Die tausendundzweite Nacht der Scheherazade

Wahrheit ist seltsamer als Dichtung

Altes Sprichwort

Forschungen auf orientalistischem Boden ließen mich einen Blick in das "Sagan Wiewares" werfen, ein Werk, das in der Alten und der Neuen Welt so gut wie unbekannt ist; und da musste ich zu meinem Befremden die Entdeckung machen, dass die literarisch gebildete Welt sich bisher auf Grund der Ausführungen in den "Märchen aus Tausendundeiner Nacht" in grobem Irrtum über das Schicksal der Scheherazade, der Tochter des Veziers, befunden hat; der an dieser Stelle gegebenen Lösung kann, will man sie nicht schlechtweg als unwahr bezeichnen, der Vorwurf nicht erspart bleiben, einen wichtigen Teil der Geschichte unterschlagen zu haben.

Wissensdurstige Leser, die sich eingehend mit dieser Sache befassen wollen, verweise ich auf den Urtext des "Wiewares"; mir selbst sei gestattet, eine Darstellung in groben Umrissen von dem zu entwerfen, was ich erkundete.

Die geläufige Version der Märchen berichtet bekanntlich von einem Herrscher, dem eines Tages seine Gattin Grund zur Eifersucht gab. Es war ihm nicht genug, sie aus der Welt zu schaffen; er schwor auch noch bei seinem Bart und dem Propheten, von nun an Nacht um Nacht die schönste Jungfrau seines Reiches zur Genossin seines Lagers zu erküren und sie am nächsten Morgen in die Hand des Henkers zu liefern. Viele Jahre lang hatte er sein Gelübde nach dem Buchstaben mit frommer Treue und Gewissenhaftigkeit schon erfüllt, so dass er in den Ruf eines Mannes von wahrhafter Gottesfurcht und unwandelbarer Sinnesart gekommen war. Da erhielt er eines Nachmittags (er war wohl ohne Zweifel gerade in Gebete vertieft) den Besuch seines Großveziers, dessen Tochter, wie es scheint, einen Entschluss gefasst hatte.

Sie hieß Scheherazade. Und ihr Entschluss war der, entweder das Land von der verheerenden Fron der Schönheit zu befreien oder aber, nach dem bekannten Vorbild aller Heldentöchter, ihr Wagnis mit dem Tode zu büßen. In diesem Sinne hatte sie — obschon kein Schaltjahr war, in dem die Opfer höheres Verdienst erwerben — ihren Vater, den Großvezier, beauftragt, dem Kalifen ihre Hand anzutragen. Und der Kalif nimmt auch das Angebot auf der Stelle an — er hatte ja ohnedies die Absicht gehabt, Scheherazade zu fordern, und nur mit Rücksicht auf den Vezier hatte er die Angelegenheit von einem Tag auf den anderen verschoben — aber in unzweifeldeutiger Weise gibt er gleichzeitig zu verstehen, dass er, ob Großvezier oder nicht Großvezier, nicht die leiseste Absicht habe, auch nur um Haaresbreite von seinem Gelübde und seinen Rechten abzuweichen. Wenn also die schöne Scheherazade darauf bestand, die Gattin des Kalifen zu werden, wenn sie ihren Kopf durchsetzte trotz dem wohlmeinenden Abraten ihres Vaters, so geschah es — ich muss gestehen, ob ich nun will oder nicht — nachdem ihr die wundervollen schwarzsamtnen Augen weit genug geöffnet worden waren.

Es scheint nun, dass dieses uneigennützige Mädchen (sie muss Machiavelli gelesen haben) einen höchst geistreichen kleinen Feldzugsplan in ihrem Kopf zurecht gelegt hatte. Unter irgendwelchem Vorgeben setzte sie durch, dass in der Hochzeitsnacht ihre Schwester in einem Bett nahe dem des fürstlichen Paares schlafen durfte, so dass man sich von Bett zu Bett ohne Mühe unterhalten konnte. Und kurz vor dem ersten Hahnschrei weckte sie ihren Gatten, den wackeren Kalifen, aus dem Schlummer (er hatte dank seinem vorzüglichen Gewissen und seiner leichten Verdauung einen gesunden Schlaf) durch eine überaus spannende Geschichte (ich glaube, sie handelte von einer Ratte und einer schwarzen Katze), die sie ihrer Schwester (doch sicher im Flüsterton) erzählte. Nun war aber diese Geschichte zufällig noch nicht zu Ende, als der Morgen graute, und Scheherazade musste, so wie die Dinge nun einmal lagen, im besten Zuge aufhören, denn es war hohe Zeit, dass sie aufstand und sich erdrosseln ließ — eine Sache, die kaum vergnüglicher genannt werden kann als das Hängen, nur um eine Nuance eleganter.

Indes die Neugierde — es schmerzt mich, dies feststellen zu müssen — trug den Sieg über die bisher unerschütterlichen religiösen Grundsätze des Kalifen davon. Diesmal ausnahmsweise sah sich der Kalif veranlasst, die Erfüllung seines Gelübdes auf den nächsten Morgen zu verschieben, denn er war voll Begierde, in der kommenden Nacht zu erfahren, wie die Geschichte mit der schwarzen Katze und der Ratte noch ausgehen würde (ich denke doch, dass es sich um eine schwarze Katze gehandelt hat).

Die Nacht bracht an; da erzählte die Dame Scheherazade die Geschichte von der schwarzen Katze und der Ratte (sie war nämlich blau, die Ratte) zu Ende, und ehe sie wusste, wie das so kam, steckte sie mitten in den Verwicklungen einer neuen Erzählung, in der (wenn mich nicht alles täuscht) ein rosafarbenes Pferd (mit grünschillernden Schwingen) vorkam, das von einem Uhrwerk in rasende Gangart versetzt wurde und mit einem himmelblauen Schlüssel aufgezogen werden musste. Diese Geschichte fesselte den Kalifen noch mehr als die erste; und als nun der Tag erwachte, noch ehe sie zu Ende war (obschon sich Scheherazade redlich bemühte, mit ihr fertig zu werden, damit sie noch rechtzeitig zur Erdrosselung käme), blieb eben wiederum nichts andres übrig, als die Zeremonie um vierundzwanzig Stunden aufzuschieben. Nun aber ereignete sich in der folgenden Nacht dieselbe Sache und in der nächstfolgenden auch und in der dritten wiederum .. schließlich fand der gute Kalif in einem Zeitraum von nicht weniger als tausendundeiner Nacht keine Gelegenheit, sein Gelübde einzulösen. Und da vergaß er es wohl im Lauf der Zeit oder ließ sich auf dem vorgeschriebenen Dienstweg davon entbinden, oder er brach es schlankweg und den Hals seines Beichtvaters dazu. Auf jeden Fall trug Scheherazade den Sieg davon — sie stamme ja in gerader Linie von Frau Eva ab — und wer weiß, ob sie nicht jene sieben Körbe der Beredsamkeit geerbt hatte, die jene Dame bekanntlich unter den Bäumen des Paradieses einsammelte; die Fron des schönen Geschlechts ward aufgehoben.

So ist der Schluss, wie er uns von dem Buch der Märchen vorgesetzt wird, und er ist ja an sich recht gut und schön, aber leider Gottes heißt es von ihm wie von den meisten schönen Dingen auf der Welt: zu schön, um wahr zu sein! Dem "Wiewares" verdanke ich nun die Fingerzeige, wie die Sache einzurenken ist. Es gibt im Französischen ein Sprichwort: "Le mieux est l’ennemi du bien"; wenn ich vorhin sagte, Scheherazade habe die sieben Körbe der Beredsamkeit geerbt, so will ich noch hinzufügen, dass sie sie mit Wucherzinsen ausgeliehen hatte, bis siebenundsiebzig aus den sieben geworden waren.

