte zueinander ist. So läßt sich z. B. aller Streit und Hader unter den Göttern sehr einfach auf den Konflikt verschiedener Naturkräfte, wie Licht und Dunkel, Hitze und Kälte, u. s. w., zurückführen, während das freundliche Zusammenwirken zweier Kräfte, wie z. B. Wärme und Feuchtigkeit, bildlich bald als geschwisterliche, bald auch als geschlechtliche Liebe dargestellt wird. Es kommt also überall darauf an, den Sinn der bildlichen mythologischen Ausdrücke zu verstehen; wo wir dies vermögen, werden wir von unsittlichem und schlechtem nicht mehr reden und nur unverstandene Mythen werden uns sittlich tadelnswert scheinen.

Hierbei will ich nicht unbemerkt lassen, daß die Alten selbst in Zeiten, welche der Entstehung der meisten Mythen um Jahrhunderte folgten, den Sinn mancher Erzählung nicht mehr verstanden, und daß manche der Edelsten und Besten unter ihnen die eben deswegen unsittlich erscheinenden Erzählungen von den Göttern als Erdichtung und Verleumdung verwarfen, während andere den alten Sagen einen neuen, ihrer Bildungsstufe entsprechenden Sinn unterzulegen suchten. Je weiter auf diesem Wege die griechische Religion sich fortbildete, um so weiter entfernten sich die Götter von der Natur und von ihrer ursprünglichen Bedeutung, um so mehr wurden sie zu rein geistigen Wesen.

Je weiter aber dieser Umbildungsprozeß fortschritt, desto mehr mußte von dem alten Glauben und von den alten Sagen aufgegeben werden, und da trotzdem die Götter ihren Ursprung nie ganz verleugnen konnten, so ergaben sich daraus eine Menge von Zwiespältigkeiten und Widersprüchen, eine Fülle von Verwirrung und Willkür in der Auffassung der Religion, welche endlich zu deren Auflösung und zum Verfalle des Heidentums führen mußte und geführt hat. Demgemäß ist wohl festzuhalten, daß die Griechen und Römer auch nicht alle und zu allen Zeiten alles das glaubten, was die gesamte Götterlehre dieser Völker umfaßt und Sie im nachfolgenden erzählt finden, und daß die Aufgeklärten unter ihnen, besonders die Philosophen, d. h. Weltweisen, wie Sokrates, Plato u. a. m., es dem großen Haufen des Volkes überließen, sich daran zu halten, weil diesem etwas nötig ist, was er glaube und glaubend fürchte, damit er den allgemeinen Gesetzen der Menschheit und der Staaten gebührend gehorche. Denn ein weiser Mensch ehrt selbst den Irrtum seines Mitbruders, wenn er unschädlich für andere, ein Mittel zu dessen Besserung und Beruhigung, und jener noch nicht gebildet genug ist, um eine höhere Wahrheit aufzufassen, festzuhalten und ihr Folge zu leisten.

Daher geschah es denn auch, wenn Zweifel im Volke über gewisse Dinge im Gottesdienste entstanden, was das Rechte sei, daß man sich Bescheid bei dem Orakel zu Delphi holte. So fragen manchmal hier die Athener, an welchen Gottesdienst sie sich vorzüglich zu halten hätten. Darauf gab das Orakel den Bescheid: "An den bei ihren Vorfahren üblichen". Außerdem überwachte auch der Staat den Gottesdienst und strafte die Neuerung. Deshalb wurde ja Sokrates zum Giftbecher verurteilt, weil er die Jugend verführe durch die Lehre von einem andern Gott.

Sie aber sollen die Mythologie nicht als historische Thatsache glauben, denn Sie leben in einer Zeit, wo die Begriffe über die Entstehung der Welt, über Gott, als den Urheber alles Vorhandenen, über das Verhältnis der Menschen zu ihm und über die einzig rechte Art der Verehrung des höchsten Wesens geläutert sind, wo diese dem Verstande und der Vernunft des Menschen ebenso anpassend, als für das Herz bildend, bessernd und tröstend erscheinen; aber Sie dürfen zur Bildung Ihres Geistes und Ihres guten Geschmacks, sowie auch zum richtigen Verständnis der Geschichte der Menschheit nicht unbekannt bleiben mit dem religiösen Glauben alter Völker, der, aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet, so gut sein Ehrwürdiges hat, wie der unsrige.

Auch in vielen der Religionsbegriffe, die, nachdem jene Mythologie längst im Strome der Zeit und durch die weiter vorgeschrittene Ausbildung der verschiedenen Völker untergegangen war, von diesen angenommen wurden, ist noch manches enthalten, das sich mit der wahren Aufklärung eines erleuchteten Verstandes nicht wohl verträgt; deshalb aber haben sie doch ihr Wahres, Nützliches und Ehrwürdiges; und eine noch aufgeklärtere Nachwelt würde so unrecht thun, diese Mängel zu verspotten, wie wir, wenn wir über den Volksglauben der Vorwelt witzeln oder gar lachen wollten, weil wir in dem glücklichen Falle sind, richtigere Religionserkenntnisse, als jene hatten, zu besitzen. Was der gebildete Verstand unterrichteter Menschen sich vorstellt, muß so weit von dem verschieden sein, was der Rohe sich einbildet, als die Zeit der Kindheit von dem männlichen Alter. Das Wunderbare beschäftigt lebhaft den ungebildeten Verstand des rohen Menschen, der das Ungereimte noch nicht erkennt: er will alles vor Augen sehen, da er sich von unsichtbaren Dingen noch keinen Begriff zu bilden vermag. Er kann sich nicht in Untersuchungen vertiefen, weil ihm das geistige Geschick dazu mangelt, nimmt daher selbst die lächerliche Vorstellung an, und gestaltet sich nach den unsichtbaren Dingen das, was ihm zwar unsichtbar, aber doch seinen Wirkungen nach für ihn vorhanden ist.

Aus diesem Gesichtspunkte, meine Leser, müssen Sie die ganze Götterlehre der Griechen, Römer und Ägypter betrachten; dann wird weder die große Zahl, noch das Wesen der von dem rohen Volkshaufen verehrten Gottheiten Sie überraschen, Ihnen aber auch das Sinnliche und Ceremonielle ihres Götterdienstes, ihrer Feste und Opfer nicht auffallend erscheinen.

Jedes Urvolk, d. h. ein solches, welches die in irgend einem Lande der Erde wohnende Menschenmasse umfaßt, der eine gleiche Sprache, gleiche Sitten und späterhin gleiche Gesetze eigen waren (zum Unterschiede von andern Völkern, die, als Abzweige von einem Urvolke herstammend, in eine andere Gegend der Erde zogen und dort durch allmähliche Umbildungen eine von dem Urvolke verschiedene Sprache, Sitte und Verfassung annahmen), jedes Urvolk also hat seine eigene Mythologie, deren Bildung in der Zeit beginnt, wo dasselbe sich aus der ersten Roheit seiner Sitte und seines Zustandes loszuringen anfing. Es hatte seine eigene Vorstellung von seinen Göttern, von Entstehung der Welt, der Erde und den Ursachen der auf derselben wahrgenommenen Erscheinungen.

Die Bildungsgrade der Urvölker sind aber nach dem Lande und dem Himmelsstriche, wo sie wohnten, sowie nach ihren Beschäftigungen, verschieden, verschieden nach der Zeit und den Schicksalen, welche sie erlebten. Indessen sind gewisse Vorstellungen von Göttern und von der Welterschaffung allen und zu allen Zeiten gemein; nur der äußere Ausdruck ihrer Vorstellungen (die Form) ist verschieden. Zuerst erkannten alle Urvölker gewisse höhere eigentliche wahre Gottheiten an; dann schmückten sie auch andere Wesen von minderer Macht und Herrlichkeit mit göttlichen Eigenschaften, jedoch so aus, daß sie jenen nicht gleichkamen, vielmehr ihnen untergeordnet waren, Untergottheiten genannt; und endlich legten sie auch ausgezeichneten Menschen ungewöhnliche Kräfte, Fähigkeiten und einen höheren Beruf bei, die sie dann als Halbgötter oder Heroen verehrten.

Völker, welche der Roheit noch nicht ganz entsagt hatten, stellten ihre Götter und Heroen nach ihrem Maßstabe roh, — gebildete Völker dieselben aber schon in edlerer Gestalt, in verfeinertem Wesen dar.

Der Götterglaube der Griechen ist der ausgebildetste unter allen andern Völkern und ihm schließt sich der der Römer an, da sie im wesentlichen ihre Bildung von den Griechen annahmen. Der Götterglaube der Ägypter ist als der bei weitem älteste für uns auch der dunkelste.

Die Mythologie der Griechen und Römer, mit der wir uns zunächst beschäftigen werden, enthält jene schon im Eingange allgemein bezeichneten Götter: 1) obere und 2) untere Gottheiten 3) Heroen oder Halbgötter, an deren Geschichte sich dann manche mythische Erzählungen anknüpfen.

Die Griechen erhielten nach gewissen, aber durchaus unverbürgten Sagen durch die Einwanderer Kadmos, Kekrops u. a. einen Teil ihrer Bildung von dem in der frühesten Zeit sehr gebildeten Volke der Ägypter. Zu größerer Vollständigkeit sollen Sie daher, meine Leser, wenn ich Ihnen das Wichtigste aus der griechischen und römischen Mythologie mitgeteilt haben werde, auch das Wesentliche aus der Mythologie der Ägypter, diese wichtigen und in seiner abgeschlossenen Bildung merkwürdigen Volkes, erfahren. Das Ganze dieser an Sie gerichteten Erzählung werden belehrende Winke über Abbildungen allegorischer Personen unterstützen.

Sollten Sie übrigens hier, und ehe Sie weiter lesen, noch zwei sehr natürliche Fragen aufwerfen, nämlich: woher hat man diese mythologischen Nachrichten genommen? und: wozu sollen uns dieselben nützen? so hören Sie zur Beantwortung derselben folgendes:

Auch schon in den Zeiten, wo die Mythologie, wie sie Ihnen hier wird vorgetragen werden, Volksglaube war, gab es Männer, welche die im Volke herrschenden Vorstellungen und Sagen sammelten und niederschrieben, Gelehrte (Philosophen, Weltweise), Geschichtsschreiber und Dichter. Aus den von jenen verfaßten, auf unserer Zeit gekommenen Werken sind die mythologischen Nachrichten glaubwürdig entlehnt, und es ist dabei das benutzt worden, was sich an Abbildungen und Denkmälern der bildenden Kunst jener Zeit vorfand, in welchen und durch welche man Gegenstände des damaligen Volksglaubens zu verewigen suchte, wie z. B. durch Statuen, Gemälde, Gemmen und Münzen. Dies sind die Quellen unserer Kenntnis der Mythologie der Alten, von der richtige Begriffe zu haben um deswillen wichtig und für jeden Gebildeten nötig ist, weil man aus derselben einen wesentlichen Teil der allgemeinen Bildungsgeschichte des Menschengeschlechts insofern kennen lernt, als man mit dem Geiste der Völker jenes Zeitalters vertraut wird.

Die aus demselben bis auf uns gekommenen und jetzt mit Recht so gelehrten Werke der Schriftsteller und Dichter der Griechen, sowie die ihrer bildenden Künstler, nämlich: übrig gebliebene Teile (Ruinen) von Gebäuden, Abbildungen (Reliefs) an denselben, Inschriften, zum Teil oder ganz erhaltene Statuen, und Münzen, würden wir teils nicht richtig verstehen, teils ihre Schönheit und ihren Kunstwert als Denkmäler der Zeit, in welcher sie entstanden, nicht erkennen, mithin auch nicht für unsere Künstler zur belehrsamen Nachahmung benutzen können; wir würden keine vollständige Geschichte der allmählichen Bildung jener alten Völker besitzen, wenn wir mit der Mythologie derselben unbekannt geblieben wären; endlich aber würden wir auch die vielfach trefflichen Allegorien, d. h. die sinnbildlichen Darstellungen eines Verstandesbegriffes, deren sich unsere neueren Dichter und die bildenden Künstler unserer Zeit bei ihren Werken mit so großem Erfolge bedienen, nicht verstehen, also auch deren Wert nicht ganz würdigen können, wenn wir nicht mit der Mythologie der Alten bekannt wären.

Um den religiösen Volksglauben noch besser als Teil des Volkslebens zu verstehen, dem er ganz eigen ist, so müssen wir auch die Art und Weise der Götterverehrung, den sogenannten Gottesdienst oder Kultus kennen. Im Altertum bestand dieser hauptsächlich in Opfern, die auf den Altären dargebracht wurden, wie schon im vorhergehenden bemerkt worden ist. Uns erscheint es jetzt kaum glaublich, daß man ehedem, wie auch noch heute die rohen Völker des Heidentums in Afrika und Asien, außer den Tieren und Feldfrüchten, auch Menschen opferte. Und doch war ja Abraham auf das Geheiß Gottes im Begriff, seinen eigenen Sohn Isaak zu opfern; und auch aus mehreren Orten Griechenlands, sowie aus mehreren griechischen Sagen, z. B. der allbekannten von Iphigenia, erfahren wir von Menschenopfern. Diese grausige Sitte erlosch jedoch später auch schon unter den Griechen, je mehr sie in ihrer Bildung fortschritten. Endlich erschien das Christentum, dessen Lehre die Opfer ganz aufhob.

Fragen wir nun, wie die Opfer entstanden, so ist einfach die Antwort: Sie waren der Anteil, den man einer Gottheit schuldig zu sein glaubte, von dem, was man erst durch sie erhalten hatte. Sie sind daher von dem Naturdienst unzertrennlich, da ja die Götter als durchaus menschenartige Persönlichkeiten gedacht wurden. Wie nun jeder Mensch von dem, wobei er mitgeholfen hat, seinen Teil zu haben verlangt, und wie andererseits das natürliche Gefühl der Dankbarkeit uns treibt, demjenigen, der sich uns freundlich und hilfreich erwiesen hat, von dem, was wir Gutes besitzen, mitzuteilen, so hielt man sich auch verpflichtet, jeder Gottheit das ihr gebührende Teil von dem zu geben, was man durch ihrer Hilfe oder vermöge ihrer Huld besaß. Dies that der Landmann, in dem er von den geernteten Feldfrüchten, und der Hirt, indem er von seiner Herde die Erstlinge des Jahres dem Gott darbrachte, dessen Schutz und Macht er die Ernte und das Gedeihen der Herde verdankte; aber ebenso gab der Kaufmann und Schiffahrer von seinem Gewinn, sowie der Krieger von der Beute den betreffenden Göttern. Die Opfer waren also Gaben, durch welche man sich abfinden mußte. Dies unterlassend, fürchtete man sich vor dem Zorn und dem Verlust der Gunst der Götter. So erscheinen die Opfer als die natürliche Handlung eines Naturmenschen, der alles nur nach seinen eigenen Begriffen zu beurteilen vermag. Wenn man nun heute die Opfer im Licht des Christentums nicht mehr billigen kann und durch dasselbe als völlig abgethan betrachten muß, so bestätigen sie uns doch eine von Natur dem Menschen inwohnende deutliche Ahnung des Göttlichen in der Natur und allen ihren Erscheinungen, dem Sonnenschein, Regen, Blitz und Donner, Wachstum, Fließen der Ströme, dem bewegten Meer, der labenden Quelle, dem schattigen Baum etc. Je weiter man seine Wahrnehmung entwickelte, erkannte man es auch in der eigenen geistigen Kraft und schrieb dieselbe einer Gottheit zu. Darum flehte der Dichter, der Künstler und auch der Wettkämpfer zu derselben und weihte ihr auch den mit der gelungenen Arbeit errungenen Preis, den er im Tempel oder an geweihter Stätte aufhängte oder aufstellte.

In diesem Ursprung des Götterglaubens aus der Natur wurzelt auch in dem Altertum eigene, große Religiosität. Der griechische Philosoph Pythagoras lehrte, daß es dem Menschen gut sei, und daß er besser werde, wenn er fleißig bei den Wohnungen, d. h. den Tempeln und Altären der Götter einspreche und zum allgemeinen Gottesdienst komme. In diesem Sinne errichteten auch die alten Griechen überall Tempel, Götterbilder, Altäre und Heiligtümer, damit man an allen Orten an die Nähe der Götter erinnert werden solle, indem man stets unter ihren Augen wandelte. Erfüllte nun der Mensch das, was er den Göttern schuldig war, so bewies er seine Frömmigkeit; that er das nicht, so war er gottlos. Hatte er unwillkürlich und sich unbewußt gegen die Achtung der Götter gefehlt, so mußte er sich durch Reinigung von der Unthat und durch Opfer sühnen. Glaubte man auch, daß die Götter zu jeder Zeit überall seien, und daß man deshalb immer und überall fromm und rein in Worten und Handlungen vor ihnen wandeln müsse, so mußte man sich vorzugsweise in der Nähe der Tempel und Heiligtümer, bei Opfern und Festen vor jeder bösen und verunreinigenden That scheuen und zugleich der Andacht befleißigen. Vor allem mußte jeder vor den Göttern an Tempeln und Altären rein in Kleidung und Sinn erscheinen; denn die Unreinigkeit war den Göttern ein Abscheu. Deshalb durfte man auch nicht in Trauer oder Trauergewändern erscheinen, sondern heiter und in Feierkleidern. An Festen mußte die Arbeit ruhen. Da den Göttern nur Heiterkeit, Ordnung und Ebenmaß angenehm war, so mußte bei den Festzügen die Kleidung, der Gang und die ganze Körperbewegung gemessen und feierlich sein, und die Musen, d. h. Gesang und Musik, durften nicht fehlen. Der Eintritt der Feier eines Festes wurde öffentlich angekündigt, z. B. bei den Römern durch diesen Ruf: "Der festliche Tag ist erschienen: habet acht auf Gedanken und Worte, sprecht günstige Worte am günstigen Tag! Kein Zank belästige die Ohren; fern sei leidenschaftliches Hadern, verspare dein Geschäft, boshafte Zunge! Mit balsamischen Duft steige die Flamme vom Altar empor! In reine, fleckenlose Gewänder gehüllt, wie es der Feier ziemt, wallet zu den Heiligtümern!"

Jeder Gottheit wurde nur das geopfert, was ihr angenehm war, was entweder dem Kreise ihrer Wirksamkeit angehörte und als ihre Gabe galt, oder was einen tieferen und gemeinen Bezug zu dem Wesen der Gottheit hatte; von Tieren bisweilen auch diejenigen, welche der Gabe einer Gottheit schaden, so der Ziegenbock als Beschädiger des Weinstocks dem Dionysos (Bacchus); dazu mußte das Opfer makellos sein, und es wurde außerdem festlich geschmückt und geweiht mit der Opferbinde. Darum sieht man auf Bildwerken den zum Altar als Opfer geführten Stier mit Kränzen geschmückt, und auch das zum Sühneopfer bestimmte Schwein mit einer Binde um den Leib angethan. Wer einen Menschen tötete, oder einen Toten sah oder gar berührte, hatte sich verunreinigt, und mußte sich erst wieder sühnen, ehe er vor den Göttern an heiliger Stätte erscheinen durfte. Die Reinigung geschah zunächst mittelst Waschung oder Besprengung mit Seewasser oder Quellwasser, und war stets mit entsprechendem Opfer verbunden. Die Opfer als heilige Handlung mußte der Priester verrichten. Das Priesteramt konnten nach hergebrachten, unwandelbar festen Bestimmungen Männer oder Frauen haben. So waren bei den alten Römern die Priesterinnen der Vesta Jungfrauen, Vestalinnen genannt, welche das Feuer der heiligen Lampe beobachten mußten, damit dasselbe niemals verlöschte. Bei den Griechen war das Priesteramt bei dem delphischen Orakel des Apollo in den Händen einer Frau, welche den göttlichen Ausspruch verkündete, und auch andere Götter und besonders Göttinnen hatten Priesterinnen. Zu den Festzügen zur heiligen Stätte der Tempel und Altäre gehörten die Priester und die obrigkeitlichen Personen, außer den übrigen Teilnehmern.

Die Opferung der Tiere begann damit, daß einige Haare an der Stirne des Opfertieres abgeschoren und als Erstlingsgabe in das Feuer geworfen wurde, dann streute man dem Tiere den mit Salz vermischten Opferschrot zwischen die Hörner. Dabei wurden die Worte gesprochen, je nachdem das Opfer ein Stier, Schaf etc. war: "Laß dir diesen Stier (Schaf etc.) gefallen" und darauf wurde das Tier geschlachtet. Das Blut goß man um den Altar, und die edleren Eingeweide, mit Mehl, Wein und Weihrauch bestreut, wurden auf dem Altar verbrannt. Den Opferanteil für die Fluß- und Meergottheiten versenkte man in die Tiefe des Gewässers. Bei den Opfern für die unterirdischen Gottheiten stand das Opfertier, das auch von schwarzer Farbe sein mußte, in einer Erdgrube. Die Überreste vom Opfertiere wurden im feierlichen Mahl verzehrt. Ein günstiges Opfer war dasjenige, bei dem man glückliche Zeichen wahrgenommen hatte.

Bei den Römern richtete ein Betender sich gegen Norden, und zwar im Tempel nach dem Bilde und Altar der Gottheit, faßte dabei auch die Kanten des Altars an und sprach das Gebet sehr vorsichtig. Bei einer Bitte an die himmlischen Götter erhob man die Hände zum Himmel; wenn sie den unterirdischen galt, richtete man sie gegen die Erde. That man ein Gelübde, so legte man die Hände auf die Brust. Bei den Römern küßte man auch den Götterbildern den Mund, die Hand und die Kniee.

Als große religiöse Feste sind noch die olympischen, pythischen, nemeïschen und isthmischen Spiele der Griechen zu erwähnen, bei deren Feier das ganze Volk teil nahm. Daher wurden während dieser Feier selbst die Kämpfe zwischen den einzelnen griechischen Staaten eingestellt, wenn es etwa solche gab. Die olympischen Spiele wurden zu Ehren des olympischen Zeus in jedem fünften Jahre gefeiert mit allerlei Wettkämpfen im Ringen, Laufen, Faustkampf, Pferde- und Wagenrennen u. s. w. und selbst im Vorlesen eigener schriftlicher Arbeiten, wie dies z. B. Herodot mit seinem Geschichtswerk that. Die Teilnehmer an solchen Kämpfen rüsteten sich dazu mit großer Sorgfalt lange vorher, um den Siegerpreis, einen Olivenkranz, zu gewinnen. Die weiten ebenen Gefilde, wo diese Spiele gefeiert wurden, lagen in der Landschaft Elis in dem Peloponnes. — Die pythischen Spiele wurden zu Ehren des Gottes Apollo in der Nähe von Delphi gefeiert. Dies geschah ebenfalls in jedem fünften Jahre und zwar mit gymnastischen und musikalischen Wettkämpfen. Der Preis war ein Lorbeerkranz. — Bei den nemeïschen Spielen die dem Zeus zu Ehren gefeiert wurden, war der Siegerpreis ein Eppichkranz. — Die isthmischen Spiele wurden, auf der Landenge von Korinth, dem Poseidon (Neptun) zu Ehren in jedem dritten Jahre gefeiert, und der Sieger in den Wettkämpfen mit einem Fichtenkranz ausgezeichnet. Der größte lyrische Dichter der Griechen, Pindar, dichtete zur Verherrlichung der Sieger in diesen Volksfestspielen seine schönen Lieder, die bis auf die heutige Zeit gekommen sind.

Dieser Blick auf das Leben zweier vom Weltschauplatz verschwundenen, einst durch Bildung und Macht großen Völker zeigt uns Lebenszustände, wie sie jetzt nirgends mehr und auch seitdem nicht mehr gewesen sind.

So öffnet sich denn für Sie, meine Leser und Leserinnen, hier ein neues Feld des Wissens. Lassen Sie es uns — als wenn wir den Boden der berühmten alten Welt selbst berührten — mit Ehrfurcht vor dem ehrwürdigen Altertum und seinem Glauben, mit Eifer für historisches Wissen, mit Interesse für die Kunst, mit Lust und Geschmack an menschlicher Bildung, mit Schonung gegen frühere Irrtümer und mit Teilnahme an den so oft belehrenden und ernsten Schicksalen alter Helden betreten.

Wenn wir nun den Schauplatz der alten Welt besuchen, und Götter und Heroen auf demselben wollen handeln sehen, so müssen wir uns zuvor mit dem bekannt machen, was man sich damals von dem Entstehen der Welt und besonders unserer Erde und deren physischer (natürlicher) Beschaffenheit dachte. Hier finden wir gleich anfangs Vorstellungen und Begriffe, welche nur eine Zeit hervorbringen und unterhalten konnte, in welcher die Phantasie des Menschen über dessen andere Seelenkräfte die Oberhand hatte. Nur sie trieb ihr Spiel, und wo sie die Gedanken nicht weiter trug, wo sie sich in Nacht, Finsternis und Chaos verlor, da suchte sie selbst auch diese zu gestalten, und gebrauchte sie als den ersten Stoff, als welchem sie ihre Mythen bildete.

Uns ist die Welt das unermeßliche All, in welchem sich alles Erschaffene, alles Vorhandene befindet, ein aus zahllosen Teilen zusammengesetztes großes Ganzes, dessen Grenzen wir nicht kennen. Unsere Erde betrachten wir nur als einen Punkt in diesem unendlichen All, als einen geringen einzelnen unter den unzähligen, von einer allmächtigen Schöpfungskraft ins Dasein gerufenen Körpern. Nicht so bei den alten Völkern, und namentlich auch bei den Griechen und Römern. Sie betrachteten die Erde als den Mittelpunkt des Weltalls und erklärten sich deren Entstehung folgendermaßen: Das erste, was vorhanden war (woher? darüber grübelten sie nicht), war das Chaos, d. h. eine formlose und verworrene Masse eines Ur- oder Grundstoffes, als welchem alle nachher vorhandenen Wesen gebildet wurden, ein roher Klumpen, der erst durch eine andere Kraft in einzelne Teile abgesondert und zur Hervorbringung verschiedenartiger Dinge geschickt gemacht werden mußte. Diese andere Kraft war Eros (Amor, die Liebe), durch dessen Einflüsse sich die einander verwandten Stoffe und Dinge zusammenfanden und sich von den ungleichartigen absonderten, so daß Ordnung und Harmonie in das Chaos zu kommen begann.

Durch diese Sonderung der gleichartigen und ungleichartigen Elemente entstanden aus dem Chaos zuerst Erebos (Urfinsternis) und Nyx (die mit dem Tage wechselnde Nacht). Diese beiden verbanden sich wieder miteinander und die Frucht ihrer Verbindung waren: Äther (die helle Luft) und Hemera (der Tag). Durch die Annäherung von Eros und Chaos war aber auch der Tartaros (die Unterwelt) und die Gäa (Tellus oder Terra, die Erde) entstanden, welche letztere dann den Pontos (das Meer), die Berge und den Uranos (Himmel) gebar. Als sich die Erde (Gäa) hierauf mit ihren Erzeugten, dem Pontos und dem Uranos, vermählte, gebar sie eine zahlreiche Nachkommenschaft, worunter wir vorläufig die Titanen, Giganten und Kyklopen nennen.

Sie erkennen gewiß, meine Leser, hier gleich das Bildliche dieser Vorstellung, die nichts Anderes ausdrücken soll, als: daß alles ordnungslos durcheinander gemischt war, ehe durch eine gewaltige Kraft, die sehr sinnreich Eros — die Liebe — genannt wird, Tag und Nacht, Himmel, Erde und Meer voneinander abgesondert und die beiden letzteren mit lebenden Wesen bevölkert wurden.

Der Glaube der Alten ließ die durch die schaffende Kraft der Liebe gebildete Erde zuerst mit höheren, gewaltigen Wesen, als die nachfolgenden Geschlechter waren, bevölkert werden, damit letztere einer Macht und Herrschaft unterworfen wären, welche früher vorhanden war, als sie. Derselbe Glaube gab aber auch der Erde, die ihm die ganze Welt war, eine andere Gestalt, als die, welche wir jetzt kennen. Gewohnt, sich nur an das zu halten, was sie sahen, beurteilten sie auch die Gestalt der Erde danach. — Gestellt auf einen Turm, oder auf eine Anhöhe, die sich auf einer Ebene befindet, überblickt man den sichtbaren Teil der Erde, wie eine Scheibe gestaltet, auf deren äußerster Begrenzung der Himmel zu ruhen scheint. Diese natürliche Erscheinung, welche Ihnen, meine jungen Leser, durch anderweiten Unterricht erklärt wird, führte die Alten zu dem Glauben, die Erde sei eine schildförmig flachgewölbte Scheibe, welche feststehend, und ringsum vom Urstrome oder Urwasser, dem Okeanos, umgeben sei. Den äußern Rand dieser Scheibe dachten sie sich erhöhet, um den Meeresfluten zu widerstehen, den innern Raum derselben aber vertieft und vom Meer (Pontos) eingenommen, in welches sich die aus verschiedenen Richtungen herströmenden Flüsse ergossen. Über dieser Scheibe befand sich ihrer Meinung nach in weiter, hoher Ausdehnung das Himmelsgewölbe, gleich einem ausgespannten Zelte, welches auf den Bergen, am äußersten Rande der Erdscheibe ruhte. Luft, Wolken, und über ihnen der reine Äther, füllten der Raum zwischen der Erdscheibe und dem Himmelsgewölbe aus, an welchem sich Sonne, Mond und Sterne befanden, deren erstere an jedem Morgen durch eine Gottheit, im Osten des Himmelsgewölbe, mittelst eines mit vier edlen Rossen bespannten Wagens herauf und durch den ganzen Bogen desselben nach Westen geführt ward, um die Erde zu erleuchten, worauf sie sich dann in den Okeanos senkte und auf demselben während der Nacht, vermittelst eines Schiffes, von Westen nach Osten fuhr, um am Morgen den täglichen Kreislauf wieder von neuem zu beginnen.

Die hohen oder oberen Götter lebten in dem Luftraume zwischen der Erdscheibe und dem Himmelsgewölbe, und hatten ihren Hauptsitz in prächtigen Palästen auf dem Gipfel des Gebirges Olympos in Griechenland. Deshalb werden diese Götter, deren zwölf sind, auch die olympischen Zwölf-Götter genannt. Diese sind Zeus (Jupiter), Hera (Juno), Poseidon (Neptunus), Demeter (Ceres), Apollon, Artemis (Diana), Hephästos (Vulkan); Pallas Athene (Minerva), Ares (Mars), Aphrodite (Venus), Hermes (Merkur), Hestia (Vesta). Nach dem Glauben der Alten bildete der Olympos die hohe Mitte der Erdscheibe. Vom Olymp, glaubten sie, stiegen die unsterblichen Götter zuweilen zu den sterblichen Menschen hinab, bis eine spätere Meinung die Wohnung der Götter über das Himmelsgewölbe versetzte, von dem aus sie eine in demselben befindliche weite Öffnung, neben welcher eben Jupiters Burg und die Paläste der übrigen Gottheiten standen, die Erdscheibe übersehen konnten. Nach dieser Vorstellung wurde die Benennung Olymp oft statt Himmel gebraucht, und bezeichnete überhaupt den Wohnsitz der Götter. Ihm war der Tartaros (die Unterwelt) entgegengesetzt, ein weites Gewölbe tief unter der Oberfläche im Innern der Erde, in welches hinab, im äußersten Westen der Erde, ein Fluß aus dem Ocean strömte, welcher die Grenze des Tartaros, nach der Oberwelt zu, bildete, Styx hieß, und über den man in die Unterwelt gelangte.

Die Wohnsitze der unteren Götter und der Heroen waren nicht zugleich die der oberen Götter; jedoch waren die Meinungen über den Ort des Wohnsitzes der Heroen in verschiedenen Zeitperioden des Altertums verschieden. Die unteren Gottheiten konnten wegen der Örtlichkeit ihres Wirkungskreises auf Erden keinen abgesonderten Wohnsitz haben; so wohnten die Najaden, d. h. die Quellnymphen, in den Quellen, die Oreaden, d. h. die Bergnymphen, in den Bergen, die Dryaden, d. h. die Baumnymphen, in den Bäumen u. s. w.

Um zu einem richtigen Verständnis der Mythologie der Griechen und Römer, sowie es der Geschichte gemäß ist, zu gelangen, müssen wir, ehe wir zur Darstellung des Einzelnen übergehen, noch über einen Punkt von allgemeiner Bedeutung sprechen. Es betrifft derselbe die Verschiedenheit der Mythologie beider Völker, von der wir gewöhnlich eine mehr oder weniger vollkommene Gleichheit und Übereinstimmung annehmen. Und doch ist diese Übereinstimmung in Bezug auf große Teile des Stoffes nur eine scheinbare, welche darauf beruht, daß wir für römische Mythologie halten, was wir in römischen Schriften erzählt finden. Dies ist aber wie wir weiterhin begründen werden, ein Irrtum, und thatsächlich weichen die Religionen beider Völker sehr von einander ab. Dies wird uns sehr leicht begreiflich erscheinen, wenn wir bedenken, daß nichts inniger und unzertrennlicher mit der Bildung eines Volkes zusammenhängt, als sein religiöser Glaube. Blicken wir nun auf die früheste Zeit der Griechen und Römer zurück, so finden wir, daß sie beide, obwohl einem und demselben Urstamme der Menschheit angehörend, doch als einzelne Völker Jahrhunderte lang in gar keinem Verkehr miteinander standen und sich in mannigfach verschiedener Weise entwickelten. Daher ist es auch nicht zu verwundern, daß die Mythologie beider, d. h. ihre Sagen von den Göttern und Helden, sowie deren Verehrung in der frühesten Zeit in manchen Punkten, und zwar in den urältesten Teilen, ursprünglich übereinstimmt, in vielen andern dagegen, und zwar in den später entwickelten Sagen, sich verschieden gestaltete.

Die Götterverehrung der Römer war ihrer frühesten Lebensweise, als der eines Volkes, das nur aus Hirten und Ackerbauern bestand, angemessen, sehr einfach, und nicht so mannigfaltig wie die der Griechen, welche sich namentlich deshalb so überaus mannigfaltig entwickelte, weil das griechische Volk in eine große Zahl von einzelnen, in getrennten Wohnsitzen seßhaften Stämmen zerfiel, deren jeder, der Natur seiner Landschaft und der von dieser bedingten Lebensweise gemäß, seinen eigenen Götterglauben ausbildete. So mußten z. B. die Bewohner des vom Meere getrennten Alpenlandes Arkadien, welche wesentlich auf Viehzucht angewiesen waren, notwendig andere Götter als die Schützer ihres Daseins anbeten, als die Bewohner der Küsten und Inseln, deren Lebenselement das Meer und deren Hauptbeschäftigung Fischfang und Schiffahrt waren. Die Römer dagegen, von Anfang an einheitlicher und in einem gleichartigen Landstriche wohnend, besaßen demgemäß auch einen einheitlicheren und weniger mannigfaltig entwickelten Götterglauben.

Viele Sagen gehörten in Griechenland ursprünglich nur einzelnen Stämmen an und wurden erst durch die Dichter zum Gemeingut der Nation, andere wurden überhaupt erst durch die Dichter ausgebildet und gehören gar nicht zum Volksglauben. Alle dergleichen Erzählungen sind den Römern ursprünglich fremd, so z. B. diejenige von dem Kampf des Uranos mit seinen Söhnen, von des Kronos Verschlingen der eigenen Kinder, von der Einsperrung des Kronos in den Tartaros durch seinen Sohn Zeus. Manche Sagen von den Kämpfen, Verwundungen und Knechtsdiensten der Götter bei den Menschen, diejenige von der Entführung der Persephone (Proserpina) in die Unterwelt durch Pluto, diejenige von den Leiden des Dionysos und andere mehr sind ursprünglich ausschließlich griechisch. Ähnliches gilt von manchen Kulten, so z. B. von der ausgelassenen Feier des Bakchos- (Bacchus-)Festes etc. Letzteres fand zwar in dem zunehmenden Luxus der späteren Zeit in Italien Aufnahme, aber der ausgelassene Lärm dabei in der nächtlichen Feier wurde bald so anstößig, daß dieses Fest streng verboten wurde, und auch alle Teilnehmer als zügellose Menschen in Verachtung gerieten. Ferner fand Merkur bei den Römern niemals diejenige verbreite Verehrung, wie er sie bei den Griechen genoß, denen er eine der vorzüglichsten Gottheiten war. Auch ist der Saturnus der Römer keineswegs vollkommen der Kronos der Griechen, obschon man dies nach der Darstellung der römischen Dichter (Ovid u. a.) glauben sollte.

Eben diese Erzählungen der römischen Dichter haben die oben bezeichnete irrige Ansicht hervorgerufen, als sei der Götterglauben der Griechen und Römer vollkommen gleich und derselbe. Nun gehören aber die Dichter und Schriftsteller der Römer, welche uns den mythologischen Stoff überliefern, schon der späteren Zeit an, wo man in Rom die griechische Bildung angenommen hatte, von der die Mythologie unzertrennlich war. Und demgemäß stellten diese Dichter und Schriftsteller uns nicht den römischen Götterglauben dar, sondern sie berichten wesentlich über griechische Mythologie, welche sie früheren griechischen Schriftstellern nacherzählen. Und so blieb das fremde Griechische auf die Erzählung in den Schriften beschränkt, wie wir es darin lesen; in den Kultus, d. h. in die wirkliche Verehrung der Götter, sind Elemente des griechischen Götterdienstes nur einzeln aufgenommen. Hier und da knüpfte man die Sagen von den griechischen Göttern und Heroen an heimische Gottheiten, bei denen man Ähnlichkeit fand; aber zu einer wirklichen Verschmelzung der Sagen des einen und des anderen Volkes ist es auch durch die Dichter niemals gekommen. Die griechischen Sagen bleiben auch im Bewußtsein der römischen Dichter griechisch, und nur die Namen der Götter und Heroen wurden entweder übersetzt oder in einer der römischen Sprache entsprechenden Form wiedergegeben.

Da jedoch in der modernen Zeit die römische Litteratur früher allgemein bekannt wurde, als die griechische, so bürgerten sich die römischen Namen für die Götter und Helden bei uns ein, und zwar um so tiefer, da auch unsere Dichter, wenn sie Gegenstände der antiken Mythologie in ihre Dichtungen einflechten, was besonders im vorigen Jahrhundert häufig geschah, meistens von den durch die Römer bekannt gewordenen Namen Gebrauch machen. Da aber, wie aus dem vorstehend Gesagten klar sein wird, die griechischen und die römischen Götter keineswegs durchaus gleich und dieselben sind, so muß man sich, um zu einem gründlichen Verständnis zu gelangen, auch die griechischen Namen einprägen, die wir deshalb immer angegeben und zwar, als die der Regel nach älteren und ursprünglichen, den römischen vorangestellt haben.

Betrachten Sie diese Andeutungen über das Wesen und Verhältnis des religiösen Glaubens und der Götter der Griechen und Römer gleichsam als die Schwelle, über die wir in das religiöse Heiligtum zweier großer Völker eintreten.

Nach diesen Vorausschickungen wollen wir nun die Mythologie selbst miteinander durchgehen und zunächst die Gottheiten der Griechen und Römer nebeneinander kennen lernen.

Wir folgen mit unserer Darstellung dem von den Dichtern ausgebildeten vollständigen System der Mythologie, welches, wie wir schon früher erinnert haben, in manchen Stücken über den Inhalt des Volksglaubens hinausgeht. Dieses System entstand dadurch, daß man sich bemühte, sich über die Entstehung und allmähliche Entwicklung der geregelten Weltordnung, in der man lebte, Rechenschaft zu geben. Daß diese Weltordnung, vollkommen, wie sie erscheint, gleich von Anfang an so gewesen sei, das konnte nur der glauben, welcher einen einzigen, von Ewigkeit her vorhandenen Schöpfer annahm, als welchen wir unsern Gott glauben; wem die Vorstellung eines allmächtigen und allweisen Schöpfers aller Dinge fehlte, der mußte sich denken, daß die vollkommene Weltordnung nach und nach entstanden und aus langen Kämpfen streitender Elemente und Mächte sich abgeklärt habe. Über die Entstehung der sichtbaren Welt aus dem Chaos haben wir die Ansichten der Griechen schon mitgeteilt; die allmähliche Ausbildung der Weltordnung aber dachte man sich unter drei großen Göttergeschlechtern vollzogen, welche nacheinander den Thron der Weltherrschaft innegehabt hatten. An der Spitze des ersten Göttergeschlechts stand als Herrscher Uranos, ihm folgte als der Herrscher des zweiten sein Sohn Kronos und auf diesen als Haupt der jüngsten und vollkommensten Götterdynastie dessen Sohn Zeus (Jupiter). Was man sich über den Thronwechsel dieser drei Herrscher erzählte, dies sei der erste Gegenstand unseres Berichtes. Um denselben aber klarer und übersichtlicher zu machen, halten wir uns zunächst an:

I. Die oberen Gottheiten.

Uranos (lateinisch Coelus).

Uranos ist die personifizierte Darstellung des Himmels, wie ihn sich die Alten nach der Ihnen, meine Leser, erklärten sinnlichen Wahrnehmung desselben dachten. Mit ihm beginnt, nach der Vorstellung der ältesten griechischen Dichter, das erste Göttergeschlecht. Wir wissen schon aus dem Vorhergehenden, daß Gäa (die Erde) ihn hervorbrachte und sich dann mit ihm vermählte, aus welcher Verbindung die Titanen, deren Name noch nicht sicher erklärt ist, Hekatoncheiren und Kyklopen entstanden. Der Titanen, welche nach ihrem Vater auch Uraniden genannt wurden, waren sechs: Koios, Krios, Hyperion, Japetos, Okeanos und Kronos. Sie hatten sechs Schwestern: die Theia, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phoebe und Tethys, mit denen sie sich vermählten. Diese Gottheiten, gepaart vorgestellt als männliche und weibliche Kraft, bedeuten die Urkräfte der Natur, die man sich bei der Entstehung der Natur wirkend vorstellte. — Der Hekatoncheiren (griechisch), oder Centimanen (römisch), (Hundertarmige, Wesen mit hundert Händen) waren drei: Kottos, Gyges oder Gyes und Briareus; sie sind die Bilder der furchtbaren Kräfte der Meereswogen, die erschütternd wie Erdbeben wirken. — Die Kyklopen, als deren Namen uns Brontes (der Donner), Steropes (der Blitz) und Arges (der Leuchtende) genannt werden und welche man sich mit nur einem flammenden Auge in der Mitte der Stirn ausgerüstet dachte, sind Personifikationen der Wetterwolke mit dem leuchtenden und zündenden Blitz nebst dem krachenden Donner. Da man nun in den Erscheinungen vulkanischer Eruptionen Ähnlichkeiten mit denen des Gewitters fand, so verlegte man den Wohnsitz der Kyklopen in feuerspeiende Berge, namentlich den Ätna in Sicilien, wo man sie als Schmiedegesellen des Hephästos (Vulkan) zunächst mit dem Schmieden der Blitze, dann auch mit demjenigen anderer Gegenstände beschäftigt dachte.

Da alle diese übermenschlichen Wesen Bilder der furchtbarsten Naturkräfte sind, so wurden dieselben als die ungeheuersten Riesen dargestellt, und der poetische Mythus berichtet, daß Uranos von ihrer Gewalt und Stärke Gefahr für seine Regierung fürchtete und sie in den Tartaros hinabwarf, wo er sie gefangen hielt. Seine Gattin Gäa schmerzte das harte Schicksal ihrer Kinder; sie bewaffnete daher den Kronos mit einer adamantenen, d. h. stählernen, von ihr gefertigten gewaltigen Sichel, womit dieser seinen Vater, den Uranos, unheilbar verwundete, hierauf die Titanen aus dem Tartaros befreite, die sich nach dem Sturz ihres Vaters mit ihren Schwestern vermählten und ein zahlreiches Göttergeschlecht hinterließen, das noch dadurch vermehrt ward, daß aus den bei Verwundung des Uranos auf die Erde fallenden Blutstropfen die Giganten entstanden — mit Drachenfüßen begabte Riesen, — ferner die melischen Nymphen, das sind die Nymphen der Eschen, aus denen die Kriegslanzen gemacht werden, und die Erinnyen (bei den Römern Furien genannt): Tisiphone, Megära und Alekto, die Rachegeister, ursprünglich die des vergossenen Vaterblutes, — weibliche Wesen mit Schlangenhaaren, und mit Vipern umgürtet, — von denen Verbrecher mit schrecklichen Qualen der Rache gemartert wurden. Alle diese Götterwesen waren ursprünglich nur der Mythologie der Griechen eigen, und der Religion gehören von denselben ausschließlich die Erinnyen an, welche z. B. in Athen unter dem Namen der "Ehrwürdigen" einen Kultus hatten. Den Römern wurden sie erst später und zwar ausschließlich als poetische Fiktionen bekannt, und ohne in deren religiösen Glauben aufgenommen zu werden. Die Römer glaubten dagegen andere Dämonen, nämlich die Larven, die sogar die Toten nicht ruhen ließen, wenn sie nicht gesühnt waren. Indessen beweisen doch Griechen und Römer durch den Glauben an solche übermenschlichen Wesen, wie sehr sie die verdiente Rache des Himmels fürchteten.

In dem Göttergeschlecht der Uraniden findet man gleichsam die Vorstellungen aller Himmelskräfte als persönliche Wesen dargestellt, wie sie erzeugend, zerstörend und als sichtende Kraft selbst auf das Dasein wirken. Von Uranos selbst geht die Fruchtbarkeit aus, welche die Erde von dem Himmel in der Feuchtigkeit des warmen, befruchtenden Regens empfängt.

Kronos

(griechisch: der Reifer oder Vollender) war, wie vorstehend erwähnt, der Sohn des Uranos. Man hat diese Gottheit lange Zeit für gleichartig mit dem Saturnus der Römer gehalten; dies ist sie jedoch nicht vollständig, und deshalb ist letzterem, auf Grund neuerer Forschung, nachstehend eine besondere Darstellung gewidmet worden. — Kronos erhielt nach des Uranos Entthronung die Herrschaft, vermählte sich mit der Rhea (seiner Schwester), eine Tochter der Gäa, welche ihm Pluton, Poseidon (Neptun) und Zeus (Jupiter), die Hestia (Vesta), Demeter (Ceres) und Hera (Juno) gebar. Da ihm aber, nach einer Prophezeiung seiner Eltern, gleiche Entthronung, wie seinem Vater, bevorstand, so verschlang er seine fünf älteren Kinder (Pluto, Vesta, Ceres, Neptun, Juno). Als seine Gemahlin Rhea aber den Zeus, das sechste Kind dadurch, daß sie ihrem Gemahl einen wie ein neugeborenes Kind in Windeln gewickelten Stein gab, den er in dem Wahn verschlang er habe seinen jüngsten Sohn Zeus dadurch getötet.

"Diese Scene, wo Rhea dem auf seinem Throne in ernster Ruhe sitzenden Gemahl den verhüllten Stein darreicht, stellt die Abbildung dar. Die Ruhe des Gottes bezeichnet, außer der sitzenden Stellung, das herabgelegte Gewand, und die Sichel, welche er in der linken Hand hält, das Instrument der Ernte, welches ihn als Gott der Reife und Ernte bezeichnet, deutet zugleich auf seine That gegen den Vater Uranos."

Während Rhea, auf die obengedachte Weise ihren Gemahl, den Kronos, täuschte, ließ sie den neugeborenen Zeus auf die Insel Kreta bringen und verbarg ihn daselbst in einer Grotte des Berges Dikte. Hier wurde derselbe von den Nymphen Adrastea und Ida gepflegt, die Ziege Amalthea diente ihm als Amme, und Bienen brachten ihm Honig. Damit Kronos das Geschrei des Säuglings nicht hören konnte, mußten die Kureten (Diener der Rhea), welche das Götterkind pflegten, dasselbe lärmend umtanzen und mit den Schwertern und Schilden ein unausgesetztes Geräusch machen.

"Die untenstehende Abbildung gibt uns das Bild jener Mythe. Die sitzende Figur ist Rhea."

Als Zeus herangewachsen war und Kronos durch ein von der Gäa und Metis (Tochter des Okeanos) ihm beigebrachtes Brechmittel die fünf verschlungenen älteren Kinder wieder von sich gegeben hatte, verband Zeus sich mit diesen und stürzte den Vater vom Throne, welchen er nun selbst bestieg.

Mit dieser Änderung der Herrschaft waren aber die Titanen (Söhne des Uranos) nicht zufrieden. Sie empörten sich gegen Zeus, und zehn Jahre vergingen, ehe der blutige Krieg der Uraniden und Kroniden (Söhne des Kronos) oder auch der Titanen-Krieg genannt, mit Hilfe der Hekatoncheiren dadurch beendigt wurde, daß Zeus die Titanen in den Tartaros hinabschleuderte und sie dort von jenen bewachen ließ. Gäa, traurig und erbittert über die ihren Söhnen (den Uraniden) angethane Schmach, wiegelte die Giganten, ebenfalls ihre Kinder, gegen Zeus auf, welche, Felsen auf Felsen und Berge auf Berge türmend, den Himmel zu ersteigen drohten. Vergebens schleuderte Zeus seine Blitze auf sie, vergebens boten seine Geschwister, die Mitbewohner des Olymp, ihre Macht gegen sie auf; erst mit Hilfe des Herakles (Hercules) wurden die Empörer teils getötet, teils in Abgründe hinabgeschleudert, und Felsen und Berge über sie hinabgewälzt. Dadurch noch unmutiger und beleidigter, sann Gäa auf neue Rache und sandte den Typhon oder Typhoeus — ein von ihr mit dem Tartaros erzeugtes furchtbares Ungeheuer, dessen Kräfte unwiderstehlich waren, und dessen Schnauben Gewitterstürmen und verheerenden Orkanen glich — gegen Zeus aus. Aber auch diesmal siegte dessen Macht. Typhon ward bezwungen, und Zeus’ Macht war nun für alle Zeit gesichert.

Richten Sie, meine Leser, auf diese Mythe einige Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit, und Sie werden wahrnehmen, daß Kronos die zeitigende und reifende Naturkraft ist, die bis zur Ernte wirkt, die dann eingebracht, aber auch wieder mit der Zeit verzehrt wird, jedoch in fortgehender Entwicklung durch Hilfe der alten titanischen Naturkräfte, gleichsam in einem steten Kampf dieser Kräfte wieder zutage kommt, ohne daß dieses Wirken der Naturkräfte durch die furchtbaren Umwälzungen der gebirgeauftürmenden und wieder Abgründe erzeugenden Erdbeben und der anderer Gewalten (Sturm, Wasserflut etc.) irgendwie verhindert werden kann. So umfaßt die Vorstellung des Kronos eine andere Reihe personifizierter Naturkräfte, die durch Schaffen und Wiederzerstören doch fortgestaltend wirken, daß endlich dennoch ein vollendetes Ganzes, eine Weltordnung, die Zeus vertritt, daraus entsteht.

So haben sich die Griechen das mit den furchtbarsten Naturerscheinungen verbundene Wirken der scheinbar einander aufhebenden und vernichtenden, aber dennoch zu einer höheren Ordnung verbundenen und diese höhere Ordnung schaffenden Naturkräfte als Kämpfe der Gottheiten versinnbildlicht, von denen die gewaltsameren und älteren den jüngeren und geistig höher begabten unterliegen mußten.

Die berühmteste Stätte aber, an der die Sage von Zeus’ Geburt und von der heimlichen Pflege seiner Kindheit am weitesten ausgebildet wurde, war Kreta, ein Staat uralter Kultur, in welchem auch die Verehrung des Kronos heimisch war.

Diese Verehrung aber galt hier wie in einigen anderen Gegenden Griechenlands, z. B. in Athen, nicht sowohl dem finsteren, seine eigenen Kinder verschlingenden Gotte, als vielmehr demjenigen, welcher als der Reifer und Vollender, als Gott der Ernte, Segen und Reichtum, Glück und Freude verleiht, weshalb seine Feste in Griechenland, die Kronien, ebensowohl wie die entsprechenden italienischen Saturnalien zu denen gehörten, an denen sich, ähnlich wie noch an unseren Erntefesten, die ausgelassenste Lustigkeit entwickelte. Die Sage aber von dem Kampfe der Götter unter Zeus’ Führung mit den Titanen, Giganten und Typhon ist, in der Gestalt, wie wir sie erzählt haben, wesentlich von den Dichtern ausgebildet worden, ohne in ihrer ganzen Ausdehnung einen Bestandteil der Religion zu bilden.

Saturnus.

Die Mythe der Römer vom Saturnus (eigentlich der Säer, Saatgott) ist verschieden von der des Kronos der Griechen. Seine Gemahlin hieß Ops. Sie erzählten von ihm, daß er nach Italien, in den an der Tiber belegenen Teil dieses Landes kam, wo der uralte König Janus regierte. Saturnus begab sich zu demselben, unterwies dessen Volk im Ackerbau, Gartenbau und in vielen dort noch unbekannten Künsten, z. B. der Anpflanzung des Weinstocks, der Veredlung des Obstes u. s. w., wodurch es von seiner rohen Lebensweise entwöhnt und zu der Ordnung friedlicher Beschäftigungen gewöhnt wurde. Dadurch gelangte er zu solchem Ansehen, daß Janus endlich die Oberherrschaft über das Land mit ihm teilte und dasselbe nach ihm Saturnia, d. h. Saat- oder Feuchtland, genannt worden sein soll. Die Zeit der Regierung des Saturn wurde von den Dichtern übrigens als die glücklichste gepriesen, in welcher die Menschen ein heiteres Leben ohne Sorgen, in Unschuld, Freiheit und Freude führten, und daher das goldene Zeitalter genannt. Von einem solchen, welches unter der Herrschaft des Kronos stattfand, erzählen auch die griechischen Sagen, und dieser Umstand vorzüglich hat zur Verschmelzung des Saturnus mit Kronos geführt.

Die Römer feierten dem Saturn zu Ehren im Monat Dezember jährlich ein fünf- bis siebentägiges Fest, Saturnalien genannt, unter lauten Ergötzungen. An diesen Tagen fand kein Unterschied zwischen Herren und Sklaven statt, es wurden keine Ratsversammlungen gehalten und keine Strafen vollzogen. Die Sklaven gingen dabei in Herrenkleidung, wurden köstlich bewirtet und beschenkt. Auch die Kinder wurden mit Bildern beschenkt, die in der sogenannten Bildergasse zu Rom zum Verkauf ausgestellt waren.

Saturn hatte in Rom einen Tempel am Fuße des kapitolinischen Hügels, in welchem seine Bildsäule stand, dessen Füße mit einem wollenen Bande umschlungen waren, welches nur an den Saturnalien gelöset wurde. In der einen Hand hielt er ein krummes Gartenmesser, zum Zeichen, daß er die Beschneidung des Weinstocks und des Ölbaums gelehrt hat. Auch wurden in seinem Tempel die Staatskasse und die Feldzeichen aufbewahrt.

Rhea

haben wir schon in dem Vorhergehenden als die Gemahlin des Kronos, und als Mutter des Pluton, Poseidon und Zeus, der Hestia, Demeter und Hera kennen gelernt. Sie war bei den Griechen anfangs eine von der lydischen und phrygischen Göttin Kybebe oder Kybele ganz verschiedene Gottheit; da jedoch beide miteinander viel Ähnlichkeit hatten, verschmolz sich die Idee von beiden in eine, und ihre Verehrung wurde ebenfalls nur eine. Man hat mit ihr die Gemahlin des Saturnus der Römer, Ops, d. h. Fülle, Wohlstand oder Reichtum, gewöhnlich zusammengestellt, weil man beide für gleichbedeutend hielt. Und jedenfalls haben beide, ohne gerade gleich zu sein, große Ähnlichkeit miteinander, wie schon ihr gleiches Verhältnis als Gattinnen der miteinander so sehr verwandten Götter Kronos und Saturnus zeigt. Der Grundbegriff beider Göttinnen ist derjenige der fruchtbringenden Erde. Rhea aber wurde in Griechenland besonders als die Muttergöttin des Waldgebirges verehrt und die "Bergmutter" genannt, und diese besondere Auffassung ist es, welche ihre Verschmelzung mit der gleichgeltenden orientalischen Kybele veranlaßte. Als Göttin der Kultur aber ist Rhea-Kybele auch Gründerin der Städte, deren Mauern sie wie Kronen des Gebirges auf dem Haupte trägt, weshalb sie auch mater turrita (mit dem Turm als Kopfschmuck Versehene) heißt und mit der Mauerkrone auf dem Haupte abgebildet wird.

