Über den Schwindel als Wissenschaft
Seit Erschaffung der Welt hat es zwei Jeremiasse gegeben. Der eine schrieb eine Jeremiade über den Wucher und hieß Jeremias Bentham. Er wurde von Mr. John Neal lebhaft bewundert und war sicherlich ein großer Mann in kleinen Dingen. Der zweite gab der bedeutendsten Wissenschaft den Namen und war ein großer Mann in großen Dingen, ich darf wohl sagen in den größten Dingen.
Über den abstrakten Begriff Schwindel, d. h. über die Bedeutung des Zeitwortes Schwindeln weiß jedermann Bescheid. Einigermaßen schwierig aber ist es, Schwindel als solchen, als Tat, als Greifbares festzulegen. Wir kommen der Sache leichter auf den Grund, wenn wir nicht vom Begriff Schwindeln selbst ausgehen, sondern vom Menschen als einem Tier, das schwindelt. Wäre Plato auf den Gedanken gekommen, so wäre ihm die Blamage mit dem gerupften Huhn erspart geblieben.
Plato wurde nämlich einmal allen Ernstes gefragt, warum ein gerupftes Huhn, das doch offenbar "ein Zweifüßer ohne Federn" sei, nicht auch nach seinen Darlegungen als Mensch bezeichnet werden könnte. Mir kann keiner mit einer solchen Frage kommen. Der Mensch ist ein Tier, das schwindelt, und außer dem Menschen gibt es kein Tier, das schwindelt. Man braucht schon einen ganzen Korb voll gerupfter Hühner, wenn man dieser These zu Leibe rücken will. Alles, was mit schwindeln zusammenhängt, ist lediglich den Geschöpfen eigen, die Röcke und Hosen tragen. Die Krähe stiehlt, der Fuchs betrügt, das Wiesel überlistet; der Mensch aber schwindelt. Schwindeln ist seine Bestimmung. "Der Mensch ist zum Leid geboren", sagt der Dichter. Nein zum Schwindeln! Schwindeln ist sein Streben, sein Werk, sein Ziel.
Genau betrachtet ist Schwindeln eine Zusammensetzung, bestehend aus Gewissenhaftigkeit, Interesse, Beständigkeit, genialer Veranlagung, Kühnheit, Gelassenheit, Witz, Frechheit und Lächeln.
Gewissenhaftigkeit: Der Schwindler ist gewissenhaft. Seine Schachzüge bewegen sich in kleinem Rahmen. Er betreibt Kleinhandel gegen Barzahlung oder sichere Wechsel auf Sicht. Tritt aber einmal die Versuchung an ihn heran, eine aussichtsvolle Spekulation zu wagen, so verliert er alsbald seine sichere Form und wird das, was wir mit dem Ausdruck "Finanzier" bezeichnen. Der Finanzier entspricht dem Begriff Schwindler in jeder Hinsicht, nur fehlt ihm die Größe. Ein Schwindler kann also gewissermaßen als Bankier in petto betrachtet werden; eine Finanzoperation als Schwindel von Brobdingnag. Das eine verhält sich zum andern wie Homer zu "Flaccus", wie ein Mastodon zu einer Maus, wie der Schweif eines Kometen zum Ringelschwanz eines Schweins.
Interesse: Der Schwindler lässt sich von Eigennutz leiten. Er verachtet, um des Schwindeln willen zu schwindeln. Er hat ein Ziel vor Augen seine Tasche und deine Tasche. Er wartet nur auf günstige Gelegenheit. Er sorgt für Nummer eins. Du bist Nummer zwei und musst für dich selber sorgen.
Beständigkeit: Der Schwindler ist hartnäckig. Er lässt sich durch nichts entmutigen. Eine Sache mag noch so schief gehen, er verliert nie das Gleichgewicht. Rastlos verfolgt er sein ziel und, "ut canis a corio nunquam abserrebitur uncto", so lässt auch er nie seine Beute fahren.
Geniale Veranlagung: Der Schwindler hat Talent. Er besitzt Erfindungsgabe. Er versteht Intrigen auszuarbeiten. Er findet Wege und Umwege. Wäre er nicht Alexander, so wünschte er Diogenes zu sein. Wäre er kein Schwindler, so würde er Patentmäusefallen erfinden oder Forellen angeln.
