Eine Fopperei

- Packt Euch!
Wenn das Eure Stöße und Hiebe sind,
Bedank ich mich dafür!

Ned Knowles

Der Baron Ritzner von Jung entstammte einem vornehmen ungarischen Geschlecht, dessen Sprossen sich (wenigstens soweit ihre Taten nicht, in grauer Vorzeit sich verlierend, dem heutigen Betrachter entzogen sind) mehr oder minder alle durch irgendein bemerkenswertes Talent ausgezeichnet haben; die Mehrzahl von ihnen durch jene Art von grotesker Absonderlichkeit, von der uns Tieck, ein Abkomme des Geschlechtes derer von Jung, einige anschaulichen, wenngleich bei weitem nicht die anschaulichsten Beispiele überliefert hat. Meine Bekanntschaft mit Ritzner begann auf dem prachtvollen Schlosse Jung, wohin mich eine Reihe von wunderlichen Abenteuern, die sich nicht für die öffentliche Erörterung eignen, während der Sommermonate des Jahres 18.. verschlagen hatte. Hier erwarb ich mir des Barons Wertschätzung, und hier konnte ich mir auch (was freilich nicht so leicht vonstatten ging) einen teilweisen Einblick in seine geistige Wesensart verschaffen. Später, als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich fester knüpften, konnte sich auch dieser Einblick vertiefen und erweitern; und als wir uns nach dreijähriger Trennung in G-n wiedertrafen, wusste ich über den Baron Ritzner von Jung und seine Geistesart alles, was zu wissen nottat.

Ich entsinne mich noch des neugierigen Getuschels, das bei seiner Ankunft in der Nacht des fünfundzwanzigsten Juni durch das Studentenviertel lief. Noch deutlicher entsinne ich mich, dass jeder, ohne Ausnahme, ihn auf den ersten Blick schon den "merkwürdigsten Menschen auf Gottes Erdboden" nannte und dass niemand auch nur den Versuch machte, für diese Ansicht eine Begründung zu erbringen. Es erschien unbestreitbar feststehend, dass er ein einzigartiger Mensch war — so unbestreitbar, dass man, ohne sich einer abfälligen Kritik auszusetzen, noch nicht einmal die Frage hätte aufwerfen dürfen, worin diese Einzigartigkeit eigentlich bestehe. Ich will indessen darauf im Augenblick nicht weiter eingehen — nur feststellen, dass der Baron von dem Augenblick an, da er seinen Fuß in die Universitätsstadt setzte, auf Kleidung, Benehmen, Wesen, Geldaufwand und Passionen der gesamten ihn umgebenden Studentenschaft den ausgedehntesten und unumschränktest wirkenden Einfluss ausübte, — ohne dass wiederum jemand Art und Grund dieses Einflusses hätte angeben können. So stellt denn die kurze Zeitspanne, da Ritzner in G-n residierte, eine unvergessen gebliebene Ära in der Geschichte dieser Universitätsstadt dar; und alle, die abhängig oder unabhängig, mittelbar oder unmittelbar zur Universitätsstadt gehörten, nannten und nennen diese Ära "die höchst merkwürdige Zeit, da der Baron Ritzner von Jung regierte".

Sogleich nach seiner Ankunft in G-n suchte er mich in meiner Wohnung auf. Er war damals, möchte ich sagen, von keinem besonderen Alter — was soviel heißen soll, als dass man sich über sein Alter auf keine Weise eine Vermutung bilden konnte, da er keinerlei Anhaltspunkte dafür lieferte. Er konnte ebenso gut fünfzehn wie fünfzig Jahre zählen — und war in Wirklichkeit genau einundzwanzig Jahre und sieben Monate alt. Er war durchaus nicht das, was man einen "schönen Mann" nennt; eher das Gegenteil davon. Der Umriss seines Gesichts war ziemlich eckig und hart. Seine Stirn war hoch und sehr schön gebildet; dazu hatte er eine Stülpnase und große, schläfrig blickende, gläserne und ausdruckslose Augen. Bemerkenswert dagegen war sein Mund; prachtvoll geschwungene Lippen, fest geschlossen, von solchem Schnitt, dass man mit aller Phantasie unmöglich menschliche Gesichtszüge erdenken könnte, die so vollkommen und dabei in seiner Einfachheit das Wesen schweren, ungemilderten Ernstes und feierlicher Ruhe ausprägen.