Über die Rhea der Griechen giebt es sehr verschiedene Nachrichten in Rücksicht auf ihre Geburt, d. h. auf ihre Herkunft als Götterwesen. Als Rhea soll sie eine Tochter des Uranos und der Gäa (des Himmels und der Erde), als Kybele die Tochter eines Fürsten der Provinz Phrygien (in Kleinasien), Namens Mäon, gewesen sein, der sie bald nach ihrer Geburt, aus Unmut, daß sie kein Knabe war, auf den Berg Cybelus aussetzen ließ, wo sie von wilden Tieren gesäugt, und von Hirten gefunden und erzogen wurde. Ihre Schönheit und Klugheit machte sie bei dem Volke beliebt; als sie sich aber mit einem jungen Phrygier, Attys, verband, geriet ihr Vater Mäon, der sie wiedererkannt und bei sich aufgenommen hatte, darüber in solchen Zorn, daß er den Attys hinrichten ließ. Kybele verfiel über diesen Verlust in einen an Wahnsinn grenzenden Schmerz, suchte die Einsamkeit und verweilte am liebsten unter einem Fichtenbaume, in welchen sie ihren Liebling verwandelt glaubte. Sie erfand in ihrer Abgeschiedenheit von Menschen eine eigene Art von Handpauken (Cymbeln) und Flöten, mit denen sie eine lärmende Musik machte, und die umliegenden Länder, wie im Zustande der Raserei, durchzog. Ihr treuester Freund und Diener, der mit ihr klagend in den Waldgebirgen umherirrte und auch die von ihr erfundene Musik weiter ausbildete, war Marsyas. In dieser Waldeinsamkeit waren Löwen ihre gewöhnliche Begleitung. Das Gebirge durchstreifend mit unwiderstehlicher Gewalt, bändigte sie dies stärkste der wilden Tiere, den Löwen. Ihr waren die Fichte vorzugsweise, aber auch die Eiche, nebst dem Veilchen geheiligt. Die Sage erzählt nämlich, daß dies liebliche Blümchen, der Frühlingsbote, aus dem Blute des getöteten Geliebten der Göttin entsprossen sei.

"Ihrer Darstellung als Rhea-Kybele entsprechend, wird sie abgebildet mit Herrscherstab in der einen Hand und in der anderen die Cymbel, und auf dem Haupte die Mauerkrone als Symbol der Städtegründung, auf einem springenden Löwen sitzend, indem sie denselben ihrem Willen unterworfen hat. Als Zeichen, daß ihr Dienst zur Nachtzeit gefeiert wurde, sind Mond und Stern dabei abgebildet. Wie ein anderes Bild zeigt, wurde sie auch, die hohe Mauer auf dem halbverhüllten Haupte, in knapp anliegender Kleidung und die Handpauke (Typanum) in der Linken, auf dem Throne sitzend dargestellt."

Außerdem wurde diese Göttin uralter Verehrung noch auf einem Throne zwischen zwei großen Löwen sitzend, oder auf einem von Löwen gezogenen Wagen stehend dargestellt. Ihre Priester (Männer, die sich ihrem Dienste und der Verrichtung der bei ihrer öffentlichen Verehrung üblichen Gebräuche unterzogen), die Galli, Korybanten oder Kureten, ahmten die Musik bei den der Göttin gewidmeten Festen nach. Das Eigentümliche dieses Gottesdienstes war der tobende Lärm, welchen die Priester und Verehrer vereint durch die Musik mit Cymbeln, Handpauken, Pfeifen, Hörnern und wildem Gesange machten, in dem sie mit lodernd brennenden Fackeln zur Nachtzeit Wald und Gebirge durchschwärmten und dabei sich gegenseitig durch Verwundung kasteiten, zur Erinnerung an die Leiden der Göttin um ihren Geliebten. Der ihr geweihte Geheimdienst ging später bei den Griechen in den Dienst des Dionysos (Bacchus) und der Demeter (Ceres) über.

Ihre Verehrung war in ganz Kleinasien (dem heutigen Anatolien), sowie auf der Insel Kreta heimisch, außerdem in dem gebirgigen Arkadien in Griechenland in der Gegend, wohin man die Geburt des Zeus und die Entstehung des ersten Menschen versetzte. Die eigentliche Heimat dieses Dienstes war die Gegend um Pessinus in Phrygien, wo sich im Gebirge ein höhlenartiges Heiligtum, das älteste von allen dieser Göttin geweihten Heiligtümern, Kybela genannt, befand. Den ersten Tempel zu Pessinus baute ihr der König Midas, den bis in die späteste Zeit die Herrscher des Landes unterhielten und auf das kostbarste ausstatteten. Außerdem waren ihre berühmtesten unter den Tempeln aller Orten die zu Sardes, Magnesia, Smyrna, Ephesos, Lampsacus und Cyzicus. Auch in Athen wurde ihr ein Heiligtum gegründet, in welches der berühmte Bildhauer Phidias ein Meisterbild der Göttin arbeitete.

Nach den Zeiten des Einfalls Hannibals in Italien wurden ihr zu Ehren, da man ihrem Einflusse die Vertreibung der Feinde zuschrieb, Feste gefeiert, welche Megalesien hießen und nur von Frauenzimmern begangen wurden.

Zeus oder Jupiter.

Der Gott des Himmels bei den Griechen hieß Zeus und führte eine große Menge von Beinamen, welche zum Teil von den verschiedenen Lokalen seines Kultus stammen, wie z. B. Dodonäos (Gott von Dodona in Epirus), Anchesmios (Gott des Berges Anchesmos in Attika) u. a., zum Teil, und zwar in überwiegendem Maße, die verschiedenen Seiten seines Wesens auszudrücken bestimmt sind. Von diesen letzteren sind die bekanntesten und in den homerischen Gedichten (Ilias und Odyssee, s. unten) am häufigsten gebrauchten die folgenden: der Schwarzwolkige oder der Wolkenversammler, der Donnerer oder der Hochdonnernde, der höchste Herrscher, der Vater der Götter und Menschen. Ein sehr oft vorkommender und als besonders ehrenvoll geltender Beiname: Kronion oder Kronide bezeichnet ihn als den Sohn (und Thronerben) des Kronos. Der oberste der Götter, war er ein Sohn des Kronos und der Rhea, durch die Sorge der Mutter erhalten, und auf der Insel Kreta, und zwar auf dem Berge Ida in Sicherheit gebracht, ward er dort von Nymphen, wie vorher schon erzählt worden ist, genährt.

Schnell wuchs er heran unter der sorgsamen Pflege seiner Erzieherinnen, und genährt von der Milch der Ziege Amalthea, die er späterhin aus Dankbarkeit dafür unter die Sterne — Capella im Sternbilde des Fuhrmanns — versetzte, entwickelte die seltensten Kräfte, Verstand und Weisheit, stürzte schon in seinem Jünglingsalter Kronos, seinen Vater, mit Hilfe seiner Geschwister vom Throne, überwand die Titanen und Giganten, und befestigte dadurch für immer seine Macht. Mit seinen Brüdern teilte er, nach der Entscheidung durch das Los, die Herrschaft über die Welt so, daß er den Olymp oder den Himmel, nebst der Obergewalt über alles Vorhandene erhielt, seinem Bruder Poseidon aber die Herrschaft über das Meer, und dem Hades die Herrschaft über die Unterwelt eingeräumt wurde; die Erde aber blieb allen drei Brüdern gemeinsam, obgleich die beiden anderen auch hier die Oberherrlichkeit des Zeus anerkannten, der nach alten Mythen in allen drei Reichen, im Himmel, auf Erden und unter der Erde, waltete. Er giebt gutes und böses, wie es ihm gefällt, selbst Leiden und Heimsuchung; jedoch will und weiß er nur das beste. Daher war er der Erretter in aller Not, den man anrief. Die Weltordnung kann er indessen nicht verändern, da er sie ja selbst schützt; daher vermag er auch das Schicksal (Fatum) nicht zu ändern.

Während der ersten Zeiten der Regierung des Zeus herrschte das silberne Zeitalter auf der Erde, welches dem Menschen zwar wie das goldene Zeitalter Reichtum und Wohlleben in größter Fülle gewährte, aber nicht zugleich jene Unschuld und Zufriedenheit, welche die Menschen im goldenen Zeitalter zu wahrhaft glücklichen gemacht hatte. Die Menschen des silbernen Zeitalters lebten demgemäß in Üppigkeit und Weichlichkeit, im höchsten Grade übermütig und doch nie zufrieden, sie vergaßen die Götter und entzogen ihnen, auf ihr Glück und Wohlsein trotzend, die gebührenden Ehren. Daher vertilgte sie Zeus und verbarg sie unter der Erde, wo sie als Dämonen fortleben, nicht so mächtig wie die Geister der Menschen des goldenen Zeitalters, aber von den später Geborenen doch noch hoch geehrt.

Dem silbernen folgte dann das eherne Zeitalter, das heißt dasjenige der Gewaltthätigkeiten und des Kampfes, in welchem die Menschen ohne Ackerbau und mildere Sitten toll und wüst in den Tag hineinlebten, wo durchaus nur das Faustrecht und das Recht des Stärkeren herrschte, so daß die Menschen, so groß und kraftvoll sie waren, sich bald selbst aufgerieben hatten und ohne Andenken und geistige Fortdauer in die Unterwelt hinabsanken. Endlich folgte diesem Zeitalter das eiserne, in welchem die Menschen entarteten, sich mühevoll von ihrer Hände Arbeit nähren mußten, auf Gewinn ausgingen und sich einander übervorteilten, weshalb die Göttin der Gerechtigkeit (Dike oder Asträa) nebst Treue, Scham und Wahrhaftigkeit von der Erde zum Himmel zurückkehrte, und Zeus beschloß das Menschengeschlecht durch eine hohe Wasserflut zu vertilgen. Diese bedeckte ganz Griechenland. Nur Deukalion und seine Gemahlin Pyrrha retteten sich auf die Höhe des Gebirges Parnassus, von wo ausgehend sie dann auf Geheiß der Götter dadurch die Stifter eines neuen, des gegenwärtigen, Menschengeschlechts wurden, indem sie Steine hinter sich warfen, welche bald als Menschen belebt erschienen, die nach Ablauf der hohen Wasserflut das Land wieder zu bebauen anfingen und sich nach allen Gegenden hin verbreiteten, aber, weil sie um nichts besser waren, als das getötete Geschlecht, oftmals den Unwillen des Zeus auf sich zogen, und deshalb auch seine Strafen fühlten.

Die erste Gemahlin des Zeus war die Metis (Klugheit), eine Tochter des Okeanos (eine Okeanide); weil ihm aber das Fatum (das Schicksal), ein dunkles, allgewaltiges Götterwesen, geweissagt hatte, daß Metis ihm einen Sohn gebären werde, der mächtiger als er selbst sein würde: so verschlang Zeus die Metis und gebar darauf selbst aus seinem Haupte die Pallas Athene (Minerva, s. d.), die Göttin der Weisheit. Hierauf vermählte Zeus sich, jedoch nur auf kurze Zeit, mit der Themis (Gerechtigkeit), mit welcher er die Asträa und die Horen erzeugte. Besonders aber liebte Jupiter seine eigene Schwester Hera (Juno), deren hohe Reize sein Herz gefesselt hatten. Lange widerstand Hera seinen Bitten, bis sie endlich nachgab, und sich feierlich mit ihm vermählte, zu welchem glänzenden Hochzeitsfeste nicht nur alle Götter des Himmels, sondern auch die, welche auf Erden die Unterherrschaft ausübten, eingeladen waren. Die Nymphe Chelone, welche über die Verbindung Jupiters mit der Juno spöttelte, wurde durch den Hermes (Merkur) nebst ihrem Hause in einen nahen Fluß gestürzt und in eine Schildkröte verwandelt, die deshalb ihr eigenes Haus auf dem Rücken trägt.

Juno gebar ihrem Gemahl die Hebe, den Ares (Mars) und den Hephästos (Vulkan). Jupiter blieb aber der mit seiner Schwester geschlossenen Verbindung nicht immer treu. Er liebte heimlich nicht allein auch andere Göttinnen, sondern näherte sich, oft unter angenommenen fremden Gestalten, selbst schönen Töchtern der Menschen, weshalb Hera, wenn sie dergleichen erfuhr, mit ihrem Gemahl heftig zürnte. So gebar Demeter (Ceres) aus ihrem geheimen Umgange mit Zeus die Persephone (Proserpina), — Leto (Latona) den Apollon und die Artemis (Diana), — Dione die Aphrodite (Venus), — Mnemosyne die Musen,Eurynome die Chariten (Grazien), — Semele den Dionysos (Bacchus), — Maia den Hermes (Merkur), — Alkmene den Herakles (Hercules). Mehrere Halbgötter, welche wir späterhin werden kennen lernen, waren Söhne des Zeus von verschiedenen anderen Müttern.

Diese vielen Liebesverbindungen des Zeus (wie diejenigen anderer Götter), welche uns bei den Dichtern so anstößig und des Herrschers der Welt so unwürdig erscheinen und schon im Altertume anstößig erschienen, sind aber aus verschiedenen Sagen zu erklären, die, unabhängig voneinander, in verschiedenen Landschaften entstanden. In jeder dieser Sagen hatte Zeus nur eine Gemahlin, gegen welche er sich einer Untreue durchaus nicht schuldig machte, und erst nachdem die Dichter diese Sagen als gleichberechtigt nebeneinander erzählten, ergab sich die Vorstellung, die uns geläufig ist. Zeus konnte nur eine rechtmäßige Gattin haben, weil die Griechen ebenso streng wie wir an der Ehe mit einer Frau festhielten; als diese rechtmäßige Gemahlin erschien Hera (Juno) und deshalb mußten natürlich die Ehen, welche Zeus nach diesen Sagen als ebenso rechtmäßige eingegangen hatte, als bloße Liebschaften, und die Göttinnen, die eigentlich keine wirklichen Frauen waren, neben Hera als Zeus’ Konkubinen oder Buhlen erscheinen. Sie sehen, daß hier ein scheinbar durchaus unsittlicher Zug des Mythus sich nach den Moralbegriffen jener Zeit als in der That durchaus nicht unsittlich erweist, und das dasselbe gilt von vielen anderen, die wir nur richtig zu erklären und geschichtlich aufzufassen brauchen, um ihnen jeden bösen Schein, den sie für das mangelhafte Verständnis haben, zu benehmen.

Jupiter war bei den Römern ebenfalls Himmelsvater, und unter den Göttern der höchste und gewaltigste. Daher hieß er der Beste und Höchste. Er war Schirmer der Stadt und des Landes.

So hielten sowohl die Griechen ihren Zeus, als die Römer ihren Jupiter für das höchste Wesen, den Vater der Götter und Menschen, den Regierer und Erhalter des Weltalls, der die höchste Macht, Weisheit und Gerechtigkeit besitze, und sich bei seiner Regierung über das Menschengeschlecht von Gerechtigkeit ebenso, wie von unbegrenzter Liebe und Güte leiten lasse. Das Wirken aber des höchsten Gottes erstreckte sich auf die ganze Natur und auf fast alle Beziehungen des menschlichen Lebens. Zeus ordnet den Wechsel von Tag und Nacht und den der Jahreszeiten, ihm gehorchen die Winde, er sammelt und zerstreut die Wolken und läßt den fruchtbaren Saatregen auf die Felder und Fluren herabströmen. Er schirmt aber auch die Ordnung des Staates, Recht und Gesetz, er verleiht die königliche Gewalt und schützt die Könige in der Ausübung ihrer Macht, er überwacht den ganzen Verkehr der Menschen untereinander, überall das Rechtthun, die Wahrheit, Treue und Milde fördernd und lohnend, das Unrecht, die Unwahrhaftigkeit, Treulosigkeit und Härte strafend. Sowie er aber nicht allein der höchste Herrscher im Donnergewölk, sondern "der Menschen und Ewiger Vater" hieß, so nahm er sich auch des ärmsten und verlassensten Menschen väterlich liebend an und der heimatlose Bettler hatte an ihm einen gnadenreichen Schutzherrn, der den Unbarmherzigen züchtigte und Mitleid und Erbarmen zu lohnen wußte. Zwei mythologische Erzählungen mögen als Beispiele seines Waltens auf Erden hier einen Platz finden.

Philemon und Baucis — ein hochbetagtes Ehepaar niedern Standes — lebten in ihrer Hütte in Phrygien in ungestörter Eintracht und verehrten mit frommer Demut die Götter. Zeus, der, um unerkannt zu bleiben, oft unter angenommener Menschengestalt die Erde besuchte, und das Betragen der Menschen erforschte, kam auf einer solchen Wanderung durch Phrygien auch zu diesen armen alten Leuten, welche ihn und seinen Begleiter, den Hermes, als müde Wanderer herzlich empfingen, freundlich bei sich aufnahmen, mit allem, was ihre Armut gewähren konnte, bewirteten und zu dem Zwecke gern auch die einzige Gans, welche sie noch besaßen, schlachten wollten. Zeus verhinderte dies zwar, war aber über die Gutmütigkeit und den frommen Sinn der beiden Alten um so gerührter, als er bei anderen Bewohnern des Landes nur Härte, Laster und Geringschätzung gegen die Götter bemerkt hatte. Um diese zu bestrafen, beschloß er, die ganze Gegend mit einer verheerenden Überschwemmung heimzusuchen, den Philemon und die Baucis, dieses betagte edle Paar, aber nicht nur zu retten, sondern auch ausgezeichnet zu belohnen. Zu dem Ende gab er sich ihnen zu erkennen, ließ die hohe Wasserflut daherrauschen, verwandelte jedoch die auf einem Hügel gelegene Hütte der beiden Alten in einen prachtvollen Tempel, setze den Philemon zum Priester und die Baucis zur Priesterin desselben ein, gewährte ihnen auch ihre Bitte: einst zur gleichen Zeit sterben zu können, und verwandelte sie endlich, als ihr Tod nach vielen Jahren erfolgte, in eine Eiche und in eine Linde, die nachbarschaftlich beieinander entstanden.

Lykaon, ein Fürst in Arkadien, hatte fünfzig Söhne, welche in Roheit und Grausamkeit so ausarteten, daß sie die Umgebung unsicher machten und alle Menschen ermordeten, die ihnen in die Hände fielen. Zeus besuchte sie einst, von ihnen unerkannt, und sie trachteten auch ihm nach dem Leben. Als er sich ihnen aber als Gott zu erkennen gab, wollten sie ihn als solchen nicht anerkennen, sondern suchten ihn auf die Probe zu stellen. Lykaon schlachtete heimlich ein unschuldiges Kind und setzte dasselbe Zeus als Speise vor, ohne das gräßliche Gericht zu nennen. Zeus aber erkannte sofort alles und verwandelte den Lykaon und die Seinen zur Strafe für ihre Blutdurst, ihre Grausamkeit und Unfrömmigkeit in reißende Wölfe, und ließ ihren Palast von Flammen verzehren.

So würdig dem Gesagten nach auch im allgemeinen der oberste Gott der Griechen und Römer erscheint, so zeigt er sich uns doch in manchen Erzählungen mit menschlichen Schwächen und Fehlern behaftet. Zum größten Teile aber sind diese wiederum, wie die oben berührten Züge von ehelicher Untreue, nur scheinbare, zum Teil sind sie wirkliche Mängel und Schwächen nach Maßgabe unseres Moralbegriffes, nicht aber nach demjenigen der früheren Zeiten und weniger hoch civilisierter Völker. Aber wenngleich Zeus, namentlich in dichterischen Erzählungen, nicht als ein sittlich vollkommenes, heiliges Wesen erscheint, so galt er doch bei allen griechischen Stämmen als die höchste Gottheit, und von allen wurden ihm die Attribute der größten Gewalt und Macht beigelegt, welche keinem der übrigen Götter gebühren. Er donnerte in den Wolken, er schleuderte mit allgewaltiger Hand von oben herab zerstörende Blitze auf die Erde. Er kannte die Zukunft wie die Gegenwart, und zu Dodona (in der griechischen Landschaft Epirus) war eine heilige Eiche befindlich, durch deren Rauschen er den Menschen seinen Willen und die Geschicke ihrer Zukunft kund gab; ebenso, wie er auch in der heiligen Grotte des Berges Ida auf der Insel Kreta Orakel verkündigte. Zeus wurde in Griechenland überall mit großem Eifer verehrt. Auf dem heiligen Gefilde Olympia hatte er seinen prächtigsten Tempel, in welchem seine von dem berühmten Künstler Phidias verfertigte, etwa 40 Fuß hohe Bildsäule aus Elfenbein und Gold errichtet stand, die man, ihrer Schönheit und Seltenheit wegen, zu den sieben Wunderwerken der Welt rechnete. Andere glänzende Tempel waren ihm in Athen und Agrigent geheiligt, — vieler, mehr oder minder berühmter Tempel in anderen Städten und Landschaften nicht zu gedenken, von denen er eigene Beinamen führt.

Dem Zeus zu Ehren wurden im Monat Julius (Hakatombäon), immer nach Verlauf von vier Jahren, also in jedem fünften, in der olympischen heiligen Ebene die feierlichsten, größten und berühmtesten unter den vier heiligen Volksspielen der Griechen gefeiert. Diese olympischen Spiele dauerten fünf Tage, begannen mit Opfern und bestanden in Wettrennen zu Fuße, im Springen, Diskuswerfen (das heißt: im Werfen einer linsenförmigen, bis zu acht Pfund schweren Wurfscheibe aus Stein oder Metall, also einer gymnastischen Übung, welche sich mit dem noch heutzutage in der Schweiz üblichen Steinstoßen einigermaßen vergleichen läßt), im Ringen, Faustkämpfen, im Wettrennen zu Pferde und im Wettfahren mit dem Zwei- und Viergespann, endlich im Wettstreiten in der Musik und Dichtkunst. Die Ehre, in diesen Spielen den Sieg errungen zu haben, galt als die höchste, obgleich der Siegespreis nur in einem einfachen Kranze von einem wilden Ölbaume bestand. Nach einigen soll Zeus selbst diese Spiele zum Andenken seines Sieges über die Titanen gestiftet, und selbst die Götter in frühesten Zeiten gern daran teil genommen — nach anderen soll sie Pelops (Sohn des lydischen Königs Tantalos — welcher dem südlichen Teile Griechenlands den Namen Peloponnesus gab) zu Ehren des Zeus gestiftet haben. Nach den Zeiträumen, in welchen die olympischen Spiele gefeiert wurden, berechnete man übrigens in Griechenland die Jahre. Eine Olympiade war ein Zeitraum von vollen vier Jahren. Dem Zeus zu Ehren wurde auch das zweite der großen Nationalfeste, die Nemen (in Nemea) gefeiert, während das dritte, die Pythien (zu Delphi), dem Apollon, und das vierte, die Isthmien (auf dem Isthmus von Korinth), dem Poseidon (Neptun) galten.

Nicht minder, als Zeus bei den Griechen, war Jupiter bei den Römern verehrt. In Rom selbst waren ihm mehrere Tempel, und zwar der am reichsten geschmückte im Kapitolinum auf dem tarpejischen Berge errichtet, daher er bei den Römern der kapitolinische Jupiter (oder optimus maximus) hieß, wie er denn überhaut nach den verschiedenen Kräften und Wirkungen, die man seiner Gottheit zuschrieb, oder auch nach Landschaften und Städten, wo er besonders verehrt wurde, verschiedene Beinamen führte, z. B. Stator, Hospitalis, Nuptialis, Abretanos (von Abretana in Mysien) u. a. m.

Die Römer feierten dem Jupiter zu Ehren die sogenannten römischen oder großen Spiele mit Wettkämpfen mehrere Tage hindurch, bei denen auch öffentliche Speisungen stattfanden. Sie hatten auch auf dem Kapitolinum eine kolossale Bildsäule des Gottes aus Erz aufgestellt, welche aus den erbeuteten Prachtwaffen der heiligen Legion der Samniter (einer unteritalischen, von den Römern unterworfenen Völkerschaft) gegossen worden war.

Bei den Opfern wurden ihm vornehmlich Stiere dargebracht; ein großes Opfer von hundert Stieren, bei besonderen Feierlichkeiten oder Veranlassungen dem Zeus gewidmet, hieß eine Hekatombe. Unter den Bäumen war ihm besonders die Eiche und der Ölbaum, unter den Vögeln der Adler geheiligt, den ja auch wir noch als den König der Vögel bezeichnen, und der deshalb als ein passendes Attribut des Königs der Götter erscheinen muß.

"Jupiter wird abgebildet als ein kräftiger Mann, Hoheit und Ernst in der Haltung und Miene, mit hoher Stirn, edler und breitgeformter offener Brust, entweder, aber selten, von jugendlichem, sanftem Aussehen mit weniger Bart, oder, und zwar in der Regel, mit starkem Haupthaar, starkem Bart, ein Scepter in der einen Hand, in der andern einen zackigen Blitz oder einen Donnerkeil (als Attribute seine Macht), sitzend auf einem Throne, das Gewand zurück, nur um die Hüften gelegt zum Zeichen der Ruhe, und neben ihm — als Sinnbild der eben angegebenen Bedeutung — ein Adler."

Auch findet man den Gott sitzend mit dem Blitz, und von Mond, Erde, Meer und den Tierkreisgestirnen umgeben; oder auch stehend auf einem Wagen fahrend, wie er besonders als Bekämpfer der Giganten erscheint; ferner als der Gott von Dodona mit einem Eichenkranze im Haare und als olympischer mit einem Kranze aus dem heiligen Öllaube von Olympia. Als Zeus-Ammon, als welcher er ein Orakel in der libyschen Wüste besaß, wurde er aus einem Grunde, der hier nicht angegeben werden kann, mit Widderhörnern, und in seiner Verschmelzung mit gewissen asiatischen Gottheiten ungefähr gleicher Bedeutung auch mit einem Panzer angethan und auf einem Stier stehend abgebildet.

Hera oder Juno

war, wie wir aus dem Vorhergehenden wissen, eine Tochter des Kronos und der Rhea, also Zeus’ Schwester, mit der er sich rechtmäßig vermählte. Sie ist die weibliche Kraft, während Zeus die männliche repräsentiert. Die Ehe beider bezeichnet die Quelle des Natursegens. Hera wurde als höchste Göttin, als Königin des Himmels und der Erde verehrt, und galt, als die in ganz Griechenland anerkannte rechtmäßige Gemahlin und Hausfrau des Zeus, ganz besonders als die Schutzgöttin der Ehen, und führte dieser Eigenschaften wegen die Beinamen: Camelia, Zygia, Teleia (griechisch), und Pronuba, Juga und Adulta (lateinisch).

Als Königin und Ehefrau, die sich niemals auch nur die kleinste Untreue hatte zu schulden kommen lassen, hielt sie ganz besonders auf ihre Würde im Kreise der Götter einerseits und auf die Wahrung keuscher Sitte und ehelicher Treue andererseits. Demnach bildete sich bei ihr ein erhabener und stolzer, aber auch starrer und etwas herber Charakter aus, und da ihr den poetischen Erzählungen der Sagen nach sowohl ihr Gemahl vielfachen Anlaß zur Eifersucht gab, wie auch die anderen Götter und die Menschen nur zu oft das Gesetz verletzten, dessen unverbrüchliche Heiligkeit Hera vertrat, so erscheint sie in den Darstellungen der Dichter, namentlich in der homerischen Ilias, oft eifersüchtig, zürnend und hadernd, straft die Übertreter des strengen Sittengesetzes und verfolgt besonders die Geliebten des Zeus nicht selten mit Härte und Grausamkeit, wenigstens nach unseren Begriffen.

So ließ sie z. B. die Latona von einem Drachen ruhelos quälen, verwandelte die Io, des Inachus Tochter, in eine Kuh, die Iynx, Tochter des Pan, in einen Vogel, die Galanthis, eine Vertraute der Alkmene, in ein Wiesel. Auch den Kindern, die dem Zeus von seinen Nebenweibern geboren wurden, stellte sie rachesüchtig nach, und verfolgte besonders den Herakles, Alkmenens Sohn, sein ganzes Leben hindurch. Zeus, über solche Handlungen seiner Gemahlin aufgebracht, behandelte dieselbe dann seinerseits wieder unfreundlich genug, oft sogar hart, ja er mißhandelte sie wohl gar und drohte ihr wenigstens mit körperlicher Züchtigung.

Gegenüber diesen Scenen häuslichen Zwistes muß aber, um die Vorstellungen der Alten von dem ehelichen Leben ihrer beiden höchsten Götter getreulich wiederzugeben, daran erinnert werden, daß Zeus in anderen Fällen seine Gemahlin mit der ihr gebührenden Achtung und Zartheit, ja daß er sie mit hoher Auszeichnung behandelt, und daß die andern Götter, wenn sie sich in Zeus Palaste zu Rat und Mahl versammeln, der Hera durchaus so begegnen, wie es der Frau des Hauses und der Königin zukommt.

So wie Heras sittliche Strenge in Härte und Eifersucht, so artete ihr königlicher Stolz und das Gefühl ihrer Würde als Schwester und Gemahlin des höchsten Gottes auch in Herrschsucht und Eitelkeit aus, durch welche sie zu Thaten der Lieblosigkeit und Härte, und selbst zu Ungerechtigkeiten hingerissen wurde. Davon liefert unter anderm ihr Betragen gegen die Sida ein Beispiel, welche sie in den Tartaros hinabstürzte, weil dieselbe es gewagt hatte, ihre eigene Schönheit höher als die der Hera zu preisen. Noch mehr aber empfanden die Einwohner der Stadt Troja ihren Zorn, als die Griechen gegen sie Krieg führten, und Hera zusammen mit Athene (Minerva) diesen letzteren deswegen mit Gewalt und List beistand, weil ein trojanischer Fürstensohn, Paris, ihre Eitelkeit beleidigt hatte, indem er sie und Athene für weniger schön erklärte als Aphrodite (Venus), eine Sage, von der wir weiterhin genauer berichten werden.

Bei den Griechen wie bei den Römern war übrigens die Verehrung der Juno, und zwar besonders unter den Frauen, weit verbreitet; das ihr gewidmete größte Fest in Rom hieß Junonia. Der Volksglaube hatte ihr viele Tempel geweiht, deren prächtigste sich an einem Bergabhange unfern der Stadt Argos und auf der Insel Samos im ägäischen Meere (an der Küste von Kleinasien) befanden. Von dem letzteren führte Hera auch den Beinamen Samia. Ihre Begleiterinnen waren die Chariten (Grazien) und Horen; die Iris aber ihre besondere Dienerin. Unter den Tieren waren der Pfau, seiner stolzen Prächtigkeit wegen — auch nach italienischen Kulten die Gans — und der Kuckuck ihr heilig. Dieser letztere Vogel deswegen, weil er der Verkünder des Frühlings ist und Hera ihre heilige Hochzeit mit Zeus nach dem Glauben der Griechen im Frühlinge gefeiert hatte. In die Frühlingszeit fielen deshalb auch ihre Hauptfeste, welche sich auf ihre Vermählung bezogen und in der Nachahmung von Hochzeitsgebräuchen bestanden. Aus demselben Grunde liebte Hera auch die Blumen, und an ihren Festen war alles mit Blumen geschmückt und bekränzt.

In Rom feierten die Frauen dieser Göttin am ersten März das Fest der Matronalien. Sie erschienen bei der Opferfeier ohne alle Knoten im Gewande, erhielten von ihren Bekannten, Gatten und Liebhabern Geschenke, bewirteten und beschenkten dagegen wieder ihre Dienerinnen.

Die Attribute der Juno sind: ein königliches Diadem nebst dem Scepter, welches sie als Gattin des Götterkönigs bezeichnet, oder ein mit Sternen besäeter Schleier, der ihr als der Königin des Himmels gegeben wurde. Sie wird als eine majestätische, schöne Frau, jedoch mehr ernst und stolz, als mit sanften Zügen abgebildet, die sich namentlich durch ein großes Auge voll ehrfurchtgebietender Hoheit auszeichnet, weshalb Homer Hera "die hoheitblickende, ehrwürdige Göttin" nennt, angethan mit einer Tunika, die unter der Brust gegürtet ist, oder

"wie in der gewählten Abbildung eines schönen Standbildes der Göttin, mit dem königlichen Diadem auf dem Haupte, ungegürtet, und mit einem Mantel, der nur die eine Schulter bedeckt, übrigens aber lose um den andern Arm und den Leib herabhängt. In der einen Hand hält sie den Herrscherstab, und eine Patene (flache Schale, als Symbol der ihr dargebrachten Opferspenden) in der anderen."

Manchmal erscheint sie auf einem Throne sitzend mit einem Scepter und einer Granate, manchmal auch auf einem von zwei Pfauen gezogenen Wagen; oder hat zur Seite einen Pfau oder auf dem Scepter einen Kuckuck. Die Frauen und Mädchen in Griechenland feierten ihr zu Ehren alle fünf Jahre zu Olympia ein großes Fest, an welchem sich nur Weiber beteiligen durften, welche ihr ein prachtvolles, heiliges Gewand woben und in zwei Chöre geteilt einen Wettlauf veranstalteten. Ihre Opfer sind besonders Lämmer und junge weiße Kühe.

In Rom waren dieser Göttin, die hier den Beinamen Lucina hatte, weil man sie für die Helferin bei der Geburt der Menschen hielt und als solche verehrte, mehrere Tempel errichtet, und die ersten Tage jedes Monats, besonders aber der ganze Monat Junius, waren ihr heilig. Junonen wurden in früherer Zeit die Schutzgeister der Frauen genannt.

 

Poseidon oder Neptun.

auch Posidaon, Poseidaon, bei den Griechen, und Neptunus bei den Römern genannt, war Zeus’ Bruder, ein Sohn des Kronos und der Rhea. Nachdem er seinem Bruder im Kampfe gegen die Titanen und Giganten wichtige Dienste geleistet hatte, war ihm durch das Los die Herrschaft über das Meer zu teil geworden. Damit war die Obergewalt über die Winde, und die Macht, Erdbeben erregen zu können, verbunden, weshalb sein bei Homer sehr gebräuchlicher Beiname der "Erderschütterer" ist. Auf diese Weise wurde die allgemeine Mythe von der Gewalt der Elemente bei den Alten weiter ausgebildet. Wie Zeus und Hera Himmel und Erde bezeichnen, so bezeichnet Poseidon das Wasser. Wie an jenen Elementen, welche Zeus mit Hera vorstellen, große Erscheinungen wahrgenommen werden, so auch an dem Elemente, welches Poseidon vorstellt, weshalb er als ein großer und sehr gewaltiger Gott verehrt wurde. Er erscheint als Gott aller Feuchtigkeit und alles Wassers auf der Erde, besonders als das Meer, das mit seinem stürmischen und brüllenden Wogen die Felsen der Inseln und Küsten erschüttert, als erbebte die Erde durch Erdbeben. Aus dem Meere steigen die feuchten Dünste auf, die sich in der Luft zu Wolken sammeln; da aber auch durch Erdbeben Gebirge sich trennen und wasserreiche Thäler an der Stelle sich öffnen, oder Quellen hervorbrechen, so mußte dies nach dem Glauben des Volks Poseidon (Neptun) mit seinem Dreizack bewirken. Die Wolken senden wieder die Feuchtigkeit herab auf die Erde, wodurch das Wachstum der Früchte des Feldes (der Ceres), des Weinstocks (das ist die Frucht des Dionysos oder Bacchus), die Quellen und Brunnen (der Nymphen), die Flüsse, Seeen und auch das gleich einem furchtbaren, brüllenden Ungeheuer brausende Meer entstehen und erhalten werden.

Die ist das große Reich der Herrschaft dieses Gottes, in dem er mit der Demeter (Ceres) und dem Dionysos (Bacchus) in enger Verwandtschaft steht und ebenso mit den Nymphen eng befreundet ist, und mit seiner göttlichen Wirksamkeit in das Leben der Menschen auf Meer und Land, in Gebirge und Thal eingreift. Er stand auch dem Zeus in dem Kriege gegen die Titanen und in demjenigen gegen die Giganten bei, in welchem letzteren er den Riesen Polybotes ins Meer stürzte und mit einem Vorgebirge der Insel Kos begrub. Er entzweite sich jedoch darauf mit Zeus und lehnte sich gegen dessen Oberherrschaft auf; dieser aber strafte seinen Bruder dadurch, daß er demselben die ihm übertragene Regierung über Meer und Winde für die Dauer eines ganzen Jahres nahm und ihn überdies noch zwang, während dieser Zeit dem Könige Laomedon von Troja zu dienen und demselben nebst Apollon bei dem Baue der großen Mauern um Troja zu helfen. So berichten einige Schriftsteller, andere behaupten, die beiden Götter haben die Mauern freiwillig erbaut, um Laomedons Charakter zu prüfen, der sich aber schlecht bewährte, indem Laomedon sich weigerte, dem Poseidon den zuvor dafür ausbedungenen Lohn zu geben. Poseidon, hierüber erbittert, verheerte das Land durch Überschwemmung und sandte ein Meerungeheuer, welchem Laomedons Tochter zum Sühneopfer für den erzürnten Gott überliefert werden sollte. Herakles aber befreite die Jungfrau und tötete das Ungeheuer. Auf diese Weise unversöhnt, zürnte Poseidon dauernd den Trojanern und stand späterhin auch den Griechen in ihrem Kriege gegen dieselben bei, und würde Troja den größten Schaden zugefügt haben, wenn Zeus nicht seine feindlichen Plane gehemmt hätte. Vor Zeus’ Befehl aber zog sich Poseidon, wenn auch unwillig murrend, von der thätigen Hilfeleistung der Griechen zurück und erkannte hiermit thatsächlich die Oberherrschaft seines Bruders.

Manche Sagen berichten von Streitigkeiten des Poseidon mit anderen Göttern um den Besitz verschiedener griechischer Landschaften, in welchen der Gott des Meeres meistens den kürzeren zog. Dies gilt auch von dem berühmtesten dieser Kämpfe, welchen Poseidon mit der Athene um den Besitz der griechischen Landschaft Attika hatte, welche nach gemeinschaftlichem Anspruche der Götter der erhalten sollte, welcher das größte Wunderzeichen zu schaffen und diesem Lande das nützlichste Geschenk zu geben vermöchte. Durch einen Stoß mit seinem Dreizacke in den 400 Fuß hohen und durchaus wasserlosen Burgfelsen Athens brachte Poseidon darauf eine sprudelnde Salzquelle hervor. Athene aber ließ aus demselben kahlen Burgfelsen den ersten Ölbaum erwachsen, und erhielt, da derselbe für das nützlichste Geschenk anerkannt wurde, das Land geheiligt, welches Poseidon hierauf aus Verdruß und Rache mit einer Überschwemmung heimsuchte.

In der Gegend von Lerna in der wasserlosen Landschaft Argos öffnete er der bedrängten Königstocher Amymone zu Liebe, die für ihren Vater Danaos Wasser holen sollte und keine Quelle entdecken konnte, mit seinem Dreizacke die Erde, daß drei Quellen hervorsprudelten. Die Mythe erzählte nämlich, daß die Landschaft Argos deshalb so arm an Quellen sei, weil Poseidon (Neptun) derselben zürne, nachdem Inachos sie in einem Streite mit der Hera nicht ihm, sondern dieser Göttin zugesprochen habe.

Poseidons rechtmäßige Gemahlin war nach dem Glauben der Griechen Amphitrite, eine Tochter des Okeanos und der Tethys; aber er hatte auch einige Nebenweiber, welche ihm mehrere in der Mythologie ausgezeichnete Söhne gebaren, z. B. Gäa den Riesen Antäos, den Herakles überwand, die Melanippe den Äolus und Böotus, die Tyro den Pelias und den Neleus (letzterer: Vater des Nestor, ersterer: Aussender der Argonauten), die Thoosa den Polyphemos, die Alope den Hippothoon. Mit der Demeter soll er nach der in Arkadien heimischen Sage, oder mit einer der Erinnyen nach der in Böotien herrschenden Sage, unter der angenommenen Gestalt eines Rosses, das wunderbare, durch seine Schnelligkeit berühmte und deshalb auch wie der Pegasus als geflügelt dargestellte Roß Arion, ferner mit der Medusa das von den Dichtern als Bild der poetischen Begeisterung aufgefaßte, geflügelte und von den Nymphen an den Quellen gepflegte Pferd Pegasus, endlich mit der in ein Lamm verwandelten Theophane den goldenen Widder der Argonauten erzeugt haben. In allen diesen Wesen stellte sich der religiöse Glaube der Griechen den vielseitigen und auch äußerst schnell sich entwickelnden Einfluß des Elementes des Poseidon, nämlich der Feuchtigkeit, in der Natur vor.

Man dachte sich, daß Neptun in der Tiefe des Meeres (griechisch Pontos) einen prächtigen, schimmernden Palast bewohne. Von hier aus übte er nicht bloß die Herrschaft über das Meer, sondern übte seinen Einfluß auch auf die Inseln, die Küstenstriche, die tiefer landein liegenden Gegenden und selbst auf die Gebirge aus.

"Er befuhr das Meer mit einem flüchtigen Gespanne von Seepferden oder Hippokampen (Seetiere, die man sich vorn als Pferd, hinten aber mit einem Fischschwanze versehen vorstellte), wie ihn die beigegebene Abbildung zum Stoße mit seinem Machtwerkzeuge und Symbole bereit zeigt."

Homer, der Dichter der Iliade, besingt die Meerfahrt des Gottes:

"Er schirrt seine Rosse, die schnell dahinfliegenden, mit ehernen Hufen und goldnen Mähnen an den Wagen, und selbst mit goldnen Waffen gekleidet über die Wogen fährt er, und es hüpfen unter ihm rings die Tiere des Meeres aus ihren Schlupfwinkeln hervor, denn wohl kennen sie ihren Herrn, und das Meer macht freudig Bahn. Die Rosse aber fliegen leichten Schwunges und kein Tropfen feuchtet von unten die eherne Achse."

Poseidon selbst wurde abgebildet als ein älterer, bärtiger Mann von finsteren Gesichtszügen, zum Zeichen seiner Herrschaft über das Wasser, oder als Erderschütterer einen Dreizack (bei den Griechen Triäna, bei den Römern Tridens genannt) in der Hand haltend, eine Art Waffe, deren sich in den ältesten Zeiten die Seefahrer auf dem mittelländischen Meere zum Harpunieren (Fange der Thunfische) bedienten.

Mit diesem Dreizacke bändigt er die Giganten, wühlt das Meer auf, öffnet auf dem Festlande die Quellen und erschüttert auch die Erde und die Felsen. Als Erderschütterer und als Erbauer von Troja besingt ihn unser Schiller:

"Auch den Meergott sieht man eilen;

Rasch mit des Tridentes Stoß

Bricht er die granitnen Säulen

Aus dem Erdgerippe los,

Schwingt sie in gewalt’gen Händen

Hoch, wie einen leichten Ball,

Und mit Hermes, dem behenden,

Türmet er der Mauern Wall."

Bei den Griechen wird Poseidons Gemahlin, Amphitrite, oft mit einem um ihr Haupt flatternden Schleier, neben ihm auf dem Muschelwagen sitzend, oder auch von einem Delphin getragen, abgebildet. Nereïden, Tritonen, Delphine umgeben das Götterpaar, besonders als Symbole des beruhigten Meeres, während man mit den brüllenden Ungeheuern, die aus dem Meere auf das Land kommen, die stürmisch brausenden Wogen symbolisch darstellt.

Poseidon wurde überall in Griechenland, und besonders in den Seestädten und Seehäfen, mit großem Eifer und auf verschiedene Weise verehrt. In Thessalien, in Böotien, im Innen des Peloponnes, in Arkadien, sowie zu Ägä und Helike in der Küstenlandschaft Achaja, zu Pylos in Messenien, in Elis, auf der Insel Samos, zu Korinth, Nauplia, Trözen, auf der Insel Kalauria, zu Euboea, Skyros und Tenos, auf der Küste zu Kleinasien in Ionien, bei Mykale, am Vorgebirge Taenarum, in Athen und auf dem Isthmus, — der Erdenge, welche bei Korinth den Peloponnesus mit dem festen Lande von Griechenland verbindet, — waren demselben schöne Tempel, nebst anderen Heiligtümern und Volksfesten geweiht. Die Thessalier verehrten ihn, weil er die thessalische Thallandschaft geschaffen hatte, indem er mit seinem Dreizacke die Gebirge sprengte, so daß das Wasser, welches in uralter Zeit das ganze, von hohen Gebirgen umgebene Land überflutete, durch das berühmte Thal Tempe abfließen konnte. Böotien war dagegen eine wasserreiche Niederung wo Landbau und Viehzucht großen Reichtum gewährte, und wo sich, wie in Arkadien, dem Gebirgslande mit tiefen Höhlen, Bächen und auch schönen Thälern, in denen Ackerbau und Viehzucht, namentlich Pferdezucht, gedieh, seine Verehrung auf die Liebe zur Ackergöttin, der Demeter, bezog. Berühmt war das jährlich gefeierte Fest auf der Insel Tenos, wo Poseidon sogar als Arzt verehrt wurde. Zu demselben versammelte sich eine große Menge Volk von den benachbarten Inseln. Man feierte es mit Opfern, festlichen Schmausereien und gemeinsamen Beratungen. Auf dem Isthmus wurden, von Theseus angeordnet, zweimal in jeder Olympiade, zur Herbstzeit, dem Poseidon zu Ehren glänzende Spiele gefeiert, die so berühmt wie die olympischen waren, und auch denselben Zweck wie jene hatten, nämlich — die einzelnen griechischen Volksschaften in dem Bewußtsein der gemeinsamen Stammverwandtschaft zu erhalten. Diese Volksspiele hießen von dem Orte, wo man sie beging, die isthmischen. Die Athener genossen dabei gewisse Vorrechte, obschon die Korinther die Aufsicht über die Feier der Spiele hatten. Dies war das Hauptfest des Poseidon, als des Meerherrschers und Urhebers, sowie auch Vorstehers der Pferdezucht. Der dem Gotte heilige Tempel stand mit anderen Heiligtümern in einem Fichtenhaine. Das Fest wurde durch Festkämpfe gefeiert, bei denen der Sieger mit einem Kranze aus Fichtenzweigen geehrt wurde. In diesem heiligen Haine hatte der religiöse Sinn der Griechen auch das Schiff der Argonauten, die Argo, als Denkmal der ersten großen Unternehmung zur See geweiht, das fortwährend erhalten wurde. Auch hatten die Griechen nach ihrem großen Siege über die Perser, den ihre Flotte entschied, ein kolossales, sieben Fuß hohes Bild des Poseidon aus Erz in dessen Heiligtum hier geweiht. Man opferte dem Poseidon Pferde und Stiere, die in das Meer versenkt wurden; wer dagegen aus einem Schiffbruche gerettet war, hängte ein Andenken daran in dem Tempel des Poseidon auf.

Bei den Römern hieß diese Gottheit Neptunus, was Fürst der Gewässer bedeutet. Obgleich in frühester Zeit Römer als Hirten und Landbauer mit dem Meere wenig in Berührung kamen, so feierten sie diesen Gotte doch jährlich ein Fest bei dem Tempel auf dem Marsfelde, wobei man unter Hütten zum Schmausen, Trinken und Spielen lagerte. In der späteren Zeit, wo die Männer durch ihre Kriege mit den Karthagern sich auch auf die See hinausgewagt hatte, brachte jeder Feldherr, ehe er mit einer Flotte in See stach, dem Neptun ein Schlachtopfer, das in das Meer versenkt wurde. Die Gemahlin des Neptun hieß bei den Römern Salacia, was die Göttin der Salzflut bedeutet, und diese wurde von Neptunus Mutter des Triton, den die Griechen einen Sohn der Amphitrite nannten.

Betrachten Sie, meine Leser, die vorliegende Darstellung der Mythen von Neptun (Poseidon), so erscheint in dieser Gottheit die große Naturerscheinung des Elementes der Feuchtigkeit, wie es als weites Meer der Schiffahrt, als Wolke der Fruchtbarkeit der Erde zum Gedeihen des Getreides und des Weinstockes, als Quelle den Rossen und Viehherden, und auch den Menschen zur Gesundheit dient. Durch Poseidon entstand daher auch der Mythe das durch seine Schnelligkeit so ausgezeichnete Roß, zum Landbau wie zum Kriegskampf geeignet, mit welchem man um der springenden und schnellen Bewegung willen die rollenden und schäumenden Wogen des Meeres verglich. In dem Kampfe des Gottes gegen den Briareus und die Titanen sehen Sie den Kampf der furchtbar erregten Elemente, wie sich dieselben in der Natur wirklich gegenseitig berühren und doch wieder zur Ruhe gelangen. Diese Bewegung der Naturkräfte im feuchten Elemente stellte sich der religiöse Glaube der Griechen in der Persönlichkeit der Gottheit Poseidon vor, in dem sie in der Bewegung des tobenden Meeres wie des Erdbebens, und auch in der befruchtenden Feuchtigkeit, welche das Meer sendet, eine solche Kraft wirkend erkannten, daß dieselbe eben nur eine göttliche sein konnte. Sie sehen hieraus, wie tief und klar das Naturgefühl der Griechen sein mußte, um ahnend ihre Gottheiten sich so naturgetreu bilden zu können, wie dieselben sind.

Amphitrite

wird für eine Tochter des Okeanos und der Tethys, nach einer anderen Sage aber für die des Nereus und der Doris gehalten. Sie war die Gemahlin des Poseidon (Neptun), und gebar demselben den Triton und die Rhode, von welcher die Insel Rhodos den Namen führte. Poseidon soll sie im Tanze der Nereiden auf Naxos gesehen und von dort entführt haben. Nach anderen Sagen flüchtete sie vor ihm zum Atlas, wo sie aber doch der Delphin des Poseidon erspähte. Sie ist Meergöttin, erregt die großen Wogen, treibt sie gegen die Klippen und Felsen, und pflegt die Geschöpfe des Meeres. Sie wird gewöhnlich mit fliegenden Haaren, oder mit Krebsscheren an den Schläfen, auch auf dem Rücken eines Tritonen oder eines anderen wunderbaren Meergeschöpfes, mit Seetieren und Meergewächsen allein, oder neben dem Poseidon abgebildet. Man kann sie mit den Meergöttinnen der Römer: Salacia, Neverita und Venilia vergleichen. — Der Name Amphitrite wird von Dichtern oft statt Meer überhaupt gebraucht.

Pluto oder Hades.

Die Griechen in älteren Zeiten nannten ihn Aides (d. h. den Unsichtbaren), Aidoneus, Hades, späterhin aber Pluton (d. h. den Reichen), die Römer Pluto, mit den Beinamen: stygischer Jupiter, Bejovis, Orkus, Festbruus, Dis und Summanus, d. h. oberster Gebieter über die Manen, die Seelen der Abgeschiedenen.

Erinnern Sie sich, meine Leser, der aller Mythologie zum Grunde liegenden, Ihnen früher entwickelten Hauptidee, und Sie werden auch in der Mythe vom Hades leicht eine Bedeutung finden, die der Natur entspricht. Himmel, Erdoberfläche und Meer bildeten die Welt der Alten, und Zeus, nebst Hera und Poseidon waren deren Herrscher, als die persönlich versinnlichte Gewalt der Elemente. Aber auch das Innere der von den Alten als hohl gedachten Erde erschien ihnen als ein eigenes Reich, welches demgemäß seinen Herrscher und Gott haben mußte, und das ja aus derselben alle Gewächse hervorsprießen und der Reichtum edler Metalle aus dem dunklen Erdinnern gewonnen wird, während endlich wiederum alles, selbst der Mensch nach dem Tode, in dieselbe zurückkehrt, so bildete sich die doppelte Vorstellung von dem Gotte der Unterwelt aus, die in seinen beiden Namen angedeutet ist, und nach der er einerseits als der Besitzer und Verleiher aller Schätze der Erde (Pluton), andererseits als der im dunklen Erdinnern waltende und wie sein Reich unsichtbare Herrscher der Toten (Aides, Hades) erscheint. Sein Reich umfaßt das ganze geheimnisvolle Innere der Erde, daher er auch der Zeus katachthonios, d. h. der unterirdische Zeus oder Zeus der Erde genannt wird. Da nun dieser Gott als Pluton der Urheber aller Fruchtbarkeit der Erde, die vermöge der in ihrem Schoße befindlichen Kraft alles erzeugt, was auf ihrer Oberfläche wächst, also auch Gedeihen dem Samen gibt, den man die Ackerfurche streut, so gilt er als ein milder Gott und heißt der Wohlthätige.

Ein Gegensatz gegen die Fruchtbarkeit und Fülle scheint es dagegen zu sein, daß die Erde auch wieder alles verschlingt, so daß keine Rückkehr des Hinabgegangenen möglich ist. Auch diese Macht der Erde verehrte man in dem Gotte der Unterwelt als Aides oder Hades, indem man ihn als den Unversöhnlichen, Unerbittlichen auffaßte und benannte, der alles Lebende früher oder später in seinen dunklen Schloß hinabzieht, und zu dem alle Menschen, wenn sie im Lichte der Oberwelt eine Reihe von Jahren gelebt haben, in die dunklen Schatten, wo er herrscht, — in die Unterwelt (Orkus, Hades) — hinab müssen. Dieses große Geheimnis des Todes, das mit dem Wachstume so unzertrennlich in der Natur verbunden ist, war der Gegenstand der Feier der eleusinischen Geheimnisse, welche dem Eingeweihten die Schrecken des Todes benahmen und beruhigenden Hoffnungen über das Ende des Lebens, sowie über das ganze menschliche Dasein gewährten.

Diese Lehre aber gewann bestimmte mythologische Gestalt in der Erzählung von Aides’ Vermählung mit Persephone (Proserpina). In diesem Götterpaare der Unterwelt vereinigen sich scheinbar einander so entgegengesetzte Vorstellungen, wie Wachstum und Tod erscheinen. Wie der Tod gefürchtet wird, so sah der religiöse Glaube ein schreckliches Paar in diesen beiden Gottheiten, die als unversöhnliche Feinde alles frischen Lebens immer von neuem Tod und Verderben in dasselbe senden, und dennoch berichtete die Mythe, daß auch in dem Reiche der Unterwelt die Liebe wirke. Nämlich Persephone, die Gemahlin des Gottes, wie nachher von derselben ausführlicher erzählt werden wird, konnte auf die Bitten ihrer Mutter Demeter (Ceres) nicht wieder auf die Oberwelt zurückkehren, weil sie eine halbe Granate, den sogenannten Liebesapfel, von ihrem Gemahle angenommen und schon verzehrt hatte. So war mit dem unterirdischen Reiche des Todes Demeter durch ihre Tochter auf das innigste verwandt; aber in diesem Reiche selbst gab es kein Leben, wie es die Mythe dadurch ausdrückt, daß dieses Götterpaar kinderlos blieb. In Rücksicht auf die Mythe haben Persephone, sowie Hades in bildlichen Darstellungen als Symbol auch die Granate.

Hades war ein Sohn der Rhea und des Kronos, dem die Herrschaft der Unterwelt zufiel, als er, nach Kronos’ Entthronung, mit seinen Brüdern Zeus und Poseidon über die verschiedenen Reiche das Los entscheiden ließ. So bezeichnet schon die einfache Sage diese drei Gottheiten als die hauptsächlichsten. Hades stand dem Zeus erst gegen die Titanen, dann gegen die Giganten bei, und erhielt für seine gegen die ersteren geleistete Hilfe von den Kyklopen einen, wie die Tarnkappe oder Nebelkappe unserer Siegfriedssage, unsichtbar machenden Helm zum Geschenke, welcher sich wiederum deutlich genug als Symbol des unsichtbar machenden Todes zu erkennen giebt.

Als Beherrscher der Unterwelt war seine Macht nicht geringer, als jene des Zeus über den Himmel, und des Poseidon über das Meer, wenngleich ersterer über die ganze Welt die Oberherrschaft ausübte; denn in die Unterwelt mußten, nach der Vorstellung der Alten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten eintreten. Bei den Griechen und Römern führte die Unterwelt verschiedene Benennungen: Aides (oder abgekürzt Ais), Hades, Erebos, Orkus, Tartaros. Die Vorstellungen, welche man sich von dem Zustande nach dem Tode machte, waren schon damals sehr verschiedenartig, und zwar in dem Grade, daß wir nur die gewöhnlichsten herausheben können.

Schon über den Ort, wo Hades’ Reich zu suchen sei, sind die alten Schriftsteller nicht einig, denn bald wird dasselbe als Unterwelt im eigentlichen Sinne dargestellt, d. h. als unter der Decke des Erdbodens befindlich, bald wird er in dem fernsten Westen des Okeanos gesucht, wo die düsteren Haine der Persephone sind. Gegen die Oberwelt öffnet sich das Reich des Hades mit einem weit offenen Thore, durch welches jeder eingehen kann, durch das aber auf die Oberwelt zurückzukehren in der Regel unmöglich ist, und nur einzelnen Helden gestattet wurde, welche, wie Herakles und Orpheus, lebendig in die Behausung der Toten hinabstiegen. Den Eingang bewachte der Hund des Hades, der furchtbare Kerberos, ein Ungeheuer mit drei Köpfen und einem Schlangenschwanze, der jeden Eintretenden freundlich anwedelte, jeden aber, der wieder herauswollte, mit seinen grausamen Zähnen zurückwies. Außer durch das genannte Thor wurde die Unterwelt von der Oberwelt durch Flüsse von reißender Strömung geschieden. Der berühmteste von diesen Flüssen ist der Styx, ein Fluß von einer solchen finsteren Furchtbarkeit, daß ihn die hohen Götter selbst zum Zeichen der Wahrheit ihrer Schwüre anriefen. Über diesen Fluß Styx fuhr ein alter, von den Göttern eingesetzter Fährmann, namens Charon, die Abgeschiedenen, jedoch nur dann, wenn ihre Körper auf der Oberwelt gehörig mit Totenopfern und Liebesgaben zur Erde bestattet waren. War dies nicht der Fall gewesen, so mußte der Schatten des Abgeschieden, ohne übergefahren zu werden, an den Ufern des Styx umherirren, — eine bei den Alten sehr verhaßte Idee. Charon erhielt für sein Überfahren ein Fährgeld (griechisch: Naulon); man gab daher dem Verstorbenen bei Begräbnis ein Stück Geld (Danake) in den Mund, damit er es dem Charon für die Überfahrt über den Styx reichen könne.