Kühnheit: Der Schwindler ist kühn. Er ist ein schwerer Junge. Er überzieht Afrika mit Krieg. Er erobert alles im Sturm. Er fürchtet sich nicht vor Dolchen. Wäre Dick Turpin nur ein wenig klüger gewesen, er hätte sicher einen guten Schwindler abgegeben; und bei etwas mehr Zurückhaltung auch Daniel OConell. Karl XII. endlich fehlten zum Schwindeln nur ein paar Pfund Gehirn.
Gelassenheit: Der Schwindler ist kaltblütig. Er regt sich über nichts auf. Nerven sind ihm unbekannt. Er gerät nie in Verwirrung. Er kommt nie aus dem Häuschen, außer, wenn er irgendwo hinausgeworfen wird. Er ist kühl kühl wie eine Gurke. Er ist ruhig ruhig wie ein Lächeln von den Lippen Lady Burys. Er ist zugänglich zugänglich wie ein alter Handschuh oder die Jungfrauen des alten Bajä.
Witz: Der Schwindler hat Witz und weiß es. Er hat eigene Gedanken. Er verachtet es, sich der Gedanken eines andern zu bedienen. Geläufige Tricks sind ihm ein Greuel. Er würde ohne weiteres eine Börse zurückerstatten, wenn er nachträglich zu der Einsicht gelangte, dass er sie auf nicht originelle Weise erschwindelt hätte.
Frechheit: Der Schwindler ist frech. Er tritt großspurig auf. Er stemmt die Arme in die Hüften. Er steckt die Hände in die Hosentaschen. Er grinst dir ins Gesicht. Er tritt dir auf die Hühneraugen. Er isst dir dein Essen, trinkt dir deinen Wein weg, pumpt dich um Geld an, gibt dir Nasenstüber, tritt deinen Hund und küsst deine Frau.
Lächeln: Der echte Schwindler erledigt alles mit einem Lächeln. Außer ihm selber sieht dies Lächeln niemand. Er lacht sich eins in seiner Kammer bei Nacht, wenn sein Werk getan ist; er tut es lediglich zu seiner eigenen Unterhaltung. Er kommt nach Hause. Er schließt seine Tür. Er zieht sich aus. Er löscht die Kerze. Er steigt ins Bett. Er bettet seinen Kopf in die Kissen. Ist all dies geschehen, dann lächelt der Schwindler. Dies ist nicht Vermutung, sondern reine Wahrheit. Ohne dieses Lächeln würde ein Schwindel kein Schwindel sein.
Der Ursprung des Schwindelns lässt sich bis zu den Kindheitstagen der Menschheit zurückverfolgen. Vermutlich war Adam der erste Schwindler. Auf jeden Fall finden wir noch im entferntesten Altertum Spuren dieser Wissenschaft. Die Modernen haben es freilich im Schwindeln zu einer Fertigkeit gebracht, von der sich unsre dickköpfigen Vorfahren nicht hätten träumen lassen. Ich übergehe daher die "gute alte Zeit" und begnüge mich mit einem kurzen Bericht einiger "zeitgenössischer Fälle".
Ein gutes Stückchen ist folgendes: Eine Zimmervermieterin braucht ein Sofa und besucht daher eine Reihe von Möbelausstellungen in den Wahrenhäusern. Schließlich kommt sie zu einer, die eine außerordentlich reiche Auswahl bietet. Ein höflicher Herr von gediegenem Aussehen steht an der Tür, begrüßt sie und bittet sie, einzutreten. Sie findet auch bald ein Sofa, das ihren Wünschen entspricht, erkundigt sich nach dem Kaufpreis und ist angenehm überrascht, als ihr eine Summe genannt wird, die um mindestens zwanzig Prozent niedriger ist als der Betrag, mit dem sie gerechnet hat. Sofort schließt sie den Kauf ab, bezahlt, erhält eine Quittung, hinterlässt ihre Adresse, bittet, dass ihr der gekaufte Gegenstand sobald wie möglich zugesandt werde, und verlässt das Geschäft unter nicht endenwollenden Verbeugungen des Ladenbesitzers. Es wird Abend, und das Sofa kommt nicht. Der nächste Tag geht vorüber, und noch immer zeigt sich kein Sofa. Nun wird das Dienstmädchen nach dem Geschäft geschickt, um nachzufragen. Der Kauf wird dort abgeleugnet. Man hat kein Sofa verkauft kein Geld empfangen; freilich, denn der Schwindler hat es eingesteckt, der für kurze zeit die Rolle des Ladenbesitzers spielte.