Man wird aus dem Gesagten sicherlich bereits entnommen haben, dass der Baron einer jener dann und wann über die Erde wandelnden absonderlichen Menschen war, die sich das Foppen ihrer Mitmenschen zur wissenschaftlich betriebenen Lebensaufgabe machen. Die Anregungen dafür kamen ihm gleichsam instinktiv aus der eigentümlichen Veranlagung seines Geistes, indessen seine äußere Erscheinung es ihm ungewöhnlich leicht machte, seine Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass während der berühmten Epoche, die man so hübsch "die Regierung des Barons Ritzner von Jung" genannt hat, keiner der Studenten in G-n jemals wirklich den Schleier des Geheimnisses gelüftet hat, der über dem Charakter des Barons lag. Ebenso fest glaube ich, dass kein Mensch an der Universität (wenn ich mich selbst ausnehme) ihn jemals im Verdacht hatte, zu einem Spaß in Wort oder Tat fähig zu sein. — Eher wäre ein solcher Verdacht auf die alte Bulldogge am Gartentor, auf den Geist Heraklits oder die Perücke des emeritierten Theologieprofessors gefallen als gerade auf ihn, und das, obwohl es offenkundig war, dass die außerordentlichsten und unverzeihlichsten aller erdenklichen Streiche, wunderlichen Schabernäcke und losen Possen — wenn auch nicht unmittelbar auf ihn, so doch auf seine mittelbare Beeinflussung und Eingebung zurückgingen. Das Schöne (wenn ich so sagen darf) an seiner "art mystique" war eine vollendete Fähigkeit, immer und stets den Anschein zu erwecken, als geschähen die Possenreißereien, um deren Inswerksetzen er bemüht war, teils trotz, teils infolge seiner lobenswerten Bemühungen um ihre Verhinderung und seiner Fürsorge für Ansehen und Würde der Alma mater. Diese Erfolge verdankte er einer fast intuitiven Kenntnis menschlichen Wesens und einer wundervollen Selbstbeherrschung. Der tiefe, schwere und erschütternde Kummer, der bei jedem derartigen Misserfolg seiner preisenswerten Bemühungen jeden Zug seines Gesichts verdüsterte, schloss Zweifel an seiner Aufrichtigkeit auch bei den sonst zweifelssüchtigsten seiner Kameraden gänzlich aus. Die Gewandtheit, mit der er es zuwege brachte, das groteske Wesen von Urheber auf die Sache, will sagen von seiner eigenen Person auf die durch ihn veranlassten Abgeschmacktheiten abzuschieben, war nicht minder bemerkenswert. Erst bei dem Fall, den ich hier erzählen will, habe ich einmal beobachten können, wie es ihm gelang, sich den notwendigen Folgen seiner Anzettelungen zu entziehen; denn diese Fähigkeit, eine nie versagende Beigabe zu seiner stets zu Späßen aufgelegten Art, war mir vorher immer ein Geheimnis geblieben. Mein Freund schien, indessen er ständig gleichsam eingehüllt war in eine Atmosphäre von einfallsreicher Laune, nach außenhin nur der gewissenhaftesten Beobachtung gesellschaftlicher Verpflichtungen zu leben; und selbst seine Dienerschaft hat mit der Person des Barons Ritzner von Jung nie andere Vorstellungen verbunden als die unantastbar strenger Erhabenheit.

Während der Zeit seiner Herrschaft in G-n schien es wahrlich, als habe sich der Dämon des "dolce far niente" gleich einem Alp auf die Universität gelagert. Es wurde aber auch nicht das mindeste getan, außer Essen, Trinken und Lustigsein. Sämtliche Wohnungen der Studenten hatten sich in ebenso viele Trinkstuben verwandelt, und von allen diesen Trinkstuben war keine berühmter und erfreute sich keine eines regeren Besuchs als die des Barons. Die Gelage, die wir hier veranstalteten, waren zahlreich, lang, laut und stets ereignisreich.

