Verwette nicht dem Teufel deinen Kopf

Eine Geschichte mit einer Moral

"Con tal que las costrumbres de un autor", sagt Don Tomas De Las Torres in der Vorrede zu seinen "Gedichten der Liebe", sean puras y castas, importa muy poco que no sean igualmente severas sus obras" — wenn die persönlichen moralischen Anlagen eines Autors rein sind, so ist damit nicht gegeben, wie die Moral seiner Bücher ist. Wir nehmen an, dass Don Tomas heute wegen dieser seiner Feststellung im Fegfeuer schmachtet. Im Sinne der dichterischen Rechtfertigung wäre es angemessen, ihn da zu lassen, bis seine "Gedichte der Liebe" nicht mehr gedruckt werden oder wegen Mangels an Lesern endgültig zur Makulatur gelegt sind. Jede Dichtung sollte eine Moral haben; ja, die Kritiker haben entdeckt, dass jede Dichtung tatsächlich eine Moral hat. Philipp Melanchthon schrieb vor etlicher Zeit einen Kommentar zur Batrachomyomachia und führte darin den Nachweis, dass der Dichter mit diesem Werk bezweckte, Widerwillen gegen Rebellion zu erzeugen. Pierre La Seine ging noch einen Schritt weiter und legte dar, dass der Sinn dieser Dichtung sei, jungen Männern Mäßigkeiten im Essen und Trinken anzuempfehlen. Ebenso hat Jacobus Hugo sich darin Genüge getan, zu erklären, dass Homer mit Eumäos — John Calvin, mit Antinoos — Martin Luther, mit den Lotophagen — die Protestanten im allgemeinen und mit den Harpyien — die Holländer gemeint habe. Unsre modernen Scholastiker stehen ihnen an Scharfsinn nicht nach. Diese Leute sehen einen verborgenen Sinn in den "Menschen der Vorzeit", eine Parabel im "Powhatan", neue Gesichtspunkte im "Cock Robin" und transzendentale Weltanschauung im "Hop O’My Thumb". Kurz, es ist nachgewiesen worden, dass kein Mensch sich hinsetzen und schreiben kann, ohne eine tiefe Absicht. Den Autoren ist damit viel Schererei erspart. Zum Beispiel braucht sich ein Novellist weiter nicht um seine Moral zu kümmern; sie ist da — das heißt, irgendwo steckt sie —, und im übrigen können die Moral und die Kritiker selber sehen, wie sie zusammen fertig werden. Wenn eine gewisse Zeit verstrichen sein wird, wird alles, was der Herr beabsichtigte und war er nicht beabsichtigte ans Tageslicht kommen — im "Dial" oder im "Down Easter", zugleich auch alles, was er beabsichtigt haben sollte, und das, was er zu beabsichtigen beabsichtigt hatte — so dass schließlich alles offenkundig auf der Hand liegt.

Es liegt demnach kein wahrer Grund in der Anklage, die gewisse Ignoranten gegen mich erhoben haben — nämlich, dass ich niemals eine moralische Erzählung, genauer eine Erzählung mit einer Moral geschrieben hätte. Sie sind nur nicht die Kritiker, die dazu bestimmt sind, mich zu lösen und meine Moral zu entwickeln; — das ist das Geheimnis. Mit der Zeit wird das "North American Quarterly Humdrum" sie ob ihrer Kurzsichtigkeit beschämen. Inzwischen aber lege ich in der Absicht, mein Todesurteil aufzuhalten und die wider mich erhobenen Beschuldigungen zu mildern, die folgende traurige Geschichte vor, eine Geschichte, über deren offenkundige Moral keine Zweifel erhoben werden können, denn der Leser erfährt sie ja schon in den fetten Buchstaben, die die Überschrift der Geschichte bilden. Man schuldet mir Anerkennung für diese Anordnung, denn sie ist weiser als die von La Fontaine und andern, die den Leser bis zuletzt an der Nase herumführen und die Moral erst am allerletzten Ende dieser Fabeln einfließen lassen.