"Meine liebe Schwester," begann Scheherazade in der tausendundzweiten Nacht (ich zitiere hier wörtlich aus dem Text des "Wiewares") "meine liebe Schwester, nun, da ich nicht mehr vor der seidenen Schnur zu bangen habe und die unmenschliche Fron glücklich von uns genommen ist, bekenne ich mich einer groben Unterlassungssünde schuldig, die ich dadurch beging, dass ich dir und dem Kalifen (leider Gottes schnarcht er wieder einmal — als ob ein Mann von Bildung schnarchen könnte!) den wahren Schluss der Lebensgeschichte Sindbads des Seefahrers vorenthalten habe. Dieser Mann erlebte nämlich noch eine Unmenge andrer und noch viel unglaublicherer Abenteuer als die, von denen ich euch erzählt habe; in der Nacht, als ich bei dieser Geschichte war, fühlte ich mich etwas müde und unterlag so der Versuchung, zu kürzen — eine Abscheulichkeit, die mir Allah vergeben möge. Aber noch ist es ja nicht zu spät, mein Vergehen wieder gutzumachen, und ich will jetzt nur geschwind den Kalifen etwas kneifen, dass er sein entsetzliches Sägewerk abstellt, und dir dann (das heißt auch ihm, wenn er zuhören will) die Fortsetzung jener hervorragenden Geschichte erzählen."

Daraufhin äußerte Scheherazades Schwester nach dem Text des "Wiewares" keine sonderliche Dankbarkeit; doch hörte der Kalif, nachdem er zur Genüge gekniffen worden war, schließlich auf zu schnarchen und sagte "Hum!" und dann "Hoo!" (Worte, die ohne Zweifel aus dem Arabischen stammen). Scheherazade deutete sie aber als Versicherung, dass ihr Gemahl nunmehr ganz Ohr sei und sein möglichstes tun werde, um nicht mehr zu schnarchen, und nachdem so die Vorbereitungen zu ihrer Befriedigung gediehen waren, kam sie ohne Verzug auf die Geschichte Sindbads des Seefahrers zurück und erzählte in der Rolle des Helden:

"Späterhin, in meinem hohen Alter, nachdem ich so manches Jahr in der Heimat der Ruhe gepflegt, kam mich wieder die Lust an, fremde Länder zu bereisen. Ohne meine Familie über mein Vorhaben in Kenntnis zu setzen, packte ich eines Tages einige Bündel mit Waren, die hohen Wert in sich bargen und doch wenig Beschwerlichkeit verursachten, mietete einen Träger dafür und begab mich mit ihm hinab an das Gestade des Meeres, um auf ein Fahrzeug zu harren, das mich, gleichviel wie seine Bestimmung auch lautete, aus der Heimat in ein mir fremdes Land entführen möchte.

Wir legten unser Gepäck auf dem Ufersande nieder, lagerten uns im Schatten einer Baumgruppe und hielten Ausschau über den Spiegel des Ozeans in der Hoffnung, ein Schiff zu erspähen; allein wir mühten unsere Augen lange Zeit vergeblich. Sodann bedeuchte mir, als härte ich ein sonderbares Brummen und Summen, und auch der Träger erklärte, nachdem er eine Weile gelauscht, dass er das Geräusch vernähme. Mählich nahm es an Stärke zu, und lauter, immer lauter wurde es; es war kein Zweifel möglich, dass das Wesen, das solches Getöse verursachte, sich uns näherte. Schließlich entdeckten wir denn auch am Horizonte einen dunklen Punkt, der rasch an Größe zunahm, und bald erkannten wir ein gigantisches Ungetüm, das da einherschwamm, denn ein großer Teil seines Körpers ragte über die Oberfläche des Wassers empor. Mit unfasslicher Schnelligkeit kam es uns näher; Wogen von Gischt umschäumten seine Brust, und ein feuriger Schweif, der sich in weiter Ferne verlor, bezeichnete auf dem Wasser den Weg, den es durchmessen hatte.

Nun war das Ungeheuer so nahe, dass wir jede Einzelheit unterscheiden konnten. Es war so lang, als wenn man drei der höchsten Bäume der Erde aufeinanderstellte, und so breit wie der große Prunksaal eures Schlosses, erhabenster und großmütigster der Kalifen! Sein Leib hatte nichts mit dem der Fische gemein, sondern war massig wie ein Felsblock und schwarz wie Pech an den über Wasser sichtbaren Flanken; nur ein schmaler, blutroter Streif lief rundum wie ein Gürtel. Der Bauch, der unter dem Wasserspiegel lag, so dass wir nur ab und zu, wenn as Untier sich mit den Wogen hob und senkte, einen flüchtigen Blick darauf werfen konnten, war über und über mit metallischen Schuppen gepanzert, die wie Mondschein bei nebligem Wetter schimmerten. Der Rücken endlich war flach und von heller Farbe; von ihm starrten sechs Stacheln empor, halb so lang wie der ganze Rumpf.

Das Scheusal hatte, soweit wir feststellen konnten, kein Maul, aber dafür war es, als ob damit der Mangel ausgeglichen werden könnte, mit mindestens achtzig Augen ausgestattet, die aus ihren Höhlen ragten wie die Augen der grünschillernden Libelle; sie waren in zwei Reihen übereinander angeordnet und liefen parallel zu dem blutroten Streifen rund um den Leib, so dass es den Anschein erweckte, als diene der Streif als Augenbraue. Zwei oder drei dieser furchtbaren Augen waren viel größer als die anderen und leuchtete wie echtes Gold.

Das Untier näherte sich uns, wie ich schon sagte, mit rasender Geschwindigkeit, doch musste wohl ein Zauber am Werke sein, dass es überhaupt von der Stelle kam, denn es hatte weder Flossen wie ein Fisch noch Ruderfüße wie eine Ente noch die Flügel der Seemuschel, die sich wie ein Segelboot vom Winde treiben lässt, auch wand es sich nicht dahin wie ein Aal. Kopf und Schwanz glichen sich bei ihm ums Haar, nur befanden sich an jenem zwei kleine Löcher, die für Naslöcher gelten mussten, denn durch sie stieß das Ungetüm mit fabelhafter Kraft und unter ohrenzerreißendem Gekreische seinen dicken Atem aus.

Solcher Anblick versetzte uns in nicht geringe Furcht; und doch ward die Empfindung des Schreckens noch übertrumpft durch unser Staunen, als wir bei näherem Hinschauen auf dem Rücken des Ungetüms ein Gewimmel von Wesen erblickten, die in Haltung und Gebaren Menschen glichen, nur trugen sie keine Kleider wie wir, sondern steckten (wohl von Natur) in höchst unbequemen Hüllen, die allerdings mit unserem Tuche einige Ähnlichkeit hatten. Jedoch umschlossen sie die Körper so eng, dass die armen Kobolde einen gar lächerlichen und hässlichen Anblick boten; offensichtlich litten sie schwere Qual darunter. Oben auf ihren Köpfen waren seltsame Kisten von quadratischer Form angebracht; ich hielt diese erst für eine Art Turban, aber bald erkannte ich, dass sie überaus schwer und starr waren, und schloss daraus, dass es Vorrichtungen wären, die durch ihr Gewicht die Köpfe jener Tiere sicher und dauerhaft auf den Schultern festhalten sollten. Um die Hälse der Geschöpfe lagen schwarze Binden (ohne Zweifel Abzeichen der Sklaven), ähnlich wie sie bei uns die Hunde tragen, nur viel breiter und steifer. Infolgedessen konnten die beklagenswerten Opfer den Kopf nicht zur Seite drehen, wenn sie nicht zugleich mit dem ganzen Körper eine Wendung machten; sie waren gezwungen, ständig ihre Nasen zu betrachten.