Einst hatten wir eine solche Sitzung fast bis Tagesanbruch ausgedehnt und dabei ungewöhnlich viel Wein getrunken. Außer dem Baron und mir waren noch sieben oder acht andere Herren zugegen — zumeist junge Leute mit viel Geld, hoher Protektion und großem Ahnenstolz, dazu begabt mit einem übertrieben empfindlichen Ehrgefühl. Die weit übers Ziel hinausschießenden deutschen Ansichten über das Duell waren bei ihnen mehr las ausreichend vertreten. Diesen Donquichotterien hatten ein paar kürzlich in Paris erschienene Schriften sowie einige verzweifelte und verhängnisvolle Ehrenhändel in G-n neue Nahrung und neuen Antrieb gegeben. So erging sich denn das Gespräch während mehr als der halben Nacht in gar wilder Art auf diesem damals alles andere verdrängenden Gebiet. Der Baron war zunächst ungewöhnlich schweigsam und schien zerstreut; schließlich aber erwachte er aus seiner Teilnahmslosigkeit und ergriff die Zügel der Unterhaltung. Dabei verbreitete er sich über die Segnungen und ganz besonders über die schönen Seiten des geltenden Brauchs in mit der Waffe auszutragenden Ehrenhändeln — mit einem Feuer, einer Beredsamkeit, einer Eindringlichkeit und einer liebevollen Ausführlichkeit, die bei seinen Zuhörern durchweg wärmste Begeisterung erweckten. Ich selbst dagegen saß in vollkommener Verblüffung, denn ich wusste sehr wohl, dass er sich im Grunde seines Herzens gerade über die von ihm verfochtenen Anschauungen lustig machte und dass er besonders auf das ganze wichtigtuerische Duellwesen mit der erhabenen Verachtung herabsah, die es verdient.

Während einer Pause in der Rede des Barons (von der sich meine Leser vielleicht eine schwache Vorstellung machen können, wenn ich sie mit der gluterfüllten, singenden, eintönigen, aber musikalisch wohllautenden feierlichen Art Coleridges vergleiche) — während einer Pause in der Rede des Barons blickte ich im Kreise der Zuhörer umher und bemerkte einen unter ihnen, auf dessen Gesicht sich ein ganz besonders lebhaftes Interesse ausprägte. Dieser Herr, den ich Hermann nennen will, war in jeder Hinsicht ein Original — außer vielleicht in dem einen Betracht, dass er ein ansehnlicher Dummkopf war. Immerhin war es ihm gelungen, sich in einem gewissen Kreise an der Universität den Ruf tiefen metaphysischen Denkens und, glaube ich, einer gewissen Begabung für Logik zu erwerben. Als Duellant aber hatte er es, und das will in G-n etwas heißen, zu großem Ruhm gebracht. Ich habe die genaue Zahl der Opfer, die von seiner Hand gefallen sind, vergessen; sie war beträchtlich. Unzweifelhaft besaß er persönlichen Mut. Aber ganz besonders brüstete er sich mit seiner genauen Kenntnis des Duellkomments und mit der Empfindlichkeit seines Ehrgefühls. Es war gewissermaßen sein Steckenpferd, das er zu Tode hetzte. Dem Baron Ritzner, der ständig auf dem Ausguck nach Wunderlichkeiten saß, hatten diese Eigentümlichkeiten schon seit langem Stoff zu Foppereien geliefert. Immerhin war ich auf das, was nun kam, nicht gefasst; doch wurde mir sogleich klar, dass mein Freund einen Spaß auf der Pfanne hatte und dass Hermann dafür als Zielscheibe ausersehen war.

Je weiter der Baron mit seiner Auseinandersetzung oder richtiger mit seinem Monolog gedieh, um so mehr sah ich Hermanns Erregung wachsen. Zuletzt begann er zu sprechen, machte einen Einwand gegen einen von Ritzner besonders nachdrücklich verfochtenen Punkt geltend und setzte seine Gründe im einzelnen auseinander. Darauf antwortete dann wieder der Baron mit einer längeren Rede, wobei er noch immer seinen übertrieben gefühlvollen Ton wahrte, und schloss (was ich für eine große Geschmacklosigkeit hielt) mit einer beißend spöttischen Bemerkung. Nunmehr ging Hermanns Steckenpferd geradewegs durch. Ich merkte das an der Art, wie er sein einstudiertes, haarspalterisches Kauderwelsch von sich gab. Seiner letzten Worte entsinne ich mich noch genau: "Gestatten sie mir die Bemerkung, Baron von Jung, dass Ihre Ansichten zwar, im ganzen genommen, richtig, in einigen heiklen Punkten jedoch für Sie selbst und die Universität, der Sie angehören, entehrend sind. Ja, in mancher Hinsicht sind sie sogar einer ernsthaften Zurückweisung unwert. Ich würde mich noch deutlicher ausdrücken, Herr, wenn ich nicht fürchten müsste, Ihnen eine Ehrenkränkung zuzufügen (hier lächelte Hermann milde) — ich würde sagen, Herr, dass Ihre Ansichten nicht von der Art sind, wie man sie von einem Ehrenmann erwarten sollte."