Außer dem Styx werden als Flüsse der Unterwelt noch genannt: der Acheron, d. h. der Fluß des ewigen Wehens, der Pyriphlegethon, d. h. der Feuerstrom, und der Kokytos, d. h. der Heulstrom und der Strom der Wehklagen. Außer von diesen Flüssen erzählt die spätere Mythe noch von einem Flusse Lethe, d. h. der Fluß der Vergessenheit, da man seinen Wasser die Eigenschaft zuschrieb, daß die Abgeschiedenen, wenn sie dasselbe getrunken hatten, ihren vorigen Zustand auf der Oberwelt gänzlich vergaßen.

Die Sage von diesem Flusse sollte es begründen und erklären, daß der Mensch das Bewußtsein von allem Schmerze und allen Sorgen des Erdenlebens nicht mit in das Reich des ewigen Friedens hinübernehme. Aus dem Lethe trinkt man eben ein seliges Vergessen von Leiden, Not und Kummer. Alle späteren Dichter haben die Idee von dem Vergessen früherer Leiden durch einen Trunk aus dem Lethe vielfach benutzt.

Den Eingang in die Unterwelt aber verlegte man an verschiedene Orte, welche durch einen besonders düsteren und furchtbaren landschaftlichen Charakter, namentlich durch finstere Schluchten und dunkle Gewässer, das Gemüt mit Schauer erfüllten und deshalb zu Eingängen in den Hades geeignet schienen. Eins der berühmtesten Lokale dieser Art war der Avernische See bei Kumä in Unteritalien, von dem man sich, wie vom toten Meere, erzählte, daß kein Vogel über denselben zu fliegen vermöge, ohne tot in seine Wellen zu stürzen.

Was aber nun den Zustand der Toten im Reiche des Hades anlangt, so dachte man sich diesen als ein schattenhaftes Scheinleben, in welchem die selbst zu Schatten ihrer eigenen Persönlichkeit gewordenen Menschen, gleichsam wie im Träume, jedenfalls ohne klares Bewußtsein, die Hauptbeschäftigungen ihres Lebens auf der Erde fortsetzten. Nur einzelne, wie der thebanische Seher Teiresias, von dem wir weiterhin erzählen werden, bewahrten durch besondere Gunst der Unterweltsgötter das volle Bewußtsein. Es war also dieser Zustand der Toten ein sehr trauriger, weshalb der Schatten des Achill in der Odyssee dem Odysseus sagt: "Ich wollte lieber auf Erden als Tagelöhner dienen, als hier in der Unterwelt der Schar der Toten als Fürst gebieten." Gelegentlich konnten die Schatten der Verstorbenen auf der Oberwelt ihren Freunden erscheinen, auch konnte man sie durch ein Totenopfer heraufbeschwören, und sie erhielten, wenn sie von dem Blute der Opfertiere getrunken hatten, auf einige Zeit Bewußtsein und Sprache wieder, so daß sie sich mit den Lebenden unterhalten konnten.

Von dieser Unterwelt, als dem Aufenthaltsorte der großen Masse aller Verstorbenen, sind nun zwei andere Örtlichkeiten, in welchen die Toten sich befanden, genau zu unterscheiden, einerseits das Elysion (die elysischen Gefilde) und die Inseln der Seligen und andererseits der Tartaros oder der Strafort der Frevler. Über das örtliche Verhältnis dieser Lokale zum Hades im engeren Sinne weichen die Vorstellungen wiederum sehr voneinander ab, nach der gewöhnlichsten aber sind die elysischen Gefilde und die Inseln der Seligen im fernsten Westen, der Tartaros dagegen so tief unter der Erde, wie der Himmel sich über derselben wölbt. Nach Elysion oder den Inseln der Seligen kamen nach dem ältesten Glauben nicht sowohl die Guten, als vielmehr besondere Günstlinge der Götter, die dort unter Kronos’ Herrschaft gleichsam ein zweites goldenes Zeitalter von ewiger Dauer durchlebten; später aber bildete sich allerdings der Glaube an eine selige Unsterblichkeit aller Guten mehr und mehr aus, und namentlich diejenigen, welche in die eleusinischen Mysterien (s. unten) eingeweiht waren, hofften für sich einen Aufenthalt im Elysion. Der Tartaros dagegen ist, wie gesagt der Strafort der Verdammten, derjenigen, die auf Erden als Frevler gelebt hatten. Wie man sich den qualvollen Zustand dieser Verdammten dachte, sehen wir am besten aus dem Schicksalen einiger berühmter Verdammten, namentlich des Tantalos, Ixion, Sisyphos, Tityos und der Danaiden. Wir wollen sie kennen lernen.

Tantalos, ein König in Phrygien, hatte die Götter durch Übermut und Verrat, wie durch Grausamkeit, die er an seinem eigenen Sohne verübte, beleidigt. Dafür mußte er im Tartaros, durch die stete Gefahr geängstigt, von einem über seinem Haupte schwebenden Felsenblocke zerschmettert zu werden, bis zum Halse im Wasser stehend, einen beständigen Durst, den er nicht löschen durfte, und einen quälenden Hunger erleiden, den er sich vergebens bemühte durch labende Früchte, die über ihm hingen, zu stillen, weil diese bei jeder Annäherung von ihm zurückwichen.

Ixion, ein König in Thessalien, der auf ähnliche Weise, wie Tantalos, gegen die Götter gefrevelt hatte, wurde auf ihren Strafbefehl im Tartaros mit Schlangen an ein Rad befestigt, welches ein heftiger Wind im beständigen Kreise herumdrehte.

Sisyphos, ein König von Korinth, hatte durch Betrug und Widersetzlichkeit den Zorn der Götter in so hohem Grade gereizt, daß er zur Strafe im Tartaros ein schweres Felsenstück mit größter Anstrengung auf eine Anhöhe wälzen mußte, von welcher es immer wieder herunterrollte.

Die Danaiden, Töchter des Danaos, eines Königs von Argos (s. unten), mußten zur Strafe für die Ermordung ihrer Gatten im Tartaros unaufhörlich in ein durchlöchertes Gefäß Wasser schöpfen, welches sie natürlich niemals zu füllen vermochten, so daß sie in Ewigkeit fruchtlos arbeiteten.

Tityos endlich, ein Riese auf Euböa, der seine Kraft gemißbraucht hatte, um die Leto (die Mutter des Apollon und der Artemis) zu verletzen, wurde von dem erzürnten Zeus in den Tartaros verbannt, wo zwei große Geier ihm die Leber aushacken mußten, die immer wieder wuchs.

Ein Dichter hat diese grausamen Strafen, welche sinnbildliche Darstellungen der strengen Gerechtigkeit der Götter gegen Frevler, selbst von hohem Ansehen und Range sein sollten, in nachstehende Verse gebracht, die sich leicht dem Gedächtnisse einprägen:

"Sisyphos wälzt bergan den Stein, der immer bergab rollt;

Täglich zernagt ein Geier des Tityos wachsende Leber;

Ewig dreht sich das Rad, worauf Ixion gespannt ward;

Tantalos dürstet ewig im Wasser; des Danaos Töchter

Schöpfen ewig den Strom in bodenlose Gefäße."

Aber nicht allein Herrscher der abgeschiedenen Seelen waren Hades und Persephone, sondern sie gelten auch als die großen Richter über die Menschen nach dem Tode; Hades trägt in sein Schuldbuch allen Fehl der Menschen ein, und nach diesem Schuldbuche werden sie dann entweder nach Elysion oder in den Tartaros gesendet. Neben dem Gotte der Unterwelt gelten als Richter der Toden drei Helden, welche sich auf Erden dereinst durch große Weisheit und Gerechtigkeit ausgezeichnet hatten: Minos, Rhadamanthys und Äakos, welcher letztere, nach einer späteren Vorstellung, noch ganz besonders als der Pförtner der Unterwelt gedacht wurde.

Die Verehrung und der Dienst des Pluton-Hades waren unter den Griechen und auch unter den Römern weit verbreitet. In Griechenland hatte er Tempel und Kultus besonders in Elis, bei Bylos, in Athen und in Olympia. Heilig waren ihm die Cypressen, Narcissen und der Buchsbaum; es wurden ihm in Rom, besonders im Monat Februar, große Opfer (Februationen) von schwarzen Stieren und Ziegen während zwölf Nächten dargebracht, bei welcher Handlung seine Priester mit Cypressenzweigen bekränzt waren; und alle hundert Jahre widmete man ihm und der Proserpina die fäkularischen Spiele, als Totenfeier für die Verstorbenen.

Abgebildet wird Pluton in düsterer Majestät, die Stirn vom Haupthaare beschattet, und mit einem Barte. Auf dem Haupte trägt er, als Symbols seines Besitzes aller Schätze und Früchte der Erde, ein Getreide- oder Fruchtmaß, oder auch ein Füllhorn oder eine zackige Krone; in der Hand hält er einen Stab, als Symbol der Herrschaft, oder einen zweizackigen Scepter, oder einen Schlüssel, zum Zeichen, daß er den Aufenthalt der Abgeschiedenen verschlossen halte, aus dem niemand zurück durfte. Neben ihm befindet sich der dreiköpfige Kerberos. Öfters erscheint Pluton auch mit verschleiertem Haupte, oder mit dem unsichtbar machenden Helme bedeckt; öfters auch Proserpina neben ihm auf einem Throne oder auf einem Wagen, gezogen von schwarzen Rossen, die er mit goldenen Zügeln lenkt.

"Auf dem ausgewählten Bilde sitzt Proserpina neben ihm auf dem Throne. Merkur, als Seelenführer, geleitet in das Reich des Pluton den Schatten eines von der Welt geschiedenen Mädchens, welchem die Göttin des Todes folgt. Dieses Bild erinnert an unseres Schillers Wort:

"In sein stygisches Boot

Raffet der Tod

Auch der Jugend blühendes Leben!"

Persephone oder Proserpina

oder Persephoneia, auch Kora (griechisch), bei den Römern dagegen auch Libera genannt, war eine Tochter des Zeus und der Demeter. Sie war die Gemahlin des Aides, dem sie aber keine Kinder gebar. Aides hatte sich ihrer, mit Zeus’ Einwilligung, gewaltsam bemächtigt. Einst, als Persephone, die mit hohen Reizen geschmückte Jungfrau — so erzählt die Mythe — unweit des Ätna, in Sicilien, auf einer blumenreichen Aue spazieren ging und eben Narcissen pflückte, kam Hades plötzlich aus einem finsteren Schlunde der Erde herauf, bemächtigte sich der schönen Blumensammlerin und entführte sie in die Unterwelt auf einem mit vier Rossen bespannten Wagen, den Hermes geleitete. Persephone sträubte sich, bat, flehete Götter und Menschen um Beistand an; aber Zeus billigte den Raub und ließ es geschehen. Demeter, die ihre Tochter überall vergeblich suchte, oder, nach anderen Mythen, sogar den davoneilenden Hades mit ihrem Zweigespanne geflügelter Drachen verfolgte, durchzog alle Länder, bis sie von dem alles sehenden und alles hörenden Gotte der Sonne das Schicksal der Geraubten erfuhr. Flehend bat sie die Götter um Rückgabe ihrer Tochter, die ihr dieselbe auch unter der Bedingung versprachen: wenn Persephone in der Unterwelt noch nichts genossen haben würde. Als aber Hermes, von Zeus gesandt, in die Unterwelt kam, hatte Persephone bereits die Hälfte eines Granatapfels gegessen, den ihr Hades unter der Beteuerung seiner Liebe dargeboten hatte. Dadurch war die Rückkehr Persephones in die Oberwelt dauern unmöglich, und sie blieb Hades’ Gemahlin, allein es wurde ihr nach einem Vertrage zwischen der Ober- und der Unterwelt gestattet, die eine Hälfte des Jahres auf der Erde bei ihrer Mutter und im Olymp bei den anderen Göttern zu verleben, während sie die andere Hälfte in der Unterwelt bei ihrem Gemahle zu verweilen hatte. In diesem Mythus stellte sich Persephone-Kora, die Tochter des Himmelsgottes Zeus, der in Wärme und Regen Fruchtbarkeit bewirkt, und der mütterlich fruchtbaren Göttin des Erdbodens, Demeter, deutlich genug als ein Symbol oder als die Göttin der Vegetation dar, welche nur im Sommer an der lichten Oberwelt und bei der Mutter erscheint, während sie im Herbste abstirbt und im Winter als Samenkorn im dunklen Erdinnern, also gleichsam bei dem Gotte der Unterwelt verweilt. Nur muß man wohl festhalten, daß der Mythus selbst es nicht mit Symbolen, sondern mit wirklichen oder als menschlich gedachten Götterpersonen zu thun hat, und daß demgemäß auch nicht alle einzelnen Züge derselben symbolisch erklärt werden dürfen.

Das Absterben der Natur im Herbste und ihr verhülltes Ruhen im Winter aber enthält eine auch von uns empfundene und von unsern Dichtern vielfach ausgesprochene Mahnung an die Vergänglichkeit aller irdischen Blüte, und um dieses Umstandes willen gilt bei den Alten Persephones Raub durch Pluton-Hades als ein Bild des Todes schlechthin. Da aber Persephone trotzdem an die Oberwelt zurückkehrt, so gut wie auf jeden Winter ein Frühling mit erneutem Grün und junger Blütenpracht folgt, so enthielt ihr Mythus zugleich auch die Hoffnung und die Verkündigung des Glaubens, daß aus dem Tode neues Leben hervorgehe, daß auch der zur Unterwelt hinabfahrende, vom Todesgotte geraubte Mensch nicht ewig im wesenlosen Reiche der Schatten bleiben werde. In diesem Sinne bildete der Mythus von Persephone und ihrer Mutter, erzählt und dargestellt, den Inhalt der eleusischen Mysterien, welche, wie wir schon früher bemerkt haben, beruhigende Hoffnungen für die Unvergänglichkeit des menschlichen Daseins und für ein ewiges Leben nach dem irdischen Tode darboten.

Persephone teilte die Verehrung, die man ihrem Gemahle widmete, besonders auf der Insel Sicilien, in Unter-Italien und Griechenland, in dessen Landschaft Lokris ihr, sowie zu Kyzikos an der Propontis, prächtige Tempel erbaut waren. Man brachte ihr schwarze Kühe zum Opfer dar.

Als Tochter des Zeus und der Demeter ist Persephone, oder, wie sie in dieser Beziehung vorwiegend genannt wurde: Kora (d. h. die Tochter oder das Mädchen schlechthin, nämlich das herrlichste, das es je gegeben hat) eine liebliche Jungfrau, ausgestattet mit allen Reizen blühender Jugend, ein Bild der jugendlich blühenden Natur im Lenze. Als Gemahlin des Herrschers der Unterwelt aber ging auf Persephone (und so hieß sie wiederum überwiegend in dieser Beziehung) der finstere Charakter des Hades über und sie gilt als die Königin der Schattenwelt, und als solche hat sie Gewalt über die in der Unterwelt hausenden furchtbaren Dämonen, die Straf- und Rachegeister, die sie, argen Frevel, namentlich Meineid zu strafen, auch auf die Oberwelt senden kann. So wiederholt sich in ihr und ihren beiden Namen die Doppelheit des Wesens, auf die wir bei Hades-Pluton (und seinen beiden Namen) bereits früher aufmerksam gemacht haben. Diese Doppelheit ihres Wesens findet sich nun auch in ihren Darstellungen in der bildenden Kunst wieder:

Man bildete sie ab als eine reizende Jungfrau, mit einem Schleier tief verhüllt, als Zeichen ihres geheimnisvollen Wesens, oder mit einer Krone geschmückt, neben dem Hades auf dem Throne, oder in einem Wagen sitzend, eine Narcisse, die ihr geheiligt war, oder auch einen Granatapfel in der Hand haltend.

Ihre Hauptfeste fielen in Griechenland in den Herbst und in den Frühling. Im Herbste beging man zum Andenken an ihr Geraubtwerden Trauer-, im Frühlinge dagegen zum Andenken an ihre Wiederkehr Freudenfeste.

Man schrieb ihr die Abschneidung einer Locke vom Haupte der Sterbenden zu, wodurch diese für die Unterwelt geweiht wurden. Später schnitten sich die Freunde und Diener verstorbener Personen einiges Haar ab, warfen es als ein Sühneopfer für die Proserpina in das Feuer des Scheiterhaufens, mittelt dessen man die Körper der Entseelten verbrannte, und schlugen sich als Zeichen der Verehrung der Königin der Unterwelt bei dem Leichenbegräbnisse vielmals an die Brust. — Wenn auch römische Dichter die Proserpina nennen, dem religiösen Glauben des römischen Volkes war sie eine unbekannte Gottheit. Dies verehrte als die einheimische Königin des Schattenreiches die Libitina oder Lubentina, deren Verehrung sich aber nur auf den Tod und die Bestattung der Verstorbenen beschränkt.

Als eine Göttin, die wie Persephone in geheimnisvoller Weise auf der Ober- und in der Unterwelt waltet, lassen wir, obgleich sie nicht eigentlich zu den oberen Gottheiten gehört,

Hekate

folgen, eine Göttin titanischer Abkunft, Tochter des Tartaros und der Nacht, nach anderen Angaben des Perses und der Asteria (Sternennacht), der Schwester der Leto. Sie war eine Göttin, von der die Alten verschiedene Erzählungen hatten, und die sie mit anderen Göttinnen, besonders mit nächtlichen, wie die Mondgöttin Selene oder Luna, verschmolzen, während sie zu Persephone in das Verhältnis der Dienerin und Begleiterin trat. Sie gehört zu den fackeltragenden Gottheiten, wie Artemis, d. h. man stellte sich dieselbe eine brennende Fackel tragend vor, in dem sie als nächtliche Mondgöttin und Jägerin verehrt wurde, die auch das Reich der Geister kannte. Ihr sollen alle geheimen Kräfte der Natur zu Befehl gestanden, sie soll über Geburt, Leben und Tod geboten, und große Ehre bei den Göttern im Olymp, wie in der Unterwelt genossen haben. Um ihre Macht in allen drei Reichen der Natur, im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt zu versinnbildlichen, wurde Hekate dreigestaltig gebildet und hieß die Dreigestaltige (triformis). Ihr waren die Hunde heilig. Weil aber ihr Wesen von Anfang an ein geheimnisvolles war, so bildete sich besonders die finstere und schauerliche Seite ihrer Vorstellung aus und sie galt vorzugsweise als Unterweltsgöttin, als Göttin der Nacht und des Dunkels und als Vorsteherin aller dunklen Zaubereien und Hexenkünste, an welche man im Altertume kaum minder glaubte als in unserem Mittelalter. Man beging daher auch ihre Feste und ihren Dienst zur Nachtzeit bei brennenden Fackeln, und opferte ihr unter mancherlei seltsamen Ceremonien schwarze Lämmer. Auf einsam abgelegenen Scheidewegen dachte man sie sich besonders gegenwärtig, und nannte sie daher Trivia.

Auf der Insel Ägina, im saronischen Meerbusen, wurden ihr zu Ehren jährlich geheimnisvolle Feste gefeiert, und in Unter-Italien, am See Avernus, war ihr ein finsterer Hain geheiligt.

Demeter oder Ceres

bei den Griechen auch Deo genannt, war eine Tochter des Kronos und der Rhea, also eine Schwester des Zeus und Pluton. Und gebar dem Zeus die Persephone. Demeter war nach der Vorstellung der Alten die Erdgöttin im Sinne der zahllose Früchte hervorbringenden Erde, die allernährende Mutter, deren Tochter Kora-Persephone (Proserpina) wir im vorhergehenden schon als die Göttin der aus der Erde hervorsprießenden Vegetation kennen gelernt haben.

Das für den Menschen wichtigste Produkt der Vegetation aber ist das Getreide, die Halmfrucht, und da man auch diese und zwar diese ganz besonders als eine Gabe der Demeter betrachtete, so wurde die Göttin zur Erfinderin des Ackerbaues und durch diesen wiederum zur Gründerin der bürgerlichen Gesellschaft, welche durch ihre Künste und ihre Wohlthaten die bis dahin wild umherschweifenden, meistens nur von Eicheln und Wurzeln sich nährenden Menschen an das Land, wo sie geboren waren, zu fesseln wußte, sie für mildere Sitten empfänglich machte, ihnen Interesse für Eigentum und Besitz von Grund und Boden einflößte, ihnen ein Vaterland und in demselben den Schutz der Gesetze gab. Denn der Beginn aller Civilisation wird mit Recht an den Ackerbau und die durch den Ackerbau bedingte Behauptung fester Wohnsitze angeknüpft. Daher auch der Beinname: Thesmophoros, das heißt Urheberin von Satzungen, den die Griechen der Demeter beilegten. Auf diese Eigenschaft der Göttin bezieht sich auch die Feier des ihr heiligen Festes der Thesmophorien, von dem in dem folgenden noch mehr gesagt ist.

Als Hades der Demeter die jugendliche, liebliche Persephone entführt hatte, zündete die bekümmerte Mutter eine Fackel an, bestieg einen mit geflügelten Drachen bespannten Wagen und durchzog alle Länder, ihre Tochter suchend. Auf diesem Zuge ließ sie überall, wo sie von den Menschen gastfreundlich aufgenommen worden war, Spuren ihres Segens zurück, indem sie überall die Menschen den so wichtigen Ackerbau lehrte. Die Landschaft Attika in Griechenland wurde besonders von ihren Wohlthaten überschüttet, weil Keleos, der in Eleusis, einem Flecken unweit Athen, wohnte, sie auf ihrem Zuge sehr freundlich und gastfrei aufgenommen hatte. Demeter lehrte hier den Gebrauch des Pfluges, und schenkte ihrem Pfleglinge, dem Sohne des Keleos, Triptolemos, bei ihrem Weggange die edle Frucht der Gerste und ihren Drachenwagen, damit er auf demselben alle Länder durchfahren und die Menschen belehren sollte, wie diese Getreideart ausgesäet und benutzt werden könnte, ein Auftrag, den Triptolemos getreu ausführte und so den Ackerbau bis in die entferntesten Länder ausbreitete.

Poseidon mißbrauchte einst seine Kraft gegen die Demeter, die aus Furcht vor ihm die Gestalt eines Pferdes annahm und entfloh; aber der Gott verwandelte sich ebenfalls in ein Pferd und verfolgte sie, bis sie ihm das Pferd Arion gebar, ein wunderbares Tier, mit schwarzen Haaren bedeckt, von unglaublicher Schnelligkeit, mit Verstand und Sprache wie ein Mensch begabt. Schmerz und Beschämung über eines solchen Wesens Geburt vermochten die Demeter, sich eine geraume Zeit hindurch in einer Höhle verborgen zu halten, bis sie durch ein Bad im Flusse Ladon gleichsam entsühnt und wieder gereinigt sich mit den anderen Göttern aufs neue vereinigte.

Wenn die Alten durch diese Mythe einen einmal eingetretenen Mißwachs bildlich andeuten wollten, so drückten sie andererseits die Idee: daß durch den eifrigen und glücklichen Betreib des Ackerbaues Reichtum erworben werden, durch die Erzählung aus: daß Demeter sich mit dem Iasion, einem Einwohner der Insel Kreta, der sehr eifrig den Ackerbau betrieb, vermählt und mit ihm den Plutos (Reichtum) erzeugt habe. Auf dieser fruchtbaren und einst durch ihre hohe Kultur blühende Insel wurde seit uralter Zeit diese Göttin des Landbaus verehrt, außerdem über all von den Griechen, wo der Ackerbau blühte. So in Arkadien, Messenien, Sikyon, Korinth, Argos, Megara, Böotien, Lokris, in Sicilien und anderen Gegenden, besonders aber zu Eleusis. Die Verbindung der Demeter mit dem Zeus, deren Frucht Persephone war, soll nichts Anderes andeuten, als daß die Fruchtbarkeit der Erde durch die Einwirkungen des Himmels auf dieselbe in milder Wärme und im Regen bewirkt wird. Demeter wird nach der Farbe des reifen Getreides die blonde Göttin genannt, und als Verleiherin des Erntesegens in den alten Liedern der Griechen auch als die Mutter des Reichtums gepriesen. Daher wurden ihr jährlich ländliche Erntefeste, Haloen oder Thalysien, im Herbste mit großer Lust, Opfern und Schmäusen gefeiert. Außerdem feierte man ihr in verschiedenen Gegenden Griechenlands, in Athen z. B. im Oktober die Thesmophorien, deren fünftägige nächtliche Feier besonders in dem nahen Dorfe Halimus berühmt war und in ernster, strenger Enthaltsamkeit nur von verheirateten Frauen begangen wurde. Das Fest galt der Demeter als der Mutter des überherrlichen Kindes Kora-Persephone, als welche sie von den menschlichen Müttern um ähnlichen Kindersegen angefleht wurde; mit der Sage von Persephones Raube aber und Demeters Schmerz um ihr Kind hat dieses Fest nicht das mindeste zu thun.

Diese Sage bildet dagegen den Hauptinhalt der Eleusinien (eleusinischen Mysterien oder Geheimnisse), über deren Sinn und Bedeutung wir schon früher geredet haben, so daß wir hier nur noch einiges über die Gebräuche dieses Festes nachtragen wollen. Demeter selbst soll, als sie sich, ihre Tochter suchend, zu Eleusis aufhielt, das Fest gestiftet und dessen Gebräuche dem Eumolpos gelehrt haben, von dem das Oberpriestergeschlecht von Eleusis, die Eumolpiden, ihren Ursprung ableiteten.

Unterschieden werden zweierlei Eleusinien, die kleinen, welche man im Frühlinge feierte, wenn die ersten Blumen blühten, und die großen, welche in den September fielen und neun Tage dieses Monats ausfüllten. Die Feier begann am 20. mit einem nächtlichen Auszuge mit Fackeln; an den Haupttagen des Festes aber wurden die Schicksale und Leiden der Demeter von den Festteilnehmern dargestellt, und wurden die Orte besucht, an welchen sich die Hauptmomente ihrer Geschichte zugetragen haben sollten. So der sogenannte "Stein des Nichtlachens", auf dem Demeter in stummem Schmerze versunken geruht, der Ort, wo sie nach langem Fasten die erste Nahrung zu sich genommen hatte, derjenige, wo sie endlich mit der Tochter wieder vereinigt wurde, und einige andere mehr. Indem so die Festteilnehmer die Schmerzen der Göttin und ihre endliche Freude gleichsam mit durchlebten, gewährte ihnen das Fest ein Bild des schmerzvollen irdischen Daseins mit der Aussicht auf einen endlichen Übergang in ewige Seligkeit. Zum Schlusse des Festes aber, welcher ein heiteres Bild des frischen und tätigen Lebens den Bildern der Trauer und Todes hinzufügen sollte, wurden gymnastische Wettkämpfe angestellt.

Die Weihen aber oder die Einweihung in die Mysterien, welche nach vielen Vorbereitungen und Prüfungen und zwar ausschließlich an freigeborene Griechen, nie an Fremde oder Sklaven erteilt wurden, sollten zu einer würdigen Begehung und zu einer geistigen Auffassung der Festgebräuche führen, und bestanden in der Einführung in den tieferen Sinn der Sage von Kora-Persephone und ihrer Mutter, den wir früher angedeutet haben. Aus dem Gesagten ergiebt sich schon, daß auch die Festgebräuche geheim gehalten wurden, während es sich leicht begreifen läßt, daß das ganze Fest einen tiefen Eindruck auf das Gemüt hervorbringen, und daß die eleusinische Weihe und die Teilnahme an den tiefsinnigen Festgebräuchen, richtig aufgefaßt, dem Eingeweihten Trost im Leben und eine freudige Zuversicht für die Fortdauer des Daseins nach dem Tode gewähren mußte.

Die Römer verehrten die Ceres ebenfalls; aber sie hatten die Verehrung dieser Götter schon in sehr früher Zeit von den gebildeteren Griechen angenommen. Die Feier fand im Frühjahre statt mit festlichen Auszügen in weißer Kleidung, Schmäusen und Opfern von Schweinen. Dieses Fest schloß sich unmittelbar an das gleichartige und ursprüngliche Fest der Göttin Tellus, d. h. der Erde, als Fruchtgebende, an, deren Bedeutung der Ceres beinahe völlig gleich war.

"Demeter wurde als eine stattliche Frau von mildem Aussehen abgebildet, bekleidet mit einem langen Gewande, entweder das Haupt mit Mohn oder Weizenähren bekränzt, oder die Mohnkapsel mit den Ähren in der Hand haltend, eine Sichel oder eine Fackel tragend."

Sehr häufig wird sie dargestellt, wie sie, auf einem mit Drachen bespannten Wagen fahrend, den Räuber ihres Kindes verfolgt. Ihrem mütterlichen Charakter gemäß ist Würde mit Milde gepaart in ihren Darstellungen überwiegend, wogegen ihr die Hoheit und Majestät der Hera, der sie im übrigen nahe steht, abgeht. Nicht selten dagegen gesellt sich zu ihrem Ausdrucke ein Zug von Schwermut und Trauer, welcher sich aus dem tiefen Schmerze wegen des Verlustes ihres Kindes leicht erklärt, einem Schmerze, der sich ja jährlich im Herbste erneuert, wenn die Tochter von ihr scheiden muß, um in die Behausung ihres finstern Gatten einzugehen.

Von Tieren wurden ihr Kühe und namentlich Schweine geopfert, von Pflanzen waren ihr außer dem Getreide die Obstbäume und die Frühlingsblumen, namentlich Narcissen und Hyacinthen, heilig. An diesen Attributen, sowie an den brennenden Fackeln, oder auch an einem Getreidekorbe erkennt man diese mütterliche Göttin.

Hestia oder Vesta

die Schwester der Demeter, eine Tochter des Kronos und der Rhea, wurde als die Göttin des ihr gleichnamigen häuslichen Herdes und des Herdfeuers bei den Griechen wie bei den Römern verehrt. Daher ist sie die eigentliche Schutzgöttin der Familie, waren ihr überall Altäre errichtet, und war in jedem Hause der Herd ihr Heiligtum, um den sich die ganze Familie zur Verehrung der Göttin täglich versammelte. Jede Mahlzeit, die mittelst des Feuers auf dem häuslichen Herde bereitet wurde, erweckte in allen Familienmitgliedern das Gefühl der Gemeinsamkeit. Ein solches Heiligtum mit dem Feuer befand sich auch in jedem Gemeinhause, und wenn bei den Griechen Kolonisten in die ferne Fremde zogen, versäumten sie nicht, von diesem heiligen Feuer mitzunehmen, um dadurch auch die Gunst der Göttin in der neuen Heimat sich zu sichern. Denn der Staat wurde in Griechenland als eine große Familie aufgefaßt, deren sichtbaren Mittelpunkt der Altar Hestias als der Staatsherd bildete; indem man also von dem Feuer dieses Staatsherdes in die Fremde mitnahm, blieb man sinnbildlich der Staatsfamiliengemeinschaft teilhaftig. Auf diesem Altare opferte man mit Gebet bei jedem Beginnen der Göttin eine Spende. Wenn einmal das Feuer auf einem der Göttin heiligen Altarherde verlosch, so durfte dasselbe nicht wieder an unreiner Glut, sondern nur von dem Feuer eines anderen Heiligtumes wieder entzündet werden.

Hestia, als Göttin eines reinen Elementes betrachtet, wie es das Feuer in seiner ursprünglichen Art ist, verschmähte alle Liebe, obschon Poseidon und Apollon sich um ihre Zuneigung bewarben, und erhielt auf ihre Bitte von Zeus hin die Erlaubnis, immer im jungfräulichen Stande bleiben zu dürfen. Wegen ihrer eigenen unbefleckten Reinheit betrachtete man sie daher auch als Beschützerin der Keuschheit.

"Man bildete sie ab als eine schlanke Jungfrau von edler Miene, stehend oder sitzend, züchtig in ein Gewand gehüllt, mit einem Schleier um das Haupt, eine Lampe oder eine Opferschale in der einen Hand, und mit der anderen einen Stab, als Symbol der Herrschaft, haltend."

In Griechenland wurde diese Göttin zwar eifrig verehrt; es waren ihr aber keine besonderen Tempel geweiht, da sie ja in jedem Gemeinhause ihr Heiligtum fand und an den Opfern aller Götter in deren Tempel ihren Anteil hatte, indem man bei jedem Brandopfer ihrer, als der Göttin der heiligen Herd- und Opferflamme, mit Weiheguß von Wasser, Wein und Öl und mit Gebet gedachte. Jedoch erhielt Hestia auch ihre eigenen Opfer, man bracht ihr junge Saat und die Erstlinge der neu geernteten Früchte dar und als Brandopfer junge Kühe. Ihre Priesterinnen mußten Jungfrauen bleiben. In Rom dagegen hatte Vesta einen vom König Numa Pompilius erbauten runden Tempel, in dessen Mitte ihr Symbol, das Feuer, auf einem Altare brannte, welches nie auslöschen durfte. Am Tage stand dieser Tempel offen, in der Nacht aber wurde er verschlossen. Das Palladium, ein kleines, hölzernes Bild der Minerva (Pallas), welches, nach der Mythe, vom Himmel herab in die Königsburg von Troja gefallen und von dort nach Griechenland, späterhin aber nach Rom gebracht war, und von dessen sicherer Aufbewahrung, nach dem Volksglauben, die Erhaltung der Stadt Rom abhängen sollte, und andere alte Götterbilder wurden in dem Tempel der Vesta aufbewahrt. In Rom hatte die Göttin sechs Priesterinnen, die nach ihr Vestalinnen oder vestalische Jungfrauen hießen, deren Beruf es war, das heilige Feuer im Tempel der Vesta zu unterhalten, und dort Opfer und Gebete für das Wohl des Staates zu verrichten. Sie wurden zu ihrem heiligen Dienste von dem Oberpriester, Pontifex maximus genannt, erwählt. Ihre Kleidung war ein weißes Gewand, die priesterliche Stirnbinde und ein Schleier; später wurde die Hinzufügung weiteren Schmuckes gestattet.

Sie wurden zwischen dem sechsten und zehnten Jahre ihres Alters dem Dienste der Göttin gewidmet, mußten das Gelübde strenger Keuschheit ablegen und dreißig Jahre im Tempel dienen. Dann aber durften sie ihn verlassen, und sich sogar verheiraten. Das Volk sah dies jedoch nicht gern, weil man es als eine Veranlassung zum Unwillen der Göttin, der sie sich gewidmet hatten, betrachtete. Die vestalischen Jungfrauen genossen, solange sie den Tempeldienst verrichteten, großes Ansehen und bedeutende Vorrechte. Ihre Person war unverletzlich; sie standen unter keiner väterlichen Gewalt und konnten frei über ihr Vermögen schalten. Wenn sie bei feierlichen Aufzügen durch die Straßen von Rom gingen, so trugen Liktoren (Gerichtsdiener) ein Bündel von kleinen Stäben (fasces); aus dem ein Beil, das Sinnbild der Herrschaft, der höchsten Gewalt, hervorragte, vor ihnen her, eine Auszeichnung, die außer ihnen nur den Konsuln (obersten Magistratspersonen) in Rom gebührte; und wenn sich ihnen dann Verbrecher, die zum Tode verurteilt waren, auf ihrem Wege zum Richtplatze naheten, so konnten sie dieselben begnadigen.

So groß aber ihr Ansehen war, so streng wurde auch mit ihnen verfahren. Ließ eine Vestalin durch Unachtsamkeit das heilige Feuer auf dem Altare der Vesta erlöschen, welches man nur durch einen Brennspiegel an den reinen Strahlen der Sonne wieder anzünden durfte, so wurde sie von dem Oberpriester der Göttin in einem dunklen Gemache mit Ruten gezüchtigt; und verletzte sie ihre Keuschheit, so wurde sie an einem Orte, welcher das "Frevelfeld" (campus sceleratus) hieß, lebendig begraben. Man brachte sie dann in ein unterirdisches Gewölbe, gab ihr ein Ruhebett, eine angezündete Lampe, ein wenig Brot und Wasser, verschloß dann das Gewölbe, bedeckte es mit Erde, die man dem Boden gleich machte, und überließ die Unglückliche dem qualvollen Tode. Der Verführer der Getöteten wurde dagegen öffentlich zu Tode gegeißelt. Die ganze Stadt war in Trauer, und lange Gebete und Opfer wurde angestellt, um die beleidigte Göttin zu versöhnen. Der Aufzug, mit dem die Verstoßene in einer Sänfte festgebunden und so tief verhüllt, daß man auch ihre Stimme nicht hören konnte, zu ihrer Gruft geführt wurde, war Entsetzen erregend, und dieser Tag ein Tag der Trauer und Buße für die ganze Stadt, wie kein anderer.

Der König Numa Pompilius, der überhaupt der Sage nach die Verehrung der Götter bei den Römern einrichtete, setzte die ersten Vestalinnen ein, deren Zahl zuerst zwei, dann vier war, und die König Servius auf sechs vermehrte, und zu denen man immer nur Jungfrauen aus den edelsten Familien Roms erwählte. — Nach der Gründungssage Roms waren selbst Romulus und Remus, die Gründer der Stadt Rom, Söhne einer vestalischen Priesterin, Namens Rea Silvia, und des Mars.

Am ersten März wurden alljährlich auf dem Herde der Göttin das heilige Feuer nebst dem Lorbeer, welcher den Herd beschattete, erneuert, und außerdem am 15. Juni der Tempel ausgeputzt und gereinigt. Vorher aber feierte man am 9. Juni der Göttin Vesta zu Ehren das Vestalien genannte Fest. Nur Frauen wallfahrteten zu dem Tempel, und zwar barfuß. Dazu brachte man die Speisen in geweihten Schüsseln, und die Brote trugen bekränzte Esel, denen man dieselben um den Hals hängte.

Ares oder Mars

war nach dem Glauben der Griechen ein Sohn des Zeus und der Hera. Ursprünglich scheint Ares der Gott des rauhen Unwetters und besonders des tosenden Sturmwindes gewesen zu sein; allein diese seine natürliche Bedeutung wurde bei ihm früher und vollständiger als bei den meisten anderen Göttern vergessen, und er tritt uns fast ausschließlich als der Gott des Sturmes und Aufruhres in den menschlichen Verhältnissen entgegen, d. h. als der furchtbare Gott des Krieges, oder richtiger noch des Kampfes und Schlachtengetümmels, der wildeste unter den oberen Göttern, der an Mord und Schlachten Wohlgefallen fand.

In dieser Beziehung bildet er einen Gegensatz gegen die Göttin des geordneten und ritterlichen Kampfes, Pallas-Athene, die wir auch in manchen mythischen Erzählungen als Feindin dem Ares gegenüber finden. Er soll schon in dem Kriege wider die Giganten für den Zeus gefochten haben, und von jenen Riesen selbst eine Zeit lang gefangen gehalten worden sein. Im trojanischen Kriege stand er den Trojanern bei und beschützte besonders deren Anführer Hektor, wurde aber dabei von dem Helden Diomedes unter dem Schutze und Beistande seiner Feindin Athene verwundet. Er fiel bei dieser Gelegenheit nach der Schilderung Homers in der Iliade mit einem solchen Gebrülle zu Boden, als wenn neuntausend oder zehntausend Kämpfer in der Schlacht lärmten, und bedeckte mit seinem Falle sieben Morgen Landes; eine nicht undeutliche Hinweisung auf das tosenden Brüllen des Sturmes. Ares war, nach der Vorstellung der Griechen, nicht rechtmäßig verheiratet, hatte aber dennoch aus seinem Umgange mit Göttinnen und Töchtern der Erde eine zahlreiche Nachkommenschaft an Söhnen, unter denen von Heroen die bekanntesten und berühmtesten sind: Meleagros, der Fürst von Kalydon und Besieger des kalydonischen Ebers (s. unten), Kyknos, den Herakles erschlug und den Ares an seinem Mörder rächen wollte, als Zeus mit einem Blitzstrahle den Kampf seiner beiden gewaltigen Söhne trennte; ferner Parthenopäos, einer der Führer in dem Zuge der sieben Helden gegen Theben (s. unten), Oenomaos u. a. Der nicht selten auch von anderen Helden gebrauchte Ausdruck: "Sohn, oder Sprößling des Ares" ist nicht wörtlich, sondern nur dahin zu verstehen, daß die große Kraft und Mannhaftigkeit ausgedrückt werden soll, welche den Helden gleich als einen Abkommen des Kriegsgottes selbst erscheinen lasse.

Die Mythologie der Römer erzählt, daß Mars mit der Bellona vermählt gewesen sei. Als seine Schwester aber gilt Eris (die Zwietracht), eine Frau von furchtbarem Wesen, die seinem Wagen voraneilte, wenn er in den Krieg zog, wie ja auf Zwietracht Krieg folgt. Als er mit der Aphrodite (Venus), Gemahlin des Hephästos (Vulkan), mit der er die Harmonia (Eintracht) und den Phobos (Furcht) erzeugte, Umgang hatte, entdeckte Helios dies dem Hephästos, der sie, als er sie einst zusammensitzend traf, mit einem künstlichen Netze umstrickte, so den Göttern des Olympos zeigte und bei Zeus vor Gericht stellte. Diese Verbindung des Ares und der Aphrodite, die zu Theben sogar als vermählt verehrt wurden, und

"welche die Abbildung darstellt, deutet wohl die trauliche Ruhe gegenüber dem Kriegssturm an, wenn dieser schweigt. Darum ist der kräftige und gerüstete Gott ohne Waffen, den Speer ausgenommen, den er nicht ablegen kann, und trägt nur das lange, weite Friedenskleid, der Göttin zugewendet; darum entstand auch aus dieser Verehrung die Harmonie, denn ihre Mutter war die Aphrodite Urania, nämlich die himmlische Aphrodite."

In Griechenland verehrte man den Ares zwar, aber nicht als einen Haupt- oder Schutzgott, wie er es in Rom war. In Athen hatte von ihm der Areopagus, ein Gericht, das über Leben und Tod entschied, und vor das einst Ares selbst in einem Streite mit dem Poseidon gefordert worden sein soll, seinen Namen; dann verehrten ihn die kriegerischen Tegeaten, die Spartaner in einem altertümlichen Tempel, die Athener, denen Alkamenes, ein Schüler des Phidias, seine Statue verfertigte, und die Eleer. Die Heimat seiner Verehrung war Thracien, das von wilden und kriegerischen Völkerschaften bewohnt wurde; ganz besonders aber auch bei den kriegerischen Römern, denen er neben Jupiter Schutzgott ihres Staates war. Letztere betrachteten sich nämlich als die echten Söhne des Mars, den sie Marspiter, d. h. Mars pater, Vater Mars nannten, weil er der Vater des Romulus und Remus gewesen sein soll. Bei den Römern hatte er sogar zu Reate eine Orakelstätte. Sie hielten auf einem ihm geweihten Felde, welches nach ihm das Marsfeld hieß, kriegerische Übungen nebst Wettkämpfen, die martialischen Spiele, sowie öffentliche Beratungen in wichtigen Angelegenheiten des Staates. An diesem Felde standen auch die Rennbahnen nebst den Tempeln des Gottes. Auf demselben geschah auch alle vier Jahre die Schatzung und Musterung der Bürgerschaft in den Waffen, sowie jeder ins Feld ziehen mußte, wenn es Krieg gab. Dabei wurden dem Gotte zur Sühne ein Stier, ein Widder und ein Bock geopfert, nachdem dieselben dreimal um die aufgestellte Volksmasse herumgeführt waren. Es wurde hierbei in einem Gebet die Bitte ausgesprochen, daß die unsterblichen Götter den römischen Staat immer größer und herrlicher machen möchten, oder, wie diese Bitte später hieß, daß sie dem römischen Staate Bestand und Dauer geben möchten. Zweimal auch wurden jährlich auf dem Marsfelde Wettfahrten gehalten, Anfang März und im Oktober. Bei dem letzten Wettspiele wurde das sogenannte Oktoberpferd geopfert, das nämlich das Handpferd des siegenden Zweigespannes war. — Dem Mars weihte man auch die im Felde gemachte Beute, auch zog kein römischer Feldherr in den Krieg, ohne zuvor in den Tempel des Mars zu gehen und den geweihten Schild, sowie den Spieß desselben mit den Worten zu bewegen: Mars, wache über uns! Dieser Schild (Ancile), welcher, nach einer Sage, unter der Regierung des Königs Numa Pompilius vom Himmel herabgefallen war, und nun, wie das Palladium im Tempel der Vesta, verehrt wurde, befand sich im Tempel des Mars zu Rom, sowie auch ein ihm geheiligter Spieß unter dem Gewahrsam der Priester desselben, welche Salier hießen, und alljährlich ein Dankfest für dieses schutzreiche Geschenk der Götter feierten. In frühesten Zeiten brachte man dem Mars Menschenopfer, besonders gefangene Feinde; späterhin aber wurde dieser grausame Gebrauch abgeschafft, und man opferte dem Gotte, außer einem Teile der dem Feinde abgenommenen Beute, Pferde, Widder und Hunde. Diese Tiere, der Wolf, der Hahn und der Specht, waren dem Mars geheiligt.

In den Abbildungen der ausgebildeten Kunst — und als ein solches Bild ist die gewählte Abbildung zu betrachten,

"erscheint Mars als ein kräftiger, junger Mann, ohne Bart, im Harnisch, mit dem breiten Kriegsschurze, dem Helme, Spieße und einem Schilde bewaffnet, mit deutend erhobenem rechten Arme."

Andere Abbildungen zeigen denselben in lebhafter Bewegung schreitend, sei es, daß er mit dem Speere auf der Schulter in den Kampf eilend gedacht wird, oder mit vom Feinde erbeuteten Waffen aus demselben zurückkehrend.

In den Bildern der älteren Zeit erscheint er bärtig, wie auch in den Heiligtümern mancher Orte. Die Dichter schildern ihn auf einem Streitwagen stehend, dem Bellona voraneilt, ihm zur Seite Deimos und Phobos (Furcht und Schrecken), sowie die Keren, die Göttinnen des blutigen Todes in der Schlacht.

Hephästos oder Vulkan

war im Glauben der Griechen, die ihn Hephästos nannten, ein Sohn des Zeus und der Hera; bei den Römern hatte er den Beinamen Mulciber (das heißt Erweicher, Schmelzer, des Eisens nämlich). In Hephästos stellt sich das irdische, namentlich auch das vulkanische Feuer dar, welches aus dem Erdinnern hervorbricht, und an dem der Himmel mit seinem Sonnen- oder Blitzfeuer keinen direkten Anteil hat. Deshalb konnte sich die Mythe bilden, Hephästos sei alleiniger Sohn der Hera, von ihr ohne Mitwirkung des Zeus oder eines anderen männlichen Gottes geboren. Obgleich hie und da einige Züge von Uneinigkeit zwischen Mutter und Sohn vorkommen, ist Hephästos der Hera dennoch dem angedeuteten Verhältnis gemäß, sehr freundlich gesinnt, Zeus dagegen, dem Hephästos im Interesse seiner Mutter entgegenzutreten wagt, empfindet für ihn keine Neigung, und soll ihn einmal, als er sich der Hera thätlich annehmen wollte, am Fuße ergriffen und vom Olymp geworfen haben. Da fiel Hephästos den ganzen Tag, und erst spät mit der sinkenden Sonne stürzte er auf der Insel Lemnos nieder, kaum noch atmend; aber das Volk der Sintier nahm den Gefallenen freundlich auf und pflegte ihn.

Nach einer anderen Sage soll Hera selbst, weil Hephästos klein und kümmerlich zur Welt kam, klein wie ein Funke, aus dem das Feuer erwächst, sich seiner geschämt und ihn gleich nach der Geburt vom Olymp gestoßen haben, wo er dann ins Meer fiel, und von Thetis und Eurynome freundlich aufgenommen, in den Wohnungen der Meergötter lange geweilt und künstliche Arbeit verrichtet haben soll. Unter seinen hier gefertigten Werken war auch ein kunstreicher goldener Thron mit unsichtbaren Banden, den er, um für seine Verstoßung Rache zu nehmen, der Hera sandte. Als diese sich arglos auf denselben setzte, war sie gefesselt und keine Gewalt vermochte sie aus den Banden zu lösen. So ist die Erde in unsichtbaren Eisenbanden gefesselt und erstarrt, wenn sie Hephästos verstoßen hat, wenn die Wärme gewichen ist. Endlich macht Dionysos (Bacchus), der Frühlingsgott, den Vermittler, führt Hephästos mit milder Überredung auf den Olymp zurück, versöhnt ihn mit seiner Mutter, die nun augenblicklich aus ihren Fesseln erlöst wird. Von dem einen oder dem anderen Sturze des Hephästos aber wird seine Lahmheit, sein schwankender und wackelnder Gang abgeleitet, der einst die Götterversammlung in unendliche Heiterkeit versetzte, als er in derselben das Mundschenkenamt versah und von einem Stuhle zum anderen hinkte. Diese Lahmheit aber und dieser unsichere Gang des Feuergottes versinnbildlicht das unstete Flackern der Flamme.

Als Gott des Feuers wurde Hephästos in natürlichster Fortbildung Gott derjenigen Künste, welcher wir mit Hilfe des Feuers ausüben, also ganz besonders der Metallarbeit und, namentlich in Athen, der Töpferei. Aber nicht allein die Metalle bearbeiten wir mit Hilfe des Feuers, der größte Teil unserer Kultur hängt von dem Besitze und von dem Gebrauche dieses Elementes ab, und deshalb wurde Hephästos zum Gotte der menschlichen Kultur und Civilisation überhaupt, in welcher Eigenschaft er als ein wahrhaft würdiger Gegenstand religiöser Verehrung erscheint. In ganz besonderem Grade ausgebildet aber wurde seine Darstellung als Gott der Künste, besonders der Metallarbeit; er selbst ist der Künstler unter den Göttern, der in rußiger Schmiedewerkstatt, die man nicht selten in die feuerspeienden Berge verlegt dachte, glänzende und kunstvolle Werke schafft, die er den Göttern und besonders begünstigten Menschen schenkt. So verfertigte er dem Zeus seinen furchtbaren Schild, Ägis genannt, und einen kunstreichen Scepter, dem Achilles eine Rüstung, dem Herkules die Waffen, sich selbst aber zwei wunderbare Sklavinnen aus Gold, die wie lebendige Wesen einhergehen konnten und ihn beim Gehen unterstützten, und endlich auch ein kunstvolles Netz, mit dem er seine Gemahlin Aphrodite und den Ares umstrickte, als er beide einst unerwartet vertraulich beisammen fand.

Als Gott der Erdwärme aber und als derjenige der Vulkanität wurde Hephästos, nach der Erfahrung von großer Fruchtbarkeit des vulkanischen Bodens, auch als ein dem Gedeihen der Vegetation günstiger Gott aufgefaßt, dessen Segen sich aber ganz besonders im Gedeihen des Weinstockes offenbart, da dieser ja auf vulkanischem Boden seine herrlichsten Früchte trägt. Aus dieser Erfahrung stammt die Sage von Hephästos naher Freundschaft mit dem Gotte des Weines, Dionysos (Bacchus), welche sich teils in der schon erzählten Geschichte zeigt, wie Dionysos den Hephästos auf den Olymp zurückführt und mit den anderen Göttern versöhnt, teils in gemeinsamer Verehrung der beiden genannten Gottheiten hervortritt.

Als Wohnsitze des Hephästos gelten besonders vulkanische Gegenden, in Griechenland vor allen die Insel Lemnos, daher er auch den Beinamen Lemnius führte, sodann Lipara und Sicilien. Hier galt der Berg Ätna als seine Werkstatt, in der er dem Zeus während des Krieges mit den Giganten durch Hilfe seiner Gesellen, der Kyklopen, seine Donnerkeile schmiedete, auch dem Neptun seinen Dreizack, dem Pluton aber den unsichtbar machenden Helm verfertigte.

Auch zur Geburt der Athene half Hephästos, indem er, gerufen, dem Zeus das Haupt mit seinem Beil spaltete, worauf die junge kräftige Göttin heraussprang.

Bei den Griechen und Römern fand die Verehrung des Vulkan schon seit den ältesten Zeiten statt. Besonders heilig war sie auf Lemnos. Hier stand gleich am Fuße des feuerspeienden Berges Mosychlos, der aber jetzt erloschen ist, der uralte Tempel des Gottes, und zwar an der Stelle, wo einst Prometheus das himmlische Feuer sich geraubt haben sollte, wofür dann Hephästos denselben zur Strafe an einen Felsen des Kaukasus schmiedete, worauf demselben ein Adler die immer wieder wachsende Leber aushackte. Alljährlich wurde die Insel unter schwermütigen Gebräuchen gesühnt. Neun Tage durfte dann kein Feuer leuchten, bis das nach der heiligen Insel Delos gesendete Schiff zurückkehrte, und von dort neues Feuer mitbrachte, das dann in alle Häuser und Werkstätten verteilt wurde. — Am Berge Ätna auf der Insel Sicilien hatte der Gott ebenfalls einen Tempel, von Hunden bewacht, welchen die Gabe verliehen war, die Andächtigen und Frommen von den Frevlern zu unterscheiden, welche letztere sie grimmig anfielen.

Ebenso verbreitet war seine Verehrung in Unter-Italien in dem alten Campanien. — Dagegen wurde Hephästos in Athen mit der Athene (Minerva) verbunden verehrt als Gott des Feuerherdes und als Stifter des Familienlebens, wofür er auch in den Künsten der Handwerke galt, indem er ja darin der göttliche Meister war. In dieser Beziehung feierten ihm und der Athene die Männer alljährlich im Oktober das Fest der Apaturien, worin ihm im festlichen Anzuge auf dem Herde bei brennenden Fackeln geopfert wurde und er in religiösen Gesängen als der Feuerspender gepriesen wurde. In demselben Monate feierte man auch beiden Göttern, deren Kraft nach dem religiösen Glauben so tief in das Leben und die Zustände der Menschen eingriff, das Fest der Chalkeen — und zwar besonders die Schmiede, Erzarbeiter und Töpfer. Bei diesen Festen, sowie bei den Hephästteen und Panathenäen, fand ein Preisfackellauf unter den Jünglingen zu Athen statt.

In Rom war dem Vulkan schon von Romulus ein Tempel erbaut und Feste angeordnet worden, welche Vulkanalien hießen. Dieses Fest wurde am 23. August mit einem Opfer von Fischen begangen, um alles Unglück abzuwenden, das bei dem Gebrauche des Lichtes und des Feuers an den nun schon merklich kürzer werdenden Tagen entstehen könnte. Deshalb zündete man an diesem heiligen Tage auch Licht abends an, um etwas dabei zu arbeiten.

Im trojanischen Kriege stand Hephästos den Griechen bei. Seine Gemahlin war Aphrodite, die ihm aber keine Kinder gebar; dagegen hatte er von seinen Nebenweibern einige Söhne. Nach attischer Sage bewarb er sich auch um die Liebe der Athene (Minerva), aber vergebens; jedoch nahm die Göttin den Erichthonios, den Hephästos mit der Ge (Erdgöttin) erzeugt hatte, in ihren ganz besonderen Schutz.

"Hephästos wird, wie in dem gewählten Bilde als bärtiger, bejahrter Mann, mit ernstem, gefurchtem Gesichte, unbekleidet und nur mit einer leichten Binde versehen vor seiner Werkstätte auf dem Ambosse schmiedend mit seinen Gehilfen dargestellt, und ist an der Mütze kenntlich, welche in Griechenland die Handwerker zu tragen pflegten. Übrigens verrät seine Stellung, daß er lahm ist, wie die Mythe erzählt."

Auf alten Münzen der Insel Lemnos ist der Gott ohne Bart dargestellt. Auf Vasengemälde findet sich am häufigsten die Scene, wie er auf einem Esel reitend, bekleidet und bekränzt, seinen Hammer und seine Zange in der Hand, von Dionysos (Bacchus), der an der Weinrebe in der Hand kenntlich ist, aus seinem Meeresverstecke wieder auf den Olymp zurückgeführt wird.

"Auf noch anderen Abbildungen kommt er einfach als Schmied vor, mit Amboß, Hammer und Zange."