In vielen Warenhäusern stehen die Möbelausstellungen ohne Aufsicht und bieten daher günstige Gelegenheit zu einem Trick dieser Art. Besucher treten ein, sehen sich die Möbel an und verlassen das Geschäft, ohne dass sie jemand beachtet. Wünscht jemand einen kauf abzuschließen oder sich nach dem Kaufpreis eines Gegenstandes zu erkundigen, so befindet sich eine Klingel in der Nähe; dies wird als vollkommen genügend erachtet.
Auch der folgende Fall ist ein ganz hübscher Schwindel. Ein gut gekleideter Herr tritt in einen Laden, kauft etwas um einen Dollar, entdeckt zu seinem Ärger, dass er seine Brieftasche in der Tasche eines andern Rocks hat stecken lassen, und sagt zu dem Kaufmann:
"Lieber Herr, das macht ja weiter nicht. Vielleicht sind Sie so liebenswürdig und schicken das Paket nach meiner Wohnung. Aber halt! da fällt mir eben ein, dass ich dort gerade kein Kleingeld habe; nur einen Funfdollarschein. Aber Sie können ja mit dem Paket vier Dollar zum Wechseln schicken, nicht."
"Sehr wohl, mein Herr", entgegnet der Verkäufer, der nun eine hohe Meinung von der rechtlichen Gesinnung seines Kunden hat. "Ich kenne Leute," sagt er sich, "die einfach den gekauften Gegenstand unter den Arm genommen hätten und weggegangen wären mit dem bloßen Versprechen, den Dollar zu bezahlen, wenn sie am Nachmittag wieder am Geschäft vorüberkämen."
Ein Junge wird mit Paket und Wechselgeld ausgeschickt. Unterwegs trifft er ganz zufällig den Käufer, der sogleich ausruft:
"Ah! da kommt ja mein Pakt. Ich dachte, Sie wären damit schon längst in meiner Wohnung. Schön; gehen Sie nur. Meine Frau. Mrs. Trotter wird Ihnen die fünf Dollar aushändigen. Ich habe sie schon zurechtgelegt. Übrigens können Sie mir die vier Dollar gleich hier herausgeben; ich kann gerade etwas Silber auf der Post gebrauchen. Schön: eins zwei ist der Quarter da gut? drei vier stimmt! Sagen Sie Mrs. Trotter, dass Sie mich getroffen haben. Gehen Sie nur rasch und verirren Sie sich nicht."
Der Junge verirrt sich nicht; aber er braucht lange, bis er von seinem Gang zurückkehrt, denn eine Dame, die Mrs. Trotter heißt, war beim besten Willen nicht aufzufinden. Er tröstet sich schließlich mit dem Gedanken, dass er wenigstens nicht so dumm war, die Ware ohne Geld abzugeben, betritt den Laden mit selbstzufriedener Miete und fühlt sich schmerzlich enttäuscht und beleidigt, als ihn sein Herr fragt, was aus dem Wechselgeld geworden wäre.
Ein höchst einfacher Schwindel ist folgender: Dem Kapitän eines Schiffs, das gerade vor der Ausreise steht, wird von einer Person von beamtenhaftem Aussehen eine außerordentlich niedrige Rechnung über städtische Gebühren überreicht. Froh, so leichten Kaufes davonzukommen, und mit hundert andern Dingen beschäftigt, die nun alle auf einmal erledigt sein wollen, bezahlt er sofort bar. Fünfzehn Minuten später kommt aber ein andrer Beamter mit einer weniger gemäßigten Rechnung, und es stellt sich auf einmal heraus, dass der erste Einnehmer ein Schwindler und dass die zuerst vorgelegte Rechnung falsch war.
Die folgende Geschichte ist dieser ähnlich: Ein Dampfer ist eben im Begriff, sich vom Kai zu lösen. Da sieht man einen Reisenden, der mit dem Mantel auf dem Arm in höchster Eile auf den Kai zuläuft. Plötzlich bleibt er stehen, bückt sich und hebt mit Zeichen höchster Aufregung etwas vom Boden auf. Es ist eine Brieftasche. "Hat einer der Herren seine Brieftasche verloren?" ruft er laut. In der ersten Überraschung kann keiner behaupten, dass er eine Brieftasche verloren habe; die Aufregung wächst, wie sich nun ergibt, dass die Brieftasche viel Geld enthält. Trotzdem darf das Schiff nicht angehalten werden.
