Eine mesmeristische Offenbarung

Es bestehen ja viele wissenschaftliche Zweifel über den Mesmerismus, doch die erstaunlichen Tatsachen, die er gezeigt hat, werden heute so gut wie allgemein anerkannt. Die meisten der Zweifler gehören zu der Gattung der gewohnheitsmäßigen Zweifler; es ist dies eine unfruchtbare und fortschritthemmende Rasse. Es gibt wohl heutigen Tages kein undankbareres Geschäft, als wenn einer den Nachweis zu liefern versucht:

dass ein Mensch allein durch Schulung seines Willens seinen Nebenmenschen in einen Zustand versetzen kann, der dem Tode gleicht oder ihm zum wenigsten ähnlicher ist als den Äußerrungen irgendeines anderen der uns geläufigen Zustände;

dass eine Person, solange sie sich in solchem Zustand befindet, nur mit Mühe und dann nur schwach die äußeren Sinnesorgane gebrauchen kann, dafür aber mit einem erstaunlich verfeinerten Wahrnehmungsvermögen durch so gut wie unbekannte Nervenleitungen Dinge begreift, die außerhalb der Reichweite ihrer Sinnesorgane liegen;

dass zu all dem noch ihre geistigen Fähigkeiten in wunderbarer Weise gehoben und gekräftigt werden;

dass sie in innigem Seeleneinklang mit der sie beeinflussenden Persönlichkeit gerät;

dass schließlich ihre Empfänglichkeit für solche Beeinflussung sich steigert, je häufiger diese geübt wird, während im selben Maße die durch sie hervorgerufenen außergewöhnlichen Erscheinungen sich vertiefen und ausgeprägtere Form annehmen.

Die Grundgesetze des Mesmerismus darzulegen, halte ich, wie gesagt, für vergebliche Liebesmühe; ich werde daher meine Leser mit einer solchen unter den heutigen Bedingungen ergebnislosen Darlegung nicht belästigen. Mit der hier vorliegenden Arbeit verfolge ich ein anderes Ziel. Ich beabsichtige nämlich, ohne irgendwelche Randbemerkungen, den Vorurteilen zum Trotz, der Welt in allen Einzelheiten den erstaunlichen Inhalt eines Gesprächs wiederzugeben, das zwischen einem Wachträumenden und mir selbst stattfand. Seit langem pflegte ich die in Frage stehende Person (Mr. Vankirk) zu magnetisieren, und die daraus sich ergebende leichte Empfänglichkeit und Erregbarkeit der Aufnahmefähigkeit für die magnetische Einwirkung war eingetreten. Seit vielen Monaten litt Mr. Vankirk an hochgradiger Schwindsucht, in deren peinlichsten Begleiterscheinungen ihm mein Verfahren Linderung verschafft hatte. Donnerstag nacht, am fünfzehnten des Monats, wurde ich nun wieder an sein Bett gerufen. Der Kranke litt starke Schmerzen in der Herzgegend und rang mühsam nach Atem. Alle bei Asthma geläufigen Symptome waren festzustellen. Sonst hatte ihm bei derartigen Kräften die Auflage eines Senfpflasters auf die empfindlichen Stellen Erleichterung verschafft. Allein in dieser Nacht versagten alle Versuche.

Als ich das Zimmer betrat, grüßte mich der Kranke mit freundlichem Lächeln und schien, obschon er offenbar körperliche Schmerzen litt, doch ganz gut aufgelegt zu sein.