Das Ungetüm hatte beinahe das Ufer erreicht, wo wir standen, da riss es plötzlich eines seiner Augen weit auf und schleuderte aus ihm mit Donnergepolter einen furchtbaren Feuerstrahl, dem eine dicke Rauchwolke entstieg. Als der Qualm sich verzogen hatte, sah ich einen der hässlichen Tiermenschen auf dem Kopf der riesenhaften Bestie stehen mit einer Trompete in der Hand. Die setzte er an den Mund und pustete etliche laute, harte, widerlich klingende Akzente zu uns herüber, die wir vielleicht für eine Art Sprache gehalten hätten, wenn sie nicht durch die Nase gekommen wären.

Da wir nun einmal sonder Zweifel angerufen worden waren, geriet ich in nicht geringe Verlegenheit, wie ich antworten sollte, denn ich verstand doch keine Silbe von dem, was der Rufer von sich gegeben hatte. So wandte ich mich an den Träger, der vor Angst einer Ohnmacht nahe war, und fragte ihn, zu welcher zoologischen Gattung das Ungetüm seiner Ansicht nach gehörte, was es im Schilde führte und welcher Art wohl die Geschöpfe sein könnten, die da auf seinem Rücken umherschwärmten. Schlotternd vor Angst gab der Träger zu verstehen, dass er noch nie von diesem Seeschreck gehört hätte; es müsste ein grauenhafter Dämon sein, der den Bauch voll Schwefel und die Adern voll Feuer hätte und von einer Horde Teufel erschaffen worden wäre, um der Menschheit Schaden zu tun. Die Wesen auf seinem Rücken aber wären wohl Flöhe, ähnlich denen, die den Katzen und Hunden bisweilen nachstellten, nur etwas größer und auch viel blutgieriger. Diese Flöhe würden wohl gleichfalls teuflischen Zwecken dienen, denn durch die Qual, die sie dem Ungetüm mit Nagen und Stechen zufügten, würde es in solche Wut versetzt, dass es brüllte und Unheil stiftete und so den Rache- und Vernichtungszweck der Geister des Hasses erfüllte.

Nachdem ich dieses vernommen, hielt ich es für ratsam, meine Beine in Bewegung zu setzen. Ohne mich umzublicken, rannte ich in wilder Hast davon, den Bergen zu. Und der Träger bewegte sich mit gleicher Behendigkeit dahin, allerdings nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung. Durch solche List gelang es ihm, mitsamt meinen Bündeln zu entkommen, die er, wie ich hoffe, treu bewahrt hat. Freilich kann ich darüber keine bestimmte Auskunft geben, denn ich sah den Mann niemals wieder.

Was mich anlangt, so wurde ich von einem ganzen Schwarm der Flohmenschen (sie waren in Booten ans Ufer gefahren) so hitzig verfolgt, dass ich bald eingeholt war; an Händen und Füßen gebunden wurde ich zu dem Seeungetüm geschleppt, und gleich darauf schwamm es davon, auf die hohe See hinaus.

Bitterlich bereute ich da den verrückten Einfall, mein trautes Heim verlassen zu haben, um mein Leben mit Abenteuern wie diesem aufs Spiel zu setzen. Doch die Reue kam zu spät, und so versuchte ich, mir meine Lage so gut als eben möglich zu gestalten, und bemühte mich, die Gunst des Tiermischen mit der Trompete zu erlangen, denn er schien bei seinen Genossen in Ansehen zu stehen. Mein Streben hatte den Erfolg, dass mir das Geschöpf schon nach wenigen Tagen unterschiedliche Zeichen seiner Huld gab, schließlich unterzog es sich gar der Mühe, mir die Anfangsgründe seiner — es war aufgeblasen genug zu sagen — ‚Sprache’ beizubringen, so dass ich nach einiger Zeit imstande war, mich regelrecht mit ihm zu unterhalten. Ich machte ihm begreiflich, dass ich das brennende Verlangen in mir trug, die Welt zu durchforschen.

‚Waschisch sqaschisch squiek, Sindbad, hey diddel diddel grunt unt grumel hiß fiß wiß’, äußerte er sich eines Tages nach Tisch zu mir — Verzeihung, ich hatte vergessen, dass Euer Hochwohlgeboren der Redeweise der Cockneys (dies war der Name der Tiermenschen; vermutlich, weil ihre Sprache ein Zwischending zwischen Pferdegewieher und dem Krähen des Hahnes vorstellte) nicht mächtig sind. Mit dero gütiger Erlaubnis will ich übersetzen. Waschisch squaschisch und so fort bedeutet: ‚Ich stelle mit Vergnügen fest, mein lieber Sindbad, dass du ein ganz famoser Bursche bist. Wir befassen uns eben mit einer Sache, die man Weltumsegelung nennt, und da du so begierig darnach bist, die Welt zu sehen, so will ich mich deiner gern annehmen und dir gestatten, nach Belieben auf dem Rücken des Ungetüms umherzugehen.’"

Als die Dame Scheherazade bei diesem Punkt ihrer Erzählung angelangt war, drehte sich — nach dem Text des "Wiewares" — der Kalif von der linken Seite auf die rechte und meinte: "Es ist in der Tat höchst merkwürdig, liebe Frau, wie du früher gerade diese Abenteuer Sindbads auslassen konntest. Ich finde sie nämlich ganz besonders spannend und phantastisch." Nachdem der Kalif sich in solcher Weise zu äußern geruht hatte, nahm die schöne Scheherazade den Faden ihrer Erzählung wieder auf und sprach:

"Sindbad berichtete weiter: ‚Ich drückte dem Tiermenschen meine Dankbarkeit für seine freundliche Gesinnung aus und fühlte mich gar bald auf dem Ungetüm heimisch. Mit fabelhafter Schnelligkeit schwamm es über den Ozean dahin, obschon der Meeresspiegel in jener Gegend nicht eben, sondern rund wie ein Granatapfel war, so dass es gleichzeitig bergauf und bergab schwimmen musste, wenn ich mich so ausdrücken darf.’"

"Höchst eigentümlich", unterbrach der Kalif.

"Und doch die Wahrheit", erwiderte Scheherazade.

"Ich bezweifle das", sprach der Kalif. "Aber bitte, erzähle nur weiter."

"Gerne", sagte Scheherazade. "’Das Ungeheuer’ — fuhr Sindbad fort — ‚schwamm, wie gesagt, gleichzeitig bergauf und bergab, bis wir zu einer Insel gelangten, die viele hundert Meilen im Umkreis maß; und doch war sie hier mitten im Weltmeer einzig und allein von einem Volke winzig kleiner Wesen erbaut worden, die einige Ähnlichkeit mit Raupen hatten.’" (1)

"Hum!" bemerkte der Kalif.