"Ebbe und Flut warten auf niemand", sagt der Kapitän.
"Um Gottes willen, warten Sie nur noch ein paar Minuten," ruft der Finder der Brieftasche, "der Besitzer muss ja jeden Augenblick auftauchen."
"Kann nicht warten!" entgegnet der Mann, der die Verantwortung trägt. "Machen Sie schnell! hören Sie!"
"Was soll ich nur tun?" ruft der Finder außer sich. "Ich bin im Begriff, das Land auf einige Jahre zu verlassen, und kann darum nicht mit gutem Gewissen die hohe Summe solange behalten. Entschuldigen Sie, mein Herr (damit wendet er sich an einen Herrn am Ufer), Sie machen auf mich den Eindruck eines ehrlichen Mannes. Würden Sie so gut sein, für mich diese Brieftasche zu übernehmen und ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann dem Eigentümer wieder zuzustellen? Es handelt sich, wie Sie sehen, um ein dickes Bündel Banknoten. Der Eigentümer wird Sie ohne Zweifel für Ihre Bemühungen belohnen."
"Mich? "Nein, Sie! Sie waren es doch, der die Brieftasche gefunden hat."
"Nun, wenn Sie es eben nicht anders haben wollen nur um Ihre Bedenken zu beseitigen, will ich eine kleine Belohnung annehmen. Ich will einmal nachsehen wie! nein, das sind lauter Hundertdollarnoten, und hundert Dollar ist mehr, als ich mit gutem Gewissen nehmen kann. Fünfzig genügen vollauf."
"Machen Sie voran!" sagt der Kapitän.
"Aber nun habe ich nicht einmal genügend Wechselgeld für einen der Hunderter bei mir. Es wäre entschieden besser ."
"Vorwärts!" ruft der Kapitän.
"Macht nichts!" ruft der Herr am Ufer, der inzwischen seine eigene Brieftasche untersucht hat. "Macht gar nichts! Ich kann es doch machen. Hier habe ich einen Fünfziger von der Bank von Nordamerika. Geben Sie mir jetzt nur die Brieftasche."
Der übermäßig gewissenhafte Finder nimmt erleichtert den Fünfziger, reicht dem Herrn die Brieftasche, wie gewünscht wurde, und das Schiff dampft davon. Eine halbe Stunde nach der Abfahrt stellt sich heraus, dass das "dicke Bündel" nur aus Scherzbanknoten besteht und die ganze Geschichte ein großer Schwindel war.
Ein grober Schwindel ist dies: Ein Waldfest oder etwas Ähnliches soll an einem Platz abgehalten werden, der nur über eine Brücke zu erreichen ist. Ein Schwindler stellt sich auf die Brücke, unterrichtet alle Vorübergehenden höflichst über die Einführung der neuen Verordnung, dass nunmehr als Sportel für Benutzung der rücke jeder Fußgänger ein Cent, Pferde und Esel aber zwei Cent zu entrichten hätten. Manche schimpfen, aber alle unterwerfen sich, und schließlich entfernt sich der Schwindler, um etliche fünfzig bis sechzig Dollar sauer verdientes Geld reicher. Die Abnahme der Sportel von einer großen menge Menschen ist schon eine ziemlich mühsame Arbeit.
Ein gelungener Schwindel ist folgender: Ein Bekannter des Schwindlers besitzt einen Schuldschein von ihm, eines der üblichen, mit rotem Vordruck versehenen Formulare, das ordnungsgemäß ausgefüllt und unterschrieben ist. Der Schwindler verschafft sich ein oder zwei Dutzend leere Formulare, auch jeden Tag eines davon in seine Suppe, lässt seinen Hund danach springen und gibt es ihm schließlich zu fressen. Um die Zeit, zu der der Wechsel fällig wird, besucht der Schwindler mit seinem Hund den Bekannten. Das Gespräch dreht sich um den Wechsel. Der Bekannte holt den Wechsel aus seinem Schreibtisch und will ihn eben dem Schwindler zureichen, da spring der Hund des Schwindlers in die Höhe und verschlingt den Wechsel im Handumdrehen. Der Schwindler ist ebenso überrascht wie verlegen und erbost über das seltsame Gebahren seines Hundes und erklärt sich schließlich bereit, den Wechsel jederzeit einzulösen, sobald er wieder zum Vorschein käme.