"Ich habe Sie heute nacht zu mir gebeten," sagte er, "damit Sie mir nicht allein gegen mein körperliches Übelbefinden beistehen, sondern mich auch von gewissen seelischen Eindrücken befreien, die mir in letzter Zeit viel Angst und Beunruhigung verursacht haben. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass ich bisher dem Gedanken an eine Unsterblichkeit der Seele skeptisch gegenüberstand. Ich leugne ja nicht, dass in eben dieser Seele, an deren Vorhandensein ich bisher nicht glauben wollte, immer ein gewisses Dämmerempfinden ihres Daseins bestanden hat. Aber niemals gewann dieses Dämmerempfinden die Kraft der Überzeugung. Meine Vernunft hatte nichts mit ihm zu schaffen. Alle Versuche, dem Rätsel durch logische Erwägung auf den Grund zu kommen, machten mich noch skeptischer als zuvor. Man hieß mich, Cousin zu studieren. Ich habe sowohl seine eigenen Werke wie auch alles, was in Europa und Amerika über ihn geschrieben worden ist, studiert. Unter anderem gelangte "Charles Elwood" von Mr. Brownson in meine Hand. Ich las dieses Werk mit großem Interesse und fand, dass sein Aufbau vollkommen logisch war, nicht logisch waren aber unglückseligerweise gerade die dem Ganzen zugrunde liegenden Argumente des zweifelhaften Helden dieses Buches. Wie die Regierung von Trinculo hatte dieses Buch am Ende den Anfang vergessen. Kurz, ich gelangte zu der Erkenntnis: wenn ein Mensch von seiner Unsterblichkeit überzeugt werden soll, so wird er es niemals durch die blutleeren Abstraktionen, wie sie seit so langer Zeit schon bei den Moralisten Englands, Frankreichs und Deutschlands üblich sind. Abstraktionen sind ja unterhaltend und bilden den Geist, bleiben aber in der Seele nicht haften. Ich bin sicher, dass uns stets, solange wir auf Erden wallen, die Philosophie vergeblich dazu anhalten wird, Begriffe für Tatsachen zu nehmen. Der Wille mag immerhin zustimmen; die Seele, der Geist nimmermehr.

Ich wiederhole, dass es sich bei mir nur um ein dämmerhaftes Empfinden handelte, niemals um verstandesmäßige Erkenntnis. In letzter Zeit nun vertiefte sich dieses Empfinden, bis es schließlich solche Ähnlichkeit mit den Erkenntnissen der Vernunft gewann, dass ich zwischen beidem nur mit Mühe unterscheiden konnte. Ich neige dahin, die Veränderung der magnetischen Einwirkung zuzuschreiben. Ja, ich möchte geradezu die Hypothese aufstellen, dass der mesmeristische Trancezustand mich der Einwirkung eines Einflusses unterwirft, der mich, solange der Zustand anhält, überzeugt, der aber, wie die äußeren mesmeristischen Erscheinungen, sich nur in seinen Folgen auf meine normale Verfassung erstreckt. Beim Wachträumen sind Überzeugungskraft und Folgerung — Ursache und Wirkung — zugegen. Im natürlichen Zustand entflattert die Ursache, und die Wirkung allein — auch sie vielleicht nur zum Teil — bleibt bestehen.

Diese Betrachtung führt mich zu dem Gedanken, dass eine Reihe von reiflich überlegten Fragen, die an mich gestellt werden, solange ich mich im mesmeristischen Trancezustand befinde, zu wertvollen Ergebnissen führen könnte. Sie haben ja oft das verfeinerte Selbsterkennungsvermögen bei Wachträumenden beobachtet — die eingehende Kenntnis, die sie über alle sich auf die mesmeristische Verfassung beziehenden Einzelheiten bezeigen. Aus diesem Selbsterkennungsvermögen müssten sich unter Umständen Fingerzeige ableiten lassen, durch die eine wissenschaftliche Festlegung ermöglicht würde."

Natürlich war ich willens, den Versuch zu unternehmen. Wenige Striche versenkten Mr. Vankirk in mesmeristischen Schlaf. Er atmete sogleich viel leichter und schien von allem körperlichen Übelbefinden befreit. Es entspann sich zwischen uns die folgende Unterhaltung (der Buchstabe "V" bedeutet den Patienten "P" mich selbst).

P. Schlafen Sie?

V. Ja — nein; ich muss in tiefern Schlaf versenkt werden.

P. (nach einigen weitern Strichen) Schlafen Sie jetzt?

V. Ja.

P. Wie denken Sie sich den Ausgang Ihrer gegenwärtigen Krankheit?

V. (nach langem Zögern und mühsam nach Worten ringend) Ich muss sterben.

P. Bedrückt Sie der Gedanke des Todes?

V. (sehr rasch) Nein — nein!

P. Also ist die Aussicht Ihnen angenehm?

V. Wäre ich wach, so wünschte ich zu sterben, aber jetzt nicht. Der mesmeristische Trancezustand ist dem Tode so nahe, dass ich befriedigt bin.