"’Wir verließen dieses Eiland’ — fuhr Sindbad fort — (Scheherazade nahm nämlich von dem unhöflichen Zwischenruf ihres Gatten keine Notiz), und erreichten eine andere Insel, auf der die Wälder von Stein waren; und zwar von so hartem Gestein, dass die bestgehärteten Äxte zersplitterten, als wir den Versuch machten, einen der Bäume zu fällen.’" (2)

"Hum!" ließ sich der Kalif von neuem vernehmen. Aber Scheherazade hörte nicht darauf, sondern fuhr in Sindbads Erzählung also fort:

"’Wir ließen auch diese Insel hinter uns und kamen in ein Land, wo eine Höhle war, die dreißig oder vierzig Meilen weit in das Innere der Erde führte. In dieser Höhle standen Paläste … zahlreicher, stolzer und herrlicher als alle Paläste zu Damaskus und Bagdad. Myriaden von Diamanten und Edelsteinen, größer als ein ausgewachsener Mann, funkelten von den Dächern dieser Paläste. Und an den Fronten der Türme und Pyramiden und Tempel hin glitten gewaltige Ströme, schwarz wie Ebenholz und belebt von Fischen, die blind waren.’" (3)

"Hum!" bemerkte der Kalif.

"’Darnach gelangten wir in eine andere Gegend und entdeckten einen hohen Berg, von dessen Schroffen sich Ströme gluflüssigen Metalles ergossen; etliche von diesen Strömen waren zwölf Meilen breit und sechzig Meilen lang. (4) Plötzlich erhob sich aus einem Krater auf dem Gipfel des Berges eine Aschenwolke, die die Sonne am Himmel verfinsterte. Tiefere Finsternis noch als die um Mitternacht umgab uns; obschon wir von dem Berge hundertundfünzig Meilen entfernt waren, konnten wir die hellsten Gegenstände nicht mehr erkennen, auch wenn wir sie dicht vor die Augen hielten.’" (5)

"Hum!" brummte der Kalif.

"’Das Meersungetüm verließ diese Küste und setzte die Reise fort bis zu einem Lande, in dem die Naturgeschichte auf dem Kopf zu stehen schien. Wir fanden da nämlich einen großen See, auf dessen Grund in einer Tiefe von über hundert Fuß ein Wald von mächtigen Bäumen üppig grünte." (6)

"Hoo!" machte der Kalif.

"’Und etliche hundert Meilen Weges weiter gelangten wir in einen Himmelsstrich, in dem die Luft so dick war, dass sie Eisen und Stahl trug, als ob das leichte Flaumfedern wären.’" (7)

"Blödsinn!" sagte der Kalif.

"’Wir setzten unsre Fahrt in derselben Richtung fort und erreichten das herrlichste Land der Erde. Ein Fluss von wundersamer Pracht zog sich in vielen Windungen etliche tausend Meilen weit dahin. Er war durchsichtiger als Amber, und seine Tiefe war unermesslich. An Breite schwoll er von drei auf sechs Meilen an; zu beiden Seiten stiegen die Ufer zwölfhundert Fuß hoch senkrecht empor und waren von immerblühenden Bäumen und ewig duftenden Blumen überwuchert, so dass das ganze Land den Eindruck eines köstlichen Gartens machte. Der Name dieses Paradieses aber war — Reich des Schreckens. Wer es betrat, war rettungslos dem Tode verfallen.’" (8)

"Hum!" machte der Kalif.

"’Eilends kehrten wir diesem Lande den Rücken und nahten uns nach einigen Tagen einer anderen Küste, wo wir zu unserem Staunen viele gewaltige Raubtiere erblickten, die sichelförmige Hörner auf dem Kopfe trugen. Jedes dieser hässlichen Tiere wühlte sich eine ungeheure, trichterartige Höhle in das Erdreich und überkleidete die Böschung mit lose aufgetürmten Felsblöcken. Sobald nun ein anderes Tier mit dem Fuß die Felsblöcke berührte, kollerten sie augenblicks übereinander und rissen das unglückliche Geschöpf mit sich in die Höhle des Ungeheuers hinab. Hier wurde ihm das Blut ausgesogen und hernach der Leichnam ohne jede Pietät weit fortgeschleudert aus der Höhe des Todes.’" (9)

"Puh!" seufzte der Kalif.

"’Wir setzten die Reise fort und stießen auf ein Land, in dem eine Wirrnis von Pflanzen war, doch hatten diese Pflanzen ihre Wurzeln nicht in der Erde, sondern in der Luft. (10) Wir fanden auch Arten, die den Leibern anderer Pflanzen entsproßten (11), und solche, die ihre Nahrungssäfte aus den Körpern lebendiger Tiere sogen. (12) Und dann waren da noch andre, die weithin helles Licht verbreiteten (13), und wieder andre, die sich nach Belieben von der Stelle bewegen konnten. (14) Schließlich entdeckten wir noch viel verwunderlichere Gebilde: Pflanzen, die lebten und atmeten und ihre Ranken bewegen konnten, wie sie wollten; außerdem hatten sie die verabscheuungswürde Gewohnheit der Menschen angenommen, andre Geschöpfe einzufangen und in hässliche, entlegene Gefängniszellen zu sperren, bis sie eine ihnen auferlegte Fron geleistet hatten.’" (15)

"Pah!" machte der Kalif.

"’Wir verließen dies Gestade und besuchten ein Land, wo die Bienen und die Vögel über ein so geniales mathematisches Wissen verfügen, dass sie den Gelehrten in jenem Reiche täglich Unterricht in Geometrie erteilen. Der regierende Fürst hatte einst eine Belohnung ausgesetzt für die Lösung zweier verwickelter Aufgaben: sie waren im Handumdrehen gelöst — die eine von den Bienen, die andre von den Vögeln; aber der Fürst hielt ihre Lösungen geheim, und es begab sich, dass nach langwieriger Forschung und Arbeit, nachdem im Verlauf vieler Jahre eine Unmenge dickleibiger Bände geschrieben worden war, die menschlichen Mathematiker schließlich zur selben Lösung gelangten, die die Bienen und die Vögel auf der Stelle gefunden hatten.’" (16)

"Du lieber Himmel!" rief der Kalif aus.

"’Wir hatten dieses Land kaum aus der Sicht verloren, da befanden wir uns schon vor einem andern, von dessen Ufer her ein Schwarm von Vögeln über uns hinflog, der eine Meile breit und zweihundertvierzig Meilen lang war. Obschon aber die Tiere in jeder Minute nicht weniger als eine Meile zurücklegten, währte es doch nicht weniger als vier Stunden, bis der ganze Schwarm über uns weggeflogen war, in dem sich viele Millionen Vögel befanden.’"(17)

"Pfui doch!" sagte der Kalif.

"’Eben waren die Vögel, die uns auf die Dauer etwas lästig gefallen waren, verschwunden, da entdeckten wir zu unserm Schreck einen Vogel, der jene Märchenvögel aus meinen früheren Fahrten an Größe weit übertraf; er war größer als der höchste Turm deines Serails, o erhabenster aller Kalifen! Dieser furchterregende Vogel hatte, wie wir deutlich sehen konnten, keinen Kopf sondern war nur Bauch, ein überaus fetter, praller Bauch, der aus feinem, sammetweichen und durchscheinendem Stoff zu bestehen schien und eine Streifung von allerlei Farbe aufwies. In seinen Klauen trug das Ungetüm ein ganzes Haus zu seinem Horst irgendwo in den Lüften empor, ein Haus, von dem es offenbar das Dach abgebrochen hatte. Wir erkannten genau, dass sich menschliche Wesen darin befanden, die ohne Zweifel in einem Zustand dumpfer Verzweiflung dem entsetzlichen Los, das ihrer harrte, entgegenblickten. Wir erhoben laut unsere Stimmen in der Hoffnung, der Vogel möchte erschrecken und seine Beute fallen lassen, aber er gab nur — offenbar aus Wut — ein knarrendes Geräusch von sich und ließ über unsern Köpfen einen Sack fallen, der sich mit Sand gefüllt erwies.’"