Sehr mäßig ist die folgende Sache: Auf der Straße wird eine Dame von dem Komplizen des Schwindlers belästigt. Der Schwindler eilt ihr zu Hilfe, verabfolgt seinem Freund eine Tracht Prügel und besteht darauf, die Dame nach Hause zu begleiten. Hier angekommen verbeugt er sich mit der Hand auf dem Herzen und sagt der Dame sehr höflich Lebewohl. Sie aber bittet ihren Befreier, einzutreten und sich ihrem großen Bruder und ihrem Vater vorstellen zu lassen. Mit einem Seufzer erklärt der Schwindler seine Einwilligung. "Gibt es denn nicht, mein Herr," flüstert die Dame, "womit ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeugen könnte?"
"O doch, Madame. Wären Sie vielleicht so freundlich mir einige Schillinge zu leihen?"
Im ersten Schreck will die Dame schlankweg in Ohnmacht fallen. Aber dann besinnt sie sich eines Besseren, öffnet ihre Börse und gibt dem Schwindler ihr Bargeld. Es ist, wie gesagt, ein sehr mäßiger Schwindel, denn die Hälfte des Gewinns muss dem Gentleman bezahlt werden, der die Mühe hatte, die Dame zu belästigen und dann stillzuhalten, um sich dafür prügeln zu lassen.
Ein unbedeutender, aber wissenschaftlich interessanter Schwindel ist folgender: Der Schwindler betritt die Bar eines Gasthauses und verlangt ein paar Rollen Tabak. Sie werden ihm ausgehändigt. Er prüft sie oberflächlich und sagt dann: "Der Tabak gefällt mir nicht. Nehmen Sie ihn wieder zurück und geben Sie mir dafür einen Brandy mit Wasser."
Der Brandy mit Wasser wird ihm gereicht; der Schwindler trinkt ihn aus und geht zur Tür. Aber die Stimme des Wirts hält ihn auf:
"ich glaube, Herr, Sie haben vergessen, den Brandy mit Wasser zu bezahlen."
"Brandy mit Wasser bezahlen? Ich habe Ihnen doch den Tabak für den Brandy mit Wasser gegeben. Was wollen Sie denn noch?"
"Aber erlauben Sie, mein Herr, ich kann mich nicht entsinnen, dass Sie den Tabak bezahlt haben."
"Was wollen Sie damit sagen, Sie Gauner? Habe ich Ihnen den Tabak nicht zurückgegeben? Ist das dort nicht Ihr Tabak? Oder meinen Sie vielleicht, ich solle etwas bezahlen, was ich gar nicht genommen habe?"
"Aber, mein Herr ", sagt der Wirt, der nun wirklich nicht weiß, was er sagen soll, "aber "
Kein Aber, mein Herr", ruft der Schwindler in offensichtlichem Zorn und wirft die Tür hinter sich ins Schloss, als er die Bar verlässt. "Kein Aber. Und verschwenden Sie nur an mich keinen Ihrer Tricks, harmlose Reisenden auszubeuten!"
Hier ein sehr schlau angelegter Schwindel, für den nicht zum wenigsten seine Einfachheit spricht: Ein Geldbeutel oder eine Brieftasche ist wirklich verloren worden, und der Verlierer veröffentlich in einer der Tageszeitungen einer großen Stadt eine Anzeige mit genauer Beschreibung.
Der Schwindler schreibt sich die Angaben aus dieser Anzeige ab, ändert aber den Kopf, sowie Stil und Adresse. Angenommen, das Original sei lang, wortreich und überschrieben: "Brieftasche verloren!" und: "bitte, das Gefundene in Tomstr. 1 abzugeben" so ist die Kopie kurz und überschrieben: "Verloren!" und gibt als Adresse des Eigentümers an: "Dickstr. 2" oder "Harrystr. 3". Außerdem wird die Kopie in mindestens fünf oder sechs Tageszeitungen veröffentlicht und erscheint nur wenige Stunden nach dem Original. Liest nun der Mann, der die Brieftasche verloren hat,die Anzeige, so wird er schwerlich darauf verfallen, dass sie in Zusammenhang mit seinem Unglück steht. Die Aussichten stehen nun fünf oder sechs gegen eins, dass der Finder sich bei der vom Schwindler angegebenen Adresse meldet, anstatt bei der des rechtmäßigen Eigentümers. Jener zählt die Belohnung aus, steckt die Brieftasche ein und verduftet.