"Defuncti injuria ne afficiantur" war ein Gesetz der zwölf Tafeln, und "de mortuis nil nisi bonum" ist eine ausgezeichnete Vorschrift, selbst wenn der fragliche Tote nichts andres ist als abgestandenes Dünnbier. Es liegt mir keineswegs im Sinne, meinen abgeschiedenen Freund Tobias Demmit zu tadeln. Er war ein armseliger Hund, das ist wahr, und starb auch einen Hundetod; aber man konnte nicht ihm die Schuld an seinen Lastern geben. Vielmehr entstanden sie aus einem körperlichen Fehler seiner Mutter. Sie tat, was sie konnte, indem sie ihm Schläge verabfolgte, solange er noch die Kinderschuhe trug; Pflichten waren ihrem ordnungsliebenden Sinn stets ein Vergnügen, und für kleine Kinder, für Beefsteaks und die heutigen Olivenbäume Griechenlands ist es nun einmal gut, geschlagen zu werden — aber armes Weib! Sie hatte das Unglück, linkshändig zu sein, und ein Kind, das linkshändig geschlagen wurde, wäre besser nie geschlagen worden. Die Erde dreht sich von rechts nach links. Es ist nicht gut, ein Kind von links nach rechts zu schlagen. Wenn schon jeder in der rechten Richtung geführte Streich eine üble Neigung austreibt, so folgt, dass jeder Hieb aus der entgegengesetzten Richtung ein Vielfaches des Schlimmen eintreibt. Ich war oft zugegen, wenn Tobias gezüchtigt wurde, und schon an der Art, wie er strampelte, konnte ich erkennen, dass es jeden Tag schlimmer mit ihm wurde. Schließlich sah ich mit Tränen in den Augen ein, dass bei dem Übeltäter nichts mehr zu erhoffen war, und eines Tages, als er Schläge bekommen hatte, bis er so schwarz im Gesicht wurde, dass man ihn hätte für einen kleinen Afrikaner halten können, und doch nichts andres bei ihm erzielt wurde, als dass er gebührend strampelte, konnte ich es nicht länger mit ansehen, sondern fiel alsbald auf die Knie, erhob meine Stimme und prophezeite seinen Untergang.

Tatsache ist, dass seine Frühreife im Laster unheimliche Fortschritte machte. In einem Alter von fünf Monaten ließ er sich von Leidenschaften hinreißen, die er nicht einmal aussprechen konnte. In seinem sechsten Monat traf ich ihn dabei, wie er einen Pack Spielkarten zernagte. Mit sieben Monaten hatte er die unverbesserliche Gewohnheit, kleine Mädchen zu fangen und abzuküssen. Mit acht Monaten weigerte er sich beharrlich, seine Unterschrift unter ein Temperenzmanifest zu setzen. So steigerte sich seine Schlechtigkeit von Monat zu Monat, bis er am Ende seines ersten Lebensjahres nicht nur darauf bestand, einen Schnurrbart zu tragen, sondern sich auch angewöhnt hatte, zu fluchen und zu schwören und seine Versicherungen mit Wettgeboten zu bekräftigen.

Infolge dieser äußerst unfeinen Angewohnheit ging Tobias Dammit schließlich zugrunde, wie ich richtig vorausgesagt hatte. Sie wuchs mit ihm heran und wurde mit seinem körperlichen Gedeihen immer stärker: schließlich, als er ein Mann war, konnte er kaum einen Satz aussprechen, ohne ihm eine Herausforderung zu einer Wette anzufügen. Nicht als ob er sich in ernsthafte Wetten eingelassen hätte — nein. Ich will meinem Freund die Gerechtigkeit widerfahren lassen, festzustellen, dass er eher Eier gelegt hätte. Seine Ausrufe hatten gar keine Bedeutung. Sie waren lediglich harmlose Füllworte, recht gewöhnliche Phrasen, mit denen er einen Satz abzurunden pflegte. Wenn er sagte: "Ich wette mit Ihnen dies und das", so dachte darum kein Mensch daran, ihn beim Wort zu nehmen; aber trotzdem konnte ich nicht umhin, es für meine Pflicht zu halten, ihm diese Gewohnheit auszutreiben. Es sei eine unmoralische Gewohnheit, sagte ich ihm. Sie sei ordinär, bat ich ihn, mir zu glauben. Sie sei in der guten Gesellschaft verpönt — damit sagte ich nichts andres als die Wahrheit. Sie sei durch einen Beschluss des Kongresses verboten — damit hatte ich nicht die leiseste Absicht, zu lügen. Ich machte ihm Vorstellungen — ohne Erfolg. Ich lieferte Beweise — vergeblich. Ich bat — er lächelte. Ich flehte ihn an — er lachte. Ich predigte — er grinste. Ich drohte — er fluchte. Ich versetzte ihm einen Tritt — er rief nach der Polizei. Ich zog ihn an der Nase — er blies sie auf und sagte, er verwette dem Teufel seinen Kopf, dass ich das nicht zum zweitenmal versuchen würde.