P. Ich möchte, dass Sie sich über diesen Zustand aussprechen, Mr. Vankirk.

V. Ich würde es gerne tun, aber es erfordert mehr Kraft, als ich zur Verfügung habe. Sie stellen die Fragen so ungeschickt.

P. Was soll ich denn fragen?

V. Sie müssen mit dem Anfang beginnen.

P. Mit dem Anfang: Wo ist der Anfang?

V. Sie wissen, der Anfang ist Gott. (Dies wurde mit tiefer, pathetischer Stimme und dem Ausdruck der tiefsten Verehrung gesprochen.)

P. Was ist also Gott?

V. (zögert längere Zeit) Das kann ich nicht sagen.

P. Ist Gott noch Geist?

V. Solange ich noch wachte, wusste ich, was Sie mit dem Wort "Geist" ausdrücken wollen, jetzt scheint es mir ein leeres Wort — etwa wie Wahrheit, Schönheit — wie ein abstrakter Begriff, meine ich.

P. Ist Gott nicht wesenlos?

V. Es gibt nichts Wesenloses; dies ist lediglich Phrase. Was nicht Form ist, ist überhaupt nicht, so wenig wie abstrakte Begriffe Tatsachen sind.

P. Ist Gott also Materie?

V. Nein (diese Erwiderung überraschte mich lebhaft.)

P. Was ist er dann?

V. (nach langer Pause und mit leiser Stimme) Ich empfinde es, aber es ist nicht leicht zu schildern. (Wieder eine lange Pause.) Er ist nicht Geist, denn er besteht. Aber er ist auch nicht Materie in dem von Ihnen verstandenen Sinne. Es bestehen hier Abstufungen, die der Mensch nicht kennt; je dichter die Materie sich zusammenschließt, um so feiner, je feiner die Durchsetzung ist, um so dichter ist sie. Die Atmosphäre zum Beispiel umschließt die Elektrizität, während die Elektrizität die Atmosphäre durchsetzt. Immer dünner und feiner stuft sich die Materie ab, bis wir zu einer unteilbaren Stofflichkeit gelangen, einer Materie ohne Bestandteile, die nicht mehr teilbar ist, und nun verändert sich das Gesetz vom Einschluss und der Durchsetzung: die letzte oder unteilbare Materie durchsetzt nicht allein alle Dinge, sondern umschließt sie auch; darum ist das Wesen aller Dinge in ihr begriffen. Dies ist Gott. Was Menschen aber mit dem Wort "Gedanke" auszudrücken versuchen, bedeutet Bewegung dieser Materie.

P. Die Metaphysiker behaupten, dass sich jede Handlung auf Bewegung und Denken zurückführen lasse und dass jene aus diesem geboren werde.

V. Ja; und ich erkenne nun auch, wie falsch diese Darlegung ist. Bewegung ist Auswirkung des Geistes, nicht des Denkens. Die unteilbare Materie oder Gott im Ruhezustand ist (wenn wir es uns so begreiflich machen wollen wie möglich), was der Mensch Geist nennt. Und die Macht der Eigenbewegung (in ihrer Auswirkung gleichbedeutend mit menschlichem Wollen) entspringt einzig und allein der Einheit und Allgegenwart der unteilbaren Materie; wie, weiß ich nicht und sehe wohl, dass ich es niemals wissen werde. Aber die von einer in ihr selbst beschlossenen Gesetzmäßigkeit oder Eigenart in Bewegung gesetzte unteilbare Materie ist Denken.