Sehr ähnlich ist folgender Fall: eine vornehme Dame hat irgendwo auf der Straße einen Diamantring von hohem Wert verloren. Dem Finder ietet sie vierzig bis fünfzig Dollar Belohnung und gibt in der Anzeige eine genaue Beschreibung des Steins und der Fassung. Sie erklärt, dass bei Abgabe des rings in Nummer soundso in der und der Straße die Belohnung ohne weiters ausbezahlt werden würde. Einen oder zwei Tage später, wenn die Dame gerade von Hause abwesend ist, läutet es an der Tür von Nummer soundso in der und der Straße. Ein Dienstmädchen öffnet. Man frägt nach der Dame des Hauses und erfährt, dass sie ausgegangen sei. Der Besucher drückt sein Bedauern hierüber aus. Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, die die Dame des Hauses angeht. Kurz, er hat das Glück gehabt, ihren Diamantring zu finden. Aber er könnte je ebenso gut ein andermal wiederkommen. "Unter keinen Umständen", sagt das Dienstmädchen, und "unter keinen Umständen", sagen die Schwestern und die Schwägerin der Dame, die sofort herbeigeholt wurden. Unter Ausrufen der Begeisterung wird der Ring wiedererkannt, die Belohnung ausbezahlt und der Finder fast zur Tür hinausgeworfen. Die Dame kehrt zurück und ist wenig befriedigt mit Schwester und Schwägerin, weil sie vierzig bis fünfzig Dollar für eine Nachahmung ihres Diamantrings bezahlt haben eine Nachahmung aus echtem Tombak und unverkennbarem Leim.
Es ist kein Ende der Schwindel abzusehen, und mein Essay würde nie zu Rande kommen, wollte ich nur die Hälfte der Variationen und Modulationen andeuten, die in dieser Wissenschaft vorkommen. Gewaltsam muss ich meine Arbeit abschließen, und dies gelingt am besten mit dem beicht eines einfachen, aber sehr geschickt eingefädelten Schwindels, der sich einmal vor nicht allzu langer Zeit in dieser Stadt abspielte und später mit Erfolg in anderen noch einfältigeren Städter der Union wiederholt wurde.
Ein Herr in mittlerem Alter kommt aus unbekannter Gegend in die Stadt. Er ist erstaunlich peinlich, vorsichtig, gelassen und bedacht in seinem Benehmen. Sein Anzug ist peinlich sauber, aber schlicht und unauffällig. Er trägt eine weiße Halsbinde, einen weiten Rock, der offenbar mehr unter dem Gesichtspunkt der Bequemlichkeit zugeschnitten wurde, doppelt besohlte bequeme Stiefel und Hosen ohne Stege. Er hat das Aussehen eines gut situierten, gut gekleideten, pünktlichen und achtenswerten Geschäftsmannes par excellence eines jener strengen, nach außen harten, innerlich aber gutmütigen Menschen, wie wir sie in den Schauspielen aus dem modernen gesellschaftlichen Leben sehen Leute, deren Worte den Wort von Kassenscheinen habe, die dafür bekannt sind, dass sie mit der einen Hand zu wohltätigen Zwecken Goldstücke weggeben, während sie in dingen, die ihr Geschäft angehen, mit der andern Hand den kleinsten Bruchteil eines Pfennigs festhalten.
Er macht große Umstände, bis er ein Boardinghaus gefunden hat, das ihm zusagt. Er liebt Kinder nicht. Er ist an Ruhe gewöhnt. Seine Gewohnheiten sind methodisch. Und dann würde er vorziehen, in eine einsame und achtenswerte Familie mit gottesfürchtiger Veranlagung zu kommen. Mietpreis spielt keine Rolle; nur muss der Herr darauf bestehen, dass er seine Rechnung pünktlich am ersten jedes Monats erhält (man schreibt gerade den zweiten), und bittet seine Wirtin, nachdem er endlich eine nach seinem Geschmack gefunden hat, sie möchte doch ja nicht diesen seinen Wunsch außer acht lassen "senden Sie jedes Mal am ersten des Monats pünktlich um zehn Uhr Rechnung und Quittung und schieben Sie es unter keinen Umständen auf den zweiten auf."