Aphrodite oder Venus

war bei den Griechen und Römern die Göttin der Liebe. Schon die frühesten Mythen der Völkerschaften im Morgenlande stellten die hervorbringende Kraft der Natur sinnbildlich dar, und von den Syrern und Phöniciern verpflanzte sich die Vorstellung von einer Gottheit der Liebe, Astarte genannt, in den regen Verkehr nach Griechenland und über die Inseln im mittelländischen Meere, sowie von hier nach Italien. In der Ausbildung dieser Mythe hatte die Phantasie ein weites Feld. Aber auch die frühesten Fabeldichter wichen in ihren Erzählungen von der Aphrodite voneinander ab, legten ihr einen verschiedenen Ursprung, verschiedene Verrichtungen, verschiedene Zunamen bei; immer aber ist die Hauptidee von ihr dieselbe, nämlich die der göttlichen, hervorbringenden Naturkraft in wunderbar mannigfaltiger Art und Weise. Am merklichsten unterscheidet sich in der Fabellehre eine ältere und eine jünger Aphrodite. Die ältere war eine Tochter des Uranos, daher ihr Beiname Urania, die Himmlische.

Diese Aphrodite soll aus dem Schaume, den die Wellen des Meeres hervorbringen, entstanden ein. Deswegen nannte man sie Anadyomene (die aus dem Meere Auftauchende), bildete sie bisweilen mit einem meergrünen Schleier ab und schrieb ihr eine große Macht über das Meer zu, weshalb auch hier die Seeleute sie um eine glückliche Fahrt anriefen. Der Myrtenbaum, hinter welchen sie sich verborgen haben soll, als sie unbekleidet aus den Meeresfluten auf der Insel Cythera zur Frühlingszeit ans Land stieg, war ihr geheiligt. Auf dieser Insel des kandischen Meeres (jetzt Cerigo) wurde sie besonders verehrt, führte daher den Namen Cythere oder Cytherea, und gleicherweise, von anderen Inseln und Orten ihrer Verehrung, die Beinamen Amathusia (von Amathus oder Amathunt auf Cypern), Kypris, Knidia, Paphia, Idalia, u. a. m. Durch diese wird eben jene reine Naturkraft, die reinste, auf nichts Körperliches abzielende Liebe sinnbildlich dargestellt. Die jüngere, als Symbol der irdischen Liebe, soll, nach einigen Sagen, eine Tochter des Zeus und der Dione, daher auch Dionea genannt, gewesen sein.

Aphrodite wird als höchstes Ideal weiblicher Schönheit abgebildet, gar nicht oder doch nur leicht bekleidet, auf einem Wagen, von Schwänen, Tauben oder Sperlingen gezogen. Ihr Sohn Eros (Amor oder Cupido) und die Chariten (Grazien), Horen, ferner Himeros (der Gott der Liebessehnsucht) und Pothos (derjenige des Liebesverlangens, sowie Peitho (Suadela, die sanfte Überredung) sind in ihrem Gefolge. Sie hatte aber auch einen Liebling, den schönen, blühenden Hirtenjüngling Adonis, der ihr auf der Jagd von einem wilden Eber getötet wurde, worüber sie untröstlich in Trauer versank, und den Toten nicht aus ihren Armen lassen wollte, bis ihr zum Troste von den Göttern gestattet wurde, daß ihr Geliebter die eine Hälfte des Jahres, im Frühling und Sommer, auf der Oberwelt bei der geliebten Aphrodite, die andere Hälfte des Jahres aber, im Herbste und Winter, in der Unterwelt bei der Persephone (Proserpina) weilen soll. So erscheint in Adonis, verbunden mit Aphrodite (Venus) das Wachstum und die Blüte, gegenüber dem Wechsel mit der Reife und der Ernte. Dieser Naturwechsel wurde auch durch ein besonderes Adonisfest gefeiert, durch Aufstellung seines Bildes, durch Gebräuche eines Leichenbegräbnisses mit düsteren Klaggesängen, die mit dem feierlichen Rufe: Adonis lebt und ist aufgefahren, also mit dem Troste seine Wiederkehr, endigten. Von ihrer Liebe zum Adonis aber erhielt Aphrodite die Beinamen Adonäa und Adonias.

Die Göttin war, wie wir aus dem Vorhergehenden wissen, mit dem Vulkan vermählt, hatte aber keine Kinder mit demselben; jedoch hielt sie auch Umgang mit schönen Sterblichen, — unter welchen die Mythe außer dem Adonis (oder bei den alten Syrern Abobas, Flötenbläser) mit besonderer Auszeichnung noch den Anchises nennt. Letzterem gebar sie den Aeneas, dessen Sohn Askanios oder, nach römischer Sage, Julus, der Stammvater des Julischen Geschlechtes in Rom wurde, zu welchem Julius Cäsar gehörte. Aphrodite galt demnach als dieses höchsterlauchten Geschlechts ursprüngliche Stammmutter. Im Umgange mit Göttern wurde sie Mutter mehrerer Kinder, z. B. des Amor oder Eros und Anteros (Liebe und Gegenliebe), des Hymen und des Hermaphrodit.

Aphrodite war, bei aller Freundlichkeit und Güte, doch so wenig, als die anderen Göttinnen, von Empfindsamkeit und Rachsucht frei, wenn ihre Gottheit beleidigt wurde. Dies empfand Hippolytos, den sie tötete, die Polyphonte, die sie in eine Nachteule, die Arsinoe, welche sie in einen Stein, und die Myrrha, die sie in einen Myrtenbaum verwandelte. Von ihrem Streite mit Hera und Athene wegen des Vorzuges größerer Schönheit, einem Streite, welchen der troische Königssohn Paris zu Aphrodites Gunsten entschied, erzählen wir weiterhin im Zusammenhange des Berichtes über den troischen Krieg.

Insofern Aphrodite alle Wesen im Himmel und auf Erden, selbst im finsteren Tartaros durch Liebe vereinigte, wurde sie auch als Göttin der Hochzeiten und der Ehen betrachtet. In Griechenland hatte sie auf der Insel Cypern mehrere, in der Stadt Paphos aber einen überaus reich verzierten Tempel. Hierher strömten viele Tausende und feierten in frohem Jubel die der Göttin zur Ehren jährlich angeordneten Feste. Hier erteilte Aphrodite auch Orakelsprüche. Sie wurde hier auch als Urania an der Seite des Ares (Mars) verehrt, so daß also ihre Vereinigung mit diesem Gotte, wie sie das Bild darstellt, in dem religiösen Volksglauben selbst begründet war, und war auch bewaffnet, namentlich in ihrem uralten Heiligtume auf der Insel Cythera, auch in Sparte, Argos, Korinth, auf der hohen Burg. In Knidos, einer Stadt in Carien, befand sich in dem schönen Tempel der Aphrodite eine überaus reizende Bildsäule dieser Göttin, von dem berühmten Künstler Praxiteles verfertigt.

Selbst aus dem Meere geboren, wurde sie an den Küsten auch als die Göttin des heiteren Meeres und glücklicher Schiffahrt von den Schiffern und Fischern verehrt. So wurde auf der Insel Ägina erst dem Poseidon geopfert und ihm zu Ehren ein Schmaus gehalten, darauf aber der Aphrodite in ausgelassener Fröhlichkeit ein Fest gefeiert. Auch wurde sie zu Knidos in Carien als Göttin des beruhigten Meeres verehrt. Auf ihre Herrschaft über das Meer bezieht sich der Delphin, welchen wir ihr nicht selten als Attribut beigegeben finden.

Bei den Römern wurde die Verehrung der Venus erst später allgemein. Hier wurden ihr auch jährliche Feste, Veneralien, gewidmet. Auch auf dem Kapitole zu Rom war ihr ein Tempel und einer vor dem Collinischen Thore geweiht. In Italien war ihr der Monat April geheiligt, in dem die Blumen und Gewächse frisch treiben, oder, wie die Mythe es ausdrückt, Adonis aus der Unterwelt wieder zurückkehrt.

Die Tauben, der Widder, Hase, Delphin und Schwan, sowie die Blumen, Myrten und Rosen, samt anderen schönen Pflanzen, Äpfeln und anderen Früchten, waren dieser Göttin geheiligt. In Elis war die Schildkröte ihr Symbol, in Rücksicht auf den Himmel, dessen Wölbung man in der Schildkrötenschale nachgebildet sah, oder auch als Sinnbild der weiblichen Scheu und Sitte, weil die Schildkröte stets in ihrem Hause bleibt, wie man es von der Frau von häuslichem Sinne verlangte. Die Vorstellung dieser Göttin begann mit einem formlosen Steine; allmählich bildete sich die Kunst als eine mächtig waltende, mit den überwältigenden Reizen der Schönheit ausgestattete Göttin, und bekleidet; nur erst die spätere Kunst stellte sie ganz nackt in verschiedenen Stellungen dar. In den hier ausgewählten Abbildungen

"erscheint sie teils ganz, teils halb bekleidet. In beiden zeichnet sie das schönt geordnete Haupthaar aus, was ein besonderes Merkmal dieser Göttin ist. In dem ersten Bilde ist das Gewand nur auf der linken Schulter befestigt, während es die Göttin mit der rechten Hand von der linken Seite her in zierlicher Haltung herumzieht, so daß es abwärts schöne Falten wirft. In der linken Hand hält sie den Apfel, als Symbol der ihr durch Paris zuerkannten größten Schönheit."

Die Kunst hat von dieser Gottheit unzählige Bildwerke, von denen allerdings nur die wenigsten, dennoch aber viele Hunderte auf unsere Zeit gekommen sind. Das höchste Ideal der Göttin in nackter und von späteren Künstlern nicht wieder erreichter Schönheit war das untergegangene Bild zu Knidos.

Pallas-Athene oder Minerva

auch Tritogeneia oder Tritonia und Athenäa genannt. Gewöhnlich wird in den Mythen von ihrer Geburt erzählt, sie sei völlig geharnischt aus dem schwarzlockigen Kopfe des Zeus, welcher die Metis (Einsicht) verschlungen hatte, hervorgesprungen, während Himmel und Erde bebten, das Meer hoch anschwoll und der Tag sich verdunkelte. Zeus ließ sich von Hephästos (Vulkan) oder, nach anderen Mythen, von Prometheus das Haupt spalten, damit Pallas herausspringen könnte. Andere Mythen leiten indes ihre Geburt von der Verbindung des Neptun mit einer Nymphe Tritonis ab, und fügen hinzu, daß Zeus sie nur an Kindesstatt angenommen hätte. Jedoch scheinen diese nur zur Erklärung des uralten und später nicht mehr verstandenen Namens Tritogeneia oder Tritonia ersonnen zu sein und haben mit dem Volksglauben nichts zu thun.

Dem volkstümlichen Mythus aber von Athenes Geburt aus dem Haupte des Zeus liegt ein ähnlicher Gedanke zum Grunde wie demjenigen, welcher Hephästos zum alleinigen Sohne der Hera machte (s. oben). Denn gleichwie an der Erzeugung des Hephästos als des Gottes des irdischen Feuers der Himmel keinen Teil hat, so drückt der Mythus von Athenes Geburt umgekehrt aus, daß an dieser Göttin nichts Irdisches sei. Sie ist durchaus nur ein Ausfluß ihres Vaters, des Himmelsgottes, der sie (denn dies malt deutlich genug die Erzählung von ihrer Geburt) aus schwarzen Wetterwolken unter dem Tosen und Krachen des Gewitters zur Welt bringt, eine Göttin, furchtbar und gewaltig wie der Gewittersturm und doch auch wiederum mild und klar wie die Heitere des Himmels, wenn das Wetter sich ausgetobt hat und ein neulebendiger Hauch über die erquickten Fluren dahinweht.

Die beiden hier angedeuteten Seiten ihres Wesens, das Furchtbare und Gewaltige und das Klare, Milde und Reine, liegen aber in ihren beiden griechischen Namen ausgedrückt; als Pallas ist sie die Gewittergöttin, welche die Ägis, den Wolkenschild ihres Vaters, besitzt und von allen Göttern allein "den Schlüssel weiß zu dem Gemache, wo ihres Vaters Blitze ruhn", wie der Dichter Äschylos sagt. Als Pallas wird sie demgemäß zur Göttin des Krieges, zur Tapferen, zur Männerbezwingerin, die mit ihrer Ägis die Scharen der Helden scheucht, welchen sie zürnt, und mit der Blitzlanze unwiderstehlich alles vor sich niederwirft. Vermöge der himmlisch milden Seite ihres Wesens aber tritt sie auch als Kampfgöttin in den schon früher angegebenen Gegensatz zu Ares, dem es nur um Kampf und Schlachtgewühl zu thun ist, während Pallas den Kampf beschützt, der zum Siege und durch den Sieg zum Frieden und seinen Segnungen führt.

Ist dieser Sieg aber erkämpft und der Frieden errungen, der ja hier auf Erden im politischen Leben des Staates wie im Gemütsleben jedes einzelnen ewig nur eine Frucht des Kampfes ist, so waltet die Göttin als Athene in klarer Milde und Reinheit, und lehrt die Menschen den Frieden nützen, und unterweiset sie in allem Thun, welches das Menschenleben ziert, in aller Weisheit und Kunst. Wollen Sie nun wohl festhalten, daß die beiden hier entwickelten Seiten im Wesen der Göttin als untrennbar verbunden gedacht werden, als einander tragend und bedingend, so werden Sie ohne Zweifel empfinden und erkennen, daß Pallas-Athene eine der tiefsinnigsten Schöpfungen eines tief religiösen Sinnes ist, eine Göttin, der sich der gläubige Grieche mit wahrer Andacht hingeben konnte.

Diese beiden Seiten ihres Wesens aber werden Sie in ihrer wechselsweisen Beziehung zu einander unschwer in den einzelnen Mythen der Göttin verfolgen können, von denen wir Ihnen die hauptsächlichsten jetzt mitteilen werden. Zunächst aber müssen wir Sie auf den Sinn des Mythus aufmerksam machen, daß Athene ewig jungfräulich blieb und alle Liebeshuldigungen verwarf, die ihr nach verschiedenen Sagen dargebracht wurden. Wir haben gesagt, daß an Pallas-Athene nichts Irdisches sei; wie könnte also irdische Schwäche und Leidenschaft an ihr haften! Ferner aber ist die Unbeschränktheit der Macht des Geistes in seiner thätigen Wirksamkeit, sowie der Ursprung des Geistes aus dem höchsten göttlichen Wesen, — und daß der Geist weder etwas Männliches, noch etwas Weibliches, sondern die einzige göttliche Kraft ist, die selbständig wirkt und zwar durch die ganze Natur, — auf die innigste Weise sinnbildlich in der Mythe dargestellt.

Im Kriege des Zeus gegen die Titanen und Giganten leistete sie als Kriegsgöttin Pallas demselben mächtigen Beistand durch Rat und That und wurde die Veranlassung, daß Zeus sich des Herakles, zur Bezwingung der Empörer, mit bestem Erfolge bediente. Sie selbst aber bezwang den furchtbaren Giganten Enkelados. Nachdem aber Zeus’ Herrschaft befestigt war, wirkte sie auf Erden als Beschützerin derjenigen Helden, welche finstere Mächte und Ungeheuer bekämpften. So war sie die beständige Begleiterin des Herakles bei allen seinen mühevollen Abenteuern (s. unten); so half sie dem Perseus in der Tötung der Gorgone Medusa, deren Haupt sie auf ihrer Ägis anbrachte, weshalb sie selber den Beinamen Gorgophone (Gorgotöterin) erhielt. Auch die Argonauten beschützte sie mit Hera gemeinsam, und Theseus vollbrachte seine Thaten gegen allerlei Unholde (s. unten) ebenfalls unter ihrem Beistande, den sie endlich auch den griechischen Helden im Kampfe gegen Troja leistete, welches, wie weiterhin erzählt werden soll, nach zehnjährigem Kampfe endlich durch Athenes Ratschläge eingenommen wurde.

Im Frieden aber waltet sie, wie gesagt, überall segensreich als Göttin aller Kunstfertigkeit, der himmlischen Klarheit und des sinnenden Geistes; ihr wird die Kunst des Spinnens und Webens verdankt, sie lehrt die Pflege der neugeborenen Kinder, auch die Heilkunst wird unter anderen Göttern auf sie zurückgeführt, und ebenso soll Athene das Flötenspiel erfunden haben. Wie es der Kriegsgöttin geziemt, lehrt sie die Menschen das wilde Roß zähmen, zügeln und vor den Kriegswagen spannen, was namentlich von Bellerophon erzählt wird, dem Athene das Flügelroß Pegasos zügelte, und in Athen von Erichthonios, der von ihr zuerst vor allen Menschen die Anschirrung der Rosse an den Wagen lernte. Kurz, unter ihrem Schutze standen alle, die sich mit Übung der Künste und nützlicher Fertigkeiten beschäftigten, diejenigen, welche auf Erden die Bildung und Gesittung und durch sie die wahre Wohlfahrt der Menschen förderten.

Ganz besonders aber waltet sie in Attika, dem Lande, das sie, dem früher erzählten Mythus gemäß, im Streite mit dem Gotte des Meeres als ihr Eigentum erhielt, wo ihre Verehrung die aller anderen Götter übertraf und wo die Hauptstadt Athen von ihr den Namen erhielt. Das vornehmste Zeichen ihres göttlichen Schutzes des attischen Landes war jener Ölbaum auf der Burg, den sie im Streite mit Poseidon erschuf und von dem, dem Glauben der Athener nach, alle Ölbäume Attikas, der Hauptreichtum des Landes, abstammten. Über den heiligen Ölbaum auf der Burg erzählten die Alten die folgende rührende schöne Sage, in der sich ihr ganz inniger Glaube an ihre Göttin ausspricht. Als die Perser gegen Griechenland heranzogen mit ungeheurer Übermacht, da trat Athene zum Throne ihres Vaters Zeus und flehte um die Erhaltung ihrer Stadt. Das Schicksal aber hatte anders beschlossen, Athen sollte untergehen, um herrlicher aus seinen Trümmern zu erstehen; Zeus also mußte seiner lieben Tochter ihre Bitte abschlagen, die Athener wichen aus ihrem Lande auf ihre Flotte, und die Perser verheerten die Stadt von Grunde aus mit Feuer und Schwert. Auch der heilige Ölbaum der Athene verbrannte mit; aber siehe da, zum Zeichen, daß Athene ihre Stadt auch im Untergange nicht verlassen habe, trieb mit wunderbarer Schnelligkeit aus der alten Wurzel ein drei Ellen langer neuer Schoß, ein Symbol der Wiedergeburt der Stadt aus ihren Ruinen. Und unter dem Beistande der Athene kämpften die Athener an der Spitze der übrigen Griechen die berühmte Seeschlacht bei Salamis, in der sie die vielfach überlegene Flotte der Perser vernichteten und diese zwangen, mit Schimpf und Schande und unter ungeheurem Verluste das griechische Land zu verlassen.

So wie diese Göttin auch ihren verschiedenen Kennzeichen, Eigenschaften, Verrichtungen, und nach den verschiedenen Orten, wo man sie besonders verehrte, mehrere Beinamen führte, z. B. in Elis Mutter, als Pflegerin der Kinder, ferner an mehreren Orten, namentlich in Athen Polias, Beschützerin der Städte, Soteria, die Retterin, Caesia oder Glaukopis, die Göttin mit den blauen Augen, Parthenos, die Jungfräuliche, Hippia, die Roßegöttin oder Bezähmerin des Rosses, Ergane, die Werkmeisterin, Nike, die Siegerin, Mechanitis, die Kunstfertige, u. a. m., so wird sie auch verschieden abgebildet. In der Eigenschaft der Kriegsgöttin erscheint sie als ein Mädchen von hohem Wuchse mit ernster Miene, mit einem Schilde am linken Arme und den Speer in der rechten Hand, das Haupt mit einem goldenen Helm bedeckt, der mit Mähnenbüscheln, oder einer Eule, oder auch mit einer Sphinx verziert ist, angethan mit einem Brustharnische (Ägis), der mit Schlangen umrandet und mit dem Kopfe der Medusa geziert ist. Ihr Gewand ist eine Tunika ohne Ärmel. — Als Göttin der weiblichen Künste, in welcher Eigenschaft sie auch Ergane heißt, ist sie auch abgebildet mit einem weiten, faltigen Gewande (Peplos), behelmt, aber ohne Waffen, und mit einem Rocken etc.; — als Erfinderin und Beschützerin der Arzneikunde (Hygiea) führt sie eine Schlange als Sinnbild der Gesundheit und als Göttin der Musik hält sie eine Flöte in der Hand. Auch findet man sie mit einem Ölzweige abgebildet. Der Hahn, Symbol der Wachsamkeit, den man oft neben ihr abgebildet sieht, war ihr geheiligt, nächstdem die Schlange, ganz besonders aber die Eule, sei es wegen des glänzenden Auges, dergleichen man der Göttin selbst zuschrieb, sei es als Sinnbild nächtlichen Wachens, um den Studien der Weisheit obzuliegen.

Diese Göttin ist zwar eine Jungfrau, wie es auch die Hestia (Vesta) und Artemis (Diana) war, aber

"wie das ausgewählte, beigegebene Bild zeigt, ganz ihrem Wesen der Wirksamkeit entsprechend, fehlt ihr die jungfräuliche Fülle und Weichheit, und ihr Körper ist an Brust, Armen und Hüften männlich schmal. Auch das längliche Gesicht hat zwar eine freie Stirn, große, offene Augen, strengen Mund, und festes Kinn, aber ihre Züge sind anmutlos, und das Haar lose zurückgeschlagen."

Das älteste, aus Holz geschnitzte Bild der Göttin, welches vom Himmel gefallen sein soll, nannte man Palladium (Bild der Pallas). Dasselbe war zuerst im Besitze der Königsfamilie von Troja, und man glaubte, daß der Bestand der Stadt von dem Besitze dieses Bildes abhänge. Im Kriege der Griechen gegen Troja wurde dasselbe entweder von Diomedes oder Odysseus heimlich entwendet, worauf die Einnahme der Stadt durch das hölzerne Roß gelang, oder Äneas nahm dasselbe bei seiner Flucht mit sich. Nach der Verschiedenheit dieser Sagen machten später mehrere Staaten Anspruch auf den Besitz des echten Palladium, so Argos, Athen und Rom, und sein Besitz galt überall als Bedingung und Bürgschaft des Bestandes der Staaten. Daher hat man später den Ausdruck Palladium in weiterem Sinne auf andere Gegenstände angewendet, denen man ähnliche Bedeutung beilegte, und wenn z. B. gesagt wird: das Palladium der Freiheit ist entwendet, so wird damit bezeichnet, daß die oberste Bedingung und Bürgschaft der Freiheit verloren gegangen sei.

Die schönsten und bedeutendsten Statuen der Athene besaß die Stadt Athen und sie waren von der Hand des Phidias, der auch den Zeus in Olympia gemacht hat; namentlich war die Goldelfenbeinstatue im Parthenon berühmt

"und neben ihr eine im Freien auf der Burg Athens aufgestellte kolossale Erzstatue, welches das Dach des ebengenannten Tempels überragte, so daß man ihren Helmbusch und ihre Lanzenspitze vom Meere aus schon sah, wenn man sich auf der Höhe von Sunion, der südlichen Landspitze Attikas, befand. Die Göttin ist hier in majestätischer Ruhe dargestellt, als die Gewaltige und Siegreiche. Zu den Füßen erblicken wir an ihrer linken Seite den Schild, an der rechten die Erechtheusschlange. Auf ihrem gebogenen rechten Arme steht, ebenfalls in verhältnismäßig kolossaler Gestalt, die Siegesgöttin. Auf dem Postamente erblicken wir die Geburt der Pandora."

Das ganze Altertum war erfüllt von der Herrlichkeit dieser Schöpfung des Phidias, deren Wesen nach Winckelmanns Ausspruch "edle Einfalt und stille Größe" war. Die letzte zuverlässige Nachricht von diesem Kunstwerke ist aus dem Jahre 375 n. Chr. Wann und wie das Bild der Athene zu Grunde gegangen ist, wissen wir nicht.

Alljährlich feierte man zu Athen der Pallas-Athene zu Ehren das mehrtägige Doppelfest der Panathenäen, nämlich alljährlich die kleinen, und alle vier Jahre, immer im dritten Jahre der laufenden Olympiade, die großen. Es war uralt und soll durch Theseus seine große Bedeutung erhalten haben. Es wurde durch feierliche Aufzüge, Kampfspiele, überreiche Opfer und Schmäuse gefeiert, wobei alle Kolonien Athens teilnahmen. Der Siegespreis war ein Gefäß des lautersten Olivenöls, als das Produkt des heiligen Baumes der Athene. Auf diesen panathenäischen Preisgefäßen, deren viele auf uns gekommen sind, ist einerseits die Göttin in kämpfender Stellung und andererseits die Kampfart abgebildet, in welcher der Besitzer den Preis errungen hatte. Die feierlichste Handlung war die Darbringung des von den Mädchen und Frauen Athens reich gestickten, weiten Gewandes, mit dem das Götterbild bekleidet wurde, und welches man mit einem prachtvollen Aufzuge zur Burg hinauf begleitete, einem Aufzuge, an welchem sich fast die ganze Bevölkerung Athens, die vornehmen Jünglinge zu Roß und in Wagen mit vier Pferden, die bewaffnete Mannschaft gerüstet, die Bürger nebst ihren Frauen und Töchtern in Feiertagsgewändern beteiligten. Am Beginne des Frühlings opferten in Athen die Magistratspersonen der Göttin, und zwei Mädchen besorgten den Dienst im Heiligtum ein Jahr lang.

Fast mit gleichem Eifer als die Griechen verehrten die Römer diese Göttin, deren Eigenschaften dem Volkscharakter sehr zusagten, und deren römischer Name Minerva sie als Göttin der Weisheit oder des Nachdenkens bezeichnet. Sie war ihnen ebenfalls die Beschützerin der Künste und Gewerbe und der häuslichen Thätigkeit im Spinnen, Weben, Sticken, sowie bei den Griechen. In Rom waren ihr daher auch mehrere schön verzierte Tempel geheiligt. Einer der ältesten stand auf dem Kapitol (Burg). Ihrem Bilde, dem schon beschriebenen Palladium, wurde die höchste Verehrung gewidmet, und das geweihte Fest alljährlich fünf Tage hindurch, vom 19. bis zum 23. März, gefeiert.

Phöbos-Apollon oder Helios oder Sol.

Apollons Haupt-Beinamen sind Delios, von der ihm heiligen Insel Delos, wo er geboren war, und Kynthios, nach dem auf dieser Insel befindlichen Berge Kynthos; Letoides, nach seiner Mutter, der Leto, oder römisch Latona; Nomios, in Bezug auf Gesang und Spiel; Päon, das heißt Arzt; Pythios, nach seinem Orakel zu Delphi oder Pytho. Er war der Zwillingsbruder der Artemis (Diana) und Sohn des Zeus (Jupiter), den ihm Leto (Latona) auf der Insel Delos, einer der kykladischen Inseln im ägäischen Meere, gebar, wo sie nach langem Umherirren vor den Verfolgungen der eifersüchtigen Hera endlich eine Zufluchtsstätte fand. Ja, nach der Sage soll diese Insel bis dahin als ein öder Felsen im Meere umhergetrieben sein. Nach der Geburt des Gottes strahlte die Insel von goldenem Glanze, heilige Schwäne zogen auf dem Meere herbei und umkreisten siebenmal die Insel, die von diesem Zeitpunkte an feststand. Darum feierte man auf der Insel Delos den Geburtstag dieses Gottes im Anfange des Wonnemonates.

Spätere griechische Dichter machen keinen Unterschied zwischen Apollon und dem Sonnengotte, Helios oder Titan genannt, und ebensowenig die Römer zwischen Apollo und dem Sol, wie denn auch beide Götter eine und dieselbe Grundbedeutung, als Sonnengötter nämlich, hatten. Apollon aber, dessen Beiname Phöbus ihn als den Gott des reinen, strahlenden Lichtes, und insbesondere des Sonnenlichtes bezeichnet, während seine Mutter Leto, wörtlich die Verborgene, eigentlich die Göttin der dunklen Nacht ist, hat eine weite Entwicklung durchgemacht und ist ein so geistiges Wesen geworden, daß man seine Grundbedeutung beinahe vergaß. Helios dagegen oder Hyperion ist eigentlich nur das Gestirn der Sonne, das am Himmel erscheint und verschwindet im täglichen und jährlichen Laufe, und der kaum irgend eine andere Bedeutung angenommen hat. Auch diesem war die Zahl sieben heilig. Auf der Insel Trinakria, die man für Sicilien erklärte, weideten ihm sieben Herden Kühe und sieben Herden Lämmer, die sich aber weder vermehrten, noch verminderten, und an denen sich Helios bei seinem Auf- und Niedersteigen erfreute. Beide Götter sind deshalb in ihren Mythen ganz verschieden und müssen, können aber auch gar wohl, unterschieden werden. Ihr Zusammenwerfen bei späteren Dichtern zeugt nicht von Einsicht, sondern von Verkennung der sehr verschiedenen religiösen Entwicklung.

Man glaubte, Helios (die Sonne) steige früh am Morgen, wie die ihn verkündend voraneilende Eos (Aurora), die Göttin der Morgenröte, mit einem Viergespanne aus dem Oceane auf, indem er sich während der Nacht in einem goldenen Palaste bei Thetis aufgehalten hatte, und fahre an dem Himmelsgewölbe hinauf, bis wieder zum Niedergange. Darum ist ihm, wie dem Poseidon (Neptun), das Roß heilig, und der Kopf des Rosses sein Symbol.

Helios wurde an verschiedenen Orten Griechenlands, ganz besonders aber auf der Insel Rhodos verehrt, welche ihm bei der Verteilung der Welt unter die Götter als erster und alleiniger Besitz zugesprochen worden sein soll. Hier stand auch seine größte Statue, welche unter dem Namen "der Koloß von Rhodos" allgemein bekannt ist und unter die sieben Wunder der Welt (s. oben) gerechnet wurde. Hier wie an anderen Orten wurden ihm Rosse als Opfer in das Meer gestürzt. In dem Lande, wo er aufstieg zum Himmel, glaubte man ewige Reife und ewige Ernte. Auf Rhodos wurde ihm ein Fest im August gefeiert.

Betrachten wir nun Phöbus-Apollon dem Helios gegenüber etwas genauer. Wir haben schon gesagt, daß beide Gottheiten ursprünglich das Licht und die Sonne vertreten, daß sie sich aber in ihrer religiösen Ausbildung sehr wesentlich voneinander unterscheiden. Wir wollen dies nachzuweisen versuchen. Von der Sonne kommt ja das physische Licht, aber das Licht vergegenwärtigt auch alle geistige Helle: Wissen, Wahrheit und Recht, und alle sittliche Reinheit, und so kann man das Lichtwesen in geistiger Hinsicht, und das Licht als Lichtkörper unterscheiden. In dieser Weise müssen denn auch Phöbus-Apollon und Helios unterschieden werden. Phöbus-Apollon ist das erstere, und darum waltet er in den Orakeln, die dunkle Zukunft erhellend; darum vernichtet er Python, das Ungeheuer der Finsternis, welches das Orakel unzugänglich machte; darum ist er Gott der Musik und des Gesanges, die eben nur da gedeihen, wo Licht und Sicherheit walten und der Besitz der Herden ungestört bleibt. Helios dagegen ist das andere, nämlich der Lichtkörper, der in dem Gestirn der Sonne am Himmel auf- und niedergeht und Sommer und Winter macht. Wie er das Verborgene an den Tag bringt, das haben Sie schon aus dem erzählten Verhältnis zu Vulkan und der Venus kennen gelernt.

Die Mythe vom Apollon ist, wie die von Aphrodite, eine der ältesten, aber nicht, wie diese wenigstens zum Teil, aus dem Morgenlande nach Griechenland übertragen, sondern Ureigentum der Griechen. Nur das muß man zugeben, daß orientalische Völker gewisse Sonnen- und Lichtgottheiten verehrten, die sich in einigen Punkten mit Apollon vergleichen lassen, was aber sehr einfach daher kommt, daß ihnen eine ähnliche Anschauung von Licht und Sonne zu Grunde liegt. Luft, Erde, Meer und Unterwelt sahen wir im vorhergehenden durch hohe Götterbilder personifiziert, und auf ähnliche Weise auch andere Naturkräfte bildlich dargestellt; in der Mythe von dem Apollon aber vereinigt sich, worauf ich meine Leser schon früher aufmerksam machte, sogar das Widersprechende, das sich aber zur vollkommensten Übereinstimmung auflöst, sobald man es näher betrachtet, als die Wirkung des ewigen Lichtes und der Sonne.

Durch die Wirkung der Sonnenstrahlen, das sind die Pfeile des Apollon, werden die Körper, wie jedes Saatfeld, jeder Garten uns lehrt, entwickelt und ihre Reife befördert; durch sie wird alles neu belebt, und in ihrem milden Lichte, in ihrer wohlthuenden Wärme erheben sich Jubeltöne der Natur, die in dem Gefühle des Menschen wiederklingen; aber durch ihre Gewalt werden auch Pflanzen und tierische Körper zerstört, ja der Mensch sogar erliegt, namentlich in einem südlichen Klima, wie dasjenige Griechenlands ist, ihrer Macht; tief in jedes Dunkel dringt die Kraft ihres Lichtes ein, fähig, auch das Verborgenste aufzuhellen. Alle diese Ideeen stellt die Mythe in dem Bilde des Apollon verkörpert dar, und dieser erscheint entsprechend dem heiteren Glanze der Sonne und allen ihren wohlthätigen Wirkungen, als das Urbild der Jugend und Schönheit und als segensreicher Gott: als Gott der Hirten, welche die Fluren, die er erwärmt, bewohnen, wie er denn selbst, in der Einsamkeit die Hirtenflöte blasend, daß die wilden Tiere aus ihren Schlupfwinkeln hervorkamen, die Herden des Laomedon weidete, die unter seiner Obhut trefflich gediehen; — als Gott der Arzneikunde, indem er das Wachstum der Pflanzen beförderte, die dem Menschen heilsam sind; — als Gott der Musik, weil über all sich frohe, jubelnde Stimmen erheben, wenn freundliche Sonnenstrahlen Licht und Wärme in der Natur verbreiten; und als Gott der Orakelsprüche, welche die Geheimnisse der Zukunft enthüllen, da das Himmelslicht alle Dunkelheit auflösest, in alle verborgenen Gründe eindringt, alles schauerlich Nächtliche verscheucht. Ärzte Dichter, Künstler standen demgemäß unter seinem unmittelbaren Schutze.

Als Gott der Ärzte hieß er Päan oder Pääon, als Gott der Tonkünstler und Dichter Citharoedus, und als Anführer des Musenchors Musagetes. Alle berühmten Ärzte, Dichter und Tonkünstler wurden für Söhne des Apollon gehalten, so z. B. Äskulapius und Orpheus. — Wie die Sonne ewig jung und kräftig am Himmel erscheint, so hatte auch Apollon ewige Jugend, Kraft und Ausdauer. Daher war er der Schützer der männlichen Jugend in Wettkämpfen wie im Kriegskampfe. Wie aber andererseits die Hitze des Sommers Seuchen erzeugt, so ist Apollon Urheber derselben und deshalb auch Todesgott, der mit seinen Pfeilen unentfliehbares Verderben sendet.

Nach den verschiedenen Benennungen und Bedeutungen erscheint Apollon auch abgebildet stehend oder sitzend, in lebhaft bewegter oder in ruhiger Stellung, aber stets als ein blühend schöner, junger und kräftiger, aber unbärtiger Mann mit lockigem Haupthaare, um welches zuweilen ein Lorbeerkranz oder ein Stirnband geschlungen ist; seine schönen Glieder nackt, oder nur leicht durch einen von der Schulter herabhängenden Mantel bedeckt; in der Hand einen Bogen oder einen krummgebogenen Hirtenstab; auf dem Rücken einen Köcher mit Pfeilen oder eine Lyra im Arme, die Füße entweder nackt oder mit zierlichen Sohlen (Sandalen) bekleidet.

Als Musagetes oder Citharoedus wird er am längeren Gewande, mit einem auf die Füße herabwallenden Unterkleide, worüber noch ein Mantel geworfen ist, neben einem Altar oder einem Dreifuß, als Symbol seiner Kraft, weissagen zu können, abgebildet. Helios aber, der Sonnengott, wurde dargestellt auf einem Wagen von vier mutigen Rossen gezogen, das Haupt mit Strahlen umgeben. Als den hoch über die Erde Dahinschreitenden oder Dahinfahrenden nennt die Mythologie den Helios einen Sohn des Titanen Hyperion, d. h. der Überhinwandelnde, welcher Beiname auch auf ihn selbst überging.

"Wir haben hier die Darstellung des Gottes Phöbus-Apollon gewählt, wo er in sitzender Stellung erscheint, mit der auf den rechten Schenkel gestützten Lyra, und als Gott der Herden, an der linken Seite den Hirtenstab."

Außer dieser giebt es noch mehrere Abbildungen, z. B. die, wo er stehend in ruhiger Stellung, die rechte Hand über das Haupt geschlagen und den Köcher an den nebenstehenden Baumstamm gehängt, dargestellt wird.

Sodann existiert die Statue des Apollo von Belvedere, welche, jedoch ganz nackt, der berühmte Kunstkenner Winckelmann näher erklärt hat. Sie stellt Apollo dar mit einem schönen, männlichen Gesichte, und das Haupthaar, dem seines Vaters Zeus ähnlich, kräftig gelockt. Der Mantel (Chlamys) hängt lose über die Schultern und den linken Arm. Winckelmann erkannte darin den Gott in der Stellung, welche die Gewißheit des Sieges über den Drachen Python ausdrückt, welcher ihm den Zutritt zu seiner Orakelstätte in Delphi verwehren wollte.

"Daneben steht das Bild des Helios. Derselbe erscheint in ein loses, weites Gewand gekleidet, leicht geschürzt, zum Zeichen seiner Eile. Als die Gottheit des strahlenden Lichtgestirns der Sonne hat er um das Haupt einen siebenzackigen Kranz —, übersehen Sie die heilige Zahl sieben nicht — in der einen Hand die Kugel, als Bild des Sonnenkörpers, und in der andern das Füllhorn der Früchte, welche die Sonne zeitigt; neben sich die Köpfe von Rossen, als Sinnbild seiner Fahrt."

So sehen Sie auch in den Götterbildern die Wirkung des Lichtes in dem Geistigen und dem Körperlichen von den Künstlern treu dem Wesen des Lichtes versinnlicht.

Wenden wir uns jetzt zu einigen der wichtigsten Mythen der beiden genannten Götter, und zwar zuerst zu denen des Apollon. Schon seine Jugendgeschichte ist mit manchen wunderbaren Erzählungen angefüllt. Er wurde nicht von seiner Mutter Latona, welche die Juno fortgesetzt verfolgte, sondern von der Themis (der Gerechtigkeit, daher in seiner Erscheinung unwandelbar das Recht waltet), und zwar mit Nektar und Ambrosia genährt, wodurch er so schnell und so kräftig heranwuchs, daß er schon wenige Stunden nach seiner Geburt als glänzender Jüngling den ihn pflegenden Göttinnen enteilte, indem er ihnen seinen Lebensberuf verkündete: Bogenschütze zu sein und Kitharspieler, und den Menschen unfehlbare Orakel zu verkündigen.

Um dies zu können, ging er sodann auf die Wanderschaft, sich eine geeignete Orakelstätte zu suchen, die weder zu geräuschvoll, noch zu abgelegen wäre. Nachdem er viele griechische Landschaften durchforscht hatte, gelangte er in das stille Felsenthal von Delphi oder Pytho, in dem er seiner ruhigen Lage im Herzen Griechenlands wegen den gesuchten Platz erkannte. Auch bestand hier schon seit uralter Zeit ein Orakel der Themis, welche jedoch dasselbe dem jüngeren Gotte bereitwillig abtrat. Allein ein furchtbarer Drache, Python genannt, stellte sich diesem entgegen, wehrte ihm den Zugang und suchte ihn zu vertreiben. Vergebens; der jugendliche Gott, der Unfehlbarkeit seiner Geschosse gewiß, hielt dem Ungeheuer Stand und erlegte dasselbe nach kurzem Kampfe. So gewann er seine weltberühmte Orakelstätte, und erhielt von der Überwindung des Drachen Python den ehrenden Beinamen Pythios. Die Gabe der Weissagung aber verlieh ihm sein Vater Zeus, und Apollon gilt in seinen Orakeln als der Verkündiger von Zeus’ Willen und Einsicht.

Fortan blieb Apollon unangefochten im Besitze von Delphi, nur einmal noch mußte er zu dessen Verteidigung eintreten, als einst Herakles mit seiner ungestümen Gewalt der weissagenden Priesterin Gewalt anthat, als dieselbe nicht, sowie er es wollte den Orakelspruch gab, sie verjagte und den Dreifuß wegtrug. Apollon eilte zum Beistande seiner Priesterin herbei, Zeus aber schlichtete den Zwist seiner beiden Söhne, die fortan in der innigsten Freundschaft lebten.

Dem Zeus wurde er im Kampfe gegen die Titanen und Giganten durch seine Geschicklichkeit und Schnelligkeit im Abschießen der Pfeile sehr nützlich; dennoch aber erregte er einst, als er einige Kyklopen mit seinen Pfeilen (zur Strafe, daß Zeus seinen Sohn Äskulap durch einen Blitz erschlug) getötet hatte, dessen Zorn in so hohem Grade, daß er auf einige Zeit aus dem Olymp verwiesen wurde. Hierauf diente Apollon, wie ein Sterblicher der Erde, seinem Freunde, dem Könige Admetos von Pherä in Thessalien, als Hüter der Rinderherden, wie er auch die des Laomedon in der Landschaft Troas in Kleinasien weidete. Aus Verdruß über seine Verbannung aus dem Olymp verband sich Apollon mit dem Poseidon, um den Zeus zu stürzen. Ihr Plan mißlang, und beide mußten zur Strafe die Mauern von Troja erbauen helfen. Als aber Laomedon dem Apollon den versprochenen Lohn verweigerte, ließ dieser eine furchtbare Pest hereinbrechen, welche die Stadt und das Gebiet von Troja entvölkerte. Während dieser Zeit seiner Dienstbarkeit hatte er Streit mit dem Pan, welcher behauptete, daß die Flöte ein besseres Instrument als die Leier sei. Midas, ein König in Lydien, dem es übertragen wurde, den Streit zu schlichten, entschied für die Meinung des Pan, wofür Apollon den Midas dadurch bestrafte, daß er ihm Eselsohren beilegte. Auch den Marsyas, der sich rühmte, in der Kunst des Flötenspieles den Apollon zu übertreffen, ließ er grausam umbringen.

Niobe, die Gemahlin des Amphion (eines Sohnes des Zeus und der Antiope — eines berühmten Saitenspielers), Mutter einer blühenden Kinderzahl, erhob sich im Gefühle ihres Mutterwertes über die Latona, worüber aber Apollon in Zorn geriet, und, in Verbindung mit Artemis, die Niobe zu bestrafen beschloß. Dies geschah, indem er derselben alle ihre Söhne, und Artemis alle ihre Töchter durch Pfeile tötete. Alle ihre Kinder hatte das Schicksal der zürnenden Götter erreicht, bis auf ihre jüngste Tochter, die sie verzweiflungsvoll in ihrem Arme hält. "O laßt mir die eine von den vielen", ruft sie, aber auch diese letzte traf — das rächende Geschoß.

Da erstarrte das Mutterherz, jeder Klagelaut verstummte. Der Sage nach wurde sie zu einem steinernen Felsen verwandelt, von wo herab die Thränen rannen.

"Das Bild, wo zum unermeßlichen Schmerze sich der Ausdruck heroischer Ergebung in das unabänderliche Geschick, was die Götter verhängen, gesellt, gehört zu den bedeutendsten Werken antiker Kunst."

Nach den mythologischen Erzählungen trat Apollon mit Göttinnen und schönen Erdentöchtern* in Verbindung, die ihm zahlreiche Kinder gebaren, z. B. die Koronis den Asklepios oder Äskulap, die Kreusa den Ion**, die Kalliope den Orpheus und Hymen, die Thalia die Priester der Kybele, Korybanten genannt.

Wenden wir uns zu Helios, so finden wir auch bei ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft, von seinen Kindern aber ist weitaus der berühmteste Phaethon, den ihm Klymene geboren hatte. Dieser geriet einst mit dem Epaphos, dem Sohne des Zeus und der Io, in Streit über seine Herkunft, und bat infolge dessen den Helios, ihm, wenn er wirklich sein Vater wäre, eine Bitte zu erfüllen. Helios schwur bei dem Styx, die Gewährung derselben nicht zu versagen. Hierauf bat Phaethon, ihm auf einen Tag die Lenkung des Sonnenwagens zu überlassen. Helios erschrak über die Kühnheit der Bitte, und über die Gefahr, die den Sohn bei dieser Unternehmung bedrohte. Er suchte ihn zu bewegen, von seiner Bitte abzustehen; als aber Phaethon dabei beharrte, ja noch inständiger bat, und Helios durch seinen Schwur gebunden war: so gab er dem Sohne eine Anweisung zur richtigen Führung des Sonnenwagens, und überließ ihm denselben auf einen Tag. Der Jüngling jedoch, durch das Ungewohnte dieses Geschäftes überrascht und unkundig des rechten Weges, verlor bald Kraft und Besinnung. Die mutigen Rosse schweiften von der rechten Bahn ab, und brachten den Sonnenwagen der Erde so nahe, daß sie an einigen Stellen aufborst, die Quellen zu vertrocknen, die Ströme zu sieden anfingen, und ein Teil der Menschen schwarz gefärbt wurde. Zeus sah mit Staunen Himmel und Erde in eine ganz neue Gefahr versetzt, erschlug den Phaethon durch einen Blitz, und warf ihn von dem Sonnenwagen in den Fluß Eridanus hinab. Diesen sinnbildlichen Hergang von Naturerscheinungen erzählen nicht bloß Schriftsteller, sondern auch Künstler haben ihn dargestellt.

Die drei Schwestern des Erschlagenen, die Heliaden oder Sonnentöchter, Töchter des Helios: Paethusa, Ägle und Lampetia, weinten lange um ihn, und wurden in Lärchenbäume verwandelt, die das Flußufer beschatteten, und aus denen fortwährend die Thränen herabrannen, welche die Sonne in das Elektron (Bernstein) verwandelte, das bei den Griechen in sehr hohem Werte stand. — Phaethons Freund Kyknos (Schwan), der sich um den Getöteten sehr grämte, wurde dagegen in einen Schwan verwandelt. Helios, voll Schmerz über seines Sohnes Tod, konnte nur durch vieles Bitten der übrigen Götter vermocht werden, die Führung des Sonnenwagens wieder zu übernehmen.

Kehren wir nach dieser Abschweifung nochmals zum Apollon zurück. Die Griechen waren in seiner Verehrung sehr eifrig, wie es nicht anders sein konnte, da diese Gottheit in so mannigfachen Beziehungen zu dem Leben stand. Die Verehrung war jedoch nach den verschiedenen Gegenden und Orten verschieden, weshalb auch der Gott so vielerlei Beinamen hat. So wurde der lykische Apollon in der Landschaft Lykien in Kleinasien, in Attika und hier besonders in Athen, in Argos, Sikyon, Trözen, am Parnaß und in Theben verehrt. In diesem Dienste war sein Symbol der Wolf (griechisch: Lykos). — Die Verehrung des Apollon-Hyakinthios war besonders im Peloponnes, dem heutigen Morea, heimisch, namentlich auf der ganzen Südküste, in Sikyon, Messenien, Amyklä und Sparta verbreitet. Bei dem Dienste wurden klagende Lieder von Ort zu Ort gesungen und poetische Wettkämpfe gehalten. Dieser Dienst galt besonders der Vergänglichkeit, aber auch dem Wiedererstehen der Natur. So feierte man in Sparta im Juli neun Tage lang das Fest der Hyakinthien, und zwar an dem ersten Tage und in der Nacht mit Trauer, aber in den letzten heiter und frohlockend.

Der Mythus, auf welchen dieses Fest sich bezieht, erzählt, daß Apollon den schönen Hyakinthos, jüngsten Sohn des Amyklas, geliebt, aber unvorsätzlich mit dem Wurfe einer Wurfscheibe getötet habe, oder daß der ebenfalls den Knaben liebenden Windgott Zephyros die Scheibe aus Eifersucht gegen Apollon nach Hyakinthos’ Haupt getrieben habe. Dem Tode des Hyakinthos, der in die gleichnamige Blume verwandelt worden sein soll, galt die Trauer am Anfang der Hyakinthien, seiner Wiederbelegung aber die Freude des zweiten und dritten Tages. Augenscheinlich deutet der Mythus, ähnlich wie derjenige der Persephone, auf das Absterben und Wiederaufstehen der Natur, die hier unter dem Bilde eines Jünglings gefaßt wird, und ebenso augenscheinlich ist die Wurfscheibe Apollons ein Bild der Sonne, unter deren Glut die Vegetation verdorrt. Auf dieses Fest folgte im August das Fest der Karneen, das besonders in Sparta ein kriegerisches Ansehen hatte, indem die ganze Bevölkerung aus der Stadt auszog und mehrere Tage lang in deren Nähe wie in einem Kriegslager unter Zelten lagerte. Das Fest bezieht sich ebenfalls auf den verderblichen Hitze- und Pestgott Apollon unter dem Beinamen Kareios, und durch das Lagern unter Zelten entzog man sich den schädlichen Wirkungen der Hundstagsglut. Sein religiöse Bedeutung aber erhielt das Fest, in dem man zugleich den furchtbaren Gott zu sühnen suchte; das Fest wurde in Sparta sehr heilig gehalten und hat sich von dort nach Kyrene, einer griechischen Kolonie auf der Nordküste von Afrika, und außerdem auf die Inseln Rhodos und Sicilien, sowie in die griechischen Städte in Unter-Italien, nämlich Tarent und Sybaris, verbreitet. Der schönste Tempel dieses Apollon befand sich zu Amyklä.

Der delphinische Apollon wurde in Beziehung auf das stürmische und wieder beruhigte Meer auf Kreta, zu Krissa in der Landschaft Phokis, in Delphi, und auf der Insel Ägina, Milet und an anderen Orten verehrt. Zu Athen war das Heiligtum dieses Gottes, das Delphinion, die älteste Blutgerichts- und Sühnungsstätte. Hier feierte man auch im April das Fest der Delphinien, in Beziehung auf die ehemalige jährliche Sendung von sieben Knaben und sieben Mädchen als Opfer nach Kreta, bis Theseus die Stadt von diesem Tribute befreite. Das Symbol dieses Apollon ist der Delphin. — Auf dieses Fest folgte im Mai das apollinische Hauptfest der Thargelien, als Fest der unter der Wärme der Sonne reifenden Feldfrucht und zugleich als Fest der Sühne, im Andenken an die ehemaligen Menschenopfer.

Um diese Zeit wurde auch das Fest der Delien, als ein Hauptfest des ionischen Volksstammes der Griechen, gefeiert. In dem Feste der Metageitnien, das im August gefeiert wurde, bewirtete Apollon als Gott der Ernte und der Fülle die übrigen Götter. Im Oktober brachte man ihm die Erstlinge von den Feldfrüchten und Bohnen dar; aber im September feierte man ihm die Feste als dem in Schlachten hilfreichen Gotte. — Natürlich waren dem Gotte viele Tempel gewidmet. Der prächtigste stand zu Delphi in der Landschaft Phokis, am Gebirge Parnassos, wo sich auch, wie oben erwähnt, sein berühmtes Orakel befand, in welchem die Priesterin Pythia, auf dem heiligen Dreifuße sitzend, weissagte. Der Dreifuß war von beträchtlicher Höhe und aus Gold. Er stand gerade über der Öffnung eines tiefen Schlundes im Felsen, aus dem fortwährend kalte Dünste ausströmten, wodurch die darüber sitzende Priesterin in den Zustand der Verzückung versetzt wurde. Ihre Weissagung bestand in einzelnen, im Taumel ihrer Verzückung ausgestoßenen Worten, welche die Priester des Apollon in Verse einkleideten, die aber auch ihrerseits klugerweise so eingerichtet waren, daß sie nicht einen einzigen und unzweifelhaften Sinn darboten, sondern doppeldeutig und leicht mißzuverstehen waren.

So, um nur ein Beispiel anzuführen, riet das Orakel den Athenern, als die Perserübermacht sich auf Griechenland heranwälzte, sich der "hölzernen Burg" zu vertrauen. Dies mißverstanden die athenischen Greise, indem sie sich auf der Burg mit Palisaden und hölzernen Bollwerken verschanzten, die natürlich keinen Augenblick dem Feinde zu widerstehen vermochten; Themistokles aber und die jüngeren Männer erklärten die "hölzerne Burg" für die Flotte, und indem sie sich dieser vertrauten, erkämpften sie den glorreichen Seesieg von Salamis. Hätten nun alle Athener den Spruch so verstanden wie die Greise, so blieb dem Orakel der Rücken gedeckt, indem es erklärte, es habe die Flotte gemeint. Nur auf diesem Wege konnte sich das Orakel von Delphi, so klug und einsichtig auch die Priester waren, im Rufe der Unfehlbarkeit und auf der Höhe seines Einflusses halten.

Unweit dieses Ortes, auf der krissäischen Ebene, wurden dem Apollon zu Ehren und zur Erinnerung an den von ihm schon in seiner Kindheit errungenen Sieg über den Drachen Python alle sieben, hierauf alle neun, und späterhin alle fünf Jahre die berühmten pythischen Spiele gefeiert, in denen man die Sieger mit Lorbeerkränzen schmückte.

In Rom fand die Verehrung des Apollon erst 320 v. Chr. Aufnahme, indem man ihm bei einer Pest einen Tempel gelobte, zu dem dann ein zweiter auf dem palatinischen Berge gegründet wurde. Die apollinarischen Spiele wurden während des zweiten punischen Krieges gestiftet.

Der Lorbeerbaum und aus dem Tierreich der Hirsch, Wolf, Schwan, Delphin und Rabe waren ihm geheiligt. Unter den vielen Kunstwerken des Altertumes, die auf unsere Zeit gekommen sind, ist eines der berühmtesten die in unserer Abbildung mitgeteilte Bildsäule des Apollon — bei den neueren Künstlern als Apollon von Belvedere bekannt —, welchen Namen man ihr von dem Saale gegeben hat, in welchem sie im Vatikan (einem berühmten Palaste in Rom) steht.

Artemis oder Diana und Selene oder Luna.

Artemis oder Diana, welche in ähnlicher Weise, wie Apollon mit Helios, mit der Mondgöttin Luna, Selene verwechselt oder verschmolzen wurde, hatte nach der verschiedenen Art ihrer Verehrung mehrere Beinamen, wie z. B. Munychia, d. h. Göttin der Mondnacht, Lykeia, Göttin des Lichtes, Delphinia, Daphnia, Opis oder Apis (helles Nachtauge, von dem Monde benannt, der in der Nacht leuchtet), Kalliste (die Schönste), Despoina (Herrin), Agrotera (die Jagdliebende), Laphria (die Beutemachende), Brauronia (aus Brauron), Limnaia (die in feuchten, quellreichen und bebuschten Gründen verehrt wurde), Orthia oder Orthosia, Brixomartis oder Diktynna, Kynthia, Delia und Phöbe. Sie war die zuerst geborene Zwillingsschwester des Apollon, eine Tochter des Zeus und der Leto.

"Man findet diese beiden als Kinder auf den Armen ihrer Mutter, der Leto, abgebildet, verfolgt von der von Hera gesandten Schlange Python."

Sowie Apollon bei den Alten ursprünglich das Symbol der Sonne und des Lichtes war, so war Artemis ursprünglich das Sinnbild des Mondes und der Nacht. Da sich nun der Mond so gut wie die Sonne entweder als bloßes leuchtendes Gestirn der Nacht oder andererseits in seiner zum Teil wirklichen, zum Teil scheinbaren und geglaubten Einwirkung auf Pflanzen-, Tier- und Menschenleben auffassen läßt, so lassen sich auch zweierlei Mondgöttinnen (wie zweierlei Sonnengötter) unterscheiden: Selene oder Luna, welche nur den Mond als Nachtgestirn bedeutet, wie Helios die Sonne als Tagesgestirn, und Artemis oder Diana, welche alle anderen Einwirkungen des Mondes auf das Erdenleben in sich zusammenfaßt, und der wie dem Apollon eine weite religiöse Ausbildung zu teil geworden ist, während die Mythen von Selene, ähnlich denen von Helios, nur wenig und sparsam ausgebildet wurden. Aus demselben Grunde aber, aus dem man Apollon und Helios verband, vermischte man in späteren Zeiten auch Artemis und Selene.

Da nun aber die wirklichen und geglaubten Einwirkungen des Mondes auf das Erdenleben sehr mannigfaltig sind, so war die Mythe von Artemis auch sehr mannigfaltig, je nach der Gegend, wo, und den Gesichtspunkten, unter denen die Verehrung stattfand. Um in dieser Beziehung eine richtige Ansicht zu bekommen, dürfen wir nicht vergessen, daß die Gottheiten der Alten Naturkräfte waren, deren Verehrung daher auch ganz der Beschaffenheit des Landes, wo sie verehrt wurden, angemessen war. Deshalb dürfen Sie auch in den mythologischen Erzählungen der Alten nicht eine genaue Übereinstimmung mit unseren Naturanschauungen erwarten. Dies ist natürlich auch bei der Artemis der Fall, und es darf Sie daher auch so manches, was Ihnen bei dem ersten Blicke in der Mythe von der Artemis vielleicht sonderbar erscheint, nicht befremden, weil die Verehrung dieser Göttin, nach ihren verschiedenen Eigenschaften, eine sehr ausgebreitete war. Und dazu muß weiter bemerkt werden, daß mancher Zug in den Mythen der Artemis daher stammt, daß sie als die Zwillingsschwester Apollons galt, mit dem man ihr eine auch innere und geistige Verwandtschaft beilegte.