P. Können Sie mir keine genauere Erklärung darüber geben, was Sie unter unteilbarer Materie verstehen?

V. Die Wahrnehmbarkeit der Materie verliert sich stufenweise. Nehmen wir zum Beispiel ein Metall, ein Stück Holz, einen Wassertropfen, die Atmosphäre, ein Gas, Wärme, Elektrizität, den lichttragenden Äther. Alle diese Dinge bezeichnen wir als Materie; nur das eine allgemeine Wort haben wir für alles Sein, und doch können wohl kaum zwei Vorstellungen von Grund auf verschiedener voneinander sein als die, die wir uns von einem Metall und vom lichttragenden Äther bilden. Befassen wir uns mit diesem, so fühlen wir uns beinahe unwiderstehlich versucht, ihn dem Geist oder dem Nichts gleichzustellen. Was uns allein davon abhält, ist unser Begriff von seinem atomischen Aufbau; und selbst bei dieser Erwägung müssen wir unsre Kenntnis über das Wesen des Atoms als einer in ewig gleich bleibender Präzision Dichte, Fühlbarkeit und Gewicht besitzenden Einheit zu Hilfe nehmen. Zerstören Sie die Vorstellung des atomischen Aufbaus, und wir sind nicht länger imstande, uns den Äther als Wesen oder nur als Materie zu denken. Auf der Suche nach einer besseren Bezeichnung würden wir ihn vielleicht "Geist" nennen. Tun Sie nun einen Schritt über den lichttragenden Äther hinaus; stellen Sie sich eine Materie vor, die noch viel dünner als Äther ist, so wie Äther dünner ist als Metall, und wir gelangen schließlich aller Schulweisheit zum Trotz zu einer einheitliche Masse — einer unteilbaren Materie. Denn wenn wir schon den Atomen selbst unbegrenzte Kleinheit zugestehen, so ist doch unsinnig, unbegrenzte Kleinheit der Zwischenräume in ihren Verbänden anzunehmen. Es muss einen Punkt geben, einen Grad der Dünne, bei dem, vorausgesetzt, dass Atome in genügender Anzahl vorhanden sind, die Zwischenräume verschwinden und die Masse zu einem Ganzen gerinnt. Aber sobald einmal die Vorstellung einer atomischen Zusammensetzung nicht mehr stichhaltig ist, entschlüpft der Begriff einer Masse rettungslos auf ein Gebiet, das wir "Geist" nennen. Trotzdem aber ist sie noch ebenso Materie wie zuvor. Es handelt sich nur darum, dass es unmöglich ist, Geist wahrzunehmen, da wir uns nun einmal nicht vorstellen können, was nicht ist. Wenn wir uns schmeicheln, dass wir uns eine Vorstellung davon bilden können, so haben wir nur unseren Verstand durch die Vorspiegelung des Gedankens der unendlich verdünnten Materie überlistet.

P. Es scheint mir aber, dass ein berechtigter Einwand gegen den Gedanken der absoluten Einheit erhoben werden kann; wie steht es mit dem überaus schwachen Widerstand, den die Himmelskörper bei ihren Bewegungen durch den Raum zu überwinden haben? Bis zu einem gewissen Grad besteht allerdings ein Widerstand, wie man jetzt erkannt hat, aber dieser Widerstand ist so gering, dass er selbst dem Scharfsinn eines Newton völlig entgehen konnte. Wir wissen, dass der Widerstand der Körper im allgemeinen im Verhältnis zu ihrer Dichte steht. Absolute Einheit ist auch absolute Dichte. Wo keine Zwischenräume sind, gibt es kein Nachgeben. Ein Äther von absoluter Dichte würde der Bewegung eines Sterns einen viel stärkeren Widerstand entgegensetzen als ein Äther von Diamant oder Eisen.

V. Ihre Widerlegung lässt sich leicht beantworten, obschon man glauben möchte, dass es darauf keine Antwort gebe. Was die Bewegung eines Sterns anlangt, so besteht wohl kein wesentlicher Unterschied, ob der Stern durch den Äther oder der Äther durch den Stern geht. Es gibt wohl keinen unverantwortlicheren Irrtum der Astronomie als den, der die bekannte Bewegungshemmung der Kometen auf den Gedanken einer Bewegung durch den Äther zurückführt; denn wenn man sich den Äther auch noch so dünn vorstellt, so würde er doch in noch viel kürzerer Zeit die Bewegung der Gestirne lahmgelegt haben, als die Astronomen angenommen haben, die sich solche Mühe geben, über einen Punkt hinwegzukommen, von dem sie sich keine Vorstellung bilden konnten. In Wirklichkeit beruht jene Bewegungshemmung auf einer entgegengesetzten Ursache, wahrscheinlich auf der Reibung des Äthers bei seiner raschen Durchflutung des Himmelsgewölbes. In einem Fall ist die hemmende Kraft von augenblicklicher Wirkung und in sich selbst vollendet; im anderen wächst sie ohne Ende.