"Schwindel!" bemerkte der Kalif.

"’Bald nach diesem Erlebnis erreichten wir einen Erdteil von unermesslicher Ausdehnung und unwägbarer Schwere; trotzdem ruhte er einzig und allein auf dem Rücken einer himmelblauen Kuh, die nicht weniger als vierhundert Hörner hatte.’" (18)

"Dies kann ich nun glauben," sprach der Kalif, "denn ich habe früher ähnliches in dem Buch gelesen."

"Wir schwammen unter diesem Erteil durch (zwischen den Beinen jener Kuh), und nach einigen Stunden befanden wir uns in einem Lande, von dem mir der Tiermensch sagte, es sei seine Heimat und werde von Wesen seiner Gattung bewohnt. Diese Tatsache ließ den Tiermenschen sehr in meiner Achtung steigen, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich ihn mit einer gewissen herablassenden Vertraulichkeit behandelt hatte. Denn ich sah, dass die Tiermenschen ein Volk von gewaltigen Zauberkünstlern waren; sie hatten nämlich Würmer im Gehirn (19), die sie ohne Zweifel durch ihren Schmerz verursachendes Umherkriechen, Bohren und Winden zu diesen wunderbaren Taten und Erfindungen anregen sollten."

"Unsinn!" sagte der Kalif.

"’Bei diesen Zauberern lebten höchst eigentümliche Haustiere. Zum Beispiel war da ein ungeheures Pferd, dessen Gebeine aus Eisen und dessen Blut aus kochendem Wasser bestand. An Stelle des Hafers erhielt es schwarze Steine zur Nahrung, und doch war es trotz dieser schwerverdaulichen Kost so stark und schnell, dass es eine Last, die schwerer war als der größte Tempel dieser Stadt, mit einer Schnelligkeit von der Stelle bewegte, die den Flug der meisten Vögel noch übertraf.’" (20)

"Quatsch!" bemerkte der Kalif.

"’Sodann sah ich eine Henne ohne Gefieder, die größer war als ein Kamel. An Stelle von Fleisch und Gebein hatte sie Eisen und Ziegelsteine; ihr Blut bestand wie das des Pferdes, mit dem sie nahe verwandt zu sein schien, aus kochendem Wasser, auch fraß sie gerade wie das Pferd nur Holz und schwarze Steine. Diese Henne brütete an einem Tag nicht selten hundert Kücken aus. Nach ihrer Geburt aber lebten die Kücken mehrere Wochen lang im Bauch ihrer Mutter.’" (21)

"Erlogen!" bemerkte der Kalif.

"’Einer aus dem Volk der mächtigen Beschwörer schuf einen Menschen aus Messing, Holz und Leder und hauchte ihm solchen Geist ein, dass er im Schachspiel alle Menschen besiegte mit Ausnahme des großen Kalifen Harun al Raschid. (22) Ein andrer Magier stellte aus ähnlichem Stoff ein Wesen her, das sogar das Genie seines Schöpfers beschämte. Denn es war mit solchen Vernunftskräften begabt, dass es in einer Sekunde Berechnungen bewältigte, die die vereinigten Kräfte von fünfzigtausend Menschen von Fleisch und Blut ein ganzes Jahr hindurch beansprucht haben würden. (23) Ein Zauberer, der noch höhere Macht besaß, baute ein gewaltiges Ding, das weder Mensch noch Tier war. Er hatte ein Gehirn von Blei und einer schwarzen Masse, die wie Pech aussah, und Finger, die es mit so unglaublicher Schnelligkeit und Sicherheit bewegen konnte, dass es ihm leicht gefallen wäre, in einer Stunde zwanzigtausend Abschriften des Koran zu liefern, und zwar Abschriften von solcher Genauigkeit, dass man unter den zwanzigtausend nicht eine hätte finden können, die von den anderen auch nur um Haaresbreite abgewichen wäre. Die Macht dieses Geschöpfes war ungeheuer; es konnte nämlich mit einem Atemzug mächtige Reiche aufrichten und wieder zerstören. Aber seine Kräfte wurden gleichviel zum Bösen wie zum Guten verwandt.’"

"Zum Totlachen!" sagte der Kalif.

"’Unter dem Volk der Zauberkünstler war auch einer, in dessen Adern das Blut des Salamanders floss. Er machte sich nichts daraus, sich in einen rotglühenden Backofen zu setzen und da seinen Tschibuk zu rauchen, bis oben auf der Herdplatte sein Essen gargekocht war. (24) Ein andrer besaß die Fähigkeit, gewöhnliche Metalle in Gold zu verwandeln; er brauchte nicht einmal hinzusehen, wenn die Verwandlung sich vollzog. (25) Wieder einer hatte einen derart verfeinerten Tastsinn, dass er Drähte ziehen konnte, die so dünn waren, dass man sie gar nicht sah. (26) Ein andrer besaß solche Schnelligkeit der Auffassung, dass er die einzelnen Bewegungsphasen eines Körpers zählen konnte, solange dieser mit einer Geschwindigkeit von neunhundert Millionen Malen in der Sekunde elastisch auf und nieder schwirrte.’" (27)

"Unmöglich!" rief der Kalif.

"’Sodann war da ein Magier, der mit Hilfe einer Strömung, die niemand sah, seine Freunde zwang, die Arme zu schwingen, die Beine zu werfen, zu kämpfen oder gar nach seinem Willen zu tanzen. (28) Ein andrer brachte es mit seiner Stimme so weit, dass er sich vom einen Ende der Erde bis zum andern verständlich machen konnte. (29) Wieder einer hatte einen so langen Arm, dass er, wenn er sich in Damaskus hinsetzte, einen Brief in Bagdad, oder wo er wollte, schreiben konnte. (30) Einer befahl sogar dem Blitz, vom Himmel herabzufallen, und der Blitz kam auf seinen Wunsch und diente ihm als Spielzeug. Ein andrer nahm zwei laute Töne und machte Stille daraus. Und wieder einer machte Finsternis aus zwei hellfarbigen Strahlen. (31)

Einer machte Eis in einem rotglühenden Tiegel. (32) Wieder ein andrer gab der Sonne auf, sein Bildnis zu malen, und die Sonne tat so. 833) Der nächste beschäftigte sich mit dem Mond und den Planeten; er stellte ihr Gewicht mit peinlicher Genauigkeit fest, drang in ihr Inneres ein und erforschte die Dichte des Stoffes, aus dem sie gemacht sind. Im übrigen besitzt das ganze Volk die Gabe des Hellsehens; weder den Kindern noch den gewöhnlichsten Katzen und Hunden bereitet es Schwierigkeiten, Dinge wahrzunehmen, die in Wirklichkeit gar nicht da sind oder die zwanzig Millionen Jahre, bevor das Volk geboren worden war, aus dem Angesicht der Schöpfung getilgt worden waren.’" (34)

"Wahnsinn!" sagte der Kalif.

"’Die Frauen und Töchter dieser unvergleichlich großen und weisen Magier’", fuhr Scheherazade fort, ohne sich irgendwie durch die häufigen und banalen Zwischenrufe ihres Gatten stören zu lassen, "’sind in jeder Hinsicht gebildet und wohlerzogen, und sie wären auch überaus geistreich und schön zu nennen, wenn nicht ein unglückseliger Wahn sie befallen hätte, vor dem sie selbst die wunderbaren Kräfte ihrer Gatten und Väter bis heute nicht retten konnten. Unglück kommt in mannigfacher Gestalt; das, von dem hier die Rede ist, erschien in Form einer fixen Idee.’"