Da Pflanzen und Früchte in den heißen Südländern in der Frische der Nacht, erquickt vom reichlichen Taufall, der den oft monatelang fehlenden Regen ersetzen muß, am besten wachsen und gedeihen, und da die Erfahrung feststeht, daß der Taufall am mächtigsten ist, wenn der Himmel klar ist und der Mond in reinem Lichte von ihm herniederglänzt, so schrieb man der Artemis diese Art der Fruchtbarkeit zu. Deshalb glaubte man, daß sie Wald, Hain, Berg und Thal zur Nachtzeit, von den Nymphen der Quellen begleitet, durchstreifte und verehrte sie an Quellen, Flüssen und feuchten Wiesen. In Arkadien wieder wurde sie als Göttin des fröhlichen Saitenspiels und Tanzes verehrt, weshalb auch die Musen, Chariten, die Nymphen, Aphrodite (Venus) und Athene sich zu ihr gesellten. Und wenn wir die Vorstellung von der in der Taufeuchte Fruchtbarkeit wirkenden Artemis direkt aus den Wirkungen des Mondes ableiten können, müssen wir die Auffassungen dieser musikliebenden Artemis (Hymnia genannt) ihrer Verwandtschaft mit Apollon zuschreiben.

Dazu fügen wir drittens die Vorstellung, die auf symbolischer Übertragung beruht. Da nämlich der Mensch durch seine Geburt gleichsam aus der Nacht in die Tageshelle kommt, so dachte man sich die Artemis auch als Vorsteherin der Geburten und Helferin derer, die Mutter werden, und nannte sie daher Eileithya, Ilithyia* oder Eleutho. So erscheint sie überhaupt als Göttin des weiblichen Gedeihens im Natur- und Menschenleben. Daher ward ihr auch die Kinderpflege und die Heilung beigelegt, und deshalb wurde ihr auch als Göttin der Jugend in Messenien, Lakonien, Elis und anderen Gegenden Griechenlands von den Mädchen ein Fest mit Tänzen gefeiert. — Ebenso war sie aber auch, da der Mensch mit dem Tode wieder in die Nacht zurücksinkt, eine Göttin des Todes, und zwar desjenigen Todes, dessen Ursache man nicht kannte oder nicht erkannte. Von Menschen, welche plötzlich, ohne daß man den Grund, z. B. eine Verwundung u. dgl., wußte, starben, sagte man, es habe sie Apollon oder Artemis mit sanftem Geschoß erlegt, und zwar dachte man beim Tode von Männern besonders an Apollon, bei demjenigen von Mädchen oder Frauen besonders an Artemis.

Da der Mond in seinem reinen und mäßigen Lichte, und zwar auch bei uns, die Vorstellung keuscher und reiner Jungfräulichkeit hervorruft, so dachte man sich Artemis (deren Name die Keusche, Unbefleckte bedeutet) als reine, frische Jungfrau, und als solche nahm sie auch alle keuschen Jünglinge und Jungfrauen unter ihren Schutz, die ihr daher auch Blumenkränze, besonders im Frühlinge, wanden. Daher wurde sie auch die Göttin strenger Zucht, des guten Rufes, gerechten Sinnes, sowie der Besonnenheit im bürgerlichen Leben und Verhältnissen, zu Athen, Korinth und Theben verehrt. Wildes und zuchtloses Wesen und Treiben verfolgte sie mit ihren Pfeilen.

In der Landschaft Attika wurde sie in dem Feste der Munychien als Mondgöttin verehrt, wobei ihr runde Kuchen mit Lichtern besteckt, in der Gestalt des Vollmondes, geopfert wurden. Ebenso feierte man ihr in dieser Landschaft als Mondgöttin in Beziehung auf das stürmische Meer das Fest der Brauronien, wobei junge Mädchen den Dienst verrichteten. Daß sie als Mondgöttin Einfluß auf das Meer übte, hatten die Alten in der mit dem Mondlaufe zusammenhängenden Flut und Ebbe wahrgenommen, und daher stammt der Artemis Verehrung besonders in Hafenstädten.

So verschieden indessen die Mythen von dieser Göttin und deren Verehrungsweise erscheinen: darin stimmt alles überein, daß Artemis die Göttin der Nacht, der nächtlichen Fruchtbarkeit und der Jagd gewesen ist.

Zur Göttin der Jagd ist sie aber dadurch geworden, daß man sie als die Beförderin aller Fruchtbarkeit auch als Schützerin und Herrin alles Wildes in Wald und Flur verehrte. Darum strafte sie den Agamemnon, weil er ihr die Hirschkuh getötet hat, und darum sendet sie den Ätolern den kalydonischen Eber. Rohen Völkern, namentlich in Gebirgsländern, ist die Jagd ein wichtiger Gegenstand; man glaubte aber, daß die wilden Tiere des Waldes und der Flur des göttlichen Schutzes bedürften. Diesen Schutz nun übte Artemis. Deshalb erscheint sie auch auf alten Bildwerken wie eine Bergmutter, junge Panther und Löwen tragend, oder mit einem Fell derselben bekleidet. — Als Göttin des wilden Getieres waren ihr auch heilig die Fische. Da sie nun auch wasserreiche Niederungen liebte, so wird sie auch mit Schiff in den Haaren und von Fischen umgeben abgebildet.

Schon als zartes Mädchen bestimmte sie sich, mit Zeus’ Genehmigung, für immer dem unverheirateten Stande, und blieb, wie Athene, der strengen Sitte stets treu, und bestrafte mit großer Härte jeden Verstoß dagegen, dessen sich die zu ihrer Begleitung bestimmten Nymphen schuldig machten, wie das Beispiel der Daphne lehrt, die sie in einen Lorbeerbaum, und der Kallisto, die sie in eine Bärin verwandelte. Mit Strenge verfuhr sie auch gegen jeden, der ihre Gottheit beleidigte, wie sie z. B. die Griechen auf ihrer trojanischen Kriegsfahrt, indem sie deren Flotte durch Stürme im Hafen von Aulis zurückhielt, dafür strafte, daß der Anführer Agamemnon ihre heilige Hirschkuh getötet hatte. Auch die Ätoler strafte sie dadurch, daß sie den ungeheuren, wilden kalydonischen Eber in ihr Land sendete, der ihre Saatfelder verwüstete, bis Meleager denselben erlegte. Selbst zur Grausamkeit wurde sie gegen diejenigen fortgerissen, welche ihr Gefühl für Scham und Keuschheit beleidigten. Dies erfuhren die beiden berühmten Jäger Orion, der die Diana mit sträflicher Liebe verfolgte, und Aktäon. Der letztere, von der Göttin in einen Hirsch verwandelt, wurde von seinem eigenen Hunde zerrissen. — Als rächende Todesgöttin der Verletzung der Götter erscheint sie, indem sie die Töchter der Niobe tötet, gleichwie Apollon deren Söhne.

Artemis’ Lieblingsgeschäft war die Jagd, durch deren Übung sie mutig und kriegerisch ward. Sie traf mit ihren Pfeilen sehr genau, und wurde dadurch wohl sowohl ihrem Vater in seinem Kriege gegen die Titanen und Giganten, als auch den Trojanern in ihrem Kampfe mit den Griechen sehr nützlich.

Es ist nicht zu verwundern, daß Artemis nach den mannigfaltigen Kräften und Wirkungen, die man ihr beilegt, auch auf verschiedene Art abgebildet erscheint. Sie wurde als Ideal weiblicher Schönheit dargestellt, und zwar gewöhnlich als Göttin der Jagd, wie sie auch in der Abbildung erscheint

"als die hohe, kräftige, stattliche und, bis auf die Arme, ganz bekleidete züchtige Jungfrau, hoch geschürzt zum flüchtigen Lauf; an den Füßen Sandalen, mit dem Köcher voll Pfeile auf dem Rücken, und zur Seite die springende Hirschkuh, mit der sie gleich schnell eilt, indem sie dieselbe am Gehörne hält, zum Zeichen, daß die Waldtiere ihr Eigentum seien."

In anderen Abbildungen hat sie einen Bogen oder einen Wurfspieß in der Hand, oder einen Jagdhund an ihrer Seite, oder sie fährt auf einem mit Hirschen bespannten Wagen.

Luna oder Selene steht als Mondgöttin zu der Artemis, wie gesagt, in demselben Verhältnisse, wie Helios zu Phöbus-Apollon, indem sie das Mondgestirn bedeutet, während Artemis die Kraft und Naturwirkung der Nacht, deren Symbol gleichsam der Mond, wie das des Tages die Sonne ist. Darum erscheint ihr gegenüber auch Helios als das aufsteigende Gestirn des Tages, während Selene der Abend und die Nacht ist; darum trägt sie auch eine Fackel, und ist mit einem langen, aufgebauschten Gewande nebst herabhängendem Schleier bekleidet. Ein halber Mond (seltener Hörner) ziert dann ihre Stirn, und sie steht in schwebender Stellung auf einem mit zwei Rossen bespannten Wagen. Ihr bekannter Mythus ist derjenige von ihrer Liebe zu dem schönen Jünglinge Endymion, den sie im Waldgebirge schlafend erblickte, und zu dem sie, von seiner Schönheit angezogen, herniederstieg. Dieser Mythus darf als ein Sinnbild des milden Waltens der Göttin der Nacht betrachtet werden, welche über die im Schlummer bewußtlos liegende Kreatur wacht. — Bei den Römern hatte Luna einen ansehnlichen Tempel auf dem Aventinischen Berge, den schon der alte König Servius Tullius gegründet hatte. Außerdem gab es noch einen Tempel auf dem Kapitole und einen dritten auf dem Palatinischen Berge.

Gegenüber der bisher von uns betrachteten Artemis erscheint die sogenannte Diana von Ephesus als eine sehr verschiedene und befremdliche Gestaltung, und man begreift auf den ersten Blick durchaus nicht, wie dieser Göttin ebenfalls der Name der jungfräulichen Artemis hat beigelegt werden können. Sie erscheint nämlich ganz abweichend von der einfachen, menschlichen, naturgetreuen Gestalt, in welcher die griechischen Götter dargestellt werden, und vor allem mit den ausgeprägtesten Zeichen der Mütterlichkeit. Die Verbindung dieser Gottheit, welche ursprünglich von den Völkern in Asien verehrt wurde, und von den Griechen, die sich an der kleinasiatischen Küste in Kolonnieen angesiedelt hatten, aufgenommen war, mit der griechischen Artemis ist dadurch möglich und thatsächlich geworden, daß Artemis trotz ihrer Jungfräulichkeit Göttin der Fruchtbarkeit, der Geburten, des Wildes und daß sie Mondgöttin war, was alles bei der asiatischen Göttin zutraf.

Bei so vieler Übereinstimmung stieß man sich nun nicht an den großen Unterschied, daß die orientalische Göttin, welche besonders zu Ephesus, der Hauptstadt von Ionien, in Kleinasien, eifrig verehrt und nach diesem Orte benannt wurde, durchaus mütterlich gestaltet war und in einigen Zügen Verwandtschaft mit Rhea-Kybele hatte. Darum hat sie in der Abbildung

"wie die Rhea die Mauer auf dem Haupte, und dahinter eine runde Scheibe, als Bild des Vollmondes; auf der Brust einen Blumenkranz als Symbol des Frühlings, und daran Mädchengestalten; auf den Armen Löwen; als Mutter des Wildes viele Brüste; an der unteren eng einschießenden Einfassung durch Ringe wilde Tiergestalten (Hirsche, Greife etc.), gesondert, unter denen man auch den Stier erkennt, dessen Hörner die Mondhörner bedeuten; außerdem sind an den Seiten Blumen und Bienen abgebildet. Am Fußende sind nur die Füße sichtbar, da der untere Teil des Bildes wie ein umgekehrter Kegel gestaltet ist."

In anderen alten Bildern, ebenfalls mit vielen Brüsten, hat sie in jeder Hand einen Stab oder eine Kette, die bis auf den Boden herabreicht, und der untere Teil des Körpers endigt sich spitz zugehend in einem behauenen Blocke von Stein. Die Sinnbilder sind Symbole der Fruchtbarkeit.

Die Verehrung dieser Diana von Ephesus war, wie schon bemerkt, durch ganz Kleinasien und weiter verbreitet. Zu Ephesus hatte sie einen so prächtigen Tempel, daß derselbe im Altertume als eines der sieben Wunderwerke betrachtet wurde. Herostratus aus Ephesus zündete denselben an, um berühmt zu werden. Dies geschah gerade in der Nacht, wo Alexander der Große in Macedonien geboren wurde, was man später als Vorzeichen der späteren Größe Alexanders betrachtete, — freilich erst, nachdem Alexander schon durch seine außerordentlichen Eroberungen in Europa und Asien groß geworden war und diesen Tempel schöner hatte wieder aufbauen lassen. Dieser Dienst blühte noch zu der Zeit, als der Apostel Paulus nach Ephesus kam, um das Christentum zu predigen, weshalb die Zunft der Goldschmiede, welche durch Anfertigung kleiner silberner Tempel der Diana einen sehr guten Verdienst hatten und durch die neue Lehre vom Christentume in ihrem Gewerbe sich bedroht glaubten, einen so furchtbaren Aufstande gegen Paulus und seine Begleiter erregte, daß dieselben die Stadt verlassen mußten. Trotzdem hatte die neue Lehre Anhänger gefunden, die seitdem eine christliche Gemeinde bildeten. — Einen ebenso prächtigen Tempel hatte die Artemis Leukophryne, die ebenfalls in Kleinasien verehrt wurde, zu Magnesia.

Die Verehrung der taurischen Artemis stammt aus den Ländern am Schwarzen Meere, und besonders aus der Krim, von woher Orestes ihr Bild und ihren Dienst nach Griechenland gebracht haben soll (s. unten), wo diese Göttin unter den Namen Orthia oder Orthosia unter anderem in Sparta sich einbürgerte. Sie war die jungfräuliche Mondgöttin, der Menschenopfer gebracht wurden, und wurde von einem Stiere getragen, dessen Hörner die Mondhörner bedeuteten. In Sparta wurden die ihr dargebrachten Menschenopfer in die bekannte Geißelung der Jünglinge an ihrem Altare umgewandelt, welche man auf Lykurgs Gesetzgebung zurückführt.

Auf der Insel Kreta, wie auf der Insel Ägina und der lakonischen Küste (dem heutigen Morea in Griechenland) und in vielen anderen Orten wurde auch eine Artemis Britomartis oder Diktynna verehrt.

Überall, wo Apollon verehrt ward, widmete man auch der Diana, Opferdienst und Tempel. Auch bei den Römern war Diana eine heimische Gottheit. — In Rom erbaute der König Servius Tullius der Diana auf dem Aventinischen Hügel einen Tempel. Man opferte ihr Rinder und Hirsche. — Die Opfer an Tieren und Früchten, welche der jungfräulichen Göttin gebracht wurden, mußten völlig tadellos und rein sein. Hirsche, Hunde und die Erstlinge aller Früchte des Feldes waren ihr geheiligt.

Dionysos-Bakchos oder Bacchus

hatte die meisten Beinamen von allen Göttern, weshalb er "der Vielnamige" genannt wird. Die bekanntesten dieser Beinamen sind: Bromios, Lyäos, Liber, Evan, Evius und Dithyrambus. Dionysos und Bakchos heißt er bei den Griechen, Bacchus bei den Römern. Die Mythe von dieser Gottheit und deren Verehrung stammt aus dem Morgenlande, ist von dort zu den Griechen, die sie weiter ausbildeten, und dann zu den Römern übergegangen. In frühester Zeit galt Dionysos (Bacchus) als Symbol der alles durchdringenden Triebkraft der Natur, die sich durch die Säfte in den Gewächsen verbreitet. Daher der Frühling die Zeit der Freude und des Jubels, und der Winter die Zeit der Leiden auch des Dionysos ist. Späterhin übertrug man auf ihn die Vorstellung von einem Geber der Freuden und Erheiterungen, die der Mensch aus dem Genusse der edlen Frucht des Weinstockes empfängt; und da die ihm geheiligten Frühlings- und Sommerfeste, bei deren Feier lauter Frohsinn herrschte, die erste Veranlassung zur Aufführung dramatischer Spiele wurden, so dachte man sich den Dionysos nicht bloß als Gott des Weines, sondern auch als den Beschützer der Theater.

In Griechenland hielt man gewöhnlich Theater für die Heimat dieses Gottes. Griechische Dichter erzählten von seiner Geburt: Semele, die Tochter des Kadmos (des Erbauers der Stadt Theben, eines Sohnes Agenors und Enkel des Poseidon), wurde von Zeus geliebt. Die eifersüchtige Hera beschloß daher deren Untergang. Sie näherte sich unter einer angenommenen Gestalt der Semele, und als sie sich ihr Vertrauen erworben hatte, verleitete sie dieselbe, den Zeus zu bitten, einmal in seiner vollen himmlischen Majestät als Donnerer zu ihr zu kommen. Zeus, der, ehe Semele ihr Gesuch ausgesprochen, übereilt bei dem Styx geschworen hatte, dasselbe zu erfüllen, war sehr betreten, als er die thörichte Bitte seiner Geliebten vernahm; allein der große Schwur band ihn, er mußte Wort halten. So erschien er dann eines Tages mit Donner und Blitz bei der unglücklichen Semele, die in der Nähe des allgewaltigen Gottes sogleich den Tod erlitt. Das Rachegefühl der Hera war nun gesättigt; Zeus rettete indes ihrem Kinde, dem Bakchos, noch glücklicherweise das Leben und ließ es aus Furcht vor den feindlichen Nachstellungen der Hera, durch den Götterboten Merkur heimlich zu den Nymphen in Nysa bringen, die ihn unter Aufsicht des Silenus auferzogen. Bakchos, da er vom Zeus gleichsam zum zweitenmal sein Leben erhalten hatte, führte daher, nach einer Ableitung, die hier nicht nachgewiesen werden kann, den Beinamen Dithyrambus, ein Namen, der den gleichsam zweimal Geborenen bezeichnet und der späterhin auf einen Gesang zur Ehre des Gottes übertragen wurde, als dessen Erfinder Arion von Methymna gilt. Seine Kindheit aber verlebte Dionysos harmlos und fröhlich unter wilden Tieren, Nymphen, Satyrn, Silenen, Hirten und Weinbauern.

Als er erwachsen war, durchzog er dagegen alle Länder bis in das fernste Indien, lehrte die Völker den Weinbau und nebenher viele friedliche Künste, auch die wichtige Übung des Rechts und der Gerechtigkeit, so daß er von allen Völkern als ihr größter Wohlthäter gepriesen wurde, nicht ohne jedoch hie und da, wie namentlich bei dem thrakischen Könige Lykurgos, auf den heftigsten und erbittersten Widerstand zu stoßen, welcher durch die berauschenden Eigenschaften des Weines hervorgerufen wurde, den aber Dionysos mit den strengsten, sogar furchtbaren Strafen ahndete. So stürzte er den Lykurgos in Wahnsinn, in welchem er seinen Sohn für eine Weinrebe ansah, die er fällen wollte, so daß er sein Kind tötete und dann in Verzweiflung sich selbst entleibte.

Nach einigen Erzählungen war Dionysos auch für seinen Vater im Gigantenkriege, entweder in seiner eigenen oder unter der angenommenen Gestalt eines reißenden Löwen, thätig. Einst fand Bakchos auf einem solchen Zuge die Ariadne, Tochter des Minos, auf der Insel Naxos, verlassen von Theseus, der sie aus ihrem väterlichen Hause dorthin entführt hatte, und erwählte, getroffen von der hohen Schönheit dieser Fürstentochter, dieselbe zu seiner Gemahlin.

"Vielfach ist von Künstlern die Auffindung der schlafenden Ariadne als Motiv benutzt. Wir geben vorstehend die Abbildung einer der schönsten Statuen des Altertumes."

Früher waren dem Dionysos schon von anderen Nymphen und Göttinnen einige Söhne geboren, z. B. von Aphrodite der Hymen und Priapus.

So verschieden die Vorstellungen von der Gottheit des Bakchos waren, unter so verschiedenen Ceremonieen beging man auch dessen weit verbreitete Verehrung in Griechenland. Auf seinen unaufhaltsamen Zügen war der Gott begleitet von einem lärmenden, wilden Gefolge von Mänaden, auch Bacchä oder Bacchantinnen genannt, Satyrn, Nymphen und außer diesen von einem Schwarm von Wald- und Flußgöttern; auch fehlten Silen und Pan nicht auf solchen Wanderungen. Mit Thyrsusstäben und Fackeln und unter dem Schalle der Pauken, Flöten und Cymbeln, singend und jauchzend stürmte der rauschende Zug dahin. Anfangs war auf dem Berge Parnaß der Hauptsitz der wilden Bacchusfeier, die sich nach und nach über ganz Griechenland verbreitete; solche fand jedoch nur alle drei Jahre einmal statt. Eine zahllose Menge von Jungfrauen, Frauen und Männern, tanzend und schwärmend, trunken von feurigen Weinen, verschmähten die nüchternen Sitten und verbrachten viele Tage und Nächte auf den waldigen Höhen. Von Griechenland verbreitete sich diese Feier nach Italien, wo jedoch das Fest zu einer solchen Zügellosigkeit ausartete, daß es vom Senate streng verboten wurde. Die Feste selbst hießen Bacchanalien, die teilnehmenden Jungfrauen oder Frauen Bacchantinnen, die Männer Bacchanten.

Der Weinstock, Epheu und Granatbaum waren diesem Gotte geheiligt, und Böcke und Schweine wurden ihm geopfert.

Die Abbildung des Dionysos war außerordentlich mannigfaltig und verschieden. Besonders aber sind zwei Vorstellungen zu unterscheiden, deren erstere man fälschlich aus orientalischer Quelle ableitet und mit dem Namen des "Indischen Bakchos" belegt hat, obgleich sie rein griechisch ist. Ihr gemäß erscheint er als ein bejahrter Mann, von ehrwürdigem Ansehen, mit langem Barte, einer Stirnbinde und im weiten, bis auf die Füße herabwallenden Gewande; in dieser Vorstellung ist Dionysos aufgefaßt als der Vater aller vegetativen Triebkraft. In der anderen Vorstellung erscheint er als reizender Jüngling von fast weiblichem Ansehen, bartlos, mit lockigem Haar, welches Epheu und Weinranken zieren, auch wohl mit einem Rehfelle bekleidet, und an der Stirn kleine Hörner, manchmal auch auf einem von Panthern oder Löwen gezogenen Wagen, oder auf einem dieser ihm geheiligten Tiere reitend. In dieser jugendlichen Gestalt ist Bakchos wesentlich Gott des Weines. Niemals aber und nirgends wird er, außer in der Darstellung seiner Geburt und Erziehung, in der antiken Kunst als Kind, namentlich niemals so auf einer Tonne reitend dargestellt, wie sich dies in die moderne Kunst eingeschlichen hat. Das älteste Bild von diesem Gotte war ein bloßes Stück Holz, oder auch nur eine Maske, oder nur ein Kopf auf der umgekehrten Spitzsäule. Wir haben das schöne Bild gewählt, in welchem das Göttliche am bestimmtesten hervortritt.

"Der Gott erscheint in ruhiger Haltung, in jugendlicher, voller Kraft und Hoheit, seiner Bedeutung als Naturkraft des Lebens und der Freude entsprechend; ohne Bart, und nackt, das Haupthaar in vollen Locken herabrollend, und bekränzt mit der edlen feurigen Frucht, den Weintrauben, in der Hand den Thyrsus. Reben und Trauben mit Blättern ranken sich auch an dem Baumstamme auf, an welchem der Gott sich gelehnt."

Der Thyrsus ist ein langer Stab, oft mit Reben umwunden, auf der Spitze eine Pinienfrucht (Zapfen). Dieser Stab und die Trinkschale sind die Attribute dieses Gottes.

Hermes oder Merkur

war ein Sohn des Zeus und der Maia (d. h. nährende Mutter), eine Tochter des Atlas. Die Verehrung dieser Gottheit war bei den Römern nicht so groß, wie bei den Griechen; denn er galt ihnen nur als Gott des Handels und Gewinnes, und sie gaben ihm auch statt seines Stabes das heilige Laub als Friedenszeichen. — Bei den Griechen dagegen wurde er seit uralter Zeit als die besonders in der animalischen Welt Frucht und Segen spendende Gottheit verehrt.

Da aber die Herden, deren Fruchtbarkeit Hermes förderte, in ältester Zeit einen wesentlichen Teil des Reichtumes der Menschen ausmachten, so verehrte man Hermes später auch als Geber sonstigen Reichtumes, er mochte kommen, woher er wollte. Nun wird aber durch nichts so schnell und so leicht Reichtum gewonnen, wie durch den Handel; deshalb wird Hermes zum Gotte des Handels und zum Schutzgotte der Kaufleute. Der Handel wiederum ist bedingt durch friedlichen und ungestörten Verkehr zu Lande und zu Wasser, weshalb Hermes zum Schutzgotte des Verkehres werden mußte. Der Handel aber setzt voraus, daß man seinen Vorteil wohl zu wahren wisse, daß man klug und vorsichtig verfahre; deshalb ist Hermes auch der Gott, welcher Vorsicht und Klugheit, selbst Schlauheit liebt und schützt; und da es bei gewissen Seiten des Handels, wenn auch nicht gerade bei den edelsten, auch darauf ankommt, den Käufer zu überreden und zu beschwatzen, betrachtet man Hermes als den Gott der Beredsamkeit. Von diesen allen endlich ist es nicht gar weit bis zu jener Schlauheit und List, die es mit der Ehrlichkeit und Wahrheit nicht eben allzugenau nimmt, und so dürfen wir uns nicht wundern, Hermes schließlich auch noch als Schutzherrn der Spitzbuben und Diebe zu finden, wenngleich ihm diese Eigenschaft doch nur mehr im Scherze beigelegt wird.

Sein Amt als Bote und Herold der Götter, besonders aber des Zeus, hängt zum Teil mit seiner Eigenschaft als Gott des friedlichen Verkehrs unter den Menschen, wie er durch Boten und Herolde geübt wird, zusammen, zum Teil stammt dasselbe aus einer anderen Quelle, die hier nachzuweisen zu weit führen würde. Als Götterbote und Herold des Zeus vermittelt Hermes den Verkehr zwischen Himmel und Erde, indem er den Menschen den Willen der Götter verkündet (er wurde deshalb auch zum Orakelgotte), ja bis in die Unterwelt erstreckt sich sein Wirkungskreis, und er ist es, der als Seelenführer (Psychopompos) die Seelen der Verstorbenen bis zu Charons Nachen und vor den Thron der Unterweltsgötter geleitet.

So ist also sein Wirkungskreis sehr vielartig, und auch die Mythe von demselben in hohen Grade mannigfaltig. Er wurde in dunkler Nacht in einer verborgenen, einsamen Grotte des Gebirges Kyllene in Arkadien, im heutigen Morea, geboren, und hatte deshalb auch den Beinamen Kyllenios.

Die Klugheit und List, als deren Schutzherr er späterhin erscheinen sollte, übte er sogleich nach seiner Geburt, — so dachte man sich in einem Bilde die göttliche Kraft sogleich schon bei ihrem Ursprunge in Thätigkeit tretend, wie es auch natürlich nicht anders sein kann, — indem er heimlich und verhüllt aus der Grotte schlich und seinem Bruder Apollon bei Nacht und Nebel einen Teil seiner Rinderherde stahl. Lange suchte Apollon vergebens nach seinen vermißten Tieren, denn der junge Gott der List hat sie auf gar schlaue Weise zu verbergen gewußt, indem er ihnen Reisigbündel an die Füße band, welche ihre Fußspuren verwischten, und endlich die Tiere rückwärts in eine Berghöhle zog, so daß die Tritte aus dieser heraus anstatt in diese hinein zu führen schienen. Endlich aber wurde Hermes von einem Landmanne, der ihn belauscht hatte, dem Apollon verraten, der nun das freche Büblein gar erzürnt vor Zeus’ Thron schleppte, um dasselbe exemplarisch bestrafen zu lassen. Hermes aber ließ sich nicht verblüffen: zunächst versetzte er Zeus und den erzürnten Bruder selbst durch gute Witze in heitere Laune, und endlich versöhnte er Apollon ganz, indem er ihm eine Lyra schenkte, die er aus der Schale einer Schildkröte, die er mit Saiten bespannte, verfertigt hatte. Für sich erfand er sodann die Hirtenflöte. Nachdem nun beide wieder ausgesöhnt waren, blieben die beiden Brüder im besten Einverständnis. In dieser Zuneigung verlieh Apollon dem Hermes als Gegengeschenk die dreiblättrige goldene Rute des Glückes (Wünschelrute). Außerdem erhielt Hermes durch Apollon die Gabe der Weissagung, jedoch verkündigte er seine Orakel nicht wie Apollon in Worten, sondern durch das zufällige Zusammentreffen. Das ist so zu verstehen, daß man in einem zufälligen Begegnis, während man etwas vorhatte, ein günstiges oder ein ungünstiges Vorzeichen erkannte, wie ähnliches in unserem Aberglauben sich findet, wenn uns z. b. ein Hase über den Weg läuft, wenn wir verreisen wollen, oder ein altes Weib begegnet und was dergleichen mehr ist. Diese Zeichen betrachtete man als Sendungen des Hermes, dessen Rat man außerdem durch das Würfelorakel zu erkunden suchte, in dem man, in Ungewißheit, ob etwas zu thun oder zu lassen sei, würfelte, und glaubte, Hermes gebe einen guten Wurf, wenn die Sache zu thun, und einen schlechten, wenn sie zu unterlassen sei.

Dieselbe List und Gewandtheit und dieselbe gute Laune und anmutige Beredsamkeit, welche er als eben geborenes Knäbchen bereits so glänzend bewährt hatte, erprobte Hermes späterhin auch oftmals mit demselben Erfolge, indem er dem Zeus den Scepter, der Aphrodite ihren Leibgürtel, dem Poseidon den Dreizack, dem Ares sein Schwert, dem Hephästos seine Zange und dem Apollon Bogen und Pfeile entwandte und immer die zürnenden Bestohlenen wieder zu begütigen wußte. Am rühmlichsten aber zeigte er alle seine glänzenden Gaben im Auftrage des Zeus an dem hundertäugigen Argos, welcher die Io (eine Geliebte des Zeus) bewachte, die Zeus, um sie der Rache der eifersüchtigen Juno zu entziehen, in eine Kuh verwandelt hatte, die aber Juno, welche den Betrug merkte, dem Argos zur Bewahrung übergeben hatte.

Hermes nun erhielt von Zeus den Befehl, Io aus der Obhut des Argos zu befreien, was durch Gewalt nicht geschehen sollte oder konnte. Dieser Auftrag war einem hundertäugigen Wächter gegenüber, der selbst im tiefsten Schlafe nur fünfzig seiner Augen schloß, keine Kleinigkeit; Hermes aber löste sie dennoch. Er ging zum Argos, der er zuerst durch allerlei Geschichtchen zutraulich machte, und den er dann, indem er verschiedene Liedchen auf seiner Hirtenflöte vorblies, in so tiefen Schlaf versenkte, daß, eins nach dem anderen, alle seine hundert Augen zufielen. Kaum war das letzte geschlossen, als Hermes den schlafenden Wächter tötete und die Io entführte. Die Augen des Argos soll dann Hera in den Schweif des Pfaues versetzt haben. Diese That rechnete Zeus dem Hermes sehr hoch an, und der "Argostöter" wurde fortan sein ihn sehr ehrender Beiname.

Wie mannigfaltig aber auch diese Züge von List und Verschlagenheit bei Hermes sein mögen, so bezeichnen sie doch keineswegs sein ganzes Wesen. Seine Klugheit zeigt sich auch als Erfindsamkeit; nicht nur dem Apollon, auch dem thebanischen Sänger Amphion verfertigte er eine Laute, und dem Palamedes soll er die Buchstabenschrift gelehrt haben. Besonders aber tritt er überall, wo es gefahrvolle, Klugheit ebenso sehr wie Mut in Anspruch nehmende Abenteuer auszuführen giebt, als Geleiter der Helden auf, nicht selten, wie bei Herakles, als Genoß der Athene. Auch verirrte Reisende geleitete er, und Verbannten war er ein stets bereiter Helfer im fremden Lande und unter feindlichen Menschen.

Seinem Vater Zeus leistete Hermes im Gigantenkriege gute Dienste, rettete denselben sogar aus der Gewalt des Typhon, erzeigte sich überhaupt gern den Göttern gefällig, strafte aber auch, wie sie, diejenigen mit unbeugsamer Strenge, wie sie den Göttern eigen ist, die ihm zu nahe traten, wie das Beispiel des Battos beweist, den er dafür, daß er dem Apollon den Räuber seiner Rinder verriet, in einen Stein verwandelte.

Unter den ihm von verschiedenen Müttern geborenen Kindern sind die Laren, Töchter der Lara, welche als römische Schutzgottheiten der Familien in den Häusern ihren Sitz und Altar hatten und große Verehrung genossen, die berühmtesten geworden.

Eine wunderliche Mythe erzählt, daß er mit der Aphrodite den Hermaphroditus gezeugt habe, der halb Mann, halb Weib gewesen sei — vielleicht die bildliche Darstellung der Idee, daß in einem Jünglinge die jugendlich-frische Anmut (Venus) mit der Gewandtheit (Merkur) vereinigt sei.

Als Beschützer der Landstraßen, wie der Verkehrswege, wurden dem Gotte Hermes Statuen auf denselben errichtet, die aus einer nach unten hin spitz zulaufenden Säule bestanden, auf welcher oben nur der Kopf des Hermes stand. Wer vor einer solchen Herme oder Wegsäule vorüberging, mußte dem Gott zu Ehren einen Stein daneben legen, ein Gebrauch, durch welchen nicht nur die Äcker von Steinen wohlthätig gereinigt, sondern auch die ersten Veranlassungen zur Verbesserung der Wege und dadurch zur Erleichterung des Verkehres der Menschen untereinander gegeben wurden.

Auch war er der Anrichter der Opfer; denn er opferte ja einige Kühe der Herde, welche er dem Apollon entführt hatte. Doch erscheint er auch als Schützer der Viehherden, wie in den Hermen als Gott des Segens der Äcker, Gärten und überhaupt des Verkehres.

In den älteren Abbildungen wird Hermes als kräftiger Mann dargestellt, mit starkem, spitzem Barte, langen Haarflechten, einer zurückgeschlagenen Chlamys (Mantel), einem Reisehute, Fußflügeln und in der Hand den Stab. Wir haben eine Darstellung der vollendeteren Kunst gewählt.

Darin erscheint er

"als kräftiger Jüngling, ohne Bart, mit kurzem Haupthaare, das Haupt mit dem Petasus (Flügelhute) bedeckt, in der einen Hand den beflügelten, mit zwei Schlangen — den Sinnbildern der Klugheit — umwundenen Stab (den Heroldsstab, Kerykeion oder Caduceus), in der anderen Hand den Beutel, und an den Füßen Flügel, als Zeichen der flüchtigen Eile."

In Griechenland und Rom* waren ihm mehrere Tempel und Feste gewidmet, bei welchen man ihm besonders die Zungen verschiedener Tiere als einen Tribut opferte, den man ihm als dem Gotte der Beredsamkeit, darbrachte. In Rom feierten die Kaufleute ihm den 25. Mai.

Die späteren Abbildungen des Hermes stellen ihn

"als einen kräftigen Jüngling mit kurzen, wenig gelockten Haaren dar. Ausrastend von einem eben vollbrachten Ausfluge, hat er sich flüchtig auf einen Felsen niedergelassen, um sich baldigst wieder zu erheben."

Themis

war die Tochter des Uranos und der Gäa, das Sinnbild des in allen irdischen Verhältnissen waltenden göttlichen Rechtes, das ist des edelsten und höchsten, durch kein irdisches Gelüste beeinträchtigten, und darum auch des Gastrechtes. Den göttlichen Rat, wie er in der Welt gelten soll, stellt sie dar. Darum besaß sie auch das delphische Orakel, ehe dasselbe Apollon bekam, dem sie die Kunst zu weissagen lehrte. Sie sträubte sich lange, ehe sie in ihre Vermählung mit Zeus willigte, dessen erste Gemahlin, oder nach einer anderen Mythe die zweite, nämlich nach der Metis, sie war, und dem sie die Horen, die Mören oder Parzen, und die Asträa, jene Göttin der Gerechtigkeit gebar, von der wir erzählt haben, daß sie im ehernen Zeitalter die Erde verließ. Sie war heimisch im Olymp und wird daher auch Urania genannt; sie begab sich aber während des Titanenkrieges auf die Erde, wo sie im goldenen Zeitalter die Menschen Recht und Billigkeit üben lehrte, verließ jedoch nach eingetretener Verschlimmerung der Menschen die Erde wieder und kehrte in den Himmel zurück.

Weil der Themis vermöge ihres Wesens hohe Weisheit und unbedingte Wahrheit innewohnte, so nahmen selbst die hohen Götter ihre Ratschläge an, und Zeus vermählte sich nicht mit der Thetis, weil Themis ihm prophezeit hatte, daß aus dieser Ehe ein Sohn entspringen werde, der selbst seinen Vater an Macht übertreffen würde. Wie Thetis, damit ihr Sohn keinem der Götter furchtbar werden könne, einem Sterblichen, dem Peleus vermählt wurde, soll später erzählt werden. Die Verehrung der Themis fand an vielen Orten Griechenlands, besonders zu Athen und Trözen, auf der Insel Ägina, in Theben und zu Olympia statt, wo ihr Tempel, Altäre und Bildsäulen errichtet waren. Die Römer hatten ihr auf dem Kapitole einen Tempel geheiligt.

Die antiken Bildner stellen die Themis als eine gereifte Frau mit großen Augen dar; die modernen, aber, wie ausdrücklich bemerkt werden muß, auch nur diese, haben sie, wie sie in der gewählten Abbildung erscheint,

"in hoher und mit einem langen, faltenreichen Gewande bekleideter Gestalt, stehend, mit einer Binde um die Augen gebildet, um die Idee auszudrücken, daß Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person ausgeübt werden soll."

Außerdem giebt man ihr ein Schwert nebst Fesseln in die eine, und eine Wage in die andere Hand, um die Strenge und Genauigkeit anzudeuten, mit der die Gerechtigkeit gehandhabt werden soll.

II. Die unteren Gottheiten.

Die bisher dargestellten Gottheiten der Griechen und Römer waren die sogenannten oberen Götter, nämlich diejenigen, welche keinem anderen Gotte, außer dem Zeus, untergeordnet waren. Diese sind auch die olympischen Götter, wie sie schon genannt sind. Außerdem gehören zu den oberen Göttern noch Hades und Persephone, welche im Reiche der Unterwelt herrschten. — Die im folgenden dargestellten sogenannten unteren Götter, sind aber dennoch Gottheiten, die verehrt wurden, wenn auch nicht so allgemein wie jene.

Wir beginnen die Reihe mit den

Horen.

Töchter des Zeus und der Themis, sind die Horen die Göttinnen der Jahreszeiten und werden in verschiedener Zahl angenommen, je nachdem man mehr oder weniger Abschnitte im Leben des Jahres unterschied, wobei aber der Winter als die Zeit des Schlafes oder Todes der Natur in der Regel nicht mitgerechnet wurde. Demgemäß verehrte man in Athen nur zwei Horen, Thallo, die Göttin der Blütezeit, und Karpo, diejenige der Ernte- oder Fruchtzeit. Im übrigen Griechenland war jedoch im allgemeinen die Dreizahl der Horen vorherrschend.

Man findet solche auf Kunstwerken

"mit den Attributen der Jahreszeiten: Frühling (Blumen), Sommer (Getreide) und Herbst (Obst und Wein)."

Hie und da ist in Kunstwerken eine vierte Hore, des Winters, mit Jagdbeute als Attribut hinzugefügt, die aber nirgends wie ihre drei Schwestern mit eigenem Namen benannt wird.

Als Göttinnen der guten Jahreszeiten, welche das Blühen und Gedeihen der Natur bewirken, sind sie im Dienste der himmlischen Götter, besonders des Zeus und der Hera; aber auch im Gefolge der Aphrodite erscheinen sie, und zwar den Chariten zugesellt, und ebenso in demjenigen des Apollon mit den Musen, weil in der guten Jahreszeit die fröhlichen Gesänge der Natur sich erheben. Mit ihrer Bedeutung als Segensgöttinnen der Fluren hängt es ferner auch zusammen, daß sie als Göttinnen des Witterungswechsels erscheinen, welche, die Thore des Himmels bald schließend, bald öffnend, abwechselnd Regen und Sonneschein auf die Erde gelangen lassen, wie es zum Gedeihen der Vegetation am förderlichsten ist. Ein zartes, fröhliches, mit goldenem Geschmeide oder mit Blumen bekränztes, in zierlichem Tanze dahinschwebendes Geschlecht, sind sie den Sterblichen hold und mild gesinnt; den Ungeduldigen oft zu langsam erscheinend, bringen sie doch immer etwas Liebes und Schönes mit, und sind stets ohne Falsch und Tücke.

Auf gegenüberstehender Abbildung ist

"eine tanzende Hore, mit Palmblättern auf dem Haupte, dargestellt. Wegen der Früchte, die sie in einer Schale auf der linken Hand trägt, wird sie für die Hore des Herbstes erklärt."

In dieser Weise etwa walten sie in der Natur. Da aber in dem Wechsel der Jahreszeiten die größte und segensvollste Ordnung und Regelmäßigkeit, ein unwandelbares Gesetz erkannt wurde, so erhob man die Horen, die man eben aus diesem Grunde auch zu Themis’ Töchtern machte, zu den Vorsteherinnen aller segensreichen Ordnung und Gesetzmäßigkeit im menschlichen Leben und in der sittlichen Welt. Nach diesem übertragenen Begriffe sind ihre Namen, wo sie in der Dreizahl auftreten, ersonnen und gar sinnig als Eunomia (Wohlgesetzlichkeit, Ordnung), Dike (Recht) und Eirene (Frieden) festgesetzt. Eunomia waltet besonders im Staatsleben, und glücklich gepriesen wird von den Dichtern der Staat, der nie von der Verehrung der Eunomia läßt; Dike findet ihren Wirkungskreis mehr im Leben des Einzelnen, und man sagte von ihr, daß sie ihrem Vater Zeus alles Unrecht hinterbringt, das auf Erden geschieht. Eirene endlich ist die heiterste der drei Schwestern, und sie machte man zur Mutter des Plutos, d. h. des Reichtumes, zur fröhlichen Genossin des Dionysos und zur Schutzgöttin heiterer Gesänge und Feste.

"Die Frühlingshore verehrte man auch insbesondere als die Hore schlechthin und gab ihr den Namen Chloris, welcher dem römischen Flora entspricht. Das ist die Blüten- und Blumengöttin, um welche sich einst Boreas (der Nord- oder Winterwind) und Zephyros (der West- oder Frühlingswind) bewarben. Sie wählte den letzteren, dessen treuverbundene Gemahlin sie wurde."

Pomona

war die Göttin der Gartenfrüchte, mit denen sie bekränzt, oder ein Füllhorn voll derselben in der Hand haltend, und einen Hund zur Seite, als eine Jungfrau im ländlichen Gewande, abgebildet erscheint. Sie soll früher eine Hamadryade gewesen sein und hatte ihre Gunst dem Vertumnus geschenkt. Ihre Verehrung fand nur bei den Römern statt, und zu ihrem Dienste gab es einen besonderen Priester (Flamen pomonalis).

Vertumnus

war der Gemahl der Pomona, welcher bei den Römern als eine Untergottheit, die ebensowohl den Jahreszeiten als den Gartenfrüchten vorstand, verehrt, und mit gleichen Attributen, wie die Pomona, abgebildet wurde. Jährlich im Oktober wurde ihm zu Ehren eine Art Ernte-Dankfest. Vertumnalien benannt, gefeiert. Man brachte ihm die Erstlinge der Früchte, sowie Blumenkränze aller Art zum Opfer. Er hatte, wie Pomona, seine eigenen Priester. Abgebildet wurde er auch, gleich dem Saturn, mit einem Gartenmesser in der Hand und einem Ährenkranze auf dem Haupte. Sein Bild war ursprünglich nur ein roher Holzpflock, später aber ein von einem römischen Künstler gearbeitetes schönes Erzbild.

Janus

war eine den Griechen unbekannte, aber von den Römern, besonders in frühesten Zeiten, desto höher geachtete Gottheit. Man stellte ihn dem Jupiter fast gleich, nannte ihn jedoch in den Gebeten vor demselben, beide aber wurden bei jedem Unternehmen zuerst angerufen. Man schrieb ihm den Ursprung aller Dinge, die Herbeiführung der Jahre, den Wechsel der Jahreszeiten und der menschlichen Schicksale, und die Kultur des Menschengeschlechtes durch Ackerbau, Künste und Religion zu. Nach der Volkssage war Janus ein alter König, der in frühester Zeit aus Griechenland nach Latium gekommen sei, die Götterdienste nebst den Tempeln gegründet habe, und dem deshalb große Verehrung, wie einem Gotte, gebühre, weil er den Menschen durch Belehrung in vielen wichtigen Dingen die größten Wohlthaten erzeigt habe. Einige verwechseln ihn mit dem Saturn, andere erzählen, daß Saturn, als Griechenland vertrieben, zum alten Könige Janus nach Latium gekommen sei, und mit ihm gemeinschaftlich regiert habe.

Die große Verehrung des Janus bei den Römern erklärt sich leicht. Sie hatten überhaupt die Eigenheit, auf Vorbedeutungen bei allem, was sie thaten, zu achten; darum war ihnen auch der Beginn jedes Unternehmens etwas Wichtiges, und Janus war der Gott des glücklichen Beginnens. Der römische Dichter Ovid läßt daher auch den Gott Janus sagen: "Alles liegt im Anfange". Wenn daher auch Jupiter seine Zustimmung zu einem Unternehmen gegeben hatte, so hing doch der gedeihliche Fortgang von dem Beistande des Gottes des Beginns (Janus) ab. Darum legten die Römer so großen Wert auf den Anfang; war dieser gut, so war man eines zukünftigen guten Ausganges gewiß. Janus öffnet und schließt alles, und sitzt nicht bloß an den irdischen Eingängen, sondern auch an den Pforten des Himmels. Äther, Meer und Land werden von seiner Hand aufgeschlossen, und er bewegt die Angeln des Weltalls.

Nach diesem Glauben ist auch die Abbildung des Gottes gestaltet. Er erscheint sitzend

"mit einem Doppelgesichte, Jüngling (Beginn) und Greis (Ausgang); daher Bifrons (Zweigesicht) oder Geminus (Zwilling) genannt; den Schlüssel in der Linken, als Öffner im Beginne und als Schließer im Ausgange; und als Leiter des Fortganges hat er einen Herrscherstab in der Rechten."

Man feierte ihn zu Ehren den ersten Tag des nach ihn benannten Januar, als ersten Tag des beginnenden Jahres; als dem Beginner der Monate opferten ihm die Priester auf zwölf Altären; und als den Eröffner des Tages riefen sie ihn jeden Morgen an. Selbst bei den Opfern, die anderen Gottheiten gebracht wurden, bedachte man ihn mit Gaben von Wein, Kuchen, Weihrauch etc. Bei dem Beginne der Aussaat rief ihn auch der Landmann an, und angerufen wurde er auch, wenn ein Krieg sollte begonnen werden.

Schon der König Numa Pompilius von Rom führte eine öffentliche Verehrung der Gottheit des Janus ein, zu welcher bereits unter der Regierung des Romulus der Grund gelegt war. Denn als einst die Sabiner in die neu erbaute Stadt eindrangen, und sich plötzlich ein Quell mit siedendem Wasser bildete, in welchem diese Feinde ihren Tod fanden, wurde dem Janus zu Ehren über dieser Stelle ein Tempel erbauet, dessen Thüren so lange offen blieben, als Rom im Kriege begriffen war, und erst dann unter großen Feierlichkeiten geschlossen wurden, wenn ein allgemeiner Friede herrschte. Rom war indessen so fortwährend in Krieg verwickelt, daß während der ersten siebenhundert Jahre nach Erbauung dieser Stadt der Janustempel nur dreimal geschlossen wurde, nämlich unter Numa Pompilius, nach dem ersten punischen Kriege, und während der Regierung des Augustus. Daher ist der geschlossene Janustempel ein Sinnbild des Friedens.

Terminus

war der Gott der Grenzen, und hatte, wenn man ihn abbildete die Gestalt eines Grenzsteines oder einer Säule (s. den Art. Merkur), auf welcher ein Kopf aufgestellt war (Hermensäule). Man nannte dergleichen Terminus-Bilder auch Hermen, und wenn man das Brustbild eines anderen Gottes, z. B. des Apollon, der Athene oder Minerva, darauf setzte, Hermapollon, Hermathene. Die ländlichen Gottheiten Pan und Priapos werden oft als solche Halbfiguren abgebildet.

Bei den Römern ließ der öfters erwähnte König Numa diesem Grenzgotte Terminus den ersten Altar erbauen und die erste Verehrung erweisen. Um sein Volk daran zu gewöhnen, die Grenzen des Eigentumes der Nachbarn zu ehren, ließ er auf demselben die Bildsäule des Terminus errichten, und dem Gotte im Februar ein Fest, die Terminalien feiern, bei welchem man opferte, die Grenzsteine mit Blumen schmückte, auch wohl bei einem gemeinschaftlichen Orte frohe Lieder sang.

Priapos

bei den Römern auch Mutinus genannt, ein Sohn des Dionysos und der Aphrodite, der Gott der Fruchtbarkeit in der Natur, daher auch der Hüter der Weinberge, Gärten und Feldfrüchte. Schon in der frühesten Zeit suchte man die Idee der hervorbringenden Kraft der Natur sinnbildlich darzustellen, und nur spätere Roheiten der Sitten mißbrauchte das von dem Gotte Priapos vorhandene Bild, um durch dasselbe zugleich manche niedrige Vorstellung von Sinnlichkeit und Wollust auszudrücken. Daher verschiedene Abbildungen von ihm, deren richtigste jedoch die ist, in der er als ein bejahrter Mann mit einem Gartenmesser, und Früchte in seinem Gewande tragend, erscheint. Von Lampsakos, einer Stadt in Kleinmysien am Hellespont, breitete sich seine Verehrung über Griechenland aus. Hier waren seine Symbole auch ein Trinkgeschirr, der Thyrsos oder eine Lanze, worin er mit dem Dionysos (Bacchus) Ähnlichkeit hat. Bei den ihm gewidmeten Festen opferte man ihm Milch, Honig und Esel.

Pan.

Dieses griechische Wort bedeutet auf deutsch den Hirten, nicht aber nach einer durchaus verkehrten Ableitung "das All". Er wurde demgemäß als Hirtengott oder als der Gott "Hirt" auch von den Hirtenvölkern in Griechenland, besonders in Arkadien, als Beschützer der Hirten und des Hirtenlebens, der Fluren, die zur Viehweide dienten, und der Herden verehrt. Wald und Feld, Jagd und Fischerei standen unter des Pan Obhut und Schutz, der in dieser Beziehung bald als Zeus’, bald als Hermes’ und einer Nymphe Sohn erscheint. Als Gott der grünenden Flur ist er auch in der Gesellschaft des Dionysos (Bacchus), wie er auch als Berggott mit der Kybele zusammen verehrt wurde. Darum liebt er auch Tanz und Spiel, und bläst auf der Rohrflöte der Hirten, die deshalb auch die Pans-Flöte heißt. Diese Flöte ist seine Erfindung. Die Mythe erzählt darüber folgendes. Eine von ihm verfolgte spröde Geliebte, die Nymphe Syrinx, war in Schilfrohr verwandelt worden, welches Pan abschnitt und daraus eine lieblich tönende Hirtenflöte, Syrinx, zusammensetzte, auch dieselbe so geschickt blies, daß er einst den Apollon sogar zu einem musikalischen Wettstreite aufforderte, und als Midas seinem Spiele vor dem dieses Gottes den Vorzug gab, die Veranlassung wurde, daß Apollon denselben mit Eselsohren bestrafte.

Als der Gott der Hirten und Landleute streife er auch in Wäldern und Feldern umher, führte, wie früher die Nomaden (Hirtenvölker), ein umherziehendes, unstätes Leben, ruhete in schattigen Höhlen, an kühlen Ufern und blies sein Lied. Darum waren ihm auch die Berge, Höhlen, Eichen und Schildkröten heilig.

Als Geist des Gebirges (eine Art Rübezahl) gab er seine Nähe in dem beängstigenden Gefühle der Einsamkeit und des Verlassenseins zu erkennen, welche den Wanderer im wilden Gebirge, wenn die Wetter ihn umtosen und kein Laut einer menschlichen Stimme zu ihm dringt, wohl ergreifen kann. Diese Beängstigung oder dieses Schrecken ohne bestimmte, greifbare Ursache nannte man daher "panischer Schrecken", d. h. dasjenige, welches Pan durch seine hier unheimliche Nähe bewirkt.

In Athen heiligte man ihm an dem Burgfelsen die nach ihm benannte Pans-Grotte, die mit großem Eifer durch jährliche Opfer und Fackelbrennen verehrt wurde, zur dankbaren Erinnerung an das panische Schrecken, in welchem das Heer der Perser bei Marathon und bei Salamis davonlief.

Gewöhnlich umgaben den Pan Nymphen und Oreaden, tanzten zu seinen Flötentönen, und wurden oft von ihm verfolgt und überwältigt. Er soll schon im Titanenkriege den Göttern dadurch gute Dienste geleistet haben, daß er aus eine Seemuschel eine Art von Trompete verfertigte, und mit derselben solchen Lärm machte, daß die Titanen, erschrocken und in der Meinung: ein großes Ungeheuer nahe sich, den Rücken wandten und entflohen. Diese Sage, oder die Erzählung: daß er durch ein plötzlich erhobenes, furchtbares Geschrei eine große Zahl von Feinden des Dionysos, die denselben einst auf seiner Reise nach Indien zu überfallen droheten, so erschreckt habe, daß sie schnell die Flucht ergriffen, dichtete man zur mythologischen Begründung des oben erklärten Ausdruckes: panisches Schrecken.

Pan — auch Hyläos, d. h. Waldgott genannt — wurde gewöhnlich

"als ein bärtiger Mann mit einer großen, merklich gekrümmten Nase, mit Ziegenhörnern und Ohren, Ziegenfüßen und einem behaarten Körper, eine siebenröhrige Hirtenflöte (Syrinx) oder einen gekrümmten Hirtenstab in der Hand, abgebildet."

Von den Griechen ging die Vorstellung von ihm zu den Römern über, die ihn unter der Benennung Inuus verehrten, weil er sie ihre Viehherden veredeln, und Lupercus, weil er sie lehrte, dieselben durch Hunde gegen die Wölfe beschützen. Die übrigen Waldgötter, welche wie Pan, mit Ziegenfüßen abgebildet wurden, hießen nach ihm Ägipanen oder auch Panisken.

Faunus oder Fatuus.

Diese Gottheit der Römer ist in ihrem Ursprunge dem griechischen Pan gleich, wie auch ihr Name nur eine Nebenform von Pan ist; allein sie wurde nicht als gleich gefaßt, und hat in Italien ihre eigene, von der des Pan vielfach verschiedene Entwicklung durchgemacht, um erst später, als griechische Religion und Sage in Italien eingewandert war, mit dem arkadischen Pan aufs neue verglichen und ihm gleichgestellt zu werden, weshalb mehrere römische Dichter den griechischen Pan mit dem römischen Namen Faunus nennen. Es hatte dieser aber, wie gesagt, seine eigenen Mythen. Nach diesen soll er der Sohn des Picus, Enkel des Saturnus, oder nach einer anderen Sage Sohn des Mars gewesen sein, ursprünglich ein alter König Latiums, der seinem Volke Ackerbau und Gesittung beibrachte, und nach seinem Tode unter dem zweiten Namen Fatuus zum weissagerischen Wald- und Feldgotte wurde. Die Orakelstätten des Faunus befanden sich in Hainen; das Orakel wurde den Ratfragenden durch ihre Träume verkündet, die sie an der heiligen Stätte, auf den Fellen der Opfertiere schlafend, hatten. — Auch Fauna erteilte Orakel, aber nur dem weiblichen Geschlechte (s. Art. Fauna).