P. Aber liegt in all dem — in einer Gleichstellung der Materie mit Gott — nicht eine große Missachtung? (Ich war genötigt, die Frage zu wiederholen, ehe der Wachträumende mich verstanden hatte.)

V. Können Sie mir sagen, warum wir die Materie geringer achten sollten als den Geist? Sie vergessen, dass die Materie, von der ich spreche, im wahren Sinn den "Geist" oder die "Seele" nach den Vorstellungen der Schulen begreift, soweit es sich um ihre machtvollen Auswirkungen handelt, und dass sie zudem gleichzeitig die Materie in dem den Schulen geläufigen Sinne darstellt. Gott und alle dem Geist zugeschriebene Macht ist nichts anderes als die vollendete Materie.

P. Sie behaupten also, dass Denken eine Bewegung der unteilbaren Materie sei?

V. In großen Zügen ist diese Bewegung der eine Gedanke des einen Geistes. Dieser Gedanke wirkt schöpferisch. Alle erschaffenen Dinge sind nur Gedanken Gottes.

P. Sie sagen "in großen Zügen".

V. Ja. Gott ist die Einheit des Geistes. Für neue Individualitäten ist Materie erforderlich.

P. Jetzt sprechen Sie aber von "Geist" und "Materie" wie die Metaphysiker.

V. Ja, um Verwechslung zu vermeiden. Wenn ich sage "Geist", so meine ich die unteilbare oder letzte Materie; unter "Materie" verstehe ich alle übrigen Stufen.

P. Sie sagten für "neue Individualitäten" sei "Materie erforderlich".

V. Ja; denn Gott ist allein der Geist außerhalb der Verkörperung. Um Geschöpfe, denkende Wesen zu erschaffen, war es nötig, Teile des göttlichen Geistes in Erscheinungsform zu bannen. Der Mensch nimmt eine Sonderstellung ein. Von der Körperlichkeit befreit, wäre er Gott. Der Gedanke des Menschen ist eine Teilbewegung der in ihm zur Form gewordenen Menge unteilbarer Materie; die Gesamtheit ist die Bewegung Gottes.

P. Sie behaupten, der Mensch vom Körper befreit seit Gott?

V. (nach langem Zögern) Das kann ich nicht gesagt haben; es ist Unsinn.

P. (nimmt seine Notizen zu Hilfe) Sie sagten: "Befreit von der Körperlichkeit wäre der Mensch Gott."

V. Dies ist wahr. Der seiner Körperlichkeit entzogene Mensch wäre Gott. Er wäre entpersönlicht. Aber er kann niemals in solcher Weise befreit werden — wenigstens wird er es niemals werden; wir müssten uns denn vorstellen, dass eine Tat Gottes auf ihren Ausgangspunkt zurückfallen — dass diese Tat absichtlos und nichtig sein kann. Der Mensch ist ein Geschöpf. Geschöpfe sind Gedanken Gottes. Es ist das Wesen des Gedanken, dass er sich nimmer zurückrufen lässt.

P. Ich verstehe nicht. Sie sagen, der Mensch werde niemals seiner Körperlichkeit entzogen werden?

V. Ich sagte, er wird niemals körperlos sein.

P. Erklären Sie.

V. Es sind zwei Körper — der werdende und der vollendete, vergleichbar mit den beiden Stadien — Raupe und Schmetterling. Was wir "Tod" nennen, ist nichts anderes als die schmerzhafte Metamorphose. Die Erscheinungsform, in der wir uns jetzt befinden, ist Werdegang, Vorbereitung, Übergang. Vollendung, Ziel, Unsterblichkeit liegt in unsrer Zukunft. Das letzte Leben ist der wahre Zweck.

P. Aber die Metamorphose der Raupe kennen wir ja ganz genau.

V. Wir wohl, aber nicht die Raupe. Die Materie, aus der sich unser werdender Körper zusammensetzt, ist für die Organe dieses Körpers fasslich; genauer: unsre Übergangsorgane sind der Materie angepasst, aus der der werdende Körper gebildet ist, nicht aber dem Stoff, aus dem der vollendete Leib besteht. Der vollendete Leib entzieht sich unserm larvenhaften Wahrnehmungsvermögen. Wir gewahren nur die beim Tode von der innern Form abfallende Schale, nicht die innere Form selbst. Denen aber, die schon im vollendeten Leben stehen, ist die innere Form wie auch die Schale wahrnehmbar.