Als Hermann seine vieldeutige Rede beendet hatte, waren aller Augen auf den Baron gerichtet. Sein Gesicht wurde erst bleich, dann dunkelrot. Hierauf ließ er sein Taschentuch fallen und bückte sich, um es wieder aufzuheben, wobei ich einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte, während es allen andere Anwesenden in diesem Augenblick verdeckt war. Es leuchtete vor Spottlust. Das war nun freilich sein natürlicher Ausdruck, aber ich hatte ihn bisher stets nur dann an Ritzner beobachtet, wenn er mit mir allein war und sich ohne Zwang geben konnte. Im nächsten Augenblick schon stand er aufrecht, Auge in Auge mit Hermann; und ich habe nie zuvor in so kurzer Zeit ein Gesicht sich so völlig verändern sehen. Es blitzte sogar der Gedanke in mir auf, ich möchte mich am Ende getäuscht und seine Stimmung gänzlich verkannt haben. Denn er sah aus, als ersticke er vor Wut, und war leichenblass. Eine kurze Weile schwieg er noch und war offenbar bemüht, seiner Erregung Herr zu werden. Als ihm das anscheinend gelungen war, ergriff er eine auf dem Tische stehende Weinkaraffe, umfasste sie mit klammerndem Griff und hub an:

"Die Sprache, mein Herr Hermann, die Sie mir gegenüber anzuwenden belieben, bietet so zahllose Angriffspunkte, dass ich zu einer genauen Kennzeichnung weder Lust noch Zeit habe. Doch indessen meine Ansichten nicht von der Art sein sollen, wie man sie von einem Ehrenmann erwartet — das ist eine für mich so unmittelbar beleidigende Behauptung, dass mir die Linie meines Verhaltens unabweislich vorgezeichnet ist. Immerhin schulde ich den hier anwesenden Herren eine gewisse Rücksichtnahme, und im Augenblick auch Ihnen, da Sie mein Gast sind. Sie werden mir also aus dieser Erwägung wohl verzeihen, wenn ich ein wenig vom allgemeinen Brauch abweiche, der sonst in solchen Beleidigungsfällen unter Ehrenmännern gültig ist. Und Sie werden mir ferner verzeihen, wenn ich ihre Einbildungskraft mit einer bescheidenen Zumutung belaste und Sie bitte, einen Augenblick lang Ihr Bild in dem Spiegel da als den wirklich lebenden Herrn Hermann zu betrachten. Wenn Sie diese Umstellung vorgenommen haben, so wird jede Schwierigkeit sogleich aus dem Wege geräumt sein. Ich werde diese Kanne voll Wein Ihrem Spiegelbild da ins Gesicht schleudern und so zwar nicht dem Buchstaben, aber doch dem Sinne nach für Ihre Beleidigung Vergeltung üben, während ich damit zugleich der eigentlich notwendigen körperlichen Verletzung Ihrer realen Person aus dem Wege gehe."

Mit diesen Worten schleuderte er die weingefüllte Karaffe in den Spiegel, der Herrn Hermann gerade gegenüber hing, traf das Spiegelbild mit großer Genauigkeit und zersplitterte natürlich das Glas zu Scherben. Alle Anwesenden sprangen sogleich von ihren Stühlen auf und verließen die Wohnung; nur der Baron und ich blieben zurück. Als auch Hermann hinausgegangen war, flüsterte Ritzner mir zu, ich solle ihm folgen und ihm meine Dienste antragen. Ich willigte ein, obzwar ich nicht wusste, was ich mit einem so wunderlichen stück Auftrag anfangen sollte.