Diesem Gotte des Landmannes bei den Römern wurde als Beschützer des Landbaues und der Viehzucht (Feldgott) das Fest der Lupercalien oder auch Faunalien unter mancherlei seltsamen Gebräuchen jährlich am 5. December mit Opfern von Ziegen nebst Milch- und Weinspenden, bei Schmaus und Tanz im Freien auf Wiesen und Kreuzwegen, gefeiert, aber außerdem noch in der Mitte des Februar ein Opfer gebracht. In Rom hatte er zwei Tempel. Bildliche Darstellungen des Faunus sind nicht häufig, und schwer von denen des Pan zu unterscheiden. Faune in der Mehrzahl stehen nur als römischer Ausdruck dessen, was wir mit dem griechischen Namen als Panisken oder Pane bezeichnen.

Picus, Picumnus und Pilumnus.

Auch Picus war nur eine Gottheit der Römer, und zwar Sohn und Nachfolger des Saturnus, Vater des Faunus, und Gemahl des Canens, ein alter Seher und Waldgott. Nach einer anderen Mythe liebte er die Pomona und ehelichte sie. Die Zauberin Circe liebte ihn wegen seiner Schönheit; er erwiderte jedoch diese Neigung nicht, und wurde deshalb von ihr aus Rache in einen Specht verwandelt. Die Auguren, römische Priester, welche nach verschiedenen Erscheinungen, namentlich aus dem Fluge der Vögel, künftige Geschicke weissagten, verehrten ihn als Symbol der Kunde von der Zukunft. In früher Zeit war sein Bild eine Holzsäule mit einem Spechte, später ein Jüngling mit einem Spechte auf dem Haupte; der Specht galt nämlich den Römern als ein prophetischer Vogel. Picus wurde nicht bloß als Seher und Gott verehrt, sondern galt auch für den ersten König Italiens. Nicht mit ihm zu verwechseln ist, trotz aller Namensähnlichkeit, Picumnus, der mit seinem Bruder Pilumnus ein Paar italienischer Ehegötter darstellt, den man im Saale des Hauses, wo ein Kind geboren war, ein Lager zu bereiten pflegte. Pilumnus sollte mit seiner Keule (pilum), mit der er das Korn zermalen lehrte (denn das Zerstoßen des Getreides ist älter als das Mahlen desselben) die Übel von der Kindheit des Neugeborenen abwehren, Picumnus, aber, der die Acker zu düngen erfunden hatte, dem Kinde Gedeihen geben. Von beiden Brüdern erzählte man auch allerlei rühmliche Thaten im Krieg und im Frieden, und verglich sie mit den Dioskuren (Kastor und Pollux, s. unten).

Fauna oder Fatua.

war die Gemahlin, oder nach anderen Mythen die Tochter des Faunus, eine Göttin der Römer, der Herkunft und Bedeutung durch mancherlei Sagen sehr dunkel erscheint. Sie wird auch mit der Göttin Ops, mit Kybele, oder auch mit der Mutter des Bacchus, Semele, oder mit derjenigen des Hermes, Maia, oder mit der Gäa oder Hekate und anderen Göttinnen für gleich gehalten. Fauna hieß in der frühesten Zeit die gute Göttin, deren eigentlicher Name aber, sowie ihre Herkunft, für ein Geheimnis ausgegeben ward, und deren Fest den ersten Mai in der Nacht, bei Wein, Musik und lustigen Spielen, von Frauen und Jungfrauen mit den sonderbarsten Gebräuchen gefeiert wurde, wobei aber kein Mann gegenwärtig sein durfte. Den Namen der guten Göttin erhielt Fauna, weil sie von einigen für die Wohlthäterin aller Geschöpfe gehalten, und insofern mit anderen Gottheiten verwechselt wurde. Man nannte sie auch Fatua, und bildete sie bald der Juno, bald der Kybele ähnlich ab, gewöhnlich aber als eine ältliche Frau mit zugespitzten Ohren, eine Schlange in der Hand haltend.

Von der Fatua und dem Fatuus stammen die Fatuen, die als weissagende Feldgötter, oder auch böse Dämonen, welche das Alpdrücken etc. verursachten betrachtet werden. Ihr Name und die dunkle Vorstellungen von dieser Göttin sollen zu der Erdichtung neuerer Zeit: von dem Dasein gewisser Zauberinnen und Wahrsagerinnen, die man Feen nennt, und denen man bald gute, bald böse Eigenschaft, bald nützliche, bald schädliche Einwirkungen auf die Menschen beilegt, die Veranlassung gegeben haben.

Zu der Klasse der Waldgötter gehören auch die griechischen Satyrn und der römische Silvanus.

Die Satyrn

welche oft mit den Panen oder Faunen verwechselt werden, von diesen aber wohl unterschieden werden müssen, sind die Repräsentanten des unter dem Schutze des Dionysos (Bacchus) heiter und üppig gedeihenden Lebens der Natur in Feld und Wald und Wiese, daher Dämonen aus der Gesellschaft dieses Gottes und zwar die ohne Frage edelsten Gestalten dieses Kreises. Zu diesen wurden sie wenigstens aus altertümlicher Derbheit durch die vollendete Kunst erhoben. Demgemäß werden sie auch niemals halbtierisch gebildet wie die Pane, Panisken oder Faune, sondern zeigen, um ihr minder edle Natur von der göttlichen, d. h. der rein menschlichen, zu unterscheiden, höchstens einzelne tierische Abzeichen, kleine Ziegenhörner und einen ebenfalls kleinen Ziegenschwanz.

Übrigens kann man unter der großen Familie der Satyrn mehrere Klassen unterscheiden, denen die am höchsten stehende sich der Gestalt ihres Gottes (des Dionysos) selbst nähert, und die entweder als Flötenspieler oder als die Mundschenken des Dionysos auftreten. Daneben finden sich ältere Satyrn, die man durch den Namen Silene unterscheidet, und andererseits sehr jugendliche, welche man als Satyrisken bezeichnet. Wir haben für unsere Abbildung einen Satyr der edleren Art gewählt, welcher sich uns als

"ein schlanker Jüngling darstellt, der, nachlässig an einen Baumstamm gelehnt, vom Flötenspielen ausruht. Sein Haar ist struppig, seine Stirn trägt ganz kleine Ziegenhörnchen und seine Physiognomie hat einen Anflug von tierischem Ausdrucke. Seine Bekleidung beschränkt sich auf ein umgehängtes Rehfell (Nebris)."

Ihr Leben und Treiben ist im Walde und auf Bergen, wo sie sich selbst überlassen allerlei Kurzweil treiben durch Jagen, Tanzen, Musizieren, Trinken, Weinlesen, Weinkeltern oder Weintrinken, oder im Gefolge des Gottes, in welchem sie mit den Mänaden wildbegeisterte Tänze ausführen. Ihre Musikinstrumente sind die Syrinx, die Flöte und die Cymbel.

Beiläufig wollen wir zur Aufklärung unserer Leser hinzufügen, daß die Benennung "Satire" für ein Spottgedicht in der Welt nicht das mindeste mit den Satyrn zu thun hat und deswegen auch nicht "Satyre" zu schreiben ist, so häufig man auch von "humoristisch-satirischen Wochenblättern" zu lesen bekommt. Das Wort Satire (satura) ist altrömisch und bezeichnet ursprünglich ein poetisches Potpourri oder ein poetisches Geplauder, welches denn eben leicht satirisch in dem späteren Sinne des Sprachgebrauches medisant und spöttisch wird, wie das prosaische Geplauder unserer Gesellschaft im Kaffeekränzchen und im Salon ebenfalls.

Komos

ward als Vorsteher festlicher Schmausereien, frohen Lebensgenusses, munterer Laune, heiterer Scherze und geselliger Freuden verehrt, und mit mancherlei Attributen der Freude, öfters aber auch als Vertreter der folgen nächtlicher Schwelgereien mit gesenkter Fackel, schlaftrunken oder sich an etwas anlehnend, abgebildet.

Silvanus

war ein, wie Faunus, nur den Römern bekannter Gott der Hirten, der, wie jener, Wälder, Felder, Grenzen und Ufer der Flüsse bewohnte und bewachte, und den ersten Grenzstein errichtet haben soll, der die Fluren verschiedener Besitzer voneinander abmarkte, so daß er als Begründer der landwirtschaftlichen Ordnung erscheint. Da er im Hause, im Felde und im Walde Gedeihen gab, unterschied man auch drei Silvane. In der bildenden Kunst erscheint Silvan durchaus rein menschlich, als ein munterer alter Mann, der als musikalischer Gott, wie alle Feld- und Waldgötter, die Hirtenflöte hält, als Waldgott aber noch besonders mit einem jungen Baumstamme ausgerüstet ist. Diesen Baumstamm, der zuweilen als eine Cypresse erscheint, bezieht man auf Silvanus’ Liebe zu dem schönen Jünglinge Cyparissus, den Silvanus in eine Cypresse verwandelt haben soll. Ein Bild von ihm stand in Rom bei dem Tempel des Saturn, außerdem waren ihm zwei Heiligtümer geweiht. Das Frauengeschlecht war von seinem Dienste ausgeschlossen.

Über die Abkunft des Gottes herrscht Dunkelheit in den Mythen, deren einige ihn für den Sohn des Saturn ausgeben.

Pales

eine ursprünglich auf Sicilien, später von den Römern verehrte Gottheit der Viehzucht, nach einigen eine weibliche, nach anderen eine männliche, der man alljährlich am 21. April, an dem Tage an welchem der Grund zur Stadt Rom gelegt worden sein soll, unter Darbringung von Opfern an Milch und Most, unter Pfeifen- und Cymbelschall bei dem lodernden Feuer von brennenden Heu- und Strohschobern ein frohes Fest, die Palilien, mit Sühnungen feierte, welche symbolisch dadurch ausgedrückt wurden, daß man das Vieh durch die lodernden Strohfeuer trieb, durch welche die Hirten nachsprangen. Da, wie erwähnt, die Sage den Gründungstag Roms auf den 21. April verlegte, so wurde das Palilienfest zugleich zum Gründungsfest der Stadt Rom.

Auch diese uralte Gottheit, die als eine bejahrte Frau, an einen entblätterten Baumast gelehnt, oder mit einem Hirtenstabe in der Hand abgebildet erscheint, wurde öfters mit der Fauna, auch mit der Kybele, und selbst mit der Vesta verwechselt.

Silen und die Silene.

Silen erscheint in einigen Mythen als ein Sohn des Hermes (Merkur), in anderen als derjenige des Pan und einer Nymphe, und wird als solcher mit einem Ziegenschwanze und Ziegenohren, im übrigen aber rein menschlich abgebildet. Gewöhnlich gilt Silen als der älteste unter den Satyrn, und die älteren Satyrn nannte man, wie schon früher bemerkt, Silene. Silen wird auch als väterlicher Hüter der leichtfertigen Schar der Satyrn dargestellt. Jedoch ist Silen in seiner mythologischen Bedeutung von den Satyrn verschieden. Silen stammte nach einer Mythe, wie der Dienst des Dionysos (Bacchus), aus Kleinasien, und besonders aus Lydien und Phrygien, wo auch der Dienst der Kybele (Rhea) heimisch war. Hier erscheint er als Naturgeist (Dämon) der befruchtenden Quellen, Flüsse, sowie der feuchten Gründe und üppigen Gärten, aber außerdem als Erfinder der Musik mit der Syrinx (Rohrpfeife), gleichwie der im Dienste der Rhea und des Bacchus (Dionysos) gebräuchlichen Doppelflöte.

Nach anderen Sagen soll Silen in Nysa, ungewiß, an welchem der vielen Orte dieses Namens, geboren, oder erster König hier gewesen sein. Da nun Silen der Pfleger und Erzieher des Bacchus war, wobei er von den Nymphen unterstützt wurde, wie es Bildwerke zeigen, und dies in Thracien geschehen sein soll, wie Mythen berichten, so war auch wohl jenes Nysa in Thracien.

Bei den Griechen erscheint Silen vorzugsweise in der Begleitung des Bacchus. Er verstand sich auf das Keltern des Weines, den er so sehr liebte, daß er leicht des Guten zu viel that, und deshalb bei dem Ritte auf dem Esel von den Satyrn gehalten wurde, um nicht herunterzufallen. Deshalb wird er auch abgebildet mit Weintrauben, einer Trinkschale oder einem Schlauche in der Hand, oder auch als ein Berauschter, von zwei Satyrn getragen. Er selbst wird als ein kurzer, dickbauchiger, behaarter Alter mit einem Glatzkopfe dargestellt.

Der Esel, auf welchem Silen reitet, wird als ein sehr kluges Tier geschildert, das auch im Gigantenkampfe, an dem sein Herr als Genoß und Schildknappe, gleichsam als ein Sancho Pansa des Dionysos teilnahm, seine Stimme erhob, und so dazu beitrug, das Heer der Giganten zu erschrecken und in die Flucht zu treiben.

Okeanos, Tethys, Proteus.

Okeanos, ein Sohn des Uranos und der Gäa, ein alter Meergott, wird, wie Nereus, für den Stammvater einer großen Familie von Meergottheiten angesehen, welche den allgemeinen Namen: Okeaniden (s. im folgenden: Nymphen 5.) führen. Man bildete ihn wie den Nereus ab, jedoch mit einem Stierhorne oder mit zwei kurzen Hörner und einem Scepter als Zeichen der Herrschaft in der Hand, auf einem Seetiere reitend oder in einem von Seetieren gezogenen Wagen sitzend, neben ihm seine Gemahlin Tethys. Er soll unter den Titanen, seinen Brüdern, der gerechteste gewesen sein und an der Verschwörung gegen den Uranos keinen Anteil genommen haben; deshalb verblieb er auch in seinem Amte, als die anderen Titanen in den Tartaros verbannt wurden. Bei ihm und seiner Gattin wuchs Hera auf und flüchtete zu ihm während des Titanenkampfes gegen den Himmel. Sein Geschlecht hat sich in Flüssen, Bächen und Quellen in so großer Zahl über die Erde verbreitet, daß man allein an dreitausend Söhne zählte. — Okeanos war auch der große Strom, welcher die Erde, wie ein Kreis, rings umfloß, und aus dem alle Flüsse und alle Flüssigkeiten der Erde entsprangen.

Seine Töchter, die Okeaniden, werden, wie alle Meergottheiten, mit Kränzen von Meergras, mit Korallenschnüren, Muscheln haltend und auf Delphinen sitzend, abgebildet. Die Maler gaben ihnen halb menschliche, halb Fischgestalt; die Dichter aber stellten sie nur als menschlich gestaltete Götterwesen dar, deren Zahl sie sehr verschieden angeben.

Proteus, ein Sohn des Okeanos und der Tethys, wohnte eigentlich in der Tiefe des Meeres, entsteigt aber der Flut um die Seekälber Poseidons auf den Küsten und einigen größeren Inseln des Mittelmeers zu weiden. Er besaß als Greis die Gabe der Weissagung und die Kräfte geheimer Zauberei, konnte aber zur Kundgebung der ersteren nur durch List und Gewalt gezwungen werden. Auch dann sogar that er noch alles, um dem Fragenden zu entgehen, verwandelte sich abwechselnd in die verschiedensten Gestalten, und soll nicht nur als Land- oder Seetier (Löwe, Panther, Schwein, Schlange) erschienen sein, sondern selbst in Feuer und Wasser sich haben verwandeln können. Den Sinn dieser Gabe der Verwandlung bei Proteus wie auch bei Thetis haben wir in der sehr großen Wandelbarkeit des Meeres und seines Anblickes zu suchen.

Nereus und die Nereiden,

auch Doriden genannt, werden in der Mythologie oft mit Okeaniden, Töchter des Okeanos und Untergottheiten des Meeres, verwechselt.

Nereus wurde für eine alte Gottheit des Meeres, einen Sohn des Pontos und der Gäa gehalten, der erst, als Poseidon die Oberherrschaft über das Meer erhielt, demselben untergeordnet wurde, aber zugleich die Gabe der Weissagung erhielt. Mit seiner Gemahlin, Doris, einer Tochter des Okeanos, erzeugte er fünfzig, nach anderen sogar hundert Töchter, die Nereiden oder Doriden, von denen Amphitrite und Thetis, außerdem noch Panope und Galatea die berühmtesten sind. Die erstere wurde Poseidons Gemahlin, und mit der letzteren wünschte selbst Zeus sich zu vermählen. Als ihm aber die Parzen einen Sohn aus dieser Ehe verkündigt hatten der mächtiger als der Vater selbst werden würde, gab Zeus seinen Wunsch auf, und verheiratete Thetis mit dem Könige Peleus, dem sie den Achilles gebar, worauf sie wieder zu den Meergöttinnen, ihren Geschwistern, zurückkehrte. Thetis darf übrigens nicht mit Tethys, der Tochter des Uranos und der Gäa und Gemahlin des Okeanos, verwechselt werden.

Nereus wird abgebildet als ein ehrwürdiger Greis und seine Töchter als schöne, zarte Jungfrauen. Die Dichter erzählten von den Nereiden, daß sie als keusche Nymphen in der Tiefe des Meeres eine schimmernde Höhle bewohnten und auf Delphinen oder anderen Meergeschöpfen sitzend oder schwimmend, spielend, plätschernd auf dem Meere umherschwärmten, und auch die aus dem Meere geborene Aphrodite begleiteten, oder an den Küsten und an den Meerbuchten bei sonnigem, heiterem Wetter die Flußmündungen besuchten, um sich hier die nassen Haare zu trocknen. Daher wurden sie an den Küsten und Flußmündungen viel verehrt. Sie sehen daraus, wie dem religiösen Sinne der Griechen alles in der Natur göttlich war und deshalb mit heiliger Verehrung betrachtet wurde. So waren ihnen alle Erscheinungen des Meeres eine göttliche Erscheinung, Nereide genannt; so der in der Windstille schimmernde Glanz der leise bewegten See die Galene und Glauke; das Wellenspiel in reizender Bewegung der Thoe und Halie; das anmutige Geflüster der Wellen am Strande der Inseln die Nesaie und Aktaie; das reizvoll Lockende und zur Freude Stimmende der Flut die Pasithea, Erato und Euneike; das mächtige Andrängen der gehobenen Wogen die Pherusa und Dynamene. — Die Nymphen gehörten zum Gefolge der Amphitrite.

Vielleicht gab die Mythe von den Nereiden Anlaß zu der Sage von dem Aufenthalte sogenannter Seejungfern im Meere.

Triton und die Tritonen.

Triton soll ein Sohn des Neptun und der Amphitrite oder des Okeanos und der Tethys gewesen sein, und ist eine Untergottheit des Meeres und Neptuns Herold, der auf einer gewundenen Seemuschel bald stürmische, bald sanfte Weisen blies, je nachdem er die Fluten durch Sturm erregen oder die brausenden wieder besänftigen wollte. Er zog den Wagen des Neptun, wenn dieser auf den Meereswogen einherfuhr, verkündete dessen Ankunft und rief die übrigen Meergötter zusammen. Gleiche Verrichtungen hatten die Tritonen, die wie der Triton gestaltet waren. Nach einigen Sagen erscheint Triton zuweilen an der Küste als ein durch Lüsternheit und Gefräßigkeit gefährliches Ungeheuer, mit welchem Dionysos und Herakles kämpften.

Im Gigantenkriege wurde dieser dem Zeus dadurch nützlich, daß er in seine Muscheltrompete stieß und dadurch einen so furchtbaren Ton erregte, daß die Riesen zurückbebten, als ob irgend ein neues Schrecknis oder ein gewaltiges Ungeheuer im Anzuge wäre.

Triton, und die Tritonen mit ihm, werden abgebildet als Wesen von menschlicher Gestalt bis zur Hüfte, mit kleinen bläulichen Schuppen bedeckt, unterhalb aber als ein Delphin, eine Seemuschel in der Hand haltend. Nach anderen Darstellungen fuhr er mit einem Rossegespanne durch die Flut.

"Das ausgewählte Bild zeigt eine Tritonenfamilie, hinter welcher ein Delphin sichtbar wird."

In den älteren Mythen ist er das Bild des rauschenden Meeres, der wie Neptun und Amphitrite im goldenen Palast in der Tiefe des Meeres wohnt.

Leukothea

war eine von den Seefahrern besonders verehrte Göttin und leistete als solche dem Odysseus auf seiner gefahrvollen Seereise Hilfe. Sie soll eine Tochter des Kadmos, Urenkelin Poseidons, und Gemahlin des Athamas gewesen sein (s. Art. Kadmos), als solche den Namen Ino geführt, und sich, von der Rache der Hera (weil sie den Bakchos, einen Sohn Zeus’ und ihrer Schwester Semele, gesäugt hatte) und von ihrem wahnsinnigen Gemahle verfolgt, mit ihrem jüngsten Sohne Melikertes ins Meer gestürzt haben, aus dem sie wie ihr Kind ein Delphin oder die Nereiden retteten. Darauf wurde sie unter die Meergottheiten versetzt, und unter der Benennung Leukothea als ein Beschützerin der Seefahrer, ihr Sohn aber als Gott der Seehäfen unter dem Namen Palämon verehrt. Besonders zu Korinth, der uralten griechischen Seehandelsstadt im Altertume, sowie auf den Inseln Rhodos, Tenedos, Kreta und in den Küstenstädten war die Verehrung dieser Meergottheit sehr alt.

Sirenen.

Die Mythe erzählt von ihnen, daß sie Töchter des Flußgottes Acheloos (daher auch ihr Name Acheloiden) und einer Muse, oder auch Töchter des Phorkys, aber Nymphen und Gespielinnen der Persephone gewesen; als sie dieser aber beim Raum des Pluto nicht zu Hilfe gekommen, von der Ceres erst in Halbweiber mit Vogelleibern, dann aber zur Hälfte des Körpers in Fische verwandelt und in dieser Gestalt den Meerbewohnern oder Tritonen ähnlich geworden wären.

"So werden sie abgebildet halb Fische oder halb Vögel und halb Jungfrauen mit Mädchengesichtern, eine Flöte oder Tuba in den Händen, wie eine solche in der gewählten Abbildung erscheint."

In den Homerischen Gedichten wird keine bestimmte Zahl der Sirenen angegeben, später aber werden gewöhnlich drei Sirenen namhaft gemacht, nämlich: Parthenope, Ligea und Leukosia. Es wird von ihnen erzählt, daß sie einst, da sie in Vogelgestalt lebten, mit den Musen einen Wettkampf im Gesange unternommen, denselben aber verloren hätten, infolge dessen die Musen ihnen zur Strafe die hauptsächlichsten Federn aus ihren Flügeln gerupft und sich damit geschmückt haben sollen.

Die Sirenen wohnten, nach der gewöhnlichen Sage, auf den klippenreichen Inseln zwischen Sicilien und Italien, lockten die Vorübersegelnden durch ihren bezaubernden Gesang, und wenn sich diese bethören ließen, zu ihnen an das Land zu kommen, töteten sie dieselben. Um ihre Wohnung her soll eine Menge von menschlichen Gebeinen gelegen haben. Es war den Sirenen vergönnt, diese den Menschen so gefährliche Gewalt so lange zu üben, bis einmal Schiffer von ihrem Gesange ungerührt vorüberfahren würden. Dies war zuerst der Fall mit den Argonauten, von welchen wir späterhin mehr hören werden, die, nur auf den unübertrefflichen Gesang des sie begleitenden Orpheus horchend, ruhig vorüberfuhren, dann später auch mit dem Odysseus, der ebenfalls glücklich vorüberschiffte, indem er die Vorsicht gebraucht hatten, den Seinigen die Ohren zu verstopfen, damit sie nicht von dem verführerischen Gesange der Sirenen angelockt würden, sich selbst aber an den Mastbaum anbinden zu lassen, so daß er wohl den Gesang hörte, nicht aber dessen Lockung folgen konnte. Da nun auf diese Weise ihre Macht das Ende erreicht hatte, so stürzten sie sich verzweiflungsvoll in das Meer und wurden in Klippen verwandelt.

Diese Verwandlung giebt uns einen Wink zur Erklärung des Mythus von den Sirenen. Sie sind wahrscheinlich die Personifikationen verborgener Untiefen, über welchen das Meer glatt und daher dem Schiffer lockend erscheint, während sie doch dem strandenden Schiffe den Untergang bringen. Daß die Sirenen verlockend singen, kann sich entweder auf das sanfte, melodische Rauschen der Wellen beziehen, oder es ist nur ein bildlicher Ausdruck, um das Verlockende an sich darzustellen.

Die Flußgötter

wurden überhaupt für Söhne des Okeanos gehalten, als Gebieter über einzelne Flüsse gedacht, und als bärtige, mit Schilf bekränzte, oft auch mit Hörnern versehene Männer abgebildet, die in der einen Hand eine Urne, aus welcher Wasser fließt, als Sinnbild des ununterbrochenen strömenden Flusses, und in der anderen ein Steuerruder halten.

Die alte Mythe nennt deren vielen, und darunter als die vornehmsten den Alpheios, Acheloos, Peneios, Asopos, Kephissos u. a. m., und erzählt namentlich von dem Alpheios: er habe die Arethusa, eine Nymphe, die sich im Gefolge der Artemis befand, mit seiner Liebe, die diese nicht erwidern wollte, so lange verfolgt, bis Artemis sich derselben angenommen, und sie, um sie dadurch der Verfolgung zu entrücken, in eine Quelle verwandelt habe, mit deren Gewässer aber Alpheios die Seinigen nun doch vereinigt habe.

Nymphen.

Schon in der Einleitung erzählte ich Ihnen, meine Leser, daß die immer geschäftige, fruchtbare Phantasie der Alten sich alle Gefilde, Berge, Thäler, Gebüsche, Gesträuche, Bäume, Wälder, Quellen, Bäche, Flüsse und Seen mit Wesen höherer Art bevölkert und von diesen gleichsam beherrscht dachte. Dieser Glaube fand bei den Römern wie bei den Griechen statt, und von jenen wie von diesen wurden solche Untergottheiten Nymphen genannte. Sie gleichen den Wasserjungfern und Waldfrauen in unseren Volkssagen.

Nymphen waren überhaupt weibliche Mittelwesen zwischen Göttern und Menschen, mit beiden im Umgange, von beiden geliebt und verehrt, Wesen, welche auch die Gabe besaßen, sich sichtbar und unsichtbar zu machen, und manches ausführen konnten, was nur Götter zu thun vermochten, die Ambrosia genossen, wie jene, welche ein heiteres, glückliches Leben führten, und zwar in Kraft und Jugend ein hohes Alter erreichten, aber nicht unsterblich waren, wie die oberen Götter. Nach dem alten Glauben wurden sie in außerordentlichen Fällen auch zur Versammlung der olympischen Götter entboten, aber ihr gewöhnlicher Aufenthalt war das Gebiet ihrer Thätigkeit in den einsamen Grotten und stillen Thälern, wo sie spinnen und weben, oder baden, liebliche Lieder singen, tanzen und spielen, oder mit den ihr Gebiet durchstreifenden oberen Göttern ziehen, als: mit der Artemis (Diana) jagen, mit dem Dionysos (Bacchus) schwärmen, mit Apollo und Hermes (Merkur) scherzen, aber mit den neckischen und ausgelassenen Satyrn in stetem Kampfe leben.

Schon die frühesten Sagen des Altertumes sind mit Erzählungen von den Thaten verschiedenartiger Nymphen angefüllt, und die Dichter trieben mit diesen Götterwesen ein lebhaftes Spiel der Phantasie. Besonders bei den Griechen waren viele Nymphen bekannt, an welche der große Haufe der Menschen glaubte, und sie oft sogar durch Errichtung reich ausgeschmückter Altäre verehrte. Ihre Verehrung fand überall da statt, wo man sie sich anwesend und waltend dachte, an Quellen und an feuchten Wiesengründen, in Wald und Gebirge. Geheiligt waren ihnen Grotten und Höhlen, wo es floß oder herabtropfte, und wo die Bienen summend aus- und einflogen. Auch eigene Heiligtümer, Nymphäen genannt, wurden ihnen in reich bewässerten Thälern und Höhlen, sowie selbst in Städten gestiftet. In den Städten waren die Nymphäen prächtige Gebäude, in welchen man die Hochzeiten zu feiern pflegte. Die Opfer, welche man ihnen darbrachte, waren Ziegen, Lämmer, Milch, Öl; Wein war davon ausgeschlossen.

Über die Herkunft der Nymphen herrschten so viele und verschiedene Sagen, daß sie hier nicht alle angeführt werden können. Vom Zeus und der Themis soll eine große Zahl derselben entsprossen sein. Man kann dieselben am füglichsten nach ihren Wohnorten oder nach ihrer Abstammung in nachstehende Klassen einteilen:

  1. Dryaden oder Hamadryaden, auch Alseiden genannt, Wald — oder Baumnymphen, deren Aufenthalt Haine, Schluchten und Waldthäler sind. Sie scherzen besonders mit Apollo, Hermes (Merkur), Pan, und werden von den Satyrn verfolgt; sie erscheinen aber auch als rüstige Jägerinnen oder Hirtinnen von Schafherden.
  2. Oreaden, Bergnymphen. Sie wurden auch nach den Gebirgen, wo sie sich aufhielten, benannt; so die Peliaden (vom Pelion), die Idäischen (vom Ida), die Kithäronischen (vom Kithäron) u. s. w.
  3. Limoniaden oder Leimoniaden, die Nymphen der Wiesen und Blumen.
  4. Napäen oder Auloniaden, Thalnymphen, d. h. die Nymphen der Bergthäler, in denen Herden weideten, welche letztere drei Geschlechter gewöhnlich im Gefolge des Pan, fröhlich und scherzend, Berge und Thäler, Wälder und Wiesen durchschwärmten. Eine schöne Thalnymphe war Eurydike, die von einer Schlange gestochen starb, und von allen Nymphen betrauert und von dem Liedersänger Orpheus mit den ergreifendsten Klageliedern besungen wurde.
  5. Okeaniden, die Töchter des Okeanos, und die Nymphen der Quellen und Bäche. Sie werden danach benannt, wie die Bäche fließen. So war Prymno, die (als Wasserfall) von steiler Höhe sich Herabstürzende; Hippo, die schnell Dahinfließende; Plexaure, die Plätschernde; Galaxaure, die erfrischende Kühle der Luft Gewährende; Kalypso, die verborgen Dahinfließende; Rhodeia, die durch Rosengebüsch Fließende, Kallirrhoe, die Schönfließende; Melolosis, welche die Weide tränkt; Telesto, die Nymphe der frischen, aus der Erde hervorsprudelnden Quellen, deren Wasser die Griechen zu religiösen Waschungen und Reinigungen gebrauchten.
  6. Die Nereiden waren die Töchter des Nereus, und werden nach ihrer Mutter auch Doriden genannt (s. Nereus)
  7. Naiaden, überhaupt die Wassernymphen oder die Nymphen des flüssigen Elementes, und Töchter des Zeus. Sie heißen die Nährenden, weil sie die Fruchtbarkeit geben. Daher befinden sie sich gewöhnlich in der Umgebung des Zeus, Poseidon und Dionysos, sowie der Demeter, Persephone (Proserpina) und der Aphrodite, und wurden auch als Gottheiten der Ehe und der Weihe verehrt.
  8. Potamiden, Flußnymphen.
  9. Limnaden, die Nymphen der Seeen, Teiche und Sümpfe, die gefährlichsten von allen, die als Wassernixen diejenigen, die sich auf ihren Gesang oder ihren verstellten Hilferuf annäherten, zu sich hinablockten oder hinabzogen; und
  10. Plejaden, die sieben Töchter des Atlas mit der Plejone, deren Schwestern die Hyaden sind.
  11. Atlantiden, die vom Atlas stammten und zu demselben gehörten.
  12. Hyaden, nach der Mythe Töchter des Atlas mit der Äthra, und Schwestern oder, nach anderer Darstellung, Töchter des Hyas, auch Schwestern der Plejaden. Sie wurden unter die Sterne versetzt, als sie aus Gram über den Tod ihres Bruders Hyas starben, den ein wildes Tier getötet hatte, und sind die sieben Sterne, welche das Haupt des Stier-Gestirnes bilden. Ihr Aufgang in der Frühe vom 7. bis 21. Mai deutete gewöhnlich Regen an; deshalb nannte man sie gewöhnlich das Regen-Gestirn. Sie wurden auch Dodoniden, als die Erzieher des Zeus von Dodona genannt. Eine derselben hieß Thyene.

Jede ausgezeichnete Nymphe hatte wieder ihren besonderen Namen.

Man bildete sie als schlanke, junge Mädchen von großer Schönheit ab, und gab ihren nach ihrer Bestimmung verschiedene Attribute.

Auf der gewählten Abbildung

"pflegen sie den Pegasus an der Quelle. In das Haupthaar haben sie alle drei Schilf eingeflochten, doch nur zwei von denselben haben Schöpfgefäße."

Echo; Narkissos.

Echo war eine der Bergnymphen, nach einigen Sagen eine der Dienerinnen der Hera, welche aber von dieser wegen großer Schwatzhaftigkeit aus ihrer Nähe verwiesen wurde, nach anderen Mythen aber eine reizende Nymphe, welche der Waldgott Pan liebte. Sie lernte den schönen Narkissos, einen Sohn des Flußgottes Kephissos, kennen, und faßte für ihn eine sehr innige Zuneigung, die aber Narkissos nicht erwiderte. Darüber grämte sich Echo so sehr, daß sie mager und immer magerer wurde, bis nur noch die Stimme von ihr übrig blieb, welche nachher in den Gebirgen und Wäldern, in welchen Pan umherzog, wohnte, und jeden einzelnen Ruf der Stimme anderer nachahmend zurückgab.

Narkissos, der von der Schönheit seines Körpers so eingenommen, und so eitel war, daß er sich in sein eigenes Bild vergaffte, wie es ihm der Spiegel der klaren Quelle zeigte, und aus Liebe zu diesem verschmachtete, ist ein Bild, in welchem die verderblichen Folgen zu großer Selbstgefälligkeit versinnbildlicht werden. Nach einer anderen Sage wurde er von den Göttern zur Strafe in eine Blume (Narcisse) verwandelt, die seinen Namen führt.

Hesperiden.

Die Hesperiden waren Töchter des Atlas (eines Riesen, der, nach der Sage der Alten, im äußersten Westen den Himmel trug) und der Hesperis (der Weltgegend), oder nach einer anderen Sage der Nacht, wohl deshalb, weil im frühesten Altertume die äußerste Weltgegend von Europa nur durch dunkle Sagen bekannte war, durch die man aber auch wußte, daß dort die lieblichsten Früchte, die Apfelsinen, die sogenannten goldenen Äpfel in Fülle gediehen. Natürlich war die Sage von diesen Wesen einer unbekannten und sagenhaften Gegend dunkel; aber die schönen goldenen Äpfel, die aus jener Gegend kamen, konnten nach der Darstellung der Griechen nur von Götterwesen, nur aus den Gärten der Götter kommen. Sie sollten sich auf einer Insel im Ocean befinden; auch werden die Inseln der Hesperiden an die Nordküste oder die Westküste Afrikas versetzt. Dies waren nun die Gärten, die von den Hesperiden gepflegt wurden, und diese im Altertume so berühmten Gärten der Hesperiden mit den goldenen Äpfeln, wo die ambrosischen Quellen am Lager des Zeus flossen, wo die Erde die herrlichsten Gaben der Götter spendete, sind also das Eden. Diese Gegend wurde immer weiter in den weiteren unbekannten Ocean hinausgerückt, je mehr man die äußerste Westspitze Europas kennen lernte; daher versetzte man sie auf die Inseln des Ocean.

Über den göttlichen Ursprung der kostbaren, goldenen Äpfel erzählt die Mythe: Bei der feierlichen Vermählung des Zeus (Jupiter) und der Hera (Juno) brachten die Götter verschiedene Hochzeitsgeschenke dar, und unter anderen ließ Titäa (die Erde) einen goldene Äpfel tragenden Baum emporwachsen. Das neuvermählte Götterpaar übertrug die Pflege dieser ihnen angenehmen Früchte den Hesperiden, aber als diese sich hinreißen ließen, von den Früchten zu naschen, ließen die Götter die Gärten durch den Drachen Ladon, den jedoch Herakles erlegte, bewachen, worauf die Hesperiden durch die Gunst der Athene die von dem Herakles geraubten goldenen Früchte wiedererhielten.

Die gewöhnliche Mythe nannte nur die drei Hesperiden Ägle, Erytheis und Hespere; später wurde Arethusa, ja es wurden noch drei hinzugefügt, so daß es deren sieben gab.

Die Musen,

auch Pierinnen und Pieriden und Kamönen genannt, wurden als Nymphen der an den Bergen Helikon und Parnassus rieselnden Quellen Kastalia, Aganippe und Pimpla (Pimplea) betrachtet, deren Wasser man die Gabe beimaß, die Trinker zu begeistern. Die älteste Mythologie nennt nur drei Musen als Töchter des Uranos: die Melete, Mneme, und Aöde, als Göttinnen des Nachdenkens, des Gedächtnisses und des Gesanges. Späterhin stieg ihre Zahl auf neun, die man für Töchter des Zeus und der Titanide Mnemosyne hielt, auch von Pierien, dem Lande ihrer Geburt am Olymp, Pierinnen benannte. Daher wurden sie auch vorzugsweise in der Landschaft Pierien am Olymp verehrt, von wo sich ihr Kultus besonders an den Berg Helikon in Böotien, sowie nach Athen, Sparta, Trözen und an andere Orte verbreitete. Man legte die Ausbreitung des Musendienstes besonders einem Thraker Pieros bei, von dem man auch erzählte, daß er seine neun Töchter mit den Namen der Musen belegte und sie mit jenen einen Wettgesang anstimmen ließ, in welchem sie besiegt und zur Strafe ihres Erkühnens in Singvögel verwandelt wurden. Die Verehrung am Helikon dauerte bis in die späteste Zeit in einem Haine mit den heiligen Quellen: Aganippe, Hippokrene. Außerdem gab es hier den Musen geweihte Werke. Die Feier der Verehrung war mit Wettkämpfen verbunden, Museien genannt.

Die neun Musen der gewöhnlichen Mythologie der Griechen und Römer galten als Göttinnen des Gesanges, der Musik, der Dichtkunst und überhaupt der schönen Künste, welche die Bildung der Menschen beförderte. Sie bewohnten die Gipfel der Berge Helikon, Parnassos und Pindos, liebten die heiligen Quellen dieser Berge, beschäftigten sich mit den schönen Künsten, welche sie überhaupt beschützten, und zu deren Übung sie die Menschen anfeuerten und begeisterten. Sie stiegen oft in den Olymp, und verherrlichten durch Übung ihrer Künste das selige Leben der oberen Götter. Bald erscheinen sie in der Mythologie alle als Jungfrauen, bald aber auch vermählt, und werden als Mütter verschiedener Söhne genannt (welches indes wohl nur die Idee: daß sich einige Künstler ganz ihrem Dienste widmeten, ausdrücken soll), jedoch mit Ausnahme der Urania. — Sie straften diejenigen, welche sich vermaßen, es mit ihnen in den Künsten des Gesanges und der Musik aufnehmen zu wollen, z. B., wie oben erzählt worden, die Töchter des Pieros, ferner die Sirenen und den Thamyris. Apollon selbst war Anführer der Musen, und hieß daher Musagetes. Die Dichter der älteren Zeiten riefen beim Anfange ihrer Werke jederzeit die Musen um Schutz und Gunst an, was von neueren Dichtern nachgeahmt worden ist. In den bildlichen Darstellungen der älteren Zeit erscheinen sie stets vereint, alle in derselben Kleidung und mit denselben Attributen und musikalischen Instrumenten, nämlich Cithern, Harfen und Flöten, dann auch mit Schriftrollen. Diese Schriftrollen haben die ursprüngliche Veranlassung gegeben zur Sammlung von Schriftwerken im Dienste der Musen, woraus die Bibliotheken, wie die Museen entstanden sind, wie sie in der heutigen Zeit gewöhnlich sind. So weist die Bedeutung des Namens Museum zurück auf den uralten Dienst der Musen — also auf die Bildung, die ein Werk der Musen ist.

Die neun Musen wurden nach der Verschiedenheit ihrer Bestimmung auf folgende Art dargestellt und abgebildet:

"1) Klio, die Muse der Geschichte, sitzend, hält, mit einem Lorbeerkranze bekränzt, eine halbgeöffnete Pergamentrolle und hat neben sich ein Gefäß mit Schriftrollen. — Außerdem wird sie auch stehend abgebildet, und hat außer der Schriftrolle in der einen Hand, einen Schreibgriffel in der anderen Hand."

"2) Melpomene, die Muse des Trauerspieles (der Tragödie), erscheint in hoher und ernster Gestalt, bekleidet mit einem weiten, tragischen Gewande (Tunika, Syrma), mit dem kurzen Mantel (Chlamys), den linken Fuß auf einen Felsen gestützt, und in der rechten Hand eine tragische Maske; in anderen Bildern hat sie ein Diadem, oder einen Cypressenkranz um das Haupt, und hält einen Dolch oder einen Keule in der Hand."

"3) Thalia, die Muse der Komödie (des Lustspieles) und der scherzhaften Gedichte, erscheint stehend, bekleidet mit einer Tunika und einem mit Fransen besetzten Mantel, in der einen Hand den Hirtenstab (Pedum) oder Jokusstab, der oben gekrümmt und knotig ist, und in der anderen Hand eine lachende Maske."

"4) Kalliope, die Muse des heroischen Gesanges (Heldengedichte, Epopöen), gilt als vornehmste der Musen, erscheint daher auch zuweilen allein als die Vertreterin derselben. Sie wird sitzend mit einer Schreibtafel und einem Griffel — aber auch stehend und bekränzt, mit einer Schriftrolle in den Händen — oder auch mit einer Tuba (einem posaunenartigen Instrumente), die mit einem Lorbeerzweige umwunden ist, dargestellt."

"5) Urania, die Himmlische, ist die Muse der Sternkunde, und hat sitzend eine zum Teil verhüllte Himmelskugel (Sternglobus) neben sich, einen Zirkel in der einen Hand, während sie mit der anderen nach dem Himmel hinauf deutet. In anderen Abbildungen trägt sie eine Sternenkrone und eine Leier, richtet den Blick zum Himmel, oder zeichnet mit einem Stabe etwas auf eine vor ihr befindliche Himmelskugel."

"6) Euterpe, d. h. die Ergötzende, ist die Muse der Tonkunst, bläst stehend auf einer Doppelflöte; aber spielt auch andere Musik-Instrumente."

"7) Polyhymnia oder Polymnia, die Muse des Gesanges und der Beredsamkeit. — Ihr Name bedeutet: die Liederreiche, Gesangreiche. Sie wird die Erfinderin der Mythen genannt; darum erscheint sie auch in sinnender Stellung, mit einem Finger am Munde, und mit einem Lorbeerkranze auf dem Haupte; — aber sie wird auch in ruhiger, aufmerksam anschauender Stellung, an eine Säule vorwärts gelehnt, die Arme verhüllt, oder auch verschleiert dargestellt. Der Schleier bedeutet die sinnbildlich verhüllte Wahrheit der Mythe, die sinnende Stellung deren Deutung. Darum ist sie auch die Göttin der ernsten und religiösen Gesänge."

"8) Erato, d. h. die Liebliche, ist die Muse der Liebeslieder (erotischen Gedichte) und hochzeitlichen Gesänge; sie ist bekränzt und spielt die große und vielsaitige Leier — oder hält auch in andern Abbildungen eine Leier neben sich und in der anderen Hand einen Pfeil oder auch einen Kranz von Myrten und Rosen."

"9) Terpsichore ist die Muse der Tanzkunst, in langem Gewande und bekränzt, und spielt die kleinere Leier; — oder hat in anderen Abbildungen eine Handpauke mit Schellen, und erscheint leicht geschürzt, in tanzender Stellung."

Die Mutter der Musen hieß, wie Sie schon gelesen, Mnemosyne, d. h. das Gedächtnis. Dies Gedächtnis bezieht sich insbesondere auf die Erinnerung an die großen Ereignisse im Weltursprunge und in den Titanenkämpfen, welche die Weltbildung bezeichnen, bis daraus die Schönheit der Harmonie der Welt hervorging. Später hat man sie einfach nur als die Göttin der Erinnerung und des Gedächtnisses betrachtet und mit den übrigen Musen verehrt.

"Sie wurde, beide Hände in das Gewand verhüllt, in nachdenkender, ruhiger Stellung dargestellt, um dadurch das Gedächtnis, so wie es ist, still und in sich verschlossen, bildlich zu bezeichnen."

Die Musen nebst Apollon pflegten bei Göttermahlen und Hochzeiten der Heroen zu musizieren, und die Horen, Chariten, Aphrodite und andere Göttinnen der Lust und Freude zu tanzen. So dachte man sich sinnbildlich Freude, Musik, Poesie, Tanz und Heiterkeit in ihrem Ursprunge göttlich und vereint.

Wollen Sie, meine Leser, die Bestimmung der Musen leicht übersehen, so merken Sie sich nachstehende Verse eines deutschen Dichters:

Klio lehrt die Geschichte der Völker; tragische Spiele

Sind der Melpomene heilig, die komischen liebet Thalia;

Heldengesänge tönt der Kalliope stolze Drommete;

Tänzer beschützt Terpsichore, Flötenspieler Euterpe;

Erato singet der Liebenden Glück; Urania wandelt

Unter den Sternen; Polymnia herrscht im Reiche der Rede.

Iris

die Göttin des Regenbogens, war eine Tochter des Thaumas und der Elektra, Enkelin des Okeanos und der Erde; eine Schwester der Harpyien. Sie wohnte als Botin der Hera (Juno) und des Zeus, sowie anderer Götter, im Olymp, und war auch Führerin und Beraterin der Menschen, denen sie von den Göttern Botschaft brachte. Stets windesschnell eilt sie von einem Ende der Welt zum andern, und dringt selbst in die Tiefe des Meeres wie bis zum Styx, so daß sie als das weibliche Gegenbild des Götterboten Hermes erscheint, nur daß sie zu der Königin der Götter, Hera, in einem ähnlichen, besonders nahen Dienstverhältnisse steht, wie Hermes zum Götterkönige Zeus.

Die Alten glaubten, daß Iris die Wolken mit dem Wasser aus den Seeen und Flüssen speise, damit diese es im Regen wieder auf die Erde, dieselbe befruchtend, herabträufeln lassen. Daher war ihre Erscheinung dem Landmanne, als Zeichen eins erquickenden Regens, willkommen, und er verehrte die Göttin gern, die sich ihm im schönfarbigen Bogen am Himmel kenntlich machte.

Sie wurde als ein schönes Mädchen mit buntfarbenen Flügeln, im bunten Gewande, auf einem Regenbogen daherfahrend, oder einen Nimbus über dem Kopfe, der alle Farben des Regenbogens spiegelt, abgebildet. In dem gewählten Bilde

"erscheint sie beflügelt und bis auf die Füße mit einem weiten Gewande bekleidet, in der einen Hand den Botenstab, wie ihn Hermes (Merkur) auch trägt, und in der anderen Hand einen glänzenden Helm, um die glänzende Erscheinung des Regenbogens dadurch anzudeuten."

Eos oder Aurora; Lucifer.

Eos (Aurora), d. h. die Morgenröte, auch Hemera, d. h. Tagesgöttin genannt, war eine Tochter des Titanen Hyperion — der den hoch über die Erde dahinschreitenden Gott der Sonne bedeutet — und einer Titanin Theia, und wurde für eine Schwester des Helios und der Selene, d. h. der Sonne und des Mondes, gehalten. Sie ist das rosige Frühlicht des noch beim Sternenscheine anbrechenden Tages, mit dem die Dämmerung schwindet. Bei ihrem Erscheinen erbleichen die Gestirne und Selen (der Mond), aber ihr folgt auch eilend Helios (das Gestirn der Sonne). Einige Dichter erzählen, daß sie mit rosenfarbenen Fingern den Schleier der Nacht aufhebe, und auf einem mit weißen Rossen bespannten Wagen aus dem Oceane im Osten emporstiege, um auf ihrer Fahrt die Erde zu erleuchten; andere sagen: Sie bediene sich dazu des Pegasus (s. d. Abbildung), eines geflügelten Rosses, welches, nachdem es den Bellerophon — einen kühnen Helden, der sich im Übermute des Glückes auf demselben in den Olymp erheben wollte — abgeworfen habe, ihr von dem Zeus zu diesem Behufe geschenkt worden sei.

Die rosenfarbenen Finger der Göttin bedeuten die rosigen Lichtstrahlen des Frühlichtes. Sie liebt das Frische und Schöne, wie es dem frühen Morgen eigen ist.

Mit dem Asträos, dem Gotte des Sternenlichtes, vermählt, gebar Eos die vier Winde: Zephyros, Boreas, Notos, Euros, sowie den Morgenstern. Der Grund dieser Sage liegt in der Erfahrung, daß sich in der Regel, wenn das Morgenrot anbricht und ehe noch die Sterne erbleichen, also wenn sich Eos und Asträos verbinden, ein frischer und kräftiger Wind erhebt, der die schwebenden Nebel vor sich herjagt und als Tau auf die Erde legt. Sie traf oft schon frühe am Tage Jäger im Walde, gewann einige davon lieb, und entführte, nach der mythischen Erzählung, vier derselben, den Orion, Kleitos, Tithonos (dem sie von den Göttern Unsterblichkeit erbat) und den Kephalos. Der letztere liebte seine Gemahlin Prokris zärtlich, und verschmähete, wie hier beiläufig erzählt werden möge, die Zuneigung der Aura, d. h. der Göttin des frischen Windes, die sich dadurch an ihm rächte, daß sie Mißtrauen und Zwietracht zwischen beiden Gatten erregte — nach anderen Erzählungen — daß Kephalos die Prokris aus Versehen auf der Jagd tötete. Prokris nämlich hatte sich, eifersüchtig auf Aura, um deren Zusammenkunft mit Kephalos zu belauschen, im Gebüsche verborgen; als sie sich dort zufällig bewegte, vermutete Kephalos ein verborgenes Wild, warf unbesehens seinen Jagdspieß und traf sein Weib.

Als Eos ihren und des Tithonos Sohn, Memnon, früher verlor, errichtete sie demselben, nach der Sage der Alten, bei Theben in Ägypten die wunderbare Bildsäule, welche die Eigenschaft hatte, sobald die ersten Strahlen der Morgenröte sie berührten, einen Klang von sich zu geben, gleich einer Saite, die auf einer Laute zerspringt. Als der persische König Kambyses Ägypten unterjochte, ließ er diese berühmte Bildsäule umwerfen, die noch jetzt als Memnonsäule in ihren Bruchstücken Gegenstand der Bewunderung aller Reisenden der gebildeten Völker ist, indem man noch immer jene wunderbare Eigenschaft an ihr wahrzunehmen meint.

Eos wurde als eine anmutige Jungfrau, gewöhnlich mit großen Schulterflügeln, im weiß und feurig rot strahlenden Gewande, einen Stern, oder eine Haube auf dem Haupte, und eine Fackel in der Hand, auf einem goldenen, zweibespannten Wagen, oder auf dem Pegasus sitzend, oder auch geflügelt dahinschwebend, abgebildet, nicht selten im Begriff, den Morgentau aus einem Gefäße auf die Erde auszugießen.

In dem gewählten Bilde erscheint sie

"mit einem flüchtigen Viergespanne von Rossen. Die Flügel und das flatternde Gewand deuten ihre außerordentliche Eile an. An den Stierköpfen erkennt man es, daß bei ihrer Ankunft noch die Sterne am Himmel sichtbar sind. Aber der hellleuchtende Lucifer eilt ihr mit seinen Fackeln veraus. Auf ihrem Wege erheben sich, vom Tau erquickt, die Blumen und Pflanzen, wie es ja in der Natur auch geschieht."

Lucifer, der Morgenstern, wird auch als Liebling der Aphrodite oder der Hera dargestellt, und stets als Vorläufer der Eos mit Fackeln von den Künstlern abgebildet. In anderen Bildern eilt ihr auch Hermes (Merkur) voran.

Äolos

war der Gott der Winde.

Durch Höhlen und Bergklüfte strömt gewöhnlich ein starker Luftzug, der von den alten Völkern, die sich ihrer häufig als Wohnungen bedienten — wie überhaupt alle Naturkräfte und Wirkungen, die sie wahrnahmen — personifiziert wurde. So entstand der Mythus von einem Gotte der Winde, Äolos, der, nach der Meinung der Alten, auf der Insel Lirara in einer weiten Höhle des Berges seinen Wohnsitz hatte, und von dort aus die Erde und das Meer auf einen den Menschen oft gefährliche Art heimsuchte, während er auch wieder als gastfreier Freund der Seefahrer auftritt und ihnen seinen Gunst erweiset, die nur durch eigenen Vorwitz eingebüßt wird, wie dies nach der Erzählung der Odyssee besonders Odysseus (Ulisses) durch die Schuld seiner Gefährten auf seiner Fahrt empfunden haben soll.

Als er nämlich auf seiner später im Zusammenhange zu erzählenden Irrfahrt auch zu der Insel des Äolos kam, bewirtete ihn dieser freundlich und gab ihm, als er heimfahren wollte, alle widrigen Winde in einem großen ledernen Schlauche mit in sein Schiff, während er nur den seiner Heimfahrt nach Ithaka günstigen Wind wehen ließ. Achtsam stand Odysseus am Steuer, nach mehrtägiger Fahrt aber ließ er sich, schon nahe seiner Heimat, vom Schlafe übermannen, und seine neugierigen Gefährten, welche meinten, Äolos habe ihrem Herrn in dem Schlauche kostbare Geschenke mitgegeben, öffneten diesen, um die Schätze zu sehen, worauf sofort die entfesselten Winde mit Ungestüm hervorbrachen und das Schiff aufs neue verschlugen.

Äolos, ein Sohn des Königs Hippotes, lebte auf einer steilen liparischen Felseninsel bei Sicilien, mit seinen sechs Söhnen und sechs Töchtern, die er miteinander vermählte, bei stets rauschender Musik in Freuden. In den Felsenhöhlen aber ist die Wohnung oder der Kerker der Winde, welche Äolos bändigt oder beherrscht, und von denen er bald diesen, bald jenen nach dem Willen der oberen Götter entfesselt und wehen läßt. Neben dieser Vorstellung der von Äolos beherrschten Winde besteht aber auch eine andere, nach welcher er die Winde durchaus selbständige göttliche Personen sind, die in getrennten Wohnungen hausen und nur den Geboten des Zeus und Poseidon folgen.

Über die vorzüglichsten der Winde: Boreas, der Nordwind, Euros, der Ostwind, Notos, der Südwind, und Zephyros, der Westwind siehe das Nähere mit Abbildungen in dem Folgenden.

Die Winde.

Die Winde waren, wie soeben bemerkt, nach einer Vorstellung die Untergebenen des Äolos (s. oben), nach einer anderen, ebenfalls schon berührten Mythe waren die guten und sanften Winde Söhne des Asträos und der Eos, die bösen und verderblichen Ausgeburten des Typhon; nach einer dritten Vorstellung waren sie selbständige Götter, deren Ursprung unbekannt ist. Ihre Zahl wird verschieden angegeben, je nachdem man nur die Winde aus den Hauptrichtungen der Windrose: Nord, Süd, Ost und West, oder auch diejenigen aus den Mittelrichtungen: Nordost, Südwest u. s. w. berücksichtigte. Besonders wurden bei der Personifikation der Winde ihre Wirkungen ins Auge gefaßt, z. B. die rauhe Kraft des Nordwindes, die warme Milde des Südwest u. s. w. Demgemäß fand sich in Athen ein achteckiger Turm der Winde, an dem auf jeder Seite einer der hier genannten Winde dargestellt war. Wir lernen auch an diesen die Gabe der alten Griechen kennen, sich alle Naturerscheinungen faßlich und naturgetreu zu versinnlichen.

"Zur Versinnlichung, wie sich die Alten die Winde als Bild in geflügelten Wesen dachten und vorstellten, sind hier vier von den Bildern am Turme der Winde ausgewählt. Euros, der Ostwind, war warm und brachte Regen. Letzteres bezeichnet das umgekehrte Gießgefäß. — Lips ist der Südwest, und war in Athen den in den Hafen Piräus einlaufenden Schiffen günstig; dies wird durch das Hinterteil eines Schiffes bezeichnet. — Zephyros, der warme und milde Westwind, ist mit bloßen Füßen, leicht bekleidet, und mit Blumen im Gewande dargestellt. — Von diesen unterscheidet sich Apeliotes, der Südostwind, dadurch, daß er beschuht ist, und statt der Blumen die Fülle der reifen Früchte aller Art trägt."

Obgleich alle Winde personifiziert waren und man ihnen als Göttern, von deren Gunst der Mensch in vielen Verhältnissen abhängt, Opfer brachte, namentlich den schädlichen Winden Sühnopfer, um sie zu beschwichtigen, so haben doch nur Zephyros und Boreas eigene Mythen. Von beiden Winden haben wir schon berichtet, daß sie um Chloris (Flora) warben, die sich mit Zephyros vermählte, von Boreas wird berichtet, daß er die schönste Tochter des attischen Königs Kekrops, Oreithyia, geraubt und zu seinem Weibe gemacht habe. Dessen gedachten die Athener, als die Perser zum erstenmale gegen Griechenland heranschifften, sie riefen den Boreas, der ja gleichsam ein Verwandter der Athener geworden, zu ihrer Hilfe an, und Boreas erhörte sie. Bei dem Vorgebirge Athens fuhr ein furchtbarer Nordsturm in die persische Flotte, welcher sie zerstreute und zum Teil vernichtete. Seit der Zeit hatten die Athener einen Altar des Boreas, dem sie Dankopfer für ihre einstige Rettung brachten.