P. Sie haben oft gesagt, dass der magnetische Zustand dem Tode sehr ähnlich sei. Wie verhält sich dies?

V. Wenn ich sage, dass er dem Tod gleicht, so meine ich, er gleicht dem vollendeten Leben; befinde ich mich im Trancezustand, so treten die Sinne meines Übergangslebens außer Wirkung, und ich nehme die Dinge um mich her unmittelbar, ohne Organe, durch ein Medium wahr, dessen ich mich im vollendeten anorganischen Leben bediene.

P. Anorganischen?

V. Ja; Organe sind Vorrichtungen, durch die ein Wesen in fühlbare Berührung mit einzelnen Gruppen und Formen unter Ausschluss andrer Gruppen und Formen der Materie tritt. Die Organe des Menschen sind allein seiner larvenhaften Verfassung angepasst und nichts anderem; der vollendete anorganische Zustand ist von unbegrenztem Begriffsvermögen in jeder Hinsicht, ausgenommen die Erkenntnis des Willens Gottes, d. h. die Bewegung der unteilbaren Materie. Sie können sich eine klare Vorstellung der vollendeten Körperlichkeit bilden, indem Sie sich als reine Gehirnmasse vorstellen. Gehirn ist sie freilich in Wahrheit nicht, aber eine derartige Vorstellung ermöglicht Ihnen doch, einigermaßen zu begreifen, wie sie beschaffen ist. Ein leuchtender Körper setzt den Äther in Schwingung. Diese Schwingungen erzeugen ähnliche auf der Netzhaut des Auges, diese wieder vermittelt ähnliche an den optischen Nerv. Der Nerv telegraphiert ähnliche an das Gehirn, das Gehirn wiederum ähnliche an die unteilbare Materie, die es durchströmt. Die Bewegung dieser Materie ist der Gedanke; und die erste Regung des Gedankens ist Wahrnehmung. Auf solche Weise setzt sich der Geist des Übergangslebens mit der äußeren Welt in Verbindung; und diese äußere Welt ist, vom Übergangsleben aus betrachtet, begrenzt infolge der eigenartigen Beschaffenheit seiner Organe. Im vollendeten anorganischen Leben aber erreicht die äußere Welt den ganzen Körper (der, wie ich schon sagte, aus einem Stoff besteht, der mit dem Gehirn verwandt ist) ohne andre Vermittlung als die eines Äthers, der noch unendlich feiner ist als selbst der lichttragende; in Vereinigung mit diesem Äther setzt sich der ganze Körper in Schwingungen und bringt dabei die unteilbare Materie, die ihn erfüllt, zur Bewegung. Das beinahe unbegrenzte Wahrnehmungsvermögen des vollendeten Lebens ist also dem Fehlen jener zweckhaft erschaffenen Organe zuzuschreiben. Für die larvenhaften Wesen bedeuten diese Organe die Käfige, die nötig sind, sie einzusperren, bis sie flügge sind.

P. Sie sprechen von larvenhaften "Wesen". Gibt es denn außer den Menschen noch andre Wesen von larvenhaftem Denkvermögen?

V. Die zahllose Ansammlung dünner Materie in Nebelflecken, Planeten, Sonnen und anderen Körpern, die weder Nebelflecke, Sonnen noch Planeten sind, dient allein dem Zweck, der Idiosynkrasie der Organe einer Unendlichkeit von larvenhaften Wesen Nahrung zu liefern. Wenn sie nicht für das Übergangsleben, das dem vollendeten vorangeht, nötig wären, so würde es keine Körper wie diese geben. Jeder von ihnen wird von einer bestimmten Abart organischer, larvenhafter, denkender Wesen bewohnt. Überall sind die Organe entsprechend den Bedingungen des bewohnten Platzes verschieden gestaltet. Wenn sich diese Wesen nach dem Tode oder der Metamorphose des vollendeten Lebens der Unsterblichkeit erfreuen und alle Geheimnisse außer dem letzten kennen, beherrschen sie alle Dinge und können durch ihren Willen allein sich überall hinversetzen — sie bewohnen nicht die Sterne, die uns das allein Greifbare zu sein scheinen und zu deren Frommen wir so kurzsichtig den ganzen Äther erschaffen wähnen, sondern den Raum selbst, die Ewigkeit, deren allein fassbare Raumlosigkeit die Schatten der Sterne verschlingt und sie auslöscht als zu unbedeutend für das Begriffsvermögen der Engel.