Der Duellant nahm mein Anerbieten in seiner steifen und gespreizt förmlichen Weise an, legte seinen Arm in meinen und führte mich in seine Wohnung. Ich konnte mich kaum soweit beherrschen, das sich ihm nicht ins Gesicht lachte, während er sich mit tiefstem Ernst über das verbreitete, was er die "ganz ausgesucht raffinierte Art" der ihm zugefügten Beleidigung nannte. Nach einer sehr ausführlichen Rede in dem ihm eigentümlichen Stil holte er aus seinen Regalen eine Anzahl dickleibiger Wälzer über das Duell hervor und setzte mich geraume Zeit von ihrem Inhalt in Kenntnis, las daraus vor und lieferte zu dem Gelesenen mit Ernst die Erläuterungen. Einzelne von den Buchtiteln sind mir noch geläufig. Da war die "Ordonnance of Philip le Bel on Single Combat", das "Theatre of Honour" von Favyn und eine Abhandlung "On the Permission of Duels" von D’Anbiguier. Er öffnete zudem mit großer Feierlichkeit Brantômes "Anecdotes touchant les Duels", eine 1666 in Köln erschienene Elzevierausgabe auf wundervollem, kostbarem Velinpapier, gebunden in der Derômeschen Werkstatt. Aber er lenkte meine Aufmerksamkeit besonders und mit einer Miene voll geheimnisvoller Weisheit auf einen dicken Oktavband, den ein Franzose namens Hébelin in schrecklichem Latein verfasst hatte und der den seltsamen Titel führte "Duelli Lex scripts, et non; aliterque". Daraus las er ein ungewöhnlich wunderliches Kapitel vor, das die "Injuriae per applicationem, per consructionem et per se" behandelte und von dem, wie er behauptete, ein Teil haargenau auf seinen "ganz ausgesucht raffinierten" Fall passte, während ich, und wenn’s mich den Kopf gekostet hätte, von der ganzen Sache nicht eine Silbe begriff. Als er seine Vorlesung beendet hatte, klappte er das Buch zu und fragte mich, was für Schritte nun nach meiner Meinung getan werden müssten. Ich erwiderte ihm, dass ich von vollstem Vertrauen in seine Feinfühligkeit erfüllt wäre und daher seinen Vorschlägen von vornherein zustimmen würde. Die Antwort schien ihm zu schmeicheln; er setzte sich nieder und verfasste folgenden Brief an den Baron:

"Mein Herr!

Mein Freund, Herr P-, wird Ihnen diesen Brief hier aushändigen. Ich erachte es als meine Obliegenheit, Sie zu ersuchen, mir, sobald es Ihnen Ihre Zeit erlaubt, eine Erklärung zu den Ereignissen zu liefern, die sich heute abend in Ihrer Wohnung abgespielt haben. Für den Fall, dass Sie diese Erklärung verweigern sollten, wird Herr P- sich glücklich schätzen, gemeinsam mit einem Ihrer Freunde, den Sie dann freundlichst namhaft machen wollen, die vorbereitenden Schritte für eine Gegenüberstellung einzuleiten.

Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung

Ihr sehr ergebener Diener

Johann Hermann

An den Baron Ritzner von Jung

Den 18. August 18-."

Es erschien mir am richtigsten, mich mit dieser Epistel sogleich zu Ritzner zu begeben. Er nahm sie mit einer Verbeugung entgegen und bot mir mit ernstem Gesicht einen Stuhl an. Als er die Herausforderung gelesen hatte, schrieb er folgende Antwort, die ich dann Hermann überbrachte:

"Mein Herr!