Ein anderes Laster, mit dem ihn das anormale körperliche Gebrechen der Mutter Dammit begabt hatte, war Armut. Dammit war entsetzlich arm; und darin lag wohl auch der Grund, dass seine rhetorischen Wettgebote sich selten auf finanzielles Gebiet erstreckten. Ich glaube, niemals hörte ich ihn die Redewendung gebrauchen: "Ich wette einen Dollar mit Ihnen". Dagegen waren gebräuchlich: "Ich wette mit Ihnen, was Sie wollen" oder: "Ich wette mit Ihnen, was Sie dransetzen wollen" oder: "Ich wette eine Kleinigkeit", schließlich das so bezeichnende: "Ich verwette dem Teufel meinen Kopf".

Diese letztgenannte Wendung schien ihm am besten zu gefallen, vielleicht weil sie die geringste Gefahr bedeutete: Dammit war nämlich äußerst sparsam geworden. Hätte ihn einer beim Wort genommen — sein Kopf war klein, und so wäre der Verlust nicht groß gewesen. Aber diese Erwägung stammt von mir, und ich bin keineswegs sicher, ob ich recht habe, sie ihm zuzuschreiben. Auf jeden Fall stieg die in Frage stehende Redewendung täglich in seiner Gunst, trotzdem es für einen Mann höchst unschicklich ist, sein Gehirn wie Banknoten zu verpfänden; aber die perverse Veranlagung hinderte ja meinen Freund daran, dies zu begreifen. Schließlich gab er alle anderen Wettformeln auf und beschränkte sich auf das "Ich verwette dem Teufel meinen Kopf" mit einer Hartnäckigkeit und Hingabe, die mich ebenso sehr überraschte, wie sie mir missfiel. Dinge, die ich mir nicht erklären kann, missfallen mir nämlich immer. Geheimnisse zwingen einen Menschen, zu denken, und schädigen somit seine Gesundheit. Es lag nämlich etwas in der Art und Weise, wie Dammit diese seine gewohnten lästerlichen Ausrufe anwandte, schon in der Betonung, das mich zuerst interessierte, mir dann aber eine unangenehme Empfindung verursachte — ein Etwas, das ich, da es mir gerade an einem bestimmteren Ausdruck fehlt, als krankhaft bezeichnen muss, das aber Mr. Coleridge mystisch, Kant pantheistisch, Carlyle twistisch und Mr. Emerson hyperquizitistisch genannt haben würde. Ich begann, ihn zu hassen. Mr. Dammits Seele befand sich in einem gefährlichen Stadium. Ich beschloss, meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, sie zu retten. ich gelobte, ihm zu dienen wie St. Patrik in der irischen Legende der Kröte, das heißt, ihn zum Bewusstsein seiner Lage zu erwecken". Sogleich machte ich mich an diese Aufgabe. Wieder versuchte ich es mit Vorstellungen. Wieder sammelte ich meine Kräfte zu einem letzten Versuch, das Übel auszutreiben.