P. Sie sagen: "Wenn sie nicht für das Übergangsleben notwendig wären, würde es keine Sterne geben." Warum sind sie denn dafür nötig?

V. Im anorganischen Leben und ebenso im Wesen der anorganischen Materie selbst ist nichts imstande, die Auswirkung des einen einfachen und einzigen Gesetzes zu verhindern — des göttlichen Willens. Zum Zweck, das Hindernis zu erzeugen, wurde das organische Leben erschaffen.

P. Aber dann: warum musste dieses Hindernis erschaffen werden?

V. Harmonie mit jenem Gesetz ist Vollendung und wahre, negative Glückseligkeit. Verletzung des Gesetzes bedingt Unreife, Sünde und positive Qual. Verletzung des Gesetzes wird bewirkt durch die Hemmungen, die die Masse, die Verwicklung und Körperlichkeit der Gesetze des organischen Lebens und der organischen Materie bis zu einem gewissen Grad verursachen. Infolgedessen wird Qual, die im anorganischen Leben nicht bestehen kann, im organischen möglich.

P. Aber zu welchem Zweck wird denn die Qual auf solche Weise erst möglich gemacht?

V. Im Vergleich zueinander sind alle Dinge entweder gut oder schlecht. Eine gründliche Analyse muss ergeben, dass Freude in jedem Fall nur den Gegensatz der Qual bedeutet. Positive Freude ist eine leere Vorstellung. Um auf irgendeine Weise glücklich zu sein, müssen wir zuvor auf dieselbe Weise gelitten haben. Niemals leiden ist gleichbedeutend mit niemals glücklich gewesen sein. Ich habe gezeigt, dass im anorganischen Leben Schmerz ein Ding der Unmöglichkeit ist; daher ist er im organischen notwendig. — Die Qualen des beschränkten Daseins auf Erden bilden die Grundlage der Seligkeit des vollendeten Lebens im Himmel.

P. Da ist noch ein Ausdruck, den ich nicht verstehen kann: "die allein fassbare Raumlosigkeit der Ewigkeit."

V. Dies rührt wahrscheinlich daher, weil Sie sich den Ausdruck "Fassbarkeit" nicht im rechten Sinne zu erklären vermögen. Wir müssen uns darunter nicht eine Eigentümlichkeit, sondern eine Empfindung vorstellen, nämlich die bei denkenden Wesen vorhandene Erkenntnis der Anpassung der Materie an das Gesamtgefüge. Es gibt viele Dinge auf Erden, die den Bewohnern der Venus nichts bedeuten würde — viele Dinge, die auf der Venus fassbar und greifbar sind und von den Menschen doch nicht als bestehend wahrgenommen würden. Den anorganischen Wesen aber, den Engeln, ist die ganze unteilbare Materie fassbar; d. h. alles, was wir "Raum" nennen, ist ihnen die eigentliche Substanz; die Sterne, die uns als die Materie im Raum erscheinen, entgehen dem Schauen der Engel geradeso, wie die unteilbare Materie, die der Mensch als Leere betrachtet, den Sinnen der organischen Wesen unfühlbar ist.

* * * *

Als der Wachträumende diese letzten Worte mit schwacher Stimme gesprochen hatte, bemerkte ich in seinen Mienen einen gewissen Zug, der mich in Aufregung versetzte und veranlasste, ihn sofort zu erwecken. Kaum hatte ich dies getan, da erstrahlte sein Gesicht in einem wunderbaren Lächeln; er sank in sein Kissen zurück und verschied. Ich stellte fest, dass in weniger als einer Minute sein Körper so starr war wie Stein. Seine Stirn war kalt wie Eis. Sonst pflegen diese Symptome erst aufzutreten, nachdem Azraels Hand lange auf seinem Opfer gelegen. Hatte vielleicht der Wachträumende während des letzten Teils unseres Zwiegesprächs mit mir aus dem Reich der Schatten gesprochen?