"Einer was?" fragte der Kalif.

"’Einer fixen Idee’" sprach Scheherazade. "’Einer der Teufel, die beständig auf der Lauter liegen, um Übles zu tun, hat in die Köpfe der hochgebildeten Damen gepflanzt, dass das, was wir als körperliche Schönheit bezeichnen, in nichts andrem bestünde als in der mehr oder weniger ansehnlichen Rundung jenes gewissen Körperteils, der nicht weit unterhalb der schmalsten Stelle des Rückens liegt. Der Gipfel der Anmut, behauten sie, sei, den üppigsten P… zu haben. Sei langer Zeit schon sind sie von dieser Idee besessen, und es ist allgemeine Sitte geworden, jenen Körperteil zu polstern. Und so sind die Tage längst vergessen, da man in jenem Land noch eine Frau von einem Dromedar unterscheiden konnte.’" —

"Schluss" rief da der Kalif. "Ich kann und will das nicht mehr länger mit anhören. Deine Lügen haben mir üble Kopfschmerzen bereitet. Ich sehe, der Tag bricht eben an. Wie lange waren wir doch nun verheiratet? — mein Gewissen plagt mich wieder. Und nun gar die Sache mit dem Dromedar! Hältst du mich denn für einen Narren? Ich meine, du solltest jetzt aufstehen und dich erdrosseln lassen."

Solche Worte — ich habe es aus dem "Wiewares" — betrübten und verblüfften Scheherazade gleichermaßen, aber da sie den Kalifen als einen Mann von Grundsätzen kannte und wusste, dass er schwerlich sein Wort zurücknehmen würde, so trug sie ihr Schicksal mit Würde. Ein großer Trost war ihr der Gedanke (während sich die seidene Schnur enger und enger um ihren Hals schloss), dass noch ein guter Teil der Geschichte nicht erzählt war. Die Laune dieses Scheusals von einem Gatten rächte sich von selber in gebührendem Maße, denn sie brachte ihn um gar viele unbegreifliche Abenteuergeschichten.

Erklärungen

  1. Die Korallentiere. ["Mag der Orkan Tausende ungeheurer Bruchstücke losreißen; was hat das zu bedeuten gegenüber der sich häufenden Arbeit von Myriaden kleiner Architekten, die Tag und Nacht, Jahr um Jahr bei der Arbeit sind? So sehen wir, wie der weiche, gallertartige Körper eines Polypen durch die Wirksamkeit der Gesetze des Lebens die große mechanische Kraft der Meereswogen besiegt, denn weder die Kunst des Menschen, noch die unbelebten Werke der Natur erfolgreich widerstehen können." Darwin "Reise eines Naturforschers". Anm. d. Übers.]
  2. "Zu den seltsamsten Naturmerkwürdigkeiten in Texas zählt ein versteinerter Wald nahe den Quellen des Pasignoflusses. Er besteht aus etlichen hundert aufrechtstehenden Stämmen, die allesamt versteinert sind. Einige der Bäume, die noch im Wachstum begriffen sind, weisen teilweise Versteinerung auf. Diese Tatsache muss verblüffend auf die Naturforscher wirken und wird sie wohl veranlassen, die bestehende Theorie über das Wesen der Versteinerung umzubauen." Kennedy. [Nach Berdrow geschah die "Versteinerung" der Stämme durch kieselsäurehaltige Wasserströme, die die von Tonschichten und Sand bedeckten Wälder durchtränkten und unter Beibehaltung der Struktur gewissermaßen kristallisierten. Die Bloßlegung erfolgte in der vierten Erdperiode, dem Zeitalter der Verwitterung, dem die verkieselten Hölzer besser als der sie umgebende Tonsandstein widerstanden. H. C. Hovey, ein amerikanischer Geologe, nimmt an, dass Aschenschichten vulkanischer Ausbrüche die Wälder begruben. In späterer Zeit sei dann diese Schicht überflutet worden mit Wasser, das reich an Kieselsäure war und vermutlich von Geisern (heißen Springquellen) herrührte. Das Holz sei von ihm durchtränkt worden und schließlich im Laufe sehr ausgedehnter Zeiträume "versteinert". Anm. des. Übers.]
  3. Diese Mitteilung, die erst auf geringen Glauben stieß, wurde inzwischen ergänzt durch die Entdeckung eines völlig versteinerten Waldes am Oberlauf des Chayenne- oder Chienneflusses, der in den Black Hills im Felsengebirge entspringt.

    Es gibt wohl auf der ganzen Erde sowohl von geologischen als vom malerischen Gesichtspunkt aus kein eindrucksvolleres Bild als das, das der versteinerte Wald bei Kairo bietet. Der Reisende lässt die Gräber der Kalifen vor den Toren der Stadt hinter sich und wendet sich fast im rechten Winkel zu der Straße, die durch die Wüste nach Suez führt, gen Süden. Er durchwandert ungefähr zehn Meilen weit ein unfruchtbares Tal, dessen Boden aus Sand, Kies und Muscheln besteht, als sei erst gestern Ebbe eingetreten, übersteigt sodann eine niedrige Kette von Sandhügeln, die sich eine Strecke weit parallel zu seinem Weg hinzieht. Und jetzt bietet sich dem Reisenden ein unbeschreiblich seltsamer und trostloser Anblick. Meilenweit in der Runde steht ein entseelter, abgestorbener Wald von Baumüberresten, die zu Stein verwandelt sind und wie Gusseisen klirren, wenn der Huf des Reittieres sie trifft. Das Holz ist dunkelbraun und hat in der Versteinerung seine Struktur beibehalten. Die Stämme, die 1-15 Fuß an Länge messen, liegen so dicht, dass der ägyptische Esel nur mit Mühe seinen Weg zwischen ihnen findet. Das Ganze macht einen so natürlichen Eindruck, dass man, wäre man in Schottland oder Irland, an ein ungeheures entwässertes Moor denken könnte, in dem die ausgegrabenen Baumstämme im Sonnenschein verfaulen. Die Wurzeln und Aststümpfe sind in manchen Fällen fast unbeschädigt erhalten; bei einigen sind noch die Gänge, die die Würmer einst unter der Rinde genagt haben, deutlich wahrzunehmen. Die zartesten Saftgefäße und alle empfindlichen Teile im Innern des Holzes sind noch zu erkennen und halten selbst einer Prüfung durch das stärkste Vergrößerungsglas stand. Das Ganze ist durch und durch mit Kieselsäure getränkt, ritzt Glas und kann zu Hochglanz poliert werden. — Asiatic Magazine.