Eros oder Amor; Psyche.

Eros (die Liebe, der Liebesgott) ist eine nur bei den Griechen verehrte Gottheit, welche die Römer nur durch die Dichter von den Griechen in der späteren Zeit kennen lernten, und deren Namen sie mit Amor (Liebe) übersetzten, woneben häufig Cupido (mit langem i, ja nicht Cúpĭdo zu sprechen) gebraucht wird, obgleich dieser Name eigentlich mehr dem griechischen Pothos (Liebesverlangen oder Begierde) entspricht. Es spricht sich auch in diesem Umstande eine wesentliche Verschiedenheit des Charakters beider Völker aus, die einen tiefen Blick in ihr Seelenleben thun läßt.

Erinnern Sie sich, meine Leser, aus der vorhergehenden Darstellung, wie die Alten sich die Entstehung der Welt dachten; nämlich das Chaos — die verworrene Masse der in ihrer Vermischung miteinander streitenden Elemente der Natur — sei durch eine dazugetretene Kraft gesondert und in harmonische Ordnung gebracht. Diese Kraft ist Eros, die Liebe, welche das Gleichartige miteinander verbindet und von dem Ungleichartigen sondert, auf diese Weise Ordnung und Harmonie im Weltall begründend. Nach dieser Idee war Eros oder die Liebe die in der Natur allwirkende und schaffende Kraft; eine Vorstellung, die sich später weiter entwickelte, indem aus derselben die Mythe von einem Gotte der Liebe hervorging, der an mehreren Orten lebhaft verehrt wurde. Jener ursprüngliche Eros, welchem man als den kosmogonischen (d. h. den Weltzeuger) beizeichnet, war selbst früher als alle übrigen Götter vorhanden, und durch die Vorstellung von ihm wurde die Schöpfung und Gestaltung der Erde erklärt, doch dürfen wir nicht zu erwähnen vergessen, daß dieser kosmogonische Eros keine eigentliche mythologische Gestalt ist, sondern nur der mythologische Ausdruck einer philosophischen Idee, weshalb er auch nirgends eigentlichen Kultus hatte.

Dies ist dagegen der Fall mit dem späteren Eros oder Amor, der nach der gewöhnlichen Auffassung als ein Sohn der Aphrodite und des Zeus (Jupiter), oder des Ares (Mars), oder auch des Uranos betrachtet wurde, und dem man große Gewalt über die Herzen der Götter und Menschen beilegte. Der große griechische Bildhauer Phidias dagegen stellte das Verhältnis des Eros zu der Aphrodite wieder anders dar. Nämlich als die junge, bei ihrer Geburt aus dem Meere auftauchende Göttin Aphrodite an das Land stieg, empfing sie hier den Eros, und Peitho (die Wohlredenheit) bekränzte sie, und alle Götter des Himmels, der Erde und des Meeres umgaben sie.

In der frühesten Vorstellung wurde dieser Gott als der schönste der unsterblichen Götter betrachtet, — und er ist es auch, insofern man darunter die Naturkraft sich vorstellt, welche die Schöpfung mit ihrer Allgewalt vollbringt, indem sie den Kampf und das Gewirr in der ordnungs- und formlosen Naturmasse aussöhnend und mildernd stillt, und dadurch in der ordnungslosen Masse das Gleichgewicht einer ruhigen und ebenmäßigen Thätigkeit herstellt. Der Gott der späteren Zeit galt für den jüngsten von allen Göttern, dessen siegender Allgewalt aber weder die Götter, noch die Menschen entgehen. Betrachten Sie diesen Umstand in der religiösen Vorstellung dieser Gottheit der frühesten und der späteren Zeit etwas genauer, und es wird Ihnen nicht entgehen, daß in der Vorstellung von dem Eros mit der Zeit eine große Umwandlung stattgefunden hat. Aus der schöpferischen Liebe der schaffenden Weltkraft ist die jugendlich frische Kraft der Liebe des Menschen geworden; — allerdings im Grundbegriffe immer dasselbe, als Liebe — die große, alles besiegende Naturgewalt der Anmut und Milde, — durch welche der Kampf aufhört, und alles sich in einen ebenmäßigen Gang fügt, — dort in Beziehung auf die Weltschöpfung und Weltgestaltung, hier in Beziehung auf den Menschen. Später trat die letztere Vorstellung in dem Glauben, sowie damit in der Kunst, mehr hervor, obgleich man diese Gottheit fortwährend noch als die schöpferische Naturkraft verehrte, z. B. in Thespiä, wo das älteste Götterbild ein roher Stein war, aber auch als die siegende Macht, z. B. bei den Spartanern, Thebanern, zu Athen und auf den Inseln Samos und Kreta. Die Spartaner wie die Kreter opferten dem Eros vor der Schlacht als demjenigen Gotte, der die Heere in der Liebe zum Vaterland zusammenhielt, und zu Athen gab es einen Altar des Eros und einen solchen des Anteros (der Gegenliebe). Zu Thespiä wurden dem Eros die Erotidien, eines der beliebtesten Spiele in Böotien, bis in die späteste Zeit gefeiert.

In der Zeit der schönsten Kunst hat der berühmte griechische Bildhauer Praxiteles den Eros als einen zum Jünglinge heranreifenden Knaben in der höchsten Anmut, mit vergoldeten Flügeln, dargestellt. Dieses Bild, das zu den schönsten Götterbildern der Griechen gehörte, entführten später die Römer, nachdem sie Griechenland besiegt hatten, nach Rom. Auch andere Meister der Bildnerkunst haben von diesem Gotte Bilder gemacht.

So war dieser Gott, obschon er nicht zu den olympischen hohen Göttern gehört, von den Griechen im Leben, in der Kunst und Poesie ein mit Vorliebe gepflegtes Bild, je mehr man die siegende Liebe mit ihrer frischen und frohen Allgewalt erkannte. Darum erscheint er als Knabe mit der höchsten Anmut ausgestattet, beflügelt, der wie seine Mutter alles Schöne liebt, die Blumen, schöne Mädchen, wie schöne Knaben, und auch die jungen Männer beseelt, die in den Kampf gehen. Er hat den Bogen und den Köcher mit Pfeilen, oder eine brennende Fackel in den Händen, um die Gewalt der feurigen Kraft zu bezeichnen, oder er wird die Leier spielend, auf dem Adler, Löwen oder Delphin reitend, oder mit Rehen oder Ebern fahrend dargestellt, um auszudrücken, daß die Liebe auch die wildesten und scheuesten Tiere zähmt und bändigt. Aus dem griechischen Altertume sind uns viele liebliche Lieder von Anakreon erhalten, in denen er den schalkhaften Eros (Amor) besingt. Deshalb nennt man auch heute noch erotische Lieder, deren Gegensand die Liebe ist. Wir haben

"das Bild hier gewählt, das ihn auf dem ruhig dahinschreitenden Löwen reitend darstellt, die Leier spielend, zum Zeichen, daß die Liebe durch ihre sanfte Gewalt, die hier durch Saitenspiel bezeichnet wird, auch das Wildeste zu besiegen vermag."

Er erscheint auch häufig in der Begleitung seiner Mutter; die Grazien und Musen waren seine Gespielinnen; alles Bilder der Anmut der Liebe, und eine Andeutung, daß sie nur mit dem Schönen sich einigt. — Pothos bei den Griechen ist, wie Cupido bei den Römern, wie schon oben erwähnt, nicht völlig gleich mit Eros und Amor, sondern bezeichnet das Liebesverlangen, d. h. die sich durch Verlangen nach Einigung äußernde Seelenkraft der Liebe, während eine dritte Gestalt dieses Kreises, Himeros, die milde Liebessehnsucht ausdrückt. Deshalb erscheint auch Eros oft mit Pothos und Himeros vereinigt.

Zu den lieblichsten Darstellungen der Griechen gehört die Mythe von der Verbindung des Eros (Amor) mit der Psyche, wie sie die Poesie und Kunst mannigfach, wenn auch erst in später Zeit, dargestellt hat. — Psyche ist die empfindende Seele und wird von den Künstlern der Griechen als Schmetterling oder als zartes Mädchen mit Schmetterlingsflügeln dargestellt. Daher setzt auch in Bildern des Altertumes den von Prometheus geformten Menschen, um dieselben, entweder Athene einen Schmetterling auf das Haupt, oder Hermes als Seelenführer führt die mit Schmetterlingsflügeln begabte Psyche für die Menschenbilder dem Prometheus zu, zugleich mit den Schicksalsgöttinnen des Menschen, den Parzen: Atropos, Lachesis und Klotho, die Sie im folgenden noch genauer werden kennen lernen. Die bildliche Darstellung der Psyche als ein liebliches Mädchen mit Schmetterlingsflügeln gehört der griechischen Kunst der späteren Zeit an. Zu den schönsten und sinnigsten Kunstwerken des Altertumes gehört die Gruppe des mit der Psyche vereinigten Amor, welche wir ausgewählt haben. Darin

"erscheinen beide in zartester und innigster Einigung sich umarmend. Eros hat Köcher und Bogen abgelegt, und der Köcher mit seinen verwundenden Pfeilen ist geschossen. Vor ihm liegen auf dem Boden Rosen, und ein grünender Rosenzweig steht neben ihm, um durch die schönste der Blumen anzudeuten, wie Eros der Gott der Anmut in der Liebe sei. Psyche trägt die Fessel am Fuße und Arme und verhüllt sich mit leichtem Gewande. Hinter ihr steht der Spiegel. So wußten die Griechen die Vereinigung der frischesten Seelenkraft mit der höchsten Anmut sinnbildlich darzustellen."

In einer besonderen, ausführlicheren mythologischen oder, genauer gesprochen, allegorischen Erzählung wird die Verbindung des Amor mit der Psyche in Beziehung auf den Wandel mit Leben dargestellt. Dieselbe gehört zu dem Anmutigsten, darum möge sie hier einen Platz finden.

Psyche war die jüngste Tochter eines Fürsten auf der Insel Kreta, nach anderen Erzählungen aber des Sonnengottes, und mit so hoher Schönheit begabt, daß sie für die zweite Aphrodite (Venus) galt, und daher die Eifersucht dieser Göttin weckte. Mehr jedoch beneideten ihre minder schönen Schwestern sie um ihre seltenen Reize willen. Aphrodite (Venus) sandte den Eros (Amor) ab, um die Psyche für den Frevel, so schön wie sie zu sein, dadurch zu bestrafen, daß er ihr Liebe zu einem verächtlichen Menschen einflößen sollte. Eros (Amor) kam, sah die Psyche, und gewann sie überaus lieb. Der Vater derselben hatte sich indes an das Orakel des Apollon gewendet, und dort die Weisung erhalten, seine Tochter im Trauergepränge auf einen Felsen zu führen, weil sie zur Braut eines geflügelten Drachen bestimmt sei. Unter Schmerz und Klage wurde der Befehl des Orakels, dem man gehorchen mußte, vollzogen. Als Psyche sich auf dem Felsen allein befand, umschwebte eine Wolke sie, leise Zephyrlüfte hoben sie auf, und trugen sie sanft in ein schönes Schloß. Hier traf Eros (Amor) mit ihr zusammen, jedoch nur in dunkler Nacht und von Psyche unerkannt, und warnte jedesmal die Geliebte, einen Versuch zu machen, ihn näher kennen zu lernen. Als aber Psyche ihre Schwestern hatte zu sich kommen lassen, um ihnen ihre Herrlichkeiten zu zeigen, drangen diese in sie, die erste Gelegenheit, die sich ihr darböte, zu benutzen, um ihren Geliebten persönlich kennen zu lernen. Die gereizte Neugier ließ die Psyche alle Warnungen desselben vergessen; sie schlich sich während der Nacht mit einer Lampe zu ihm, ritzte sich aber zufällig an den Pfeilen des Gottes der Liebe, und ließ — darüber erschrocken — indem sie sich über den Schlafenden hinneigte und in ihm den Sohn der Aphrodite (Venus), Eros (Amor), erkannte, einen Tropfen heißen Öles auf dessen entblößte Schulter fallen, worauf dieser erwachte, und, unter Vorwürfen über die Neugier seiner Geliebten, diese sogleich verließ und entfloh. Trostlos raffte sich Psyche auf, verließ ihr Schloß und durchstrich, ihren Geliebten suchend, alle Länder. Einst kam sie auf ihrer Reise zum Palaste der Aphrodite (Venus); diese behielt sie bei sich, behandelte sie hart, legte ihr selbst Sklavinnenarbeiten auf, und stellte ihren Mut unter anderen auch auf die schwere Probe, daß sie ihr befahl, ins Schattenreich hinabzusteigen, und von der Persephone eine Büchse mit Schönheitssalbe zu holen. Psyche würde den harten Prüfungen haben unterliegen müssen, wenn nicht Eros (Amor) sie im geheimen unterstützt hätte. Jetzt aber, als sie die Büchse geholt hatte, und, indem sie solche öffnete, von einem ihr aus derselben entgegensteigenden Dampfe angeweht, ohnmächtig niedersank, jetzt vermochte Eros (Amor) nicht, sich länger zu halten; er eilte hinzu, hielt die sinkende Psyche, und rief sie liebend ins Leben zurück. Nun war auch der Zorn der Aphrodite (Venus) versöhnt. Psyche wurde unter großen Festlichkeiten, im Beisein der oberen Götter, mit dem Eros (Amor) vermählt, und erhielt im Olymp die Unsterblichkeit.

Es ist nicht schwer, die Wahrheit, welche unter dieser lieblichen Hülle verborgen liegt, zu erkennen. Die Geschichte von Eros und Psyche ist nichts Anderes, als ein Bild des menschlichen Lebens, in welchem dargestellt wird, wie die Seele, nachdem sie einmal das göttliche Gebot übertreten hat, durch Leiden und Unglück geläutert und zum Genuß reiner und echter Freude vorbereitet und für denselben empfänglich gemacht wird.

Dichter und Bildkünstler haben noch viele kleine Liebesgötter oder Genien in lieblicher Kindergestalt und beflügelt in der Umgebung der Aphrodite (Venus), nicht selten auch in der des Dionysos (Bacchus) dargestellt, und diese werden, nach Eros (Amor), Eroten oder Amoretten genannt.

Zur Ergänzung des Obigen und zum Verständnis des umstehenden Bildes heben wir noch besonders hervor: Die Bedeutung des Wortes Psyche (Seele) hat die darstellende Kunst mit besonderer Liebe vielseitig aufgefaßt und uns in dem Bilde eines Schmetterlings, der aus dem gebundenen Zustande der Raupe und der Verpuppung auffliegt, das Wesen der Seele, wie sie aus den Fesseln des Irdischen sich zur Freiheit und zum Lichte emporschwingt, zu versinnbildlichen gesucht.

Darum trägt Psyche Schmetterlingsflügel; Eros, so sehr er sie liebt, umarmt und küßt, mißhandelt und peinigt sie andererseits. Weinend und abgewendet versengt er dem Schmetterling mit der brennenden Fackel (letztere ist ein ihm stets beigegebenes Attribut, um die Gewalt der brennenden Liebe zu bezeichnen). Diese Allegorie ist ein schönes Sinnbild, wie die Seele (Psyche) trotz aller Liebe, die Eros ihr zollt, dennoch viel von ihm und seinen Leidenschaften zu dulden hat. Hinter dem Schmetterlinge steht Nemesis, die Vergelterin. Vor Eros erblicken wir Elpis, die Hoffnung, tröstend mit einer Lilienblume in der Hand. Vortrefflich erblicken wir in obigem Bilde die Darstellung der menschlichen Liebe und Leidenschaft, — die Entzweiung und Versöhnung, — das Verlieren und Wiederfinden!

Hymen oder Hymenäus

der Gott der Ehen, war sowohl bei den Griechen, als bei den Römern verehrt. Seine Abkunft wird verschieden angegeben, bald von Apollon oder Kalliope, bald von Dionysos oder Aphrodite u. a. Er ist eigentlich die Personifikation des Brautliedes und gilt in einigen Sagen als sterblich geboren und erst später vergöttert. Über diese Vergötterung bestehen verschiedene Erzählungen.

Ein Mythus erzählt von ihm folgendes: Hymen war ein armer, aber so schöner und zarter Jüngling, daß er für eine Jungfrau hätte gehalten werden können. Er liebte eine reizende Athenienserin, ohne jedoch Hoffnung zu haben, sich mit ihr vermählen zu dürfen. Um indes ihr nahe zu sein, mischte er sich unter die Schar der Mädchen, als diese das Fest der Demeter zu Eleusis feierten. Da brach plötzlich eine Schar Seeräuber aus einem Hinterhalte hervor und schleppte die Jungfrauen in ihr Schiff, um sie zu entführen und an fernen Küsten als Sklavinnen zu verkaufen. Die Räuber landeten mit ihrer Beute an einer wüsten Insel und berauschten sich dort so, daß sie in einen tiefen Schlaf versanken. Hymen benutzte diesen Umstand, ermunterte seine Gefährtinnen, den schlafenden Seeräubern die Waffen zu nehmen und sie alle damit zu töten. Dies geschah. Hymen eilte darauf zu Schiffe nach Athen zurück, wo er alles über den geschehenen Raum in Trauer fand, und erbot sich, den Eltern die geraubten Töchter unversehrt wieder zuzuführen, wenn man ihm die Jungfrau, die er liebte, zur Gattin geben wollen. Dies ward ihm feierlich versprochen. Er segelte darauf mit einiger Mannschaft ab, holte die Jungfrauen von der wüsten Insel nach Athen zurück, weshalb er als glücklicher Seeheld den ehrenden Beinamen Thalassios bekam, erhielt seine Geliebte zur Ehe, und lebte in dieser so glücklich, daß sein Name berühmt, bei Stiftungen neuer Ehen angerufen, besungen und er überhaupt zuletzt als Stifter und Beschützer der Ehen vergöttert wurde. Bei hochzeitlichen Festen und Gebräuchen opfert man ihm, unter Absingung feierlicher Lieder, Hymenäen, Blumen und Kränze.

Als Gottheit versetzte man ihn unter Amors Gespielen in das Gefolge der Venus. Seinen Sitz soll er auf dem Helikon, einem Berge in Böotien, unter den dort wohnenden Musen gehabt haben. Nach einer anderen Sage verlor er bei dem Hochzeitsgesange des Bakchos (Dionysos) und der Ariadne oder der Althäa Stimme und Leben. Immer aber erscheint er als Sinnbild des jugendlichen Reizes, der Lust und des Gesanges.

"Hymen wurde als ein schöner Jüngling mit einem goldfarbigen Gewande bekleidet, oder auch unbekleidet, eine Fackel oder einen Schleier in den Händen, abgebildet."

Chariten oder Gratien

wurden bei den Griechen als Göttinnen der Anmut (Huldgöttinnen), der Reize der Schönheit und des heiteren Spieles in der Natur wie im Menschenleben schon seit uralter Zeit verehrt zu Orchomenos in Böotien, in Sparta und Athen, wie auf der Insel Kreta (wo ihnen schon seit dem Könige der Sagenzeit, Minos, Spiele gefeiert wurden). Ihr Heiligtum in Orchomenos galt für das älteste dieser Gottheiten, und ihre Bilder darin waren rohe Steine, die man vom Himmel gefallen glaubte.

Die Schönheit, welche die Natur besonders im Frühlinge auf so mannigfaltige Art in ihren Werken entwickelt, brachte wahrscheinlich schon in den frühesten Zeiten den Mythus von Göttinnen hervor, die man sich als Vorsteherinnen und Pflegerinnen zunächst eben dieser Lenzesanmut der Natur, dann aber weiter alles Anmutigen und Schönen dachte. Griechische Dichter bildeten diese Idee weiter und aus und — namentlich hat Pindar sie in einem seiner schönsten Singlieder besungen —, verbanden mit der Vorstellung von den Chariten auch die des Anstandes, der sittlichen Schönheit und Heiterkeit, des Wohlwollens, Wohlthuns und der Dankbarkeit mit heiterem und schuldlosem Frohsinne gepaart. Wie Pindar singt, kommt dem Menschen alles Erfreuliche von den Chariten, wenn er weise, schön und guter Dinge sei; selbst die Götter würden ihre Tänze und Mahlzeiten nicht ohne die Chariten zustande bringen.

Die Gratien wurden als schöne, junge, keusche Mädchen gedacht und dargestellt, deren ganzes Wesen Anmut und Reiz war, indem sie immer tanzten, sangen und sprangen, in den Quellen badeten, mit Frühlingsblumen sich bekränzten, besonders mit Rosen, die ihnen wie der Aphrodite (Venus) geheiligt waren. Sie lebten, nach der Mythe, im Gefolge der Aphrodite (Venus), der sie manche Dienste leisteten, wohnten neben den Musen in der Nähe des Olymp, wo sie öfter, als Begleiterinnen der Aphrodite, tanzend vor den übrigen Göttern erschienen.

Ihre Abkunft wird verschieden angegeben; bald heißen sie Töchter des Zeus (Jupiter) und der Eurynome, eine Okeanide, bald Töchter des Dionysos (Bacchus) und der Aphrodite (Venus). Auch ihre Zahl wie ihre Namen werden verschieden angegeben. Aus Orchomenos stammen wahrscheinlich die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia. In Sparta wurden nur zwei: Kleta (Klang) und Phaenna (Schimmer), in einem Heiligtume, auch in Athen nur zwei: Auxo und Hegemone, verehrt. In dem homerischen Gesange der Iliade wird ein ganzes Geschlecht Chariten, ältere und jüngere, erwähnt, von denen Pasithea (die Wunderschöne) die jüngste war. Nach einer anderen Mythe war Aglaia die jüngste und die Gemahlin des Hephästos. Man wollte wahrscheinlich durch diese Verbindung andeuten, daß die Kunstwerke des Vulkan vollkommen schön gewesen seien. Auch die Poesie verdankte den Chariten den besten Schmuck, nämlich die Schönheit und Anmut; selbst der Athene (Minerva) helfen sie in den ersten Studien, weil diese ohne Anmut nichtig sein würden, nach dem Glauben der Griechen. Ebenso dienen sie dem Hermes (Merkur) in seiner Wohlredenheit. Wir sehen hieraus, wie hoch die Griechen die Anmut achteten und überall im Leben zur Bedingung machten. — Eurynome, die Mutter der Chariten, trat in späterer Zeit ganz zurück.

In Griechenland waren ihnen mehrere Tempel mit schönen Bildsäulen errichtet, teils allein, teils auch mit anderen Gottheiten gemeinschaftlich, z. B. mit der Aphrodite, mit dem Apollon und den Musen. Man feierte ihnen zu Ehren jährliche Feste mit Wettspielen in Musik und Tanz, die man Charitesien nannte. Man schwur auch bei den Chariten, und weihete ihnen bei Gastmählern den ersten Becher Wein.

Unter dem Worte Charis stellten sich die Griechen alles vor, was zur Dankbarkeit, zum Wohlthun, zum Wohlgefallen, zur Kunst und zur Anmut gehört. — Der Ausdruck: Grazie haben, ist noch bei uns gebräuchlich, und bedeutet: Reize mit Anmut verbunden besitzen. Goethe läßt die drei Grazien ihre eigene Bedeutung aussprechen, nämlich:

Aglaia. Anmut bringen wir ins Leben;

Leget Anmut in das Geben.

Hegemone. Leget Anmut ins Empfangen,

Lieblich ist’s, den Wunsch erlangen.

Euphrosyne. Und in stiller Tage Schranken

Höchst anmutig sei das Danken.

"In der frühesten Zeit wurden sie ganz bekleidet dargestellt, später aber leicht bekleidet, oder nackt, sich im Tanze umschlingend. Ihre Attribute sind Rosen, Myrten und Würfel (das Symbol des heiteren Spieles), oder sie haben auch Äpfel und Salbefläschchen, oder Ähren und Mohnbüschel, oder auch musikalische Instrumente, nämlich Leier, Flöte und Syrinx."

Peitho oder Suada,

oder Suadela, die Göttin der Überredungskunst, gehörte nebst den Gratien zu den Begleiterinnen der Aphrodite (Venus), für deren Tochter sie einige Mythen erklären.

Theseus führte ihre Verehrung und ihren Dienst, neben der Aphrodite, in Athen ein, als er die aus verschiedenen Völkerstämmen bestehenden Einwohner von Attika überredet hatte, ein Volk auszumachen, dessen Hauptstadt Athen war. Nächstdem hatte sie auch an anderen Orten eigene Tempel und wurde als eine in ihren Wirkungen ausgezeichnete Göttin verehrt.

Hebe

bei den Römern Juventas, in einigen griechischen Landschaften auch Ganymeda oder Dia genannt, war eine Tochter des Zeus (Jupiter) und der Hera (Juno), und wurde als Göttin der Jugend, sowie der damit verbundenen edlen Genüsse verehrt. Sie blieb deshalb ewig jung, weil sie auch, wie die oberen Götter, nur Nektar und Ambrosia genoß, wobei man nie alt wurde. Hebe war Dienerin der olympischen Götter, und gehört als solche zu den sogenannten unteren Gottheiten. Sie verwaltete im Olymp das Amt der Mundschenkin, welches ihr aber abgenommen und dem Ganymedes übertragen wurde, als sie sich einst bei der Verwaltung desselben unvorsichtig benahm. Außerdem half sie der Hera den Wagen anschirren, oder sie tanzt mit anderen Göttinnen zum Spiele des Apollon und der Musen, oder befindet sich im Gefolge der Aphrodite. Jedoch am meisten bekannt und verehrt war sie als die olympische Braut und Gattin des Herakles, neben dem sie daher auch abgebildet wurde. Durch diese Mythe wird die Idee versinnbildlicht, daß die Genüsse bei den olympischen Göttern nur durch schwere Kämpfe errungen werden können.

"Sie wird als ein junges, reizendes Mädchen im leichten Gewande, mit Rosen bekränzt, eine Opferschale und ein Gießgefäß in den Händen, oder den Adler des Zeus liebkosend und ihm in einer Schale den Göttertrank Nektar reichend, abgebildet."

In der griechischen Landschaft Argolis befand sich bei der Stadt Phlius, in einem reizenden Heine, ein Tempel der Hebe, der als ein Zufluchtsort (Asyl) für Verfolgte berühmt war.

In Rom hatte die Juventas zwei Kapellen, die eine auf dem Kapitole, die andere bei der großen Rennbahn.

Ganymedes

war ein Sohn des trojanischen Königs Tros und der Kallirrhoe, und Urenkel des Dardanos, des ersten Stifters von Troja, den Zeus wegen einer schönen Gestalt vom Berge Ida in den Olymp entführte, wo er nach der Hebe das Amt eines Mundschenken der Götter verwaltete.

"Er wird in ewiger Jugend mit außerordentlicher Schönheit dargestellt. In den Abbildungen zeigt seinen Ursprung aus Asien die phrygische Mütze. Sein Amt als Mundschenk zeigt die Schale in der Hand, und daß er als Diener zum Olymp gehört, das erkennt man an dem Adler des Zeus, der neben ihm steht."

Asklepios oder Äskulap

war, nach der am weitesten verbreiteten Mythe, ein Sohn des Apollon (Päan) und der Koronis (daher auch sein Beiname Koronides), der Tochter eines thessalischen Fürsten. Die Mutter starb vor seiner Geburt durch die Pfeile der Artemis, aber der Vater rettete das Kind, brachte es auf den hohen Berg Pelion, und übergab es dem berühmten Arzte Chiron, der es erzog und seinen Pflegling schon von frühester Jugend an sehr eifrig in der Jagd, sowie in der Heilkunde unterrichtete. In der Heilkunde brachte es Äskulap bald so weit, daß er seinen Lehrer übertraf, die gefährlichsten Kranken vom Tode rettete, und mit seiner Kunst wahre Wunder bewirkte. Pluton, dessen Schattenreich nun nicht mehr so bevölkert ward, als bisher, verklagte den Äskulap beim Zeus, und dieser, aufbracht über die Keckheit, mit der ein Sterblicher dem Willen des Schicksals widerstrebe, erschlug den berühmten Arzt mit seinem Blitze, worüber Apollon, wie schon erwähnt, sich so mit dem Zeus entzweite, daß er auf einige Zeit aus dem Olymp verwiesen ward. Asklepios aber wurde nach seinem Tode in Griechenland göttlich verehrt. Man feierte ihm zu Ehren Feste, die Asklepieen, und errichtete ihm Tempel, deren berühmtester zu Epidauros im Peloponnes war. Hierher schickten sogar die Römer, als die Pest in Rom wütete, nach dem Willen des Orakels, zehn Abgeordnete. Kaum betraten diesen den Tempel, als unter der aus Gold und Elfenbein schön gearbeiteten Statue des Gottes eine Schlange, das symbolische Tier des Asklepios, hervorkroch, die ihren Weg durch die Straßen von Epidauros nach dem Hafen und in das Schiff der römischen Abgeordneten verfolgte. Freudig nahmen diese das bedeutungsvolle Tier in die Kajüte auf und fuhren nach Italien zurück. Dort angelangt, kroch die Schlange aus dem Schiffe in den Tempel des Äskulap, der sich in der Stadt Antium befand, kehrte darauf aber nochmals in das Schiff zurück, und verließ dasselbe erst, als man die Tiber aufwärts fuhr, wo sie auf einer Insel dieses Flusses liegen blieb. Die Pest hörte auf, und man erbauete auf dieser Stelle dem Äskulap noch einen Tempel. Dorthin brachte man die Kranken und heilte sie, schrieb aber eine kurze Angabe der Krankheit und die zu ihrer Entfernung nützlich angewandten Heilmittel auf kleine Täfelchen, welche in den beiden Tempeln des Äskulap aufgehängt wurden und für die späteren Ärzte sehr lehrreich waren.

Die bildende Kunst stellte diesen Gott der Arzneikunde und der Ärzte entweder thronend oder stehend dar. In der gewählten Abbildung

"ist er stehend dargestellt als ein bejahrter, bärtiger und ernstfreundlicher, mit einem weißen Gewande bekleideter Mann, mit einem Stab in der Hand, um den sich eine Schlange windet."

Oft hat er außer der Schlange noch einen Hahn, diese ihm geheiligten Tiere, neben sich. Die Schlange bedeutet die Verjüngung, indem sich dieses Tier alljährlich häutet; der Stab bezeichnet den Gott als den stets wandernden Helfer, sowie die Schale, die er zuweilen hat, das Sinnbild des heilenden Trankes ist. Geopfert wurde ihm von den Genesenden ein Hahn, wie es auch Sokrates, nachdem er den Giftbecher getrunken hatte, zum Zeichen that, daß er den Tode nicht fürchtete, sondern darin sein Heil und seine Genesung erkenne.

Unter den Kindern des Äskulap (Asklepios bei den Griechen) wird besonders Hygiea genannt. Seine Gattin war Epione, die Lindernde. Er wurde, wie dies mit vielen unteren Göttern und Heroen geschah, von der Mythe an den Sternenhimmel versetzt.

Hygiea

oder Hygieia, auch Hygea genannt, wird, wie eben erwähnt, die Tochter, von anderen aber die Gattin des Äskulap genannt und galt für die Göttin der Gesundheit. Die Mythe von dieser Göttin ist als eine Fortsetzung der Mythe des Apollon zu betrachten, denn die Heilkunst führt dem Erkrankten die entbehrte Gesundheit zurück. Dargestellt wurde sie

"als jugendfrische, sanftlächelnde Göttin, die besonders bei Apollon in hohen Ehren stand. Sie erscheint, wie sie die Abbildung hier zeigt, ganz bekleidet, und mit der Schlange, die hier dasselbe Symbol ist, wie bei Äskulap, nämlich die Gesundheit, wie sie auch aus einer Schale nährend dargestellt wird."

Öfters hat sie einen Kranz von Lorbeeren oder Heilkräutern um das Haupt, eine Schale in der Hand, oder auch eine Schlange um ihren Arm und Leib geschlungen.

Meditrina

galt bei den Römern für eine Schwester der Hygiea, und auch für eine Göttin der Gesundheit, der zu Ehren man Anfang Oktober in Rom das Fest der Meditrinalien feierte. Dieses Fest bestand darin, daß man alten und neuen Wein zugleich kostete, indem man dabei feierlich die Worte sprach: "Neualten Wein trink’ ich, mit neualtem Weine heil’ ich Krankheit."

Man unterschied beide Göttinnen, indem man sagte: Hygiea erhält die Gesundheit, Meditrina stellt die verlorene wieder her.

Die griechische Göttin Iaso scheint mit der Meditrina der Römer gleichbedeutend gewesen zu sein.

Telesphoros

wurde als Genius der verborgenen oder geheimen Lebenskraft, oder als eine Gottheit gedacht, welche die Genesenden gegen Rückfälle in ihre vorige Krankheit beschützt, oft neben dem Äskulap, oder zwischen ihm und der Hygiea befindlich abgebildet, und zwar, wie die Abbildung neben Äskulap zeigt,

"als ein kleiner, barfüßiger Knabe in einen Mantel vermummt und den Kopf mit der Kappe desselben bedeckt. Derselbe bedeutet die verborgene und geheimnisvolle, gleichsam verhüllte Kraft, welche der Knabe vertritt. Auch mag dadurch ausgedrückt sein, daß gerade bei der Genesung die höchste Vorsicht in der Bekleidung walten muß."

Auf der Küste Kleinasiens wurde Telesphoros vornehmlich verehrt. Verwandt ist ihm Euamerion, der Dämon des "guten Tages", d. h. der glücklichen Krise der Krankheit.

Tyche oder Fortuna.

Die Idee, daß der Zufall einen günstigen oder schädlichen Einfluß auf das Wohlsein und die Schicksale der Menschen habe, wurde schon in den ältesten Zeiten sinnbildlich dargestellt, und dadurch personifiziert, daß man sich eine Göttin des Glückes dachte. Zuerst erschien Hekate in dieser Eigenschaft; späterhin dachte man sich eine eigene Glücksgöttin, welche die Griechen Tyche, die Römer Fortuna, eine Tochter des Zeus und eine Schwester der Parzen nannten. Man glaubte, daß sie die menschlichen Schicksale, die glücklichen, wie die unglücklichen, leite, und bildete sie in dieser Hinsicht mit einem doppelten Steuerruder in den Händen ab, weil man sich dachte, daß sie mit dem einen den Nachen des glücklichen, mit dem anderen aber den des unglücklichen Geschickes der Menschen lenke. Späterhin erscheint sie geflügelt, oder auch mit verbundenen Augen auf einer Kugel oder auf einem Rade stehend, abgebildet, wodurch man den Gedanken ausdrücken will, daß das Glück sich so schnell wendet wie eine Kugel, und ohne Auswahl bald diesen mit Ungemach, bald einen anderen mit Besitztümern und Genüssen überschüttet. Auch findet man sie mit der Kugel auf dem Haupte abgebildet. Die Römer bildeten sie nicht mit Kugel und Flügeln, sondern nur mit dem Füllhorne, um nur des Segens teilhaftig zu werden, nicht aber durch Wandelbarkeit zu leiden, ab.

"Wir haben die Abbildung gewählt, in welcher sie bekleidet, aber mit bloßen Armen erscheint, das Füllhorn in der einen Hand, aber das Steuerruder in der anderen sicher hält, obschon die Kugel am Steuer den leichten Wandel des Geschickes symbolisch anzeigt."

In Griechenland verehrte man die Tyche an vielen Orten, und besonders die Athenienser hatten die Idee, daß die gute Glücksgöttin sich beständig bei ihnen als eine Schutz- und Hausgöttin aufhalte.

In Italien, wo zu dieser Zeit sich unter den Römern sehr ausgebreitet hatte, wurde diese Göttin besonders von den neuvermählten Frauen verehrt, aber ihr auch von dem ganzen Volke ein Fest am 24. Juni gefeiert. In den Städtchen Antium und Präneste in Italien bestanden sehr besuchte Orakel der Fortuna.

Nike oder Viktoria

die Göttin des Sieges.

"wird auf einer Kugel stehend, geflügelt, im faltigen Gewande, einen Palmenzweig und einen Kranz haltend, abgebildet";

sie erhielt aber auch noch andere als diese Attribute, je nachdem man einen zu Lande oder zur See erfochtenen Sieg durch ihre Abbildung darstellen wollte.

Auch die Griechen verehrten eine Göttin des Sieges: Nike. Sie wird eine Tochter des Giganten Pallas und der Okeanide Styx genannt. Sie ist von Zeus und der Athene unzertrennlich. In älterer Zeit wurde sie unbeflügelt, später aber beflügelt dargestellt. Ihre Attribute sind Palme, Kranz und Waffen, oder eine ganze Waffenrüstung. Auch führt sie nicht selten den Stab des Hermes, ein Zeichen der Herrschaft, schwebt entweder mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft, oder läßt sich mit flatterndem Gewande herab. Bald winkt sie dem Sieger, bald schwebt sie über ihm, um ihn zu bekränzen, oder führt die Zügel seines Wagens, oder sie schreitet zur Siegesfeier.

Der Friede,

bei den Griechen Eirene, bei den Römern Pax, wurde ebenfalls als eine Göttin mit einem Palmenzweige dargestellt, welche entweder eine Waffenrüstung oder ein Bündel Waffen mit dem Fuße tritt, oder welche den Janustempel zuschließt. — Eirene war bei den Griechen auch eine der Horen, und zwar die heiterste der drei Schwestern. Bei den Römern wurde der Friedensgöttin am 30. Januar ein Fest gefeiert; auch hatte sie in Rom einen Tempel.

Das Fatum,

bei den Griechen Ananke, war die personifiziert dargestellte Idee, daß es eine unabänderliche Notwendigkeit gäbe, durch welche die Schicksale der Menschen und die Begebenheiten in der Welt bestimmt würden. Götter und Menschen waren dieser unwandelbaren Bestimmung der Notwendigkeit unterworfen. Der Mythus nannte das Fatum das Kind der Nacht und des Erebus. Die Parzen waren Vollstreckerinnen seines Willens, und wurden diese auch als eigene Schicksalsgöttinnen betrachtet, so blieb doch das Fatum immer als ein allgewaltiges Götterwesen gefürchtet.

Man findet dasselbe auf einer Erdkugel stehend abgebildet, eine Urne in der Hand.

Möra und die Mören oder Parzen.

Die in der Einzahl gedachte Möra war die Vertreterin der auf Vernunft und Recht gegründeten sittlichen Weltordnung, der ale Götter wie die Menschen untergeordnet waren, und gegen die selbst Zeus, der Herrscher der Welt, nichts vermag, weil er als höchster Gott nichts Unvernünftigeres und Unsittliches wollen kann. Später dachte man die Mören (römisch Parzen) in der Dreizahl, und bezog sie insbesondere auf die menschlichen Schicksale und auf das menschliche Leben, welches aus Anfang (Geburt), Mitte (Verlauf) und Ende (Tod) zusammengesetzt ist. In dieser Gestalt sind die Mören nicht mehr die obersten, auch dem Zeus vorgeordneten Mächte der allgemeinen sittlichen Weltordnung, sondern sie sind wie alle anderen Götter Zeus unterworfen, in dem das göttliche Bewußtsein von Vernunft und Recht am klarsten lebt und der deshalb der "Führer der Mören" (Möragetes) hieß.

Sie wurden für Töchter der Nacht gehalten — weil das Schicksal der Menschen dunkel und verborgen ist — oder auch für Töchter des Zeus und der Themis, das heißt: des gerechten Himmels. Nach einer anderen Mythe verbanden sie sogar die Themis mit dem Zeus, und nach einer noch anderen selbst sie Hera mit ihm. Es war sehr natürlich, daß sie als Schicksalsgöttinnen auch bei Vermählungen und Geburten verehrt wurden, indem man sie sich dabei thätig dachte.

Die Parzen waren drei Schwestern: Klotho, Lachesis und Atropos genannt. Ihre Bestimmung über das Menschenleben von der Geburt bis zum Tode, sowie über das Geschick stellte man sich in dem Bilde eines Fadens vor, welchen sie jedem Menschenleben spannen, solange dasselbe dauern sollte, bald dichter, bald loser, von Gold, Silber oder Wolle, und den sie, wenn es enden sollte, abschnitten. Dieses Geschäft teilten sie unter sich dergestalt, daß Klotho, die jüngste, die Wolle zu dem Lebensfaden um die Spindel wickelte, Lachesis den Faden spann, und Atropos, die älteste, ihn abschnitt, wenn der Mensch sterben sollte. — Eng verbunden war mit ihnen die Tyche der Griechen und die Fortuna der Römer, so daß man sogar diese als vierte der Parzen betrachtet. Dies war sie jedoch nicht, sondern bedeutet nur den Wechsel des Schicksals, welcher mit der Lebensbestimmung durch die Parzen verbunden ist. — Im Kriege gegen die Giganten standen die Parzen dem Zeus, und zwar besonders gegen das Ungeheuer Typhon, bei, — natürlich, weil sie keinen Angriff auf göttliche Bestimmungen dulden können, die sie ja selbst vertreten.

Bildlich dargestellt wurden die Mören als ernste Jungfrauen, welche immer verbunden vorkommen, meistens in ihrer angedeuteten Beschäftigung: Klotho den Lebensfaden von der Spindel ziehend, Lachesis ihn fortspinnend (oder auch die Lebensschicksale, das Horoskop des Menschen, von einem Sternenglobus ablesend).

"Atropos, die Unabwendbare, deren Abbildung auch einzeln vorkommt (denn die Dreizahl der Parzen findet sich nicht in allen Überlieferungen; Homer erwähnt nur eine), hält die Schere bereit und durchschneidet unerbittlich den Faden des Lebens."

Man verehrte die Parzen in Griechenland und Italien mit stillem Ernste, opferte ihnen Honig und Blumen, oder auch Mutterschafe, und in Sparta wie zu Rom waren ihnen Tempel und Altäre errichtet.

Nemesis,

auch Adrastea, und nach dem Hauptorte ihrer Verehrung, Rhamnus in Attika, Rhamnusia genannt, die Rächerin, die Unentfliehbare, die Vergelterin alles Unrechtes, war die Göttin der Strafgerechtigkeit, daher ihr Bild neben den Richterstühlen aufgestellt wurde. Man dachte sich eine dunkle Macht, welche das Schicksal vertrat, daher auch das Betragen der Menschen in ihrem Glücke richtete, den Frevel bezähmte, das Glück der Unwürdigen herabsetzte, jedes Unrecht an dem Urheber rächte, und so alles im Gleichgewichte erhielt. Indem man diese Idee personifizierte, stellte man die so gebildete Göttin der Strafgerechtigkeit, unter der Benennung Nemesis, als eine gedankenvolle, sinnende und schöne Frau von königlichem Ansehen, mit einer Stirnbinde oder Krone geschmückt, oder auch geflügelt, oder auf einem Wagen von Greifen gezogen dar, und gab ihr verschiedene Attribute, z. B. ein Rad, als Symbol der Schnelligkeit, mit der sie ihre Strafen vollzieht, oder eine Wage, eine Elle, einen Zaum oder ein Joch, ein Steuerruder, eine Geißel, ein Schwert. Alljährlich feierte man zu Athen und zu Smyrna besondere Feste, Nemeseen genannt, unter öffentlichen Sühnopfern an Nemesis, um sich deren Gunst zu versichern. Bei den Römern war sie als griechische Gottheit aufgenommen, und auf dem Kapitole geweiht, um die Wirkungen des Neides zu vernichten.

Die Mythe nennt bald den Erebos, bald den Okeanos ihren Vater, bald den Zeus ihren Geliebten, und Helena wird ihre Tochter von Zeus genannt.

Sie soll drei Dienerinnen zum Vollstrecken ihres Willens gehabt haben, die Dike, Pöna und Erinys (die Gerechtigkeit, Strafe und Rache). Schrecklich wie Nemesis dem Schuldigen war, erkannte man in ihrem Wirken für die Erhaltung des Gleichgewichtes der menschlichen Schicksale sinnig die waltende Liebe, weshalb sie auch mit den Chariten vereinigt wurde. In Smyrna verehrte man mehrere Wesen der Nemesis als beflügelte Dämonen.

Eris,

bei den Römern Diskordia, die Göttin der Zwietracht, wurde von den Göttern gebraucht, schrecklichen Streit und blutigen Hader unter den Menschen zu erregen. Sie war die Urheberin des Streites der Hera, Athene und Aphrodite um den Besitz des goldenen Apfels, indem sie denselben in den hochzeitlichen Saal des Peleus warf. (Siehe die Art. Aphrodite und Peleus.)

Sie wurde als eine furchtbare Göttin, von der Gestalt und mit allen Attributen der Eumeniden abgebildet, und wohnte auch bei diesen im Schattenreich. Als die Erregerin des Streites wurde sie als die Schwester und Gefährtin des Ares, und selbst als dessen Gemahlin betrachtet. Ihre Tochter war

Enyo und Bellona.

Die Römer hatten nur eine weibliche Kriegsgöttin, und diese hieß Bellona. Dieselbe wurde bald als Gattin, bald als Schwester des Mars betrachtet. Ebenso machten es die Griechen mit der Enyo, die in der Umgebung des Ares (Mars) als mordende Kriegsgöttin und Städteverwüsterin dargestellt wurde (in diesem Sinne hatte auch Ares den Beinamen Enyalios). Sie lenkte entweder dessen Wagen oder eilte demselben voran, wenn er in den Krieg zog. Von der Minerva unterschied diese Göttin sich durch die ihr eigentümliche Roheit und Wildheit der Sitten, durch welche sie im Kriege Schrecken und Jammer verbreitete. Sie wurde als ein furchtbares Weib mit fliegendem Haar, wild einherlaufend, geharnischt, und eine blutige Geisel in der Hand, auch Schild und Speer führend, abgebildet. Ihr berühmtester Tempel war zu Komana in Pontus (in Kleinasien). Bei den Römern wurde ihr nach Beendigung des Krieges gegen die Samniter von Appius Claudius ein Tempel erbaut, in welchem sich der Senat zu versammeln pflegte, wenn er mit feindlichen Gesandten zu unterhandeln hatte, oder darüber beratschlagte, ob einem Feldherren die Ehre des Triumphes sollte zugestanden werden, weil beide nicht in die Stadt kommen durften. Am Eingange stand auch die Säule, bei welcher durch das Werfen einer Lanze ein Krieg feierlich erklärt wurde. Die Lanze wurde über diese Säule hinweggeworfen, weil dieselbe die Grenze zwischen dem römischen und dem feindlichen Gebiet vorstellte, und die Lanze in das feindliche Gebiet geworfen werden mußte. Dort wurden auch dieser Göttin zu Ehren Feste unter wildem Geschrei und mit wilden Gebärden gefeiert. Die Priester der Göttin hießen bei den Römern Bellonarii.

Pheme oder Fama

dachte man sich als die Göttin der Sage und des Gerüchtes, sei dies gut oder übel. Sie galt für eine von der Erde in ihrem Zorne über den Sturz der Giganten geborene Tochter, die, nimmer schlafend, immer spähete, und schnellfüßig das, was sie bemerkt und erfahren hatte, erst leise und in kleinem Kreise, dann aber immer lauter und in größerem Kreise verkündete, und so Himmel und Erde durchzog. Sie wird als eine geflügelte Frau von zartester Gestalt, eine Posaune in der Hand haltend, dargestellt.

Ate,

die Göttin der Verblendung und des Unheils, sowie der Schuld, welche die Menschen nur zu solchen Thaten veranlaßte, die ihnen Verderben verursachten. Deshalb hatte sie ihr Vater Zeus im Zorne aus dem Olymp geschleudert, und seitdem irrte sie auf Erden umher und verleitete die Menschen, gegen ihren wahren Vorteil und ihr eigenes Bestes zu handeln. Sie wird kräftig und gut zu Fuß genannt; sie läuft daher immer voraus, um die Menschen zu täuschen. Ihre Schwestern waren die

Liten

(d. h. reuige Bitten), gutmütige Göttinnen, welche denjenigen Menschen Wohlthaten erzeigten, die, durch die Ate hingerissen, in Schmerz und Verderben geraten waren. Eine leicht erklärbare Allegorie der Alten: Bitten versöhnen und machen wieder gut, was der Mensch in Unbesonnenheit und Verblendung, ohne bösen Willen, und ohne Absicht, anderen zu schaden, verdarb. In den homerischen Gesängen werden sie als lahm, runzelig und schielend dargestellt, wegen der Sorgen, die ihnen die Nachfolge nach der Ate bereitet. Daher kommen sie auch erst hinter dieser her, um das wieder gut zu machen, was jene verdorben hat. Ganz natürlich: reuige Bitten sind immer nur ein schlechter Behelf, das wieder gut zu machen, was durch die Verblendung oder Unbesonnenheit übles geschehen ist. So versinnlichen sich die Griechen auch die sittlichen Folgen einer That.

Auch die Liten wurden als Töchter des Segens gewährenden Zeus und als solche bezeichnet, welche die Bitten derer, welche Hilfe suchten, dem Götterkönige vortrugen.

Erinnyen oder Furien,

auch Dirä, Eumeniden oder Semnai (die Ehrwürdigen) genannt, wurden für Töchter der Nacht, oder nach einer anderen Mythe der Erde und der Finsternis, oder auch des Kronos und der Eurynome gehalten, die als Plagegöttinnen, als Dienerinnen des Hades und der Persephone, am Eingange der Unterwelt wohnten und zunächst zur Strafe und Peinigung derjenigen Abgeschiedenen gebraucht wurden, welche auf Erden böses gethan hatten, und, ohne mit den Göttern versöhnt zu sein, ins Schattenreich kamen. Außerdem mußten die Furien auch auf die Oberwelt emporsteigen, und auf Befehl der oberen Götter oder auch der Nemesis, dort die Missethäter verfolgen.

Nichts entgeht dem Scharfblicke dieser Göttinnen der Rache, in unausgesetzter, rasender Eile verfolgen sie den Übelthäter, nichts hilft diesem die Flucht, sie erreichen ihn überall. Das vortreffliche Schillersche Gedicht: "Die Kraniche des Ibykus" versinnlicht uns die gewaltige Macht dieser finsteren Wesen.

Ein grausiges Beispiel von dem Wirken der Erinnyen oder Eumeniden ist Orestes, der Sohn des Agamemnon, Königs von Mykene, der seine Mutter Klytämnestra ermordet hatte, um den Tod seines Vaters zu rächen. Für diese Rachethat, obgleich Zeus und Apollon die verbrecherische That der Klytämnestra nicht billigten, wurde er von den Furien lange und schrecklich verfolgt, bis er, nach einem Orakelspruche des Apollon, das Bild der Diana aus Tauris nach Argos gebracht hatte, worauf die Schrecklichen von ihm abließen (siehe das Nähere in den Heroensagen).

"Untenstehende Abbildung bezieht sich auf die Verfolgung des Orestes. Der Spiegel zeigt dem Verfolgten das Bild der Klytämnestra, ihn unausgesetzt mahnend an den Muttermord."

Die Zahl der Erinnyen ist in älterer Zeit unbestimmt, erst spät werden ihrer drei namentlich genannt: Tisiphone (die Mordrächerin), Alekto (die unermüdlich Verfolgende) und Megära (die Grauenhafte). Man dachte sie in ältester Zeit als weibliche Gestalten von scheußlichem Ansehen und Blick und in schwarzen Gewändern, bald mit Flügeln, und Schlangen statt der Haare, auch Dolche, Schlangen, Geißeln oder Fackeln in den Händen. Später, namentlich in Athen, befreite man sie von diesen grauenhaften Vorstellungen, wir finden sie oft dargestellt als schöne, ernste Jungfrauen, in kurzer Jägerkleidung wie die Artemis. In dem religiösen Glauben war ihre Zahl ungleich; man dachte sich teils nur eine, teils die ganze Menge vereinigt thätig. Diese Plagegöttinnen, Sinnbilder des bösen Gewissens, waren im Altertume sehr gefürchtet. Unser Schiller besingt ihre Thätigkeit

"Um die Sünder flechten Schlangenwirbel

Scham und Reu’ das Eumeniden-Paar."

Indessen waren sie ihrem Wesen nach göttliche Mächte, welche die Verletzung der Pflicht und Treue, also den Meineid, Verbrechen gegen die Eltern zum Schutz der guten Sitte rächten; daher wurden sie auch als Eumeniden (Wohlgesinnte) verehrt. Man opferte ihnen an finsteren Orten, oder zur Nachtzeit, unter ängstlich genauer Beobachtung der vorgeschriebenen Gebräche, schwarze Tiere. In Griechenland waren ihnen einige Tempel und finstere Haine, besonders in Athen eine Stätte in dem Gaue Kolonos, gewidmet, wo sie verehrt wurden.

Harpyien

waren ebenfalls weibliche Götterwesen, welche, nach dem Glauben der Griechen und Römer, von den hohen Göttern zur Bestrafung der Verbrecher gebraucht wurden; Unholdinnen, die man sich anfänglich als Göttinnen des alles mit sich fortreißenden Sturmes dachte, in dem sie als geflügelte wesen daherfahren, um Unheil und Schaden zu stiften. Es waren ihrer drei, Namens Aëllo, Okypete, Kelaeno oder Podarge, Töchter des Riesen Thaumas und der Okeanide Elektra, Enkelinnen des Okeanos.

"Man bildete sie ab in einer Zusammensetzung von Jungfrauen und Vögeln, mit bloßen Gesichtern, Geierfedern und Krallen an den Füßen."

Sie plagen die Schuldigen, zu deren Peinigung sie abgeschickt wurden, besonders dadurch, daß sie ihnen mit großer Gefräßigkeit alle Speisen raubten, diese gierig verschlangen, oder, wenn sie dieselben nicht aufzehren konnten, mit Kot besudelten. Auf diese Weise bestraften sie unter anderen den Phineus, einen thrakischen König, für seine an seinem eigenen Sohne verübte Grausamkeit und für seine Verachtung der Götter. Er wird von ihnen dadurch befreit, daß er den Argonauten den Weg nach Kolchis zeigt, wofür zum Danke die unter den Argonauten befindlichen geflügelten Söhne des Boreas, Kalaïs und Zetes, die Harpyien töteten.

Gorgonen

heißen drei Schwestern, Namens Stheino, Euryale und Medusa, Töchter des Phorkys und der Keto. In ältester Zeit nahm man nur eine Gorgo an, ein Schreckbild der Unterwelt, deren Haupt auf Zeus’ Ägis angebracht war. Später stellte man sich drei Gorgonen, wie drei Mörder vor, und glaubte, daß ihrer zwei unsterblich seien, die dritte aber, Medusa, die jüngste und schönste, sterblich. Diese liebte Poseidon, und scheute sich nicht, derselben sogar im Tempel der Athene seine Zuneigung zu gestehen. Die über diese frevelhafte Entweihung ihres Heiligtumes erzürnte Göttin strafte die Medusa dadurch, daß sie ihr schönes Haar in Schlangen umwandelte, wodurch der Anblick dieser Gorgone gefährlicher und grauenhafter ward, als der der anderen. Endlich wagte es Perseus, sich derselben einst, als sie eingeschlafen war, zu nähern, und ihr das gefürchtete Haupt mit seinem Schwert abzuschlagen.

"Die auf der folgenden Seite stehende Abbildung stellt Perseus mit dem Schwerte in der Hand dar, während er das Haupt der Medusa, dessen grauenhaften Anblick er vermeidet, mit der linken Hand auf den Rücken hält."

Dieses Haupt schenkte er darauf der Athene, die es zum Schrecken ihrer Feinde vorn an ihrem Schild befestigte, wo es das furchtbare Schreckbild war, dem nichts widerstand, denn der bloße Anblick des Medusenhauptes verwandelte in Stein, was wahrscheinlich ursprünglich nur ein bildlicher Ausdruck für die erstarrende und lähmende Wirkung des Schreckens und der Angst war, später aber wörtlich verstanden wurde.

Die alten Dichter bezeichnen die Gorgonen überhaupt als häßliche, alte Weiber, und wiesen ihnen sogar öfters einen Platz neben den Furien an. Man findet auch nur eine Gorgone, im Gegensatze von dreien, erwähnt, und dann ist Medusa allein (Gorgo) gemeint. Mit dem Poseidon erzeugte Gorgo (Medusa) das geflügelte Pferd Pegasus.

Gräen

waren drei Töchter des Meergottes Phorkys und der Keto, nämlich Deino, Pephredo und Enyo (von Schrecken, Schauder und Entsetzen benannt), die Schwestern der Gorgonen und zugleich deren Wärterinnen, mißgestaltete weibliche Unholdinnen — nach der Sage schon bei ihrer Geburt altersgrau und häßlich —, welche in einer finsteren Höhle, unfern des Einganges in den Tartaros, lebten, und nur ein Auge und einen Zahn zum gemeinschaftlichen Gebrauche gehabt haben sollen. Ursprünglich wahrscheinlich Personifikationen der lagernden grauen Nebel (ihr Name bedeutet die Altersgrauen), in denen man nicht sehen kann, in denen also auch die Schiffe auf Klippen und Untiefen gerieten, waren sie den Menschen so feindselig und gefährlich, wie die Gorgonen. Als Perseus gegen die Gorgo auszog, ging er zuerst zu den Gräen, denen er das gemeinschaftliche Auge nahm und nicht eher zurückgab, bis sie ihm den Weg zur Behausung der Gorgonen angegeben hatten.