Als ich meine Vorlesung beendet hatte, zeigte Mr. Dammit ein sehr zweideutiges Verhalten. Eine Weile verhielt er sich ruhig und sah mir nur durchbohrend in die Augen. Dann wandte er den Kopf zur Seite und zog die Augenbrauen in die Höhe. Dann streckte er die Hände aus und zuckte mit den Achseln. Dann zwinkerte er mit dem rechten Auge. Dann wiederholte er dies mit dem linken Auge. Dann schloss er beide Augen fest. Dann öffnete er beide so erstaunlich weit, dass ich mich ernstlich vor den Folgen fürchtete. Dann legte er en Daumen an die Nase und geruhte, mit dem Rest seiner Finger eine unbeschreibliche Lage einzunehmen. Schließlich aber stemmte er die Arme in die Seiten und entschloss sich zu einer Erwiderung.

Ich habe jedoch nur die hauptsächlichen Züge von dem, was er sagte, im Gedächtnis behalten. Er wäre mir dankbar, wenn ich meinen Mund halten wollte. Er wünsche meine Ratschläge nicht. Er verachte meine Ermahnungen. Er sei alt genug, um für sich selbst zu sorgen. Ob ich ihn etwa immer noch für das Baby Dammit halte? Ob ich etwas gegen seinen Charakter sagen wollte? Ob ich ihn vielleicht beleidigen wollte? Ob ich ein Narr sei? Ob meine Mutter auch wüsste, dass ich von Hause fortgelaufen wäre? Er fragte mich das als ein Mann, der die Wahrheit liebe, und wolle sich verpflichten, sich bei einer entsprechenden Aussage meinerseits zu beruhigen. Noch einmal stellte er die Frage, ob meine Mutter auch wirklich wüsste, dass ich nicht zu Hause sei. Meine Verwirrung — meine er — verrate mich schon zur Genüge; er verwette dem Teufel seinen Kopf, dass meine Mutter nichts davon wüsste.

Mr. Dammit wartete meine Entgegnung nicht ab. Er wandte sich in seiner Spur und verließ meine Gegenwart mit unerhörter Beschleunigung. Es war das Beste, was er tun konnte. Mein Stolz war verwundet worden. Ja, meine Wut war entfacht. Auf der Stelle würde ich ihn beim Wort genommen haben. Und ich hätte für den Erzfeind Mr. Dammits kleinen Kopf genommen, denn die Wahrheit ist: Meine Mama wusste wohl, dass ich für einige Zeit außer Haus gegangen war.

Aber Khôda shefa midêhed — der Himmel schafft Erlösung — wie der Muselmann sagt, wenn ihm jemand auf die Hühneraugen tritt. Es geschah in Ausübung meiner Pflicht, dass ich beleidigt worden war, und ich trug die Beleidigung wie ein Mann. Es schien mir jetzt, als hätte ich alles getan, was sich für den elenden Burschen tun konnte, und ich beschloss, ihm mit meinen Ratschlagen nicht länger lästig zu fallen, sondern ihn seinem Gewissen und sich selbst zu überlassen. Aber wenn ich ihm schon meine Ratschläge versagte, konnte ich es doch nicht über mich bringen, seine Gesellschaft aufzugeben. Ich ging sogar so weit, dass ich Vergnügen an einigen seiner weniger verabscheuungswürdigen Angewohnheiten fand; es kam vor, dass ich seine schlimmen Scherze mit Tränen in den Augen lobte wie die Epikuräer den Senf; so tief betrübte es mich, seine übeln Reden zu hören.