  4. Die Mammuthöhle in Kentucky.
  5. In Island, 1783
  6. "Beim Ausbruch des Hekla im Jahre 1766 entstand infolge einer Wolkenbildung durch Asche solche Finsternis, dass die Einwohner von Glaumba, das über 150 englische Meilen entfernt liegt, auf allen Vieren kriechend und mit Fackeln ihren Weg suchen mussten. Beim Ausbruch des Vesuv im Jahre 1794 war es in Caferta, zwölf englische Meilen weit entfernt, nur mit Licht möglich, zu gehen. Am 1. Mai 1812 senkte sich aus einem Vulkan der Insel St. Vincent ein Aschenregen über die ganze Barbadosgruppe und verdunkelte um Mittagszeit den Himmel derart, dass man im Freien Bäume und dicht vor Augen befindliche Gegenstände nicht wahrnehmen konnte, nicht einmal ein weißes Taschentuch, das in einer Entfernung von 6 Zoll vor die Augen gehalten wurde." Murray, S. 215, Phil. Edit.
  7. "Im Jahre 1790 senkte sich bei einem Erdbeben in Caraccas eine Strecke des granitischen Erdreichs und bildete einen See von 800 Yards Breite und 80-100 Fuß Tiefe. Ein Teil des Waldes von Aripao sank dabei unter; die Bäume blieben unter dem Wasserspiegel noch mehrere Monate lang grün." Murray, S. 221.
  8. Der härteste Stahl kann durch ein Gebläse in unfühlbar feinen Staub verwandelt werden, der von der Luft davongetragen wird. [Das Wasserstoff-Sauerstoff-Gebläse wurde 1801 von Dr. Hare erfunden und ist imstande, sogar Diamanten zu verbrennen. Anm. des Übers.]
  9. Das Flussgebiet des Niger. Siehe Simmonds "Colonial Magazine".
  10. Der Ameisenlöwe (Myrmeleon). Der Ausdruck "Raubtier" ist wohl ebenso gut im kleinen wie im großen zu gebrauchen, dagegen haben Beiworte wie "ungeheuer" und ähnliche proportionale Bedeutung. Der Trichter des Ameisenlöwen ist "ungeheuer" im Vergleich zu der Höhle der gemeinen roten Ameise. Vom gleichen Gesichtspunkt aus wird ein Sandkorn zum "Felsblock" [Aus der Darstellung Poes geht nicht hervor, dass der Ameisenlöwe sein Opfer mit Sand ("Felsblöcken") bewirft, um es dadurch zum Absturz zu bringen. A.J. Kösel von Rosenhof schreibt 1755 in seiner "Insektenbelustigung" hierüber: "Auf dem Grunde des Trichters harrt nun der Ameisrauber unter dem Sande verborgen auf eine Beute. Sobald sich eine Ameise am oberen Rande zeigt, so wirft er mit seinem breiten Kopf den Sand weit heraus. Das Insekt, das auf dem leicht beweglichen Sande der Trichterwand keinen Halt findet und nicht schnell genug entfliehen kann, rutscht unter dem wiederholt auf es geschleuderten Sandhagel immer rascher abwärts, bis es in die geöffnete Zange seines Raubers fällt." Anm. d. Übers]
  11. Das Epidendron flos aeris, eine zur Orchideenfamilie zählende Pflanze, klammert seine Wurzeln an einen Baum oder sonst wo an, ohne jedoch dem Substrat Nahrung zu entziehen. Es lebt also in der Tat von der Luft. [Luftwurzeln sind nicht nur Haftorgane, sondern auch Nahrungseinnehmer, die sich Lebensmittel auf verschiedene Weise verschaffen. In den dichten Filzen und Schöpfen dieser Wurzeln verfängt sich Erde und Humus in oft ansehnlichen Mengen, so dass die Pflanze Gelegenheit findet, ihre Wurzeln in normaler Weise zur Aufnahme mineralischer und humoser Nährstoffe zu verwenden. Einige Arten wie die Vandaorchideen treiben ihre Luftwurzeln bis hinab auf den Boden, wo sich dann aus dem silberschimmernden, lockern, schwammigen Gebilde der Luft eine Wurzel wie jede andre Erdwurzel entwickelt. Die Luftwurzeln vermögen auch durch ihr Belamen, eine mehrfache Schicht luftführender Zellen, aus feuchter Luft Wasser zu kondensieren. Anm. d. Übers.]
  12. Parasiten ähnlich der prachtvollen Rafflesia Arnaldii. [Die Rafflesia schmarotzt auf Lianen (Cissusarten), in deren Holz sie zahlreiche, vielverzweigte Fäden bilden. Anm. d. Übers.]
  13. Schouw erwähnt eine Pflanzengattung, die auf Tieren vegetiert — die Plantae Epizoae. Zu dieser gehören einige Fuci und Algae.
  14. Mr. J. B. Williams von Salem, Mass., reichte dem National Institut ein Insekt von Neuseeland ein unter Beifügung folgender Beschreibung: "Die Hotte", eine ausgesprochene Raupe oder Made, lebt auf den Wurzeln des Rautabaumes. Auf ihrem Kopf gedeiht eine Pflanze. Dieses höchst seltsame und außergewöhnliche Insekt wandert an den Rata- und Perriribäumen empor, nagt sich oben in den Stamm ein und frisst sich durch den ganzen Stamm bis zur Wurzel durch. Hier kommt es dann zum Vorschein und stirbt oder verfällt in Schlaf, während die Pflanze aus seinem Kopf wächst. Der Körper der Raume bleibt unversehrt erhalten, nur ist er jetzt härter als zu Lebzeiten des Tieres. Die Eingeborenen machen aus dem Insekt Farbe zum Tätowieren.

  15. In Bergwerken und auch in natürlichen Höhlen findet sich eine Art Pilze, die ein helles, phosphoreszierendes Licht ausstrahlen. {Es handelt sich hier wohl um den Vorkeim des Leuchtmooses, Schistostega osmundacae. Anm. d. Übers.]
  16. Orchideen, Skabiosen und Vallisneria.
  17. Der Blütenkelch dieser Pflanze (Aristolochia clematitis) ist röhrenförmig und läuft in einen zungenförmigen Sporn aus, der am Grunde retortenartig aufgeblasen ist. Der Sporn ist innen mit steifen Haaren bewachsen, die nach unten gerichtet sind. Der kugelförmige Auswuchs enthält den Stempel, der aus Fruchtknoten und Narbe besteht, und die ihn umgebenden Staubgefäße. Nun sind aber die Staubgefäße kürzer als selbst der Fruchtknoten, können also nicht von sich aus den Blütenstaub auf die Narbe befördern, da die Blüte immer aufrecht steht bis nach der Befruchtung. Ohne Eingriff von außen muss der Blütenstaub naturgemäß auf den Boden des Blütenkelches fallen. Dieser Eingriff erfolgt nun auf eine von der Natur bestimmte Weise durch die Tiputa Pennicornis, ein kleines Insekt, das sich in die Blütenröhre zwängt, um Honig zu suchen, und bis in die Retorte vordringt. Hier läuft es umher, bis es über und über mit Blütenstaub bepudert ist, und nun kann es nicht mehr heraus, weil die Stellung der Haare nach innen gerichtet ist; sie wirken also wie die Drähte einer Mausefalle. Nun wird das Insekt ungeduldig über seine Haft, drängt vorwärts und rückwärts, versucht überall hinauszukommen, streift dabei die Narbe mehrmals, bringt Blütenstaub darauf und bewirkt so die Befruchtung. Bald darauf neigt sich die Blüte, die Haare im Sporn verdorren und lassen das Insekt entkommen. — Rev. P. Keith "System of Physeological Botany". [Auch die übrigen Arten der Osterluzeifamilie, Aristolochia, und der Aronstab, Arum maculatum, zählen zu den "Kesselfallenblumen". Anm. d. Übers.]
  18. Die Bienen haben von jeher ihre Zellen in genau der Form, der Anzahl und der Anordnung gebaut, die allein — wie mathematisch nachgewiesen wurde — die Lösung des Problems ermöglichte: größter Raum verbunden mit größter Stabilität des Baues. [Der Vollständigkeit halber sei hier eine Stelle aus Maeterlinck "Viedes abeilles" angeführt: "Réaumur hatte den berühmten Mathematiker König folgendes Problem gestellt: Unter allen sechskantigen Zellen mit pyramidalem, aus drei gleichen und ähnlichen Rhomben bestehenden Boden die zu bestimmen, die am wenigsten Baustoff erfordere. König antwortete, es wäre diejenige, deren Boden aus drei Rhomben bestünde, deren große Winkel je 109°26" und die kleinen je 70° 34" betrügen. Nun aber hat ein anderer Gelehrter, Maraldi, die Winkel der Rhomben in den Bienenzellen so genau wie möglich nachgemessen und gefunden, dass die großen 109° 28", die kleinen 70° 32" betragen. Zwischen beiden Lösungen bestand also nur ein Unterschied von zwei Minuten! Und es ist wahrscheinlich, dass der Irrtum nicht von den Bienen, sondern von Maraldi begangen wurde, denn es gibt kein Instrument, das die Zellenwinkel, die nicht so scharf hervortreten, mit untrüglicher Sicherheit nachzumessen erlaubte." Anm. d. Übers.]
  19. Gegen Ende des verflossenen Jahrhunderts wurde von Mathematikern die Frage aufgeworfen, welches die beste Form für Windmühlenflügel sei unter Berücksichtigung der verschieden großen Entfernungen vom Mittelpunkt der Drehbewegung. Es ist dies ein sehr verwickeltes Problem, das in anderen Worten bedeutet, die nutzbar angepasste Form zu einer unbegrenzten Strecke verschieden großer Abstände vom Mittelpunkt zu finden. Tausende von fruchtlosen Versuchen rief jene an die berühmtesten Mathematiker gestellte Frage hervor. Und als man schließlich die brauchbare Lösung gefunden hatte, entdeckte einer, dass die Flügelform eines Vogels die Antwort hätte auf der Stelle mit unfehlbarer Sicherheit geben können, seit nur je ein Vogel durch die Luft flog.