Sind diese Vorbereitungen getroffen, so mietet unser Geschäftsmann in einem mehr bürgerlich gediegenen als feinen Viertel der Stadt ein Bureau. Nichts ist ihm verhasster als Aufsehen. "Wo außen viel zu sehen ist," sagt er, "steckt selten etwas Rechtes dahinter", eine Bemerkung, die die Seele der Wirtin so tief bewegt, dass sie sogleich mit Bleistift auf dem breiten Seitenrand der Sprüche Salomonis in die Familienbibel einträgt.
Der nächste Schritt besteht darin, in den wichtigsten Sechspanny-Geschäftsblättern der Stadt eine entsprechend abgefasste Anzeige zu erlassen die Pennyblätter gelten als unfein, weil sie für alle Anzeigen Vorausbezahlung fordern. Unser Geschäftsmann ist nämlich grundsätzlich der Meinung, dass Arbeit niemals bezahlt werden sollte, ehe sie geleistet wurde.
"Gesucht: Aufgeber der Anzeige stehen im Begriff, geschäftliche Unternehmungen großen Stils in dieser Stadt einzuleiten, und benötigen zu diesem Zweck die Dienste von drei oder vier klugen und sachverständigen Angestellten, denen ein hohes Gehalt ausgesetzt werden soll. Man erwartet beste Zeugnisse, wobei weniger auf geschäftliche Gewandtheit als auf absolute Zuverlässigkeit Wert gelegt werden wird. Die Stellen, die die Angestellten zu bekleiden haben, bedingen eine hohe Verantwortlichkeit; es müssen große Geldbeträge den Weg durch ihre Hände nehmen, weshalb auch für angezeigt erachtet worden ist, von jedem Angestellten die Stellung einer Kaution in der Höhe von fünfzig Dollar zu verlangen. Es wollen sich keine Bewerber einfinden, die nicht bereit sind, diese Summe bei den Aufgebern der Anzeige zu deponieren, und die kein Zeugnis über durchaus zufrieden stellende moralische Befähigung vorzuweisen haben. Junge Herren von gottesfüchtiger Veranlagung erhalten den Vorzug. Bewerber wollen sich vormittags zwischen zehn und elf Uhr und nachmittags zwischen vier und fünf Uhr melden bei den Herren
Bogs, Hogs, Logs, Frogs & Co.
Nr. 110, Mopsstraße."
Am einunddreißigsten des Monats hat diese Anzeige vor dem Bureau der Herren Bogs, Hogs, Logs, Frogs & Co. Etwa fünfzehn bis zwanzig junge Herren mit gottesfürchtiger Veranlagung versammelt. Aber unser Geschäftsmann hat es nicht eilig, den Vertrag mit dem einen oder andern von ihnen abzuschließen kein gutes Geschäftsmann hat jemals Eile , und erst nach eingehender Prüfung der gottesfürchtigen Veranlagung jedes der jungen Herren werden sie angestellt und ihrer fünfzig Dollar von er achtenswerten Firme der Herrn Bogs, Hogs, Logs, Frogs & Co. Lediglich der Vorsicht halber vereinnahmt.
Am Morgen des ersten bringt die Wirtin ihre Rechnung nicht an den Mann, obschon dies doch ausgemacht worden ist. Das Oberhaupt des Geschäftshauses mit den auf "ogs" endenden Namen würde sie ohne Zweifel nicht wenig ausgescholten haben, wäre es ihm nur möglich gewesen, zu diesem Zweck noch einige Tage in der Stadt zu bleiben.
Die Polizisten haben mit dieser Geschichte viel Schererei gehabt; sie mussten bald hierhin, bald dahin laufen und konnten doch weiter nichts tun, als den Geschäftsmann in allen Tonarten als einen Erzgauner hinstellen. Inzwischen haben die jungen Herren alle etwas von ihrer gottesfürchtigen Veranlagung eingebüßt, während die Wirtin um einen Schilling ein Radiergummi von der besten Sorte ersteht und damit sorgsam die Bleistiftnotiz entfernt, die irgendein Narr auf den breiten Seitenrand der Sprüche Salomonis in ihrer großen Familienbibel geschrieben hat.