Eines schönen Tages spazierten wir Arm in Arm umher und gelangten an den Fluss. Da war eine Brücke, und wir beschlossen, sie zu überschreiten. Sie war gegen die Unbill der Witterung mit einem Schutzdach versehen; der Gang hatte nur wenige Fenster und war daher unheimlich düster. Gleich als wir eintraten, wirkte der Unterschied zwischen dem lachenden Sonnenschein draußen und dem in dem Gang herrschenden Düster bedrückend auf mein Gemüt. Nicht so auf das des unglücklichen Dammit, der dem Teufel seinen Kopf verwettete, dass ich melancholisch wäre. Er schien ungewöhnlich guter Laune zu sein. Er war äußerst liebenswürdig; so sehr, dass ich weiß nicht was für ängstlichen Verdacht schöpfte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er von transzendentalen Kräften angetrieben wurde. Freilich bin ich nicht genügend unterrichtet, um mich mit Sicherheit über dieses Übel äußern zu können, und leider war keiner meiner Freunde von "Dial" zugegen. Doch erwähnte ich den Gedanken trotzdem, weil offenbar eine gewisse Art Merry-Andrewismus meinen armen Freund zu reiten schien und bewirkte, dass er sich wie ein Narr benahm. Er zappelte und sprang umher, rief bald laut, lispelte dann wieder, gebrauchte allerlei seltsame leise und laute Worte und bewahrte dabei die ganze Zeit über die ernsthafteste Miene von der Welt. Ich wusste wirklich nicht, ob ich ihn verprügeln oder bemitleiden sollte. Inzwischen näherten wir uns dem Ende des Brückenganges und sahen uns mit einmal einem Hindernis gegenüber, das uns den Weg versperrte; es war ein Drehkreuz von ziemlicher Höhe. Gelassen bahnte ich mir durch dieses meinen Weg, indem ich es wie üblich mit mir vorwärts drehte. Aber die Drehung des Kreuzes entsprach nicht der Drehung Mr. Dammits. Er bestand darauf, das Drehkreuz zu überspringen, und erklärte, er könnte in der Luft einen Taubenschwung reinsten Stils darüber machen. Dies aber glaubte ich ihm nicht. Der beste stilistische Taubenschwinger war mein Freund, Mr. Earlyle, und ich wusste, dass er es nicht fertig gebracht haben würde; darum wollte ich auch nicht glauben, dass Tobias Dammit es tun könnte. Ich setzte ihm also in aller Breite auseinander, dass er ein Prahlhans sei und mehr behaupte als er ausführen könnte. Später hatte ich Grund, dies zu bereuen, denn er verwettete sofort dem Teufel seinen Kopf, dass er den Sprung machen könnte.

Trotz meiner früheren Entschlüsse war ich eben im Begriff, zu antworten und meine Abscheu vor seiner Gottlosigkeit zu bekunden, da vernahm ich dicht bei meinem Ellbogen ein leises Husten, das ganz ähnlich wie der Ausruf "Ahem!" klang. Ich erschrak und blickte überrascht umher. Und schließlich fiel mein Blick auf einen Winkel im Fachwerk der Brücke und die Gestalt eines kleinen alten Herrn von würdevollem Aussehen. Seine Erscheinung machte einen sehr respektablen Eindruck; er trug einen schwarzen Anzug, und zudem war sein Hemd tadellos rein, und sein Kragen legte sich sauber über eine weiße Halsbinde. Sein Haar war in der Mitte gescheitelt wie das Haar eines Mädchens. Die Hände hielt er nachdenklich über der Magengrube gefaltet, seine Augen blickten zu seinem Scheitel empor.

Als ich ihn näher betrachtete, bemerkte ich, dass er über seinem Anzug eine Schürze von schwarzer Seide trug, und wunderte mich darüber. Aber ehe ich Zeit fand, über diesen seltsamen Umstand eine Bemerkung zu machen, unterbrach er mich mit einem zweiten "Ahem!".

Auf diese Anrede fand ich die Antwort nicht sofort. Bemerkungen von derart lakonischer Art sind nämlich überhaupt nicht leicht zu beantworten. Ich habe schon erlebt, dass eine Vierteljahresschrift durch den einfachen Zuruf "Humbug" in Verlegenheit geriet. Ich schäme mich daher nicht, zu gestehen, dass ich mich an Mr. Dammit um Hilfe wandte.

"Dammit," sagte ich, "was treiben Sie denn? Hören Sie nicht? Der Herr sagt Ahem."

Ich blickte meinen Freund scharf an, während ich mit ihm sprach, um die Wahrheit zu gestehen: ich fühlte mich einigermaßen in Verlegenheit, und wenn ein Mann sich einigermaßen in Verlegenheit fühlt, so muss er die Augenbrauen zusammenziehen und wild dreinblicken, sonst kann er sich darauf verlassen, dass er wie ein Schaf aussieht.