  20. "Man sah den Schwarm Tauben zwischen Frankfort [gemeint ist wohl Frankfort am Michigansee, nicht Frankfort in Indiana. Anm. d. Übers.] und Indiana-Territory, der mindestens eine Meile breit war. Vier Stunden vergingen, bis der Schwarm vorüber war! Daraus ergibt sich bei einer Fluggeschwindigkeit von einer Meile in der Minute eine Länge von 240 Meilen für den Schwarm. Rechnet man nun drei Tauben auf ein Quadrat-Yard, so findet man eine Summe von 2 230 272 000 Tauben." — "Travels in Canada and the United States" von Lieut. F. Hall.
  21. "Die Erde wird getragen von einer Kuh von blauer Farbe, die vierhundert Hörner hat." — Sales Koran.
  22. Die Entozoa oder Eingeweidewürmer sind oft in den Muskelgeweben und im Gehirn des Menschen festgestellt worden. Siehe Wyatts Physiologie, S. 143.
  23. Bei der Great-Western-Nailway zwischen London und Exeter wurde eine Geschwindigkeit von 71 Meilen in der Stunde erreicht. Ein 90 Tonnen schwerer Zug wurde von Paddington nach Didcot (53 Meilen) in 51 Minuten befördert.
  24. Das Eccolabeion (Brutofen, künstliche Glucke).
  25. Maelzels automatischer Schachspieler.
  26. Babbages Rechenmaschine.
  27. Chabert — und nach ihm hundert andre.
  28. Galvanoplastik.
  29. Wollaston machte für Fadenkreuze in Fernrohren aus Platin einen Draht von 1/18000 Zoll [ein amerik. Zoll = 2,54 cm] Dicke. Dieser Draht konnte nur mit Hilfe des Mikroskops wahrgenommen werden.
  30. Newton wies nach, dass die Netzhaut (Retina) des menschlichen Auges unter dem Einfluss des violetten Strahles im Spektrum 900 millionenmal in der Sekunde vibriert.
  31. Die Voltasche Säule
  32. Der Telegraph vermittelt Gedanken augenblicklich nach allen Teilen der Erde.
  33. Der Drucktelegraph [Morseapparat, erfunden 1837. Anm. d. Übers.]
  34. Geläufige Experimente aus dem Gebiet der Naturkunde. Wenn man von zwei Lichtquellen aus zwei rote Strahlen in einer Dunkelkammer auf einen weißen Schirm fallen lässt und sie sind in der Länge um 0,0000167 Zoll verschieden, so wird ihre Intensität verdoppelt. Ebenso, wenn der Längenunterschied ein gerade Vielfaches dieses Bruches beträgt. Die Multiplikation mit 2 _, 3 _ usw. gibt eine Intensität, die nur einem Strahl entspricht, aber die Multiplikation mit 2 _, 3 _ usw. verursacht völliges Dunkel. Bei violetten Strahlen werden gleiche Resultate erzielt, wenn der Längenunterschied der Strahlen 0,0000167 Zoll beträgt. Ebenso ist es mit allen andern Strahlen — die Längenunterschiede vergrößern sich entsprechend der Lage im Spektrum von Violett nach Rot hin.
  35. Ähnliche Versuche mit Schallwellen haben zu ähnlichen Ergebnissen geführt.

  36. Stelle einen Platintiegel über einen Spiritusbrenner und erhitze ihn bis zur Rotglut, sodann gieße etwas schweflige Säure hinein, und du entdeckst, dass sie, obschon ein bei normaler Temperatur rasch verdampfender Stoff, in dem heißen Schmelztiegel unvermindert erhalten bleibt; nicht ein Tropfen verdampft. Denn die eigene Verdunstung hüllt sie ein, so dass sie den Boden des Tiegels nicht berührt. Nun aber werden ein paar Tropfen Wasser hineingeträufelt; die Säure kommt in Berührung mit den glühenden Wänden des Tiegels und verflüchtigt sich als schwefliger Dampf. Das geht so schnell, dass die Wärme des Wassers mit ihm entflieht und die Tropfen als Eisklümpchen auf den Grund des Tiegels sinken. Wenn man nun den Augenblick erfasst, ehe es wieder schmilzt, kann man Eis aus dem rotglühenden Tiegel fischen. [Es handelt sich um den sphäroidalen Zustand, in den die schweflige Säure in dem glühenden Tiegel bei einer Temperatur noch unter ihrem Siedepunkt, der bei -10 liegt, gerät. Träufelt man auf dieses Sphäroid Wasser, so gefriert es. Anm. d. Übers.]
  37. Die Daguerreotypie.
  38. Obwohl das Licht 167 000 Meilen in der Sekunde zurücklegt, ist die Entfernung zu den 61 Sternen des Schwans (dem einzigen Sternbild, dessen Entfernung wir kennen) so groß, dass ihre Lichtstrahlen mehr als 10 Jahre brauchen, um zur Erde zu gelangen. Für weiter entfernte Sterne sind 20 oder 1000 Jahre eine mäßige Bemessung. Wären sie nun vor 20 oder 1000 Jahren untergegangen, so würden wir sie heute noch am Himmel mit dem Licht leuchten sehen, das vor 20 oder 100 Jahren von ihnen ausging. Dass viele von den Sternen, die wir heute sehen, in Wahrheit nicht mehr sind, ist nicht unmöglich, nicht einmal unwahrscheinlich.
  39. Herschel behauptet, dass das Licht der schwächsten Nebelflecke, die wir durch ein großes Fernrohr wahrnehmen können, drei Millionen Jahre brauchte, um zur Erde zu gelangen. Einige, die erst durch das Instrument des Lord Roß sichtbar gemacht wurden, brauchten dazu 20 Millionen Jahre. [Im Sternbild des Schwans befindet sich der Fixstern, bei dem Bessel zum erstenmal eine Messung der Entfernung gelang. Anm. d. Übers.]