Nyx oder Nox

war, wie sich meine Leser aus der vorhergehenden Darstellung erinnern werden, eine Tochter des Chaos, die dem Erebos (die Finsternis), mit dem sie sich vermählt hatte, zwei Kinder: Äther (die helle Luft) und Hemera (den Tag) gebar. In der früheren Mythologie erscheint die Nyx als eine der Grundursachen aller Dinge, deren sie sieben, Feuer, Wasser, Erde, Himmel, Sonne, Nacht und Mond, annahm.

Die rege und lebhafte Phantasie der Alten bildete sich die Idee von der dunklen Nachtgöttin weiter aus, und so wurde alles Unbekannte, Unerklärbare, Schreckliche, mithin auch Plagen, Krankheiten, Träume, böse Schicksale, Zwietracht, Krieg, Mord, Schlaf und Tod, der finsteren Göttin Nyx zugeschrieben, personifiziert als ihre Nachkommenschaft betrachtet, und Kinder der Nacht genannt.

Nach dem Glauben der Alten bewohnte Nyx einen Palast in der Unterwelt, fuhr, während der Tag in denselben einzog, aus demselben auf einem mit zwei schwarzen Pferden bespannten schwarzen Wagen, von Sternen ringsum begleitet, durch den Himmel, und kehrte erst bei einbrechendem Morgen wieder in ihren Palaste, vom Tage abgelöset, zurück.

Man bildete sie als eine ernste, junge Frau ab, in einem langen, bis auf die Füße herabwallenden Gewande, das Haupt mit einem schwarzen, besternten Schleier verhüllt, mit schwarzen Flügeln, zwei Kindern im Arme, eins von weißer, das andere von schwarzer Farbe, den Schlaf und den Tod vorstellend, auf einem schwarzen Wagen, und eine umgekehrte erlöschende Fackel haltend.

Hypnos oder Somnus.

Den ersteren Namen führte der Gott des Schlafes bei den Griechen, den letzteren bei den Römern. Er war ein Sohn der Nacht, und Zwillingsbruder des Thanatos (des Todes), beherrschte Götter und Menschen, und wohnte mit Mutter und Bruder in tiefem unterirdischen Dunkel, am Eingange zum Tartaros. Man dachte sich ihn als einen Wohlthäter der Menschen, weil er den Müden erquickende Ruhe, den Leidenden Erleichterung ihrer Schmerzen darbot. Er wurde sehr vielgestaltig abgebildet, bald nackt, bald einfach gekleidet, bald in dichtem Gewande; bald stehend, bald rasch einherschreitend, bald schwerfällig ruhend; entweder als kräftiger Jüngling mit dem Schlummerhorne oder einem Mohnstengel, womit er den Schlaf auf die Ruhenden träufelt, oder als Kind, oder auch als bärtiger Greis; am Kopfe beflügelt, auch mit Adlerflügeln, oder mit Schmetterlingsflügeln, oder auch ohne Flügel, und neben ihm gewöhnlich eine Eidechse. Wegen der Träume, die der Schlaf den Menschen sendete, galt er als Liebling der Musen. In einem alten Bildwerke hält er den schlafenden Endymion in den Armen, und ist als bärtiger Greis sitzend, zum Teil bekleidet, in einem anderen Bildwerke wieder nackt mit beflügeltem Haupte dargestellt.

Oneiros und Morpheus.

Oneiros und Morpheus sind zwei verschiedene Gestaltungen des Traumgottes (Oneiros) und des Gottes, den man als Bildner der Träume (Morpheus) betrachtete. Oneiros ist der Traum selbst, und kommt deshalb auch in der Mehrzahl vor, indem man täuschende und in Erfüllung gehende Träume unterschied; die ersteren kommen aus einer elfenbeinernen, die letzteren aus einer hörnernen Pforte der Behausung, welche die Träume am westlichen Okeanos inne haben. Sie heißen Kinder der Nacht, aber auch Kinder des Schlafes, und stehen unter der Botmäßigkeit der oberen Götter, welche nach Gefallen den Menschen täuschende oder wahrhafte Träume senden. Nach anderen Vorstellungen machte man Morpheus zu einer Art von Wächter oder Herrscher der Träume, sowie Äolos Wächter oder Herrscher der Winde ist, sein Name kommt aber auch als der des Traumgottes selbst vor und bezeichnet den gestaltenschaffenden Traum neben dem noch Ikelos als derjenige genannt wird, der die Traumbilder der Wirklichkeit ähnlich macht, Phobetor als schreckender Traum und Phantasos als derjenige, der mit unzähligen und mannigfaltigen Erscheinungen die Schlafenden umgaukelt.

Momus

ein Sohn der Nacht, war der Gott der Tadelsucht, welcher mit bitterem Spotte die Handlungen der Götter und der Menschen bekrittelte und an allem etwas auszusetzen fand. So tadelte er z. B. an dem von Prometheus gebildeten Menschen, daß er nicht eine Thür in der Brust habe, durch die man seine Gedanken sehen könne. Nur an Aphrodite fand er nichts zu tadeln, worüber er sich zutode geärgert haben soll.

Antike bildliche Darstellungen des Momus sind nicht bekannt; moderne Künstler haben ihn wohl, wie ihn unsere Abbildung

"als ältlichen Mann mit der Narrenkappe und dem Narrenscepter dargestellt."

Thanatos oder Mors,

der Gott des Todes, war, wie der Schlaf, ein Sohn der Nacht, und von unerbittlicher Strenge, daher den Göttern und Menschen ein Greuel. Indessen wird er auch ein Sohn der Erde und des Tartaros genannt, wohl deshalb, weil der Mensch durch den Tod mit der Erde und der Unterwelt in eine unlösliche Verbindung tritt.

So hart und grausam aber auch die Alten seinen Charakter schilderten, so stellten sie ihn doch äußerlich nicht unter dem furchtbaren Bilde eines Gerippes mit einer Sense dar, wie die Bildner neuerer Zeit, sondern seine Gestalt ist je nach verschiedener Auffassung und je nach dem Geiste verschiedener Zeiten eine verschiedene. Sehen wir davon ab, daß er, um sein kindliches Verhältnis zur Nachtgöttin auszudrücken, mit seinem Bruder, dem Schlafe, auf deren Armen getragen vorkommt, und zwar er als schwarzes Kind, der Schlaf als weißes, so finden wir ihn erstens in der Gestalt eines gewaltig großen, rauhbärtigen Mannes mit finsterem und wildem Ausdrucke und mit zwei großen Flügeln an den Schultern, sehr ähnlich den Darstellungen des Boreas, des rauhen, winterlich stürmenden Nordwindes. In dieser Gestalt ist Thanatos offenbar als der dahinraffende, gewaltsam das Leben endende Tod gemeint; ungleich freundlicher sind die beiden anderen, viel häufiger gebrauchten, und auch unter uns viel bekannteren Darstellungen des Todes. Entweder erscheint er nämlich in der Gestalt eines geflügelten Jünglings von stillem, trübem Blicke, der mit übereinander geschlagenen Beinen — oft neben einer mit Kränzen umwundenen Urne — dasteht, eine umgekehrte Fackel auslöschend, oder man stellt ihn unter dem Bilde der ewigen Ruhe dar, d. h. als einen schönen Jüngling, der mit über den Kopf gelegten Armen in der Stellung, durch welche die alten Künstler die Ruhe und das Ausruhen darstellen, an einem Baumstamm gelehnt dasteht. Die sanfte Vorstellung der Alten von einem Übergange ins Elysium mag wohl die Veranlassung gewesen sein, daß sie dem Gotte des Todes in der späteren Zeit eine mehr anziehende, als abstoßende Gestalt gaben.

Dämonen oder Genien.

Wenn man sich in der Vorzeit jeden Baum jeden Strauch von einem höheren Wesen bewohnt und belebt dachte; wenn man alle Erscheinungen und Kräfte in der Natur — deren Ursachen und Wirkungen man nicht zu erklären verstand — personifizierte, und so überall in jedem Gegenstande die Gottheit ahnete: so konnte es auch wohl nicht fehlen, daß man sich auch jeden einzelnen Menschen als unter dem Schutze und der Regierung eines besonderen Götterwesens dachte. Schon bei den frühesten Völkern im Morgenlande herrschte daher der Glaube an Schutzgötter oder Schutzgeister der Menschen, ein Glaube, der sich bei den Griechen und Römern wiederfindet, und nach Zeit und Umständen weiter ausgebildet wurde. Diese göttlichen Mächte waren unbekannt; aber natürlich glaubte man eine unendlich große Menge derselben. Sie waren die geheimen Diener des Zeus (Jupiter). Bei den Griechen hießen jene Schutzgottheiten Dämonen, bei den Römern Genien. Die Griechen dachten sich dieselben als Seelen der Menschen, welche im goldenen Zeitalter gelebt hatten, und nun bestimmt waren, der Beistand derer zu sein, welche im eisernen Zeitalter unter Arbeit und Sorge seufzten. Die Griechen, wie die Römer glaubten sich von ihren Schutzgeistern begleitet, behütet, gewarnt; und die Frauen und Mädchen nannten ihre Dämonen auch wohl Juno oder Hera. So gehörten bei den Griechen die Dämonen zum Range der unteren Gottheiten, aber nicht so bei den Römern die Genien, welche nur für eine Art von Mittelwesen zwischen Mensch und Göttern angesehen wurden. Nach dem Glauben dieses Volkes hatte jeder Mensch einen Genius, welcher mit dem Menschen geboren wurde, aber auch mit ihm starb, und welcher gleich bei der Geburt desselben mit ihm in Verbindung trat, und ihn namentlich zu einem weisen Genusse des Lebens anzuhalten suchte; deshalb heißt, sein Leben durch Frohsinn erheitern und durch weisen Genuß verlängern: seinem Genius gemäß leben, durch Trübsinn sich das Leben verkümmern oder im wüsten Genusse dasselbe vergeuden; seinen Genius beleidigen. Die Griechen riefen besonders den "Guten Dämon" (Agathodämon) an. Abgebildet wurde er als Jüngling mit einem Füllhorne und einer Schale in der einen, und mit Mohn und Ähren in der anderen Hand.

Gewiß beruht die Vorstellung von Genien als Schutzgeistern der Menschen auf nichts Anderem als auf dem Gefühle des Bedürfnisses einer Vermittlung zwischen den Menschen und der Gottheit, einem Gefühle, das sich überall und zu allen Zeiten, wenn auch in verschiedener Form kundgiebt. Das Verworrene in der antiken Form kann bei der Unbestimmtheit und Dunkelheit, welche überhaupt in den Sagen und Darstellungen der Alten herrscht, niemand wundern. Hat sich doch bis auf unsere Zeit ein ähnlich dunkler Glaube an solche Wesen in manchen Köpfen erhalten, so daß einige von Engeln, die den Menschen umgeben sollen, träumen. — Ist dies noch jetzt der Fall, um soviel eher kann man dem frühen Altertume einen Wahn derart verzeihen.

Einzelne Genien erscheinen als Schlangen, als geflügelte Knaben oder als bekränzte Jünglinge, mit den verschiedensten Attributen, auf den alten Denkmälern abgebildet. — An Geburtstagen pflegte man seinem Genius Wein, Milch, Blumen und Weihrauch als Opfer darzubringen.

Die Römer nahmen außer dem Geschlechte der Genien, von denen jeder einzelne Mensch überall, und von der Geburt bis zum Tode begleitet wurde, auch noch einen großen Genius an, den sie zu den unteren Göttern zählten und mit großer Achtung verehrten. Unter ihm standen die anderen Arten der Schutzgeister, nämlich die der einzelnen Personen, der Häuser, Städte und Landschaften. Zu den Schutzgeistern gehören auch die

Laren und Penaten,

welche aber nur in der römischen Religion vorkommen.

Gewöhnlich ist der Laren nur einer in jeder Familie, der Penaten sind aber mehrere, aber es waren Götter, die in der Wohnung einer Familie verehrt wurden. Die Laren gehörten zu den Penaten. Darum betete ein Römer, wenn er das elterliche Haus verließ: "Ihr Penaten meiner Väter und du Lar, Vater der Familie, euch empfehle ich meiner Eltern Glück, daß ihr es schützet; andere Penaten muß ich mir suchen und einen anderen Lar." — Es gab jedoch Familien- oder Haus-Laren, und öffentliche Laren. Letztere sind Schutzgötter ganzer Staaten, Völker und Städte, und man verehrte ihrer in Rom ursprünglich zwei, denen später der Geist des Julius Cäsar als dritter hinzufügt wurde. Denn man betrachtete die Laren, deren Namen "Herr" bedeutet, als die Geister der Verstorbenen, die noch unsichtbar als Schutzgeister unter den Lebenden fortwalten. Sie waren im Volksglauben auch Beschützer der Straßen, Reisenden und Felder.

Man hielt die zwei öffentlichen Laren für die Söhne des Merkur und der Nymphe Lara, oder erkannte in ihnen die guten Genien, welche schon das Leben der Voreltern behütet hatten, und auch noch über die Wohlfahrt ihrer Nachkommen wachten. Ihr Dienst fand auf einem Herde oder Altare statt, der an einem abgesonderten geheiligten Orte in jedem Hause, dem Lararium oder der Larenkapelle, stand. Der Hausgötter gab es gewöhnlich zwei, welche man als Knaben oder zarte Jünglinge abbildete, mit aufgeschürztem Kleide, mit einem Hute und Reisestabe, und neben sich einen Hund. In der Hauskapelle, dem Lararium, verehrte man außer den Laren auch die Penaten durch fortwährend passende Rauch- und Trankopfer. Man bekränzte die Bildsäulen der Hausgötter mit Veilchen und Rosmarin; und wenn Sklaven die Freiheit von ihren Herren erhielten, so behängten sie das Bild der Laren mit einer Kette.

Die öffentlichen Laren waren männliche Statuen von Holz oder Stein, mit Spießen in den Händen. Ihre Tempel standen zu jeder Zeit und zu jedermanns Andacht offen. Ihnen wurden öffentliche Opfer gebracht, Gebete für die Sicherheit der Stadt an ihren Altären verrichtet, und diese letzteren im Sommer und Frühlinge häufig mit Blumenkränzen geschmückt. Diesen Laren wurden auf Kreuzwegen einige Tage nach den Saturnalien das Fest der Kompitalien mit Opfern von Kuchen und Schmauserei gefeiert, wobei Sklaven den Dienst verrichteten. — Die Hauslaren begrüßte man jeden Morgen mit Gebet und Opfer, gab ihnen von jeder Mahlzeit und die Erstlinge auf besonderen Schüsselchen, und opferte ihnen an allen Festtagen und bekränzte sie. Den Feldlaren wurden bei der Feldsühne Lämmer, Kälber und Schweine geschlachtet. Man glaubte, die Genien der Frommen würden zu wohltätigen Laren, die Genien der Bösen aber, nach deren Tode, zu Lemuren oder Larven, das heißt: zu Plagegespenstern, welche auf Erden umherzögen und den Menschen Leid zufügten durch besondere Krankheiten, wie Besessenheit, die durch keine Heilmittel, sondern nur durch Sühnung gehoben werden konnten. Die Larven ließen auch dem Toten keine Ruhe, wenn er nicht gesühnt war. Darum gleichen sie den Furien oder Erinnyen der Griechen.

Manen.

Manen heißen überhaupt: Seelen der Abgeschiedenen, die in das Schattenreich, d. h. in die Unterwelt oder Hölle (Orkus) eingegangen waren, ganz ohne Unterschied, in welchem Zustande sie sich befanden.

Da man aber von geliebten Verstorbenen gern glaubt, daß sie sich in einem besseren und erhöhten Zustande befinden, so wurden die Manen vergöttert, für Dii Manes gehalten, und zwar für gute Götter, was der Name bedeutet. Demgemäß opferte man ihnen und glaubte, sie auf der Grabstätte aus der Unterwelt heraufbeschwören zu können.

Feldherren und einzelne Tapfere, von glühendem Patriotismus entflammt, widmeten sich manchmal den Manen und der Unterwelt, um durch dieses Opfer ihrer selbst den Ihrigen Sieg und Ruhm zu bereiten, oder auch die von ihnen etwa erzürnt gedachten Götter wieder mit dem Volke zu versöhnen. Sie stürzten sich dann in die feindlichen Haufen, und fanden dort ihren gewissen Tod. Eine solche That wurde als der größte Heroismus gepriesen, und als Andenken des kühnen Helden, der sich selbst den Manen (unteren Göttern) geopfert hatte, blieb in höchsten Ehren.

I. Heroen oder Halbgötter.

Kein Volk hat von seiner Urgeschichte eine sichere Überlieferung, aber keines begnügt sich auch damit, seine eigene Geschichte nur soweit hinauf zu verfolgen, als die sichere Überlieferung reicht, und alles Frühere, namentlich seine Anfänge und seine Herkunft, auf sich beruhen zu lassen. Hier tritt denn abermals die allzeit geschäftige Phantasie in ihre Rechte, und ergänzt aus eigener Machtvollkommenheit die Lücken der ältesten Überlieferung, auf diese Weise eine Ur- und Vorgeschichte erschaffend, die in dem Glauben des Volkes selbst aufs innigste mit der Überlieferung zusammenschmilzt, und selbst für den nüchternen historischen Forscher nicht in allen Fällen von der geschichtlichen Überlieferung zu sondern ist.

Je mehr nun ein Volk auf sich selbst hält, je würdiger und höher es von sich denkt, desto natürlicher ist es, daß dasselbe seinen Ursprung und die Anfänge seines nationalen Lebens nicht dem Zufalle und dem blinden Ungefähr anheimgiebt, sondern daß es eine möglichst erhabene und erlauchte Quelle seines Daseins aufsucht und ersinnt, und auf diesem Wege schließlich dahin gelangt, sich von dem Nationalgotte selbst abzuleiten. Nun tritt freilich einer solchen Ableitung von der anderen Seite wiederum das Gefühl der menschlichen Niedrigkeit und Schwäche entgegen, welche es dem Volke nicht erlaubt, seinen Ursprung in seiner Gesamtheit auf seinen Gott zurückzuführen, es gesellt sich diesem Gefühle das Bewußtsein und die geschichtliche Überlieferung von dem Vorrange erlauchter Fürsten- und Adelsgeschlechter des Landes, welche, an Kraft und Mut die Masse des Volkes hoch überragend, seine Vorkämpfer im Kriege und seine Herrscher und Richter im Frieden, aus anderem und edlerem Stoffe geschaffen erscheinen. Und so sind es denn diese erlauchten Fürsten- und Adelsgeschlechter, in denen das Volk seine Repräsentanten erkennt, welche vermöge einer längeren oder kürzeren Reihe erhabener Ahnen schließlich an die Landesgottheit angeknüpft werden, und deren Urväter als die leiblichen Söhne dieser Landesgottheit geglaubt werden, welche sich mit einem Sohne oder einer Tochter des Landes vermählte.

Diese halb göttlichen und halb menschlichen Urahnen der Fürstengeschlechter, diese thatsächlichen Vermittler zwischen dem Volke und seiner Gottheit, sie und ihre früheren sagenhaften Nachkommen sind nun die Heroen oder Halbgötter, deren Leben und Wirken, teils aus dunklen, sagenhaften Erinnerungen an frühe Kämpfe und Leiden, Wanderungen und Neusiedlungen, teils aus rein mythischen und poetischen Elementen komponiert, die Vor- und Urgeschichte des Volkes abgab.

Je phantasiereicher ein Volk ist, um so reicher stattet es seine Urgeschichte mit wunderbaren Erlebnissen aus, in deren Glanze es sich selbst verklärt, desto mannigfaltiger werden die Charaktere, die Thaten und Leiden seiner Heroen, desto überschwenglicher wuchert die Sage um den Stamm geschichtlicher Tradition aus längst vergangenen Jahrhunderten, desto geschäftiger ist endlich die nationale Poesie, sich dieses bunten, mannigfaltigen und bedeutungsvollen Stoffes zu bemächtigen und ihn nach allen Richtungen hin auszubilden und auszubeuten. Bei keinem Volke aber, das wir kennen, hat alles Gesagte in höherem oder nur gleich hohem Grade stattgefunden, wie bei den Griechen, deren Heroensage und Urgeschichte, welche wir Ihnen in Umrissen erzählen wollen, eine unerschöpfliche Fundgrube der merkwürdigsten, schönsten, rührendsten und ergreifendsten und endlich bei allem Wunderbaren menschlich wahrsten Geschichten ist.

Was nun das Wesen der Heroen anlangt, so waren sie, ihrem göttlichen Ursprunge gemäß, mit Kraft und Schönheit, Mut und Weisheit in unendlich höherem Grade ausgestattet als der gewöhnliche Mensch; aber da sie mit Kindern der Erde gezeugt waren, so konnte man sie nicht für unsterblich halten wie die Götter, vielmehr sind sie dem Tode erlegen, und die großen Kämpfe der Heldenzeit von Theben und Troja haben sie scharenweise hinweggerafft. In der ältesten Zeit glaubte man bei den Heroen nicht an einen wesentlich anderen Zustand nach dem irdischen Tode, als derjenige anderer Sterblichen ist, sie sind im Hades ein Schatten, und nur einzelne, besondere Lieblinge der Götter befinden sich auf den Inseln der Seligen oder im Elysion; in dieser Zeit konnte demnach auch kein Heroenkultus stattfinden. Später jedoch stellte man sich vor, daß die Heroen nach dem Tode allesamt auf die Inseln der Seligen gekommen seien, wo sie unter Kronos’ Herrschaft gleichsam in einem ewigen goldenen Zeitalter leben, oder man nahm an, daß die Geister der Helden als unsichtbare Wächter der späteren Geschlechter auf Erden blieben, den Sterblichen wiedererscheinen und in ihre Angelegenheiten rettend und helfend eingreifen konnten. Von der Zeit an, wo dieser Glaube aufkam, begann auch ein Kultus der Heroen, deren Huld und Beistand man sich zu versichern suchte.

Man erwies freilich den Heroen keine solche Verehrung, wie den eigentlichen Gottheiten, man setzte für ihren Dienst keine besonderen Priester ein, und ordnete ihnen in der Regel keine eigenen Feste an; aber man brachte ihnen doch zu gewissen Zeiten Opfer an besonderen Altären oder an ihren Grabstätten, einigen der ausgezeichnetsten Heroen war auch wohl hier und da ein besonderer Tempel gebaut, und von einigen glaubte man geradezu, daß sie nach ihrem Tode zu wirklichen Götter erhoben worden seien, und diesen erwies man vollständige göttliche Verehrung. Einige Geschlechter der Heroen dachte man sich den Göttern verwandter, andere den Menschen näher, und bildete so eine Art von Rangordnung unter ihnen. Einige verehrte man als Familiengottheiten, andere wegen ihrer großen Thaten und wichtigen Erfindungen. — Hinsichtlich der Zeit, in die man das Leben und die Wirksamkeit der Heroen versetzte, kann man dieselben am füglichsten in verschiedene Klassen einteilen, denn auch die sagenhafte Geschichte hat ihre Chronologie, wenngleich diese nicht immer ebenso klar und in sich übereinstimmend ist, wie die geschichtliche. Natürlich kann es auch hier, wo wir es mit durchaus sagenhaften Begebenheiten zu thun haben, in keiner Weise auf eine strenge chronologische Rechnung ankommen, und es genügt vollkommen, die drei großen Hauptabschnitte zu unterscheiden, in welche die Sagengeschichte sich gleichsam von selbst zerlegt.

Den ersten Hauptabschnitt können wir als den der Urwelt, der Menschenschöpfung und der frühesten Erlebnisse der Menschheit oder einzelner Stämme bezeichnen. Es ist das die Zeit, in der Prometheus die ersten Menschen aus Thon formte, die Zeit, wo die früheste Menschheit, von großen Naturkatastrophen heimgesucht, in der ogygischen und inachischen Flut bis auf wenige Repräsentanten zugrunde ging, von denen ein neues Zeitalter und Menschengeschlecht abstammte, die Zeit endlich, in der die einzelnen Stämme sich unter ihren eigenen Herrschern und Stammfürsten fest ansiedelten und ihr selbständiges nationales Leben begannen.

Der zweite Hauptabschnitt umfaßt die Zeit der älteren eigentlichen Heroen, die Zeiten des Herakles und Theseus, des Minos, Pelops, Perseus und Bellerophon, die Zeiten, in denen die ersten großen Abenteuer und Kriegszüge von vielen miteinander verbundenen Helden unternommen wurden, Abenteuer, wie die Jagd des kalydonischen Ebers, und Kriegsfahrten, wie der Zug der Argonauten nach Kolchis.

Der dritte Hauptabschnitt endlich, dessen Thaten und Begebenheiten bereits wirkliche geschichtliche Überlieferung zum Grunde liegt, mag diese auch noch so sehr sagenhaft eingekleidet und ausgeschmückt sein, umfaßt die Zeiten der jüngeren Heroen, die meistens schon nicht mehr die direkten Abkommen von Göttern, sondern die Nachkommen der ursprünglichen Göttersöhne waren, die Zeiten der beiden großen Kriege gegen Theben und Troja und der Begebenheiten, welche sich an die Eroberung Trojas unmittelbar anschlossen.

Wir wollen es versuchen, Ihnen die wichtigsten und schönsten Heroengeschichten nach Maßgabe der drei eben bezeichneten Hauptabschnitte mitzuteilen.

A. Urwelt, Menschenschöpfung und das älteste Zeitalter.

Unter den Titanen, den Söhnen des Kronos (s. oben), war einer mit Namen Japetos, welcher bestimmt war, wenn auch auf indirekte Weise, der Stammvater des Menschengeschlechtes zu werden. Er vermählte sich mit der Okeanide Klymene, welche ihm vier Söhne, Menötios, Atlas, Prometheus und Epimetheus, gebar. Von diesen wurde Atlas der Träger der Himmelssäulen, auf denen das eherne Gewölbe des Himmels ruht, Prometheus aber und Epimetheus, deren Namen Vorbedacht und Nachbedacht bedeuten, sind in die Urgeschichte der Menschheit aufs innigste verflochten.

Prometheus war es, der aus Thon die ersten Menschen bildete, denen Athene die lebendige Seele einhauchte. Diese ersten von Prometheus geschaffenen Menschen lebten im Zustande der völligen Unkultur, ein rohes, geistig ungebildetes Geschlecht, obwohl mit allen Anlagen des Geistes und allen Gaben des Gemütes ausgestattet. Um diese auszubilden und zu höherer Kultur durchzubringen, fehlte ihnen namentlich eines, das Feuer nämlich, durch welches alle Künste allein möglich werden und das auf dem festen häuslichen Herde brennend die Familie in der mit Kunst erbauten Wohnung zusammenhält. Dieses wichtigste und fundamentale Kulturelement verweigerte Zeus den Menschen, denen er von allem Anfange an nicht gewogen war, weil er allen Übermut und allen Frevel voraussah, zu dem die Menschen gelangen würden, wenn sie, im Besitze der Kultur, sich von den Göttern und den unmittelbaren Gaben der Natur unabhängiger fühlen würden. Prometheus aber, das Herz voll Liebe zu seinen Geschöpfen, wollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, indem er die Menschen im rohen Naturzustande und von den Göttern durchaus abhängig verbleiben ließ; er wollte sie selbständig machen, wie er denn selbst als Wesen titanischen Ursprungs den alten titanischen Trotz besaß.

Demnach schlich er heimlich zum Herde des Zeus und entwand ihm einen Funken des himmlischen Feuers, den er auf die Erde brachte und mit dem er auf den Herden der Menschen das Feuer entfachte. So war der große Schritt für die Civilisation der Menschen gethan und Zeus konnte das Geschehene nicht ungeschehen machen. Den Prometheus aber ließ er seine kecke und trotzige That schwer büßen; er wurde an den Kaukasus angeschmiedet, und täglich kam ein Adler, der ihm die immer wieder nachwachsende Leber ausfraß, durch Herakles von dem Adler befreit und aus seinen Fesseln gelöst und von Zeus zum Schutzherrn der Civilisation eingesetzt ward, welche er mit der Gabe des Feuers auf die Erde gebracht hatte.

"Eine vorhandene Darstellung zeigt uns die Scene, wo Vulkan eben den Prometheus an den Felsen angeschmiedet hat und noch mit dem Hammer in der Hand neben ihm sitzt. Die Fackel neben Prometheus deutet auf dessen Entwendung des himmlischen Feuers. Die fünf vor Vulkan stehenden Gestalten sind Okeaniden, welche denselben um Befreiung des Prometheus anflehen."

Die Menschen lebten mittlerweile im Besitz des prometheïschen Geschenkes in wesentlich verbesserten Zuständen, aber auch sofort mit dem Eintritt dieser ungleich weniger der Götter eingedenk. Da beschloß Zeus, ihnen die Übel und Leiden zu senden, in denen das Menschengeschlecht geläutert und zur Gottheit zurückgeführt wird. Und wie die bildliche Erzählung den Sündenfall, durch den alles Leid und alle Mühe auf die Erde kam, vom Weibe ableitet, so ist es auch nach griechischem Mythus ein Weib, durch welchen den Menschen die Übel zukamen. Die Erzählung hiervon aber ist diese.

Zeus ließ durch Hephästos ein Menschengebilde aus Thon formen, welches mit allen Anlagen und Schwächen der Menschen, aber mit göttlicher Schönheit ausgestattet wurde, und dem alle Götter einen Teil ihrer besonderen Gaben verliehen. Aphrodite umgab ihr Haupt mit Anmut, Athene lehrte sie die weiblichen Kunstfertigkeiten, Hermes gab ihr List und Verschlagenheit und die süß einschmeichelnde Rede, die Horen aber und Chariten kleideten sie köstlich, daß es für Götter und Menschen eine Lust anzusehen war. Und die Götter nannten die Jungfrau Pandora, d. h. die von allen Beschenkte, und sandten sie durch Hermes zu Prometheus’ Bruder Epimetheus, dem Nachbedacht. Wohl hatte Prometheus diesen gewarnt, kein Geschenk von Zeus anzunehmen, aber leidenschaftlich und vorschnell handelnd, wie er war, nahm er die wunderschöne Jungfrau in sein Haus auf und machte sie zu seinem Weibe.

Pandora hatte als Mitgift von den Göttern ein großes, verschlossenes Faß mitgebracht und Prometheus abermals gewarnt, dasselbe nicht zu öffnen. Allein der Nachbedacht Epimetheus war neugierig, was es enthielte, und gestattete seiner Gemahlin, den Deckel abzuheben. Kaum aber war das geschehen, als aus dem Fasse alle Übel und Leiden, Seuchen und Krankheiten hervordrangen, an denen die armen Menschen seit der Zeit leiden; nur die Hoffnung blieb im Grunde des Fasses zurück, als Epimetheus, erschreckt über seine voreilige That, den Deckel wieder auf das Faß drückte.

Auf diese Weise kamen denn die Menschen in den Zustand in dem sie jetzt leben, ausgerüstet mit dem himmlischen Funken der Civilisation, aber unterworfen tausendfachen Leiden, ein trotziges und übermütiges und doch ein hinfälliges Geschlecht. Und sie lebten jahrhundertelang in fortschreitender Kultur, aber auch in wachsendem Übermute und zunehmender Unfrömmigkeit, bis Zeus, erzürnt über die Frevler, das ganze Menschengeschlecht zu vertilgen beschloß, gerade so wie in der Bibel vom Jehovah erzählt wird. Er wählte aber dasselbe Mittel, welches auch in der Bibel zur Vernichtung der Menschen angewendet wird, eine ungeheuere Wasserflut, die alles Land bedeckte und in der alles Leben zugrunde ging. Nach den verschiedenen Königen, die in den einzelnen Landschaften herrschten, als die Sündflut kam, wird diese in den verschiedenen landschaftlichen Sagen anders benannt, in Attika und Böotien die ogygische Flut nach dem Könige Ogyges, in Argos die inachische Flut nach dem Könige Inachos. Oder aber man nannte sie nach dem einzigen überlebenden Manne Deukalion die deukalinische Flut. Wie dieser, Prometheus’ frommer Sohn, mit seiner Gattin Pyrrha, der Tochter des Epimetheus, der Flut entging und wie dieses Paar zu den Stammeltern eines neuen Menschengeschlechtes wurde, das ist schon früher in der Mythologie des Zeus von uns erzählt worden.

Herrscher aber dieses neuen Menschengeschlechtes wurde nach Deukalion sein Sohn Hellen, nach welchem sich die Griechen Hellenen nannten. Hellen hatte drei Söhne, Äolos, Doros und Xuthos, dessen Söhne Ion und Achäos hießen. Diese Söhne teilten sich die Herrschaft der Menschen, und nach Doros, Äolos und ihren Neffen Ion und Achäos nannten sich die vier größten und vornehmsten Stämme der Griechen Dorier, Äoler, Ionier und Achäer.

Diese Stämme nun besetzten die verschiedenen durch viele Gebirge voneinander getrennte Landschaften Griechenlands und stifteten hier die verschiedenen Reiche, als deren Herrscher wir zum Teil die Söhne und Enkel der vier genannten Stammkönige finden, zum Teil jüngere Göttersöhne, Heroen, welche aus der Fürstenfamilie entsprossen oder welche sich durch Einwanderung und Eroberung in den Besitz der Herrschaft brachten. Mit den Zeiten dieser landschaftlichen Ansiedlung des neuen Menschengeschlechtes und der Stiftung ihrer Königreiche schließt die erste große Periode der Sagengeschichte, und die nun folgenden Jahrhunderte bilden die Zeiten der älteren Heroen.

B. Das Zeitalter der älteren Heroen.

Die meisten Heroensagen dieses Zeitalters gehören den einzelnen Landschaften und Völkerstämmen Griechenlands an, nur die Sagen von Herakles’ Leben und Thaten kann man als allgemein nationalgriechisch bezeichnen, in dem sie, wenn auch von einem bestimmten Lokal ausgegangen, durch die Poesie zum Gemeingut des griechischen Volkes in seiner Gesamtheit geworden sind. Neben den Sagen von einzelnen Heroen stehen sodann diejenigen von den ersten großen gemeinsamen Abenteuern mehrerer verbündeten Helden, die Jagd des kalydonischen Ebers und die Fahrt der Argonauten. Wir wollen mit den landschaftlichen Sagen beginnen, als deren Hauptcharakter wir meistens ein sehr inniges Zusammenwirken des Heros mit der Landes-Gottheit wahrnehmen, in deren Dienst und Auftrag und demgemäß auch unter deren besonderen Schutz und Beistande der Held seine Thaten vollbringt.

Landschaftliche Heroensagen.

Argos.

An der Spitze des Heroengeschlechtes steht der Flußgott Inachos. Seine Tochter (nach anderen Sagen seine Urenkelin) ist Io, die schöne Jungfrau, von der wir schon in der Mythologie des Hermes berichtet haben, daß Zeus sie liebte, und, um sie vor der Eifersucht Heras zu schützen, sie in eine Kuh verwandelte, daß ferner Hera ihr den hundertäugigen Argos zum Wächter setzte, den Hermes einschläferte und erschlug. Hier müssen wir noch hinzufügen, daß nach Argos’ Tode Hera eine gewaltig große Bremse sandte, vor der die verwandelte Io die Flucht ergriff und von der sie weithin durch alle Länder gejagt wurde, bis sie endlich in Ägypten Ruhe fand, ihre menschliche Gestalt wiedererhielt und Mutter des Epaphos wurde. Von Epaphos stammte außer anderen Kindern die Jungfrau Libya, von der Libyen seinen Namen haben soll, und mit der sich der Gott des Meeres, Poseidon, in Liebe verband. Diesem gebar sie den Agenor und den Belos, und Belos wurde von der Anchirrhoe Vater des Ägyptos und Danaos, Kepheus und Phineus, auf welche beiden letzteren wir später zurückkommen. Von den beiden Brüdern Ägyptos und Danaos herrschte jener in dem nach ihm Ägypten genannten Lande, Danaos aber hatte von seinem Vater die Herrschaft über Libyen erhalten. Er erhielt von verschiedenen Frauen 50 Töchter, die Danaiden, sowie sein Bruder 50 Söhne. Da diese letzteren Unruhen anfingen und Danaos’ Töchter verfolgten, baute dieser, auf Athenes Geheiß das erste Schiff mit 50 Rudern und entfloh mit seinen Töchtern über das Meer nach dem Lande Argos, von wo sein Geschlecht entsprossen war.

Hier herrschte zu dieser Zeit Gelanor, ein Abkömmling eines jüngeren Sohnes des Inachos; von diesem forderte Danaos die Herrschaft, und das Volk von Argos übergab ihm dieselbe, nachdem ein Wunderzeichen dies als der Götter Willen bezeichnet hatte. So war nun Danaos König von Argos, und wurde durch manche nützliche Erfindung, besonders durch das Graben von Brunnen, welche auch im dürren Sommer Wasser gaben, Wohlthäter des Landes.

Die Söhne seines Bruders aber, die 50 Ägyptiaden, folgten ihm über das Meer und erhuben aufs neue Anspruch auf seine Töchter. Danaos aber mißtraute und zürnte ihnen wegen der Flucht, zu der sie ihn gezwungen hatten, und als er der Forderung der Jünglinge nicht mehr widerstehen konnte, vermählte er ihnen zum Scheine seine Töchter, gab aber diesen jeden einen Dolch mit dem Befehle, ihre Männer heimlich zu ermorden. Dies vollzogen die Danaiden und mußten für diesen Frevel nach ihrem Tode im Tartaros büßen, wie wir früher berichtet haben. Nur eine der Töchter des Danaos, Hypermnestra, vollzog den grausamen Befehl ihres Vaters nicht, sondern rettete ihren Gemahl Lynkeus, den sie wirklich liebte. Von ihrem Vater vor Gericht gestellt, wurde sie vom Volke freigesprochen; sie blieb die Gattin des Lynkeus und wurde von ihm Mutter des Abas, des Vaters von Akrisios und Prötos, von denen wir sogleich weiter erzählen werden.

Zuvor aber müssen wir berichten, daß die übrigen Danaiden trotz ihrer schwarzen That zum zweitenmale verheiratet wurden. Danaos stellte einen großen Wettkampf um die Hände seiner Töchter an, zu dem viele der edelsten Helden Griechenlands kamen. Aus mehreren der so geschlossenen Ehen gingen berühmte Heldengeschlechter hervor, denen wir weiterhin gelegentlich wieder begegnen werden. Mit einer der Danaiden, Amymone, vermählte sich schon vor der Mordthat Poseidon, dem sie den Nauplios, den Vater des Palamedes, und den Öax gebar, auf welche wir in den trojanischen Sagen zurückkommen.

Wenden wir uns jetzt wieder dem Lynkeus und der Hypermnestra zu, so hatten diese, wie gesagt, einen Sohn Abas. Dieser vermählte sich mit der arkadischen Nymphe Okaleia, wurde ein sehr streitbarer Held und Eroberer und Gründer der Stadt Abä in Phokis, von der die streitbaren Abanten auf Euböa als Kolonisten auszogen. Abas hatte zwei Söhne, Akrisios und Prötos, feindlich gegeneinander gesinnt von den ersten Tagen der Kindheit an. Als beide erwachsen waren, vertrieb Akrisios seinen Bruder mit Gewalt aus dem Vaterlande. Prötos ging nach Lykien, heiratete die Tochter des dortigen Königs, Sthenoböa, und wurde von seinem Schwiegervater mit großem Heergefolge in seine Heimat zurückgeführt, wo er die Stadt Tirynth erbaute und als König über Argos und Korinth herrschte.

Er hatte drei sehr schöne, aber übermäßig stolze Töchter, welche sich in ihrem Übermute selbst gegen die Götter vergingen. Dafür wurden sie von diesen mit einer schweren, wahnsinnartigen und ansteckenden Krankheit ergriffen, in der die eine sich durch einen Sprung von einem Felsen selbst das Leben nahm. Die beiden anderen wurden durch den berühmten Seher und Arzt Melampus aus Pylos geheilt und, diesem und seinem Bruder Bias vermählt, Mütter eines berühmten Heldengeschlechtes, zu dem Adrastos und Amphiaraos, Kapaneus und Eteokles gehörten, von denen wir in der Geschichte des Krieges gegen Theben zu erzählen haben werden.

Akrisios, Prötos’ Bruder, dem dieser einen Teil des Landes und die Hauptstadt Argos bei seiner Wiedereinsetzung in die Herrschaft überlassen hatte, vermählte sich mit Eurydike, der Tochter des Lakedämon, welche ihm eine Tochter, Danae, gebar. Von dieser Tochter war dem Akrisios geweissagt, sie werde einen Sohn zur Welt bringen, der ihn ermorden werde. Um dieser Weissagung zu entgehen, ließ Akrisios seine Tochter nicht allein unvermählt, sondern er schloß sie in ein festes unterirdisches Gewölbe ein, und glaubte durch diese Maßregel sicher zu sein. Aber Zeus selbst liebte die schöne und unglückliche Jungfrau und drang, in einen goldenen Regen verwandelt, in ihr Gefängnis ein. So wurde Danae heimlich Mutter des Perseus.

Als aber Akrisios ausfand, daß seine Tochter einen Sohn zur Welt gebracht hatte, beschloß er, Mutter und Kind zu töten. Er sperrte sie daher beide in einen großen hölzernen Kasten und ließ sie ins Meer werfen. Zeus aber ließ seinen Sohn nicht umkommen, der Kasten trieb auf den Wellen und wurde auf der Insel Seriphos von dem Fischer Diktys mit seinen Netzen ans Land gezogen, der Danae und ihren Sohn zum Könige der Insel, Polydektes, brachte. Dieser ließ Perseus erziehen, stellte aber der Danae mit seiner Liebe nach, welche jedoch unerwidert blieb, worauf der König Danae zu seiner Sklavin machte und sie schlecht behandeln ließ, um sie seinen Wünschen williger zu stimmen.

In der Absicht, sie gänzlich in seine Gewalt zu bekommen, entsandte er den mittlerweile herangewachsenen Perseus zu den Gorgonen, das Haupt der Medusa zu holen. Gerüstet mit einem unsichtbar machenden Helme, einem Geschenke des Hades, und geflügelten Sohlen, und geführt von Hermes und Athene, gelangte er zuerst zu den Gräen, den Vorhütern der Gorgonen, dann näherte er sich der schlafenden Medusa (siehe Art. Gorgonen), hieb ihr den Kopf ab, eilte damit davon, von den Schwestern der Getöteten verfolgt. Als er in Sicherheit gelangt war, schenkte er denselben der Athene, die ihn darauf an ihren Schild befestigte. Bevor er aber der Athene das Medusenhaupt gegeben hatte, eilte er aus einem Lande in das andere, seinen Weg mit Thaten der Tapferkeit bezeichnend. Als der König Atlas ihm Gastfreundschaft — eine Haupttugend der damaligen Zeit — verweigerte, verwandelte er denselben durch Vorhalten des Medusenhauptes in einen Felsen.

Ein anderes Abenteuer führte Perseus an der Andromeda aus. Nämlich Kassiopea, die Gemahlin des phönicischen Fürsten Kepheus, hatte die Verwegenheit gehabt, sich an Schönheit mit den Nereiden zu vergleichen. Die hierüber erzürnten Götter des Meeres vermochten den Poseidon, ein schreckliches Ungeheuer abzuschicken, um die Küstenländer des Kepheus zu verheeren und den Bewohnern derselben großen Schaden zuzufügen. Der bedrängte Fürst befragte das Orakel, auf welche Art die beleidigte Göttin zu versöhnen sei, und erhielt zur Antwort: das seine einzige Tochter Andromeda, dem Ungeheuer geopfert werden müsse. Diese Unglückliche wurde hierauf an einen öden Felsen im Meere festgeschlossen und dem Ungeheuer zum Raube preisgegeben; aber Perseus erblickte dieselbe bei seinem Fluge durch den Himmel, tötete und versteinerte das Ungeheuer, befreite die schöne Andromeda und vermählte sich mit ihr.

"Die untenstehende Abbildung versinnlicht uns diese Mythe"

Von dort kehrt Perseus in seine Heimat Seriphos zurück, und befreite daselbst seine Mutter Danae von dem Polydektes, den er bei einem schwelgerischen Mahle fand und den er mit allen seinen Gästen gleichfalls durch Vorhalten des Medusenhauptes in Stein verwandelte. Nachdem er diese Thaten vollbracht hatte, gab er der Athene das Medusenhaupt, er selbst aber kehrte mit seiner Mutter und seiner Gemahlin Andromeda nach Argos in sein Stammland zurück. Hier hatte Prötos, der Bruder des Akrisios, aufs neue versucht, die Herrschaft des ganzen Landes an sich zu reißen; Perseus bestrafte ihn, und setzte seinen Großvater Akrisios wieder auf den Thron, hatte aber das Unglück, diesen kurz darauf, beim Werfen des Diskus, tödlich zu verwunden, wodurch die Weissagung des Orakels erfüllt ward. Perseus folgte seinem Großvater in der Regierung von Tirynth, verlegte aber den Sitz derselben nach Mykene, während er dem Sohne des Prötos, Megapenthes, die Herrschaft über Argos überließ. Er wurde nach seinem Tode vergöttert. Unter den Söhnen, welche ihm Andromeda geboren hatte, waren Elektryon und Alkäos die berühmtesten. Ein Sohn des letzteren war Amphitrion, dessen Gemahlin Alkmene, Tochter des Elektryon, vom Zeus den Herakles gebar.

So wird die Heldensage von Argos mit der von Theben verknüpft. — Ehe wir uns aber zu dieser und zu den Thaten des Herakles wenden, werfen wir einen Blick auf

Korinth,

welches, wie wir gesehen haben, zur Zeit des Prötos unter der Herrschaft von Argos gestanden hatte. Die erste merkwürdige Gestalt, die uns hier begegnet, ist Sisyphos, der Sohn jenes Äolos, den wir als Sohn des Hellen und Stammvater der Äoler im ersten Hauptabschnitte kennen gelernt haben. Sisyphos wird als ein arger Frevler und Lügner geschildert, der sich namentlich dadurch schwer verging, daß er Zeus verriet, als dieser mit des Asopos schöner Tochter Ägina Umgang hatte. Darauf will Zeus ihn töten; Sisyphos aber weiß, schlau und gewandt, den Gott des Todes, Thanatos, (s. oben), statt ihm zu folgen, in einen tiefen Kerker zu werfen, wodurch das Reich des Pluton ohne neuen Zuwachs blieb, bis endlich Ares den Thanatos befreite und ihm Sisyphos übergab, der dann zur Strafe seiner Frevel in der Unterwelt einen schweren Stein immer vergeblich einen Hügel hinanwälzen mußte (s. Art. Pluton). Sisyphos’ Sohn war Glaukos, welcher das Unglück hatte, bei einem Wettkampfe von seinen wild gewordenen Pferden aus dem Wagen gestürzt und geschleift zu werden. Er hinterließ den Bellerophon, welcher, als ein sehr schöner Jüngling, sich an den Hof des Prötos begab, der damals auch über Korinth herrschte. Hier verliebte sich die Gemahlin des Prötos, Sthenoböa (oder Anteia), sterblich in ihn, verleumdete ihn aber, als sie ihre Neigung unerwidert sah, bei ihrem Gemahle, ganz ähnlich wie Pharaos Weib Potiphar und Joseph, und reizte dessen Sohn dadurch in so hohem Grade, daß er ihn zu seinem Schwiegervater, dem Könige Iobates von Likyen, schickte, und diesen den geheimen Auftrag gab, den Jüngling zu töten. Arglos ging Bellerophon dorthin, und erhielt von Iobates so schwierige Aufträge, daß er bei der Ausführung derselben leicht hätte seinen Untergang finden können. Allein die Götter standen ihm wegen seiner Unschuld bei, sendeten ihm das geflügelte Roß, Pegasus, das Athene ihn zügeln lehrte, und auf dem er allen Gefahren glücklich entging.

"Die untenstehende Abbildung stellt dar, wie er, auf dem Pegasus reitend, das furchtbare Ungeheuer, welches die Gegend verwüstete, die Chimära (einen Löwen, auf dessen Nacken der Kopf einer Ziege hervorblickt und dessen Schweif eine Schlange ist), bekämpft und tötet."

Ferner bezwang er die Feinde, welche in des Iobates Reich einfielen — unter diesen auch die Amazonen, eine Schar kriegerischer Weiber — und erwarb sich dessen Vertrauen und Liebe in so hohem Grade, daß er ihm seine Tochter zur Gemahlin und die Hälfte seines Reiches zur Herrschaft gab. Lange lebte er mit dieser im Glücke und als Vater blühender Kinder, unter denen Laodamia von Zeus Mutter des Sarpedon ward, wurde aber, weil es ihm ungetrübt wohl erging, so übermütig, daß er den Gedanken faßte, sich mittels des Pegasus in den Olymp hinaufzuschwingen, wo jedoch der erzürnte Zeus den Verwegenen hinabstürzte, der als ein Mitleid erregendes Beispiel gefallener Größe elendiglich umkam.

Da wir zum erstenmale den Amazonen begegnen, so dürfte es am Orte sein, über dieses merkwürdige Weibervolk einigen Aufschluß zu geben.

Amazonen bezeichnet die Sage als ein Volk, das nur aus Weibern bestand, im höchsten Grade kriegerisch war, und unter Anführung einer Königin einen furchtbaren Staat bildete, der in unausgesetzten Kämpfen gegen andere Völker lebte.

Ihre Gatten wählten sie aus benachbarten Stämmen. Von den Kindern, welche geboren wurden, behielten sie die Mädchen. Die Knaben jedoch wurden getötet oder ihren Vätern zugesandt.

An Körpergröße und Stärke überragten sie das Maß der Frauen, sie verschmähten jede friedliche Arbeit und weiche Ruhe, liebten nur Waffenübungen, Jagd und das Bändigen der Rosse.

In früher Jugend, so erzählt die Sage, wurde den Mädchen die rechte Brust ausgebrannt, damit das Spannen des Bogens nicht gehindert sei. Ihr Wohnsitz wird verschieden angegeben, entweder in Kappadocien oder im Lande der Scythen.

"Die obenstehende Abbildung zeigt uns den Kampf zweier Amazonen mit griechischen Kriegern, die eine liegt erschlagen am Boden, die andere ist noch in heftigem Kampfe mit dem Feinde begriffen."

Theben.

Eine Stätte der allerreichsten und interessantesten Heroengeschichten ist Theben, dessen Gründung auf Kadmos zurückgeführt wird, und dessen Gründungssage folgendermaßen lautet:

Kadmos war ein Sohn des Königs Agenor von Phönicien (eines Sohnes des Poseidon und der Libya und Bruder des Belos) und der Telephassa oder Antiope, und ein Bruder des Phönix (bedeutet die Phönicier) und des Kilix (bedeutet die Cilicier). Seine schönen Schwester Europa, von der unser Erdteil den Namen erhalten haben soll, gefiel dem Zeus. Um sich dieselbe zu entführen, verwandelte er sich in einen schönen weißen, blumendufthauchenden Stier, und näherte sich in dieser Gestalt der Fürstentochter, als sie einst auf einer blumigen Wiese am Gestade des Meeres lustwandelte. Europa freute sich des Tieres, streichelte es, und da es ruhig im Grase lag, versuchte sie es scherzend, sich auf dasselbe zu setzen.

Kaum war dies geschehen, so sprang der Stier schnell auf, rannte ins Meer, und schwamm mit seiner Beute nach Gortys auf der Insel Kreta hinüber. Dort nahm Zeus seine wahre Gestalt wieder an, und verweilte bei der Europa, in deren elterlichem Hause indessen über die Entführung der Tochter große Trauer herrschte. Agenor beauftragte den Kadmos, die Verlorene zu suchen, und der Sohn brach auf, um den Willen des Vaters zu genügen. Lange war sein Bemühen vergeblich; endlich fragte er das Orakel in Delphi, wo er sein Schwester finden werde? erhielt aber zur Antwort: Er solle dieselbe nicht mehr suchen, sondern der ersten Kuh, die ihm begegnen werde, folgen, und an dem Orte, wo sich dieselbe niederlegen würde, eine Stadt gründen. Dies fand in der nachmals Böotien (Rinderland) genannten Landschaft Griechenlands statt, und dort wurde dann später von Kadmos Theben erbaut.

Ehe es aber zur Gründung der neuen Stadt kam, hatte Kadmos noch manche Gefahren zu bestehen. Dem Befehle des Orakels gemäß, wollte er zuerst, um seinen Dank gegen die Götter zu bethätigen, die Kuh, welche ihm den Weg gezeigt hatte, opfern. Er sandte demnach seine Gefährten aus, um an einer nahen, dem Ares geweihten Quelle das zum Opfer nötige Wasser zu holen, die Quelle aber war von einem furchtbaren Drachen bewacht, welcher Kadmos’ Gefährten tötete. Unter dem Beistande der Athene bestand nun Kadmos selbst, und zwar siegreich, den Kampf mit dem Drachen, und brach ihm, nach dem Rate seiner Schutzgöttin, die Zähne aus, die er in den Erdboden säete. Aus dieser wunderbaren Saat entsprossen geharnischte Mannen, die sich zwar anfänglich gegenseitig befeindeten, und zum größten Teil gegenseitig aufreiben, von denen der Rest, ihrer fünf an der Zahl, dann aber treu zu Kadmos hielten, und die Gründung Thebens vollendeten. Diese geharnischten Männer hießen Sparten, d. h. die Gesäeten, und von ihnen, als den echten Sprößlingen des thebanischen Bodens, leiteten sich die edelsten Geschlechter Thebens ab. Das befestigte Theben erhielt von Kadmos den Namen: Kadmeische Burg.

Der Drache aber, den Kadmos erschlagen hatte, war ein dem Ares geheiligtes Tier gewesen, weshalb Kadmos zur Sühnung seiner That und zur Versöhnung des zürnenden Gottes diesem ein sogenanntes großes Götterjahr, d. h. volle acht Jahre dienen mußte. Darauf erst gab ihm Zeus die Harmonia zur Gemahlin, die Tochter des Ares (Mars) und der Aphrodite (Venus), deren Vereinigung einen beglückenden Frieden bedeutet, zu dem man durch Kampf gelangt, wie wir schon in dem Vorhergehenden kennen gelernt haben. Alle Götter besuchten die Hochzeit des Kadmos mit der Harmonia, brachten dem neuen Paare Geschenke, und bethätigten so ihre Teilnahme an der Gründung der neuen Stadt. Harmonia aber gebar dem Kadmos die Töchter Autonoe, Ino, Semele und Agaue und einen Sohn Polydoros. Autonoe vermählte sich dem Aristäus, dessen Sohn Aktäon war. Aktäon wurde von Artemis, die er einst zufällig auf der Jagd im Bade überraschte in einen Hirsch verwandelt, und als solcher von seinen eigenen Hunden zerrissen. Ino heiratete den Athamas, von dem wir später noch weiteres berichten werden, und von dem hier nur erzählt werden muß, daß er, in Raserei verfallen, seine Gemahlin verfolgte, die sich durch einen Sprung ins Meer rettete, und unter dem Namen Leukothea zur Meergöttin wurde (s. oben). Semele, die Mutter des Dionysos, fand ihren Tod, als sich — auf ihr thörichtes Bitten — Zeus ihr einst in seiner ganzen Herrlichkeit als Donnerer nahete. Die vierte Tochter Agaue, wurde von Echion, einem der fünf Sparten, Mutter des Pentheus, auf den nach dem Tode des Polydoros die Herrschaft Thebens überging.

Als Semele durch Zeus’ himmlische Erscheinung getötet war, verbreiteten ihre Schwestern, namentlich Agaue, das Gerücht, Semele habe nur gelogen, daß Zeus ihr Gatte gewesen sei, und sei zur Strafe dafür getötet. Später jedoch kam Dionysos auf seinem Zuge durch die Welt auch nach Theben, und die thebanischen Weiber, unter ihnen auch Agaue, schlossen sich seinen Mänaden an. Pentheus wiedersetzte sich der Einführung des neuen enthusiastischen Kultus, wurde aber von seiner eigenen Mutter und deren Genossinnen getötet. Als Augaue zur Besinnung kam, floh sie aus Theben, und fand erst in Illyrien Ruhe. Die Herrschaft in Theben aber ging auf Polydoros’ Sohn, Labdakos, über. So erlebte Kadmos in seiner Familie große Herrlichkeit, aber auch großes und schweres Unglück.

Er selbst mußte vor feindlichen Verfolgungen in seinem hohen Alter mit seiner Gattin nach Illyrien fliehen, wo er starb, aber vom Zeus mit seiner treuen Harmonia ins Elysium versetzt wurde. Nach seinem Tode wurde Kadmos in Theben fast göttlicher Ehre teilhaft, wie er denn als großer Wohlthäter Thebens gelebt hatte, als Begründer des Ackerbaues, Erbauer der ersten Wasserleitung und Lehrer der Buchstabenschrift, die er aus dem Orient