"Dammit," bemerkte ich — obschon dies wie ein Fluch klang, was doch ganz und gar nicht in meiner Absicht lag — "Dammit," sagte ich, "der Herr sagt Ahem."

Ich will nicht behaupten, dass diese meine Bemerkung sich durch besondere Tiefe auszeichnete; ich glaube selbst nicht, dass sie tief war. Oft aber habe ich schon die Feststellung machen müssen, dass der Erfolg unserer Reden nicht im Verhältnis steht zu der Wichtigkeit, die sie in unsern Augen haben. Wenn ich Mr. Dammit eine Paixham-Bombe durch den Leib gejagt oder ihm die "Dichter und Dichtkunst in Amerika" auf den Schädel geschlagen hätte, er wäre wohl kaum in größere Verwirrung geraten als durch die bedeutungslosen Worte, die ich ihm zurief: "Dammit, was treiben Sie? Hören Sie nicht? — Der Herr sagt Ahem."

"Nein, wirklich?" stieß er endlich heraus, nachdem er die Farbe öfter gewechselt hatte als ein Pirat, der von einem Kriegsschiff verfolgt wird. "Sind Sie sicher, dass er das sagte? Nun auf jeden Fall nehme ich die Herausforderung an und werde ebenso unverschämt entgegnen. Aufgepaßt! Ahem!"

Dem alten Herrn schien dies zu gefallen — Gott weiß, warum. Er verließ den Winkel im Brückengang, wo er gestanden hatte, hinkte graziös heran, schüttelte Dammit freundschaftlich die Hand und sah ihn dabei mit einem Ausdruck solcher Güte an, wie man sie bei einem Manne nur selten voraussetzen darf.

"Ich bin sicher, dass Sie gewinnen werden, Dammit", sagte er mit dem herzlichsten Lächeln von der Welt. "Freilich sind wir, wie Sie selber eingestehen werden, verpflichtet, den Beweis zu liefern. Lediglich der Form halber."

"Ahem!" erwiderte mein Freund, legte mit einem tiefen Seufzer den Rock ab und band sich ein Taschentuch um den Leib. In seinem Wesen trat eine überraschende Veränderung ein, wie er die Augen verdrehte und die Mundwinkel senkte. — "Ahem!" und "Ahem!" sagte er nach einer Weile wieder; kein andres Wort hörte ich ihn weiter sagen als "Ahem!"

"Aha!" dachte ich, ohne indes meine Gedanken laut werden zu lassen, "dies ist ein sehr bemerkenswertes Schweigen von seiten Tobias Dammits; ohne Zweifel ist es die Folge seiner Wortvergeudung bei einer früheren Gelegenheit. Ein Extrem folgt aus dem andern. Ich möchte nur wissen, ob er die vielen nicht zu beantwortenden Fragen schon vergessen hat, mit denen er mich so freigebig an jenem Tag überschüttet hat, an dem ich ihm meine letzte Vorlesung hielt. Auf jeden Fall ist er von dem transzendentalen Übel geheilt."

"Ahem!" entgegnete Tobias, als hätte er in meinen Gedanken gelesen. Er sah dabei aus wie ein altes Schaft, das träumt.

Der alte Herr nahm ihn jetzt beim Arm und führte ihn etwas tiefer in die Schatten des Brückengangs zurück; sie standen wenige Schritte vom Drehkreuz entfernt. "Mein lieber Junge," sagte er, "verlassen Sie sich darauf: ich werde Ihnen diesen prachtvollen Sprung ermöglichen. Warten Sie hier. Ich werde mich bei dem Drehkreuz aufstellen, damit ich dafür sorgen kann, dass Sie in guter Form und transzendental darüber wegkommen. Lassen Sie beim Taubenschwung ja keinen der Schnörkel weg. Es ist ja reine Formsache, natürlich. Ich werde zählen: eins — zwei — drei — los! Achten Sie darauf, dass Sie bei dem Wort ‚los!’ starten."