Durch unsern gemeinsamen Freund, Herrn P-, habe ich Ihr Schreiben vom heutigen Abend erhalten. Nach gebührender Überlegung erkenne ich freimütig an, dass Ihr Vorschlag, der von mir eine Erklärung heischt, der Schicklichkeit entspricht. Indessen entdecke ich noch erhebliche Schwierigkeiten im Hinblick auf diesen so ganz ausgesucht raffinierten Charakter unsres Zwistes und der Ihnen von mir zugefügten Beleidigung; und zwar betreffen die Schwierigkeiten sowohl den Wortlaut dessen, was ich zu meiner Rechtfertigung zu sagen habe, als auch die Erfüllung aller der peinlich genauen Erfordernisse und die Erfassung aller verschiedener Verästelungen des vorliegenden Falles. Ich habe aber großes Vertrauen zu der außerordentlichen Feinheit des Unterscheidungsvermögens in Etikettefragen, durch die Sie sich seit so langer Zeit und in so hervorragender Weise ausgezeichnet haben. So bin ich denn sicher, bei Ihnen Verständnis zu finden, wenn ich mir die Erlaubnis erbitte, Sie, anstatt meinen eigenen Empfindungen Worte zu verleihen, auf die Meinungen des Herrn Hébelin hinzuweisen. Sie finden sich niedergelegt in seinem Buche "Duelli Lex scripta, et non; aliterque", und zwar im neunten Paragraphen des Kapitels "Injuriae per applicationem, per constructionem et per se". Die Schärfe Ihrer eindringlichen Kenntnis wird, dessen bin ich sicher, genügen, um Sie zu überzeugen, die bloße Tatsache, dass ich Sie auf diese bewunderungswürdige Stelle hinweise, müsse hinreichen, Ihnen als ehrempfindlichem Manne die angeforderte Erklärung zu liefern.

Mit dem Ausdruck tiefer Wertschätzung

Ihr gehorsamster Diener

von Jung

An Herrn Johann Hermann

Den 18. August 18-."

Hermann ging an die Lektüre dieses Briefes mit düsterer Miene heran, die sich indessen auf höchst spaßhafte Art in ein selbstgefälliges Lächeln verwandelte, als er den Senf über die "Injuriae per applicationem, per constructionem et per se" genoss. Mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt bat er mich, Platz zu behalten, während er sich über die fragliche Stelle aus der Abhandlung unterrichten würde. Als er den bezeichneten Passus gefunden hatte, las er ihn schweigend durch. Dann schloss er das Buch und drückte mir in meiner Eigenschaft als vertrautem Freund Ritzners den Wunsch aus, ich möge dem Baron von Jung ob seines ritterlichen Betragens seine, Hermanns, unbegrenzte Hochachtung und dazu die Versicherung übermitteln, dass die dargebotene Erklärung eine vollkommene, höchst ehrenhafte und gänzlich unzweideutige Genugtuung darstelle.

Einigermaßen verblüfft von alledem langte ich wieder bei dem Baron an. Er nahm Herrn Hermanns liebenswürdige Botschaft offenbar als etwas Selbstverständliches hin und begab sich nach ein paar Worten allgemein gehaltenen Gesprächs in ein anderes Gemach, um mit der oft erwähnten Abhandlung "Duelli Lex scripta, et non; aliterque" in der Hand zurückzukehren. Er gab mir das Buch und forderte mich auf, eine gewisse Stelle darauf zu lesen. Ich tat’s, aber mit geringem Erfolg, da ich außerstande war, auch nur das Geringste davon zu verstehen. Nun nahm er das Buch selbst und las das Kapitel laut vor. Zu meiner Überraschung erwies sich da die Stelle als die scheußlich abgeschmackte Schilderung eines Zweikampfes zwischen zwei Pavianen. Ritzner lüftete mir den Schleier des Geheimnisses: Der Band, wie er sich prima facie darstellte, war nach dem Muster der unsinnigen Verse Du Vartas’ geschrieben; mit anderen Worten: die Sprache war sinnreich darauf berechnet, dem Ohr alle äußeren Merkmale der Verständlichkeit, ja sogar des tiefen Gehaltes zu bieten, während in Wahrheit nicht eine Spur von Sinn darin steckte. Der Schlüssel zur Lösung bestand darin, dass man abwechselnd jedes zweite und dritte Wort überschlagen musste, worauf dann eine Reihe lustiger Spöttereien über die heute übliche Form des Zweikampfes zum Vorschein kam.

Der Baron erzählte mir hinterher, er habe Herrn Hermann drei Wochen vor dem geschilderten Abenteuer diese Abhandlung absichtlich in die Hände gespielt; aus dem Inhalt der Hermannschen Reden habe er dann zu seiner Genugtuung entnommen, dass jener das Buch mit tiefer Aufmerksamkeit gelesen hatte und es voll Überzeugung für ein außergewöhnlich verdienstvolles Werk hielt. Das war für Ritzner das Signal zum Losschlagen. Hermann hätte sich lieber zehnmal den Hals abschneiden lassen, ehe von ihm eingestanden worden wäre, dass er irgendeine jemals auf der weiten Welt über das Duell erschienene Schrift nicht verstehen könne.