Damit nahm der Herr seine Aufstellung beim Drehkreuz, verharrte eine Weile wie in tiefe Gedanken versunken, blickte dann empor und lächelte heimlich, wie mir schien. Dann band er sich die Schürze fester, warf einen langen Blick auf Dammit und zählte schließlich wie verabredet:

"Eins — zwei — drei — los!"

Genau bei dem Kommando "los!" setzte sich mein armer Freund in Galopp. "Welches Recht," fragte ich mich, "hat der alte Gentleman, einen andern Gentleman springen zu lassen? Dieser kleine alte Knirps! Wer ist er überhaupt? Würde er von mir verlangen, dass ich springe, so würde ich es nicht tun, das ist klar; es ist mir gleichgültig, und wenn er der Teufel wäre."

Die Brücke war, wie ich schon sagte, ein überwölbter und gar seltsam überdeckter Gang; es war die ganze Zeit über ein unheimliches Echo darin — aber niemals fiel mir das Echo so auf wie in dem Augenblick, da ich die letzten vier Worte meines Gedankengangs aussprach.

Aber was ich sagte und hörte, beschäftigte mich nur für die Dauer eines Augenblicks. In weniger als fünf Sekunden nach dem Start war mein armer Tobias abgesprungen. Ich sah ihn noch behend anlaufen und mit einem Satz vom Boden der Brücke emporschnellen; er schlug mit den Beinen die verrücktesten Schnörkel, als er in die Höhe flog. Hoch in der Luft bemerke ich ihn in einem erstaunlichen Taubenschwung über dem Drehkreuz; doch seltsam schien mir, dass er nicht darüber wegflog. Der Sprung war Sache eines Augenblicks; ehe ich Gelegenheit fand, eingehendere Reflexionen anzustellen, fiel Mr. Dammit auf derselben Seite des Drehkreuzes, wo er abgesprungen war, auf den Rücken. Im nämlichen Augenblick aber sah ich den alten Herrn in höchster Geschwindigkeit davonlaufen, nachdem er zuvor in seiner Schürze etwas aufgefangen und eingewickelt hatte, das aus dem Dunkel des Brückengewölbes über dem Drehkreuz schwer hineingefallen war. Über all dies war ich sehr erstaunt, aber wiederum hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken, dann Mr. Dammit lag seltsam still. Ich schloss daraus, dass seine Gefühle verletzt waren und er meine Hilfe nötig hatte. Ich eilte zu ihm hin und stellte fest, dass er etwas davongetragen hatte, was man als ernstliche Verletzung bezeichnen könnte. Er hatte nämlich seinen Kopf verloren, und trotz emsigen Nachsuchens konnte ich ihn nirgends auffinden; ich fasste daher den Entschluss, meinem Freund nach Hause zu bringen und nach dem Homöopathen zu schicken. Unterdessen kam mir der Gedanke; ich öffnete eines der Brückenfenster in der Nähe und durchschaute die traurige Wahrheit. Etwa fünf Fuß hoch über dem Drehkreuz lief quer durch das Dachgewölbe mit der Breiseite nach oben eine flache Eisenstange, die als Stütze diente und zu einer ganzen Reihe gleicher Stangen gehörte, die den Zweck hatten, den Brückenbau in seiner ganzen Länge zu festigen. Mit der Kante dieser Strebe schien der Hals meines Freundes in unsanfte Berührung gekommen zu sein.

Er überlebte den peinlichen Verlust nicht lange. Die Homöopathen konnten ihm nicht wenig genug Medizin geben, und das wenige, was sie ihm gaben, wollte er nicht einmal schlucken. Schließlich verschlimmerte sich sein Zustand, und er starb zur Lehre aller derer, die da im Übermut leben. Ich betaute sein Grab mit meinen Zähren, malte eine düstere Eisenstange auf das Wappenschild seiner Familie und übersandte den Transzendentalisten eine äußerst gemäßigte Rechnung über die Bestattungskosten. Die Elenden weigerten sich aber, zu bezahlen, und so blieb mir nichts andres übrig, als Mr. Dammit wieder auszugraben und als Hundefleisch zu verkaufen.